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Jugendliche Mitmenschlichkeit contra bürgerliche Kälte

Gestern Abend fand im Stadtsüden eine Veranstaltung statt, die mit „Kino im Subversiv“ nur sehr unzureichend bezeichnet ist. Das Gelsenkirchener Aktionsbündnis gegen Rassismus und Ausgrenzung zeigte nicht nur den Film „Juventa, Seenotrettung – Ein Akt der Menschlichkeit“ von Michele Cinque. Im Anschluss stellte sich noch ein ehemaliges Mitglied der Schiffscrew den Fragen der Zuschauerinnen und Zuschauer und berichtete lange aus eigener Erfahrung über Schwierigkeiten und Hintergründe der Rettungsaktivitäten im Mittelmeer. Trotz der Hitzewelle hatten sich rund 30 Menschen in das Ladenlokal an der Bochumer Straße eingefunden. Erst gegen 23 Uhr hatte der größte Teil des Publikums das Freiraumprojekt in Ückendorf verlassen.

Der Film zeigt die Geschichte einer Gruppe junger engagierter Leute, die im Herbst 2015 in Berlin die Initiative „Jugend rettet“ gründet. Über eine Crowdfunding-Kampagne kaufen sie einen umgebauten Fischkutter und taufen ihn auf den Namen „Juventa“. Im darauffolgenden Jahr startet ihr Schiff zu seiner ersten Mission und schließt sich den Schiffen verschiedener NGOs, der italienischen Küstenwache sowie der Marine an. Nach fast zwei Jahren Einsatz und etwa 14.000 auf hoher See geretteter Menschen wurde im August 2017 das Schiff überraschend beschlagnahmt und von den italienischen Behörden in Lampedusa festgesetzt.

Über ein Jahr lang verfolgt der Film das Leben der jungen Besatzung, fängt die gesamte Spanne der Mission ein, beginnend mit dem Moment, in dem sie in See stechen und ihr unglaubliches Vorhaben wahr wird, bis zu dem Punkt, an dem dieses mit den politischen Realitäten kollidiert. Beeindruckend sind die Aufnahmen von den Rettungsaktionen auf dem Meer, die Gespräche mit den Geretteten und die Darstellung ihrer Lebendigkeit. Den inzwischen angeklagten Besatzungsmitgliedern, dies zeigt der Film nicht mehr, wird Beihilfe zur illegalen Einwanderung, mit hohen Strafen bewehrt, vorgeworfen.

Dabei ist es in diesem Fall Italien, das unrechtmäßig handelt und die jugendlichen Seenotretter kriminalisiert. Nach internationalem Seerecht sind Schiffbrüchige in den nächstgelegenen, sicheren Hafen zu bringen. Das Bürgerkriegsland Libyen mit seinen an KZs erinnernden „Internierungslagern“, in denen Folter und Vergewaltigung herrscht, und aus dem die Schiffbrüchigen geflohen sind, erfüllt dieses Kriterium nicht. Zuletzt ging der Fall der 31jährigen deutschen Kapitänin der Sea-Watch 3, Carola Rackete, durch die Medien, die nach über zweiwöchiger Hängepartie mehrere Dutzend Geflüchtete in den Hafen der italienischen Insel Lampedusa brachte und dafür beleidigt und verhaftet wurde.

Doch greift es zu kurz, nur Italien zu kritisieren, das wie Griechenland mit den Geflüchteten alleine gelassen wird. Die ganze Europäische Union versagt in dieser Frage vollkommen. Statt alles daran zu setzen, Menschenleben zu retten, erleben wir von Seiten der europäischen Nationalstaaten einen Tiefpunkt an Solidarität und Menschlichkeit. Die staatliche Seenotrettung wurde eingestellt, die zivile Seenotrettung wird aktiv behindert und kriminalisiert und es erfolgt eine Zusammenarbeit mit der paramilitärischen Organisation eines von der westlichen Welt zerstörten Staates wie der sogenannten libyschen Küstenwache.

Die Grenze für die Geltung sogenannter westlicher Werte setzt offenbar die Hautfarbe. Wir brauchen uns über den Rassismus in unseren Städten nicht zu wundern, wenn die gesamte offizielle Politik in Wirklichkeit rassistisch ist. Statt Fluchtursachen werden Geflüchtete bekämpft. Bewundernswert dagegen ist das Engagement junger Menschen, die ihre Lebensplanung ändern und sich mit ihren Mitteln gegen diese Politik stemmen.

Mitveranstalter im Rahmen des Gelsenkirchener Aktionsbündnisses gegen Rassismus und Ausgrenzung war neben dem Subversiv auch die VVN-BdA Gelsenkirchen. In der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes ist die Erinnerung daran wach, dass viele Menschen die Nazi-Barbarei nur dadurch überleben konnten, dass sie in ein sicheres Land flohen.

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„Keine Alternative“ im Alfred-Zingler-Haus

Falk Mikosch während seiner Vortrags am 22.05.2019 im Alfred-Zingler-Haus.

Zur vorletzten Veranstaltung des Aktionsbündnisses gegen Rassismus und Ausgrenzung im Rahmen der Aktionswochen für ein friedliches, demokratisches und weltoffenes Europa luden die Schalker Fan-Initiative und die VVN-BdA Gelsenkirchen heute in das Alfred-Zingler-Haus ein.

Zum Thema „Keine Alternative – Rassismus, Nationalismus und die Verstrickungen in die extreme Rechte – eine kritische Betrachtung der AfD“ referierte kenntnisreich Falk Mikosch, Sprecher der VVN-BdA NRW. Er beschränkte sich dabei nicht alleine auf die AfD, sondern zeigte Vernetzungen und Verknüpfungen auf, die die Rechtsextremen und Faschisten miteinander verbinden. Und er blieb auch nicht bei der Bestandsaufnahme, sondern ging in seinem Vortrag auch der Frage nach, was wir gegen die Rechtsentwicklung tun können.

Diese Frage war dann auch das Thema der sich anschließenden und lebhaften Diskussion des Publikums. Selbstverständlich konnten wir an diesem Abend keine Lösung finden. Allerdings wurde in der Debatte durchaus deutlich, dass es nicht ausreicht, dazu aufzurufen, anstelle der AfD wieder SPD oder CDU zu wählen. Wichtig sind vielmehr Aktivitäten, die den demokratischen Teil der Gesellschaft Handlungsfähigkeit zurückgewinnen lassen.

„Ein jüdischer Antifaschist in den Reihen der Résistance“

Alice und Juri am 17.05.2019 im Subversiv Gelsenkirchen.

Rund 3000 Deutsche kämpften in der französischen Résistance, eine Tatsache, die in Deutschland und selbst in Frankreich bis heute weitgehend unbekannt ist. Im Subversiv im Gelsenkirchener Stadtsüden waren gestern die Tochter und der Enkel von Peter Gingold zu Gast und berichteten aus dem bewegten Leben ihrer Familie. Vor einem bunt gemischten Publikum, die das Subversiv teilweise zum ersten Mal kennen lernte, ließen Alice und Juri die Vergangenheit lebendig werden.

Kein Ton war aus dem Publikum zu vernehmen, während Alice aus ihrer Familiengeschichte erzählte. Ergänzt wurden ihre Erzählungen mit Passagen aus der Autobiografie Peter Gingolds, die Alice Sohn Juri vorlas. Zudem wurden kleine Filmszenen eingespielt, in denen unter anderem auch Peter selbst zu Wort kam. In Deutschland aufgewachsen, floh die Familie 1933 vor den Nazis nach Frankreich. In Paris engagierte sich Peter wie zuvor in Deutschland in einer Gruppe junger deutscher Antifaschistinnen und Antifaschisten. Hier lernte er seine spätere Frau Etti Stein-Haller kennen. Alice wurde Anfang Juni 1940 geboren, als die Deutsche Wehrmacht bereits kurz vor der französischen Hauptstadt stand. Nach der Besetzung Frankreichs durch Nazi-Deutschland schloß sich Peter der Résistance an und lebte im Untergrund. Als 1942 die Deportationen jüdischer Menschen begannen, brachten Etti und ihre Familie Alice und andere Kinder unter falschen Namen bei einer Bauersfamilie unter. Ende 1942 wurde Peter von der Gestapo verhaftet, doch gelang ihm die Flucht. Der Titel seiner Autobiografie „Paris – Boulevard St. Martin No. 11“ nennt die Adresse, bei der ihm die unglaubliche Flucht aus den Fängen der Gestapo gelang.

Nach 1945 kehrte das Ehepaar in das zerstörte Frankfurt am Main zurück. Peter engagierte sich in der KPD, die 1956 verboten wurde. Ebenfalls 1956 entdeckte ein Beamter, dass sie nach ihrer Rückkehr aus der Emigration zu Unrecht deutsche Pässe erhalten hatten, die Eltern waren polnische Juden gewesen. So wurde die Familie staatenlos. Erst nach vielen Protesten erhielten sie die deutsche Staatsbürgerschaft zurück. Nicht zuletzt aufgrund dieser Erfahrung engagierte sich Peter als Zeitzeuge. Auch Alice Schwester Silvia musste erfahren, dass ein politisches Engagement im demokratischen Staat nicht unbedingt zum Vorteil gereicht, sie erhielt Berufsverbot und durfte erst später als Lehrerin nur im Angestelltenverhältnis arbeiten. Bis heute wird sie vom Verfassungsschutz beobachtet, weil sie auf Veranstaltungen beispielsweise der VVN-BdA aus der Autobiografie ihres Vaters liest.

Welche Bedeutung Geschichte für die Gegenwart hat, machten Alice und Juri deutlich, als es um die Erfahrungen als Flüchtling in Frankreich ging, um die Situation der Flüchtlinge in der Gegenwart zu verstehen. So hat sich ihr Vater gegen die weitgehende Abschaffung des Asylrechts im Grundgesetz eingesetzt. Den Abschluss bildete ein Ausschnitt einer Rede von Peter in der Gesamtschule Ingelheim, in der er die Schüler aufforderte, sich heute zu engagieren, und nicht zu warten, bis es so schwer geworden ist wie zu seiner Zeit. Ein besseres Schlusswort konnte es nicht geben.

Bei der Veranstaltung handelte es sich um eine Kooperation der Schalker Faninitiative e.V., des Freiraumprojektes Subversiv und der Gelsenkirchener VVN-BdA im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Aktionswochen für ein friedliches, demokratisches und weltoffenes Europa“ des Gelsenkirchener Aktionsbündnisses gegen Rassismus und Ausgrenzung. Unter dem Namen „Kinder des Widerstandes“ haben sich Kinder und Enkel von Verfolgten des Naziregimes zusammengefunden und führen die Arbeit ihrer Eltern oder Großeltern in einer besonderen Art der Zeitzeugenarbeit fort.

Am Jahrestag der Befreiung in Buchenwald

Gedenkstätte Buchenwald 2019: Blick aus dem ehemaligen Häftlingslager zum Torgebäude.

25 ehemalige Häftlinge des KZ Buchenwald aus 19 Ländern, darunter aus Frankreich, Israel, Polen, der Ukraine und Weißrussland, waren zum 74. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers auf den Ettersberg bei Weimar gekommen. Bei authentischem „Buchenwald-Wetter“, es war nasskalt, Nebel und Schneegriesel herrschte im ehemaligen Lager, erinnerten sie gemeinsam mit Nachkommen und weiteren Antifaschistinnen und Antifaschisten an die Ermordeten und Überlebenden des Nazi-Terrors.

Mit der inzwischen sechsten Gedenkstättenfahrt setzten die DGB-Jugend MEO (Mühlheim Essen Oberhausen) und die VVN-BdA Essen die Tradition der gemeinsamen Fahrten zu Orten des Nazi-Terrors fort. Nach Esterwegen (2014), Buchenwald (2016), Neuengamme (2017), Dachau und Sachsenhausen (2018) ging die Fahrt am 13./14. April 2019 erneut in die Gedenkstätte Buchenwald. Die Fahrt, die für Jugendliche bis 27 Jahre kostenfrei ist, war wie auch bei den zurückliegenden Fahrten gut besucht.

Anlass für die gemeinsame Reise war die Baumpflanzung in Weimar zum Gedenken an 520 jüdische Frauen, die in einem Außenlager des KZ Buchenwald in der Essener Humboldstraße für Krupp Zwangsarbeit leisten mussten. Durch die Gedenkstätte führten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit Gerd Hoffmann (den einige schon vom Besuch der Gedenkstätte Sachsenhausen kannten) und Reinhold Loch zwei Mitglieder der VVN-BdA aus Frankfurt/Oder bzw. Essen. Den Abschluss fand das Wochenende mit der Teilnahme an der Befreiungsfeier im 74. Jahr nach der Selbstbefreiung am 11. April 1945.

Wer die Thüringische Stadt Weimar besucht, kommt an Goethe und Schiller nicht vorbei. Goethes Wohnhaus, das Schillerhaus, Straßennamen, Hinweisschilder, Gedenktafeln und das Denkmal auf dem Theaterplatz vor dem Deutschen Nationaltheater erinnern an die Zeit der Weimarer bzw. Deutschen Klassik. Als Leitideen der Weimarer Klassik nennt Meyers Taschenlexikon aus dem Jahre 1985 „Harmonie und Humanität“. Nach dem Tagungsort der Nationalversammlung wurde auch die 1919 gegründete erste deutsche Republik „Weimarer Republik“ benannt. Ganz im Gegensatz zu diesen Traditionen steht die Nazi-Barbarei, die gleichwohl Goethe und Schiller vereinnahmte.

Eines der vielen Ausstellungsstücke in der Dauerausstellung der Gedenkstätte: ein Werbeprospekt für das „Gauforum“.

Spuren aus der Nazi-Zeit findet man auch heute noch in Weimar. So beherrscht den heutigen Weimarplatz das „Gauforum“, ein gigantisches Gebäudeensemble in faschistischer Ästhetik, welches die zentrale Gau-Verwaltung der NSDAP aufnahm. In den bestehenden und denkmalgeschützten Gebäuden ist heute das Thüringer Landesverwaltungsamt untergebracht, in der ehemaligen zum Gebäudeensemble gehörenden „Halle der Volksgemeinschaft“ befindet sich ein Einkaufszentrum.

Auf dem nahen Ettersberg, früher ein Naherholungsgebiet, befinden sich die baulichen Überreste des einstigen Konzentrationslagers Buchenwald. Das zu den größten nationalsozialistischen Konzentrationslagern gehörende KZ bestand von 1937 bis 1945. Weit über 250.000 Häftlinge befanden sich im System dieses Lagers einschließlich seiner Außenlager, zu denen auch Außenlager in Essen, Gelsenkirchen und anderen Ruhrgebietsstädten gehörten. Im Gegensatz zu den Vernichtungsorten im Osten, in denen der industrielle Massenmord stattfand, galt hier das Nazi-Prinzip der „Vernichtung durch Arbeit“. Etwa 56.000 Menschen fanden im KZ Buchenwald und seinen Außenlagern den Tod.

Der Schriftzug „Jedem das Seine“ zeigt den Zynismus der Nazis.

Das berühmte Lagertor mit der Inschrift „Jedem das Seine“ zeigt den Zynismus der Nazis, die einen Satz aus dem alten Rom, der für Gerechtigkeit für Jeden stand, im Sinne ihrer rassistischen und menschenfeindlichen Ideologie umdeuteten. Die Schrift war bei geschlossenem Tor für die Häftlinge zu lesen.

Zugleich ist Buchenwald das einzige Konzentrationslager, das sich selbst befreien konnte. Es war den politischen Häftlingen aus den verschiedenen europäischen Ländern gelungen, eine internationale Widerstandsorganisation zu bilden. In den letzten Apriltagen widersetzten sie sich zunehmend den Anweisungen der SS, organisierten Waffen und planten den Widerstand. Sie wussten, dass die SS sie bei einer sogenannten „Evakuierung“ des Lagers ermorden würde. Angesichts der herannahenden US-Armee gelang ihnen die Übernahme des Lagers und somit die Rettung zahlreicher Leben. Im Lager befanden sich zu diesem Zeitpunkt noch rund 21.000 Häftlinge, darunter 904 Kinder und Jugendliche. Als die US-Army eintraf, fand sie das befreite Lager vor.

Baumpflanzung auf dem Gelände des ehemaligen Gustloff-Werk I in Weimar zum Gedenken an Essener Zwangsarbeiterinnen.

In Weimar wie in Buchenwald waren die Häftlinge in der Rüstungsindustrie eingesetzt worden. In der Nähe des KZs war das Gustloff-Werk II errichtet worden, dass bei einem Luftangriff zerstört wurde. Ebenso erging es dem Gustloff-Werk I in Weimar. Auf dem ehemaligen Werksgelände in Weimar wurden im Rahmen des Projektes „1000 Buchen“ des Lebenshilfewerkes Weimar/Apolda am Samstag, den 13. April 2019 mehrere Bäume zum Gedenken an Opfer der Nazi-Barbarei gepflanzt. Einer von ihnen wurde zum Gedenken an 520 jüdische Frauen, die im Außenlager in der Essener Humboldstraße untergebracht waren und bei Krupp Zwangsarbeit leisten mussten, gepflanzt. Die Patenschaft (d.h. die Finanzierung) übernahm die DGB-Jugend, da sich Krupp trotz verschiedener Anfragen bis zuletzt nicht dazu bereit erklärt hatte.

Denise Bäcker sprach für die DGB-Jugend MEO, erinnerte an die Ausbeutung und Leiden der Häftlingen und sagte unter anderem: „Heute erinnern wir an die 522 weiblichen Häftlinge und pflanzen als DGB-Jugend Region MEO diesen Baum mit der dazugehörigen Gedenktafel. Uns ist es ein großes Anliegen, immer wieder der vielen Opfer der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft zu gedenken und die Erinnerung wach zu halten. Gerade in Zeiten, in denen sich alte und neue Nazis sich wieder verstärkt zu Wort melden, ist es wichtig, das kritische Bewusstsein gegen heutige Alt- und Neunnazis zu Stärken. Nichts ist schlimmer als das Vergessen. Wir wollen immer wieder aufzeigen, dass es nie wieder Faschismus geben darf und es wichtig ist, sich für Frieden, Freiheit und Demokratie einzusetzen.“

 

DGB-Jugend MEO auf der Titelseite der Thüringischen Landeszeitung vom 15.04.2019.

Am darauffolgenden 14. April 2019 besuchten wir den 2016 für Theo Gaudig gepflanzten Baum. Margret Rest von der VVN-BdA Essen erinnerte an seinen Lebensweg, der den 1904 in Essen als Sohn eines Krupp-Arbeiters geborenen über Rumänien in das KZ Buchenwald führte. Nach der Selbstbefreiung des Lagers erfuhr er, dass sein Vater Otto noch am 13. April 1945 in der Wenzelnbergschlucht bei Solingen ermordet worden war. Doch erwartete ihn in Essen auch seine Braut Maria, die 17 Jahre auf ihn gewartet hatte. Theo Gaudig engagierte sich sehr für die Ausstellung „Widerstand und Verfolgung in Essen 1933-1945“ in der 1980 eröffneten Alten Synagoge Essen und war ein unermüdlicher Zeitzeuge und lebensfroher Mensch.

Nach der Selbstbefreiung des 11. April 1945 organisierten die Überlebenden am 19. April 1945, noch tobte der Zweite Weltkrieg in Europa und Asien, eine große Gedenkveranstaltung auf dem Appellplatz des Lagers. Berühmt geworden ist der „Schwur von Buchenwald“, in dem die Überlebenden schworen: „Wir stellen den Kampf erst ein, wenn auch der letzte Schuldige vor den Richtern der Völker steht. Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.“ Bei der diesjährigen Gedenkfeier zum 74. Jahrestag der Befreiung wurde der „Schwur von Buchenwald“ von fünf ehemaligen Gefangenen in fünf verschiedenen Sprachen vorgetragen.

Gedenkstätte Buchenwald 2019: Gedenkfeier bei authentischem „Buchenwald-Wetter“.

Zuvor sprachen Volkhard Knigge, Direktor der Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Alojzy Maciak, Vizepräsident für Polen des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora und Kommandos (IKBD) sowie Dominique Durand, Präsident des IKBD. Den Reden gemeinsam war die Sorge um den zunehmenden Rechtsruck in Europa. Sie riefen die Jugend dazu auf, sich für Demokratie und Menschenrechte einzusetzen.

Neben dem offiziellen Programm gab es die Gelegenheit, die 2016 neu eröffnete Dauerausstellung der Gedenkstätte in der ehemaligen Effektenkammer und die Kunstausstellung in der ehemaligen Desinfektion zu besuchen. Die neue Ausstellung ist nach einer modernen Konzeption gestaltet. Neben erklärenden Texten und Fotos gibt es zahlreiche originale Ausstellungsstücke, Tondokumente und visuelle Darstellungen. In der Kunstausstellung sind Werke von Künstlern, die als Häftlinge im KZ eingesperrt waren, aus der Konzentrationslagerzeit und danach ausgestellt, die mit teilweise sehr einfachen gestalterischen Mitteln das unbeschreibliche Lagerleben zeigen.

Eines der vielen Exponate der Kunstausstellung: Blick vom Kleinen Lager ins große Lager.

Eine weitere gemeinsame Gedenkstättenfahrt von DGB-Jugend MEO und VVN-BdA Essen ist bereits in Planung. Im Oktober wird es für drei Tage nach Amsterdam gehen.

Ergänzte Fassung

Neue Web-Seite der Gelsenkirchener VVN-BdA

Die neue Web-Seite der Gelsenkirchener VVN-BdA ist online.

Seit einigen Jahren verfügen die Bundesvereinigung und mehrere Landes- und Kreisvereinigungen über einheitlich gestaltete Internetauftritte. Nachdem sich bereits im vergangenen Jahr auch die Landesvereinigung Nordrhein-Westfalen diesem Modell angeschlossen hat, ist nun auch die Kreisvereinigung Gelsenkirchen diesen Schritt gegangen.

Unter der Internet-Adresse https://gelsenkirchen.vvn-bda.de/ ist die Web-Seite ab sofort zu erreichen. Die ursprünglich in diesem Blog erschienene dreiteilige „Kleine Geschichte der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes-Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten in Gelsenkirchen“ findet sich dort aktualisiert unter dem Menüpunkt Geschichte wieder. Weitere Ergänzungen werden folgen.

Ausstellung „Keine Alternative“ on tour!

Am Holoaust-Gedenktag gab es bei Bündnis 90/Die Grünen nicht nur Kaffee und Kuchen, sondern auch Aufklärung über die Vernetzung der AfD ins rechsextreme Lager zu sehen. (Foto: Bündnis 90/Die Grünen)

Die VVN-BdA (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten) hat im Sommer 2018 eine überarbeitete Version ihrer AfD-Ausstellung vorgestellt, die auf elf Tafeln die zentralen Positionen der Partei kritisch hinterfragt, ideologische Kontinuitäten zum deutschen Faschismus belegt und an markanten Beispielen von AfD-Funktionären zeigt, wie diese Haltung im völkisch-nationalistischen Milieu verankert ist. Seit dem 26. Januar 2019 ist die Ausstellung „Keine Alternative“ dank vieler Unterstützerinnen und Unterstützer in Gelsenkirchen zu sehen.

Zu den Themen der Ausstellung gehören unter anderem das völkische Denken der AfD, der positive Bezug zu faschistischen Vorbildern, das Netzwerk mit neofaschistischen Gruppen und Kräften, das widersprüchliche Verhältnis der AfD zu Demokratie und Meinungsfreiheit, der offene Rassismus, die reaktionäre Familienideologie und die Haltung der AfD zu Krieg und Bundeswehr. Mit eindrucksvollem Bildmaterial, mit Zitaten von AfD-Funktionsträgern, die an Eindeutigkeit nicht misszuverstehen sind, und kurzen analytischen Texten leistet die Ausstellung einen überzeugenden Beitrag zur Auseinandersetzung mit der AfD, ohne dabei die Besucher zu überfordern.

„Keine Alternative“. Die neue Ausstellung der VVN-BdA zeigt das rechtsextreme Gesicht der AfD – hier im Werner-Goldschmidt-Salon.

In Gelsenkirchen wurde sie zuerst zum Neujahrsempfang von Bündnis 90/Die Grünen im Evangelischen Gemeindehaus in der Robert-Koch-Straße gezeigt, anschließend während der Aktionen des Aktionsbündnis 19.06 am Holocaust-Gedenktag im Grünen Zentrum. Danach übernahmen SJD Die Falken die Ausstellung und zeigten sie im Ferdinand-Lassalle-Haus in der Skagerrakstraße. Schließlich wanderte sie für mehrere Tage in das DGB-Haus der Jugend in die Gabelsberger Straße. Heute haben wir sie in den Werner-Goldschmidt-Salon der Partei Die Linke in der Wildenbruchstraße transportiert und aufgebaut, dort ist sie bis Freitag zu sehen. Am Samstag verlässt sie Gelsenkirchen in Richtung Siegen und kann dort an weiteren vierzehn Tagen Besuchern die Vernetzung der AfD ins rechtsextreme Lager zeigen.

Erinnern für Gegenwart und Zukunft – Kein Vergeben, kein Vergessen!

Am Sonntag, 27. Januar 2019 jährt sich die Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz zum 74. Mal. In vielen Ländern der Erde wird am 27. Januar an den Massenmord der Nazis erinnert. Er wird bereits seit 1959 in Israel als Gedenktag begangen, in Deutschland ist er seit 1996 Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, die Vereinten Nationen erklärten ihn 2005 zum „Internationalen Holocaust-Gedenktag“. Der Gedenktag erinnert am Jahrestag der Befreiung von Auschwitz an alle durch die Nazis verfolgten und ermordeten Menschen. Doch wer des 27. Januar 1945 gedenkt, muss auch den 30. Januar 1933 mitdenken. Wer die Geschichte nicht wiederholen will, darf nicht nur die Opfer sehen, sondern auch die Täter. Wer die Geschichte nicht wiederholen will, muss wissen, wohin Rassismus und Rechtsextremismus führen. In Gelsenkirchen führt das „Aktionsbündnis 16.09.“ unter dem Motto „Kein Vergeben. Kein Vergessen“ von 12 bis 17 Uhr einen Aktionstag mit vielfältigen Informations- und Aktionsangeboten durch. Zusätzliche Veranstaltungen finden an weiteren Tagen statt.

Der Name des Aktionsbündnisses leitet sich von der ersten gemeinsamen großen Demonstration gegen eine rechte Kundgebung am 16.09.2018 ab. Es verfolgt das Ziel, rechtsextreme und rassistische Aktivitäten in Gelsenkirchen aktiv und offensiv entgegenzutreten und deren Einfluss durch langfristige Aufklärungsarbeit schrittweise zurückzudrängen. Im Bündnis arbeiten Einzelpersonen und verschiedene Gelsenkirchener Initiativen und Organisationen mit.

Das Programm

Von 12.00 bis 16.00 Uhr zeigen Bündnis 90/Die Grünen im Grünen Zentrum an der Ebertstraße 28 die Ausstellung der VVN-BdA „Keine Alternative“ über die rechtsextreme Vernetzung der AfD. Von 13.00 bis 16.30 Uhr bietet das „Subversiv“ an der Bochumer Straße 138 einen Infotresen mit Informationen und Büchern zur lokalen Geschichte. Zugleich können sich die Teilnehmer/-innen der nachfolgenden Aktivitäten an beiden Standorten mit warmen Getränken aufwärmen. SJD Die Falken nehmen Interessierte von 13.00 bis 15.00 Uhr auf einen Antifaschistischen Stadtrundgang mit, auf dem die oft dramatische Vergangenheit vieler Orte der Innenstadt neu entdeckt werden kann. Die VVN-BdA lässt mit Stolperstein-Geschichten die Schicksale zweier polnisch-jüdische Familien Gelsenkirchens lebendig werden (13.30 Uhr Von-der-Recke-Straße 10, 14.30 Uhr Hildegardstraße 21). Antifaschistische Stadtreinigungen finden an drei Orten in Gelsenkirchen statt. Die Schalker Fan-Initiative reinigt ab 12.00 Uhr in Gelsenkirchen-Schalke Stolpersteine (Treffpunkt Grillostraße 57), während Die Linke Alt- und Neustadt ab 15.00 Uhr von rechten Aufklebern und Schmierereien reinigen wird (Treffpunkt Südausgang Hauptbahnhof). Unabhängig vom Bündnis reinigt die Arbeitsgruppe Stolpersteine des Gelsenzentrum e.V. in Gelsenkirchen-Horst Stolpersteine.

Der Tag klingt um 17.00 Uhr mit einer Gedenkfeier mit Konzert in der Neuen Synagoge, Georgstraße 2 aus. Die Jüdische Gemeinde erinnert daran, dass das Datum 27.1. auch für die Erinnerung an die Deportation der Gelsenkirchener Juden am 27. Januar 1942 nach Riga steht.

Weitere Veranstaltungen

In der Neuen Synagoge besteht seit dem 09.01.2019 die Gelegenheit, die Ausstellung „Du Jude. Alltäglicher Antisemitismus in Deutschland“ zu besuchen. Die Öffnungszeiten der Jüdischen Gemeinde sind Montag und Mittwoch von 9.00 – 17.00 Uhr sowie Dienstag und Donnerstag von 12.00 – 17.00 Uhr. Gruppen werden gebeten, sich zuvor anzumelden.

Die Gelsenkirchener VVN-BdA zeigt mit der Unterstützung der Kooperationspartner beginnend mit dem Neujahrsempfang von Bündnis 90/Die Grünen am 26.01. bis zum 08.02.2019 ihre Ausstellung „Keine Alternative“ nacheinander bei Bündnis 90/Die Grünen, bei SJD Die Falken, im DGB-Haus der Jugend und im Werner-Goldschmidt-Salon der Partei Die Linke.

Die Schalker Fan-Initiative lädt am Dienstag den 29. Januar um 19.00 Uhr im „Subversiv“, Bochumer Straße 138 in Gelsenkirchen-Ückendorf alle Interessierten zu einer Vortragsveranstaltung mit Prof. Dr. Stefan Goch zum Thema Ausgrenzung, Diskriminierung und Ermordung der Gelsenkirchener Sinti und Roma im Nationalsozialismus ein.

Das Institut für Stadtgeschichte (ISG) lädt am 30. Januar 2019 zu einem Vortrag „Frauen in Ravensbrück“ ein.

Zu Auschwitz

Der Lagerkomplex Auschwitz bestand aus drei Lagern, dem Stammlager Auschwitz I, dem Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, und dem Industriekomplex Auschwitz-Monowitz. Es handelte sich um den größten Lagerkomplex und bei Auschwitz-Birkenau um das größte Vernichtungslager der Nazis. Von den rund 6 Millionen ermordeten jüdischen Menschen wurden über 1 Million Menschen in Birkenau umgebracht. Die meisten von ihnen wurden direkt nach der Ankunft in Zügen „an der Rampe von Auschwitz“ für den Erstickungstod in den Gaskammern ausgewählt, weitere wurden von der SS durch Krankheit, Unterernährung, willkürliche Misshandlung, in sinnlosen medizinischen Experimenten oder wenig später nach restloser Ausbeutung ihrer Arbeitskraft durch Gas ermordet. Die durchschnittliche Lebensdauer der Häftlinge in Auschwitz betrug drei Monate. Der Name „Auschwitz“ wurde zum Symbol für die industrielle Menschenvernichtung der Nazis. Die Aufschrift „Arbeit macht frei“ über dem Eingangstor des KZ markiert dabei die zynische Menschenverachtung der SS. Als Einheiten der Roten Armee am 27. Januar 1945 das Lager befreien, fanden sie nur mehr 7500 gerade noch lebende Häftlinge vor, die zu schwach für eine Evakuierung gewesen waren. Wer das Morden zuvor überlebt hatte, war in andere Lager „evakuiert“ worden. Durch die Sprengung der Gaskammern hatten die Nazis versucht, die Spuren ihrer Taten zu verwischen. Doch vergeblich, Teile des Lagerkomplexes sind heute als staatliches polnisches Museum und Gedenkstätte öffentlich zugänglich.