Archiv der Kategorie: Denkmale

Vom Umgang mit Nazi-Kunst – Beispiel Kalkar

Kreativer Umgang mit einem Nazi-Denkmal in Kalkar (Foto: Wilfried Porwol, Kleve).

Nicht nur in Gelsenkirchen, sondern überall in Deutschland findet man Nazi-Denkmäler, die Krieg und Faschismus verherrlichen. Und nicht nur in Gelsenkirchen überwiegen Unvermögen und Unbeweglichkeit im offiziellen Umgang mit diesen steinernen Zeugen der Vergangenheit – die Gründe hierfür mögen unterschiedlich sein. Am diesjährigen Tag der Deutschen Einheit, am 3. Oktober 2019, stellte der Klever Künstler Wilfried Porwol auf der Friedensdemonstration in Kalkar in seiner Rede einen sehr kreativen Umgang mit einem „Kriegerdenkmal“ aus dem Jahre 1936 vor und stellt diesen in den Zusammenhang des Ortes Kalkar, der das das „Zentrum Luftoperationen“ der NATO beherbergt, wo durch Klassenführungen, Praktikumsplätze für 15jährige Schülerinnen und Schüler sowie Projektwochen der Städtischen Realschule junge Menschen „für einen Beruf geködert werden, der das Töten anderer Menschen beinhaltet“ und wo auf dem mittelalterlichen Marktplatz mit einem großen Zapfenstreich ein Drei-Sterne-General verabschiedet wurde, der nun für die AfD in Hannover als Oberbürgermeister kandidiert.

Das Nazi-Denkmal Kalkar, das „Kriegerdenkmal“, ist vom zentralen Kreisverkehr in Kalkar deutlich sichtbar und steht in einer öffentlichen Parkanlagen. In der Nazi-Zeit im Jahre 1936 errichtet erinnert es mit der Aufschrift „Unsere Helden 1914-1918“ an die Toten des Ersten Weltkriegs, erst Anfang der 1980er Jahre wurden die Jahreszahlen des Zweiten Weltkriegs, 1939-1945, ergänzt. Über dem 4 Meter langen und 1,25 Meter hohen Quader „hockt ein martialischer deutscher Adler auf einem Schwert.“ Auf der Rückseite befindet sich folgender Text: „Mögen Jahrtausende vergehen, man wird nie von Heldentum reden können ohne des deutschen Soldaten im Weltkrieg zu gedenken“. Es handelt sich um ein Zitat aus Adolf Hitlers „Mein Kampf“, was bei der Errichtung des Denkmals sicherlich beabsichtigt war und spätestens seit 2014 (wieder) bekannt ist.

Wir können davon ausgehen, dass die Errichtung des Denkmals an die Toten des Ersten Weltkriegs während der Nazi-Zeit mit seiner Verherrlichung soldatischen Heldentums wie in Gelsenkirchen und anderen Städten auch zur ideologischen Kriegsvorbereitung auf den Zweiten Weltkrieg diente. Krieg und Faschismus sind in diesen Denkmälern eins. Porwol führt weiter aus, dass die Ehrung der gefallenen Soldaten beider Weltkriege als „Helden“ nicht nur eine Verhöhnung der Opfer, sondern „auch eine Glorifizierung des verbrecherischen Vernichtungskrieges der deutschen Wehrmacht“ bedeute. Nachdem trotz Beschäftigung durch den Kalkarer Stadtrat in den Jahren 2015 und 2016 nichts passierte, schritt er selbst zur Tat.

Kreativer Umgang mit einem Nazi-Denkmal in Kalkar (Foto: Wilfried Porwol, Kleve).

In seiner Rede berichtet er wie folgt:
„Das Ding stand weiterhin da als Monument des Militarismus. Eine nicht weiter hinzunehmende und meines Erachtens strafbare Duldung nationalsozialistischer Kriegsverherrlichung durch die Stadt Kalkar und für mich als Pazifist und Künstler eine Herausforderung an meine Kreativität.

In den Morgenstunden des 27. Juli, einem Samstag, war es dann soweit. Mit mehreren Farbspraydosen bewaffnet begann ich das Nazi-Monument zu einem Friedensmahnmal umzugestalten. So prangte jetzt vorne auf dem Quader zentral über dem reliefartigen Schriftzug ‚Unseren Helden‘ das Peace-Zeichen und rechts und links davon der zeitlose Slogan der Antikriegsbewegung ‚MAKE LOVE – NOT WAR‘. Auf das Schwert sprayte ich die naheliegende biblische Forderung: ‚Schwerter zu Pflugscharen‘ und darunter die aktuelle Forderung: ‚Abrüsten statt Aufrüsten‘. Über der Rückseite prangte nun in ganzer Breite: ‚NIE WIEDER FASCHISMUS – NIE WIEDER KRIEG‘. Den Adler begann ich farblich in den Regenbogenfarben umzugestalten.

Doch nach eineinhalb Stunden war erst mal Schluss. Die Polizei kam und machte, was sie wohl für ihre Pflicht hielt: sie beschlagnahmte meine Ausrüstung und stellte Anzeige wegen des Verdachtes auf Sachbeschädigung. Für mich ein ein kalkuliertes Risiko, keineswegs abschreckend. Doch die farbliche Verfremdung des Adlers blieb unvollständig. Von den sieben Regenbogenfarben fehlten noch drei.

Kreativer Umgang mit einem Nazi-Denkmal in Kalkar (Foto: Wilfried Porwol, Kleve).

Mit ein paar neuen Spraydosen wollte ich dann meine Arbeit an der Farbgestaltung des Adlers im Morgengrauen des nächsten Tages zu Ende führen. Ich traute meinen Augen kaum. Das Nazi-Denkmal war noch am Samstag ‚gereinigt‘ worden. Auf Anweisung der Bürgermeisterin wurden weder Kosten noch Mühen gespart, um noch am gleichen Tag – trotz Wochenende – das unsägliche Monstrum wieder in seinen ursprünglichen Zustand zu versetzen. Diese erneuerte Glorifizierung soldatischen Heldentums war allerdings nur von kurzer Dauer. Unbekannte Menschen hatten erfreulicherweise meine Gestaltungsanregungen aufgenommen und spontan noch am Sonntag Vormittag das Nazi-Kriegerdenkmal wieder mit Friedensbotschaften versehen.

Das Presseecho war groß und überwiegend positiv, der WDR berichtete in der Aktuellen Stunde darüber. Die Stadt Kalkar kam in Erklärungsnot, weswegen sie das Nazi-Monument ohne sichtbare Distanzierung unverändert Jahre lang stehen ließ. Erst vor 4 Wochen wurde das Ding wieder gereinigt, doch am 26. September wurde das kriegsverherrlichende Monstrum nach Jahren wieder zum Thema in der Stadtratssitzung in Kalkar. Es sollen – so der Beschluss – möglichst bald erklärende Tafeln angebracht werden. Wir werden sehen, und falls notwendig gibt es sicherlich kreative Menschen …“

Quelle

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Antifaschistisches Mahnmal im Stadtgarten beschmiert

Das Mahnmal für die Opfer der NS-Gewaltherrschaft im Gelsenkirchener Stadtgarten wurde auf Initiative der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) mit Unterstützung der Stadt errichtet und am 10. September 1950 feierlich der Öffentlichkeit übergeben. Hier ein Foto des zum Ostermarsch 2011 geschmückten Mahnmals.

Wie ich heute erfuhr, wurde das Antifaschistische Mahnmal im Stadtgarten Gelsenkirchen beschmiert, unter anderem mit „Türken raus“, „Hitler kommt zurück“ und einem Hakenkreuz. Ein Foto der Schmiererei hat die Schalker Faninitiative e.V. auf ihrer Facebookseite veröffentlicht. Diesen Gefallen werde ich den Schmierfinken nicht tun.

Das Mahnmal für die Opfer der NS-Gewaltherrschaft im Stadtgarten war auf Initiative der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) und mit Unterstützung der Stadt Gelsenkirchen errichtet und am 10. September 1950 feierlich der Öffentlichkeit übergeben worden. Der zweite Sonntag im September war damals der Gedenktag für die Opfer des Faschismus. Mit der Errichtung dieses Mahnmals wurde in der unmittelbaren Nachkriegszeit die Errichtung von Gedenkorten an die faschistische Barbarei abgeschlossen. Es hat heute noch seine Bedeutung als Warnung gegen Krieg und Faschismus und wird jährlich während des Ostermarschs und zum Antikriegstag besucht.

Bekanntmachungen der Stadt Gelsenkirchen Nr. 21, 29.07.1949

Frühere Schmierereien an öffentlichen bzw. städtischen Objekten, wie zum Beispiel auf der Gedenktafel auf dem Fritz-Rahkob-Platz, sind nach einer Meldung an die Stadtverwaltung übrigens sehr schnell beseitigt worden. Hoffentlich gilt das auch für diese!

80 Jahre nach dem Novemberpogrom – Aus der Geschichte gelernt?

Für den Ostermarsch Rhein-Ruhr 2016 geschmücktes Mahnmal für die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.

Wie in jedem Jahr ruft die „Demokratische Initiative gegen Diskriminierung und Gewalt, für Menschenrechte und Demokratie – Gelsenkirchen“ zu einer Kundgebung am 9. November 2018 in Erinnerung an das antisemitische Pogrom vor nunmehr 80 Jahren auf.

In diesem Jahr beginnt die Veranstaltung um 18.15 Uhr an der Neuen Synagoge in der Georgstraße 2 in Gelsenkirchen. Rabbiner Chaim Kornblum wird das Kaddisch sprechen, das Gebet der Trauernden. Daran schließt sich ein Schweigezug zum „Mahnmal für die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“ im Stadtgarten an. Hier wird unter anderem ab 19 Uhr Dr. Daniel Schmidt vom Institut für Stadtgeschichte Gelsenkirchen eine neue Erinnerungsortetafel vorstellen.

Auf diese Erinnerungsortetafel darf man gespannt sein. Das Mahnmal im Gelsenkirchener Stadtgarten wurde 1949/50 auf Initiative der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) mit Unterstützung der Stadt Gelsenkirchen errichtet und am 10. September 1950 feierlich der Öffentlichkeit übergeben. Es wird während des Ostermarschs Rhein-Ruhr und zum Antikriegstag von antifaschistischen Friedensgruppen besucht, an denen auch die Gelsenkirchener VVN-BdA beteiligt ist. Der Veranstalter der Gedenkkundgebung vom 9. November, die „Demokratische Initiative“ (DI) lehnt dagegen die Mitgliedschaft der Gelsenkirchener VVN-BdA ab und kommt auch schon mal auf die absurde Idee, eine Veranstaltung an einem 9. November beziehungslos vor einem Nazi-Schwert abzuhalten. Die Gelsenkirchener VVN-BdA wurde in die Erstellung der Erinnerungsortetafel nicht einbezogen.

Ostermarsch Rhein Ruhr 2017 im Stadtgarten Gelsenkirchen am Mahnmal. In der Bildmitte die Fahne der VVN-BdA.

Der weitere Verlauf der Kundgebung der DI in diesem Jahr sieht den Musikbeitrag „Hohe Tannen“, die jährliche Erinnerungsrede unseres Oberbürgermeisters Frank Baranowski, der zugleich Schirmherr der DI ist, und das Absingen des Moorsoldatenliedes vor.

Selbstverständlich hat die DI Recht, wenn sie ihren Aufruf mit den Worten „Demokratie muss täglich gelebt werden. Erinnerung ist ein wichtiger Teil davon.“ schließt. Der Ausschluss engagierter Antifaschistinnen und Antifaschisten wirft allerdings einen Schatten auf diesen selbstgewählten Anspruch und zeigt, dass er nicht eingelöst wird. Trotzdem nehmen Mitglieder der Gelsenkirchener VVN-BdA jedes Jahr an der Gedenkveranstaltung teil! Aus der Geschichte ist zu lernen, dass und warum sie sich nicht wiederholen darf. Dies gilt umso mehr in einer Zeit, in der Hass und Hetze in der Mitte der Gesellschaft blühen – und gleichzeitig Antifaschistinnen und Antifaschisten ausgegrenzt werden!

Gedenken an Zwangsarbeiter auf dem Rotthauser Friedhof

Klaus Brandt erinnert auf dem Rotthauser Friedhof an 18 Zwangsarbeiter

Klaus Brandt erinnert auf dem Rotthauser Friedhof an 18 Zwangsarbeiter.

Ein Blumengebinde für die 17 ukrainischen und einen Kranz für den polnischen Zwangsarbeiter legte Klaus Brandt heute auf der Grabstelle mit der unbeschriftet gebliebenen Grabplatte nieder.

Während am Denkmal für das Grubenunglück vom 23. August 1943 der offizielle Kranz der Dahlbusch-Nachfolgegesellschaft lag, erinnerten Klaus Brandt und sieben weitere Besucher, darunter auch zwei Nachkommen der 34 insgesamt verunglückten Bergleute, am Jahrestag des Grubenunglücks namentlich an die bei dem Unglück umgekommenen 18 Zwangsarbeiter.

Klaus Brandt erneuert damit seine Kritik, dass die Gestaltung des Denkmals die Zwangsarbeiter unterschlägt. Symbolisch wurden sie heute dem Vergessen entrissen.

Namentliches Gedenken an die unterschlagenen Zwangsarbeiter auf dem Rotthauser Friedhof.

Namentliches Gedenken an die unterschlagenen Zwangsarbeiter auf dem Rotthauser Friedhof.

„Den Nazis waren sie Untermenschen“

Was wäre Gelsenkirchen ohne seine unermüdlichen Einzelkämpfer? Der Gelsenkirchener Sozialdemokrat Klaus Brandt lädt für Dienstag, dem 23. August 2016 um 18 Uhr auf den Rotthauser Friedhof ein. Am Jahrestag des Grubenunglücks von 1943 auf der Zeche Dahlbusch wird er an der Grabstätte ein Blumengebinde niederlegen, welches auch namentlich an die achtzehn Zwangsarbeiter erinnert, die nicht an dieser Stelle beerdigt wurden.

Denkmal zur Erinnerung an die toten Bergleute des Grubenunglücks vom 23. August 1943 auf dem Friedhof Rotthausen

Denkmal zur Erinnerung an die toten Bergleute des Grubenunglücks vom 23. August 1943 auf dem Friedhof Rotthausen.

Seit 2012 beschäftigt sich der Gelsenkirchener mit der Grabgestaltung und dem Denkmal für die Opfer des 1943er Grubenunglücks. Er kritisiert, dass die Grabgestaltung die damaligen Zwangsarbeiter unterschlägt.

Die Fakten: Am 23. August 1943 verloren durch eine Schlagwetter- und Kohlenstaubexplosion 34 Bergleute ihr Leben. Die deutschen Toten und ein italienischer Toter wurden in Einzelgräbern auf dem Rotthauser Friedhof bestattet, die 17 sowjetischen und ein polnischer Zwangsarbeiter kamen in ein Sammelgrab. 1947 wurden die toten Zwangsarbeiter auf den Ostfriedhof umgebettet. 1949 wurde das Denkmal an den Grabstellen für die deutschen Bergleute und dem italienischen Bergmann auf dem Rotthauser Friedhof errichtet.

2015 schlug Klaus Brandt vor, eine unbeschriftet gebliebene Grabplatte der Erinnerung an die achtzehn Zwangsarbeiter zu widmen, stieß aber mit seinem Formulierungsvorschlag bei Gelsendienste auf Granit. Auch die Bezirksvertretung Süd, an die er sich um Unterstützung wandte, wies sein Anliegen zurück. In der Begründung hieß es u.a.: „Die Würde des Friedhofs und seine Zweckbestimmung als Ort der Trauer und des Gedenken erfordern Sensibilität und politische Neutralität.“ Klaus Brandt ist nach wie vor anderer Ansicht und wird dies am Jahrestag kundtun.

Klaus Brandt (links im Bild) mit August Bebel und Andreas Jordan während der Antikriegstagsveranstaltung 2014

Klaus Brandt (links im Bild) mit August Bebel und Andreas Jordan während der Antikriegstagsveranstaltung 2014.

Phantasielose Denkmalkultur

Das "Kriegerdenkmal Schalker Verein" (1937) und die "Göttin der Wasserwirtschaft" (1992)

Das „Kriegerdenkmal Schalker Verein“ (1937) und die „Göttin der Wasserwirtschaft“ (1992)

„Ein Mahnmal mit Erklärungsbedarf“ titelte die lokale WAZ am 04.11.2015 zur Auseinandersetzung um das Nazi-Schwert. Wie recht sie hat – und wie eingeschränkt doch diese Frage – nicht nur von der WAZ – angegangen wird. Der Redakteur Jörn Stender schreibt: „Ein schwarzer, polierter Stein mit der Inschrift ‚Die Toten mahnen zum Frieden‘ steht bereits neben dem Denkmal. ‚In der Hoffnung, dass Aufklärung hilft‘ wird es laut Goch noch eine Texttafel geben.“ Texttafel, Inschrift – kommt denn niemand in dieser Stadtverwaltung, niemand in dieser „Demokratischen Initiative“ auf die Idee, dass man häßliche Nazi-Kunst auch künstlerisch kommentieren kann?

Dabei liegt ein möglicher Ansatz mit dem Denkmal anders umzugehen doch so nahe. Jörn Stender schreibt: „Einen Steinwurf entfernt steht, aus Rohren zusammen gedengelt, die bunte ‚Göttin der Wasserwirtschaft‘. Eine Skulptur, nicht schön, aber unumstritten.“ Gegen diese, wie er in seinem heute abgedruckten Leserbrief schreibt „beleidigende Wertung“, wehrt sich der Schöpfer der Göttin, der Künstler Achim Wagner. „Wenn man Ihren Artikel liest, kommt man zu dem Eindruck, dass Herr Nietsch und Herr Franke zwar Nazikunst schufen, ihre Arbeit jedoch nicht zusammengedengelt und im Gegensatz zur Göttin der Wasserwirtschaft auf jeden Fall ‚richtige‘ Kunst waren.“ Und weiter schreibt er, dass an seiner Arbeit nichts zusammengehämmert sei, „sie ist geschweißt, geschraubt, gepflastert, farblich gestaltet und besitzt im Gegensatz zu etwas ‚Zusammengeklopptem‘ die Eigenschaft, Jahrzehnte zu überdauern.“ Auch die „Göttin der Wasserwirtschaft“ ist auf dem Schalker Verein entstanden und sie erinnert an tausende verschwundene Arbeitsplätze. Für ihre Verlagerung gab Saint Gobain allerdings keinen müden Euro aus.

Doch vielleicht sind oder waren bei der Frage der Denkmalsaufstellung zu viele Historiker – und zu wenige Künstler beteiligt? Wie würde es beispielsweise wirken, wenn die „Göttin der Wasserwirtschaft“ aus dem Jahre 1992 dem „Kriegerdenkmal Schalker Verein“ aus dem Jahre 1937 direkt gegenübergestellt worden wäre? Beide sind auf dem Schalker Verein entstanden, beide sind unterschiedlicher, als man es sich nur vorstellen kann. Abstrakte Kunst, von den Nazis als „entartete Kunst“ ausgesondert direkt gegenüber dem platten Schwert aus Gussstahl? Oder welche anderen Ideen könnten Künstler dieser Stadt beitragen, um durch künstlerische Installationen aus dem Denkmal ein „antifaschistisches Gesamtkunstwerk“ (VVN-BdA) zu machen?

Denn die Forderung der Gelsenkirchener Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) an den Oberbürgermeister und Schirmherrn der „Demokratischen Initiative“, Frank Baranowski, besteht nach wie vor: „Daher fordern wir Sie nicht nur erneut auf, die Kundgebung der ‚Demokratischen Initiative‘ am 9. November 2015 an einen anderen Ort zu verlegen, sondern auch, sich dafür einzusetzen, dass aus dem Nazi-Schwert durch eine wirklich radikale Verfremdung ein antifaschistisches Gesamtkunstwerk wird. Hierzu bedarf es einer Aufforderung an die Künstler und Bürger der Stadt, um das wertlose Schandmal durch ganz unterschiedliche Installationen phantasievoll und kreativ einzurahmen und zu kommentieren. Dies mindert nicht den Denkmalwert, schafft aber eine klare Aussage aus der Gegenwart zum Objekt der Nazi-Barbarei.“

Kunst im öffentlichen Raum

Zwei Beispiele für Kunst im öffentlichen Raum in Gelsenkirchen.

Denkmal für die ermordeten Juden Europas

Nach meinem kurzen Beitrag zur Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin und meinem ausführlichen Beitrag zu den KZ-Gedenkstätten Buchenwald und Sachsenhausen folgt dieser (dritte) Beitrag der Reihe über ein lange kontrovers diskutiertes Denkmal in der Mitte Berlins: dem „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“, umgangssprachlich „Holocaust-Denkmal“ genannt.

Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin-Mitte im Juli 2008

Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin-Mitte im Juli 2008

Die Idee zu einem Denkmal an die ermordeten Juden reicht zurück in das Jahr 1988 und geht auf die Publizistin Lea Rosh und den Historiker Eberhard Jäckel zurück. Bereits das Ergebnis des ersten Wettbewerbes aus dem Jahr 1994 zeigte überdimensionierte Ausmaße und wurde 1995 vom damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl abgelehnt. Da sich seit der Vereinigung beider deutscher Staaten das Umfeld des geplanten Denkmalstandortes verändert hatte und von einer früheren Randlage der geteilten Stadt in die Mitte Berlins gerückt war, erzeugte das geplante Denkmal inzwischen auch eine größere öffentliche Aufmerksamkeit.

Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin-Mitte im Juli 2008

Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin-Mitte im Juli 2008

Auch ein neuer Entwurf 1997 des New Yorker Architekten Peter Eisenman zeigte einen Hang zur Gigantomanie. Der Entwurf wurde jedoch im weiteren Verlauf der Debatte und Planung verändert, die Zahl und Höhe der geplanten Steelen reduziert und es wurden Bäume eingeplant. In einem Fernsehbeitrag wurden die veränderten Entwürfe mit leichter Ironie als Eisenman II und Eisenman III bezeichnet. Zu den immer wieder vorgetragenen Kritikpunkten zählte die mangelnde Authentizität des Ortes angesichts vorhandener Gedenkstätten, die Einschränkung auf eine einzige Verfolgtengruppe unter Ausschluss anderer Gruppen sowie eine „künstlerische Beliebigkeit“. Auf Betreiben des Kulturstaatsministers Michael Naumann, der das Denkmal 1998 zuerst massiv kritisiert hatte, wurde es um einen unterirdischen „Ort der Information“ ergänzt.

Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin-Mitte im Juli 2008

Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin-Mitte im Juli 2008

Der Historiker Eberhard Jäckel betonte 1997 im Rahmen der Colloqien die Einzigartigkeit des Holocaust bzw. der Shoah, gleichwohl er diese Begriffe meidet, und begründete damit die Widmung des Denkmals „für die ermordeten Juden Europas“: „Es war neuartig und insofern, als es geschah, einzigartig, daß noch nie zuvor ein Staat beschlossen hatte, eine Gruppe von Menschen, die er als Juden kennzeichnete, einschließlich der Alten, der Frauen, der Kinder und Säuglinge ohne jegliche Prüfung des einzelnen Falles möglichst restlos zu töten, und diesen Beschluß mit staatlichen Maßnahmen und Machtmitteln in die Tat umsetzte, indem er die Angehörigen dieser Gruppe nicht nur tötete, wo immer er sie ergreifen konnte, sondern in vielen Fällen, zumeist über große Entfernungen und überwiegend aus anderen Ländern, in eigens zum Zweck der Tötung geschaffene Einrichtungen verbrachte.“ (Jäckel, Eberhard: Leitvortrag. 1. Sitzung, in: Colloquium Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Dokumentation. Hrsg.: Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur, Berlin 1997, S. 18-21, hier S. 19.)

Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin-Mitte im Juli 2008

Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin-Mitte im Juli 2008

Auch ist die Widmung des Denkmals „für die ermordeten Juden Europas“ lange Zeit nicht selbstverständlich gewesen. Nicht ohne Grund schrieb Jürgen Habermas in der ZEIT: „Es kann nicht darum gehen, ‘daß die Juden von uns Deutschen ein Holocaust-Denkmal erhalten’. Dieses muß im Kontext unserer politischen Kultur einen anderen Sinn haben. Mit dem Denkmal bekennen sich die heute lebenden Generationen der Nachkommen der Täter zu einem politischen Selbstverständnis, in das die Tat – das im Nationalsozialismus begangene und geduldete Menschheitsverbrechen – und damit die Erschütterung über das Unsagbare, das den Opfern angetan worden ist, als persistierende Beunruhigung und Mahnung eingebrannt ist.“ (Habermas, Jürgen: Der Zeigefinger. Die Deutschen und ihr Denkmal, in: Die Zeit, Nr.14 v. 31.3.1999.)

Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin-Mitte im Juli 2008

Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin-Mitte im Juli 2008

2003 wurde mit dem Bau des Denkmals begonnen und nach einer Kontroverse um die Beteiligung der Degussa AG, deren Tochtergesellschaft das Zyklon B für die Ermordung der Juden im Nationalsozialismus hergestellt hatte, wurde das Denkmal 2005 feierlich eröffnet. Seit der Eröffnung wird das Denkmal gut besucht und hat seinen Platz in Berlin gefunden. Es wird dabei in einer Weise und teilweise spielerisch erkundet, die man in einer KZ-Gedenkstätte am authentischen Ort kaum aushalten könnte.

Baustelle "Denkmal für die ermordeten Juden Europas" in Berlin im Juli 2000

Baustelle „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ in Berlin im Juli 2000