Archiv der Kategorie: Holocaust-Gedenktag

Stolperstein-Geschichten … mal ganz anders

Aus Anlaß des Jahrestages der Machtübertragung an Hitlers NSDAP am 30. Januar 1933 setzte die Gelsenkirchener VVN-BdA ihre Reihe „Stolperstein-Geschichten“ an dem am Ermordungsort verlegten Stolperstein für Erich Lange fort … zumindest war das der Plan, doch weil der Redner der VVN-BdA kurzfristig beruflich verhindert war, sprang ebenso kurzfristig ein Bündnispartner aus dem Gelsenkirchener Aktionsbündnis gegen Rassismus und Ausgrenzung, der 1. Vorsitzende der sehr guten Partei Die PARTEI, ein und rettete die Veranstaltung auf seine Weise.

Mit der Veranstaltung wurde an die Machtübertragung an die NSDAP am 30. Januar 1933 und an Erich Lange, einen ehemaligen SS-Mann, der 1932 zu den Kommunisten übergetreten war und in der Nacht vom 21. auf den 22. März 1933 von seinen ehemaligen Kameraden ermordet worden war, erinnert. Erich Lange teilt das Schicksal vieler „kleiner Leute“. Er gehört zu den vergessenen Söhnen dieser Stadt. Im Institut für Stadtgeschichte gibt es keine Unterlagen über ihn, lediglich im Bericht seiner Jugendfreundin, der Antifaschistin Rosa Eck, blieb die Erinnerung an ihn erhalten.

Erich Lange wurde am 16. März 1913 geboren. Er war bis zum Sommer 1932 Mitglied der SS und wechselte dann zu den Kommunisten, wurde Mitglied im kommunistischen Jugendverband und im „Kampfbund gegen den Faschismus“. Gunter Demnig hat am 1. August 2011 zwei Stolpersteine für ihn verlegt, einen am letzten Wohnort, im Pflaster vor der Schwanenstraße 6 und einen am Ort des Mordes, im Pflaster der Ecke Ebertstraße/Am Rundhöfchen. Hier war der 20jährige in der Nacht vom 21. auf den 22. März 1933 brutal ermordet worden.

Der frühere Gelsenkirchener Rechtsdezernent Wilhelm Mensing hatte vor längerer Zeit auf einem Flohmarkt in Chemnitz einen Aufruf an „Werktätigen von Hassel“ gefunden. In dem Flugblatt werden diese zur „Öffentlichen Vollversammlung des Kampfbundes gegen den Faschismus“ eingeladen. Als Redner wird der „zur ‚Roten Front‘ übergetretene SS-Mann Erich Lange“ angekündigt.

Zeitungsmeldung zur Ermordung von Erich Lange in der Gelsenkirchener Allgemeinen Zeitung vom 23. März 1933.

In der „Gelsenkirchener Allgemeinen Zeitung“ erschien am 23. März 1933 nur eine kurze Meldung. „Kommunistischer Funktionär erschossen“ hieß es dort in der Überschrift. Im Text erfuhr man, dass der Täter ein SS-Mann gewesen sei, der in Notwehr gehandelt haben soll. Erich Lange wird als „Verräter an der nationalen Sache“ bezeichnet.

Erich Lange wurde auf dem Westfriedhof in Hessler beerdigt. Seine Jugendfreundin, die inzwischen verstorbene Antifaschistin Rosa Eck, berichtete später in ihren Erinnerungen: Freunde, die seine Leiche in der Leichenhalle noch einmal sehen konnten, wären kaum in der Lage gewesen, ihn wieder zu erkennen. Er sei „erschlagen, erschossen und zertreten worden.“ Ein Detail zeigt, dass die Nazis selbst noch auf den Toten herumgetrampelt haben müssen, denn er hatte auf der Wange den Abdruck eines SS-Stiefels.

Seit 2011 gibt es an zwei Stellen im Gelsenkirchener Stadtgebiet Erinnerungsorte für Erich Lange. Der Gelsenkirchener Kreisverband von Bündnis 90/Die Grünen hatte die Patenschaft für einen Stolperstein in der Schwanenstraße 6, seinem letzten Wohnort übernommen. Die Gelsenkirchener VVN-BdA hatte die Patenschaft für einen Stolperstein am Ort seiner Ermordung, an der Ecke Ebertstraße/Am Rundhöfchen übernommen.

Bei „Stolperstein-Geschichten“ handelt es sich um eine lose Veranstaltungsreihe der Gelsenkirchener VVN-BdA, die mit dem Holocaust-Gedenktag 2019 begonnen wurde. Erzählt werden individuelle und historische Hintergründe zu dem jeweiligen Stolperstein oder den Stolpersteinen. Begonnen wurde die Reihe 2019 an den Stolpersteinen für die Familien Krämer und Nussbaum und 2020 an den Stolpersteinen für Helene Lewek und Erich Lange (mit Unterstützung der PARTEI) fortgesetzt.

Eindrücke von der Gedenkfeier in der Neuen Synagoge am 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz

Die Stadtgesellschaft zeigt ihre Solidarität: Mahnwache am 10.10.2019 an der Neuen Synagoge in Gelsenkirchen nach dem Anschlag in Halle (Antifaschistisches Archiv-Bild).

Es war wohl dem runden Jahrestag geschuldet, dass der Kurt-Neuwald-Saal nicht nur bis auf den letzten Platz, sondern weit darüber hinaus gefüllt war. 75 Jahre ist es her, das am 27. Januar 1945 das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz von der Roten Armee befreit wurde. Seit 1996 ist dieses Datum in Deutschland den Opfern der Nazis gewidmet, 2005 erklärten ihn die Vereinten Nationen zum Internationalen Holocaust-Gedenktag. In Gelsenkirchen wird zugleich an die erste Deportaion von Jüdinnen und Juden am 27. Januar 1942 in das Ghetto Riga erinnert. Die Gedenkfeier wurde gemeinsam von der Jüdischen Gemeinde, der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und dem Institut für Stadtgeschichte ausgerichtet.

Die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Judith Neuwald-Tasbach eröffnete die Gedenkfeier mit den schon oft gesagte Sätzen, das es für die Opfer wie für die Täter keine Befreiung von Auschwitz gebe, sie müssten ihr Leben lang mit der Erinnerung leben. Sie und weitere Rednerinnen und Redner machten deutlich, wie wichtig es ist, die Erinnerung an die ungeheuerlichen Verbrechen wach zu halten, auch und vor allem angesichts der jüngsten Entwicklungen. Weiter sprachen Martina Rudowitz, Bürgermeisterin der Stadt Gelsenkirchen und mit Propst Markus Pottbäcker und Superintendent Heiner Montanus auch je ein Vertreter der katholischen und evangelischen Kirche. Ausführlich sprach die Antisemitismus-Beauftragte des Landes, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Dr. Daniel Schmidt, Leiter des Instituts für Stadtgeschichte, moderierte eine Podiumsdiskussion, an der neben Judith Neuwald-Tasbach und Sabine Leutheusser-Schnarrenberger noch Michael Schulz, dem Generalintendanten des Musiktheaters im Revier und Denis Andric, Leiter des Staatsschutzes der Polizei Gelsenkirchen. Thema war der aktuelle Umgang mit der Rechtsentwicklung und die Reaktionen darauf.

Aufgelockert wurden die Redenteile der Feier durch zwei bemerkenswerte Musiker, Mariya Kats (Gesang und Geige) und Andronik Yegiazaryan (Instrumentale Begleitung), von denen ich sehr sehr gerne mehr gehört hätte. Mit einem kurzen Trailer wurde ein Projekt vorgestellt, in dem Gelsenkirchener Jugendliche mit Frau Pollak eine überlebende Zwangsarbeiterin des KZ Außenlagers bei der Gelsenberg Benzin AG in Antwerpen besuchten. Diese Gruppe wird noch Auschwitz besuchen und den Film mit diesen Erfahrungen vervollständigen. Rabbiner Chaim Kornblum sprach mit dem „El male Rachamin“ das Gedächtnisgebet für die ermordeten Juden Europas.

Insgesamt war es eine eindrucksvolle Gedenkfeier, die mir noch lange im Gedächtnis bleiben wird.

75 Jahre Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz durch die Rote Armee

Das berühmte Foto des Torhauses des Vernichtungslagers Birkenau zeigt die Toreinfahrt von innen. Es wurde nach der Befreiung des Konzentrationslagers im Februar oder März 1945 von Stanislaw Mucha (1895-1976) im sowjetischen Auftrag zur Dokumentation des befreiten Lagers aufgenommen.

Am Montag, dem 27. Januar 2020 jährt sich die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz zum 75. Mal. In vielen Ländern der Erde wird am 27. Januar an den Massenmord der Nazis erinnert. Er wird bereits seit 1959 in Israel als Gedenktag begangen, in Deutschland ist er seit 1996 Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, die Vereinten Nationen erklärten ihn 2005 zum „Internationalen Holocaust-Gedenktag“. Der Gedenktag erinnert am Jahrestag der Befreiung von Auschwitz an alle durch die Nazis verfolgten und ermordeten Menschen. Doch wer des 27. Januar 1945 gedenkt, muss auch den 30. Januar 1933 mitdenken. Wer die Geschichte nicht wiederholen will, darf nicht nur die Opfer sehen, sondern auch die Täter und muss wissen, wohin Rassismus und Rechtsextremismus führen. In Gelsenkirchen plant das „Gelsenkirchener Aktionsbündniss gegen Rassismus und Ausgrenzung“ daher wie im vergangenen Jahr verschiedene Informations- und Aktionsangebote um den 27. Januar. In der Neuen Synagoge wird ab 18 Uhr die Gedenkveranstaltung der Jüdischen Gemeinde stattfinden.

Der Lagerkomplex Auschwitz bestand aus drei Lagern, dem Stammlager Auschwitz I, dem Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, und dem Industriekomplex Auschwitz-Monowitz. Es handelte sich um den größten Lagerkomplex und bei Auschwitz-Birkenau um das größte Vernichtungslager der Nazis. Von den rund 6 Millionen ermordeten jüdischen Menschen wurden über 1 Million Menschen in Birkenau umgebracht. Die meisten von ihnen wurden direkt nach der Ankunft in Zügen „an der Rampe von Auschwitz“ für den Erstickungstod in den Gaskammern ausgewählt, weitere wurden von der SS durch Krankheit, Unterernährung, willkürliche Misshandlung, in sinnlosen medizinischen Experimenten oder wenig später nach restloser Ausbeutung ihrer Arbeitskraft durch Gas ermordet. Die durchschnittliche Lebensdauer der Häftlinge in Auschwitz betrug drei Monate. Der Name „Auschwitz“ wurde zum Symbol für die industrielle Menschenvernichtung der Nazis. Die Aufschrift „Arbeit macht frei“ über dem Eingangstor des KZ markiert dabei die zynische Menschenverachtung der SS.

Als Einheiten der Roten Armee am 27. Januar 1945 das Lager befreien, fanden sie nur mehr 7500 gerade noch lebende Häftlinge vor, die zu schwach für eine Evakuierung gewesen waren. Wer das Morden zuvor überlebt hatte, war in andere Lager „evakuiert“ worden, das heißt oftmals auf den Todesmärschen unterwegs ermordet worden. Durch die Sprengung der Gaskammern hatten die Nazis versucht, die Spuren ihrer Taten zu verwischen. Doch vergeblich, Teile des Lagerkomplexes sind heute als staatliches polnisches Museum und Gedenkstätte öffentlich zugänglich.

Das berühmte Foto des Torhauses des Vernichtungslagers Birkenau weiter oben zeigt die Toreinfahrt von innen. Es wurde nach der Befreiung des Konzentrationslagers im Februar oder März 1945 von Stanislaw Mucha (1895-1976) im sowjetischen Auftrag zur Dokumentation des befreiten Lagers aufgenommen. Ab den 1960er Jahren entwickelte es sich als Symbol für Auschwitz und den Holocaust, dabei wurde oft fälschlicherweise angegeben, dass es das Torhaus von außen zeige. Die Rechtslage des Fotos ist unklar.

In Gelsenkirchen wird am 27. Januar zugleich an die erste und größte Deportation jüdischer Bürger aus Gelsenkirchen am 27. Januar 1942 erinnert. 355 Gelsenkirchener und weitere Bürger aus Recklinghausen mussten von der damaligen Ausstellungshalle an der Wildenbruchstraße, wo sie zuvor eingesperrt worden waren, zum Güterbahnhof laufen und wurden mit der Reichsbahn zunächst in das Ghetto Riga gebracht, das der Zug am 1. Februar 1942 erreichte. Um Platz für die Deportierten aus Deutschland zu schaffen, waren zuvor die in das Ghetto eingesperrten lettischen Juden von der lettischen SS unter Aufsicht der deutschen SS in den umliegenden Wäldern von Rumbula erschossen worden. Das Ghetto Riga wurde bis November 1943 schrittweise geräumt. Wer nicht ermordet wurde kam in das KZ Riga-Kaiserwald oder in ein anderes Lager. Nur die wenigsten überlebten die unmenschlichen Zustände in den von den Nazis errichteten Ghettos und KZs.

Die Ausstellungshalle wurde bereits während des Krieges abgerissen, der Wildenbruchplatz lange Zeit für Kirmes- und Zirkusveranstaltungen genutzt. Vor der heutigen Polizeiwache an der Wildenbruchstraße 2 findet sich bisher nur der Stolperstein für Helene Lewek, die ihrem Leben hier vor ihrer Deportation ein Ende setzte.

Eindrücke vom Gelsenkirchener Holocaust-Gedenktag 2019

„Stolperstein-Geschichten“ gibt es auch für Gelsenkirchen als Buchprojekt.

Der 27.01.2019 in Gelsenkirchen wurde für mich durch die verschiedenen Aktivitäten des „Aktionsbündnis 16.09.“ und der Gedenkveranstaltung in der Neuen Synagoge geprägt. Noch beeindruckt von dem wundervollen Konzert schreibe ich diesen Bericht, der natürlich keine Vollständigkeit beansprucht, sondern nur meine Eindrücke und was mir berichtet wurde wiedergibt.

„Mein“ Tag begann um 13.30 Uhr in der Von-der-Recke-Straße 10 an den Stolpersteinen für die Familie Krämer. Für die Gelsenkirchener VVN-BdA hatte ich dort und eine Stunde später in die Hildegardstraße 21 zu „Stolperstein-Geschichten“ eingeladen. Hinter der Bezeichnung „Stolperstein-Geschichten“ stand mein Versuch, nicht wie bei der Verlegung und einer früheren Veranstaltung zum Antikriegstag eine Rede abzulesen, sondern frei zu erzählen, was ich über die jeweilige Familie und die historischen Umstände erzählen konnte. Das Experiment gelang, weder geriet ich ins Stottern, noch hatte ich einen Black-out. An beiden Stellen hatte ich die Patenschaft für den Stolperstein der jeweils jüngsten Tochter übernommen. Bei beiden Familien waren die Eltern polnisch-jüdischer Herkunft und waren von den Ereignissen der sogenannten „Polenaktion“ betroffen. Während jedoch die Familie Kramer bereits im Mai 1939 nach Polen ausreisen musste, wurde die Familie Nussbaum, nachdem der Vater im KZ Sachsenhausen 1940 ermordet wurde, am 27.01.1942 mit dem ersten großen Deportationszug in das Ghetto Riga gebracht und bei der Auflösung des Ghettos Anfang November 1943 ermordet.

Das schlechte Wetter hatte offenbar nicht so viele Leute abgeschreckt, wie man befürchten könnte. In der Von-der-Recke-Straße 10 erzählte ich vor einem großen Publikum, neben fünf Einzelbesuchern traf dort der Antifaschistische Stadtrundgang mit etwa 20 bis 30 Personen ein. In der Hildegardstraße 21 waren sechs Einzelbesucher, darunter auch zwei Nachbarn, von denen eine sogar berichten konnte, dass ihre Eltern die Familie gekannt habe. Sie erzählte, dass es ruhige Nachbarn, aber offenbar strenggläubige Juden waren, die am Freitag keine Klingel betätigten.

Bei Bündnis 90/Die Grünen gab es nicht nur Kaffee und Kuchen, sondern auch Aufklärung über die Vernetzung der AfD ins rechsextreme Lager zu sehen.(Foto: Bündnis 90/Die Grünen)

Die beiden „Aufwärmpunkte“, das Grüne Zentrum in der Ebertstraße und das Subversiv auf der Bochumer Straße in Ückendorf, waren während des Tages gut besucht. Dort gab es warme Getränke und Kuchen. Im Grünen Zentrum war darüber hinaus die Ausstellung der VVN-BdA „Keine Alternative“ mit einer kritischen Auseinandersetzung über die AfD zu sehen. Mich freut es sehr, die Ausstellung bei den Grünen zu sehen, sind sie doch in Bezug auf das Ideal einer offenen Gesellschaft im Parteienspektrum der deutlichste Gegenpol zur AfD.

Der Tag endete mit einer Gedenkveranstaltung in der Neuen Synagoge. Die erste Bürgermeisterin, Martina Rudowitz, fand in ihrer Rede unter anderem sehr klare Worte zu AfD, NPD und PEGIDA. Es folgte ein wundervolles Konzert, dessen Beschreibung ich lieber sachkundigen Leuten überlasse. Nach jüdischen Gebeten für die im Holocaust Ermordeten endete die Veranstaltung. Noch beeindruckt von der Musik wurde mir am Ausgang bewusst, wie hoch das Sicherheitsbedürfnis einer Jüdischen Gemeinde heute ist. Im Ausgang gibt es eine Schleuse, und die innere Tür lässt sich erst öffnen, wenn die äußere Tür geschlossen ist. Trotzdem nahmen es die Anwesenden mit Humor.

Supplement
Bereits mit einer ausführlichen Ankündigung hatte die Papierausgabe des Stadtspiegels Gelsenkirchen auf unsere Aktivitäten hingewiesen. In Text und Bild berichtete der Stadtspiegel darüber hinaus auch im Anschluss in seiner jüngsten Ausgabe. Letzterer Beitrag ist auch online zu finden.

Erinnern für Gegenwart und Zukunft – Kein Vergeben, kein Vergessen!

Am Sonntag, 27. Januar 2019 jährt sich die Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz zum 74. Mal. In vielen Ländern der Erde wird am 27. Januar an den Massenmord der Nazis erinnert. Er wird bereits seit 1959 in Israel als Gedenktag begangen, in Deutschland ist er seit 1996 Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, die Vereinten Nationen erklärten ihn 2005 zum „Internationalen Holocaust-Gedenktag“. Der Gedenktag erinnert am Jahrestag der Befreiung von Auschwitz an alle durch die Nazis verfolgten und ermordeten Menschen. Doch wer des 27. Januar 1945 gedenkt, muss auch den 30. Januar 1933 mitdenken. Wer die Geschichte nicht wiederholen will, darf nicht nur die Opfer sehen, sondern auch die Täter. Wer die Geschichte nicht wiederholen will, muss wissen, wohin Rassismus und Rechtsextremismus führen. In Gelsenkirchen führt das „Aktionsbündnis 16.09.“ unter dem Motto „Kein Vergeben. Kein Vergessen“ von 12 bis 17 Uhr einen Aktionstag mit vielfältigen Informations- und Aktionsangeboten durch. Zusätzliche Veranstaltungen finden an weiteren Tagen statt.

Der Name des Aktionsbündnisses leitet sich von der ersten gemeinsamen großen Demonstration gegen eine rechte Kundgebung am 16.09.2018 ab. Es verfolgt das Ziel, rechtsextreme und rassistische Aktivitäten in Gelsenkirchen aktiv und offensiv entgegenzutreten und deren Einfluss durch langfristige Aufklärungsarbeit schrittweise zurückzudrängen. Im Bündnis arbeiten Einzelpersonen und verschiedene Gelsenkirchener Initiativen und Organisationen mit.

Das Programm

Von 12.00 bis 16.00 Uhr zeigen Bündnis 90/Die Grünen im Grünen Zentrum an der Ebertstraße 28 die Ausstellung der VVN-BdA „Keine Alternative“ über die rechtsextreme Vernetzung der AfD. Von 13.00 bis 16.30 Uhr bietet das „Subversiv“ an der Bochumer Straße 138 einen Infotresen mit Informationen und Büchern zur lokalen Geschichte. Zugleich können sich die Teilnehmer/-innen der nachfolgenden Aktivitäten an beiden Standorten mit warmen Getränken aufwärmen. SJD Die Falken nehmen Interessierte von 13.00 bis 15.00 Uhr auf einen Antifaschistischen Stadtrundgang mit, auf dem die oft dramatische Vergangenheit vieler Orte der Innenstadt neu entdeckt werden kann. Die VVN-BdA lässt mit Stolperstein-Geschichten die Schicksale zweier polnisch-jüdische Familien Gelsenkirchens lebendig werden (13.30 Uhr Von-der-Recke-Straße 10, 14.30 Uhr Hildegardstraße 21). Antifaschistische Stadtreinigungen finden an drei Orten in Gelsenkirchen statt. Die Schalker Fan-Initiative reinigt ab 12.00 Uhr in Gelsenkirchen-Schalke Stolpersteine (Treffpunkt Grillostraße 57), während Die Linke Alt- und Neustadt ab 15.00 Uhr von rechten Aufklebern und Schmierereien reinigen wird (Treffpunkt Südausgang Hauptbahnhof). Unabhängig vom Bündnis reinigt die Arbeitsgruppe Stolpersteine des Gelsenzentrum e.V. in Gelsenkirchen-Horst Stolpersteine.

Der Tag klingt um 17.00 Uhr mit einer Gedenkfeier mit Konzert in der Neuen Synagoge, Georgstraße 2 aus. Die Jüdische Gemeinde erinnert daran, dass das Datum 27.1. auch für die Erinnerung an die Deportation der Gelsenkirchener Juden am 27. Januar 1942 nach Riga steht.

Weitere Veranstaltungen

In der Neuen Synagoge besteht seit dem 09.01.2019 die Gelegenheit, die Ausstellung „Du Jude. Alltäglicher Antisemitismus in Deutschland“ zu besuchen. Die Öffnungszeiten der Jüdischen Gemeinde sind Montag und Mittwoch von 9.00 – 17.00 Uhr sowie Dienstag und Donnerstag von 12.00 – 17.00 Uhr. Gruppen werden gebeten, sich zuvor anzumelden.

Die Gelsenkirchener VVN-BdA zeigt mit der Unterstützung der Kooperationspartner beginnend mit dem Neujahrsempfang von Bündnis 90/Die Grünen am 26.01. bis zum 08.02.2019 ihre Ausstellung „Keine Alternative“ nacheinander bei Bündnis 90/Die Grünen, bei SJD Die Falken, im DGB-Haus der Jugend und im Werner-Goldschmidt-Salon der Partei Die Linke.

Die Schalker Fan-Initiative lädt am Dienstag den 29. Januar um 19.00 Uhr im „Subversiv“, Bochumer Straße 138 in Gelsenkirchen-Ückendorf alle Interessierten zu einer Vortragsveranstaltung mit Prof. Dr. Stefan Goch zum Thema Ausgrenzung, Diskriminierung und Ermordung der Gelsenkirchener Sinti und Roma im Nationalsozialismus ein.

Das Institut für Stadtgeschichte (ISG) lädt am 30. Januar 2019 zu einem Vortrag „Frauen in Ravensbrück“ ein.

Zu Auschwitz

Der Lagerkomplex Auschwitz bestand aus drei Lagern, dem Stammlager Auschwitz I, dem Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, und dem Industriekomplex Auschwitz-Monowitz. Es handelte sich um den größten Lagerkomplex und bei Auschwitz-Birkenau um das größte Vernichtungslager der Nazis. Von den rund 6 Millionen ermordeten jüdischen Menschen wurden über 1 Million Menschen in Birkenau umgebracht. Die meisten von ihnen wurden direkt nach der Ankunft in Zügen „an der Rampe von Auschwitz“ für den Erstickungstod in den Gaskammern ausgewählt, weitere wurden von der SS durch Krankheit, Unterernährung, willkürliche Misshandlung, in sinnlosen medizinischen Experimenten oder wenig später nach restloser Ausbeutung ihrer Arbeitskraft durch Gas ermordet. Die durchschnittliche Lebensdauer der Häftlinge in Auschwitz betrug drei Monate. Der Name „Auschwitz“ wurde zum Symbol für die industrielle Menschenvernichtung der Nazis. Die Aufschrift „Arbeit macht frei“ über dem Eingangstor des KZ markiert dabei die zynische Menschenverachtung der SS. Als Einheiten der Roten Armee am 27. Januar 1945 das Lager befreien, fanden sie nur mehr 7500 gerade noch lebende Häftlinge vor, die zu schwach für eine Evakuierung gewesen waren. Wer das Morden zuvor überlebt hatte, war in andere Lager „evakuiert“ worden. Durch die Sprengung der Gaskammern hatten die Nazis versucht, die Spuren ihrer Taten zu verwischen. Doch vergeblich, Teile des Lagerkomplexes sind heute als staatliches polnisches Museum und Gedenkstätte öffentlich zugänglich.

Erinnerung an die industrielle Menschenvernichtung in Auschwitz

Erinnerungsort Auschwitz (Foto: Wolfgang Freye, im Oktober 2017)

Der 27. Januar ist in Gelsenkirchen ein zweifacher Gedenktag. Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee die letzten Überlebenden des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. Drei Jahre zuvor, am 27. Januar 1942, fand die erste Deportation jüdischer Männer, Frauen und Kinder aus Gelsenkirchen und Recklinghausen in das Ghetto Riga statt.

Der Lagerkomplex Auschwitz bestand aus drei Lagern, dem Stammlager Auschwitz I, dem Vernichtungslager Auschwitz II, Auschwitz-Birkenau, und dem Industriekomplex Auschwitz III, Auschwitz-Monowitz. Es handelte sich um den größten Lagerkomplex und bei Auschwitz-Birkenau um das größte Vernichtungslager der Nazis. Von den über 5,6 Millionen ermordeten jüdischen Menschen wurden rund 1 Million Menschen in Auschwitz-Birkenau umgebracht. Die meisten von ihnen wurden direkt nach der Ankunft in Zügen „an der Rampe von Auschwitz“ für den Erstickungstod in den Gaskammern ausgewählt, weitere wurden von der SS durch Krankheit, Unterernährung, willkürliche Misshandlung, in sinnlosen medizinischen Experimenten oder wenig später nach restloser Ausbeutung ihrer Arbeitskraft durch Gas ermordet.

Die durchschnittliche Lebensdauer der Häftlinge in Auschwitz betrug drei Monate. Der Name „Auschwitz“ wurde so zum Symbol für die industrielle Menschenvernichtung der Nazis. Die Aufschrift „Arbeit macht frei“ über dem Eingangstor des KZ markiert dabei die zynische Menschenverachtung der SS.

Erinnerungsort Auschwitz (Foto: Wolfgang Freye, im Oktober 2017)

Als Einheiten der Roten Armee am 27. Januar 1945 das Lager befreien, fanden sie nur mehr 7500 gerade noch lebende Häftlinge vor, die zu schwach für eine Evakuierung gewesen waren. Wer das Morden zuvor überlebt hatte, war in andere Lager „evakuiert“ worden. Durch die Sprengung der Gaskammern hatten die Nazis versucht, die Spuren ihrer Taten zu verwischen. Doch vergeblich, Teile des Lagerkomplexes sind heute als staatliches polnisches Museum und Gedenkstätte öffentlich zugänglich.

In vielen Ländern der Erde wird am 27. Januar an den Massenmord der Nazis erinnert. Dieser Tag wird bereits seit 1959 in Israel als Gedenktag begangen, in Deutschland ist er seit 1996 Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, die Vereinten Nationen erklärten ihn 2005 zum „Internationalen Holocaust-Gedenktag“. Der Gedenktag erinnert am Jahrestag der Befreiung des KZ an alle durch die Nazis verfolgten und ermordeten Menschen.

Erinnerungsort Auschwitz (Foto: Wolfgang Freye, im Oktober 2017)

Doppeltes Gedenken in Gelsenkirchen

Der 27. Januar erinnert zugleich an die erste und größte Deportation jüdischer Bürger aus Gelsenkirchen am 27. Januar 1942. 355 Gelsenkirchener und weitere Bürger aus Recklinghausen mussten von der damaligen Ausstellungshalle an der Wildenbruchstraße, wo sie zuvor eingesperrt worden waren, zum Güterbahnhof laufen und wurden mit der Reichsbahn zunächst in das Ghetto Riga gebracht, das der Zug am 1. Februar 1942 erreichte. Um Platz für die Deportierten aus Deutschland zu schaffen, waren zuvor die in das Ghetto  eingesperrten lettischen Juden von der lettischen SS unter Aufsicht der deutschen SS in den umliegenden Wäldern von Rumbula erschossen worden. Das Ghetto Riga wurde bis November 1943 schrittweise geräumt. Wer nicht ermordet wurde kam in das KZ Riga-Kaiserwald oder in ein anderes Lager. Nur die wenigsten überlebten die unmenschlichen Zustände in den von den Nazis errichteten Ghettos und KZs.

In den Jahren 2010 bis 2013 hatte Gelsenzentrum e.V. aus diesem Anlass unterschiedliche Gedenkveranstaltungen durchgeführt. In diesem Jahr führt die Sozialistische Jugend Deutschlands – Die Falken, am Sonntag, dem 28. Januar 2018 ab 16.15 Uhr eine Mahnwache vor dem Grillo-Gymnasium durch und reinigt in dieser Zeit die dort für ehemalige Schüler verlegten Stolpersteine. Im Anschluss daran werden sie die Veranstaltung des Instituts für Stadtgeschichte in der neuen Synagoge besuchen.

Zum 70. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz durch die Rote Armee

Bild 175-04413 AuschwitzWer die Vergangenheit nicht kennt,

ist gezwungen, sie zu wiederholen! Dieser Satz des amerikanischen Philosophen George Santayana (1905), kann ein Schlüssel sein, um sich bedeutenden Gedenktagen zu nähern. So auch dem 27. Januar 2015, dem siebzigsten Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz durch die Rote Armee.

Auf Initiative des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog wird er seit 1996 offiziell als deutscher Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus gefeiert. Die VVN-BdA fordert aber auch, dass dieser 27. Januar kein Feiertag im üblichen Sinn sein darf, vielmehr ein „Nach-Denk-Tag“ im Gedenken an die Vergangenheit, um diese nicht wiederholen zu müssen.

Seit jeher steht Auschwitz als Symbol für die Vernichtung von Menschenleben, Ausdruck unvergleichlicher Barbarei im deutschen Faschismus. Eineinhalb Millionen Menschen – darunter fast 1,3 Millionen Juden, Roma und Sinti, sowjetische Kriegsgefangene und antifaschistische Widerstandskämpfer wurden hier ermordet. Als die Rote Armee Auschwitz befreite, fand sie nur mehr 7500 überlebende Häftlinge vor.

Doch wer des 27. Januar 1945 gedenkt, muss auch den 30. Januar 1933 mitdenken. Wer die Geschichte nicht wiederholen will, darf nicht nur der Opfer sehen, sondern auch die Täter. Wer waren die Schuldigen, was waren die Ursachen des Faschismus in Deutschland und an der Entfesselung des Krieges.

Dies ist weniger ein geschichtliches Problem, denn ein politisches. Gerade heute sehen wir uns verstärkt in einer Situation, in der Deutschland zum Beispiel eine Regierung in der Ukraine unterstützt, die offen auf die Zusammenarbeit mit faschistischen Kräften setzt, die offiziell die Befreiung Deutschlands vom Faschismus durch die Rote Armee als feindlichen Einmarsch darstellen,  wo wir scheinbar keine Lehren aus den beiden Weltkriegen gezogen haben, sondern uns aktiv an einer Kriegsrhetorik gegen Russland beteiligen und ökonomische Maßnahmen durchsetzen, die zur Instabilität Europas beitragen, wo sich im eigenen Land die sozialen Fragen so zuspitzen, dass eine Vielzahl von Bürgern willig den rassistischen und menschenfeindlichen Parolen einer PEGIDA zustimmen., wo es täglich neue Opfer rechter Gewalt gibt.

Die VVN-BdA begreift den 27. Januar als Herausforderung an uns alle für ein politisches Handeln in der Auseinandersetzung mit einem erstarkten Neofaschismus und gegen die aktuelle Gefährdung des friedlichen Miteinanders der Völker.

Daher verpflichtet uns die Geschichte, heute gegen Rassismus, Nationalismus, Antisemitismus und Krieg zu kämpfen und für demokratische Rechte einzutreten.

Dies ist eine Pressemitteilung der  Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten, VVN-BdA Hamm. Dem Text ist weder in Gelsenkirchen noch anderswo etwas hinzuzufügen.