Archiv der Kategorie: Türkei

Faysal Sariyildiz (HDP) berichtete über die Situation in der Türkei

Faysal Sariyildiz HDPGeschätzt 50 Besucher fanden sich trotz der sehr kurzfristigen Einladung am heutigen Freitag im Werner-Goldschmidt-Salon zum „Roten Freitag“ ein. Als Referent zu einem sehr aktuellen Thema war der kurdisch-türkische Politiker und Parlamentsabgeordnete der HDP, der linksdemokratischen Partei der Völker, Faysal Sariyildiz, eingeladen. Unter den wie sich zeigte interessierten Besuchern waren alle Altersgruppen, Migranten und Deutsche vertreten.

Zweieinhalb Stunden berichtete Faysal Sariyildiz von der innenpolitischen Entwicklung und der gegenwärtigen Situation vor und nach dem Militärputschversuch in der Türkei, antwortete auf viele Fragen aus dem Publikum und machte die Verhältnisse deutlich. Er sprach türkisch und seine Worte wurden von Ayten Kaplan, Sprecherin der Die Linke, übersetzt. Hartmut Hering, ihr Sprecherkollege, moderierte die Veranstaltung.

Faysal Sariyildiz gehört zu den Abgeordneten, deren Immunität die Türkei aufgehoben hat, und ihm ist klar, dass er bei seiner Rückkehr sofort verhaftet werden wird. Er reist seit etwa 4 Monaten durch Europa und informierte in bislang 12 Ländern in über 40 Städte über die innenpolitische Situation in der Türkei. Er ist Augenzeuge eines Massakers in der südosttürkischen Stadt Cizre.

Als Deutscher, der weder die türkische noch die kurdische Sprache versteht, ist es schwierig, sich ein Bild von den Verhältnissen vor Ort zu machen, da mir die originalsprachlichen Nachrichtenquellen verschlossen bleiben. Mit Sariyildiz bot sich die Möglichkeit, die Einschätzungen und Problembeschreibungen eines persönlich Betroffenen zu hören, aus einem Land, dass sich vor unseren Augen offenbar in eine Diktatur verwandelt.

Supplement
In der örtlichen WAZ berichtet Inge Ansahl über die Veranstaltung ausführlich unter der Überschrift „Augenzeuge berichtet in Gelsenkirchen von Massakern“ und erwähnte die Veranstaltung auch Tags zuvor schon.

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Die Türkei auf dem Weg zur Erdogan-Diktatur?

Werner-Goldschmidt-Salon – Parteibüro von Die Linke und Veranstaltungsort, benannt nach dem Gelsenkirchener und jüdischen Widerstandskämpfer Werner Goldschmidt

Werner-Goldschmidt-Salon – Parteibüro von Die Linke und Veranstaltungsort, benannt nach dem Gelsenkirchener und jüdischen Widerstandskämpfer Werner Goldschmidt.

Die derzeitige Entwicklung in der Türkei muss alle demokratisch orientierten Menschen alarmieren. Sämtliche Anzeichen sprechen dafür, dass Präsident Erdogan den dilettantisch durchgeführten Militärputsch als Vorwand nutzen will, um die Türkei in eine klerikal  ausgerichtete Präsidialdiktatur zu verwandeln. Im Zuge einer gigantischen Säuberungswelle wurden bereits Zehntausende verhaftet oder ihres Amtes enthoben, Fernsehsender abgeschaltet und Journalisten mundtot gemacht. Kritiker des Regimes sehen sich einem enormen psychischen und teils auch physischen Druck ausgesetzt.

Authentische Informationen über die derzeitige Lage in der Türkei sind in der aktuell aufgeheizten Stimmung nur schwer zu bekommen. DIE LINKE.Gelsenkirchen konnte kurzfristig den HDP-Parlamentsabgeordneten Faysal Sariyildiz, der sich zurzeit in der Bundesrepublik aufhält, dafür gewinnen, uns aus erster Hand über die Ereignisse im Land zu informieren.

Die linksgerichtete HDP (Halkların Demokratik Partisi, Demokratische Partei der Völker) ist einer der wichtigsten innenpolitischen Gegner Erdogans und damit besonders von Verfolgung bedroht. Sie setzt sich für Minderheitenrechte und insbesondere für die kurdische Minderheit in der Türkei ein und ist derzeit mit 59 Abgeordneten im türkischen Parlament vertreten.

Faysal Sariyildiz hielt sich während der vom Erdogan-Regime verhängten Ausgangssperre in den kurdischen Städten Cizîr und Silopi auf und hat die lange vor dem Putsch begonnene Verfolgung der Kurden und die Behinderung der demokratischen Kräfte in der Türkei hautnah erlebt. Er wird unsere Fragen beantworten und mit uns über die gegenwärtige und künftige Entwicklung des Landes diskutieren.

Die Veranstaltung mit Faysal Sariyildiz findet statt am Freitag, 29. Juli 2016, 18.30 Uhr im Werner Goldschmidt-Salon, Wildenbruchstr. 15-17, 45888 Gelsenkirchen. Alle Interessierten sind dazu herzlich eingeladen.

Quelle: Ankündigung

24. April 1915 – Beginn des Völkermords an den Armeniern

Das hier ursprünglich verlinkte YouTube-Video wurde aufgrund von Urheberrechtsverletzungen gelöscht. Die 90minütige, 2010 für den NRD produzierte Dokumentation "Aghet" ist seit 2011 auf DVD-Video erhältlich.

Das hier ursprünglich verlinkte YouTube-Video wurde aufgrund von Urheberrechtsverletzungen gelöscht. Die 90minütige, 2010 für den NRD produzierte Dokumentation „Aghet“ ist seit 2011 auf DVD-Video erhältlich.

Im vergangenen Jahr stand die Erinnerung an den Beginn des Ersten Weltkrieges hundert Jahre zuvor im Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit. „Runde“ Gedenktage bieten die Chance auf erhöhte Aufmerksamkeit der Medien und der Öffentlichkeit, bieten die Möglichkeit, nicht nur an zurückliegende Ereignisse zu erinnern, sondern über ihre Bedeutung und Auswirkung für die Gegenwart nachzudenken.

In diesem Jahr vor hundert Jahren befand sich die Welt noch immer im Ersten Weltkrieg. An die Seite des Deutschen Kaiserreiches und Österreich-Ungarns war bereits seit Ende 1914 das Osmanische Reich in den Weltkrieg eingetreten. Es umfasste zum damaligen Zeitpunkt nach jahrhundertelangem Abstieg ungefähr das Territorium der heutigen Türkei sowie das Syriens, des Iraks, Jordaniens, des Libanons, Israels und Palästinas. Das Osmanische Reich war ein multiethnischer Staat, in dem neben den herrschenden muslimischen Türken seit Jahrhunderten nationale und religiöse Minderheiten lebten, neben muslimischen Türken und Kurden auch christliche Armenier. Christen galten als Bürger zweiter Klasse und mussten beispielsweise höhere Steuern als Muslime zahlen. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts hatte es Pogrome gegen Armenier gegeben.

Am 24. April 1915, heute vor hundert Jahren, begann der Völkermord mit der Verhaftung und Deportation der armenischen Elite aus der Hauptstadt Konstantinopel. Dieser Tag wird in der Republik Armenien, die aus der ehemaligen armenischen Sowjetrepublik gebildet wurde, als Genozid-Gedenktag begangen. Die Armenier selbst bezeichnen den Völkermord als „Aghet“, als Katastrophe. Der Nachfolgestaat des Osmanischen Reichs, die Türkische Republik, bestreitet bis heute dass es sich um einen Völkermord gehandelt habe, obwohl die Massaker und Todesmärsche durch umfangreiches dokumentarisches Material unter anderem auch im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes belegt sind und weltweit die meisten Historiker den Völkermord als historische Tatsache ansehen.

Zu den Ursachen des Genozids gehörten der sich am Vorbild der europäischen Nationalstaaten orientierende erwachende Nationalismus und soziale Gegensätze zwischen Armeniern, Kurden und Türken. Mit dem Staatsstreich der „Jungtürken“ um Enver Pascha, Talat Pascha und Cemal Pascha 1913 gewannen nationalistische und pantürkische Vorstellungen die Oberhand in der Regierung. Nach dem Kriegseintritt und militärischen Niederlagen gegen die russische Armee im Kaukasus 1914/15 sowie dem Vordringen russischer Truppen auf osmanisches Gebiet machte die türkische Führung „die Armenier“ kollektiv verantwortlich und nahm die Bedrohung durch die russische Armee zum Anlass die armenische Bevölkerung auch aus frontfernen Gebieten zu deportieren. Ein Aufstand der Armenier in der Stadt Van im April 1915 diente dabei als willkommene Rechtfertigung.

Das Muster der Ereignisse erinnert an heute bekannte „ethnische Säuberungen“ bzw. Völkermorde: Die armenische Bevölkerung, falls sie nicht zum Islam übertrat, musste kurzfristig ihre Habe weit unter Wert verkaufen oder ganz zurücklassen und ihren Wohnort zu Fuß oder in Eisenbahnwaggons zusammengedrängt verlassen. Sie wurde zunächst an einigen Orten konzentriert und dann auf wochenlange Todesmärsche in die Wüste geschickt. Männer und Frauen wurden getrennt, Männer – zum Teil bestialisch – ermordet, Mädchen und Frauen ausgeraubt, vergewaltigt, verkauft, ermordet, Kinder entführt und islamisiert. Zurückgelassene Habe der Deportierten wurde von den Nachbarn geplündert oder per Gesetz enteignet. Schulen, Kirchen und Klöster wurden geplündert, zerstört oder in Moscheen umgewandelt; die westarmenische Kultur komplett ausgelöscht.

Das deutsche Kaiserreich, der Verbündete des Osmanischen Reiches im Ersten Weltkrieg, verzichtete auf eine Einflussnahme, um, wie es Reichskanzler von Bethmann-Hollweg ausdrückte, „die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig ob darüber die Armenier zu Grunde gehen oder nicht.“ Deutschland machte sich damit mitschuldig am Völkermord.

Wer sich heute mit den Dokumenten der Zeit beschäftigt, wird überrascht sein, wie viele Zeugenberichte vorliegen. Im Dokumentarfilm „Aghet – Ein Völkermord“, den Eric Friedler 2010 für den NDR produzierte, wurde eine kleine Auswahl schriftlicher Berichte von Zeitzeugen durch Schauspieler nachgesprochen. Viele Dokumente befinden sich in Deutschland im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes. Sie enthalten zahlreiche Berichte von Diplomaten, Militärbeobachtern, Missionaren, medizinischem Personal, Journalisten, Ingenieuren etc., die damals nicht für die Öffentlichkeit, sondern zur Unterrichtung der deutschen Stellen verfasst wurden. Weitere Dokumente lagern u.a. im Österreichischen Staatsarchiv in Wien, im Geheimarchiv des Vatikan und in US-amerikanischen Archiven. Augenzeugenberichte stammen u.a. von Missionaren aus Dänemark, der Schweiz und den Niederlanden sowie von Überlebenden.

Die türkische Regierung leugnet nicht nur den Völkermord, sondern setzt bis in die Gegenwart diplomatische Mittel ein, um eine Anerkennung des Völkermords durch andere Länder zu verhindern. Die Bevölkerung ist da schon weiter. Nach der Ermordung des Journalisten Hrant Dink durch einen 17jährigen, der seine türkische Ehre beleidigt fühlte, demonstrierten 200.000 Türken anlässlich der Beerdigung des Journalisten in Istanbul mit Schildern „Ich bin ein Armenier“. Angesichts dessen ist der jüngste diplomatische Eiertanz der deutschen Bundesregierung einfach nur unsäglich peinlich. Diese stellt sich damit in die Tradition der kaiserlichen Reichsregierung von 1915, die einen wichtigen Verbündeten nicht öffentlich bloßstellen wollte und dafür einen Völkermord in Kauf nahm.

Quellen:
Völkermord an den Armeniern, https://de.wikipedia.org/wiki/Völkermord_an_den_Armeniern
Gust, Wolfgang (Hg.): Der Völkermord an den Armeniern 1915/16. Dokumente aus dem Politischen Archiv des deutschen Auswärtigen Amts, Springe 2005