Schlagwort-Archive: VVN-BdA

Esther Bejarano gestorben

Ihr letzter öffentlicher Auftritt am 3. Mai diesen Jahres.

Heute Nacht ist die Überlebende der Konzentrationslager Auschwitz, Ravensbrück und eines Todesmarsches im Alter von 96 Jahren ruhig und friedlich eingeschlafen. Die VVN-BdA verdankt ihrer Ehrenpräsidentin viel. Als 1990 zum ersten Mal ein Bundessprecher:innenkreis gewählt werden sollte und dafür Personen gesucht wurden, die Tradition und Neuanfang verkörperten, stand sie dafür zur Verfügung und wurde eine der ersten Bundessprecherinnen in einer Zeit, in der die VVN-BdA der Diffamierung des Antifaschismus entgegentreten musste. Sie hat einen großen Anteil daran, dass das gelungen ist. Und als im November 2019 das Finanzamt in Berlin die Gemeinnützigkeit der VVN-BdA bestritt, schritt sie mit ihrem flammenden Appell an Olaf Scholz „Das Haus brennt und Sie sperren die Feuerwehr aus“ ein und verbreiterte die öffentliche Debatte. Damit hat sie wesentlich zu dem Erfolg in dieser Auseinandersetzung beigetragen. Antifaschismus ist wieder gemeinnützig!

Nun ist die unermüdliche Zeitzeugin gegen Vergessen des historischen und Verharmlosen des aktuellen Faschismus, Mahnerin und Kämpferin für Menschenrechte, Frieden und eine solidarische Gesellschaft von uns gegangen. Die Bundesvereinigung der VVN-BdA schreibt unter anderem in ihrem Nachruf: „Wir alle kannten Sie als eine Frau von großer Entschiedenheit und geradezu unglaublichem Elan, die viele von uns noch bis vor kurzem auf der großen Bühne erleben durften. Zuletzt saß sie am 8. Mai auf unserer kleinen Bühne im Hamburger Gängeviertel und erzählte von ihrer Befreiung am 3. Mai 1945 durch Soldaten der Roten Armee und der US-Armee, die kurz nacheinander in der kleinen Stadt Lübsz eintrafen. Dort hatte Esther mit einigen Freundinnen aus dem KZ Ravensbrück Unterschlupf gefunden, nachdem sie gemeinsam dem Todesmarsch entflohen waren.“

Anlässlich ihres letzten öffentlichen Auftritts am 3. Mai diesen Jahres, wo sie im Rollstuhl sitzend gleichwohl mit klarer Stimme sprach, wiederholte sie noch einmal ihre Forderung, den 8. Mai in Deutschland zum Feiertag zu machen: „Ich fordere: Der 8. Mai muss ein Feiertag werden! Ein Tag, an dem die Befreiung der Menschheit vom NS-Regime gefeiert werden kann. Das ist überfällig seit sieben Jahrzehnten. Und hilft vielleicht, endlich zu begreifen, dass der 8. Mai 1945 der Tag der Befreiung war, der Niederschlagung des NS-Regimes. Am 8. Mai wäre dann Gelegenheit, über die großen Hoffnungen der Menschheit nachzudenken: Über Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – und Schwesterlichkeit.“ Der vollständige Text der Rede kann hier nachgelesen werden.

Ein letztes Interview aus diesem Jahr von der digitalen Befreiungsfeier des KZ Ravensbrück.

Dieser Textbeitrag beruht im wesentlichen auf dem Nachruf der Bundesvereinigung der VVN-BdA.

Mahnwache erinnert an den Beginn des Vernichtungskrieges vor 80 Jahren

Mahnwache auf dem Heinrich-König-Platz am 22. Juni 2021 zur Erinnerung und Mahnung.

Vor 80 Jahren, am 22. Juni 1941 begann mit dem Überfall des faschistischen Deutschlands auf die Sowjetunion ein beispielloser Vernichtungs- und Eroberungskrieg, der alles bis dahin dagewesene in den Schatten stellte. In ganz Deutschland gab es zu diesem Anlass Veranstaltungen von Antifaschist:innen und aus der Friedensbewegung. In Gelsenkirchen riefen das Friedensforum Gelsenkirchen, die VVN-BdA Gelsenkirchen und die örtliche DIE LINKE zu einer Mahnwache auf.

In den Reden, die Hildegard Meier für das Friedensforum, Knut Maßmann für die VVN-BdA, Bettina Peipe für DIE LINKE und Heinz-Peter Thermann für die DKP hielten, wurde an die Vergangenheit erinnert, die gegenwärtige Politik – nicht nur der NATO – kritisiert und eine aktive Friedenspolitik auf Augenhöhe mit Russland und den anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion angemahnt.

Die Gelsenkirchener VVN-BdA zeigte aus diesem Anlass ein traditionelles Transparent.

Spontan sprach Hartmut Hering (DIE LINKE) und erinnerte an den Einsatz der sowjetischen Zwangsarbeiter in Gelsenkirchen und kritisierte das lange Verdrängen der Ereignisse und die späte und beschämend niedrige Entschädigung der vormaligen „Ostarbeiter“:innen.

Das Friedensforum Gelsenkirchen hat sich zudem vorgenommen in den nächsten Tagen Gräber der sowjetischen Zwangsarbeiter:innen auf dem Westfriedhof in Heßler zu schmücken, analog zu unserer Aktion vom 1. November des vergangenen Jahres. Wir empfehlen die Nachahmung auf den anderen Friedhöfen, denn es gibt überall in Gelsenkirchen Gräber für Zwangsarbeiter:innen, die in unserer Stadt – wie überall im deutschen Nazi-Reich – zu Tode geschunden wurden.

Mahnwache zum 80. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion

Transparent des Friedensforums Gelsenkirchen.

Pressemitteilung des Friedensforums Gelsenkirchen. Vor 80 Jahren überfiel die Hitlerwehrmacht die Sowjetunion. Der Angriff war lange vorbereitet unter dem harmlosen Namen „Unternehmen Barbarossa“. Mit allen Mitteln barbarischen Terrors gingen Soldaten und Generäle gegen die Zivilbevölkerung vor. Mindestens 27 Millionen Bürger:innen der Sowjetunion, 3 Millionen Kriegsgefangene kamen in diesem Krieg zu Tode. Es wurden 1.700 Städte und 70.000 Dörfer dem Erdboden gleich gemacht.

Deshalb erinnern zum 80. Jahrestag das Friedensforum Gelsenkirchen, die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) Gelsenkirchen und DIE LINKE. Gelsenkirchen mit einer gemeinsamen Mahnwache

am Dienstag, 22.06.2021 um 17.00 Uhr auf dem Heinrich-König-Platz vor der Treppe der Altstadtkirche

an diesen unvorstellbaren Vernichtungskrieg. Da von offizieller Seite kein angemessener und würdiger Gedenkakt stattfindet, wollen die Veranstalter erinnern und laden dazu alle Interessierten ein. Weil wir aus der Geschichte hier und jetzt lernen wollen, mahnen und warnen wir vor den kommenden Kriegen.

Die Veranstalter wollen aber nicht bei der Erinnerung an das Damals stehenbleiben. Sie haben eine Perspektive für die Gegenwart: Sie unterstützen 80 Jahre nach dem Angriff auf die UdSSR die Kampagne der evangelischen Kirche Baden „Sicherheit neu denken“. Frieden geht anders, so das Friedensforum, als durch Waffen und Militär. Frieden braucht Gespräche, Verhandlungen und wieder Abrüstungsverträge, die unsere Zukunft sicher macht.

Auschwitz-Gedenkstätte auf dem Willy-Brandt-Platz in Essen

Kunstaktion in Essen zum Holocaust-Gedenktag 2021.

Nicht zum ersten Mal bin ich zu einer Gedenkveranstaltung in unsere Nachbarstadt Essen gefahren, und wie auch bei früheren Besuchen konnte ich einer beeindruckenden Veranstaltung beiwohnen. Aus Anlass des Holocaust-Gedenktages, dem Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die Rote Armee am 27. Januar 1945, hatte die Essener VVN-BdA auf dem Willy-Brandt-Platz eine auffällige und wirklich unübersehbare Kunstaktion gestartet. Übrigens ganz in der Nähe des Handelshofs, wo im Dritten Reich gegenüber dem Hauptbahnhof Mussolini und Hitler 1937 mit dem Banner „Willkommen in der Waffenschmiede des Reiches“ begrüßt worden waren. Heute wurde jedoch das andere Ende des Faschismus, die Welt der Konzentrationslager beleuchtet.

Insgesamt vier wandgroße Bilder, die fast wie schwarzweiße Fotografien aussahen und typische Bilder der faschistischen KZ-Welt zeigten, umgeben von Stacheldraht und Holzpfosten, waren deutlich sichtbar auf dem Willy-Brandt-Platz aufgebaut worden. Unüberhörbar auch die Tonsequenzen mit Zeugnissen von Überlebenden der Lager und Todesmärsche. Der Künstler, Peter Köster, hielt eine kurze Ansprache, in der er seine Motivation, die nicht zuletzt aus seinen Besuchen von KZ-Gedenkstätten herrührt, erläuterte. Ziel des Kunstwerkes sei es, nicht in einer Gedenkstätte fahren zu müssen, sondern diese heute hier zu haben.

Auch das Regenwetter hielt die Besucher nicht ab.

Trotz des Regenwetters, in der Gedenkstätte Buchenwald würde man das nur als sehr mildes „Buchenwald-Wetter“ bezeichnen, waren zahlreiche Besucher zur Eröffnung erschienen. Unterstützung hatte die VVN-BdA Essen unter anderem von den Falken erhalten, die die Tonsequenzen produziert hatten, vom örtlichen DGB, der im DGB-Haus die Möglichkeit bot, sich mit Kaffee und Kuchen zwischendurch aufzuwärmen und zu stärken und von Aufstehen gegen Rassismus Essen, die ein Video über die Aktion produzieren, das in den nächsten Tagen fertig geschnitten auf dem ebenfalls neuen YouTube-Kanal der Essener VVN-BdA erscheinen wird. Erste Videos sind dort bereits jetzt zu sehen.

Blick auf die Kunstaktion zum Holocaust-Gedenktag in Essen.

Schließlich freut es mich auch, das die Aktivisten den Willy-Brandt-Platz für ihre Kunstaktion ausgewählt hatten. Willy Brandt gehörte nicht nur zu denen, die das faschistische Deutschland verlassen mussten, sondern er hat auch als erster sozialdemokratischer Bundeskanzler die Entspannungspolitik begründet. Sein Kniefall vor dem Denkmal des Aufstands im Warschauer Ghetto ist weltberühmt.

Im Rahmen der Veranstaltung wurden Alice Czyborra von der Essener VVN-BdA und weitere Besucher*innen der Kunstaktion vom WDR interviewt, der Beitrag ist in der Lokalzeit Ruhr zu sehen. Allerdings muss ich den WDR korrigieren, die Eltern von Alice Czyborra sind nicht wie viele andere deportiert worden, sondern sie haben in der französischen Resistance gegen die Faschisten gekämpft!

Update
Das angekündigte Video ist Online

Stolperstein-Geschichte: Helene Lewek

Stolperstein für Helene Lewek am Neustadtplatz symbolisch niedergelegt.

Wir erinnern an diesem 27. Januar an die erste Deportation Gelsenkirchener Juden in das Ghetto Riga und an Helene Lewek, die sich der Deportation durch Freitod entzog.

Helene Lewek wurde am 29. Juli 1881 in Mikstat (auch Mixstadt) geboren. Der Ort kam während der polnischen Teilungen zu Preußen, gehörte von 1815 bis 1919 zur preußischen Provinz Posen und ab 1871 zum Deutschen Reich. Damit war sie deutsche Staatsbürgerin. Ins Ruhrgebiet kam sie vermutlich wie viele andere Menschen in der Zeit auch, weil es hier Arbeit gab. Sie wohnte im Haus Neustadtplatz 6 (früher Moltkeplatz).

Gunter Demnig hat am 22. Juni 2010 zwei Stolpersteine für sie in Gelsenkirchen verlegt, einen am Wohnort und einen an der Wildenbruchstraße vor der Polizeiwache. Beide Orte zeigen die schrittweise Ausgrenzung der Juden. Das Haus am früheren Moltkeplatz wurde in der Nazi-Zeit zu einem der sogenannten „Judenhäuser“, in die alle Juden aus ihren bisherigen Wohnungen umziehen mussten. Es handelte sich um eine Ghettoisierung. Die Belegung der Häuser wurde immer weiter gesteigert, bis pro Familie nur noch jeweils ein Raum zur Verfügung stand. Die sanitären Anlagen wurden gemeinsam genutzt.

Stolperstein für Helene Lewek am letzten frei gewählten Wohnort Neustadtplatz 6.

Die Ausstellungshalle, an die heute nichts mehr erinnert, wurde 1925 mit einer Kochkunst und Gewerbeausstellung eingeweiht und 1944 aus Luftschutzgründen abgerissen. Im Januar 1942 wurde sie für wenige Tage zu einem Sammellager für die erste große Deportation Gelsenkirchener Juden. In der Wildenbruchstraße erinnert der Stolperstein daran, dass sich Helene Lewek im Alter von 60 Jahren der Deportation durch Flucht in den Tod entzog. Zugleich erinnert dieser Stolperstein symbolisch an die Geschichte des Ortes.

Die in der Ausstellungshalle „gesammelten“ 355 Menschen mussten am 27. Januar 1942 zu Fuß zum Güterbahnhof laufen und wurden in das Ghetto Riga (Lettland) deportiert, die wenigsten von ihnen überlebten das Ghetto Riga, das KZ Kaiserwald und weitere Lager.
Sie kamen in ein Ghetto, das lettische SS-Leute zuvor „freigemacht“ haben, indem sie die lettischen Juden in den nahen Wäldern von Rumbula erschossen. Ein Zeitzeuge berichtete: „Es lagen noch Essensreste auf dem Tisch, und die Öfen waren noch warm … Später habe ich dann erfahren, dass kurze Zeit vor Eintreffen unseres Transports lettische Juden erschossen wurden.“

Stolperstein Wildenbruchstraße 13 vor der Polizeiwache.

Die Chronik der Stadt Gelsenkirchen verzeichnet für den 27. Januar 1942: „In den städtischen Ausstellungshallen ist ein Judensammeltransport zusammengestellt worden. Es handelt sich um 506 Juden aus dem Präsidialbezirk Recklinghausen, die heute nach den Ostgebieten evakuiert werden. Unter ihnen befinden sich 350 Personen aus Gelsenkirchen. Vorerst verbleiben in unserer Stadt noch 132 meist alte und kränkliche Juden“. Ein zweiter Transport ging am 31. März 1942 nach Warschau, ein dritter am 27. Juli 1942 nach Theresienstadt. Insgesamt haben von 615 deportierten Juden aus Gelsenkirchen nur 105 überlebt. Eine städtische Erinnerungsortetafel fehlt am Ort des ehemaligen Sammellagers bis heute.

Quelle und weitere Informationen. Ein ausführlicher Beitrag über Stolpersteine und Erinnerungsarbeit erscheint ebenfalls am heutigen Tag auf der Webseite der Gelsenkirchener VVN-BdA.

„Antifaschismus ist notwendig und gemeinnützig!“

Ausführliches Interview mit Conny Kerth, VVN-BdA Bundessprecherin im Dissens-Podcast.

Ich kann mich noch gut an die Einführung der Lokalradios in NRW erinnern und einem VHS-Seminar zum Bürgerfunk, an dem ich damals teilgenommen hatte. Eine wichtige Regel für Wortbeiträge lautete: nicht länger als 3 Minuten, danach hört niemand mehr zu. Wenn man sich heutzutage das inzwischen beliebte Format der Podcasts anhört, dann merkt man, dass diese Regel durchaus über Bord geworfen werden kann.

Eine ganze Stunde lang dauert das höchst interessante und gut geführte Interview mit der Bundesvorsitzenden der VVN-BdA, Cornelia Kerth in einer neuen Folge des Dissens-Podcast. Es geht im wesentlichen um Fragen der Gemeinnützigkeit, die der Bundesvereinigung der VVN-BdA ja vom rotrotgrünen Berliner Senat entzogen worden ist. Dabei beantwortet Conny ausführlich verschiedene damit zusammenhängende Fragen und sie schildert ihre Einschätzung, warum der VVN-BdA und anderen Akteuren der Zivilgesellschaft ausgerechnet jetzt die Gemeinnützigkeit entzogen wird. Zudem beantwortet Conny auch Fragen zu ihren Aufgaben als Bundesvorsitzende sowie ihrem perönlichen Weg in die VVN-BdA und wir erfahren zum Beispiel, dass sie jahrelang Mitglied der SPD gewesen ist. Sieht so die im bayerischen Verfassungsschutzbericht genannte „linksextremistische Beeinflussung“ aus?

Dissens ist ein linker Podcast von Lukas Ondreka, in dem er Autor*innen, Politiker*innen, Aktivist*innen und Forscher*innen interviewt. Es gibt schon über 50 Folgen und es geht oft um Antifaschismus, Feminismus oder Antirassismus. Die einzelnen Folgen dauern 45-55 Minuten. Interview-Partner*innen waren bisher u.a. der Rechtsextremismus-Experte Matthias Quent, Heike Kleffner, Martin Sonneborn, die Autorin Alice Hasters, Luisa Neubauer, Katja Kipping, um nur einige zu nennen.

Ondreka hat schon bei der Süddeutschen Zeitung gearbeitet und für die dpa und den Spiegel geschrieben. Der Podcast ist sein selbstständiges Projekt, die taz ist Partner des Podcast, er finanziert sich aber ausschließlich über Fördermitglieder. Der aktuelle Podcast wird von ihm und von der VVN-BdA auf Social Media geteilt und am Freitag auch nochmal von der taz. Die Folge kann bei Spotify (wie auch immer das zu erreichen ist, ich weiß das nicht 😉 ) oder im Browser und auch downgeloadet und offline (so habe ich das gemacht) angehört werden.

Übrigens ist nicht nur das Interview mit Conny empfehlenswert. Und: wer den Podcast unterstützen möchte, kann Fördermitglied werden.

Theo Gaudig wird jetzt auch in der Wikipedia gewürdigt!

Selbstportrait Theo Gaudigs an der Drehbank, Januar 1928 als Titelbild der „Arbeiter Illustrierte Zeitung“ (AIZ), hier für die Buchveröffentlichung 1997 wiederverwendet.

Fast fünf Jahre ist es her, dass ich in diesem Blog einen kurzen Beitrag über den Essener Antifaschisten und Zeitzeugen Theo Gaudig veröffentlichte. Inzwischen hat er einen eigenen und sehr viel ausführlicheren Eintrag in der Wikipedia erhalten!

Theo Gaudig hatte ich in hohem Alter noch selbst erlebt, als er 1998 in einem Seminar der – damals noch – Universität-Gesamthochschule Essen aus seinem Leben und seiner Zeit im KZ Buchenwald erzählte. Das Seminar diente damals der Vorbereitung unserer Studienfahrt zur Gedenkstätte Buchenwald, eine Fahrt mit angehenden Diplom-Pädagog*innen, die sich für Gedenkstätten-Pädagogik interessierten. Eines der Ergebnisse daraus war übrigens meine Diplom-Arbeit 1999 „Historisches Lernen in Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus“.

2016 besuchte ich – mit einer Gruppe der DGB-Jugend MEO (Mülheim-Essen-Oberhausen) und der VVN-BdA Essen die Gedenkstätte Buchenwald erneut anlässlich der Baumpflanzung des Lebenshilfewerks Weimar/Apolda e.V. Im Rahmen des Projektes „1000 Buchen“ zum Gedenken an ihn und andere. Näheres findet sich in meinem damaligen Bericht. Sehr gefreut habe ich mich nun über eine überraschende E-Mail, die mich auf Umwegen erreicht, und mit der der Wikipedia-Autor Kontakt mit mir aufnahm. Hier geht es zum Wikipedia-Artikel über Theo Gaudig. Lesen!

Stolperstein-Geschichten

Stolperstein für Helene Lewek an der Wildenbruchstraße.

Aufgrund der anhaltenden Kontaktbeschränkungen wegen der Corona-Pandemie sowie den Vorbereitungen für den 8. Mai wird das Gelsenkirchener Aktionsbündnis gegen Rassismus und Ausgrenzung in diesem Jahr keine Veranstaltungsreihe zum Holocaust-Gedenktag durchführen. Wegen der pandemischen Lage ist auch keine „Stolperstein-Geschichte“ der Gelsenkirchener VVN-BdA möglich. Allerdings wird am 27. Januar ein kombinierter Bild-/Textbeitrag als Ersatz für eine Stolperstein-Geschichte an dieser Stelle erscheinen.

Seit den 1990er Jahren erinnert der Kölner Bildhauer und Aktionskünstler Gunter Demnig mit seinem Kunstprojekt Stolpersteine an von den Nazis in den Jahren 1933 bis 1945 verfolgte und ermordete Menschen. Stolpersteine sind kleine quadratische Steine, die am letzten frei gewählten Wohnort ebenerdig in das Pflaster eingelassen sind. Man stolpert nicht im Wortsinn darüber, sondern im übertragenen Sinn und wird aufmerksam gemacht auf Menschen, die einst mitten unter uns gewohnt und gelebt haben, aber ausgegrenzt und in den meisten Fällen ermordet wurden. Inzwischen liegen weit über 60.000 Stolpersteine in 1265 Kommunen in Deutschland und in 21 Ländern Europas.

Es handelt sich bei den Stolpersteinen um eine Form der Erinnerung, die nicht auf rationale Beschäftigung, sondern auf persönliche Betroffenheit setzt. Das „größte dezentrale Denkmal Europas“ erinnert nicht an den meist abgelegenen Mordplätzen an die Taten Nazis, sondern an den Orten, an denen wir heute leben, wohnen, arbeiten. Neben der Beschriftung wie zum Beispiel „Hier wohnte“ finden sich weitere knappe Angaben, wie Name, Lebensdaten und Verfolgungsgrund. Dort, wo die verfolgten und ermordeten Menschen ihren Lebensmittelpunkt hatten, wird auf ihr Verfolgungsschicksal hingewiesen.

Seit 2009 hat Demnig auch regelmäßig in Gelsenkirchen Stolpersteine verlegt. Dies ist hier insbesondere dem Engagement von Andreas Jordan zu verdanken, der sich seit Jahren dafür einsetzt. Eine Übersicht der in Gelsenkirchen verlegten Stolpersteine und vieler recherchierter Hintergründe zu Personen und Ereignissen findet sich auf den Seiten der Arbeitsgruppe Stolpersteine bzw. von Gelsenzentrum e.V. Inzwischen liegen in Gelsenkirchen über 200 Stolpersteine, für aus ganz unterschiedlichen Gründen verfolgte und ermordete Menschen, sowie vor dem Polizeipräsidium in Buer eine Stolperschwelle für ermordete Zwangsarbeiter.

Die Beschreibung Gunter Demnigs als Bildhauer und Aktionskünstler macht auch die Bedeutung der Stolpersteine als Gesamtkunstwerk deutlich. Es geht nicht nur darum, dass Steine im Pflaster vorhanden sind. Seine Bedeutung erhält das Projekt durch die zelebrierte Verlegung selbst und durch die wiederkehrende Verlegung weiterer Stolpersteine. Darüber hinaus lassen sie sich für Formen entdeckenden Lernens ebenso nutzen wie für ganz profan scheinende Aktivitäten wie „Stolperstein-Putzaktionen“. Letztere erwecken durchaus eine ganz besondere öffentliche Aufmerksamkeit.

In den Jahren 2019 und 2020 entwickelte Knut Maßmann für die Gelsenkirchener VVN-BdA anlässlich des Holocaust-Gedenktages am 27. Januar ein Veranstaltungsformat, das in Anlehnung an eine 2016 gestartete Buchreihe des Eckhaus-Verlags den Namen „Stolperstein-Geschichten“ erhielt. Erzählt werden individuelle und historische Hintergründe zu dem jeweiligen Stolperstein oder den Stolpersteinen.

Begonnen wurde die Reihe für die beiden polnisch-jüdischen Familien Krämer und Nussbaum am 27.01.2019. Ein Jahr später, am 27.01.2020, folgte mit Helene Lewek zugleich auch die Erinnerung an die erste Deportation Gelsenkirchener Juden am 27.01.1942 nach Riga. Am 30.01.2020, dem Jahrestag der Machtübertragung an die Nazis 1933, wurde die VVN-BdA Gelsenkirchen am Stolperstein für den von den Nazis ermordeten Erich Lange von Marc Meinhardt von der sehr guten Partei Die PARTEI als Bündnispartner im Gelsenkirchener Aktionsbündnis gegen Rassismus und Ausgrenzung vertreten. Der Beitrag ist hier verfügbar.

Da aufgrund der durch die Corona-Pandemie ausgelösten Kontaktbeschränkungen dieses Veranstaltungsformat anlässlich des 9. November 2020 nicht möglich war, freute sich die Gelsenkirchener VVN-BdA über Unterstützung aus der Partei DIE LINKE. Für die Facebook-Seite des Gelsenkirchener Aktionsbündnis gegen Rassismus und Ausgrenzung wurde von Jonas Selter ein Beitrag über die Familien Krämer und Nussbaum aufgezeichnet. Der Beitrag ist hier verfügbar.

Die nächste Stolperstein-Geschichte wird – ebenfalls pandemiebedingt – als Bild-/Textbeitrag in diesem Blog am 27.01.2021 um 0.01 Uhr online gehen.

Gedenken an die Reichspogromnacht unter Pandemiebedingungen

Das Aktionsbündnis ruft dazu auf, Stolpersteine zu putzen.

Wie schon der Ostermarsch und der 1. Mai steht auch die traditionelle Veranstaltung anlässlich der Reichspogromnacht an diesem 9. November unter den Kontaktbeschränkungen, verursacht durch die Corona-Pandemie.

Die Demokratische Initiative (DI) hat ihre öffentliche Gedenkkundgebung abgesagt. Sie wurde stattdessen – nur mit einer eingeschränkten Teilnehmerzahl – vorgezogen und aufgezeichnet. Diese soll bis zum ursprünglich geplanten Termin 18.30 Uhr auf gelsenkirchen.de zu sehen seien. EIne filmische Zusammenfassung soll auf den Social-Media-Kanälen der Stadt veröffentlicht werden.

Das Gelsenkirchener Aktionsbündnis gegen Rassismus und Ausgrenzung (s. Bild) hat dazu aufgerufen, am 8. und 9.11. Stolpersteine zu putzen. Wie auch die DI ruft das Bündnis dazu auf, als Symbol des Erinnerns und Gedenkens ein Licht ins Fenster zu stellen. Im Rahmen des Aktionsbündnisses hat die VVN-BdA Gelsenkirchen – dank technischer Unterstützung aus der Partei DIE LINKE – eine Stolperstein-Geschichte aufgezeichnet, die auf der Facebook-Seite des Aktionsbündnisses angesehen werden kann. (Der Filmbeitrag kann auch angesehen ist, wenn man nicht Mitglied bei Facebook ist, eventuelle Anmeldehinweise einfach wegklicken). Einen kleinen Überblick über das Kunstprojekt Stolpersteine gibt die VVN-BdA ebenfalls auf ihrer Gelsenkirchener Webseite.

Die einzige öffentliche Kundgebung führt AUF Gelsenkirchen ab 17.30 Uhr durch. Unter dem Motto „Gib Antikommunismus, Rassismus, Faschismus und Antisemitismus keine Chance“ startet AUF Gelsenkirchen auf dem Heinrich-König-Platz und macht Station auf dem Rosa-Böhmer-Platz, dem Fritz-Rahkob-Platz und endet auf dem Platz der alten Synagoge. Es gelten Maskenpflicht und Abstandsregel.

Warum ich am 27.9. Karin Welge (SPD) wähle

SPD Gelsenkirchen setzt sich für die Gemeinnützigkeit der VVN-BdA NRW ein!

Am 27. September 2020 findet die Verlängerung der diesjährigen Kommunalwahl statt, die Stichwahl zwischen Karin Welge (SPD) und Malte Stuckmann (CDU), die beide für das Amt der*des Oberbürgermeister*in kandidieren. Zur Kommunalwahl erzielte keine der beiden Kandidat*innen eine absolute Mehrheit, Karin Welge kam auf 40,4 %, Malte Stuckmann auf 25,1 %. Ich werde Karin Welge wählen, bedanken darf sie sich bei jenen in ihrer Partei (siehe Bild links), die sich für die Gemeinnützigkeit der VVN-BdA in Nordrhein-Westfalen eingesetzt haben. Antifaschismus ist gemeinnützig!