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Gedenkstättenfahrt nach Hamburg

Gedenkstätte Neuengamme mit Blick auf den Eingangsbereich. Im Vordergrund die Grundrisse der nicht erhaltenen Baracken.

Der Besuch in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme in Hamburg zeigte mir deutlicher als jeder Gedenkstättenbesuch zuvor die Ausbeutung der KZ-Häftlinge durch die Wirtschaft. Das KZ Neuengamme ist gezielt errichtet worden, um billige Arbeitskräfte für die geplanten NS-Großbauten zur Verfügung zu haben.

Am 14./15. Oktober 2017 fuhr eine Gruppe junger und alter Menschen gemeinsam nach Hamburg, um sich über das KZ Neuengamme zu informieren. Organisiert wurde die Fahrt von der DGB-Jugend MEO (Mülheim Essen Oberhausen) und der VVN-BdA Essen (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten). Zum Programm gehörten neben dem Besuch der Gedenkstätte auch eine alternative Hafenrundfahrt zum Thema.

Waren die ersten Konzentrationslager in Nazi-Deutschland seit 1933 zur Inhaftierung und Folterung politischer Gegner der Nazis eingerichtet worden, kamen im Laufe der Jahre weitere Verfolgtengruppen hinzu: Juden, Sinti, Homosexuelle, Zeugen Jehovas sowie sogenannte „Kriminelle“ und „Asoziale“. Ab 1936/37 wurde die Ausbeutung der Arbeitskraft der Häftlinge zu einem wirtschaftlichen Faktor für den Betrieb der KZs. Hierzu wurde die „Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH“ mit Mitgliedern der SS-Führung als Gesellschafter gegründet.

Teilansicht des ehemaligen Klinkerwerks des SS-Unternehmens „Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH“ im KZ Neuengamme.

Anlass für die Gründung des Konzentrationslagers Neuengamme war die Ziegelproduktion für die geplanten Nazi-Großbauten in Hamburg. Dazu zählten ein 250 Meter hohes „Gauhochhaus“, ein „Kraft-durch-Freude-Hotel“ und eine Hochbrücke über die Elbe als „Tor zur Welt“. Das Konzentrationslager wurde 1938 zunächst als Außenlager des KZ Sachsenhausen in einer stillgelegten Ziegelei gegründet und 1940 zum „selbständigen“ Konzentrationslager mit zahlreichen Außenlagern in Norddeutschland während des Krieges.

Das Konzentrationslager und die Hansestadt waren eng miteinander verbunden. So gewährte beispielsweise die Stadt Hamburg dem SS-Unternehmen Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH ein Darlehen in Höhe von einer Million Reichsmark für den Bau eines großen und modernen Klinkerwerks. Im Gegenzug versprach die SS „erstklassige Klinkerware preiswert herzustellen“.

Die Dauerausstellung in der Gedenkstätte zeigt anschaulich die Herkunftsländer der KZ-Häftlinge.

Die ersten KZ-Häftlinge stammten aus Deutschland, während des Krieges kamen Männer und Frauen aus den besetzten Gebieten Europas hinzu und bildeten nach kurzer Zeit die Mehrheit. Mehr als die Hälfte von Ihnen kam aus Osteuropa, aber auch aus den Niederlanden, Belgien, Frankreich und Dänemark wurden Tausende Menschen in das KZ und seinen mehr als 85 Außenlagern verschleppt. Zwischen 1938 und 1945 waren über 100.000 Menschen im System des Konzentrationslagers Neuengamme eingesperrt, etwa die Hälfte von ihnen wurde durch die mörderischen Arbeits- und „Lebensbedingungen“ ermordet.

Vernichtung durch Arbeit

Zehn bis zwölf Stunden Schwerstarbeit mussten die KZ-Häftlinge täglich in den unterschiedlichen Arbeitskommandos leisten. Neben dem Aufbau des Klinkerwerks gehörte die Arbeit in den Tongruben, die Schiffbarmachung der Dove Elbe und das Anlegen eines Stichkanals zu den furchtbarsten Einsätzen. Aufgrund der ungenügenden Ernährung und Bekleidung sowie der Arbeit im Freien bei jedem Wetter betrug die durchschnittliche Überlebensdauer in den Tongruben 90 Tage. Im weiteren Verlauf des Krieges kamen Arbeiten in der Rüstungsproduktion und in der Trümmerbeseitigung, vor allem in den Außenlagern, hinzu.

In der Ausstellung sind neben den von der SS hergestellten Propagandafotos auch Zeichnungen mit realistischeren Darstellungen zu finden.

Die KZ-Häftlinge schliefen in dreistöckigen Holzgestellen dichtgedrängt auf Strohsäcken, die sanitären „Einrichtungen“ waren unzureichend und für die geschwächten KZ-Häftlinge nur sehr begrenzt zu nutzen. Morgens gab es einen dünnen „Kaffee“, mittags eine dünne Suppe und abends die Brotration für den folgenden Tag. Als Kleidung waren nur die gestreifte Häftlingskleidung, die nicht wärmte, und Holzschuhe erlaubt.

Sterben gehörte im KZ zum Alltag, KZ-Häftlinge starben an Hunger, Entkräftung, den mörderischen Arbeitsbedingungen und an gezielten Mordaktionen der SS-Männer. Zum Kriegsende 1945 gelang es der SS zunächst, die Spuren ihrer Verbrechen in Neuengamme zu verwischen und das Lager zu räumen. Tausende Häftlinge starben hilflos in Lagern wie Sandbostel oder Bergen-Belsen, 9000 starben bei einem britischen Luftangriff auf die schwimmenden KZs in der Lübecker Bucht, die für Truppentransporter gehalten wurden. Am 2. Mai 1945 erreichten britische Truppen das geräumte KZ Neuengamme.

Vom Knast zur Gedenkstätte

Die Lagergebäude des ehemaligen Konzentrationslagers wurde nach 1945 zunächst zur Unterbringung von „Displaced Persons“ verwendet, also für alle Menschen, die als Zwangsarbeiter oder aus anderen Gründen aus vielen Ländern Europas nach Deutschland verschleppt worden waren und deren Heimkehr organisiert werden musste. Daran schloss sich die Nutzung als Internierungslager für die Verbrecher der SS, NSDAP und Wehrmacht an. Eine ähnliche Nutzung fand im ehemaligen Konzentrationslager Dachau statt, das Lager wurde zuerst für die Inhaftierung und Verurteilung von SS-Angehörigen genutzt und später für die Unterbringung von Flüchtlingen und Vertriebenen aus dem Sudetenland.

Innerhalb der Gedenkstätte Neuengamme finden sich bauliche Reste des früheren Gefängnisses.

1948 wurde das Lagergelände Neuengamme der Stadt Hamburg übergeben, die einen Teil der Gebäude abriss und mit der „Vollzugsanstalt Vierlande“ ein Gefängnis einrichtete, dem in den 1960er Jahren eine Jugendstrafanstalt folgte. Diese Nutzung hier wie an anderen Orten des Nazi-Terrors zeigt, dass diese Orte oft in einer „Kontinuität der Ausgrenzung“ (Thomas Lutz 1995) standen und stehen.

Auf Drängen der Überlebenden wurde 1953 eine erste, schlichte Gedenksäule, ohne Inschrift errichtet. Während in Dachau 1965 die erste Gedenkstätte der Bundesrepublik Deutschland eröffnet wurde, die mit einer Ausstellung den historischen Ort erklärte, wurde in Hamburg-Neuengamme 1965 das internationale Mahnmal mit einer 27 Meter hohen Stele aus grauen Quadersteinen, einer Gedenkmauer vor der 18 Steinplatten mit Namen der Völker und Nationen liegen und der Bronzeskulptur „Sterbender Häftling“ der französischen Bildhauerin Francoise Salmon, Überlebende des KZ Auschwitz, errichtet. Eine Ausstellung, die den Ort erklärt, wurde erst 1981 (!) mit dem „Dokumentenhaus“ eröffnet. 1995 folgte eine neue Dauerausstellung auf größerer Fläche. Erst 2005/06 wurde nach Schließung und Verlegung beider Gefängnisse fast der gesamte Bereich des ehemaligen Konzentrationslagers zur Gedenkstätte.

Teil der 1965 eröffneten Gedenkstätte mit dem internationalen Mahnmal.

KZ Gedenkstätte Neuengamme

Sie ist eine der größten Gedenkstätten Deutschlands und umfasst 17 erhaltene Gebäude und eine Vielzahl von Angeboten zur Information über das historische Geschehen. Die nicht mehr erhaltenen Baracken sind als Grundrisse gekennzeichnet, das Außengelände an vielen Stellen dokumentiert. Neben der Hauptausstellung in einer ehemaligen Häftlingsunterkunft gibt es vier weitere Dauerausstellungen, unter anderem zur Lager-SS, zur Zwangsarbeit im Klinkerwerk aber auch zum Widerspruch von Gefängnis und Gedenkstätte.

Blick in die Hauptausstellung, die in einer ehemaligen Häftlingsunterkunft untergebracht ist. Sie trägt den Titel „Zeitspuren: Das Konzentrationslager Neuengamme 1938-1945 und seine Nachgeschichte“.

Während der etwa dreistündigen Führung erhielt unsere Gruppe einen Eindruck vom Leben, Arbeiten und Sterben unter den unerträglichen Bedingungen des Konzentrationslagers sowie von den Einsätzen für verschiedene Betriebe in den Außenlagern, die vom Einsatz billiger Häftlinge profitierten. Unsere Führung gelangte zum 1965 errichteten internationalen Mahnmal und zum 1981 eröffneten Dokumentenhaus. Es wurde 1995 zum „Haus des Gedenkens“ umgestaltet und erinnert mit den 23.395 bekannten Namen der Toten an alle im Konzentrationslager durch die tödlichen Bedingungen oder Aktionen der SS-Männer ermordeten KZ-Häftlinge. Da es der SS gegen Kriegsende gelang, die Unterlagen zu vernichten, sind nicht alle Namen bekannt. Der Ort wird von Nachkommen der Überlebenden angenommen, von ihnen werden Fotos der gemordeten und Blumen zum Gedenken hinterlassen.

Bronzefigur „Sterbender Häftling“ aus dem Jahre 1965 der französischen Bildhauerin Francoise Salmon, Überlebende des KZ Auschwitz.

DGB-Jugend und VVN-BdA legten vor der Stele des internationalen Mahnmals gemeinsam ein Gesteck nieder und gedachten der Ermordeten.

Faschismus, Widerstand und Verfolgung im Hamburger Hafen

Die Alternative Hafenrundfahrt am folgenden Tag schilderte den Einsatz der Häftlinge im Hafen und an der Elbe und zeigte erhaltene und nicht erhaltene Orte ihres Leidens. Zugleich erfuhren wir von Widerstand und Solidarität der Hafenarbeiter, die beispielsweise die Unterstützung der Faschisten im Spanischen Bürgerkrieg durch Nazi-Deutschland verbreiteten, indem sie Informationen über die Lieferung von Militärgütern aus Hamburg weitergaben.

Erschütternd war der Bericht über ein „Außenlager“ in einem Speichergebäude für osteuropäische junge Frauen, die als Zwangsarbeiterinnen unter unvorstellbaren Bedingungen in einem Gebäude untergebracht waren, dass für die Lagerung von Gütern gedacht ist. Während der Bombenangriffe, denen sie im Gegensatz zur deutschen Bevölkerung, die wenigstens Luftschutzbunker aufsuchen durfte, schutzlos ausgeliefert waren, drängten sie sich in die untersten Etagen des Speichers, wo es durch das steigende Wasser des Flusses nass und kalt war.

KZ-Außenlager in einem Speicher, einem Lagergebäude im Hamburger Hafen. Hier waren junge Osteuropäerinnen im Alter von 15 Jahren unter unvorstellbaren Bedingungen untergebracht.

Gedenkstätte Bullenhuser Damm

Während des Vorbereitungstreffens für diese Fahrt hatte der gebürtige Hamburger, Ulrich Sander, Bundessprecher der VVN-BdA, im Essener DGB-Haus über ein Beispiel für den Jugendwiderstand in Hamburg berichtet und von eigenen Erfahrungen erzählt. Er wurde als Kind in der Schule am Bullenhuser Damm eingeschult. Im gleichen Gebäude hatten am 20. April 1945 SS-Männer 20 jüdische Kinder und weitere Erwachsene ermordet, um die Spuren der an ihnen verübten Verbrechen zu verwischen und unliebsame Zeugen zu beseitigen. Die Kinder waren zuvor wie Laborratten für medizinische Experimente missbraucht worden.

Heute besteht dort neben der Janusz-Korczak-Schule die Gedenkstätte Bullenhuser Damm. Seit 1980 erinnert die Gedenkstätte an die ermordeten Kinder und Erwachsenen, seit 2011 erzählt eine über den Schulhof zugängliche Ausstellung im Gebäude die Geschichte des Ortes, der Opfer, der Tat, der Strafverfolgung, der Spurensuche und der Erinnerung. Die Taträume sind bewusst leer gelassen.

Gedenkstätte Bullenhuser Damm und zugleich Janusz-Korczak-Schule. Hier wurden 1945 20 jüdische Kinder von SS-Männern ermordet.

Auf dem Rückweg von Hamburg nach Essen hielten wir dort. Die jugendlichen Teilnehmer unserer Fahrt erinnerten im Rosengarten hinter dem Schulgebäude an die Opfer und legten Blumen nieder.

Aus der Geschichte lernen

Gedenkstättenfahrten wie diese sind anstrengend, führen sie doch zu den Schattenseiten der Geschichte, die viele verleugnen wollen. Natürlich trifft die heutige Generation keine Schuld an den Verbrechen, doch angesichts einer zunehmenden Rechtsentwicklung in anderen europäischen Ländern und auch in Deutschland ist es wichtig, aus der Geschichte zu lernen, dass und warum sie sich nicht wiederholen darf.

In einer Zeit, in der im Umfeld von AfD, Pegida & Co. in übelster Weise rassistische Vorurteile über geflüchtete Menschen verbreitet werden und in einer Zeit in der Politiker die Einrichtung von Lagern befürworten (die sie natürlich mit besser klingenden Begriffen bezeichnen) sowie Flüchtlinge nach ihrer Nützlichkeit sortieren wollen heißt es wachsam zu sein gegenüber den Anfängen einer Politik, die zu aus der Geschichte bekannten Ergebnissen führen kann.

Die Trennlinie verläuft nicht zwischen Nationen und Völkern, sondern zwischen Faschisten und Antifaschisten.

Gedenkort im Rosengarten der Gedenkstätte Bullenhuser Damm hinter dem Schulgebäude.

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Vor 75 Jahren – Das Massaker von Lidice

Blick auf das Gelände des ehemaligen Dorfes Lidice. Links in der Bildmitte der Ort des Massengrabes der 173 Männer, rechts im Vordergrund ein Teil des Denkmals der 82 ermordeten Kinder von Lidice.

Lidice, ein kleines Dorf in der Nähe von Prag, wurde von den Nazis vor 75 Jahren, am 9./10. Juni 1942 vernichtet. 173 Männer wurden bereits im Ort erschossen, 198 Frauen ins KZ Ravensbrück deportiert, die meisten der 98 Kinder im Vernichtungslager Kulmhof ermordet. Die 93 Häuser wurden niedergebrannt und der Ort bis Ende 1943 dem Erdboden gleichgemacht. Nach dem Willen der Nazis sollte er für immer von der Landkarte ausgelöscht sein, stattdessen hat sich sein Name als Beispiel für faschistischen Terror in aller Welt erhalten.

Entgegen des Münchener Abkommens von 1938, das die Abtretung der deutschsprachigen Sudetendeutschen Gebiete der Tschechoslowakei an Nazi-Deutschland erzwang und der Beteuerung Hitlers, marschierte am 15./16. März 1939, noch vor Beginn des Zweiten Weltkrieges, die Deutsche Wehrmacht in die übrig gebliebene, wehrlose Tschechoslowakei ein. Die Slowakei wurde ein „unabhängiger“ deutscher Satellitenstaat, das tschechische Staatsgebiet als „Reichsprotektorat Böhmen und Mähren“ von Nazi-Deutschland annektiert. Zur Bekämpfung des wachsenden antifaschistischen Widerstands wurde am 28. September 1941 Reinhard Heydrich, Chef der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes, SS-Obergruppenführer und General der Polizei, zum stellvertretenden „Reichsprotektor“ ernannt.

Heydrich, den man im „Protektorat“ nur den Henker nannte und in dessen Amtszeit tausende Widerstandskämpfer verhaftet wurden, starb an den Folgen eines auf ihn am 27. Mai 1942 verübten Attentats. Eine vermeintliche Spur, ein falsch gedeuteter Liebesbrief, führte die Nazi-Behörden nach Lidice, einem kleinen Ort 22 km nordwestlich von Prag. Die Männer des Ortes arbeiteten im Stahlwerk oder den Kohlebergwerken der 7 km entfernten Kreisstadt Kladno. In Berlin wurde in einer „Führerbesprechung“ entschieden, als „Sühnemaßnahme“ 1. alle erwachsenen Männer zu erschießen, 2. alle Frauen lebenslänglich ins Konzentrationslager zu deportieren, 3. „eindeutschungsfähige“ Kinder an SS-Familien zu geben und die übrigen anders zu erziehen, 4. das Dorf niederzubrennen und auszulöschen.

Offizielle Gedenkfeier am Massengrab in der Gedenkstätte Lidice (Foto 13.06.2009).

Das Dorf wurde am 9. Juni 1942 von Gestapo und Ordnungspolizei umstellt. Am 10. Juni 1942 wurden 173 Männer über 15 Jahren im Garten von Horáks Bauernhof erschossen, nachdem Frauen und Kinder bereits frühmorgens mit LKWs nach Kladno in die Sporthalle des Realgymnasiums gebracht worden waren. Die Frauen über 16 Jahren wurden ins Konzentrationslager Ravensbrück deportiert, außer den zur „Eindeutschung“ vorgesehenen wurden 82 Kinder (nach allem was wir heute wissen) in den Gaswagen des Vernichtungslagers Kulmhof ermordet. Lidice wurde komplett niedergebrannt, der Friedhof zerstört, der Teich zugeschüttet, Bäume abgeholzt. Die Geländeplanierung wurde Ende 1943 durch den Reichsarbeitsdienst beendet.

Blick in den Rosengarten, der „Park der Freundschaft und des Friedens“ wurde 2001/02 in einem Projekt mit jugendlichen Handwerkern aus Nordrhein-Westfalen erneuert.

Nach der Niederlage Nazi-Deutschlands kehrten 143 überlebende Frauen aus dem KZ Ravensbrück zurück und erfuhren erst jetzt von ihrem Unglück. An der Stelle ihrer Häuser fanden sie nur eine öde Ebene mit dem Massengrab ihrer Männer und Väter. Nur 17 Kinder, deren Eltern teilweise nicht mehr lebten, wurden nach einer außerordentlichen Suche wiedergefunden. In der Nähe des zerstörten Lidice wurde das neue Lidice aufgebaut, in das die überlebenden Frauen und Kinder einzogen. Das Gelände des zerstörten Ortes wurde zur Mahn- und Gedenkstätte, seit 1955 entstand mit geschenkten Rosenstöcken aus aller Welt der „Park der Freundschaft und des Friedens“.

Denkmal der Bildhauerin Marie Uchytilová für die 82 ermordeten Kinder aus Lidice.

Nach dem Ende des Kommunismus sowjetischer Prägung 1989 geriet Lidice zunächst in Vergessenheit. Mit Unterstützung unter anderem durch den Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds begann ab 2000 die Neugestaltung der Památník Lidice mit dem Neubau einer Begegnungsstätte und der Neugestaltung der musealen und pädagogischen Bereiche. So wurde unter anderem 2001/02 in einem Kooperationsprojekt „Rosen für Lidice“ mit nordrhein-westfälischen Berufsbildungseinrichtungen für benachteiligte Jugendliche, die sonst eher selten die Gelegenheit für internationale Jugendbegegnungen haben, der Rosengarten erneuert und am 15. Juni 2002 anlässlich des 60. Jahrestages der Vernichtung des Ortes vorgestellt.

Den 82 Kindern, 42 Mädchen und 40 Jungen im Alter von 1 bis 16 Jahren, die im Juli 1942 im Vernichtungslager Kulmhof ermordet wurden, schuf die Bildhauerin Marie Uchytilová mit ihrer Figurengruppe ein weltweit einzigartiges Denkmal. Nach ihren Worten sollte es zugleich ein symbolisches Denkmal für 13 Millionen Kinder, Opfer des Zweiten Weltkrieges sein. Sie selbst erlebte die Realisierung des Denkmals nicht mehr, erst 2000 wurden die letzten sieben Kindergestalten in Lidice enthüllt.

Gedenkstein zur Erinnerung an die ermordeten Kinder, auch aus Lidice, im „Waldlager“ des Vernichtungslagers Kulmhof im von Nazi-Deutschland besetzten Polen.

Das Verbrechen in Lidice ist kein Einzelfall, weitere Massaker fanden an vielen Orten Europas statt. Stellvertretend aber nicht abschließend nennen möchte ich Oradour-sur-Glane in Frankreich, wo am 10. Juni 1944 die Waffen-SS wütete, Kalavryta in Griechenland, wo am 13. Dezember 1943 die Deutsche Wehrmacht wütete, Marzabotto in Italien, wo im September/Oktober 1944 ebenfalls die Deutsche Wehrmacht wütete sowie Sant’Anna di Stazzema in Italien, wo am 12. August 1944 die Waffen-SS wütete. Letzteres wird als ungesühntes Massaker Thema einer Veranstaltung in Gelsenkirchen in der flora am 17. Oktober 2017 sein.

Anmerkung: Die Fotos aus Lidice entstanden während eines Besuchs im Juni 2009, das Foto aus Kulmhof während des Besuchs in Lodz und Kulmhof 2016.

Eindrücke eines Antifaschisten in Berlin

Ein Beispiel aus der Ausstellung „Topographie des Terrors“.

Vom 13. bis 16.03.2017 hatte ich die Gelegenheit mit rund 40 weiteren Interessierten an einer Wahlkreisfahrt der Bundestagsabgeordneten Ulla Jelpke nach Berlin teilzunehmen. Im Programm war deutlich der antifaschistische Schwerpunkt der Fahrt mit den Stationen Topographie des Terrors, Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst und Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit zu erkennen. Während der Stadtrundfahrt kam noch ein Zwischenstopp an der Adresse Tiergartenstraße 4 hinzu. Dazu gehörten eine Diskussion mit Ulla Jelpke im Paul-Löbe-Haus sowie ein Besuch des Bundestages im Reichstagsgebäude. Nach ausführlichen Informationen und guten Führungen verunglückte leider der Abschlusstermin in der Bundeszentrale für politische Bildung. Sehr gut waren die Organisation durch den Mitarbeiter des Bundespresseamtes und die Wahlkreis-Mitarbeiterin von Ulla Jelpke.

Gleich die erste Station direkt nach der Ankunft in Berlin war die Ausstellung Topographie des Terrors. Das Dokumentationszentrum steht auf dem „Prinz-Albrecht-Gelände“, auf dem zwischen 1933 und 1945 in heute nicht mehr bestehenden Gebäuden die Zentrale der Gestapo, von SS und SD sowie ab 1939 das Reichssicherheitshauptamt eine außerordentliche Konzentration von Macht und Terror auf engstem Raum bildeten. Nachdem die Geschichte des Ortes in den 1950er Jahren zunächst dem Vergessen übergeben worden war wurden nach wiedererwachtem Geschichtsinteresse 1987 eine Dokumentation eingerichtet und Ausgrabungen vorgenommen. Später wurde eine Freiluft-Ausstellung entlang der freigelegten Kellermauerreste an der Niederkirchnerstraße (ehemalige Prinz-Albrecht-Straße) präsentiert. (Ein Foto dieser Ausstellung aus dem Juli 2000 befindet sich am Ende dieses Beitrags). Seit Mai 2010 besteht das neue Dokumentationszentrum mit einer ausführlichen, deutsch- und englischsprachigen Ausstellung nach modernen Standards über das Terrorsystem der Täter und den von ihnen verübten europaweiten Verbrechen.

Topographie des Terrors – Kellermauerreste an der Niederkirchnerstraße (ehemalige Prinz-Albrecht-Straße).

Besonders beeindruckte mich eine Sonderausstellung zu Massenerschießungen auf dem Gebiet der von Nazi-Deutschland besetzten Sowjetunion. Wie inzwischen in vielen neuen Ausstellungen üblich stellt man auch hier Biografien einzelner Mordopfer und ihrer Familien dar. Damit wird der abstrakten Zahl von rund zwei Millionen ermordeter Juden in dieser Phase des Holocaust ein Gesicht gegeben. Überhaupt nicht beeindruckend fand ich das funktionale Gebäude, hier könnte problemlos auch eine Ausstellung beispielsweise über die Kunst des 20. Jahrhunderts Platz finden.

Das Gebäude des Deutsch-Russischen-Museums in Berlin-Karlshorst, ursprünglich für die Wehrmacht errichtet und während der Schlacht um Berlin im April 1945 als sowjetisches Hauptquartier genutzt, ist eng verbunden mit der bedingungslosen Kapitulation der militärischen Führer Nazi-Deutschlands in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1945. Hier wurde 1967 zu DDR-Zeiten von sowjetischer Seite ein Museum eingerichtet, das sich an die sowjetischen Soldaten richtete und in dessen Zentrum die Schlacht um Berlin stand. Der Saal, in dem 1945 die Kapitulation unterzeichnet worden war, wurde dafür rekonstruiert. Mit dem Abzug der sowjetischen Soldaten im Zuge der Vereinigung beider deutscher Staaten 1990 wurde das Museum zu einem gemeinsamen Deutsch-Russischen Museum mit dem Fokus auf den Krieg zwischen Nazi-Deutschland und der Sowjetunion 1941-1945. Bemerkenswert ist an diesem Museum, dass der Krieg aus der Sicht beider früherer Kriegsgegner gezeigt wird. Auch die neue Ausstellung enthält Exponate der alten Ausstellung, eingebunden in den neuen Kontext.

Berlin-Karlshorst, 1967 rekonstruierter Saal, in dem in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1945 die bedingungslose Kapitualation der militärischen Führer Nazi-Deutschlands stattfand.

Während der Führung durch die Ausstellung, die sich an ausgewählten Schwerpunkten orientierte, wurde der Unterschied zwischen den Kriegen gegen Länder wie Frankreich und dem Krieg gegen die Sowjetunion deutlich. Der Krieg gegen die Sowjetunion war ein gewollter und geplanter Vernichtungskrieg gegen die in der rassistischen Vorstellungswelt der Nazis minderwertige Bevölkerung der Sowjetunion zur Eroberung „neuen Lebensraums“. Deutlich wird der Vernichtungskrieg auch an der Behandlung der von Nazi-Deutschland gefangen genommenen sowjetischen Soldaten. 60% von ihnen starben in deutscher Kriegsgefangenschaft. In absoluten Zahlen wurden von etwa 5,7 Millionen gefangenen Soldaten 3,3 Millionen entweder erschossen, oder man ließ sie verhungern oder an Seuchen sterben. Erst der Bedarf an Arbeitskräften besserte ihre Lage und die Überlebenden wurden als Zwangsarbeiter eingesetzt.

Allerdings schien während der Führung auch eine mögliche Grenze eines Deutsch-Russischen Museums auf. Man konnte fast übersehen, dass sich zwischen den beiden Kriegsgegnern Polen befand, das von Nazi-Deutschland und der Sowjetunion 1939 aufgeteilt worden war. Vielleicht ist dieser Eindruck auch nur aufgrund der Führung entstanden, denn wie immer reichte die Zeit nicht, um sich die Ausstellung vollständig anzusehen.

Sowjetisches Ehrenmal im Treptower Park – Bronzeskulptur eines sowjetischen Soldaten mit gesenktem Schwert und Kind auf dem Arm.

Eingeschoben werden konnte ein Besuch des Sowjetischen Ehrenmals im Treptower Park. Hier befindet sich eine monumentale Gedenkanlage, die zugleich Friedhof für mehr als 5000 bei der Schlacht um Berlin 1945 gefallene Soldaten der Roten Armee ist. Eine elf Meter hohe Bronzeskulptur auf einem kuppelgewölbtem Mausoleum im Zentrum der Anlage zeigt einen sowjetischen Soldaten mit gesenktem Schwert und einem Kind auf dem Arm. Darauf läuft man zwischen zwei riesigen gesenkten Fahnenskulpturen aus Granit zu.

Sowjetisches Ehrenmal im Treptower Park – Blick zurück auf zwei riesige gesenkte Fahnenskulpturen aus Granit.

Mit dem Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit in Berlin-Schöneweide besuchten wir im Anschluss eine weitere einmalige Einrichtung. Es ist das einzige erhaltene Zwangsarbeiterlager – übrigens mitten in einem Berliner Wohnbezirk. Allein in Berlin gab es über 3000 Zwangsarbeiterlager, im Deutschen Reich über 30.000 mit rund 26 Millionen Männer, Frauen und Kinder im Verlauf des Krieges. Das Lager in Schöneweide bestand aus Steinbaracken, die nach dem Krieg weiter genutzt und daher überwiegend, wenn auch verändert, erhalten blieben. Eine Baracke, die wir während der Führung besuchten, ist noch in den originalen baulichen Ausmaßen erhalten. Wir froren an diesem Märztag als wir in einem der Räume standen und erfuhren, unter welchen erbärmlichen Bedingungen die Zwangsarbeiter leben und arbeiten mussten. Wir mochten uns kaum vorstellen, wie sich die Bewohner der Baracken hier im richtigen Winter, bei Schnee und Eis gefühlt haben mögen.

Ausschnitt einer Karte von NS-Zwangsarbeiterlager in Berlin – Ausstellung Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit

Thema der Ausstellung sind die zivilen Zwangsarbeiter, anfangs als freiwillige Arbeitskräfte geworben, später zwangsweise aus den besetzten Ländern hierher verschleppt. Auch hier zeigt die Ausstellung individuelle Biografien. Denen der aus (fast) ganz Europa verschleppten Männer, Frauen und Kinder werden die der deutschen Akteure (Helfer, Zuschauer, Profiteure, Täter) gegenübergestellt. Alltag und Unterbringung der Zwangsarbeiter waren durch den Rassismus der Nazis geprägt. Zwangsarbeiter aus dem Osten (Polen und damalige Sowjetunion) und dem Westen wurden klar voneinander getrennt. Im übrigen waren Zwangsarbeiter aus den westlichen Ländern meist männlich, aus den östlichen Ländern meist weiblich.

Mit der Adresse Tiergartenstraße 4 verbindet sich die Aktion „T4“, der Ermordung zehntausender Patienten aus Heil- und Pflegeanstalten im Rahmen der sogenannten „Euthanasie“. Die Planungs- und Verwaltungszentrale befand sich in der Villa Tiergartenstraße 4, die Morde wurden dezentral in sechs eigens eingerichteten Tötungsanstalten vorgenommen. Es war der erste systematische Massenmord, die hier gesammelten Erfahrungen setzten die Täter später in den Vernichtungslagern im besetzten Polen ein.

Freiluftausstellung Tiergartenstraße 4 zur ersten systematischen Mordaktion „T4“.

Die Villa steht heute nicht mehr, am historischen Ort befindet sich seit 1989 eine Gedenktafel und nach einem 2011 beschlossenen Architekturwettbewerb ein frei zugänglicher Gedenk- und Informationsort. Eine transparente, blaue und 24 Meter lange Glaswand erzeugt die Aufmerksamkeit für die begleitende Freiluftausstellung, die anders als die frühere Freiluftausstellung Topographie des Terrors kein Provisorium ist. Bemerkenswert an der Ausstellung finde ich, dass sie die Texte zusätzlich in leichter Sprache präsentiert und sich somit heute auch an diejenigen richtet, die damals von den Nazis ermordet worden wären.

Die Stadtrundfahrt führte uns durch die jahrzehntelang geteilte Stadt und zeichnete ein vielseitiges Bild Berlins. Unterbrochen wurde die Fahrt durch eine lebhafte und interessante Diskussion mit der Abgeordneten Ulla Jelpke im Paul-Löbe-Haus. Da sie Mitglied im Innenausschuss des Deutschen Bundestages ist, ging es natürlich um innenpolitische Themen. Amüsant war eine übereifrige Mitarbeiterin des Hauses, die nicht verstehen konnte, dass ein Teil unserer Gruppe ihre Jacken und Mäntel an einer unbewachten Garderobe hängen ließ. Wir nahmen jedoch zu Recht an, dass in diesem Haus nicht geklaut wird. 😉

Auf dem Dach des Reichstagsgebäudes – die gläserne Kuppel war leider geschlossen.

Einlasskontrollen wie im Paul-Löbe-Haus gab es auch im Reichstagsgebäude. Hier nahmen wir auf der Besuchertribüne an einem Vortrag teil, der einerseits ganz interessant war, sich aber andererseits deutlich an die ebenfalls anwesenden Schülergruppen richtete. Daran schloss sich eine Besichtung des Dachs des Reichstagsgebäudes an, die gläserne Kuppel war leider nicht geöffnet.

Zum Abschluss stand ein Informationsgespräch in der Bundeszentrale für politische Bildung auf dem Programm. Ich bin mir nicht sicher, ob der Referent schlecht vorbereitet war oder keine Lust auf unsere Gruppe hatte. Einleitend stellte er die Arbeit der Bundeszentrale dar, die den Spagat schaffen soll, in der Bemühung einer politischen Neutralität trotzdem politische Bildung zu betreiben. Das Hauptaugenmerk liegt in den Veröffentlichungen, die ein breites politisches Spektrum einschließt, Extremismus jedoch ausschließt.

In der Diskussion zeigte er leider sehr wenig Empathie gegenüber den Erfahrungen, die Dortmunder Demonstranten gegen Rechtsextremisten mit der Polizei gemacht hatten und wies – erkennbar überfordert mit den Beiträgen – überaus zynisch auf den Rechtsweg hin. Die Debatte biss sich zeitweilig an der Unterschiedlichkeit von Faschismus und Realsozialismus und einer Gemeinsamkeit als Diktatur fest. Augenscheinlich nahm er die emotionale Verbundenheit eines Teils der Gruppe mit den Errungenschaften der DDR nicht als emotionale Reaktion wahr, reagierte mit hölzernen Sachargumenten, behandelte uns wie ein Professor seine Studenten von oben herab und erteilte Denkverbote. Dies war sicherlich keine Sternstunde der Bundeszentrale für politische Bildung, die sich in ihrer Veröffentlichungsbreite durchaus besser darstellt.

Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche im Zentrum des ehemaligen West-Berlins am Ku’damm.

Insgesamt war es eine höchst informative Fahrt, die einige interessante Seiten von Berlin zeigte. Untergebracht waren wir im ehemaligen Zentrum West-Berlins in der Nähe des Ku’damms. Dort gab es die Gelegenheit, sich beispielsweise die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, deren Ruine nach dem Krieg als Mahnmal stehen blieb, anzusehen. Weiter gab es vielfältige Möglichkeiten, engagierte Menschen aus dem antifaschistischen Spektrum kennen zu lernen, wieder zu treffen und sich für die antifaschistische Arbeit vor Ort zu vernetzen.

Werbefläche in Berlin – handschriftlich aktualisiert …

Eindrücke aus Weimar und Buchenwald

Gedenkstätte Buchenwald - Torgebäude zum ehemaligen Häftlingslager auf dem Ettersberg. Die Uhr zeigt den Zeitpunkt der Selbstbefreiung des Konzentrationslagers an.

Gedenkstätte Buchenwald – Torgebäude zum ehemaligen Häftlingslager auf dem Ettersberg. Die Uhr zeigt die Uhrzeit der Selbstbefreiung des Konzentrationslagers an.

Zwei Tage dauerte eine Gedenkstättenfahrt der DGB-Jugend Mühlheim-Essen-Oberhausen und der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten Essen ins ehemalige Konzentrationslager Buchenwald. Anlass für mich, erneut nach Weimar und Buchenwald zu fahren, war die Baumpflanzung für den KZ-Überlebenden und beeindruckenden Essener Zeitzeugen Theo Gaudig, die ich gerne miterleben wollte. Zugleich bot mir die Fahrt die Möglichkeit, Erinnerungen an meine beiden früheren Besuche vor mehr als 15 Jahren wieder aufzufrischen.

Wer die Thüringische Stadt Weimar besucht, kommt an Goethe und Schiller nicht vorbei. Goethes Wohnhaus, das Schillerhaus, Straßennamen, Hinweisschilder, Gedenktafeln und das Denkmal auf dem Theaterplatz vor dem Deutschen Nationaltheater erinnern an die Zeit der Weimarer bzw. Deutschen Klassik. Als Leitideen der Weimarer Klassik nennt mein altes Meyers Taschenlexikon aus dem Jahre 1985 „Harmonie und Humanität“. Nach dem Tagungsort der Nationalversammlung wurde auch die 1919 gegründete erste deutsche Republik „Weimarer Republik“ benannt. Ganz im Gegensatz zu diesen Traditionen steht die Nazi-Barbarei.

Goethe- und Schiller-Denkmal vor dem Deutschen Nationaltheater Weimar, Theaterplatz 2.

Goethe- und Schiller-Denkmal vor dem Deutschen Nationaltheater Weimar, Theaterplatz 2.

Um Spuren der Nazi-Zeit zu finden, muss man nicht erst auf den Ettersberg steigen und das ehemalige Konzentrationslager besuchen. Um ein Beispiel zu nennen: am heutigen Weimarplatz befindet sich das „Gauforum“, ein gigantisches Gebäudeensemble in faschistischer Ästhetik, welches die zentrale Gau-Verwaltung der NSDAP aufnahm. In den bestehenden und denkmalgeschützten Gebäuden ist heute das Thüringer Landesverwaltungsamt untergebracht, in der ehemaligen zum Gebäudeensemble gehörenden „Halle der Volksgemeinschaft“ befindet sich das Einkaufszentrum „Weimarer Atrium“. Eine wirklich interessante Nachnutzung!

Auf dem Ettersberg befinden sich nach wie vor die baulichen Überreste des einstigen Konzentrationslagers Buchenwald. Das zu den größten nationalsozialistischen Konzentrationslager gehörende KZ bestand von 1937 bis 1945. Weit über 250.000 Häftlinge befanden sich im System dieses Lagers einschließlich seiner Außenlager, zu denen auch ein Außenlager in Gelsenkirchen gehörte. Im Gegensatz zu den Vernichtungslagern im Osten, in denen der industrielle Massenmord stattfand, galt hier das Nazi-Prinzip der „Vernichtung durch Arbeit“. Berühmt ist das Konzentrationslager Buchenwald durch dessen Selbstbefreiung von der SS, die den Häftlingen angesichts der heranrückenden US-Armee gelang.

Gedenkstätte Buchenwald - Lagertor mit der Inschrift "Jedem das Seine". Die Schrift war bei geschlossenem Tor für die Häftlinge zu lesen und zeigt den Zynismus der Nazi-Barbarei.

Gedenkstätte Buchenwald – Lagertor mit der Inschrift „Jedem das Seine“. Die Schrift war bei geschlossenem Tor für die Häftlinge zu lesen und zeigt den Zynismus der Nazi-Barbarei.

Nach der mehrstündigen Busfahrt begann eine Führung durch das Häftlingslager mit Elke Pudszuhn, Tochter des ehemaligen Häftlings Hans Raßmann, die mit persönlichen Eindrücken eine Einführung in das Lagergeschehen gab. Unterbrochen wurde diese Führung durch die Baumpflanzung des Lebenshilfewerks Weimar/Apolda e.V. Im Rahmen des Projektes „1000 Buchen“ wurden in der Nähe des ehemaligen Gustloff-Werks an der Kreuzung Kromsdorfer-/Andersenstraße insgesamt sechs Bäume gepflanzt, und zwar für die Frauen von Buchenwald, Lise London aus Frankreich, Danuta Brzosko-Medryk aus Polen sowie für Theo Gaudig aus Essen, Kurt Juius Goldstein aus Berlin und Josef Safferling aus Strümpfelbrunn/Odenwald. In Reden wurde an diejenigen erinnert, für die diese Bäume gepflanzt wurden. Der Abend bot einen angenehmen Ausklang. Überlebende und Nachkommen trafen sich im Hotel Leonardo und feierten bei roten Liedern und roten Wein. Das Köstritzer Schwarzbier schmeckte auch.

Ein Baum für Theo Gaudig - Viele Essener haben Theo Gaudig in Schulen und Veranstaltungen kennen gelernt, wo er unermüdlich als Zeitzeuge und Mahner über seinen Widerstand, seine Haft, über den Faschismus sprach.

Ein Baum für Theo Gaudig – Viele Essener haben Theo Gaudig in Schulen und Veranstaltungen kennen gelernt, wo er unermüdlich als Zeitzeuge und Mahner über seinen Widerstand, seine Haft, über den Faschismus sprach.

Beim (7.) Treffen der Nachkommen anderntags stand das Thema der „vergessenen Frauen von Buchenwald“ im Vordergrund. Dr. Irmgard Seidel, die schon zur Baumpflanzung für die Frauen von Buchenwald gesprochen hatte, berichtete in ihrer Gedenkrede noch ausführlicher über ihre Forschung und die unterschiedlichen Frauengruppen in den Außenlagern von Buchenwald. Da das Konzentrationslager auf dem Ettersberg ein reines Männerlager war, gehörten die Frauen in den Außenlagern zu den lange vergessenen Verfolgten. Daran an schloss sich die Fortsetzung der Führung durch das Häftlingslager. Am Rande konnten wir die offizielle Gedenkfeier verfolgen. Kaum Zeit blieb leider für die neueröffnete Ausstellung der Gedenkstätte in der Effektenkammer.

Befreiungsfeier am Glockenturm, der Teil der großen Mahnmalsanlage ist.

Befreiungsfeier am Glockenturm, der Teil der großen Mahnmalsanlage ist.

Um 15.15 Uhr begann die Befreiungsfeier des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora und Kommandos am Glockenturm, dem weithin sichtbaren Teil der großen Mahnmalsanlage am Hang (die nicht zu verwechseln ist mit der Gedenkstätte auf dem Gelände des ehemaligen Häftlingslagers).

Figurengruppe von Fritz Cremer für das Buchenwald-Denkmal. Im Hintergrund der Glockenturm.

Figurengruppe von Fritz Cremer für das Buchenwald-Denkmal. Im Hintergrund der Glockenturm.

Wewelsburg – Ideologie und Terror der SS

Die Wewelsburg an einem trüben Novembertag 2013

Die Wewelsburg an einem trüben Novembertag 2013

Die in Ostwestfalen gelegene Wewelsburg ist nicht nur eine architekturgeschichtliche Besonderheit. Die sehenswerte Dreiecksburg diente Heinrich Himmler für Nazi-Fantasy-Pläne, die 1285 KZ-Häftlinge mit ihrem Leben bezahlten. Heute befindet sich im ehemaligen SS-Wachgebäude eine der wenigen Ausstellungen zur NS-Zeit, die die Täter in den Mittelpunkt stellt. Von hier aus lassen sich auch die erhaltenen Kulträume der SS im Nordturm besuchen. Die Fotos stammen von einem Besuch der Museumsausstellung in der Burg selbst und der zeitgeschichtlichen Ausstellung zur SS im November 2013.

Überraschend klein erschien meiner Begleiterin und mir die Wewelsburg, als wir an einem trüben Novembertag 2013 dort ankamen. Ihre wechselhafte Geschichte wird in einer beeindruckenden Museumsausstellung in der Burg selbst dargestellt, die wir uns zuerst ansahen. Die seit dem 12. Jahrhundert auf vorhandenen Bauwerken errichtete Wewelsburg wurde im 17. Jahrhundert zum Renaissanceschloss umgebaut, nach Zerstörungen im Dreißigjährigen Krieg wiederhergestellt und verfiel während des 19. Jahrhunderts zu einer romantischen Ruine. 1815 schlug ein Blitz in den Nordturm ein und ließ eine ausgebrannte Turmruine zurück.

Modell des Renaissanceschlosses in der Museumsausstellung, wie es zu Beginn des 17. Jahrhunderts ausgesehen hat. Die Zugbrücke war aus Holz und alle drei Ecktürme trugen noch Zinnenkränze. Die Anlage besteht aus einem gleichschenkligen Dreieck.

Modell des Renaissanceschlosses in der Museumsausstellung, wie es zu Beginn des 17. Jahrhunderts ausgesehen hat. Die Zugbrücke war aus Holz und alle drei Ecktürme trugen noch Zinnenkränze. Die Anlage besteht aus einem gleichschenkligen Dreieck.

In der Weimarer Republik wurde das wieder instand gesetzte Gebäude zu einem überregionalen Veranstaltungsort der katholischen Jugendbewegung. 1925 eröffneten Jugendherberge und Heimatmuseum, auch zahlreiche örtliche Veranstaltungen fanden hier statt. 1934 mietete Heinrich Himmler im Namen der NSDAP die Wewelsburg, zunächst um ein Schulungszentrum der SS einzurichten, später sollte sie zu einer Art „Ritterordenszentrale“ der SS werden. Mit dem zunächst erfolgreichen Krieg wurden die Baupläne immer fantastischer und gigantischer. Zu ihrer Umsetzung wurde ein Konzentrationslager eingerichtet. 1945 durch ein Sprengkommando der SS zerstört, dient das Bauwerk heute wieder wie vor 1934 als Jugendherberge und beherbergt das Kreismuseum und Historische Museum des Hochstifts Paderborn.

Gemälde in der Museumsausstellung wie sie in der Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg ausgesehen hat

Gemälde in der Museumsausstellung, wie die Wewelsburg in der Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg ausgesehen hat

Aufgrund der Zerstörungen, Umbauten und Verfallsperioden haben sich nur wenige Zeugnisse der Baugeschichte erhalten. Aus dem 17. Jahrhundert stammen der Verhörraum mit Verlieszellen, im Volksmund auch „Hexenkeller“ genannt. 1759 diente das Verlies als Militärgefängnis, hauptsächlich für Deserteure. Seit 1802 wurde es nicht mehr genutzt bis die Nazis während der Reichspogromnacht 1938 die männlichen Mitglieder der jüdischen Gemeinde Salzkotten hier einpferchten, bevor sie in das KZ Buchenwald gebracht wurden. Diese und weitere erhaltene Gebäudeteile, darunter auch den im Bild unten gezeigten, besuchten wir im Verlauf des Museumsrundgangs.

Museumsraum 7 mit Mittelsäule und Fußboden aus dem 17. Jahrhundert und einer Ausstellung zu Zeiterfahrungen in der vorindustriellen Welt

Museumsraum 7 mit Mittelsäule und Fußboden aus dem 17. Jahrhundert und einer Ausstellung zu Zeiterfahrungen in der vorindustriellen Welt

Himmlers Vorstellung von der Funktion der Wewelsburg innerhalb der SS veränderte sich im Laufe der Zeit. Aus der Reichsführerschule SS des Jahres 1934 wurde ab 1936 die Zentrale des SS-Gruppenführercorps, zu der repräsentative Bauvorhaben sowie die Schaffung von synthetischen Traditionen mit Elementen eines Ritterordens, rassistischen Vorstellungen und vorchristlichen, pseudogermanischen Motiven gehörten. So sollte Wewelsburg beispielsweise Aufbewahrungsort für die SS-Totenkopfringe nach dem Tod ihrer Träger werden. Zur Finanzierung gründete Himmler die „Gesellschaft zur Förderung und Pflege deutscher Kulturdenkmäler“ als eingetragenen Verein, der anders als die SS, die eine nicht rechtsfähige Gliederung der NSDAP war, steuerbegünstigt Spenden sammeln und Kredite aufnehmen konnte. Kredite erhielt der Verein unter anderem von der Dresdner Bank.

Die Wewelsburg mit dem Zugang zum Hauptportal und dem Nordturm rechts.

Die Wewelsburg mit dem Zugang zum Hauptportal und dem Nordturm rechts.

Die auffälligste Veränderung an der Wewelsburg fand bereits 1934 durch die Entfernung des Außenputzes statt, der das Renaissance-Schloss schon vom äußeren her zu einer Burg machte. Ab 1938 begannen die Bauarbeiten an der Ruine des Nordturms mit der bedenkenlosen Vernichtung historischer Bausubstanz und der Schaffung kitschiger „SS-Sakralarchitektur“, wenn man sie so nennen will. KZ-Häftlinge mussten den Fels abtragen, um den Bau der „Gruft“ im Kellergeschoss zu ermöglichen. Im Erdgeschoss entstand der „Obergruppenführersaal“ mit der seit den 1990er Jahren in rechtsextremen und esoterischen Kreisen berüchtigten „Schwarzen Sonne“ im Marmorfußboden.

Innenhof der Wewelsburg mit Blick auf den Nordturm, in dem die "Gruft" und der "Obergruppenführersaal" der SS erhalten sind. Das frühere Kapellenportal führt heute in den "Obergruppenführersaal".

Innenhof der Wewelsburg mit Blick auf den Nordturm, in dem die „Gruft“ und der „Obergruppenführersaal“ der SS erhalten sind. Das frühere Kapellenportal führt heute in den „Obergruppenführersaal“.

Seit 1939 bestand ein Konzentrationslager, als Außenlager des KZ Sachsenhausen, von 1941 bis 1943 als selbständiges Konzentrationslager Niederhagen und anschließend wieder als Außenlager, diese Mal des KZ Buchenwald. Von insgesamt 3.299 KZ-Häftlingen wurden 1.285 durch die unmenschlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen, Brutalität und Sadismus, mangelhafte Ernährung und medizinische Versorgung ermordet. Die meisten von ihnen, 734 Tote, waren sowjetische KZ-Häftlinge. Vor allem im Jahr 1942 wurde das KZ mit 874 Toten zum Todeslager. 1943 wurde das selbständige KZ Niederhagen aufgelöst, es verblieb nur ein „Restkommando“, das am 2. April 1945 durch Einheiten der US-Armee befreit wurde.

Blick aus der Museumsausstellung der Wewelsburg auf das Wachgebäude mit der Ausstellung "Ideologie und Terror der SS"

Blick aus der Museumsausstellung der Wewelsburg auf das Wachgebäude mit der Ausstellung „Ideologie und Terror der SS“

Neben dem am Ortsrand liegenden KZ und den Baumaßnahmen in der Burg griff die SS mit mehreren Gebäuden wie dem „NS-Dorfgemeinschaftshaus“, dem Wach- und Stabsgebäude und weiteren Gebäuden massiv in das Ortsbild ein. Mit der zunehmend maßlosen Bauplanung wurde auch die Umsiedlung der Dorfbewohner vorgesehen und Druck auf sie ausgeübt. Nur drei Bauern gingen auf das Angebot ein – und kehrten 1945 als Vertriebene aus Schlesien wieder zurück.

Die Gebäude des KZ wurden 1943 zunächst von umgesiedelten „Volksdeutschen“ aus Osteuropa bewohnt. 1945 kamen hier erst „Displaced Persons“ und 1946 Vertriebene aus den verlorenen deutsche Ostgebieten unter. Daran an schloss sich ein Streit zwischen dem Land NRW und dem Gemeinderat um eine „Wertsteigerung“ für den Bau der KZ-Gebäude in dem ehemaligen Waldgelände. Die Holzbaracken wurden Mitte der 1950er Jahre abgerissen, die Steinhäuser wurden umgenutzt. Aus dem Torhaus wurde ein Wohnhaus, weitere Gebäude dienen als Feuerwehrgerätehaus, als Teil einer Werkhalle und als Scheune. Der frühere Appellplatz wurde als Rasenfläche gestaltet, erst Ende der 1990er Jahre konnten die Vorbehalte der Bewohner gegen ein Mahnmal durch eine Gruppe junger Wewelsburger aufgebrochen werden, das 2000 auf dem ehemaligen Appellplatz eingeweiht wurde.

Blick in die Dauerausstellung "Ideologie und Terror der SS" im ehemaligen Wachgebäude

Blick in die Dauerausstellung „Ideologie und Terror der SS“ im ehemaligen Wachgebäude

Nach wellenförmigen Auseinandersetzungen mit der NS-Vergangenheit begann Mitte der 1970er der „Paderborner Mahnmalsstreit“, der nach typischen und heftigen öffentlichen Kontroversen zur Entstehung einer untypischen, aber zum Ort passenden Dauerausstellung führte. Die Ausstellung „Wewelsburg 1933-1945, Kult- und Terrorstätte der SS“ aus dem Jahre 1982 thematisierte im ehemaligen SS-Wachgebäude am Burgvorplatz die SS in Wewelsburg und die allgemeine Geschichte der SS. Seit April 2010 ist die neue Ausstellung, „Ideologie und Terror der SS“ eröffnet. Sie bietet neue und moderne Darbietungsmethoden für ihre Inhalte und bezieht weitere bauliche Reste im Untergeschoss des Wachgebäudes sowie die SS-Kulträume im Nordturm in den Rundgang mit ein. Die „Schwarze Sonne“ im „Obergruppenführersaal“ büßt dabei durch eine einfache Methode ihre beherrschende Stellung ein: die Ausstellungsmacher verteilten viele bunte Sitzkissen in die Mitte des Raumes und nahmen ihm so den von der SS zugedachten Charakter. Der positive Nebeneffekt ist, dass sich die Besucher während der Führung durch die Ausstellung hinsetzen können. Wir besuchten die zeitgeschichtliche Ausstellung im Anschluss an die Museumsausstellung im Rahmen einer Besucherführung mit überaus zahlreichen Interessenten. Der Andrang war so groß, dass die Ausstellungsmitarbeiter uns in drei Teilgruppen durch die Ausstellung führten.

Blick in die Gräfte am Nordturm und auf den Weg aus der Ausstellung im Wachgebäude zu den "Kulträumen" der SS

Blick in die Gräfte am Nordturm und auf den Weg aus der Ausstellung im Wachgebäude zu den „Kulträumen“ der SS

Kleiner Exkurs: Gedenkstätten und NS-Täter

Die Erinnerungs- und Gedenkstätte Wewelsburg war lange Zeit die einzige arbeitende Gedenkstätte, die sich vorrangig mit den NS-Tätern beschäftigte. Gedenkstätten, die die NS-Zeit thematisieren, waren und sind zunächst, dies macht auch die Widmung “Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus” deutlich, Orte, an denen der Opfer gedacht wurde. Auf dem Gelände der ehemaligen großen Konzentrationslager waren es in der Regel die Häftlingslager, auf denen die Gedenkstätten errichtet wurde. Dass sie überhaupt eingerichtet wurden, lag nicht zuletzt an der „Lobbyarbeit“ der internationalen Verbände ehemaliger Häftlinge, die würdige Erinnerungsorte an ihre Leiden und die ihrer ermordeten Kameraden forderten. Daher ist es einsichtig, dass sich diese Gedenkstätten vorrangig mit den Opfern beschäftigen. Werden in einer KZ-Gedenkstätte Täter thematisiert, so handelt es sich in der Regel um die diensthabenden SS-Dienstgrade mit ihren jeweiligen Funktionen im KZ, seltener die sogenannten „Schreibtischtäter“, die nicht unmittelbar an den Taten im KZ beteiligt waren.

Baustelle der "Topographie des Terrors" in Berlin (Foto: Juli 2000)

Baustelle der „Topographie des Terrors“ in Berlin (Foto: Juli 2000)

Erst in jüngerer Zeit wurden weitere Gedenkstätten an den Orten der Täter gegründet, die sich mit den NS-Tätern auseinandersetzen: die „Topographie des Terrors“ und die „Gedenkstätte Haus der Wannseekonferenz“ in Berlin sowie die „Villa ten Hompel“ in Münster. Die „Topographie des Terrors” dokumentiert auf dem Prinz-Albrecht-Gelände, das das Reichssicherheitshauptamt beherbergte, Gestapo, SS und Reichssicherheitshauptamt. Das „Haus der Wannseekonferenz” thematisiert am Ort der Wannseekonferenz des Jahres 1942 den Völkermord an den europäischen Juden als arbeitsteiligen Verwaltungsvorgang. Die „Villa ten Hompel“ zeigt am früheren Sitz der Ordnungspolizei in Münster die Verbrechen von Polizei und Verwaltung.

Ergänzte Fassung

Quellen
Brebeck, Wulff E.: Wie Wewelsburg zu einer Gedenkstätte kam, in: Garbe, Detlef (Hg.): Die vergessenen KZs? Gedenkstätten für die Opfer des NS-Terrors in der Bundesrepublik, Bornheim-Merten 1983, S. 153-176
Brebeck, Wulff E.: Die Wewelsburg. Geschichte und Bauwerk im Überblick, Berlin, München 2009
Endzeitkämpfer – Ideologie und Terror der SS. Hrsg. von Wulff E. Brebek … Begleitband zur ständigen Ausstellung „Ideologie und Terror der SS“ in der „Erinnerungs- und Gedenkstätte Wewelsburg 1933-1945“ des Kreismuseums Wewelsburg, Büren-Wewelsburg. Berlin, München 2011

Denkmal für die ermordeten Juden Europas

Nach meinem kurzen Beitrag zur Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin und meinem ausführlichen Beitrag zu den KZ-Gedenkstätten Buchenwald und Sachsenhausen folgt dieser (dritte) Beitrag der Reihe über ein lange kontrovers diskutiertes Denkmal in der Mitte Berlins: dem „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“, umgangssprachlich „Holocaust-Denkmal“ genannt.

Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin-Mitte im Juli 2008

Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin-Mitte im Juli 2008

Die Idee zu einem Denkmal an die ermordeten Juden reicht zurück in das Jahr 1988 und geht auf die Publizistin Lea Rosh und den Historiker Eberhard Jäckel zurück. Bereits das Ergebnis des ersten Wettbewerbes aus dem Jahr 1994 zeigte überdimensionierte Ausmaße und wurde 1995 vom damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl abgelehnt. Da sich seit der Vereinigung beider deutscher Staaten das Umfeld des geplanten Denkmalstandortes verändert hatte und von einer früheren Randlage der geteilten Stadt in die Mitte Berlins gerückt war, erzeugte das geplante Denkmal inzwischen auch eine größere öffentliche Aufmerksamkeit.

Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin-Mitte im Juli 2008

Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin-Mitte im Juli 2008

Auch ein neuer Entwurf 1997 des New Yorker Architekten Peter Eisenman zeigte einen Hang zur Gigantomanie. Der Entwurf wurde jedoch im weiteren Verlauf der Debatte und Planung verändert, die Zahl und Höhe der geplanten Steelen reduziert und es wurden Bäume eingeplant. In einem Fernsehbeitrag wurden die veränderten Entwürfe mit leichter Ironie als Eisenman II und Eisenman III bezeichnet. Zu den immer wieder vorgetragenen Kritikpunkten zählte die mangelnde Authentizität des Ortes angesichts vorhandener Gedenkstätten, die Einschränkung auf eine einzige Verfolgtengruppe unter Ausschluss anderer Gruppen sowie eine „künstlerische Beliebigkeit“. Auf Betreiben des Kulturstaatsministers Michael Naumann, der das Denkmal 1998 zuerst massiv kritisiert hatte, wurde es um einen unterirdischen „Ort der Information“ ergänzt.

Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin-Mitte im Juli 2008

Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin-Mitte im Juli 2008

Der Historiker Eberhard Jäckel betonte 1997 im Rahmen der Colloqien die Einzigartigkeit des Holocaust bzw. der Shoah, gleichwohl er diese Begriffe meidet, und begründete damit die Widmung des Denkmals „für die ermordeten Juden Europas“: „Es war neuartig und insofern, als es geschah, einzigartig, daß noch nie zuvor ein Staat beschlossen hatte, eine Gruppe von Menschen, die er als Juden kennzeichnete, einschließlich der Alten, der Frauen, der Kinder und Säuglinge ohne jegliche Prüfung des einzelnen Falles möglichst restlos zu töten, und diesen Beschluß mit staatlichen Maßnahmen und Machtmitteln in die Tat umsetzte, indem er die Angehörigen dieser Gruppe nicht nur tötete, wo immer er sie ergreifen konnte, sondern in vielen Fällen, zumeist über große Entfernungen und überwiegend aus anderen Ländern, in eigens zum Zweck der Tötung geschaffene Einrichtungen verbrachte.“ (Jäckel, Eberhard: Leitvortrag. 1. Sitzung, in: Colloquium Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Dokumentation. Hrsg.: Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur, Berlin 1997, S. 18-21, hier S. 19.)

Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin-Mitte im Juli 2008

Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin-Mitte im Juli 2008

Auch ist die Widmung des Denkmals „für die ermordeten Juden Europas“ lange Zeit nicht selbstverständlich gewesen. Nicht ohne Grund schrieb Jürgen Habermas in der ZEIT: „Es kann nicht darum gehen, ‘daß die Juden von uns Deutschen ein Holocaust-Denkmal erhalten’. Dieses muß im Kontext unserer politischen Kultur einen anderen Sinn haben. Mit dem Denkmal bekennen sich die heute lebenden Generationen der Nachkommen der Täter zu einem politischen Selbstverständnis, in das die Tat – das im Nationalsozialismus begangene und geduldete Menschheitsverbrechen – und damit die Erschütterung über das Unsagbare, das den Opfern angetan worden ist, als persistierende Beunruhigung und Mahnung eingebrannt ist.“ (Habermas, Jürgen: Der Zeigefinger. Die Deutschen und ihr Denkmal, in: Die Zeit, Nr.14 v. 31.3.1999.)

Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin-Mitte im Juli 2008

Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin-Mitte im Juli 2008

2003 wurde mit dem Bau des Denkmals begonnen und nach einer Kontroverse um die Beteiligung der Degussa AG, deren Tochtergesellschaft das Zyklon B für die Ermordung der Juden im Nationalsozialismus hergestellt hatte, wurde das Denkmal 2005 feierlich eröffnet. Seit der Eröffnung wird das Denkmal gut besucht und hat seinen Platz in Berlin gefunden. Es wird dabei in einer Weise und teilweise spielerisch erkundet, die man in einer KZ-Gedenkstätte am authentischen Ort kaum aushalten könnte.

Baustelle "Denkmal für die ermordeten Juden Europas" in Berlin im Juli 2000

Baustelle „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ in Berlin im Juli 2000

Eindrücke von den KZ-Gedenkstätten Buchenwald und Sachsenhausen

KZ-Gedenkstätte Buchenwald 1998

KZ-Gedenkstätte Buchenwald 1998

In diesem Jahr jährt sich mit dem 70. Jahrestag der Befreiung Europas vom Faschismus am 8./9. Mai 1945 auch die Befreiung der Konzentrationslager der Nazis. Zu den großen Konzentrationslagern auf deutschem Boden gehörten das KZ Buchenwald bei Weimar in Thüringen und das KZ Sachsenhausen in Oranienburg nördlich von Berlin.

Im Gegensatz zu der gelegentlich geäußerten Meinung, kann man KZs in Deutschland heute – glücklicherweise – nicht mehr besuchen, sondern nur KZ-Gedenkstätten, die am authentischen Ort errichtet wurden. Sie stellen die Geschichte des jeweiligen Lagers dar und vermitteln einen Eindruck der Geschichte. Außerdem handelt es sich um Erinnerungsorte der Überlebenden und ihrer Nachkommen. Wer heute ein KZ besuchen möchte, müsste dazu nach Nordkorea oder Guantanamo reisen.

In vielen KZ-Gedenkstätten gab es anlässlich des runden Jubiläums Veranstaltungen, zu denen die immer weniger werdenden Überlebenden eingeladen wurden. Dies ist kein Bericht über diese Befreiungsfeiern, vielmehr erinnere ich mich an meine Besuche in der Gedenkstätte Buchenwald in den Jahren 1998 und 2000 sowie an meinen Besuch in der Gedenkstätte Sachsenhausen im Jahre 2000.

KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen 2000

KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen 2000

KZ-Gedenkstätte Buchenwald
Mein erster Besuch der Gedenkstätte fand 1998 im Rahmen eines Seminars der Universität-Gesamthochschule Essen mit einer mehrtägigen Exkursion in die Stadt Weimar und einer Fahrt auf den Ettersberg zur Gedenkstätte an einem Tag statt. Zur Vorbereitung hatten wir unter anderem mit Theo Gaudig einen Überlebenden des KZ aus Essen in unser Seminar eingeladen, der von seiner Lagerhaft erzählte. Der Kontrast zwischen Goethe und Schiller in Weimar und der Nazi-Barbarei in Buchenwald war überdeutlich. Bereits bei der Ankunft verstörte mich eine Zufälligkeit. In Weimar waren mir historische Gebäude in einem bestimmten Gelbton aufgefallen, und eine der stehen gebliebenen SS-Kasernen erstrahlte in ebendiesem Gelbton. Die SS-Kasernen beherbergen heute das Besucherzentrum und eine Jugendbildungsstätte. Die KZ-Gedenkstätte selbst ist das ehemalige Häftlingslager, das man durch das Lagertor mit der berüchtigten Beschriftung „Jedem das Seine“ erreicht. Das Lagergelände selbst wird von den Überlebenden als Friedhof betrachtet.

KZ-Gedenkstätte Buchenwald 1998, Besuchergruppe auf dem ehemaligen Appellplatz im ehemaligen Häftlingslager

KZ-Gedenkstätte Buchenwald 1998, Besuchergruppe auf dem ehemaligen Appellplatz im ehemaligen Häftlingslager

Das Konzentrationslager wurde 1937 von den Häftlingen, die aus anderen KZs hierhin verlegt wurden, mitten im Wald durch Rodung errichtet. Die Gedenkstätte wurde am 14. September 1958 als „Nationale Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald“ der DDR eingeweiht. Vom Lager selbst war nicht viel übrig geblieben. Der nördliche Teil hinter dem Haupteingang ist ein großer Schotterplatz, der die Verwüstung symbolisiert, die das KZ bei den Menschen anrichtet. Den südlichen Teil ließ man zuwachsen. Die Umrisse einiger Blocks wurden auf dem Boden markiert. Erhalten blieben neben dem Torgebäude und den dazugehörigen Arrestzellen unter anderem eine Lagerbaracke, die Effektenkammer, die Desinfektion und das Krematorium.

In der ehemaligen Effektenkammer, dem größten Steingebäude, befindet sich eine Dauerausstellung zur Geschichte des Lagers 1937-1945. In der ehemaligen Desinfektion sind Kunstausstellungen zu sehen. Neben der Dauerausstellung mit Kunstwerken, die Häftlinge heimlich während der Lagerzeit oder kurz nach der Befreiung anfertigten, fand sich 1998 die Ausstellung eines polnischen Künstlers und ehemaligen Häftlings in der ehemaligen Desinfektion. In Montagen hatte er Aufnahmen von KZ-Häftlingen mit pornografischen Darstellungen verbunden, die das Obszöne der Nazi-KZs zeigten, mich aber einfach nur sprachlos machten. Das Krematorium wurde erhalten, weil der KPD-Vorsitzende Ernst Thälmann, der nie in Buchenwald eingesperrt war, hierhin gebracht, von der SS erschossen und sein Leichnam hier verbrannt wurde. Darauf weist eine übergroße Gedenktafel hin. Nach dem Ende der DDR wurde im Rahmen einer Neukonzeption der „Gedenkstätte Buchenwald“ die Erinnerungstafel an Ernst Thälmann belassen, allerdings der historische Sachverhalt durch eine wesentlich kleinere Erläuterungstafel ergänzt.

Unser Besuch fand im November des Jahres statt, und als ich auf dem ehemaligen Appellplatz der Häftlinge stand und nach Weimar* hinunter blickte, fragte ich mich, was man von Weimar aus gesehen haben mochte. Die beleuchteten Wachtürme mit Sicherheit. Außerdem fror ich trotz meiner warmen Kleidung und fragte mich, wie sich die Häftlinge gefühlt haben mochten.

KZ-Gedenkstätte Buchenwald 1998, Gedenktafel von Horst Hoheisel und Andreas Knitz zur Erinnerung an den nach der Befreiung errichteten Obelisken aus Holz

KZ-Gedenkstätte Buchenwald 1998, Gedenktafel von Horst Hoheisel und Andreas Knitz zur Erinnerung an den nach der Befreiung errichteten Obelisken aus Holz

Das KZ Buchenwald ist das einzige Lager, dem am 11. April 1945 dank der herannahenden US-Armee und der Vorbereitungen des internationalen Lagerkomitees die Selbstbefreiung gelang. Am 19. April 1945 errichteten die Überlebenden einen Obelisken aus Holz zur Erinnerung an die Geschehnisse. An dieses Denkmal aus vergänglichem Material erinnert seit 1995 eine Gedenktafel von Horst Hoheisel und Andreas Knitz. Die Metallplatte enthält die Namen der Nationen, die in Buchenwald vertreten waren und wird das ganze Jahr über auf 37°C erwärmt. Weitere Gedenksteine und Denkmale auf dem Lagergelände erinnern an verschiedene Gruppen und Einzelereignisse.

KZ-Gedenkstätte Buchenwald 2000 - Mahnmalsanlage, Besuchergruppe

KZ-Gedenkstätte Buchenwald 2000 – Mahnmalsanlage, Besuchergruppe

Mahnmalsanlage
Bei unserem zweiten Besuch, ebenfalls mit einem Seminar der Universität Essen, im Jahre 2000 blieben wir ganz auf dem Ettersberg und wohnten in der Jugendbildungsstätte in einer der ehemaligen SS-Kasernen. Zwar befinden sich diese außerhalb des ehemaligen Häftlingslagers, trotzdem war es ein merkwürdiges Gefühl, morgens aufzuwachen, aus dem Fenster zu schauen und rechts den Stacheldrahtzaun zum ehemaligen Lager und links den ehemaligen Appellplatz der SS, der heute ein Parkplatz ist, zu sehen. Allerdings blieb uns dadurch mehr Zeit für die Frage nach der pädagogischen Arbeit der Gedenkstätte und der Erkundung uns interessierender Fragen im Archiv. So recherchierte beispielsweise eine Kommilitonin über den Zeitzeugen des 1998er Seminars Theo Gaudig und verfolgte seinen Weg durchs KZ anhand vorhandener Akten.

KZ-Gedenkstätte Buchenwald 1998, Besuchergruppe vor einem Modell des Lagers

KZ-Gedenkstätte Buchenwald 1998, Besuchergruppe vor einem Modell des Lagers

Andererseits war es ein merkwürdiges Gefühl, sich nach einer Führung durchs Krematorium und der Genickschussanlage zum Mittagessen zu begeben. Fast unglaublich auch die Erzählungen des pädagogischen Mitarbeiters der Gedenkstätte, der beispielsweise von sonntäglichen Kurzzeitbesuchern berichtete, die Probleme hatten, ihren „Buggy“ durch das Krematorium zu schieben. Die Einführung in die Geschichte des Konzentrationslagers erfolgte wie 1998 anhand eines Modells, von dem die Gedenkstätte mehrere besitzt, um gleichzeitig mit mehreren Besuchergruppen zu arbeiten.

KZ-Gedenkstätte Buchenwald 2000 - Mahnmalsanlage, "Straße der Nationen"

KZ-Gedenkstätte Buchenwald 2000 – Mahnmalsanlage, „Straße der Nationen“

Unweit der Gedenkstätte wurde 1954 bis 1958 unter Einbeziehung von drei Massengräbern eine monumentale Denkmalsanlage angelegt, die wir ebenfalls besuchten. Ihr liegt das Motiv „Durch Sterben und Kämpfen zum Sieg“ zugrunde, das sich auch quasi-religiös als Tod und Wiederauferstehung, als sozialer oder realer Tod im Faschismus und Wiederauferstehung im real-existierenden Sozialismus deuten lässt. Die Architektur wird dem Sozialistischen Realismus zugeordnet und wurde für Massenveranstaltungen gebaut. Eine kleine Gruppe wie wir fühlte sich von dieser monumentalen Architektur einfach nur erschlagen. Einzig die zu Ringgräbern gestalteten Massengräber wirken durch ihre Größe und unsere Vorstellungskraft angesichts der angeeigneten Kenntnisse zur KZ-Geschichte.

KZ-Gedenkstätte Buchenwald 2000 - Mahnmalsanlage, Besuchergruppe vor einem Ringgrab

KZ-Gedenkstätte Buchenwald 2000 – Mahnmalsanlage, Besuchergruppe vor einem Ringgrab

Zunächst stiegen wir eine breite, von Stelen flankierte Treppe hinab und kamen zu einem ersten als Ringgrab gestalteten Massengrab. Wir folgten der „Straße der Nationen“, die gesäumt ist von steinernen Pylonen. Jeder der 18 Pylonen steht für eine der Nationen der KZ-Häftlinge. Auf jedem Pylon befindet sich eine Feuerschale. Die „Straße der Nationen“ führte uns an einem zweiten Ringgrab vorbei und auf ein drittes Ringgrab zu. Von dort führte uns eine Treppe wieder hinauf zum Glockenturm und der Denkmalsgruppe von Fritz Cremer zur Erinnerung an den Widerstand im Lager. Den Glockenturm konnten wir wegen Sanierungsarbeiten nicht besichtigen.

KZ-Gedenkstätte Buchenwald 2000 - Mahnmalsanlage, Denkmal von Fritz Cremer

KZ-Gedenkstätte Buchenwald 2000 – Mahnmalsanlage, Denkmal von Fritz Cremer

Auch die Schwierigkeiten des „doppelten Gedenkens“ angesichts der Nutzung des ehemaligen Konzentrationslagers bis 1950 durch die Sowjetische Militäradministration als „Speziallager Nr. 2“, insbesondere für Täter der NS-Zeit, waren ein Thema des Seminars. Für die Erinnerung an das Speziallager war eine Ausstellung in einem Neubau im Hang unterhalb der KZ-Gedenkstätte eingerichtet worden, sowie ein von der KZ-Gedenkstätte unabhängiger Eingang und ein Zugang zum Gräberfeld im Wald, in dem die Umgekommenen des Speziallagers verscharrt worden waren.

KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen
Im Juli 2000 nutzte ich die Gelegenheit und besuchte während eines Berlin-Besuchs die KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen und verbrachte ein paar Stunden dort. Die in der Stadt Oranienburg nördlich von Berlin gelegene Gedenkstätte ist mit der S-Bahn gut zu erreichen. Mein Versuch, mich einer Führung anzuschließen, scheiterte leider am Gedenkstättenpersonal. So machte ich mich alleine auf den Weg.

KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen 2000, ehemaliger Appellplatz im ehemaligen Häftlingslager

KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen 2000, ehemaliger Appellplatz im ehemaligen Häftlingslager

Das 1936 errichtete KZ konnte sich anders als Buchenwald nicht selbst befreien, vielmehr schickte die SS vor Herannahen der Roten Armee im April 1945 den Großteil der Häftlinge auf sogenannte „Todesmärsche“, bei denen weitere Tausende starben. Am 22. April 1961 wurde die Gedenkstätte als „Nationale Mahn- und Gedenkstätte“ der DDR eröffnet. Der ehemalige Appellplatz wurde durch eine Mauer aus kreuzförmigen Betonelementen abgegrenzt, die die Gebäudeumrisse der Baracken enthält.

KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen 2000, ehemaliges Häftlingslager mit symbolischer Kennzeichnung eines Barackenstandortes

KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen 2000, ehemaliges Häftlingslager mit symbolischer Kennzeichnung eines Barackenstandortes

Im Gegensatz zur Gedenkstätte Buchenwald wurde das Gelände der Gedenkstätte in eine Parklandschaft verwandelt, die zum Spazieren gehen einlädt. Die Standorte der ehemaligen Baracken werden durch Steinquader markiert, die – ich weiß nicht, ob ich es pietätlos finden soll – Jugendliche aus Schulklassen zum Sitzen und Verweilen einluden. Das zentrale Mahnmal, die Plastik „Befreiung“, stammt von René Graetz.

KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen 2000, Plastik "Befreiung" von René Graetz am zentralen Mahnmal

KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen 2000, Plastik „Befreiung“ von René Graetz am zentralen Mahnmal

Die Umgestaltung zur „Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen“ war zum Zeitpunkt meines Besuchs 2000 noch nicht abgeschlossen, auch waren verschiedene Teile der Gedenkstätte baufällig. An mehreren Stellen wurde der Besucher vor dem Betreten gewarnt. Die Sanierungsarbeiten wurden erst zu den Feierlichkeiten anlässlich des 60. Jahrestages der Befreiung 2005 weitgehend abgeschlossen.

KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen 2000

KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen 2000

Die Fotos in Buchenwald 1998 und 2000 stammen von Jörg Hoffmann, Duisburg, der mir dankenswerterweise die Nutzung erlaubte. Bei allen Fotos in diesem Beitrag handelt es sich nicht um Digitalfotos, sondern um Papierabzüge von klassischen Negativstreifen, die ich am 20. Juli dieses Jahres scannte. – Ein Ergebnis meines Besuchs der Gedenkstätte Buchenwald 1998 war die Motivation für meine Diplom-Arbeit „Historisches Lernen in Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus“, mit der ich im Juli 1999 mein Pädagogik-Studium erfolgreich abschloss.

*Anmerkung (dank eines Hinweises von Rolf): Dieser Satz zeigt, wie leicht man sich in seiner Erinnerung täuschen kann. Ich habe zwar damals vom ehemaligen Appellplatz des Lagers ins Tal hinuntergeschaut, aber mit Sicherheit nicht nach Weimar, das in der entgegengesetzten Himmelsrichtung liegt. Dennoch bleibt die Frage, wie viel man in Weimar vom Lager gewusst haben konnte, wenn man wortwörtlich oder auch im übertragenen Sinn nicht die Augen verschloss.