Archiv für den Monat August 2015

Eindrücke aus Warschau und Treblinka

Nachdem ich im vergangenen Jahr mit dem DGB-Bildungswerk NRW e.V. Erinnerungsorte des Ersten Weltkrieges in Belgien und Nordfrankreich besucht hatte, fuhr ich in diesem Jahr – erneut mit dem gewerkschaftlichen Bildungswerk – in die entgegengesetzte Himmelsrichtung, verbunden mit einem anderen, ungleich schwierigeren Zeitabschnitt unserer Geschichte. Das Studienseminar führte uns vom 23. bis 28.08.2015 nach Polen zu „Stätten des Naziterrors in Warschau“ und in Treblinka, die Themen waren „Verfolgung, Widerstand, Neubeginn“ und reichten bis in die Gegenwart. Für mich war es zugleich auch der erste Besuch in unserem östlichen Nachbarland.

Blick von der Aussichtsplattform des Kulurpalastes im 30. Stockwerk auf Warschau

Blick auf Warschau von der Aussichtsplattform im 30. Stockwerk des Kulturpalastes

Warschau im Jahre 2015 ist die boomende Hauptstadt Polens mit den üblichen großstädtischen Glaspalästen im Zentrum. Meine Eindrücke waren wie erwartet sehr kontrastreich und – natürlich – durch eigenes Vorwissen aus Büchern und Filmen geprägt. In Warschau erinnert auf den ersten Blick wenig an die Geschichte des Zweiten Weltkrieges. Die Innenstadt wurde nach den beiden Aufständen, dem Aufstand im jüdischen Ghetto 1943 und dem nationalpolnischen Warschauer Aufstand 1944, von den Nazis weitgehend dem Erdboden gleichgemacht. Im heutigen Stadtbild gibt es wenige Überreste, allerdings rekonstruierte historische Gebäude in der Altstadt, Museen, Denkmäler und Gedenksteine.

Symbolischer Friedhof in der Gedenkstätte Treblinka

Symbolischer Friedhof in der Gedenkstätte Treblinka

Zum Programm gehörte auch eine Fahrt in das ehemalige Vernichtungslager Treblinka, welches von den Nazis, nachdem es seine Aufgabe erfüllt hatte, komplett zerstört wurde. Übrig blieben die Massengräber der weit über 800 000 ermordeten Juden. Seit 1963 erinnert hier eine Gedenkstätte an die Ereignisse, seit 2010 besteht ein Museum mit einer Ausstellung, die den historischen Ort erklärt.

Kooperationspartner des Bildungswerks war Hartmut Ziesing, der nach langjährigen Erfahrungen in der Gedenkstättenarbeit in Polen und Deutschland Studienreisen organisiert. Auch seine polnischen Sprachkenntnisse waren uns während der Führung durch den Leiter der Gedenkstätte in Treblinka und in Gesprächen mit einer Zeitzeugin sehr hilfreich. Er wies uns zu Beginn des Seminars auch auf die Bedeutung des 23. August hin, an dem in Polen an den 1939 geschlossenen Molotow-Ribbentrop-Pakt erinnert wird. Dieser in Deutschland sachlich als deutsch-sowjetischer Nichtangriffspakt oder auch politisch konnotiert als Hitler-Stalin-Pakt bezeichnete Vertrag kennzeichnete in seinem geheimen Zusatzprotokoll die Interessensphären beider Länder in Osteuropa und teilte – auch Polen – unter beiden Mächten auf.

Darstellung im Museum des Warschauer Aufstandes, das die Aufteilung Vorkriegspolens durch Nazi-Deutschland und die Sowjetunion im Jahre 1939 zeigt

Darstellung im Museum des Warschauer Aufstandes, das die Aufteilung Vorkriegspolens durch Nazi-Deutschland und die Sowjetunion im Jahre 1939 zeigt

Diese Teilung Polens während des zweiten Weltkrieges durch Nazi-Deutschland und die Sowjetunion begegnete uns in den besuchten Museen immer wieder. Sie besitzt für die polnische Geschichtsdarstellung der Zeit erkennbar einen hohen Stellenwert und bietet Anschlussfähigkeit zu nationalkonservativen und antikommunistischen Sichtweisen. Letztere begegnete uns auch immer wieder indem die Zeit zwischen 1945 und 1989 mit „im Kommunismus“ bezeichnet wurde.

Auch ein Relikt aus der Zeit des "Kommunismus" in Polen: Der Kulturpalast

Auch ein Relikt aus der Zeit des „Kommunismus“ in Polen: Der Kulturpalast im Zentrum Warschaus im Zuckerbäckerstil

Das jüdische Warschau und der Ghettoaufstand

Soweit ich mich erinnern kann hatte ich zum ersten Mal 1981 im Alter von 16 Jahren durch die Fernsehserie „Ein Stück Himmel“ nach den Erinnerungen von Janina David vom Warschauer Ghetto während der Besetzung Polens durch Nazi-Deutschland im Zweiten Weltkrieg erfahren. Heute handelt es sich bei dem Gebiet des ehemaligen Ghettos um eine normale Wohngegend, die sich nicht groß von Wohngegenden in anderen ehemals sozialistischen Staaten unterscheidet.

Markierung des ehemaligen Verlaufs der Ghetto-Mauer im Straßenpflaster

Markierung des ehemaligen Verlaufs der Ghetto-Mauer im Straßenpflaster

Das Ghetto, zuerst als „Sperrbezirk“ bezeichnet, umfasste das frühere jüdische Warschau. Es wurde durch eine Mauer umschlossen, Juden aus anderen Orten wurden hierhin deportiert und auf engstem Raum zusammengepfercht. Das Warschauer Ghetto wurde im Laufe der Zeit verkleinert und geteilt. Eine Holzbrücke verband den größeren nördlichen und den kleineren südlichen Teil. Heute gibt es einige wenige erhaltene bauliche Reste sowie gestaltete Erinnerungsorte. Zu ihnen gehören zum Beispiel die Markierung des Standortes der Ghetto-Mauer im Pflaster einiger Straßen sowie eine Erläuterung am ehemaligen Standort der Holzbrücke.

Ehemaliger Standort der Holzbrücke, die die beiden Teile des Warschauer Ghettos miteinander verband

Ehemaliger Standort der Holzbrücke, die die beiden Teile des Warschauer Ghettos miteinander verband

Wer nicht schon im Ghetto dem Hunger oder der Epidemien zum Opfer fiel, wurde in den Gaskammern des Vernichtungslagers Treblinka ermordet oder starb beim Ghetto-Aufstand 1943. An ihn erinnert ein großes Denkmal der Helden des Ghettos gegenüber des im Oktober 2014 neu eröffneten Museum der Geschichte der polnischen Juden. Das Denkmal für die Ghetto-Helden wurde unmittelbar nach dem Krieg inmitten des Ruinenfeldes errichtet. Es zeigt auf der Vorderseite die Ghetto-Kämpfer und auf der Rückseite das Leid und Elend im Ghetto. Dies ist auch der berühmte Ort des Kniefalls von Willy Brandt, der in einem eigenen, kleinen Denkmal festgehalten wird.

Denkmal des Aufstands im Warschauer Ghetto

Denkmal des Aufstands im Warschauer Ghetto

Weiter nördlich befindet sich ein Grabstein für die Ghetto-Kämpfer sowie ein Denkmal am ehemaligen „Umschlagplatz“. Schon die Bezeichnung des Platzes weist auf die Unmenschlichkeit der Nazis hin, die von hier aus Menschen in die Vernichtungslager deportierten.

Multimediale Darstellung im Museum der Geschichte der polnischen Juden

Multimediale Darstellung im Museum der Geschichte der polnischen Juden

Das „Polin“, das Museum der Geschichte der polnischen Juden (Polin – Muzeum Historii Zydow Polskich) zeigt in modernster multimedialer Darstellung die tausendjährige Geschichte der polnischen Juden. Ähnlich wie das Jüdische Museum in Berlin konzentriert es sich nicht allein auf die Vernichtung durch die Nazis, sondern zeigt die ganze Breite der tausendjährigen jüdischen Geschichte in Polen. Wer will, kann auch einen ironischen Bezug zum sogenannten „tausendjährigen Reich“ der Nazis herstellen, welches zum Glück nur 12 Jahre andauerte.
Die Geschichte der Juden in Polen wird dabei immer auch im Zusammenhang mit der übrigen polnischen Geschichte dargestellt, die über die Zeit der polnisch-litauischen Union, den drei polnischen Teilungen durch Preußen, Österreich und Russland und dem Wiedererstehen eines polnischen Staates nach dem Ersten Weltkrieg bis in die Gegenwart reicht.

Treblinka

Auch mit Treblinka verbinde ich eine mediale Erinnerung, dieses Mal aus dem Jahre 1985. Der Film „Sie sind frei, Doktor Korczak“, eine israelisch-deutsche Produktion aus dem Jahre 1974 mit Leo Genn in der Hauptrolle, beginnt mit der Suche durch eines der überlebenden Waisenkinder. Nach einer Wanderung entlang eines Schienenstranges erreicht er ein leeres Feld und fragt einen Bauer nach dem „deutschen Konzentrationslager Treblinka“. Der Bauer zeigt ins Gelände, und antwortet, dass es hier gewesen sei. Auch auf die Frage, wo all die Menschen hin sind, zeigt der Bauer wieder ins Gelände.

Erläuterungstafel der Gedenkstätte Treblinka

Erläuterungstafel der Gedenkstätte Treblinka

Die Fahrt nach Treblinka führte uns weit aus Warschau hinaus in eine sehr ländliche Gegend Polens. Unsere Besuchergruppe gehört zu den wenigen deutschen Besuchern dieses Ortes, der stark von israelischen bzw. jüdische Gruppen aus aller Welt besucht wird. Wir kamen in den Genuss einer persönlichen Führung durch den Leiter der Gedenkstätte, Herrn Edwart Kopowka, der uns den Ort zunächst anhand des Lagermodells im Museum und anschließend die Gedenkstätte selbst kenntnisreich und ausführlich erläuterte.

Seit 2010 besteht „Das Museum für Kampf und Märtyrertum in Treblinka“ (Muzeum Walki i Meczenstwa w Treblince) als Filiale des Regionalmuseums in Siedlce und erklärt in einer Ausstellung den Ort. In vier Teilen zeigt die Ausstellung den Kriegsbeginn 1939, die deutsche Besatzung und das Zwangsarbeitslager (Treblinka I), eine Ausstellung jüdischer Grabsteine, die von einem nahegelegenen Friedhof geholt als Straßenuntergrund verwendet worden waren sowie das Vernichtungslager (Treblinka II). Die in der Ausstellung gezeigten Fotos sind die einzigen, die von dem Vernichtungslager existieren.

Lagermodell im Museum der Gedenkstätte Treblinka

Lagermodell im Museum der Gedenkstätte Treblinka

Das Vernichtungslager Treblinka wurde in der Nähe eines gleichnamigen Zwangsarbeitslagers errichtet. Anders als andere Konzentrationslager diente es ausschließlich der Vernichtung. Alle deportierten Juden wurden innerhalb weniger Stunden in den Gaskammern ermordet und anschließend in Massengräbern verscharrt. Das Lager wurde im Frühling 1942 im Rahmen der „Aktion Reinhardt“ errichtet und mit einer kleinen Lagermannschaft aus Deutschen, Österreichern und Ukrainern bemannt. Bis November 1943 wurden hier mehr als 800 000 Menschen aus Polen, Österreich, Belgien, Bulgarien, der Tschechoslowakei, Frankreich, Griechenland, Jugoslawien, Deutschland und der Sowjetunion ermordet. Vor der Auflösung des Lagers wurden die Leichen der Ermordeten wieder ausgegraben und verbrannt. Das Lager wurde komplett zerstört und zur Tarnung ein Bauernhof errichtet.

Gedenkstätte Treblinka mit der symbolischen Eisenbahnrampe

Gedenkstätte Treblinka mit der symbolischen Eisenbahnrampe

Auf dem Gebiet des ehemaligen Lagers wurde 1959 bis 1963 eine Gedenkstätte nach den Entwürfen der drei Kunstprofessoren Adam Haupt, Franciszek Duszenko und Franciszek Strynkiewicz errichtet, die das Lager symbolisieren. Zur Gedenkstätte gehören unter anderem ein symbolisches Lagertor, eine symbolische Eisenbahnrampe und ein symbolischer Ort der Leichenverbrennung. Gedenksteine erinnern an die (teilweise ehemaligen) Länder, aus denen die Ermordeten stammten. Mit „Mazedonien“ ist nach dem Zerfall Jugoslawiens ein weiterer Stein neu hinzugekommen.

17 000 Grabsteine über den Massengräbern symbolisieren die Anzahl der Menschen, die an einem Tag ermordet wurden

17 000 Grabsteine über den Massengräbern symbolisieren die Anzahl der Menschen, die an einem Tag ermordet wurden

Über den damals bekannten Massengräbern wurde ein Denkmal mit 17 000 unterschiedlich großen Grabsteinen geschaffen. Die Zahl erinnert an die Zahl der pro Tag ermordeten. Einige Grabsteine sind beschriftet und erinnern an jüdische Ghettos. Das von den Nazis zur Tarnung errichtet Bauernhaus ist im Wald vorhanden, durch die Gedenkstätte aber nicht erschlossen.

Der einzige personenbezogene Grabstein auf dem Gebiet des symbolischen Friedhofs in Treblinka für Janusz Korczak (Henryk Goldszmit) und die Kinder

Der einzige personenbezogene Grabstein auf dem Gebiet des symbolischen Friedhofs in Treblinka für Janusz Korczak (Henryk Goldszmit) und die Kinder

Sehr berührt hat mich der einzige personenbezogene Grabstein für Janusz Korczak und die Kinder. Der Arzt, Pädagoge und Schriftsteller Janusz Korczak wurde zusammen mit seinen Waisenkindern aus dem Warschauer Ghetto nach Treblinka deportiert und hier Anfang August 1942 ermordet.

Symbolischer Ort der Leichenverbrennung

Symbolischer Ort der Leichenverbrennung

Auf mich wirkte der Ort ruhig und still, mit dem Wissen um seine Geschichte totenstill und unheimlich.

Warschauer Aufstand

Zeigt das „Polin“, das Museum der Geschichte der polnischen Juden die tausendjährige Geschichte der polnischen Juden, so konzentriert sich das Museum des Warschauer Aufstands (Muzeum Powstania Warszawskiego) auf die 63 Tage des Warschauer Aufstands 1944 sowie der Vor- und Nachgeschichte des Ereignisses. Eine Karte (weiter oben im Beitrag abgebildet) weist wieder auf die für Polen so bedeutsame Aufteilung durch Nazi-Deutschland und die Sowjetunion hin. Die Karte zeigt das Polen in den Grenzen von 1939 dreigeteilt: in das von Nazi-Deutschland annektierte Gebiet im Westen, das deutsch beherrschte „Generalgouvernement“ und das von der Sowjetunion annektierte Gebiet im Osten. Auch diese Museumsausstellung ist multimedial gestaltet. Eine große Attraktion ist ein Nachbau einer B-24J neben zahlreichen Fotos, Filmen, Uniformen und anderen Ausstellungsstücken.

Ausstellung der Uniformen im Museum des Warschauer Aufstandes

Ausstellung der Uniformen im Museum des Warschauer Aufstandes

An der Führung durch die Ausstellung in englischer Sprache schloss sich ein Gespräch mit einer Zeitzeugin an. Frau Hana Stadnik, 1929 als Hana Sikorska geboren und mit 15 Jahren als Sanitäterin am Warschauer Aufstand beteiligt, erzählte von ihren Erlebnissen und beantwortete zahlreiche unserer Fragen. So entstand ein Bild der Zeit, dass mit dem Kriegsbeginn 1939 und dem Bombardement Warschaus durch die deutsche Luftwaffe begann. Sie erzählte vom Untergrundstaat, dem illegal organisierten Schulbesuch und der Ausbildung zur Sanitäterin, bis hin zur Niederlegung der Waffen am Ende des aussichtslosen Aufstandes 1944. Nach dem Krieg wurden die am Aufstand Beteiligten diskriminiert, Frau Stadnik musste ihr begonnenes Studium aufgeben, weil sie am Warschauer Aufstand beteiligt gewesen ist. Sie klang dennoch nicht verbittert, sondern berichtete, wie viele Kinder, und Enkel- und Urenkelkinder sie habe, einige leben in Schweden und in den USA. Für die Teilnahme am Aufstand und den Folgen ist sie übrigens nie entschädigt worden.

Denkmal an den Warschauer Aufstand 1944

Denkmal an den Warschauer Aufstand 1944

Der Warschauer Aufstand und die von einigen Teilnehmern als einseitig national-konservativ kritisierte Darstellung im Museum wurde bis in die Abschlussrunde hinein kontrovers diskutiert. An dieser Stelle möchte ich beispielhaft auf die „Gedenkstätte Deutscher Widerstand“ in Berlin hinweisen, die inzwischen die Breite des deutschen Widerstandes gegen die Nazis darstellt, nachdem sie sich jahrzehntelang ausschließlich auf den national-konservativen Widerstand des 20. Juli konzentriert hatte. Lassen wir der polnischen Zivilgesellschaft doch die Zeit, eine ausgewogene Position zu finden.

Das Erbe der Geschichte

In der im Gebäude des Finanzministeriums beheimateten Stiftung für deutsch-polnische Aussöhnung (Fundacja Polsko-Niemieckie Pojednanie) informierte uns der Leiter der Bildungsabteilung, Herr Deka, über die Entstehung der Stiftung in den 1990er Jahren im Rahmen der Entschädigung der Zwangsarbeiter durch deutsche Firmen, die sich vor Sammelklagen Überlebender in den USA und ihren Investitionen dort fürchteten. Zu den vorrangigen Aufgaben der Stiftung gehörte damals die Ermittlung der Daten Betroffener solange sie noch lebten. Er erläuterte den – wie ich finde – interessanten Unterschied zwischen Entschädigung und Leistung und den mit der Annahme der „Leistung“ verbundenen Verzicht auf weitere Forderungen. Man kann daraus zu Recht schließen, dass es den deutschen Firmen mehr um die eigene Rechtssicherheit als um eine Verpflichtung aus der Vergangenheit ging. Aus dem damals ermittelten Datenbestand der ehemaligen Zwangsarbeiter ist heute die über das Internet zugänglichen Datenbank entstanden.

Nach dem Zeitzeugengespräch signierte Ariel Yahalomi noch Exemplare seiner Erinnerungen, die er unter dem Titel "Ich habe überlebt" in polnisch und englisch veröffentlicht hat

Nach dem Zeitzeugengespräch signierte Ariel Yahalomi noch Exemplare seiner Erinnerungen, die er unter dem Titel „Ich habe überlebt“ in polnisch und englisch veröffentlicht hat

Anschließend fand im gleichen Gebäude ein Gespräch mit Herrn Ariel Yahalomi statt, der im polnischen Teil Oberschlesiens unter dem Namen Artur Dimant geboren wurde und zahlreiche Lager der Nazis überlebte. Er wanderte nach dem Krieg nach Israel aus, änderte seinen Namen und führte ein ganz neues Leben, bis ihn die Geschichte wieder einholte. Heute lebt er aus gesundheitlichen Gründen, aber auch weil er als Zeitzeuge gebraucht wird und sich gebraucht fühlt, in den Sommermonaten in Polen und in den Wintermonaten in Israel. Mit seiner Frau Krystyna Keren verbindet ihn die Geschichte, sie wurde im Warschauer Ghetto geboren und überlebte in einer polnischen Familie.

Gedanken zum Schluß

Wer heute als Deutscher nach Polen fährt, muss sich selbstverständlich keine persönliche oder kollektive Schuld anrechnen lassen. Selbst die Denkmäler und Zeitzeugen zeigen sich oft sehr rücksichtsvoll mit unserer Vergangenheit und schreiben oder sprechen von Nazis oder Besatzern und nur sehr selten von Deutschen. Diese Vergangenheit liegt inzwischen mehr als 70 Jahre zurück und wird in Polen erkennbar von der Zeit danach, die man dort „den Kommunismus“ nennt, überlagert. Für mich war es der erste Besuch in Polen und ich hatte im Umfeld des Seminars viele Gelegenheiten, Polen und Warschau heute kennen zu lernen. Ich schließe mit einem Fundstück, den ein unbekannter Besucher auf der Aussichtsetage des Kulturpalastes, auch einem Erbe der „Kommunisten“, hinterlassen hat. Dieser Kulturpalast feiert in diesem Jahr seinen 60. Geburtstag und trägt eigentlich den Namen Kultur- und Wissenschaftspalast (Palac Kultury i Nauki). Das „Geschenk Stalins an Polen“ ist auch heute noch ein Wahrzeichen der Stadt.

Fundstück in der Aussichtsetage im 30. Stockwerk des Kulturpalastes

Fundstück in der Aussichtsetage im 30. Stockwerk des Kulturpalastes

Bündnis gegen Krieg und Faschismus ruft zum Antikriegstag auf

Ausschnitt aus dem Flugblatt-Entwurf

Ausschnitt aus dem Flugblatt-Entwurf

Liebe Gelsenkirchenerinnen und Gelsenkirchener!

Seit 1957 demonstrieren die Friedensbewegung und viele Gewerkschafter am 1. September und erinnern an den Tag, an dem die faschistische Wehrmacht mit dem Überfall auf Polen den 2. Weltkrieg entfesselte. Er kostete über 50 Millionen Menschen das Leben und führte zu millionenfacher Flucht und Vertreibung. Mehr als 20.000 Menschen aus unserer Stadt bezahlten Verfolgung und Krieg mit ihrem Leben. Manche konnten nur ihr nacktes Leben durch Flucht ins Ausland retten. Die Überlebenden zogen damals die Schlussfolgerung: Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg.

70 Jahre danach sind militärische Aufrüstung und weltweite bewaffnete Einsätze der Bundeswehr fester Bestandteil der Politik unserer Regierung. Fast 3000 Soldatinnen und Soldaten sind in derzeit 12 Missionen rund um den Globus unterwegs. Hinzu kommen Rüstungsexporte und die Überlassung von militärischem Material an „befreundete Länder“, die Entwicklung von Drohnen und die Unterstützung der militärischen Einsätze der NATO-Partner von Stützpunkten auf deutschem Territorium.

Die Erfahrungen mit Kriegen aktuell und in jüngster Vergangenheit zeigen: Sie führen in der Ukraine, in Syrien, im Irak, in Afghanistan zu Zerstörung, Leid und Tod und bewirken das Gegenteil dessen, was Regierungen und Militärs vor jedem Krieg versprachen. Die Kriegsgefahr in Europa und in der Welt steigt sogar.

Die Flüchtlingskrise ist weltweit ein dramatisches Problem der Menschheit. Etwa jeder fünfte Mensch auf der Erde lebt, um überleben zu können, in Migration. Wesentliche Ursachen sind Kriege, faschistisch agierende Terrorbanden, Verfolgung und Diskriminierung. Die meisten Flüchtlinge suchen und finden Aufnahme in ihren unmittelbaren Nachbarländern, die die Hauptlast tragen. Nur die wenigsten Flüchtlinge erreichen Europa und Deutschland. Das Mittelmeer ist zum Massengrab für Flüchtlinge geworden, während sich die Nationalstaaten der EU über Quoten streiten. Diese Flüchtlingspolitik ist eine einzige Anklage an die Regierenden.

Aus der Erfahrung der Nazizeit sichert das Grundgesetz politisch Verfolgten Asyl zu. Flüchtlinge haben in unserem reichen Land eine freundliche Aufnahme und unseren Schutz verdient. Die Hilfsbereitschaft der meisten Bürgerinnen und Bürger ist groß und sie setzen sich zur Wehr gegen die fremdenfeindlichen Angriffe einer kleinen Minderheit. Dies fordern wir auch vom Staat.

Sofortige Beendigung der Kriege insbesondere im Nahen Osten und in Afrika. Wir sind solidarisch mit dem Widerstand der Bevölkerung und den Friedensbewegungen.

Keine Auslandseinsätze der Bundeswehr!
Sofortiger Stopp deutscher Waffenexporte!
Keine Drohnen für die Bundeswehr!
Bundeswehr raus aus den Schulen und Berufsberatungen!

Wir sind für die menschenwürdige Behandlung von Flüchtlingen!

Wir sind gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Faschismus und fordern
das Verbot der NPD und aller faschistischen Organisationen

Das Bündnis gegen Krieg und Faschismus als Teil der weltweiten Friedensbewegung lädt Sie herzlich ein, am Antikriegstag, den 1. September 2015, gemeinsam mit uns zu diskutieren und zu demonstrieren:

17.30 Uhr Information und Kundgebung auf dem Preuteplatz

18.30 Uhr Demonstration durch die Gelsenkirchener Innenstadt mit kurzen Zwischenkundgebungen an Stolpersteinen in der Von-der-Recke-Straße 10 (Familie Krämer), Am Rundhöfchen/Ecke Heinrich-König-Platz (Erich Lange) und Ebertstraße 1/Ecke Robert-Koch-Straße (Familie Back)

19.00 Uhr Abschlusskundgebung am Hans-Sachs-Haus, Ebertstraße

Gedenkveranstaltung auf dem Fritz-Rahkob-Platz

Gedenkveranstaltung für Fritz Rahkob und seiner Frau Emma am 64. Jahrestag 2008

Gedenkveranstaltung für Fritz Rahkob und seiner Frau Emma am 64. Jahrestag 2008

Am 24. August 2015 wird ab 18 Uhr auf dem Fritz-Rahkob-Platz in Gelsenkirchen im Rahmen einer kleinen Gedenkveranstaltung an den mutigen Kämpfer gegen Krieg und Faschismus erinnert. Veranstalter ist wie in den Jahren zuvor die VVN-BdA Gelsenkirchen.

Friederich Rahkob wurde am 25. Juli 1885 in der damals noch nicht zu Gelsenkirchen gehörenden Gemeinde Rotthausen geboren. „Fritz“, wie er genannt wurde, erkannte früh, dass in der aufstrebenden Montanindustrie des Ruhrgebiets höhere Löhne als in der Landwirtschaft gezahlt wurden. Als Bergmann wurde er 1905 in einer Arbeiterbewegung aktiv, die damals noch nicht in Sozialdemokraten und Kommunisten gespalten war. Nach einer zweijährigen Militärzeit im 1. Weltkrieg, die wegen einer Verwundung 1916 endete, kehrte er in seinen alten Beruf zurück und wurde während der Revolution 1918 Mitglied des Arbeiter- und Soldatenrates in Rotthausen und 1920 Mitglied der KPD, der Kommunistischen Partei Deutschlands.

Seit der Eingemeindung Rotthausens 1924 nahm Fritz Rahkob an den Arbeiterkämpfen in Gelsenkirchen teil, wurde Mitglied im Einheitsverband der Bergarbeiter in der RGO, der KPD-nahen Gewerkschaft. Nach einem schweren Arbeitsunfall musste er die Arbeit im Bergbau aufgeben. Die kommunistische Tageszeitung „Ruhr-Echo“ beschäftigte ihn erst als Kassierer, später im Versand.

Mit Beginn der Machtübernahme der Nazis im Jahre 1933 verbrachte der bekannte Kommunist Fritz Rahkob die Jahre von 1933 bis 1938 in sogenannter „Schutzhaft“. Seine Ehefrau Emma Rahkob beteiligte sich während der Haft ihres Mannes aktiv am Widerstand. Dafür wurde sie am 20. November 1934 zu zwei Jahren und sechs Monaten Zuchthaus verurteilt. Nach seiner Entlassung arbeitete Fritz Rahkob auf der Baustelle eines Düsseldorfer Unternehmens und lernte den Widerstandskämpfer Franz Zielasko kennen.

Zielasko, Bergmann aus Gladbeck, Kämpfer in den Gladbecker Verbänden der „Roten Ruhrarmee“ 1920 gegen Kapp-Putsch und Freikorps, Mitglied erst der USPD (1918), dann der SPD (1922) und schließlich der KPD (1926/27), emigrierte 1932 in die Sowjetunion. Er kämpfte 1937 bis 1939 im Spanischen Bürgerkrieg gegen die Franco-Putschisten, wurde im März 1943 von der Sowjetunion mit dem Fallschirm über Polen abgesetzt und nahm im Ruhrgebiet Kontakt mit Gleichgesinnten auf. In der festen Überzeugung, man müsse den Krieg und den Faschismus aktiv bekämpfen, schloss sich Rahkob der Widerstandsgruppe um Franz Zielasko an, der in Gladbeck, Oberhausen, Essen, Gelsenkirchen und weiteren Städten Kontakte knüpfte. Die Gruppe wurde verraten, im August 1943 verhaftete die Gestapo 45 Antifaschisten, darunter auch Fritz Rahkob.

Zielasko wurde schon bei den Verhören brutal zu Tode gefoltert. Fritz Rahkob und andere Kameraden wurden wegen „Vorbereitung zum Hochverrat u.a.“ vom sogenannten „Volksgerichtshof“ zum Tode verurteilt. Am 24. August 1944 erfolgte Rahkobs Hinrichtung durch Enthauptung mit der zynischen Begründung, die Angeklagten seien es nicht wert, mit einer Kugel erschossen zu werden. Am Tag der Hinrichtung von Fritz Rahkob wurde auch seine Frau Emma verhaftet und erfuhr im Gestapo-Gefängnis von der Hinrichtung ihres Mannes. Kurz vor der Deportation in ein Konzentrationslager wurde sie von alliierten Truppen aus dem Münchener Polizeigefängnis befreit.

Rahkobs Kopf und seinen Leib bewahrten die Nazis in Spiritus auf. Nach der Einäscherung am 1. Juli 1947 in Reutingen wurde die Urne von alliierte Soldaten nach Gelsenkirchen überführt, wo sie am 14. September 1947 feierlich auf dem Rotthauser Friedhof beigesetzt wurde. Das „Westfälische Volks-Echo“ berichtete darüber am 16. September 1947 unter der Überschrift „Fritz Rahkob ruht in Heimaterde.“

Die Stadt Gelsenkirchen tat sich – wie übrigens die gesamte alte Bundesrepublik Deutschland – lange Zeit äußerst schwer mit der Erinnerung an kommunistische Widerstandskämpfer gegen Nazi-Deutschland. Erst 1987, über 30 Jahre nach dem Ende der Nazi-Herrschaft, und jetzt auch schon fast wieder 30 Jahre her, benannte der Rat der Stadt Gelsenkirchen drei Plätze in der Gelsenkirchener Innenstadt nach je einem örtlichen sozialdemokratischen, katholischen und kommunistischen Nazi-Gegner: Margarethe-Zingler-Platz, Heinrich-König-Platz und Fritz-Rahkob-Platz waren das Ergebnis. Eine Gedenktafel wurde auf jedem Platz feierlich enthüllt.

Seit dem 1. August 2011 erinnert ein Stolperstein in der Liebfrauenstraße 38, seinem letzten Wohnort im Stadtteil Schalke, an Fritz Rahkob.

Die Kreisvereinigung Gelsenkirchen der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten erinnert wie schon in den Jahren zuvor an seinem Todestag, dem 24. August, ab 18 Uhr auf dem nach ihm benannten Platz an den mutigen Kämpfer gegen Krieg und Faschismus.

Frauen ermordeter Gelsenkirchener Widerstandskämpfer 1948 (v.l.n.r.) Auguste Frost, Anna Bukowski, Emma Rahkob, Änne Littek, Luise Eichenauer (Foto: Privatbesitz)

Frauen ermordeter Gelsenkirchener Widerstandskämpfer 1948 (v.l.n.r.) Auguste Frost, Anna Bukowski, Emma Rahkob, Änne Littek, Luise Eichenauer (Foto: Privatbesitz)

„Pro Deutschland“ contra „Pro NRW“?

Demonstration gegen ProNRW am 10. Mai 2014 (Foto: Piratenpartei Gelsenkirchen)

Demonstration gegen ProNRW am 10. Mai 2014 (Foto: Piratenpartei Gelsenkirchen)

Für Außenstehende eher belustigend wirkt die aktuelle Umorientierung im Lager der selbsternannten „Bürgerbewegung“. Bei „Pro NRW“, hervorgegangen aus „Pro Köln“, zeigen sich Absetzbewegungen in Richtung „pro Deutschland“. Auch bei „Pro Gelsenkirchen“.

So berichtet die WAZ Gelsenkirchen in ihrer Ausgabe vom 14.08.2015 über eine beantragte Umbenennung der Pro-NRW-Ratsfraktion in Pro-Deutschland-Ratsfraktion. Sieht man im Internet auf der Homepage – sie werden es wohl „Heimatseite“ nennen – von Pro Deutschland nach, so freut man sich dort über die Austritte aus der „Regionalpartei“ und die damit verbundenen Übertritte zur „Bürgerbewegung pro Deutschland“. Aufgezählt werden Übertritte aus zahlreichen Städten und Kreisen, darunter auch aus Gelsenkirchen. Wie weiter zu lesen ist, plant „pro Deutschland“ die Gründung eines Landesverbandes NRW und die Gewinnung weiterer Patrioten. Worin der inhaltliche Unterschied zwischen „Pro NRW“ und einem Landesverband NRW von „pro Deutschland“ besteht, erschließt sich wohl nur eingeweihten – Patrioten.

Für den Kreis- und Ratsfraktionsvorsitzenden Kevin Hauer dürfte der fliegende Wechsel mithin kein Problem darstellen. Hat er doch 2007 die „Die Republikaner“ unter Mitnahme seines Rats-Mandates verlassen und den Gelsenkirchener Pro-NRW-Ableger gegründet. Bei den Wählerstimmen hat sich dadurch nicht viel verändert. Erzielten „Die Republikaner“ 2004 4,0 % der Stimmen, so kam der Pro-Ableger 2009 auf 4,3 % und 2014 wieder auf 4,0 % der Stimmen, was in allen Fällen 3 Sitze im Rat der Stadt ergab. Seine Erfahrungen stellt Hauer sicherlich auch weiteren Interessenten zur Verfügung. So hat – wir nennen es jetzt einfach mal temporär „Pro Gelsenkirchen“ – gleich die verbliebenen Ratsmitglieder der AfD eingeladen, „Teil einer starken patriotischen Opposition zu werden“. Vielleicht macht man ja ein gemeinsames Gruppenfoto mit Hauer und einem gerahmten Hitlerbild in der Mitte oder so?

Für Demonstranten gegen rechte Politik dürfte sich dagegen nichts ändern, egal mit welchem Parteinamen rechte Politiker daher kommen.

Demonstration gegen ProNRW am 10. Mai 2014 (Foto: Piratenpartei Gelsenkirchen)

Demonstration gegen ProNRW am 10. Mai 2014 (Foto: Piratenpartei Gelsenkirchen)

… wo sie gewohnt, gelebt, geglaubt, getanzt, geträumt, gelacht und geweint haben …

Gunter Demnig am 14.08.2015 in Gelsenkirchen

Gunter Demnig am 14.08.2015 in Gelsenkirchen

Das größte dezentrale Denkmal der Welt des Kölner Aktionskünstlers und Bildhauers Gunter Demnig wächst. Weit über 50 000 Stolpersteine hat er in Deutschland und 18 weiteren europäischen Länder in den letzten Jahren zur Erinnerung an die von Nazis verfolgten und ermordeten Menschen verlegt, 20 sind heute in Gelsenkirchen dazugekommen. Jeder einzelne Stolperstein erinnert an ein Leben am letzten frei gewählten Wohn- oder Wirkungsort, „wo sie gewohnt, gelebt, geglaubt, getanzt, geträumt, gelacht und geweint haben“.

Eine ganze Seite widmete die lokale WAZ heute dem Thema. Ausführlich wurde über die Menschen berichtet, für die am heutigen Tag ein Stolperstein verlegt wurde. Allerdings konzentrierte sich die WAZ auf die verfolgten und ermordeten Juden, selbst den Namen des wegen seiner sexuellen Orientierung verfolgten Ernst Papies sparte Karoline Poll aus und wies nur am Rande auf Straße und Uhrzeit hin. Doch das größte dezentrale Denkmal der Welt ist ein Denkmal, das keine Verfolgtengruppe der Nazis ausspart, sondern gleichermaßen an Juden, politisch Verfolgte, Sinti und Roma, Zeugen Jehovas, Behinderte und auch an Homosexuelle erinnert.

Eine ganze Seite widmete die WAZ Gelsenkirchen dem Thema

Eine ganze Seite widmete die WAZ Gelsenkirchen dem Thema

Die Kunstaktion begann heute um 10 Uhr auf der Cranger Straße 398 in Gelsenkirchen-Erle mit der Verlegung eines Stolpersteins für Ernst Papies, den die Nazis wegen seiner sexuellen Orientierung verfolgten und ins KZ sperrten. Er überlebte, aber nur um im Nachkriegsdeutschland erneut aus demselben Grund und mit dem gleichen Nazi-Paragrafen 175 verfolgt zu werden. Entschädigt wurde er nie.

Danach setzte der Künstler die Verlegung in Alt-Gelsenkirchen fort. Es folgten Stolpersteine für die Familie Jeckel im Pflaster der Hauptstraße 63, unweit des Consiliums. Sie waren von der sogenannten „Polenaktion“ betroffen gewesen, einer Ausweisungsaktion gegen polnische Juden, die einen lange vergessenen ersten Höhepunkt der Verfolgung kurz vor der Reichspogromnacht bildet. Über die sogenannte „Polenaktion“ berichtete ich bereits früher in diesem Blog am Beispiel der Familie Krämer Nach Polen abgemeldet.

Stolpersteine für die Familie Jeckel im Pflaster der Hauptstraße 63

Stolpersteine für die Familie Jeckel im Pflaster der Hauptstraße 63

Weiter ging es durch die Gelsenkirchener Innenstadt zur Ringstraße 67, in die Nähe des früheren Marienhospitals an der Kirchstraße. Hier wurden unter lautem Straßenlärm Stolpersteine für die Mitglieder der Familie Alexander verlegt. Natürlich erweckten die Verlegungen Neugier, bei vorbeilaufenden Passanten, aber auch bei Bewohnern des jeweiligen Hauses. Auch die an der Ampel wartenden Autofahrer schauten, neugierig, aber auch fragend zu uns.

Gut besucht war die Verlegung des Stolpersteins für den Rabbiner Dr. Siegfried Galliner am Platz der Alten Synagoge/Georgstraße 2

Gut besucht war die Verlegung des Stolpersteins für den Rabbiner Dr. Siegfried Galliner am Platz der Alten Synagoge/Georgstraße 2 – rechts oben im Bild die ebenfalls angebrachte Erinnerungsortetafel

Die Verlegungen wurden von Heike Jordan begleitet, die jeweils über das Leben und die Verfolgung berichtete. Das Kaddish wurde jeweils von einem freien Kantor gesungen. Gut besucht war die Verlegung des Stolpersteins für den Rabbiner Dr. Siegfried Galliner um 11 Uhr an der Georgstraße 2 an der Synagoge bzw. am Platz der Alten Synagoge. Die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Frau Judith Neuwald-Tasbach, war erwartungsgemäß nicht unter den Anwesenden; ihre Kritik an den Stolpersteinen dürfte bekannt sein. Kurz zuvor war eine städtische Erinnerungsortetafel für Dr. Siegfried Galliner an der Synagoge angebracht worden. Damit koexistieren an dieser Stelle beide Erinnerungsformen – sicherlich keine schlechte Lösung in dieser Frage.

Am früheren WEKA-Kaufhaus wurden die von Vertretern und Kreisverband der Die Linke gestifteten Stolpersteine für die Familie von Werner Goldschmidt in das Pflaster vor der Augustastraße 4 eingelassen. Hier zeigte sich die Routine Gunter Demnigs, der gut zu tun hatte, die vorhandenen Pflastersteine zu lösen, um die Stolpersteine einzulassen. Auf das „widerständige Pflaster“ ging Andreas Jordan in seinen Ausführungen ein, als er auf den Widerstandskämpfer Werner Goldschmidt zu sprechen kam. Hubertus Zdebel (Die Linke MdB) wies darauf hin, dass das Linke-Parteibüro nach Werner Goldschmidt benannt ist (Werner-Goldschmidt-Salon) und Die Linke mit dieser Stolperstein-Patenschaft allen Opfern und Widerstandskämpfern der Nazi-Diktatur gedenken will.

Viel Arbeit hatte Gunter Demnig hier mit dem Lösen des widerständigen Pflasters vor der Augustastraße 4 für die Stolpersteine der Familie Goldschmidt

Viel Arbeit hatte Gunter Demnig hier mit dem Lösen des widerständigen Pflasters vor der Augustastraße 4 für die Stolpersteine der Familie Goldschmidt

Werner Goldschmidt hatte sich bereits in den 1930er Jahren von seiner Religion losgesagt und 1933 einer linken Widerstandsgruppe gegen die Nazis angeschlossen. Er wurde verhaftet und zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt, überlebte das Ghetto Riga und das Konzentrationslager Buchenwald und kehrte zunächst in das zerstörte Gelsenkirchen zurück. Hier heiratete er eine überlebende Jüdin und emigrierte in die USA.

Stolpersteine für die Familie Goldschmidt in der Augustastraße 4

Stolpersteine für die Familie Goldschmidt in der Augustastraße 4

Es folgten Stolpersteine für die Familie Broch im Pflaster der Von-der-Recke-Straße 11. Der Möbelhändler Broch war von der sogenannten „Arisierung“ betroffen, das Möbelhaus an der Bahnhofstraße übernahm der Möbelhändler Albert Heiland, der damit seine Konkurrenz ausschaltete. Die Patenschaft für die Stolpersteine, die an das Ehepaar Hugo und Theresa Broch erinnern, hat eine Enkelin Heilands, Margarete Reißig übernommen.

Die Verlegung für die Familie Höchster in der Feldmarkstraße 119 habe ich, wie auch die Verlegung für Ernst Papies in der Cranger Straße 398, nicht selbst begleitet und kann daher darüber nicht berichten. Mehr und ausführlich wie immer auf http://www.stolpersteine-gelsenkirchen.de/.

Supplement

Die WAZ trennt Gelsenkirchen haarscharf entlang des Kanals. In der Lokalausgabe von Gelsenkirchen-Buer erschien ein Artikel von Wolfgang Laufs über die Verlegung des Stolpersteins zur Erinnerung an den wegen seiner sexuellen Orientierung verfolgten Ernst Papies. Im Stadtspiegel Gelsenkirchen gab es einen reich bebilderten Beitrag von Sven Kaiser zur Stolpersteinverlegung mit 71 Fotos!!! Auch die Ratsfraktion der Gelsenkirchener Linkspartei ließ die Stolpersteinverlegung Revue passieren, insbesondere – aber nicht ausschließlich – in Bezug auf die von ihnen gestifteten Stolpersteine für die Familie Goldschmidt.
In der Jungle World war bereits am 6. August 2015 ein Artikel erschienen, der den Beitrag der Stolpersteine für die lokale Erinnerungsarbeit hervorhob, allerdings – wie so oft – den Fehler machte, von „Shoah“ zu sprechen, und damit zu verdrängen, dass die Stolpersteine ein Denkmal für alle Verfolgten und Widerstandskämpfer sind. Davon abgesehen handelt es sich um einen sehr ausgewogenen Beitrag zur Diskussion, in dessen Zusammenhang ich auf einen früheren Beitrag von mir hinweisen möchte.
Und die Süddeutsche Zeitung bringt einen bemerkenswert persönlichen Beitrag von Sergey Lagodinsky, einem russisch-jüdischen Einwanderer, der in Berlin über Stolpersteine „stolpert“ und sich auf die Suche nach den Lebensgeschichten macht. In diesem Zusammenhang fiel mir auf, dass derselbe Autor schon den Artikel in der Jungle World geschrieben hatte.

Gelsenkirchener VVN-BdA ruft zum Antikriegstag auf

Antikriegstag 2011 Nie wieder Faschismus Nie wieder KriegGegen Krieg, Flucht und Vertreibung!
Für die menschenwürdige Behandlung von Flüchtlingen!

Liebe Gelsenkirchenerinnen und Gelsenkirchener!

Seit 1957 erinnern Gewerkschafter und Friedensgruppen am 1. September an den Tag, an dem die faschistische Wehrmacht mit dem Überfall auf Polen den 2. Weltkrieg entfesselte. Er kostete über 50 Millionen Menschen durch Krieg und rassistischem Mord das Leben und führte zu millionenfacher Flucht und Vertreibung. Mehr als 20.000 Menschen aus unserer Stadt bezahlten Verfolgung und Krieg mit ihrem Leben, manche konnten ihr nacktes Leben im Ausland retten. Die Überlebenden zogen damals die Schlussfolgerung: Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg!

70 Jahre danach sind militärische Aufrüstung und weltweite bewaffnete Einsätze der Bundeswehr wieder ein normales Mittel der Politik unserer Regierung. Fast 3000 Soldatinnen und Soldaten sind in derzeit 12 Missionen rund um den Globus unterwegs. Hinzu kommen Rüstungsexporte und Überlassung von militärischem Material an „befreundete Länder“, die Entwicklung von Drohnen und die Unterstützung der militärischen Einsätze der NATO-Partner von Stützpunkten aus unserem Land.

An der Politik des NATO-Bündnispartners Türkei kann man sehr gut erkennen, wie innenpolitische Auseinandersetzungen zwischen der AKP Erdogans und der prokurdischen HDP den Anlass für militärische Auslandseinsätze gegen kurdische Organisationen geben. Von militärischen Konflikten ist Deutschland als NATO-Mitglied und durch die Stationierung von Bundeswehrtruppen direkt betroffen.

Auch in der Ukraine-Krise wird die Bundeswehr in Stellung gebracht:
– die Marine übernahm das Kommando über einen Flottenverband in der Ostsee,
– die Luftwaffe verstärkt ihre Beteiligung an den Überwachungsflügen im Baltikum,
– die Bundeswehr übernimmt die Führung beim Aufbau einer ultraschnellen NATO-Eingreiftruppe.

Die Kriegsgefahr in Europa und der Welt steigt.

Die Militarisierung macht selbst vor Schulen und Berufsberatungen nicht halt. Die Werbung Minderjähriger für den Soldatenberuf als Karriereoption scheint inzwischen normal zu sein, obwohl die UN-Kinderrechtskonvention die Rekrutierung von Kindersoldaten ächtet.

Doch trotz medialen Dauerfeuers ist eine Mehrheit in Deutschland noch immer gegen den weltweiten Einsatz der Bundeswehr.

Die Erfahrungen mit Kriegen aktuell und in jüngster Vergangenheit zeigen: Sie führen in der Ukraine, in Syrien, im Irak, in Afghanistan zu Zerstörung, Leid und Tod und bewirken das Gegenteil von dem, was Regierungen und Militärs vor jedem Krieg versprachen.

Aufgrund von Kriegen, Verfolgung oder Diskriminierung sind derzeit schätzungsweise 50 Millionen Menschen auf der Flucht. So viele wie in den sechs Jahren des 2. Weltkrieges ihr Leben verloren. Die meisten suchen und finden Aufnahme in ihren unmittelbaren Nachbarländern, die die Hauptlast tragen. Nur die wenigsten Flüchtlinge erreichen Europa und Deutschland. Die medial dargestellte „Flüchtlingsflut“ ist im weltweiten Maßstab nur ein klitzekleines Rinnsal flüchtiger Menschen. Das Mittelmeer ist zum Massengrab für Flüchtlinge geworden, während sich die Nationalstaaten der EU nicht über Flüchtlingsquoten einigen können.

Aus der Erfahrung der Nazizeit sichert das Grundgesetz politisch verfolgten Asyl zu. Flüchtlinge haben in unserem reichen Land eine freundliche Aufnahme und unseren Schutz verdient. Die Hilfsbereitschaft der meisten Bürgerinnen und Bürger ist groß. Gegen die Minderheit, die fremdenfeindliche Angriffe auf Flüchtlingswohnheime unternimmt, müssen sich Staat und Zivilgesellschaft zur Wehr setzen.

Wir sind gegen Kriege und die Militarisierung der Außenpolitik und fordern
– keine Auslandseinsätze der Bundeswehr
– Umwandlung der Rüstungsindustrie in friedliche Produktionsstätten (Rüstungskonversion)
– keine Drohnen für die Bundeswehr
– Bundeswehr raus aus den Schulen und Berufsberatungen

Wir sind für die menschenwürdige Behandlung von Flüchtlingen und fordern
– schnellstmögliche dezentrale Unterbringung in Wohnungen
– Schulbildung und Ausbildung für junge Flüchtlinge
– Erlaubnis zu arbeiten
– zügiges Asylverfahren

Wir sind gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus und fordern
– das Verbot der NPD und aller faschistischen Organisationen

Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) Kreisvereinigung Gelsenkirchen ruft zur Teilnahme an der gemeinsamen Veranstaltung im Bündnis gegen Krieg und Faschismus auf.
Als Teil der weltweiten Friedensbewegung laden wir Sie herzlich ein, am Antikriegstag, den
1. September 2015, gemeinsam mit uns zu diskutieren und zu demonstrieren:

17.30 Uhr Information und Kundgebung auf dem Preuteplatz

18.30 Uhr Demonstration durch die Gelsenkirchener Innenstadt mit kurzen Zwischenkundgebungen an Stolpersteinen in der Von-der-Recke-Straße 10 (Familie Krämer), Am Rundhöfchen/Ecke Heinrich-König-Platz (Erich Lange) und Ebertstraße 1/Ecke Robert-Koch-Straße (Familie Back)

19.00 Uhr Abschlusskundgebung am Hans-Sachs-Haus, Ebertstraße

Der Aufruf als PDF-Dokument auf der Internetseite der VVN-BdA Gelsenkirchen ist hier zu finden.

Flüchtlinge in Gelsenkirchen

VVN-BdA Flüchtlinge willkommenSpätestens seit die Stadt Gelsenkirchen kurzfristig 150 Flüchtlinge in einer ehemaligen Schule in Scholven unterbringen musste, ist das Thema Flüchtlinge auch in Gelsenkirchen aktuell. Neben verständlichen Unsicherheiten findet sich eine große Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung. Natürlich gibt es auch ein paar ewig-gestrige Hakenkreuzschmierer. Derzeit gibt es 8 Sammelunterkünfte für Flüchtlinge in Gelsenkirchen, die jüngste ist die ehemalige Hauptschule an der Mehringstraße in Scholven.

Am Donnerstag hatte sich eine große Runde von Menschen aus unterschiedlichen Parteien und Organisationen im Werner-Goldschmidt-Salon getroffen, um sich über das Thema Flüchtlinge auszutauschen. Eingeladen hatte Hartmut Hering (Die Linke) für das Bündnis gegen Krieg und Faschismus, welches das Thema Flüchtlinge auch am diesjährigen Antikriegstag behandeln wird. Es gab Berichte von den durchaus unterschiedlichen Zuständen in den verschiedenen Flüchtlingsunterkünften sowie von den Aktivitäten und den Belastungen der Stadtverwaltung. Offenkundig reichen die vorhandenen personellen Ressourcen nicht aus.

Wie aus der Runde zu erfahren war, werden bereits Flüchtlingskinder in der ehrenamtlichen Kinder- und Jugendarbeit von SJD Die Falken angesprochen. Aus Bündnis 90/Die Grünen gibt es Überlegungen, die Mobilität von Flüchtlingen zu unterstützen und zu Fahrradspenden aufzurufen. Der Pirat im Rat der Stadt, Jürgen Hansen, hatte in einem parteiübergreifenden Bündnis bereits erfolgreich ein Kinderfest für Flüchtlinge veranstaltet. Weitere Ideen wie die zu einem ehrenamtlichen Ärztepool wurden ebenfalls geäußert.

Ein weites Spannungsfeld der Meinungen trat bei der Frage zu Tage, ob man sich auf konkrete Unterstützungsangebote oder auf die Kritik der politischen Rahmenbedingungen konzentrieren soll, bzw. wie beide miteinander verbunden werden können. Mir scheint, dass es eine Mehrheit für konkrete Unterstützungsaktionen gibt, die die politischen Rahmenbedingungen nicht aus dem Blick lassen will.

Vereinbart wurde, zu einem weiteren Termin, der noch abgesprochen werden muss, weitere Ansprechpartner einzuladen. Ob es sich um ein Personenbündnis mit einem eigenen Projekt oder um ein regelmäßig tagendes Netzwerk, dass sich austauscht, handeln wird, wurde offengelassen.