Schlagwort-Archive: VVN-BdA

Der Heinrich-König-Platz gehört uns!

Die Stele von Werner und Martin Künne zur Erinnerung an Heinrich König auf dem Heinrich-König-Platz in Blickrichtung Ahstraße.

Wie im Internet zu erfahren ist, rufen die sogenannten „Mütter gegen Gewalt“ und die „Patrioten NRW“ für den 16.09.2018 – statt zu einer Kundgebung auf dem Heinrich-König-Platz – inzwischen zu einer Kundgebung auf dem Bahnhofsvorplatz auf. Damit haben wir ein wichtiges Ziel erreicht, ihnen den Heinrich-König-Platz zu verwehren!

Es bleibt uns erspart, auf dem nach dem von den Nazis im KZ Dachau nach medizinischen Versuchen ermordeten katholischen Geistlichen benannten Heinrich-König-Platz extrem rechte Hooligans und Nazis zu ertragen.

Wie Radio-Emscher-Lippe auf seiner Facebook-Seite berichtet, sind insgesamt acht Kundgebungen zeitgleich in der Innenstadt angemeldet. Die Gelsenkirchener VVN-BdA ruft weiterhin für den 16.09.2018 ab 13 Uhr zu einer Kundgebung auf dem Heinrich-König-Platz an der Stele für Heinrich König auf. Wie die WAZ berichtet, ruft auch das Aktionsbündnis 16.09. weiter zur Kundgebung auf dem Heinrich-König-Platz auf, zu der auch der Fraktionsvorsitzende der CDU kommen will. Ein ganz breites Bündnis gegen Rechts also!

Einige andere Initiativen, Organisationen oder Parteien dagegen werden vermutlich in Richtung Bahnhofsvorplatz mobilisieren, um den lautstarken Protest in Hör- und Sichtweite gegen die Rechtsextremisten zu wenden.

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„Verbrechen der Wirtschaft“ im „Roten Freitag“

Buchveröffentlichung des RuhrEcho-Verlags, Bochum.

Kenntnisreich und anschaulich stellte Günter Gleising (VVN-BdA Bochum) heute im „Roten Freitag“ der Gelsenkirchener Linkspartei seine Buchveröffentlichung vor. Buch und Vortrag zeigen die Interessen der Schwerindustriellen und Ruhrbarone an der Errichtung der Nazi-Diktatur, der Ausschaltung der Demokratie und der Rüstungspolitik. Im Anschluss führten die Besucher noch eine lebhafte Diskussion über die Inhalte des Vortrags und ihre Übertragbarkeit auf die Gegenwart.

Ausgehend von der Fragestellung, wie es der NSDAP gelingen konnte, innerhalb weniger Jahre von einer Splittergruppe zur einflussreichsten Kraft Deutschlands zu werden, zeigte Günter Gleising die Unterstützung, die Hitler und seine Partei durch führende Industrielle genoss. Begünstigt wurde die Machtstellung der Wirtschaft durch eine beispiellose Konzentration der Schwerindustrie im Ruhrgebiet, die Krupp, Thyssen, Flick und anderen einen außerordentlichen Einfluss gab. Günter Gleising berichtete, dass er seit über 20 Jahre an diesem Thema arbeitet und unter anderem auf Quellen zurückgreift, die kurz nach 1945 von den Alliierten zusammengestellt wurden. Beispiele aus Gelsenkirchen rundeten den Vortrag ab.

In der sich an den Vortrag anschließenden Diskussion ging es um viele Einzelfragen, aber auch um die Bedeutung für die Gegenwart verbunden mit der Frage nach Unterschieden und Gemeinsamkeiten zwischen der Entwicklung der NSDAP und der Entwicklung der AfD. Natürlich war die Zeit wie immer zu knapp für eine ausführliche Diskussion, eine Fortsetzung würde sich sicher lohnen.

Der „Rote Freitag“ ist eine Veranstaltungsreihe im Werner-Goldschmidt-Salon, dem nach dem Gelsenkirchener Antifaschisten benannte Veranstaltungsort der Die Linke. „Verbrechen der Wirtschaft“ war eine Kooperationsveranstaltung der Die Linke mit der Gelsenkirchener VVN-BdA.

Werner-Goldschmidt-Salon – Parteibüro von Die Linke und Veranstaltungsort, benannt nach dem Gelsenkirchener und jüdischen Widerstandskämpfer Werner Goldschmidt.

Gedenkstättenfahrt nach München und Dachau

KZ-Gedenkstätte Dachau 2018: geöffnetes Lagertor, inzwischen auch Eingang zur Gedenkstätte.

Zum inzwischen vierten Mal unternahmen die DGB-Jugend MEO (Mülheim Essen Oberhausen) und die VVN-BdA Essen eine gemeinsame Gedenkstättenfahrt zu einem Ort des Nazi-Terrors. Nach Esterwegen (2014), Buchenwald (2016) und Neuengamme (2017), im Norden und Osten Deutschlands gelegen, ging die Fahrt dieses Mal nach Süddeutschland. München, die von den Nazis so bezeichnete „Hauptstadt der Bewegung“ und die KZ-Gedenkstätte Dachau waren das Ziel der dreitägigen Reise vom 11. bis 13. Mai 2018. Auch über 70 Jahre nach dem Ende der Nazi-Herrschaft zeigen sich zahlreiche junge Erwachsene an einer Zeit interessiert, die andere in unserem Land nur allzu gerne vergessen lassen möchten und sich eine „erinnerungspolitische Wende“ wünschen. Wie auch in meinen anderen Beiträgen besteht mein Interesse vorrangig in Geschichte und Gestaltung der Gedenkstätte.

Die Fahrt begann wieder mit einem Vorbereitungstreffen im Jugendkeller des DGB-Hauses in der Essener Teichstraße, bei dem organisatorische und inhaltliche Fragen besprochen wurden. In diesem Jahr las mit Helmut Weinand ein Neffe des inzwischen verstorbenen Robert Weinand aus dessen Erinnerungen, die 1987 unter dem Titel „Stationen eines Lebens“ erschienen waren. Weinand, 1903 in Essen als einer von zehn Kindern in einer „Kruppianer-Familie“ geboren, nahm ab 1936 am Spanischen Bürgerkrieg auf der Seite der Spanischen Republik teil und wurde nach deren Niederlage vom faschistischen Spanien an die Gestapo ausgeliefert.

Nach dem Aufenthalt in vier Gefängnissen war er von 1942 bis 1945 im KZ Dachau eingesperrt. Aus seinen Erinnerungen erfuhren wir unter anderem von dem Prügelritual der SS während der Einlieferung ins KZ, von den sadistischen Strafen im Lager und von der Angst der Eingesperrten, kurz vor Kriegsende 1945 noch von der SS ermordet zu werden.

Dachau war das erste staatliche Konzentrationslager der Nazis und beendete die Phase der sogenannten „wilden KZs“, Folterkeller in denen ab 1933 politische Gegner geprügelt, gedemütigt und gemordet wurden. Es wurde am 22. März 1933 in einer stillgelegten Munitionsfabrik aus dem Ersten Weltkrieg errichtet und dessen Leitung am 11. April der SS übergeben. Dachau wurde zum Modell für alle Konzentrationslager und 1937/38 wesentlich erweitert. Die Führung durch unsere beiden Guides („Führer“ wäre wohl unpassend) begann auf dem Gelände des ursprünglichen Lagers. Von dort gelangten wir zum Eingang des 1937/38 neu errichteten Lagers mit dem Lagertor und der bekannten Inschrift „Arbeit macht frei“.

Blick in das ehemalige SS-Lager, es ist nicht Teil der Gedenkstätte, sondern wird von der Bayerischen Bereitschaftspolizei genutzt.

Neben dem eigentlichen Häftlingslager, das heute im wesentlichen die KZ-Gedenkstätte bildet, lag das Areal der SS, die das Lager bewachte. Seit den 1980er Jahren wird ein Teil des ehemaligen SS-Areals von der bayerischen Bereitschaftspolizei genutzt. Eine in jeder Hinsicht „interessante“ Nachnutzung des Geländes, deren unterschiedliche Formen sich nicht nur in Bayern finden.

Die Gedenkstätte erinnert an die mehr als 200.000 Gefangenen aus über 40 Nationen, die im KZ Dachau und seinen Außenlagern eingesperrt waren, über 40.000 starben an den unmenschlichen Bedingungen und dem Terror der SS, an Hunger, Krankheit, Folter und Mord. Waren es in den ersten Jahren überwiegend politische Gegner der Nazis die in Konzentrationslager eingesperrt wurden, also Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter, kamen im weiteren Verlauf der Nazi-Diktatur weitere Gruppen hinzu, darunter Juden, Homosexuelle, Zeugen Jehovas und mit der Besetzung europäischer Länder durch Nazi-Deutschland auch ausländischer Häftlinge in großer Anzahl. Eine Dachauer Besonderheit war die Konzentration Geistlicher in diesem Lager.

KZ-Gedenkstätte Dachau 2018: Blick in die Hauptausstellung.

Das Gelände, nach der Befreiung am 29. April 1945 zunächst durch die US-Army für die Prozesse gegen die Verbrecher der SS genutzt, war danach – Wohnraum war knapp – ab 1948 zur „Wohnsiedlung Dachau-Ost“ für Flüchtlinge und Vertriebene aus dem Sudetenland geworden, die in den mit Trennwänden umgebauten Baracken unterkamen. Die Errichtung der Gedenkstätte erfolgte erst 1965 auf Druck der Überlebenden aus mehreren europäischen Ländern, die sich 1955 im Comiteé International de Dachau (CID) zusammengeschlossen hatten und ein würdiges Gedenken gefordert hatten. Lediglich der Bereich der Krematorien wurde zu dieser Zeit bereits als Gedenkstätte gepflegt.

KZ-Gedenkstätte Dachau 2018: Blick in den „Schubraum“, in dem heute die entwürdigende Aufnahmeprozedur dokumentiert ist.

Die Gedenkstätte umfasst heute im wesentlichen das ehemalige Häftlingslager. Die Wirtschaftsgebäude sind – aufgrund der Nachnutzung zwischen 1945 und 1965 – unterschiedlich erhalten. Hier ist das Museum, das heißt die neugestaltete Hauptausstellung aus dem Jahre 2003 über die Geschichte des Konzentrationslagers Dachau untergebracht, die die Geschichte des KZs in Verbindung mit der Geschichte der Nazizeit darstellt. Zu den Räumen gehören auch der „Schubraum“, in dem die entwürdigende Aufnahmeprozedur stattfand und das Häftlingsbad. Zu den Ausstellungsstücken gehört der Nachbau eines „Prügelbocks“, auf denen die Häftlinge misshandelt wurden. Hinter den erhaltenen Wirtschaftsgebäuden befindet sich der „Bunker“, ein weiteres Gefängnis im Gefängnis und damit ein weiterer Ort intensiver Quälerei durch die SS-Männer.

KZ-Gedenkstätte Dachau 2018: Blick in den Bunker, rechts und links die Zellentüren.

Vor den Wirtschaftsgebäuden befindet sich das begehbare Internationale Mahnmal. Es wurde von Nandor Glid, einem jugoslawischen Juden, der sich 1944 dem Widerstand angeschlossen hatte, entworfen und 1968 eingeweiht. Es besteht aus mehreren, auf den ersten Blick nicht unbedingt zusammengehörende Teilen. Neben der auffallenden, zentralen Plastik, die KZ-Insassen im Stacheldraht zeigt, gehören eine Mauer, ein Weg, über dessen tiefster Punkt die Plastik steht, die zudem von Betonpfeilern, die an den Lagerzaun erinnern, gesäumt wird, eine Kette mit den verschiedenfarbigen Häftlingswinkel und eine weitere Mauer dazu. Die erste Mauer fordert in mehreren Sprachen dazu auf, dem Vorbild der befreiten Häftlinge zu folgen, die zweite Mauer ermahnt mit einem „Nie wieder“ in verschiedenen Sprachen.

KZ-Gedenkstätte Dachau 2018: Teilansicht des Internationalen Denkmals, die zentrale Plastik zeigt KZ-Insassen im Stacheldraht.

Die originalen Baracken sind nicht erhalten, da sie stark verändert oder baufällig waren. Sie wurden abgerissen und nur die beiden ersten Blöcke rekonstruiert. Heute befindet sich darin eine Ausstellung, die die Aufteilung der Baracken in den verschiedenen Phasen des KZs zeigt, in deren Verlauf immer mehr Menschen im Lager untergebracht wurden. Die weiteren Baracken sind nur als Grundriss und mit der jeweiligen Block-Nummer gekennzeichnet dargestellt. Mauer und Wachtürme wurden wieder instandgesetzt. Für mich bemerkenswert ist die Baumreihe rechts und links der Lagerstraße, die aus der KZ-Zeit stammt und fast einen idyllischen Eindruck hinterlassen könnte – wenn man nicht um die Geschichte des Lagers wüsste.

KZ-Gedenkstätte Dachau 2018: katholische Todesangst-Christi-Kapelle (1960).

Religiöse Erinnerungsorte

Die Lagerstraße führt auf die (katholische) Todesangst-Christi-Kapelle zu, die 1960 im Rahmen des Eucharistischen Weltkongresses eingeweiht wurde. Sie war zugleich auch das erste religiöse Mahnmal, das am Nordende errichtet wurde. Sie wird flankiert von einer jüdischen Gedenkstätte und der evangelischen Versöhnungskirche (beide 1967 eingeweiht). Alle Bauten besitzen eine eigene und bemerkenswerte Architektur, wie auch die Versammlung religiöser Mahnmale auf einem ehemaligen KZ-Gelände einzigartig ist. Verbindet die Todesangst-Christi-Kapelle die Passion Christi mit der Leidenszeit der KZ-Häftlinge, bricht die Architektur der Versöhnungskirche mit der rechtwinkligen Anlage des Konzentrationslagers, erinnert die jüdische Gedenkstätte architektonisch an die Vernichtung der europäischen Juden. Durch den ehemaligen Wachturm auf der Nordseite erreichbar befindet sich seit 1964 ein Sühnekloster der Karmeliterinnen jenseits der Nordmauer. 1995 folgte noch die Einweihung einer russisch-orthodoxen Kapelle. Diese liegt außerhalb des ehemaligen Häftlingslager, vor dem zum damaligen SS-Lager gehörenden Krematorium.

KZ-Gedenkstätte Dachau 2018: Teilansicht der „Baracke X“ (1942/43), dem großen Krematorium.

Neben einem ersten, kleinen Krematorium befindet sich hier die 1942/43 errichtete „Baracke X“, eine Anlage mit vier Verbrennungsöfen und einer funktionsfähigen als „Brausebad“ getarnten Gaskammer. Zu KZ-Zeiten wurde hier die zunehmende Zahl der toten KZ-Häftlinge verbrannt, die Gaskammer jedoch nur für eine Ermordung einer geringen Anzahl von Häftlingen genutzt. Ein Massenmord, wie beispielsweise in den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau, fand hier nicht statt. Seit den 1960er Jahren wurde der Bereich friedhofsähnlich umgestaltet und wirkt heute fast idyllisch mit viel Grün und zwitschernden Vögeln. Die Räume des großen Krematoriums hatten im Jahre 1960, im Jahr der Einweihung der Todesangst-Christi-Kapelle, ein erstes, von den Überlebenden eingerichtetes Museum mit einer Dokumentarausstellung aufgenommen.

KZ-Gedenkstätte Dachau 2018: Zeitzeugengespräch mit Ernst Grube in der evangelischen Versöhnungskirche.

„Erinnerung braucht Wissen!“ (Ernst Grube)

Der Führung durch die Gedenkstätte schloss sich ein Zeitzeugen-Gespräch in der evangelischen Versöhnungskirche an. Der hochbetagte, 85jährige Ernst Grube, Kind einer jüdischen Mutter und einem nichtjüdischen Vater, im Weltbild der Nazis ein sogenannter „Halbjude“, erzählte von seiner Kindheit in München, seiner Unterbringung in einem jüdischen Kinderheim und der Deportation nach Theresienstadt. Er gab sich viel Mühe, den jungen Gewerkschaftern, die um ihn herum saßen, die auch für ihn lange zurückliegende Zeit anschaulich und nachvollziehbar zu schildern. (Es gibt auch einen eigenen Eintrag in der Wikipedia über ihn.)

Am folgenden Tag führte uns Ernst Antoni, Mitglied der Münchener VVN-BdA und Redakteur der „antifa“, der Zeitung der VVN-BdA, durch einen Teil Münchens. Die Stadt hatte von den Nazis den Beinamen „Stadt der Bewegung“ erhalten. Ausgehend vom Königsplatz, den die Nazis als Aufmarschplatz nutzten und an dem in der Gegenwart jedes Jahr an die Bücherverbrennung erinnert wird, führte er uns an ehemalige Bauten der NSDAP vorbei, sowie am NS-Dokumentationszentrum München, am ehemaligen Ort des sogenannten „Braunen Hauses“.

München 2018: Ehemaliger „Führerbau“, nicht zu verwechseln mit dem „Braunen Haus“.

Die Stadtführung blieb nicht in den Jahren 1933 bis 1945 stehen, sondern führte zurück zu den Ursprüngen und zu Unterstützern, zum „Hitler-Putsch“ 1923 und ihrem unrühmlichen Ende in einer Schießerei vor der Feldherrnhalle, und auch zum ehemaligen Standort des Wittelsbacher Palais, einem Hauptquartier der Gestapo und Gestapo-Gefängnis. Heute erinnert nur eine Tafel am modernen Gebäude der Bayern LB sowie ein nahegelegener Platz durch seine Benennung an die Opfer des Nationalsozialismus.

Ernst Antoni und auch unser Zeitzeuge Ernst Grube am Vortag berichteten nicht nur über die Vergangenheit. Beides sind politisch engagierte Menschen, die vor Entwicklungen in der Gegenwart warnen, die den demokratischen Rechtsstaat einschränken. Auch das lässt sich aus der Geschichte der Nazizeit lernen: eine Entwicklung zum Faschismus beginnt nicht erst mit der Machtergreifung, sondern lange vorher.

Auf dem Krematoriumsgelände legten DGB-Jugend und VVN-BdA eine Gedenkminute ein und ein Blumegesteck nieder.

Mit dem antifaschistischen Stadtrundgang endete die dreitägige Fahrt nach München und Dachau. Diese vierte Gedenkstättenfahrt war nicht die letzte. Bereits für die Zeit vom 12. bis 14. Oktober ist eine weitere Fahrt geplant, dieses Mal nach Berlin und Sachsenhausen.

Gedenkfahrt zur Erinnerung an fast vergessene Kriegsendverbrechen

Eine Welt ohne Nazismus, Rassismus und Militarismus fordert die VVN-BdA.

Eine Gedenkfahrt von Köln über Lindlar und die Versetalsperre nach Lüdenscheid führte die nordrhein-westfälische VVN-BdA mit Unterstützung örtlicher Aktiver am Samstag, 3. März 2018 durch. Sie erinnert an Kriegsendverbrechen im Frühjahr 1945, als die Nazis noch kurz vor der Befreiung eine fast vergessene Blutspur im Land hinterließen. Die Fahrt diente zugleich der Unterstützung der örtlichen Initiativen, denn viele Einzelheiten sind auch über 70 Jahre nach Kriegsende noch nicht erforscht.

Der Auftakt fand um 10.30 Uhr vor dem Eingang zum Tiefbahnhof Köln-Deutz statt. Eine Gedenktafel und eine Stolperschwelle erinnern an die Deportationszüge von Sinti und Roma, Juden und Häftlingen des Messelagers. Vor rund 40 Antifaschistinnen und Antifaschisten erinnerten Landessprecher Falk Mikosch und Bundessprecher Ulli Sander an diese Verbrechen, an den Jugendwiderstand in Köln wie auch an den Anlass der Gedenkfahrt.

Auftakt der Gedenkfahrt am Bahnhof Köln Messe/Deutz.

Am 3. März 1945, zwei Tage vor der Befreiung Kölns, hat die Gestapo-Leitstelle Köln mindestens 1.000 Gefangene aus den Benelux-Ländern und dem Rheinland durch das Bergische Land in das sogenannte „Arbeitserziehungslager“ Lüdenscheid-Hunswinkel im Versetal (heute unter den Fluten der Versetalsperre) und dem Exekutionsort Hühnersiepen (heute eine Kriegsgräberstätte) getrieben. Es handelte sich um jüdische Häftlinge, (meist russische) Zwangsarbeiter und politische Häftlinge aus den Benelux-Ländern und dem Rheinland. Circa 300 wurden dort hingerichtet, viele kamen auf dem Todesmarsch ums Leben.

Während die Kriegsendverbrechen an anderen Orten wie der Dortmunder Bittermark und der Solinger Wenzelnbergschlucht seit Jahrzehnten erforscht sind und dort jedes Jahr würdige Gedenkveranstaltungen stattfinden, existiert eine solche Tradition in Köln und Lüdenscheid bislang nicht. Den Anstoss sich hiermit zu beschäftigen gaben Matthias Wagner und andere von der Friedensgruppe Lüdenscheid. Auf der Landesdelegiertenkonferenz der VVN-BdA NRW am 18. Februar 2017 hatten wir über den Initiativantrag „Aufklärung über fast vergessene Massenverbrechen in der Kriegsendphase“ diskutiert. Diese Gedenkfahrt ist ein direktes Ergebnis. Damals wie heute fand und finde ich es übrigens „erstaunlich, dass es immer noch so weit zurückliegende Verbrechen der Nazis zu entdecken gibt“.

Lindlar, Kirchplatz der katholischen Gemeinde St. Severin.

Von Köln aus fuhren wir weiter nach Lindlar und erinnerten dort gemeinsam mit „Unser Oberberg ist bunt – nicht braun“ auf dem Kirchplatz der katholischen Gemeinde St. Severin vor einer dort angebrachten Erinnerungstafel an lokale Verbrechen an Zwangsarbeitern. Uli Sander thematisierte hier auch die Verantwortung der Industrie- und Wirtschaftsführer an den Verbrechen. Nach einem kleinen Imbiss und weiteren Informationen über die Ermordung der Zwangsarbeiter, die Lindlar durch Filmaufnahmen der US-Army weltbekannt gemacht hatten, fuhren wir weiter mit dem Bus zur Klammer Brücke an der Versetalsperre.

Matthias Wagner, Friedensgruppe Lüdenscheid, berichtet an der Gedenkstätte in der Nähe der Klamer Brücke.

Die Versetalsperre wurde in den zwanziger Jahren geplant und ist erst nach dem Krieg fertiggestellt worden. Während der Nazi-Zeit ist hier nach Berlin 1940 das zweite sogenannte „Arbeitserziehungslager“ errichtet worden. Wurden hier zunächst deutsche sogenannte „Arbeitsbummelanten“ eingewiesen, änderte sich der Charakter des Lagers durch den Einsatz russischer Zwangsarbeiter zwischen 1942 und 1944 durch eine hohe Anzahl von Todesfällen. Wo sie begraben wurden, ist zum größten Teil unbekannt. Ab Februar 1945 wurde das Lager von der Gestapo Dortmund und Köln überwiegend als Hinrichtungsort genutzt.

Während der Gedenkveranstaltung am Gedenkort für die Toten des Arbeitserziehungs- und Konzentrationslagers Hunswinkel.

In der Nähe der Brücke befindet sich ein Gedenkort für die Toten des Arbeitserziehungs- und Konzentrationslagers Hunswinkel. Das 1997 aufgestellte Mahnmal wurde – mutmaßlich von Metalldieben – 2014 abgesägt und gestohlen. Heute befindet sich am Ort eine ausführliche Erinnerungstafel und eine von der Friedensgruppe der Stadt geschenkte steingefüllte Lore als Denkmal. Matthias Wagner aus Lüdenscheid berichtete hier von seinen Erfahrungen und Recherchen und fuhr anschließend mit uns im Bus mit auf die Staumauer für weitere Erläuterungen. Die Gedenkfahrt endete in Lüdenscheid im „Kleinen Prinz“ bei Kaffee und Kuchen und individuellen Gesprächen. Anschließend brachte uns der Bus von „auf extratour“ wieder zum Bahnhof Köln Messe/Deutz zurück. Insgesamt eine bemerkenswerte Reise an Orte, die und deren Geschichte ich zuvor nicht kannte.

Gedenkort an der Versetalsperre unweit der Klamer Brücke mit Blick auf die Staumauer.

Die Verwaltung der Erinnerung in Gelsenkirchen (II)

Wo 1945 im Stadtgarten ermordete Zwangsarbeiter verscharrt wurden, wird jetzt an sie erinnert.

Noch kurz vor der Befreiung vom Faschismus 1945 wurden von den Nazis zahlreiche Morde an Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter sowie an Antifaschistinnen und Antifaschisten verübt. In Gelsenkirchen wird seit kurzem an eines dieser Verbrechen mit einer Erinnerungsortetafel im Stadtgarten erinnert.

Der Katalog zur Dauerausstellung „Gelsenkirchen im Nationalsozialismus“ fasst zusammen, was heute über das Verbrechen bekannt ist. Demnach wurden kurz vor Kriegsende 1945 in Gelsenkirchen Ende März Zwangsarbeiter aus Osteuropa im Stadtgarten ermordet. Die Ermordeten wurde in einem Bombenkrater verscharrt, ihre Identität nie geklärt. Die Mörder vermutete man in den Angehörigen einer Volkssturmeinheit, auch ihre Identität wurde nie zweifelsfrei festgestellt. Weitere Morde wurden von der Gestapo verübt, die am Karfreitag russische Mädchen und Männer aus dem Polizeigefängnis Buer im Westerholter Wald erschoss.

Seit langem wird andernorts an derartige Kriegsendverbrechen würdevoll erinnert. Beispielsweise sind die Massenmorde in der Dortmunder Bittermark (Rombergpark) und der Solinger Wenzelnbergschlucht seit Jahrzehnten erforscht. Jedes Jahr finden hier Gedenkveranstaltungen statt, die die Erinnerung wachhalten und vor einer Wiederholung der Vergangenheit warnen. In diesem Jahr findet zudem erstmals eine Gedenkfahrt statt, die von Köln nach Lüdenscheid führt und an Massenverbrechen der Kölner Gestapo erinnert.

Diese Massenmorde wie auch die Todesmärsche aus den Konzentrationslagern entsprechen dem Nachkriegs- und Überlebenskonzept der Nazis, die ihre Gegner und die Zeugen ihrer Verbrechen nicht am Leben lassen wollten. Auch das Institut für Stadtgeschichte dokumentiert im oben genannten Katalog beispielhaft eine „Mordliste der NSDAP-Ortsgruppe Buer-Middelich“ vom September 1944. – Von diesem Hintergrund findet sich auf der Erinnerungsortetafel leider nichts wieder. Vielmehr wird die Geschichte im ersten Absatz auf der Tafel mehr verklärt als erklärt. Wer sich mit den historischen Ereignissen nicht auskennt, könnte fast den Eindruck gewinnen, Standgerichte und „Ostarbeiter“ hätten unter der einheimischen Bevölkerung Angst und Schrecken verbreitet.

Erinnerungsortetafel im Stadtgarten Gelsenkirchen.

Entschuldigen könnte man diese Tafel allenfalls damit, dass der Text womöglich mit „heißer Nadel“ gestrickt werden musste. Im Januar stellte der wie immer unbequeme Sozialdemokrat Klaus Brandt einen Bürgerantrag, der der VVN-BdA, der Die Linke und Gelsenzentrum e.V. ermöglichen sollte, eine Gedenktafel zur Erinnerung an die Morde aufzustellen. So viel bürgerschaftliches Engagement war der Stadt wohl doch nicht geheuer – und so kam es mal eben schnell zu dieser offiziellen Erinnerungsortetafel.

Literatur
Schmidt, Daniel (Hrsg.): Gelsenkirchen im Nationalsozialismus. Katalog zur Dauerausstellung. Schriftenreihe des Instituts für Stadtgeschichte. Materialien, Band 12. Gelsenkirchen 2017. Seite 223-230

Wirtschaftsführer und Kriegsgewinnler

Buchveröffentlichung des RuhrEcho-Verlags, Bochum.

„Verbrechen der Wirtschaft“ von Günter Gleising zeigt Anteil und Interesse der Ruhrbarone und von führenden Industriellen Deutschlands an der Errichtung der Nazi-Herrschaft, an der Aufrüstungs- und Kriegspolitik und der Ausplünderung der eroberten Gebiete. Das Kriegsende 1945 bedeutete für ihre Geschäfte nur eine kurze Unterbrechung, die bald wieder florierten.

Günter Gleising, Mitglied der VVN-BdA Bochum, stellt deutlich die Interessen der wirtschaftlichen Elite der Weimarer Republik dar, die gegen Republik, Betriebsräte und Gewerkschaften und für die Wiederaufrüstung nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg standen. Ausgehend von der Fragestellung, wie es der NSDAP gelingen konnte, innerhalb weniger Jahre von einer Splittergruppe zur einflussreichsten Kraft Deutschlands zu werden und wie es Nazi-Deutschland innerhalb von sechs Jahren gelingen konnte, halb Europa mit Krieg zu überziehen, zeigt er die Unterstützung, die Hitler und seine Partei durch führende Industrielle genoss.

Begünstigt wurde die Machtstellung der Wirtschaft durch eine beispiellose Konzentration der Schwerindustrie im Ruhrgebiet, die Krupp, Thyssen, Flick und anderen einen außerordentlichen Einfluss gab, während gleichzeitig die katastrophalen Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise auf die kleinen Leute abgewälzt wurde. Das Interesse der Wirtschaftsführer an der Beseitigung aller demokratischen und humanistischen Hemmnisse, die ihrem Gewinnstreben entgegenstanden, traf sich mit Hitlers politischem Programm und Politik.

Gleising belegt anhand zahlreicher Dokumente, wie Hitler und die NSDAP ab 1925 ihre Macht ausbauen und dabei durch führende Industrielle unterstützt wurden, bis ihm am 30. Januar 1933 vom Reichspräsidenten Hindenburg die Kanzlerschaft angetragen wurde. Mit der Machtübertragung an die Nazis begann für die Konzerne wieder das große Geschäft: Rüstungsaufträge, Arisierungen, Ausplünderung eroberter Gebiete und Sklavenarbeit bildeten das Geschäftsmodell, dass Gleising anhand zahlreicher Beispiele aus Bochum und den Nachbarstädten zeigt.

Bei allem Lob für die Veröffentlichung darf eine Kritik an der faktenreichen Darstellung nicht fehlen: gelegentlich hat man als geneigter Leser den Eindruck, von der Vielzahl der Fakten schier erschlagen zu werden ohne die Gelegenheit zu bekommen, beim Lesen innezuhalten. Trotzdem gibt es eine klare Empfehlung für dieses Buch, das sich nahtlos in die Spurensuche und Kennzeichnung der Tatorte der „Verbrechen der Wirtschaft an Rhein und Ruhr 1933-1945“ der VVN-BdA NRW einfügt und weit darüber hinausweist.

Lesenswert ist „Verbrechen der Wirtschaft“ auch nicht nur als historische Darstellung. In seinem Vorwort erinnert Ulrich Sander, Bundessprecher der VVN-BdA daran, dass die Ministerin Andrea Nahles 2016 aus dem Armutsbericht der Bundesregierung einen Satz streichen ließ, der den Einfluss der Reichen auf die Politik zeigt. Trotzdem – eine Binsenweisheit – besteht dieser Einfluss 1933 wie heute. Günter Gleisings „Verbrechen der Wirtschaft“ zeigt am historischen Beispiel, was zuviel Macht auf der Kapitalseite anrichtet. So ist aus dieser Geschichte zu lernen, dass und warum sie sich nicht wiederholen darf.

Gleising, Günter: Verbrechen der Wirtschaft. Der Anteil der Wirtschaft an der Errichtung der Nazidiktatur, der Aufrüstungs- und Kriegspolitik im Ruhrgebiet 1925-1945, RuhrEcho Verlag, Bochum, 2017, 267 Seiten, 18 Euro

Gedenken zur Reichspogromnacht

Die abgebildeten Stolpersteine erinnern an die Familie Goldschmidt, Gelsenkirchen.

Wie auch schon in den vergangenen Jahren hat in Gelsenkirchen die „Demokratische Initiative gegen Diskriminierung und Gewalt, für Menschenrechte und Demokratie – Gelsenkirchen“ (DI) Schweigemarsch und Kundgebung zum Gedenken an die Pogrome in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 gegen die deutsch-jüdische Bevölkerung durchgeführt.

In der „Demokratischen Initiative“ nicht erwünscht – und daher auch nicht offiziell eingeladen – ist die VVN-BdA Gelsenkirchen. Wie in allen Jahren haben Mitglieder der Gelsenkirchener VVN-BdA als Bürger dieser Stadt selbstverständlich an der Gedenkveranstaltung teilgenommen. Eine Ausnahme bildete die Zwischenkundgebung am Nazi-Schwert vom Schalker Verein am 9. November 2015, die von uns deutlich kritisiert worden war und der wir im Bündnis gegen Krieg und Faschismus eine eigene Zwischenkundgebung entgegengesetzt haben.

Kritik an der Ausgrenzung der VVN-BdA Gelsenkirchen kommt von der Gelsenkirchener Linkspartei, die nach den Erfahrungen der VVN-BdA Gelsenkirchen auf einen eigenen Aufnahmeantrag an die DI verzichtet hatte. In ihrer Pressemitteilung erklären sie, wie selbstverständlich für Linke der Widerstand gegen Faschismus war und ist. Martin Gatzemeier, Vorsitzender der Linken Ratsfraktion schreibt dann auch abschließend: „An das Datum muss insbesondere DIE LINKE. nicht erinnert werden, da Kommunisten und Sozialisten zu den ersten Opfern der Nazis gehörten. DIE LINKE. Gelsenkirchen wird wieder am Gedenkzug teilnehmen so wie sie es schon seit Jahren macht“.

Noch deutlichere Kritik äußerte wiederholt der Sozialdemokrat Klaus Brandt, der die Gedenkveranstaltung zuletzt in einem Leserbrief an die WAZ (04.11.2017) als „Alibiveranstaltung“ bezeichnet und die DI als „eine(r) Art kommunal finanzierten Rotary-Club(s), der Andreas Jordans Gelsenzentrum und die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes ebenso ausgrenzt wie die Linke.“ Klaus Brandt rechnet sich einem linksbürgerlichen Personenkreis zu, der ein anderes Verständnis von Solidarität der Demokraten vertritt, „als es unser Oberbürgermeister praktiziert.“ Weitere Kritiker sind der Veranstaltung einfach ferngeblieben und haben anderweitig ihren Unmut kundgetan.

Nun muss man bei aller Kritik an der DI nicht das Kind mit dem Bade ausschütten. Eine offizielle Gedenkveranstaltung in Erinnerung an einen frühen Höhepunkt der rassistischen Nazi-Politik ist sicherlich kein Fehler – vor allem in einer Zeit, in der eine rechte „Alternative für Deutschland“ bei einer Bundestagswahl 17 % der Wählerstimmen in Gelsenkirchen holt. Sie genügt allerdings auch nicht, um den Rechten das Wasser abzugraben. Hier ist eine andere Politik nötig, als sie die staatstragenden Parteien der letzten Jahrzehnte betrieben haben. Und solange sich das nicht ändert, ist Klaus Brandt mit der Bezeichnung „Alibi-Veranstaltung“ für die Gedenkkundgebung sicherlich im Recht. Daher sollte sich der von ihm so schön bezeichnete linksbürgerliche Personenkreis, zu dem sich die Gelsenkirchener VVN-BdA sicherlich auch zählen kann, im nächsten Jahr zu einer eigenen Veranstaltung einfinden. Ideen dazu gibt es ja bereits.

Werner-Goldschmidt-Salon – Parteibüro von Die Linke und Veranstaltungsort, benannt nach dem Gelsenkirchener und jüdischen Widerstandskämpfer Werner Goldschmidt.