Archiv der Kategorie: Holocaust-Gedenktag

Zum 70. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz durch die Rote Armee

Bild 175-04413 AuschwitzWer die Vergangenheit nicht kennt,

ist gezwungen, sie zu wiederholen! Dieser Satz des amerikanischen Philosophen George Santayana (1905), kann ein Schlüssel sein, um sich bedeutenden Gedenktagen zu nähern. So auch dem 27. Januar 2015, dem siebzigsten Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz durch die Rote Armee.

Auf Initiative des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog wird er seit 1996 offiziell als deutscher Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus gefeiert. Die VVN-BdA fordert aber auch, dass dieser 27. Januar kein Feiertag im üblichen Sinn sein darf, vielmehr ein „Nach-Denk-Tag“ im Gedenken an die Vergangenheit, um diese nicht wiederholen zu müssen.

Seit jeher steht Auschwitz als Symbol für die Vernichtung von Menschenleben, Ausdruck unvergleichlicher Barbarei im deutschen Faschismus. Eineinhalb Millionen Menschen – darunter fast 1,3 Millionen Juden, Roma und Sinti, sowjetische Kriegsgefangene und antifaschistische Widerstandskämpfer wurden hier ermordet. Als die Rote Armee Auschwitz befreite, fand sie nur mehr 7500 überlebende Häftlinge vor.

Doch wer des 27. Januar 1945 gedenkt, muss auch den 30. Januar 1933 mitdenken. Wer die Geschichte nicht wiederholen will, darf nicht nur der Opfer sehen, sondern auch die Täter. Wer waren die Schuldigen, was waren die Ursachen des Faschismus in Deutschland und an der Entfesselung des Krieges.

Dies ist weniger ein geschichtliches Problem, denn ein politisches. Gerade heute sehen wir uns verstärkt in einer Situation, in der Deutschland zum Beispiel eine Regierung in der Ukraine unterstützt, die offen auf die Zusammenarbeit mit faschistischen Kräften setzt, die offiziell die Befreiung Deutschlands vom Faschismus durch die Rote Armee als feindlichen Einmarsch darstellen,  wo wir scheinbar keine Lehren aus den beiden Weltkriegen gezogen haben, sondern uns aktiv an einer Kriegsrhetorik gegen Russland beteiligen und ökonomische Maßnahmen durchsetzen, die zur Instabilität Europas beitragen, wo sich im eigenen Land die sozialen Fragen so zuspitzen, dass eine Vielzahl von Bürgern willig den rassistischen und menschenfeindlichen Parolen einer PEGIDA zustimmen., wo es täglich neue Opfer rechter Gewalt gibt.

Die VVN-BdA begreift den 27. Januar als Herausforderung an uns alle für ein politisches Handeln in der Auseinandersetzung mit einem erstarkten Neofaschismus und gegen die aktuelle Gefährdung des friedlichen Miteinanders der Völker.

Daher verpflichtet uns die Geschichte, heute gegen Rassismus, Nationalismus, Antisemitismus und Krieg zu kämpfen und für demokratische Rechte einzutreten.

Dies ist eine Pressemitteilung der  Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten, VVN-BdA Hamm. Dem Text ist weder in Gelsenkirchen noch anderswo etwas hinzuzufügen.

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Zweifaches Gedenken

Trotz des unangenehmen Wetters fanden sich um 16 Uhr rund 30 Interessierte zur Gedenkveranstaltung von Gelsenzentrum am früheren Wildenbruchplatz vor der neuen Polizeiwache ein. Zu den Anwesenden gehörten u.a. auch die örtliche Linke-Direktkandidatin Ingrid Remmers und die neue Linke-Bezirksvertreterin für Gelsenkirchen-Nord, Bianca Thiele.

Holocaust-Gedenktag 27.01.2013 Gelsenkirchen 01Anlass für den Gedenktag ist in Gelsenkirchen ein zweifacher. Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee die letzten Überlebenden des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. Aus diesem Anlass wird inzwischen jedes Jahr in vielen Ländern der Erde an den industriellen Massenmord der Nazis erinnert. Zugleich wird hier in Gelsenkirchen an die erste Deportation jüdischer Männer, Frauen und Kinder am 27. Januar 1942 aus Gelsenkirchen in das Ghetto Riga erinnert.

Holocaust-Gedenktag 27.01.2013 Gelsenkirchen 02Andreas Jordan (hier in der Bildmitte) fand angemessene Begrüßungsworte und verlas ein Grußwort des jetzt in Florida lebenden Holocaust-Überlebenden aus Gelsenkirchen, Herman Neudorf. Daran anschließend wurden die mitgebrachten Kerzen („Gelsenkirchener Lichter“) entzündet und gedachten die Anwesenden der zurückliegenden Ereignisse.

Nach einer halben Stunde schloss Andreas Jordan die Gedenkveranstaltung mit der Überlegung, die Erinnerung an diesem Ort durch eine Gedenktafel dauerhaft zum Ausdruck zu bringen.

Kulturelles Überleben oder Trost und Hoffnung inmitten der Barbarei

plakat_ilse_weber_gelsenkirchen_gelsenblog„Eingemauerte Lyrik“ hatte Hugo-Ernst Käufer, der frühere Leiter der Gelsenkirchener Stadtbücherei (und offenbar noch immer nicht im Ruhestand), seine Besprechung der Veröffentlichung von erschütternden Briefen und Gedichten der tschechisch-jüdischen Schriftstellerin Ilse Weber doppeldeutig überschrieben. Ilse Weber, 1903 in Witkowitz (Mährisch-Ostrau) geboren, sei schon in jungen Jahren eine beachtete Lyrikerin und Jugendbuchautorin gewesen, schreibt Käufer. Vor der wachsenden Judenfeindlichkeit zog sie mit ihrem Mann Willi und zwei Kindern nach Prag, bis sie schließlich von den Nazis am 6. Februar 1942 nach Theresienstadt deportiert wurde. Im KZ Theresienstadt betreute sie als Oberschwester die Kinder der Krankenstube und wurde schließlich in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert, wo sie am 6. Oktober 1944 mit ihrem jüngeren Sohn Tomás ermordet wurde.

Die Gedichte und Lieder, die sie unter anderem als Trost für die Kinder und Mitverfolgten geschrieben hatte, mauerte ihr Mann vor der Deportation im Boden des Geräteschuppens ein. Eingemauert im KZ Theresienstadt waren die Gedichte entstanden, eingemauert konnten sie die Vernichtung ihrer Schöpferin überstehen. Nach dem Krieg konnte ihr Mann die vergrabenen Gedichte unter widrigen Umständen wieder an sich bringen und im Herbst 1945 seinen älteren Sohn Hanuš wiedersehen. Die Hoffnung, seine Frau und seinen jüngeren Sohn wiederzusehen muss Willi Weber spätestens 1946 aufgeben.

Es war ein anonymes Gedicht mit dem Titel „Brief an mein Kind“, gefunden im Archiv von Yad Vashem, dass die spätere Herausgeberin von Ilse Webers Briefen und Gedichten auf die Spur der Schriftstellerin brachte. Wie Daniel Graf in seiner Rezension schildert, hatte Ulrike Migdal 1986 eine Sammlung von Chansons und Satiren aus dem KZ Theresienstadt mit dem anonymen „Brief an mein Kind“ herausgegeben. Nach der Veröffentlichung bekam sie im darauffolgenden Frühjahr Post aus Stockholm: „Die Autorin des Gedichts ›Brief an mein Kind‹ ist meine in Auschwitz ermordete Mutter, Ilse Weber. Und ich bin Hanuš, das Kind, von dem dieser Brief spricht.“ Es folgten weitere Recherchen, die schließlich zur Buchveröffentlichung „Wann wohl das Leid ein Ende hat. Briefe und Gedichte aus Theresienstadt“ im Münchener Hanser-Verlag 2008 führten.

Ilse Weber dichtet in traditionellen Liedformen, metrisch und gereimt, und zum Teil selbst vertont. Mit Kinderreimen wie „Rira, rirarutsch, / wir fahren in der Leichenkutsch“ zeigt sie die pervertierte Wirklichkeit des „Vorzeige-Konzentrationslagers“ Theresienstadt auf. In anderen Gedichten versucht sie Trost zu geben, sucht für sich und andere einen Rest Hoffnung inmitten der Barbarei zu bewahren. Berühmt wurde ihr Gedicht „Ich wandre durch Theresienstadt“:

Ich wandre durch Theresienstadt,
das Herz so schwer wie Blei,
bis jäh mein Weg ein Ende hat,
dort knapp an der Bastei.

Dort bleib ich auf der Brücke stehn
und schau ins Tal hinaus:
Ich möcht so gerne weitergehn,
ich möcht so gern – nach Haus!

»Nach Haus!« – du wunderschönes Wort,
du machst das Herz mir schwer,
man nahm mir mein Zuhause fort,
nun hab ich keines mehr.

Ich wende mich betrübt und matt,
so schwer wird mir dabei,
Theresienstadt, Theresienstadt
– wann wohl das Leid ein Ende hat –

wann sind wir wieder frei?

Die vorletzte Zeile, „Wann wohl das Leid ein Ende hat“ wurde zum Titel nicht nur der von Ulrike Migdal herausgegebenen Briefe und Gedichte von Ilse Weber, sondern auch des musikalischen Programms, welches Gelsenzentrum in Kooperation mit Michaela Sehrbrock und Marion Steingötter am Montag, dem 21. Januar 2013 ab 19.30 Uhr im Kulturraum „die flora (Florastr. 26, 45879 Gelsenkirchen) aufführen. Der Eintritt kostet 10 Euro, ermäßigt 8 Euro.

Die Opernsängerin Michaela Sehrbrock präsentiert sowohl eine Reihe unvertonter als auch erhalten gebliebener vertonter Gedichte und wird dabei von Marion Steingötter am Klavier begleitet. Michaela Sehrbrock, in München geboren, studierte im Fach Musiktheater und Gesang an der Folkwang-Hochschule Essen bei Frau Prof. Csilla Zentai und ist seit 1997 Mitglied im Opernchor Essen. Darüber hinaus wirkt sie bei Liederabenden, Kirchenkonzerten sowie freien Opern- und Musicalinszenierungen mit und nimmt kleinere solistische Partien in Opern am Aalto-Theater Essen wahr.

Marion Steingötter studierte Musik an der Universität Mainz und der Musikhochschule Köln. Ihre Gesangsausbildung erhielt sie bei Frau Prof. Mechthild Georg. Während ihrer langen freiberuflichen Tätigkeit erarbeitete sie sich ein breites Repertoire, das Musikstile vom Mittelalter bis zur Moderne umfasst. Seit 2001 ist die Altistin Mitglied des Opernchors des Aalto-Theaters Essen.

Zum ersten Mal traten die beiden mit ihrem Programm in der Matinee im Schloss Horst anlässlich der Stolpersteinverlegung von Herman Neudorf auf. Ich freue mich schon darauf, die beiden wieder zu hören und zu sehen.

Doppeltes Gedenken

Eine schöne Gedenkveranstaltung hat das streitbare Ehepaar Heike und Andreas Jordan zum diesjährigen Internationalen Holocaust-Gedenktag am 27. Januar 2012 organisiert. Etwa 50 Personen folgten der Einladung des Gelsenzentrums und beteiligten sich ab 18.30 Uhr am Schweigemarsch vom Bahnhofsvorplatz zum Neumarkt sowie an der dortigen Gedenkveranstaltung.

Anlass für den Gedenktag ist in Gelsenkirchen ein Doppelter. Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee die letzten Überlebenden des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. Aus diesem Anlass wird inzwischen jedes Jahr in vielen Ländern der Erde an den industriellen Massenmord der Nazis erinnert. Zugleich wird hier in Gelsenkirchen an die erste Deportation jüdischer Männer, Frauen und Kinder am 27. Januar 1942 aus Gelsenkirchen in das Ghetto Riga erinnert, welches sich in diesem Jahr zum 70. Mal jährt.

Unter den Teilnehmenden fanden sich Mitglieder der verschiedenen linken Parteien in Gelsenkirchen (Die Linke, DKP, MLPD), Mitglieder der VVN und ein Mitglied von Bündnis 90/Die Grünen. Die Gelsenkirchener Stadtspitze wie auch Vertreter der etablierten Parteien und der Demokratischen Initiative glänzten durch ihre Abwesenheit.

Auf dem Neumarkt erinnerten in ihren Reden Roman Franz vom Landesverband der Sinti und Roma NRW, Dr. Michael Krenzer von den Zeugen Jehovas und Marianne Konze für die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes an die Geschehnisse. Zwischen den Redebeiträgen wurde die Veranstaltung mit Tonkonserven von Bettina Wegner aufgelockert. Weiter sprachen unter anderem Toni Lenz für die MLPD und Bärbel Beuermann für die Die Linke. Beide warnten angesichts der aktuellen Erfahrungen mit NPD-Aufmärschen, Nazi-Überfällen, -Anschlägen und der Zwickauer Terrorzelle vor einem weiteren Erstarken der Neonazis. Andreas Jordan schloss die Veranstaltung mit seinem Wortbeitrag über die Deportation der Gelsenkirchener Juden 1942 nach Riga.

Kalt war es, als wir uns kurz vor 20 Uhr trennten.

Gelsenkirchener Lichter

Bild 175-04413 AuschwitzZu einer Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus lädt der gemeinnützige Verein Gelsenzentrum ein. Am 27. Januar 2011 sollen „im Herzen unserer Stadt Kerzen zum Gedenken an die Opfer des nationalsozialistischen Gewaltregimes leuchten“, schreiben die Veranstalter und rufen Gelsenkirchener Bürgerinnen und Bürger jeden Alters dazu auf, selbst mitgebrachte Kerzen zwischen 17 und 19 Uhr auf dem Neumarkt Höhe Bahnhofstraße gemeinsam anzuzünden.

Der Termin erinnert an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar 1945 durch die Rote Armee. Dieser Tag wird seit 1959 in Israel als Gedenktag begangen, in Deutschland ist er seit 1996 Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, die Vereinten Nationen erklärten ihn 2005 zum „Internationalen Holocaust-Gedenktag“. Der Gedenktag erinnert am Jahrestag der Befreiung des KZ an alle durch die Nazis verfolgten und ermordeten Menschen. Auschwitz ist dabei das Synonym für die industrielle Vernichtung von Menschen. Die durchschnittliche Lebensdauer im Konzentrationslager Auschwitz betrug drei Monate, viele Deportierte wurden bereits an der (Bahn-)Rampe von Auschwitz direkt nach der Ankunft für den sofortigen Mord durch Gas ausgewählt.

Der Termin erinnert zugleich an die erste und größte Deportation jüdischer Bürger aus Gelsenkirchen am 27. Januar 1942. 355 Gelsenkirchener und weitere Bürger aus umliegenden Städten mussten von der damaligen Ausstellungshalle an der Wildenbruchstraße aus zum Güterbahnhof laufen und wurden mit der Reichsbahn zunächst in das Ghetto nach Riga gebracht, das der Zug am 1. Februar 1942 erreichte. Nur wenige der Deportierten überlebten.

Bereits im vergangenen Jahr, am 27. Januar 2010, hatte Gelsenzentrum eine Gedenkveranstaltung durchgeführt. Ein Schweigezug führte von der Wildenbruchstraße zum alten Güterbahnhof. Dieses Mal findet die Gedenkveranstaltung im Herzen der Stadt statt. Eine gute Entscheidung, wie ich finde!

Gemeinsames Gedenken

Neben der Gedenkveranstaltung der Stadt Gelsenkirchen und der Jüdischen Gemeinde in der Synagoge zum Internationalen Holocaust-Gedenktag, dem Neujahrsempfang der CDU Ruhrgebiet im Wissenschaftspark und der Kulturausschusssitzung erinnerten am 27. Januar 2010 mit einem Schweigezug ab 19 Uhr über 25 Gelsenkirchnerinnen und Gelsenkirchener trotz bitterer Kälte an denselben Tag des Jahres 1942, als die Nazis die erste und größte Deportation von jüdischen Bürgern aus Gelsenkirchen und Recklinghausen durchführten.

355 Gelsenkirchener sowie weitere Bürger aus Recklinghausen wurden damals zunächst auf dem Wildenbruchplatz in der dortigen Ausstellungshalle gesammelt. Von dort mussten sie zum Güterbahnhof laufen und wurden in das Ghetto nach Riga abtransportiert. Wir gingen am 27. Januar 2010 den Weg bis zum (ehemaligen) Güterbahnhof.

Es war ein merkwürdiges Gefühl, den Weg der 355 nachzugehen. Ich sah mich um, fragte mich, wie die Stadt in jener Nacht vor 68 Jahren ausgesehen hat, fragte mich, was die Menschen gedacht und gefühlt hatten, als sie ihre Heimatstadt verließen, verlassen mussten. Wußten oder ahnten sie, was ihnen bevorstand? Sie hatten seit 1933 erfahren müssen, wie sie zu rechtlosen Bürgern 2. Klasse gemacht worden waren, sie hatten den Boykott jüdischer Geschäfte 1933, die Reichsprogromnacht 1938, die beständige Verschärfung der Nazi-„Rassengesetze“ und vieles mehr erlebt und wurden nun deportiert, um schließlich ermordet zu werden.

Unweit des alten Güterbahnhofs endete unser Schweigezug und Heike Jordan, Projektleiterin des Arbeitskreises Stolpersteine, eröffnete die Gedenkveranstaltung für alle Opfer des Nationalsozialismus mit dem Vortrag des Gedichtes „Schlaflied für Daniel“. Es folgte die Begrüßung durch Andreas Jordan für den Verein Gelsenzentrum, der auch das Grußwort von Roman Franz vom NRW-Landesverband Deutscher Sinti und Roma verlas. Lothar Wickermann sprach stellvertretend für die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN). Elena Gubenko vom jüdischen Kulturverein KINOR schloss mit ihrer Rede und zwei weiteren Grußworten von Lew Belogolowski und Felix Lipski.

Zu diesem Zeitpunkt waren wir alle auch schon sehr durchgefroren. Wir verabschiedeten uns von der Polizei, die die Veranstaltung begleitet und die Straße für den Schweigemarsch gesperrt hatte. Dann konnten wir – anders als jene 355 Deportierten vor 68 Jahren – in unsere warmen Wohnungen zurückkehren.

Eine ausführliche Dokumentation mit allen Redebeiträgen findet sich auf der Seite des Veranstalters Gelsenzentrum, woher auch das Foto oben stammt.

Holocaust-Gedenktag in Gelsenkirchen

KZ Auschwitz: Eingang nach der Befreiung, im Vordergrund von den Wachmannschaften zurückgelassene Ausrüstungsgegenstände

Am 27. Januar 1945 befreiten Einheiten der Roten Armee die Überlebenden des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz.

Der Lagerkomplex Auschwitz bestand aus drei Lagern, dem Stammlager Auschwitz I, dem Vernichtungslager Auschwitz II Birkenau und dem KZ Auschwitz III Monowitz. Es handelte sich um den größten Lagerkomplex und bei Auschwitz-Birkenau um das größte deutsche Vernichtungslager der Nazizeit. Von den über 5,6 Millionen ermordeten jüdischen Menschen wurden rund 1 Million Menschen in Auschwitz-Birkenau umgebracht, die meisten von ihnen wurden direkt nach der Ankunft in Zügen „an der Rampe von Auschwitz“ für den Tod in der Gaskammer selektiert, weitere wurden von der SS durch Krankheit, Unterernährung, willkürliche Misshandlung, in sinnlosen medizinischen Experimenten oder durch spätere Vergasung ermordet. Die durchschnittliche Lebensdauer der Häftlinge in Auschwitz betrug 3 Monate.

Der Name „Auschwitz“ wurde dadurch zum Symbol für die industrielle Menschenvernichtung der Nazis. Die Aufschrift „Arbeit macht frei“ über dem Eingangstor des KZ markiert die zynische Menschenverachtung der SS. Teile des Lagerkomplexes sind heute staatliches polnisches Museum und Gedenkstätte und öffentlich zugänglich.

Der 27. Januar wird bereits seit 1959 in Israel als Gedenktag begangen. Am 1. November 2005 erklärte ihn die Generalversammlung der Vereinten Nationen zum „Internationalen Holocaust-Gedenktag“. In Deutschland war er bereits am 3. Januar 1996 durch den damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus eingeführt worden.

In Gelsenkirchen ist der 27. Januar ein doppelter Gedenktag: Am 27. Januar 1942 – drei Jahre vor der Befreiung des KZ Auschwitz – fand hier die erste und größte Deportation von jüdischen Bürgern aus Gelsenkirchen statt. 355 Gelsenkirchener sowie weitere Bürger aus Recklinghausen wurden zunächst auf dem Wildenbruchplatz in der dortigen Ausstellungshalle gesammelt. Von dort mussten sie zum Güterbahnhof laufen und wurden in das Ghetto nach Riga gebracht. Ein zweiter Transport fuhr am 31. März 1942 nach Warschau, ein dritter am 27. Juli 1942 nach Theresienstadt.

Aus diesem Anlass lädt der Verein Gelsenzentrum zu einer Gedenkveranstaltung am 27. Januar 2010 ein. Die Veranstaltung beginnt um 19 Uhr mit einem Treffen an der Ecke Wildenbruchstraße/ Fontanestraße, anschließend ist ein Schweigezug zur Verladerampe am Großmarkt geplant. Dort wird sie mit verschiedenen Redebeiträgen ihren Abschluss finden. Unterstützt wird die Gedenkveranstaltung unter anderem von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) Gelsenkirchen, dem jüdischen Kulturverein Kinor e.V. Gelsenkirchen und der Schokofront.

Hinweis zum Foto