Archiv für den Monat April 2021

Vom Ostermarsch bis zum 8. Mai

Hildegard vom Friedensforum Gelsenkirchen am antifaschistischen Mahnmal mit Blumen und Friedenstaube.

Wie schon im vergangenen Jahr kümmert sich das Friedensforum Gelsenkirchen um den Blumenschmuck am antifaschistischen Mahnmal zwischen dem Ostermarsch und dem 8. Mai.

Die Verbindung der beiden Termine, der Ostermarsch für Frieden und Abrüstung und der 8. Mai, der Tag der Befreiung Europas vom Faschismus, illustriert die antifaschistische Losung „Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus!“

Zugleich weist diese Aktion darauf hin, dass auch in diesem Jahr um den 8. Mai Veranstaltungen des Gelsenkirchener Aktionsbündnis gegen Rassismus und Ausgrenzung in Vorbereitung sind, die die Forderung, den 8. Mai als Tag der Befreiung zum Feiertag zu machen, unterstützen.

Rede zum Ostermarsch 2021 in Gelsenkirchen

Susanne Franke beim diesjährigen Ostermarsch-Empfang im Stadtgarten Gelsenkirchen vor dem antifaschistischen Mahnmal.

Dokumentation der Ostermarsch-Rede von Susanne Franke, Schalker Fan-Initiative e.V., Schalker gegen Rassismus und Diskriminierung

Soziale Abrüstung
Es gilt das gesprochene Wort

Vielen Dank an das Friedensforum Gelsenkirchen dafür, dass ich diese Rede halten darf.
Dank noch mehr dafür, dass mich die Frage so sehr ans Nachdenken brachte.

1965 in Gelsenkirchen geboren, lief ich Anfang der 80er Jahre bei den Ostermärschen mit, mit meiner Schwester, meinem Schwager, mit Freunden. In der Zeit des „Kalten Krieges“ zwischen den zwei dominanten Blöcken Nato und Warschauer Pakt.

Im Kalten Krieg war das Thema Rüstung omnipräsent. Auch politisch nicht interessierte Menschen kannten Waffennamen, kannten die „Pershing“ und „Cruise Missile“. 1981 kam die Platte “Red Skies over Paradise” von Fischer Z raus, mit dem Song „Cruise Missiles“ und dem Titelsong, der wirklich die Sorge vieler junger Leute beschrieb: „Unten in ihren Bunkern unter dem Meer drücken die Männer die Knöpfe, denen ich völlig egal bin.“

Die große Bewegung, Bewegung auch im wörtlichen Sinn, die die internationale Rüstungspolitik in Deutschland auslöste, gibt es jetzt nicht mehr. Und das nicht, weil das Thema keine Relevanz mehr hätte. Der Aufruf zum Ostermarsch benennt ja die Problemfelder klar, zum Beispiel, in welchem Verhältnis der Militäretat zum Gesundsheitsetat steht, dass der UN-Atomwaffenverbotsvertrag nicht unterzeichnet ist, oder dass natürlich Rüstung und Klimawandel etwas miteinander zu tun haben.

Wie sich die „Eindeutigkeit“ der gemeinsamen Ziele (wenn auch nicht der gemeinsamen Mittel) in den 80er aufgefächert hat, zeigt der Aufruf auch: Er reicht vom Widerstand gegen die Hochrüstung bis zu dem gegen rechte Ideologien und Organisationen. Die sind die auch in Gelsenkirchen immer wieder sichtbar und aktiv, wenn auch nicht dominant.

All dies bringt jetzt keine Zehntausende (oder gar Hunderttausende) in die Diskussion – und auch nicht auf die Straßen. Die gesellschaftspolitische Entwicklung und Dynamik hinter dieser Veränderung kann ich nicht angemessen analysieren, nur den Faden der persönlichen Reflexion wieder aufnehmen. Während ich also zum ersten Mal seit langem wieder für eine Veranstaltung der Friedensbewegung in Gelsenkirchen bin, bin ich regelmäßig als Aktive der Schalker Fan-Initiative hier.

Die wurde 1992 als „Schalker gegen Rassismus“ gegründet, um das Parkstadion zur „nazifreien Zone“ zu machen, und um die rassistischen Gesänge gegen Spieler zu verbannen. Das Zeitgefühl der frühen 90er spiegelt sich in den Unwörtern des Jahres:
1991 ausländerfrei
1992 ethnische Säuberung
1993 Überfremdung
Und das waren nicht nur Worte, das waren auch Taten – die rechtsextremen Angriffe gegen eingewanderte Menschen und Asylbewerber nahmen zu. Wir alle erinnern uns Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, Mölln und Solingen.

Der meist verbalen aggressiven Ausgrenzung in den Stadien wollten die Aktiven der Fan-Initiative ein Wir entgegenstellen. Ein Wir, dass Fans jeder Herkunft einschliesst. Zumindest mal in der Schalker Fanszene. Und, so die weiteren Ziele: Mit möglichst viel kommunikativer Ausstrahlung in die Medien, Wirkung in die Stadt, und in andere Fanszenen.

Der Start war fast einfach: Eine Entscheidung, ein Name, ein Logo, ein Banner – die öffentlichen Auftritte der Schalker gegen Rassismus, ihre Aussagen und Flugblätter brachten viel mediale Aufmerksamkeit und nach und nach auch die Unterstützung von Spielern, und Bürgern der Stadt Gelsenkirchen. Es wurde klar, wie viel mehr Themen dazu gehörten. Und natürlich, wie sehr der respektvolle Umgang untereinander eine klare Haltung gegen Sexismus beinhalten muss, auch beim Bier im Stadion. Wie viel dafür selbst heute noch zu tun ist, hat das Programm hier in Gelsenkirchen um die Wanderausstellung „fan.tastic females“ gezeigt: Alle Frauen im Austausch kannten dumme und dennoch schmerzhafte (mindestens) verbale Übergriffe. Also arbeitet auch in diesen Wochen eine Gruppe von Frauen aus der Fanszene und der Geschäftsstelle des Vereins miteinander an Ideen und Maßnahmen für Gleichstellung.

Nur mit Partnern konnte die Fan-Initiative dann wirklich nachhaltig und vielfältig werden. Viele davon kennen wir aus dem Fußballumfeld, wie das Fanprojekt oder andere Fanorganisationen.

Andere, nicht so „typische“, fanden wir in der Stadt, und wir sind sehr dankbar dafür. So wie „The Point“, das schwul-lesbische Jugendzentrum in Gelsenkirchen. Vor 15 Jahren gab es wenig Problembewusstsein, wenn immer wieder Beschimpfungen wie „schwule Sau“ gerufen wurden. (Einige haben’s ja heute noch nicht verstanden…) Im Oktober 2006 begann die Zusammenarbeit mit der Posteraktion „Out auf Schalke. Schwule und Lesben gibt es in jedem Stadion“. Wieder einmal fanden wir Unterstützung, und konnten die Aktion zum Beispiel vor einem Heimspiel im Stadion präsentieren.
Wie wichtig das Thema aber war, zeigte die Tatsache, dass das Aktionsplakat geändert werden musste. Die Mutter einer Minderjährigen stimmte der Veröffentlichung nicht zu, aus Sorge um die Reaktionen ihres sozialen Umfeldes. Ihre Entscheidung brachte uns in logistische Nöte – und hatte natürlich unser volles Verständnis.

Auch die Jüdische Gemeinde ist ein wichtiger Partner für die Fan-Initiative, mit vielen guten gemeinsamen Veranstaltungen. 2011 waren viele Menschen überrascht, die Wanderausstellung „Tatort Stadion“ in der Synagoge zu besuchen. Und viele davon waren noch nie in einer Synagoge gewesen, und freuten sich – neben der Ausstellung selbst – über die Offenheit der Gemeinde, die Nähe und die Informationen.

Nicht übereinander, sondern miteinander reden galt auch für die Begegnungen mit geflüchteten Menschen in Gelsenkirchen. Mit dem Fanprojekt wurde zweimal „The world is cooking“ veranstaltet, bei dem geflüchtete Menschen für Gäste kochten, und ins Gespräch kamen. Fußball spielten wir natürlich auch miteinander.

Unsere Aktivitäten wissen um die Begrenzung ihrer Reichweite, und verstehen sich nicht als klassische Friedensarbeit. Im guten Fall bilden sie die Basis dafür, gemeinsam Kraft für die großen Themen zu entwickeln.

Und so freue ich mich, heute in meiner Heimatstadt mit dem Aufruf zum Ostermarsch sagen zu dürfen:
Den menschenfeindlichen Umtrieben von AfD, der NPD, PEGIDA und der RECHTEN, von Identitären und Reichsbürgern stellen wir uns entgegen!

Glück auf,
und friedliche Ostern.

Schalker Fani-Ini mit zerschmetterten Hakenkreuzen.

Ostermarsch 2021 wieder auf der Straße!

Ostermarsch in Gelsenkirchen 2021.

Gleich in mehrfacher Hinsicht hat mich der heutige Ostermarsch-Empfang im Gelsenkirchener Stadtgarten überrascht. Entgegen meinen eigenen Bedenken waren nicht nur zahlreiche Gelsenkirchener ab 10.30 Uhr anwesend, sondern war auch der aus Essen kommende Fahrrad-Korso größer als gedacht. Mehrere Gelsenkirchener:innen schlossen sich ihm dann in Richtung Bochum an.

Bereits seit halb 10 waren unter der musikalischen Begleitung von Norbert Labatzki die fleißigen Helfer:innen des Friedensforums Gelsenkirchen mit den Vorbereitungen zugange. Ein kleiner Stand mit farbigen Ostereiern und kleinen Snacks vor dem Musikpavillion und die Lautsprecheranlage vor dem antifaschistischen Mahnmal mussten aufgebaut, Markierungspunkte für das Einhalten der Abstände auf dem Boden gesprüht werden.

Der Fahrrad-Korso aus Essen …

Das Gelsenkirchener Aktionsbündnis gegen Rassismus und Ausgrenzung hatte neben dem Friedensforum einen Stand mit Infomaterial wie der „Zeitung gegen den Krieg“ zum Mitnehmen aufgebaut. Die MLPD sammelte Unterschriften für ihre Kampagne „Gib Antikommunismus keine Chance“ und die DKP Unterschriften für ihren Wahlantritt zur Bundestagswahl. Bündnisgrüne und Linke und auch die Gelsenkirchener VVN-BdA hatten angesichts der Pandemielage auf ihre traditionellen Infostände dieses Mal verzichtet.

Gottfried vom Friedensforum erläuterte den Hintergrund des antifaschistischen Mahnmals …

Der eintreffende Fahrrad-Korso aus Essen, größer als von mir erwartet, wurde von Hildegard vom Friedensforum begrüßt. Norbert Labatzki führte nicht nur musikalisch den Gang zum antifaschistischen Mahnmal an. Dort wurden die Ostermarschierer:innen von Gottfried vom Friedensforum begrüßt, der auf den Entstehungszusammenhang des Mahnmals hinwies.

Susanne Franke von der Schalker Fan-Ini berichtet von der Arbeit der Ini gegen Rassismus und Diskriminierung im Sport.

Die traditionelle Rede hielt dieses Mal Dr. Susanne Franke von der Schalker Fan-Initiative e.V., Schalker gegen Rassismus und Diskriminierung. Sie berichtete von der Gründung und der Arbeit der Schalker Fan-Ini, den Schwierigkeiten und den Chancen. Nicht zuletzt aus diesem Grund tauchten neben den tradionellen Friedens- und Parteifahnen auch zwei große Fahnen der Schalker Fan-Ini mit dem zerschmetterten Hakenkreuz auf.

Das zerschmetterte Hakenkreuz zeigt deutlich die Position der Schalker Fan-Ini.

Alles in allem angesichts Pandemielage und kaltem Wetter ein gut besuchter Ostermarsch. Dazu beigetragen haben dürfte nicht zuletzt die komplette Verlagerung in die Computerwelt im vergangenen Jahr. In diesem Jahr wollten wohl wieder mehr Menschen zeigen, wie wichtig es ist, in der realen Welt Ostern für den Frieden zu marschieren.

Ostermarsch Rhein Ruhr 2021 im Stadtgarten am antifaschistischen Mahnmal – mit Maske und Abstand!