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Skandal: Berliner Finanzamt erklärt Antifaschisten für nicht gemeinnützig!

Ostermarsch Rhein Ruhr 2017 im Stadtgarten Gelsenkirchen am Mahnmal für die Opfer des Faschismus, immer mit dabei: die VVN-BdA.

Nachdem der drohende Entzug der Gemeinnützigkeit der VVN-BdA NRW dank zahlreicher Unterstützerinnen und Unterstützer im Land im Laufe diesen Jahres abgewendet werden konnte, trifft nun die Bundesvereinigung der VVN-BdA der Entzug der Gemeinnützigkeit durch das Berliner Finanzamt mit voller Wucht. Noch in diesem Jahr muss die VVN-BdA Steuernachforderungen in fünfstelliger Höhe zahlen. Der Vorwurf, der erhoben wird, ist immer derselbe und beruht auf den bayerischen Verfassungsschutzbericht, denn dort wird die VVN-BdA als „linksextremistisch beeinflusst“ dargestellt. Das CSU-Land ist das einzige Bundesland, in dem die VVN-BdA noch im Verfassungsschutzbericht erwähnt wird.

Damit ist – wie übrigens schon früher in der Geschichte unseres Landes – die Existenz einer traditionsreichen Organisation bedroht, die 1947 von den Überlebenden der Kontrationslager und Gefängnissen gegründet worden ist. Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten ist die älteste und größte, und zugleich überparteiliche und überkonfessionelle antifaschistische Organisation in Deutschland. Sie verbindet die Generation der Verfolgten und Widerstandskämpfern sowie ihrer Nachkommen mit jungen Antifaschistinnen und Antifaschisten, tritt für Frieden und Völkerverständigung ein und hat gegen große gesellschaftliche Widerstände wesentlich dafür gesorgt, dass die Verbrechen des Nazi-Regimes nicht in Vergessenheit geraten sind. Die VVN-BdA hält nicht nur die Erinnerung an die Vergangenheit wach, sondern informiert über aktuelle neofaschistische Umtriebe und organisiert den Widerstand in breiten Bündnissen.

Es mutet schon grotesk an, wenn das Berliner Finanzamt genau das zivilgesellschaftliche Engagement behindert, das von Regierung und Parteien angesichts schrecklicher rechtsterroristischer Verbrechen allenthalben eingefordert wird. In ihrer Stellungnahme fordern die beiden Bundesvorsitzenden der VVN-BdA, Cornelia Kerth und Dr. Axel Holz, „praktische Unterstützung für alle zivilgesellschaftlichen Gruppen und Organisationen, die die Grundwerte des Grundgesetzes gegen rassistische, antisemitische, nationalistische und neofaschistische Angriffe verteidigen!“

Nach einem Bericht des Tagesspiegels protestiert das Internationale Auschwitz-Komitee gegen den Beschluss des Berliner Finanzamts. Der Exekutiv-Vizepräsident Christoph Heubner bezeichnet die Entscheidung „vor dem Hintergrund alltäglicher rechtsextremer Bedrohung“ als Skandal. Weiter schreibt der Tagesspiegel: „Deutschlands Ansehen werde beschädigt und das gemeinsame Engagement gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus erheblich geschwächt.“ Weitere Kritik kommt unter anderem von Sigmount Königsberg, dem Beauftragten der Jüdischen Gemeinde zu Berlin gegen Antisemitismus sowie aus den Reihen der Berliner Linke und der Berliner Grünen.

Deutliche Kritik kommt auch aus dem permanenten Arbeitsausschuss des Bündnisses „Aufstehen gegen Rassismus“, in dem neben der VVN/BdA Attac, die NaturFreunde Deutschlands, Jusos und Die LINKE vertreten sind. Uwe Hiksch, Mitglied im Bundesvorstand der NaturFreunde Deutschlands findet es „angesichts eines gesellschaftlichen Klimas, das auch in diesem Jahr extrem rechte Täterinnen und Täter zu Gewalttaten bis hin zu Morden ermutigt hat, absolut unverständlich, dass das Berliner Finanzamt antifaschistischem Engagement die finanzielle Basis zu entziehen versucht und die Existenz der VVN-BdA und damit auch von ‚Aufstehen gegen Rassismus’ bedroht.“

Die Zeitung „Neues Deutschland“ berichtet unter der Überschrift „Finanzamt killt Antifa“, die „junge Welt“ mit dem Titel „Ämter gegen Antifa“. Doch so leicht wird sich die größte und älteste antifaschistische Organisation Deutschlands, die im Kalten Krieg schon ganz andere Stürme durchgestanden hat, nicht unterbuttern lassen!

Nie wieder! – Damit Vergangenheit nicht Zukunft wird!

Gedenkdemonstration am 09.11.2019 in Essen. Mit im Bild das neue Transparent der Essener VVN-BdA.

Eine beeindruckende Gedenkveranstaltung, die Erinnerung und Mahnung miteinander verband, fand gestern Abend in der Essener Innenstadt statt. Rund 200 Menschen waren dem gemeinsamen Aufruf des antirassistischen und antifaschistischen Bündnisses „Essen stellt sich quer“, der Alten Synagoge Essen, dem Antirassismus-Telefon, dem Schauspiel Essen (Grillo-Theater) und der VVN-BdA Essen gefolgt.

Wie im vergangenen Jahr habe ich auch in diesem Jahr an der Gedenkdemonstration in Essen teilgenommen. Dort präsentierte die Essener Kreisvereinigung der VVN-BdA ein neues Transparent, das sehr viel Aufmerksamkeit erweckte. Mein Bericht über die Veranstaltung findet sich wegen der überregionalen Bedeutung auf der Website der Landesvereinigung NRW der VVN-BdA.

Widerstand und Verfolgung in Amsterdam 1940-1945

Anne-Frank-Haus, Prinsengracht 263.

Die siebte Gedenkstättenfahrt der DGB-Jugend MEO (Mühlheim, Essen, Oberhausen) und der VVN-BdA Essen führte uns in unser Nachbarland, die Niederlande. Kannte ich als Erinnerungsort in Amsterdam bislang nur das Anne-Frank-Haus, lernte ich am Wochenende vom 04. bis 06.10.2019 noch die Hollandsche Schouwburg und das Verzetsmuseum Amsterdam, zu Deutsch Widerstandsmuseum Amsterdam, kennen. Arthur Graaf, Vorsitzender des niederländischen Pendants zur VVN-BdA führte uns an zwei Tagen durch das gegenwärtige Amsterdam.

Die Niederlande hatten gehofft, wie im Ersten Weltkrieg während des Krieges zwischen Deutschland auf der einen Seite sowie Frankreich und Großbritannien auf der anderen Seite neutral bleiben zu können. Doch anders als im Ersten Weltkrieg musste Deutschland aufgrund des Hitler-Stalin-Paktes keinen Zweifrontenkrieg führen. So konnte die Deutsche Wehrmacht den Krieg im Westen rasch für sich entscheiden. Die Zerstörung Rotterdams durch die Deutsche Luftwaffe, nach der Bombardierung Warschaus 1939 der zweite Terrorangriff gegen die Zivilbevölkerung einer Großstadt, forcierte die schnelle Kapitulation der Niederlande. Königin und Regierung flohen nach Großbritannien und lieferten Land und Leute schutzlos aus. Innerhalb kurzer Zeit beherrschte das unbesiegbar scheinende Nazi-Deutschland einen europäischen Kontinentalblock, der vom Nordkap bis Sizilien, von der Bretagne bis zur sowjetischen Grenze reichte.

Denkmal für Anne Frank an der Ecke Prinsengracht/Westermarkt.

Die Niederlande gehörten in den Vorstellungen der Nazis zu ihrem „großgermanischen Reich“. Nach einer Anfangs „freundlichen“ Besatzungspolitik begannen die neuen Machthaber unter dem „Reichskommissar“ Seyss-Inquart basierend auf ihrer pseudowissenschaftlichen „Rassenlehre“ einen Teil der niederländischen Bevölkerung als „jüdisch“ zu definieren. Als Grundlage diente die Religion der Eltern- und Großelterngeneration. Der Definition folgten Ausgrenzung, Deportation und Völkermord in den Konzentrations- und Vernichtungslagern im deutsch besetzten Osten.

Arthur Graaf, Vorsitzender des niederländischen Pendants zur VVN-BdA, zeigte uns verschiedene Orte während der Stadtführung.

Opfer dieser rassenideologischen Politik wurden auch zuvor aus Deutschland geflüchtete Juden, wie die Familie Frank. Sie waren bereits 1933/34 vor den Nazis aus Deutschland geflohen und versteckten sich ab dem 6. Juli 1942 im durch Annes Tagebuch weltberühmt gewordenen Hinterhaus in der Prinsengracht 263. Sie wurden verraten und am 4. August 1944 verhaftet und deportiert. Anne und ihre Schwester Margot starben elendig Ende Februar/Anfang März im Konzentrationslager Bergen-Belsen; von den acht Untergetauchten überlebte nur Annes Vater, Otto Frank. Er entdeckte nach der Rückkehr nach Amsterdam Annes Tagebuch, in denen Anne die Ereignisse im Hinterhaus festgehalten hatte und ließ es veröffentlichen.

Eingangsbereich ins Anne-Frank-Haus 2019.

Das Anne-Frank-Haus in der Prinsengracht 263 ist heute ein Ort, der die Erinnerung an die Ereignisse wachhält. Leider ist der Zugang in der Gegenwart deutlich erschwert. Einzelpersonen benötigen ein Ticket, das zuvor zu bestimmten Zeiten im Internet gebucht werden muss. Die maximale Teilnehmerzahl bei Besuchergruppen beträgt 35, sodass aus unserer Gruppe nicht alle an der Gruppenführung teilnehmen konnten. Da ich das Anne-Frank-Haus bereits vor Jahrzehnten insgesamt zweimal besucht hatte, verzichtete ich auf einen erneuten Besuch. Die Räumlichkeiten des Hinterhauses, in dem sich die Untergetauchten tagsüber ruhig verhalten mussten, sind mir noch in Erinnerung, wie die in Annes Zimmer an der Wand befindlichen Fotos von Filmstars von denen die Jugendliche schwärmte.

Hollandsche Schouwburg, das frühere Theater ist heute eine Gedenkstätte.

Für mich neu war die Hollandsche Schouwburg in der Plantage Middenlaan 24. Ursprünglich handelte es sich um ein Theater für die breite Bevölkerung, während der Deutschen Besetzung wurde es für kurze Zeit zu einem Jüdischen Theater und schließlich für rund 18 Monate zu einem Sammelplatz für die zur Deportation bestimmte jüdische Bevölkerung. Diese mussten wenige Tage bis Wochen hier unter unmöglichen Bedingungen ausharren. Heute handelt es sich um eine Gedenkstätte für die über 100.000 ermordeten Juden der Niederlande, in denen an die Namen der ermordeten Familien erinnert wird.

Umgestalteter Innenbereich der Gedenkstätte Hollandsche Schouwburg.

Nur die Vorderfront des Gebäudes wurde erhalten, der Innenraum wurde komplett umgestaltet. (Ein ähnliches Sammellager war in Gelsenkirchen die Ausstellungshalle auf dem Wildenbruchplatz, anders als in Amsterdam erinnert heute am Tatort in Gelsenkirchen außer einem Stolperstein für Helene Lewek nichts mehr an die Ereignisse.)

Unsere Besuchergruppe am Denkmal zur Erinnerung an den Februarstreik 1941.

Bemerkenswert in der Geschichte des Widerstandes ist der Februarstreik 1941, der einzige Streik einer Bevölkerung im besetzten Europa, der sich gegen die beginnende Verhaftung und Deportation des jüdischen Bevölkerungsteils richtete. Arthur Graaf, Sohn eines der Streikenden und Vorsitzender des niederländischen Pendants zur VVN-BdA, schilderte am Denkmal zur Erinnerung an den Februarstreik die Hintergründe und den Ablauf. DGB-Jugend MEO und VVN-BdA Essen legten einen Kranz nieder und gedachten mit einer Schweigeminute der mutigen Arbeiter.

Blick in die Ausstellung des Widerstandsmuseum Amsterdam.

Mit dem Besuch des Verzetsmuseum Amsterdam (Widerstandsmuseum Amsterdam) schlossen wir unsere Gedenkstättenfahrt nach Amsterdam ab. Das von Widerstandskämpfern eingerichtete Museum zeigt in seiner Ausstellung die Gesellschaft der Niederlande ab den 1930er Jahren, in der Anpassung, Kollaboration und Widerstand stattfand und wie sich die Niederlande in der Zeit entwickelte. In einem einführenden Film wurden die verschiedenen Handlungsmöglichkeiten an konkreten Beispielen historischer Persönlichkeiten gezeigt, die sich auch in der Ausstellung wiederfinden. In der Ausstellung dargestellt sind beispielsweise die stark voneinander getrennten Gesellschaftsgruppen (Sozialisten, Liberale, Katholiken, Reformierte), die sich später im Widerstand zusammenfanden.

Jugendliche Mitmenschlichkeit contra bürgerliche Kälte

Gestern Abend fand im Stadtsüden eine Veranstaltung statt, die mit „Kino im Subversiv“ nur sehr unzureichend bezeichnet ist. Das Gelsenkirchener Aktionsbündnis gegen Rassismus und Ausgrenzung zeigte nicht nur den Film „Juventa, Seenotrettung – Ein Akt der Menschlichkeit“ von Michele Cinque. Im Anschluss stellte sich noch ein ehemaliges Mitglied der Schiffscrew den Fragen der Zuschauerinnen und Zuschauer und berichtete lange aus eigener Erfahrung über Schwierigkeiten und Hintergründe der Rettungsaktivitäten im Mittelmeer. Trotz der Hitzewelle hatten sich rund 30 Menschen in das Ladenlokal an der Bochumer Straße eingefunden. Erst gegen 23 Uhr hatte der größte Teil des Publikums das Freiraumprojekt in Ückendorf verlassen.

Der Film zeigt die Geschichte einer Gruppe junger engagierter Leute, die im Herbst 2015 in Berlin die Initiative „Jugend rettet“ gründet. Über eine Crowdfunding-Kampagne kaufen sie einen umgebauten Fischkutter und taufen ihn auf den Namen „Juventa“. Im darauffolgenden Jahr startet ihr Schiff zu seiner ersten Mission und schließt sich den Schiffen verschiedener NGOs, der italienischen Küstenwache sowie der Marine an. Nach fast zwei Jahren Einsatz und etwa 14.000 auf hoher See geretteter Menschen wurde im August 2017 das Schiff überraschend beschlagnahmt und von den italienischen Behörden in Lampedusa festgesetzt.

Über ein Jahr lang verfolgt der Film das Leben der jungen Besatzung, fängt die gesamte Spanne der Mission ein, beginnend mit dem Moment, in dem sie in See stechen und ihr unglaubliches Vorhaben wahr wird, bis zu dem Punkt, an dem dieses mit den politischen Realitäten kollidiert. Beeindruckend sind die Aufnahmen von den Rettungsaktionen auf dem Meer, die Gespräche mit den Geretteten und die Darstellung ihrer Lebendigkeit. Den inzwischen angeklagten Besatzungsmitgliedern, dies zeigt der Film nicht mehr, wird Beihilfe zur illegalen Einwanderung, mit hohen Strafen bewehrt, vorgeworfen.

Dabei ist es in diesem Fall Italien, das unrechtmäßig handelt und die jugendlichen Seenotretter kriminalisiert. Nach internationalem Seerecht sind Schiffbrüchige in den nächstgelegenen, sicheren Hafen zu bringen. Das Bürgerkriegsland Libyen mit seinen an KZs erinnernden „Internierungslagern“, in denen Folter und Vergewaltigung herrscht, und aus dem die Schiffbrüchigen geflohen sind, erfüllt dieses Kriterium nicht. Zuletzt ging der Fall der 31jährigen deutschen Kapitänin der Sea-Watch 3, Carola Rackete, durch die Medien, die nach über zweiwöchiger Hängepartie mehrere Dutzend Geflüchtete in den Hafen der italienischen Insel Lampedusa brachte und dafür beleidigt und verhaftet wurde.

Doch greift es zu kurz, nur Italien zu kritisieren, das wie Griechenland mit den Geflüchteten alleine gelassen wird. Die ganze Europäische Union versagt in dieser Frage vollkommen. Statt alles daran zu setzen, Menschenleben zu retten, erleben wir von Seiten der europäischen Nationalstaaten einen Tiefpunkt an Solidarität und Menschlichkeit. Die staatliche Seenotrettung wurde eingestellt, die zivile Seenotrettung wird aktiv behindert und kriminalisiert und es erfolgt eine Zusammenarbeit mit der paramilitärischen Organisation eines von der westlichen Welt zerstörten Staates wie der sogenannten libyschen Küstenwache.

Die Grenze für die Geltung sogenannter westlicher Werte setzt offenbar die Hautfarbe. Wir brauchen uns über den Rassismus in unseren Städten nicht zu wundern, wenn die gesamte offizielle Politik in Wirklichkeit rassistisch ist. Statt Fluchtursachen werden Geflüchtete bekämpft. Bewundernswert dagegen ist das Engagement junger Menschen, die ihre Lebensplanung ändern und sich mit ihren Mitteln gegen diese Politik stemmen.

Mitveranstalter im Rahmen des Gelsenkirchener Aktionsbündnisses gegen Rassismus und Ausgrenzung war neben dem Subversiv auch die VVN-BdA Gelsenkirchen. In der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes ist die Erinnerung daran wach, dass viele Menschen die Nazi-Barbarei nur dadurch überleben konnten, dass sie in ein sicheres Land flohen.

„Keine Alternative“ im Alfred-Zingler-Haus

Falk Mikosch während seiner Vortrags am 22.05.2019 im Alfred-Zingler-Haus.

Zur vorletzten Veranstaltung des Aktionsbündnisses gegen Rassismus und Ausgrenzung im Rahmen der Aktionswochen für ein friedliches, demokratisches und weltoffenes Europa luden die Schalker Fan-Initiative und die VVN-BdA Gelsenkirchen heute in das Alfred-Zingler-Haus ein.

Zum Thema „Keine Alternative – Rassismus, Nationalismus und die Verstrickungen in die extreme Rechte – eine kritische Betrachtung der AfD“ referierte kenntnisreich Falk Mikosch, Sprecher der VVN-BdA NRW. Er beschränkte sich dabei nicht alleine auf die AfD, sondern zeigte Vernetzungen und Verknüpfungen auf, die die Rechtsextremen und Faschisten miteinander verbinden. Und er blieb auch nicht bei der Bestandsaufnahme, sondern ging in seinem Vortrag auch der Frage nach, was wir gegen die Rechtsentwicklung tun können.

Diese Frage war dann auch das Thema der sich anschließenden und lebhaften Diskussion des Publikums. Selbstverständlich konnten wir an diesem Abend keine Lösung finden. Allerdings wurde in der Debatte durchaus deutlich, dass es nicht ausreicht, dazu aufzurufen, anstelle der AfD wieder SPD oder CDU zu wählen. Wichtig sind vielmehr Aktivitäten, die den demokratischen Teil der Gesellschaft Handlungsfähigkeit zurückgewinnen lassen.

„Ein jüdischer Antifaschist in den Reihen der Résistance“

Alice und Juri am 17.05.2019 im Subversiv Gelsenkirchen.

Rund 3000 Deutsche kämpften in der französischen Résistance, eine Tatsache, die in Deutschland und selbst in Frankreich bis heute weitgehend unbekannt ist. Im Subversiv im Gelsenkirchener Stadtsüden waren gestern die Tochter und der Enkel von Peter Gingold zu Gast und berichteten aus dem bewegten Leben ihrer Familie. Vor einem bunt gemischten Publikum, die das Subversiv teilweise zum ersten Mal kennen lernte, ließen Alice und Juri die Vergangenheit lebendig werden.

Kein Ton war aus dem Publikum zu vernehmen, während Alice aus ihrer Familiengeschichte erzählte. Ergänzt wurden ihre Erzählungen mit Passagen aus der Autobiografie Peter Gingolds, die Alice Sohn Juri vorlas. Zudem wurden kleine Filmszenen eingespielt, in denen unter anderem auch Peter selbst zu Wort kam. In Deutschland aufgewachsen, floh die Familie 1933 vor den Nazis nach Frankreich. In Paris engagierte sich Peter wie zuvor in Deutschland in einer Gruppe junger deutscher Antifaschistinnen und Antifaschisten. Hier lernte er seine spätere Frau Etti Stein-Haller kennen. Alice wurde Anfang Juni 1940 geboren, als die Deutsche Wehrmacht bereits kurz vor der französischen Hauptstadt stand. Nach der Besetzung Frankreichs durch Nazi-Deutschland schloß sich Peter der Résistance an und lebte im Untergrund. Als 1942 die Deportationen jüdischer Menschen begannen, brachten Etti und ihre Familie Alice und andere Kinder unter falschen Namen bei einer Bauersfamilie unter. Ende 1942 wurde Peter von der Gestapo verhaftet, doch gelang ihm die Flucht. Der Titel seiner Autobiografie „Paris – Boulevard St. Martin No. 11“ nennt die Adresse, bei der ihm die unglaubliche Flucht aus den Fängen der Gestapo gelang.

Nach 1945 kehrte das Ehepaar in das zerstörte Frankfurt am Main zurück. Peter engagierte sich in der KPD, die 1956 verboten wurde. Ebenfalls 1956 entdeckte ein Beamter, dass sie nach ihrer Rückkehr aus der Emigration zu Unrecht deutsche Pässe erhalten hatten, die Eltern waren polnische Juden gewesen. So wurde die Familie staatenlos. Erst nach vielen Protesten erhielten sie die deutsche Staatsbürgerschaft zurück. Nicht zuletzt aufgrund dieser Erfahrung engagierte sich Peter als Zeitzeuge. Auch Alice Schwester Silvia musste erfahren, dass ein politisches Engagement im demokratischen Staat nicht unbedingt zum Vorteil gereicht, sie erhielt Berufsverbot und durfte erst später als Lehrerin nur im Angestelltenverhältnis arbeiten. Bis heute wird sie vom Verfassungsschutz beobachtet, weil sie auf Veranstaltungen beispielsweise der VVN-BdA aus der Autobiografie ihres Vaters liest.

Welche Bedeutung Geschichte für die Gegenwart hat, machten Alice und Juri deutlich, als es um die Erfahrungen als Flüchtling in Frankreich ging, um die Situation der Flüchtlinge in der Gegenwart zu verstehen. So hat sich ihr Vater gegen die weitgehende Abschaffung des Asylrechts im Grundgesetz eingesetzt. Den Abschluss bildete ein Ausschnitt einer Rede von Peter in der Gesamtschule Ingelheim, in der er die Schüler aufforderte, sich heute zu engagieren, und nicht zu warten, bis es so schwer geworden ist wie zu seiner Zeit. Ein besseres Schlusswort konnte es nicht geben.

Bei der Veranstaltung handelte es sich um eine Kooperation der Schalker Faninitiative e.V., des Freiraumprojektes Subversiv und der Gelsenkirchener VVN-BdA im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Aktionswochen für ein friedliches, demokratisches und weltoffenes Europa“ des Gelsenkirchener Aktionsbündnisses gegen Rassismus und Ausgrenzung. Unter dem Namen „Kinder des Widerstandes“ haben sich Kinder und Enkel von Verfolgten des Naziregimes zusammengefunden und führen die Arbeit ihrer Eltern oder Großeltern in einer besonderen Art der Zeitzeugenarbeit fort.

Am Jahrestag der Befreiung in Buchenwald

Gedenkstätte Buchenwald 2019: Blick aus dem ehemaligen Häftlingslager zum Torgebäude.

25 ehemalige Häftlinge des KZ Buchenwald aus 19 Ländern, darunter aus Frankreich, Israel, Polen, der Ukraine und Weißrussland, waren zum 74. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers auf den Ettersberg bei Weimar gekommen. Bei authentischem „Buchenwald-Wetter“, es war nasskalt, Nebel und Schneegriesel herrschte im ehemaligen Lager, erinnerten sie gemeinsam mit Nachkommen und weiteren Antifaschistinnen und Antifaschisten an die Ermordeten und Überlebenden des Nazi-Terrors.

Mit der inzwischen sechsten Gedenkstättenfahrt setzten die DGB-Jugend MEO (Mühlheim Essen Oberhausen) und die VVN-BdA Essen die Tradition der gemeinsamen Fahrten zu Orten des Nazi-Terrors fort. Nach Esterwegen (2014), Buchenwald (2016), Neuengamme (2017), Dachau und Sachsenhausen (2018) ging die Fahrt am 13./14. April 2019 erneut in die Gedenkstätte Buchenwald. Die Fahrt, die für Jugendliche bis 27 Jahre kostenfrei ist, war wie auch bei den zurückliegenden Fahrten gut besucht.

Anlass für die gemeinsame Reise war die Baumpflanzung in Weimar zum Gedenken an 520 jüdische Frauen, die in einem Außenlager des KZ Buchenwald in der Essener Humboldstraße für Krupp Zwangsarbeit leisten mussten. Durch die Gedenkstätte führten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit Gerd Hoffmann (den einige schon vom Besuch der Gedenkstätte Sachsenhausen kannten) und Reinhold Loch zwei Mitglieder der VVN-BdA aus Frankfurt/Oder bzw. Essen. Den Abschluss fand das Wochenende mit der Teilnahme an der Befreiungsfeier im 74. Jahr nach der Selbstbefreiung am 11. April 1945.

Wer die Thüringische Stadt Weimar besucht, kommt an Goethe und Schiller nicht vorbei. Goethes Wohnhaus, das Schillerhaus, Straßennamen, Hinweisschilder, Gedenktafeln und das Denkmal auf dem Theaterplatz vor dem Deutschen Nationaltheater erinnern an die Zeit der Weimarer bzw. Deutschen Klassik. Als Leitideen der Weimarer Klassik nennt Meyers Taschenlexikon aus dem Jahre 1985 „Harmonie und Humanität“. Nach dem Tagungsort der Nationalversammlung wurde auch die 1919 gegründete erste deutsche Republik „Weimarer Republik“ benannt. Ganz im Gegensatz zu diesen Traditionen steht die Nazi-Barbarei, die gleichwohl Goethe und Schiller vereinnahmte.

Eines der vielen Ausstellungsstücke in der Dauerausstellung der Gedenkstätte: ein Werbeprospekt für das „Gauforum“.

Spuren aus der Nazi-Zeit findet man auch heute noch in Weimar. So beherrscht den heutigen Weimarplatz das „Gauforum“, ein gigantisches Gebäudeensemble in faschistischer Ästhetik, welches die zentrale Gau-Verwaltung der NSDAP aufnahm. In den bestehenden und denkmalgeschützten Gebäuden ist heute das Thüringer Landesverwaltungsamt untergebracht, in der ehemaligen zum Gebäudeensemble gehörenden „Halle der Volksgemeinschaft“ befindet sich ein Einkaufszentrum.

Auf dem nahen Ettersberg, früher ein Naherholungsgebiet, befinden sich die baulichen Überreste des einstigen Konzentrationslagers Buchenwald. Das zu den größten nationalsozialistischen Konzentrationslagern gehörende KZ bestand von 1937 bis 1945. Weit über 250.000 Häftlinge befanden sich im System dieses Lagers einschließlich seiner Außenlager, zu denen auch Außenlager in Essen, Gelsenkirchen und anderen Ruhrgebietsstädten gehörten. Im Gegensatz zu den Vernichtungsorten im Osten, in denen der industrielle Massenmord stattfand, galt hier das Nazi-Prinzip der „Vernichtung durch Arbeit“. Etwa 56.000 Menschen fanden im KZ Buchenwald und seinen Außenlagern den Tod.

Der Schriftzug „Jedem das Seine“ zeigt den Zynismus der Nazis.

Das berühmte Lagertor mit der Inschrift „Jedem das Seine“ zeigt den Zynismus der Nazis, die einen Satz aus dem alten Rom, der für Gerechtigkeit für Jeden stand, im Sinne ihrer rassistischen und menschenfeindlichen Ideologie umdeuteten. Die Schrift war bei geschlossenem Tor für die Häftlinge zu lesen.

Zugleich ist Buchenwald das einzige Konzentrationslager, das sich selbst befreien konnte. Es war den politischen Häftlingen aus den verschiedenen europäischen Ländern gelungen, eine internationale Widerstandsorganisation zu bilden. In den letzten Apriltagen widersetzten sie sich zunehmend den Anweisungen der SS, organisierten Waffen und planten den Widerstand. Sie wussten, dass die SS sie bei einer sogenannten „Evakuierung“ des Lagers ermorden würde. Angesichts der herannahenden US-Armee gelang ihnen die Übernahme des Lagers und somit die Rettung zahlreicher Leben. Im Lager befanden sich zu diesem Zeitpunkt noch rund 21.000 Häftlinge, darunter 904 Kinder und Jugendliche. Als die US-Army eintraf, fand sie das befreite Lager vor.

Baumpflanzung auf dem Gelände des ehemaligen Gustloff-Werk I in Weimar zum Gedenken an Essener Zwangsarbeiterinnen.

In Weimar wie in Buchenwald waren die Häftlinge in der Rüstungsindustrie eingesetzt worden. In der Nähe des KZs war das Gustloff-Werk II errichtet worden, dass bei einem Luftangriff zerstört wurde. Ebenso erging es dem Gustloff-Werk I in Weimar. Auf dem ehemaligen Werksgelände in Weimar wurden im Rahmen des Projektes „1000 Buchen“ des Lebenshilfewerkes Weimar/Apolda am Samstag, den 13. April 2019 mehrere Bäume zum Gedenken an Opfer der Nazi-Barbarei gepflanzt. Einer von ihnen wurde zum Gedenken an 520 jüdische Frauen, die im Außenlager in der Essener Humboldstraße untergebracht waren und bei Krupp Zwangsarbeit leisten mussten, gepflanzt. Die Patenschaft (d.h. die Finanzierung) übernahm die DGB-Jugend, da sich Krupp trotz verschiedener Anfragen bis zuletzt nicht dazu bereit erklärt hatte.

Denise Bäcker sprach für die DGB-Jugend MEO, erinnerte an die Ausbeutung und Leiden der Häftlingen und sagte unter anderem: „Heute erinnern wir an die 522 weiblichen Häftlinge und pflanzen als DGB-Jugend Region MEO diesen Baum mit der dazugehörigen Gedenktafel. Uns ist es ein großes Anliegen, immer wieder der vielen Opfer der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft zu gedenken und die Erinnerung wach zu halten. Gerade in Zeiten, in denen sich alte und neue Nazis sich wieder verstärkt zu Wort melden, ist es wichtig, das kritische Bewusstsein gegen heutige Alt- und Neunnazis zu Stärken. Nichts ist schlimmer als das Vergessen. Wir wollen immer wieder aufzeigen, dass es nie wieder Faschismus geben darf und es wichtig ist, sich für Frieden, Freiheit und Demokratie einzusetzen.“

 

DGB-Jugend MEO auf der Titelseite der Thüringischen Landeszeitung vom 15.04.2019.

Am darauffolgenden 14. April 2019 besuchten wir den 2016 für Theo Gaudig gepflanzten Baum. Margret Rest von der VVN-BdA Essen erinnerte an seinen Lebensweg, der den 1904 in Essen als Sohn eines Krupp-Arbeiters geborenen über Rumänien in das KZ Buchenwald führte. Nach der Selbstbefreiung des Lagers erfuhr er, dass sein Vater Otto noch am 13. April 1945 in der Wenzelnbergschlucht bei Solingen ermordet worden war. Doch erwartete ihn in Essen auch seine Braut Maria, die 17 Jahre auf ihn gewartet hatte. Theo Gaudig engagierte sich sehr für die Ausstellung „Widerstand und Verfolgung in Essen 1933-1945“ in der 1980 eröffneten Alten Synagoge Essen und war ein unermüdlicher Zeitzeuge und lebensfroher Mensch.

Nach der Selbstbefreiung des 11. April 1945 organisierten die Überlebenden am 19. April 1945, noch tobte der Zweite Weltkrieg in Europa und Asien, eine große Gedenkveranstaltung auf dem Appellplatz des Lagers. Berühmt geworden ist der „Schwur von Buchenwald“, in dem die Überlebenden schworen: „Wir stellen den Kampf erst ein, wenn auch der letzte Schuldige vor den Richtern der Völker steht. Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.“ Bei der diesjährigen Gedenkfeier zum 74. Jahrestag der Befreiung wurde der „Schwur von Buchenwald“ von fünf ehemaligen Gefangenen in fünf verschiedenen Sprachen vorgetragen.

Gedenkstätte Buchenwald 2019: Gedenkfeier bei authentischem „Buchenwald-Wetter“.

Zuvor sprachen Volkhard Knigge, Direktor der Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Alojzy Maciak, Vizepräsident für Polen des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora und Kommandos (IKBD) sowie Dominique Durand, Präsident des IKBD. Den Reden gemeinsam war die Sorge um den zunehmenden Rechtsruck in Europa. Sie riefen die Jugend dazu auf, sich für Demokratie und Menschenrechte einzusetzen.

Neben dem offiziellen Programm gab es die Gelegenheit, die 2016 neu eröffnete Dauerausstellung der Gedenkstätte in der ehemaligen Effektenkammer und die Kunstausstellung in der ehemaligen Desinfektion zu besuchen. Die neue Ausstellung ist nach einer modernen Konzeption gestaltet. Neben erklärenden Texten und Fotos gibt es zahlreiche originale Ausstellungsstücke, Tondokumente und visuelle Darstellungen. In der Kunstausstellung sind Werke von Künstlern, die als Häftlinge im KZ eingesperrt waren, aus der Konzentrationslagerzeit und danach ausgestellt, die mit teilweise sehr einfachen gestalterischen Mitteln das unbeschreibliche Lagerleben zeigen.

Eines der vielen Exponate der Kunstausstellung: Blick vom Kleinen Lager ins große Lager.

Eine weitere gemeinsame Gedenkstättenfahrt von DGB-Jugend MEO und VVN-BdA Essen ist bereits in Planung. Im Oktober wird es für drei Tage nach Amsterdam gehen.

Ergänzte Fassung