Archiv der Kategorie: Gedenkstätten

Widerstand und Verfolgung in Amsterdam 1940-1945

Anne-Frank-Haus, Prinsengracht 263.

Die siebte Gedenkstättenfahrt der DGB-Jugend MEO (Mühlheim, Essen, Oberhausen) und der VVN-BdA Essen führte uns in unser Nachbarland, die Niederlande. Kannte ich als Erinnerungsort in Amsterdam bislang nur das Anne-Frank-Haus, lernte ich am Wochenende vom 04. bis 06.10.2019 noch die Hollandsche Schouwburg und das Verzetsmuseum Amsterdam, zu Deutsch Widerstandsmuseum Amsterdam, kennen. Arthur Graaf, Vorsitzender des niederländischen Pendants zur VVN-BdA führte uns an zwei Tagen durch das gegenwärtige Amsterdam.

Die Niederlande hatten gehofft, wie im Ersten Weltkrieg während des Krieges zwischen Deutschland auf der einen Seite sowie Frankreich und Großbritannien auf der anderen Seite neutral bleiben zu können. Doch anders als im Ersten Weltkrieg musste Deutschland aufgrund des Hitler-Stalin-Paktes keinen Zweifrontenkrieg führen. So konnte die Deutsche Wehrmacht den Krieg im Westen rasch für sich entscheiden. Die Zerstörung Rotterdams durch die Deutsche Luftwaffe, nach der Bombardierung Warschaus 1939 der zweite Terrorangriff gegen die Zivilbevölkerung einer Großstadt, forcierte die schnelle Kapitulation der Niederlande. Königin und Regierung flohen nach Großbritannien und lieferten Land und Leute schutzlos aus. Innerhalb kurzer Zeit beherrschte das unbesiegbar scheinende Nazi-Deutschland einen europäischen Kontinentalblock, der vom Nordkap bis Sizilien, von der Bretagne bis zur sowjetischen Grenze reichte.

Denkmal für Anne Frank an der Ecke Prinsengracht/Westermarkt.

Die Niederlande gehörten in den Vorstellungen der Nazis zu ihrem „großgermanischen Reich“. Nach einer Anfangs „freundlichen“ Besatzungspolitik begannen die neuen Machthaber unter dem „Reichskommissar“ Seyss-Inquart basierend auf ihrer pseudowissenschaftlichen „Rassenlehre“ einen Teil der niederländischen Bevölkerung als „jüdisch“ zu definieren. Als Grundlage diente die Religion der Eltern- und Großelterngeneration. Der Definition folgten Ausgrenzung, Deportation und Völkermord in den Konzentrations- und Vernichtungslagern im deutsch besetzten Osten.

Arthur Graaf, Vorsitzender des niederländischen Pendants zur VVN-BdA, zeigte uns verschiedene Orte während der Stadtführung.

Opfer dieser rassenideologischen Politik wurden auch zuvor aus Deutschland geflüchtete Juden, wie die Familie Frank. Sie waren bereits 1933/34 vor den Nazis aus Deutschland geflohen und versteckten sich ab dem 6. Juli 1942 im durch Annes Tagebuch weltberühmt gewordenen Hinterhaus in der Prinsengracht 263. Sie wurden verraten und am 4. August 1944 verhaftet und deportiert. Anne und ihre Schwester Margot starben elendig Ende Februar/Anfang März im Konzentrationslager Bergen-Belsen; von den acht Untergetauchten überlebte nur Annes Vater, Otto Frank. Er entdeckte nach der Rückkehr nach Amsterdam Annes Tagebuch, in denen Anne die Ereignisse im Hinterhaus festgehalten hatte und ließ es veröffentlichen.

Eingangsbereich ins Anne-Frank-Haus 2019.

Das Anne-Frank-Haus in der Prinsengracht 263 ist heute ein Ort, der die Erinnerung an die Ereignisse wachhält. Leider ist der Zugang in der Gegenwart deutlich erschwert. Einzelpersonen benötigen ein Ticket, das zuvor zu bestimmten Zeiten im Internet gebucht werden muss. Die maximale Teilnehmerzahl bei Besuchergruppen beträgt 35, sodass aus unserer Gruppe nicht alle an der Gruppenführung teilnehmen konnten. Da ich das Anne-Frank-Haus bereits vor Jahrzehnten insgesamt zweimal besucht hatte, verzichtete ich auf einen erneuten Besuch. Die Räumlichkeiten des Hinterhauses, in dem sich die Untergetauchten tagsüber ruhig verhalten mussten, sind mir noch in Erinnerung, wie die in Annes Zimmer an der Wand befindlichen Fotos von Filmstars von denen die Jugendliche schwärmte.

Hollandsche Schouwburg, das frühere Theater ist heute eine Gedenkstätte.

Für mich neu war die Hollandsche Schouwburg in der Plantage Middenlaan 24. Ursprünglich handelte es sich um ein Theater für die breite Bevölkerung, während der Deutschen Besetzung wurde es für kurze Zeit zu einem Jüdischen Theater und schließlich für rund 18 Monate zu einem Sammelplatz für die zur Deportation bestimmte jüdische Bevölkerung. Diese mussten wenige Tage bis Wochen hier unter unmöglichen Bedingungen ausharren. Heute handelt es sich um eine Gedenkstätte für die über 100.000 ermordeten Juden der Niederlande, in denen an die Namen der ermordeten Familien erinnert wird.

Umgestalteter Innenbereich der Gedenkstätte Hollandsche Schouwburg.

Nur die Vorderfront des Gebäudes wurde erhalten, der Innenraum wurde komplett umgestaltet. (Ein ähnliches Sammellager war in Gelsenkirchen die Ausstellungshalle auf dem Wildenbruchplatz, anders als in Amsterdam erinnert heute am Tatort in Gelsenkirchen außer einem Stolperstein für Helene Lewek nichts mehr an die Ereignisse.)

Unsere Besuchergruppe am Denkmal zur Erinnerung an den Februarstreik 1941.

Bemerkenswert in der Geschichte des Widerstandes ist der Februarstreik 1941, der einzige Streik einer Bevölkerung im besetzten Europa, der sich gegen die beginnende Verhaftung und Deportation des jüdischen Bevölkerungsteils richtete. Arthur Graaf, Sohn eines der Streikenden und Vorsitzender des niederländischen Pendants zur VVN-BdA, schilderte am Denkmal zur Erinnerung an den Februarstreik die Hintergründe und den Ablauf. DGB-Jugend MEO und VVN-BdA Essen legten einen Kranz nieder und gedachten mit einer Schweigeminute der mutigen Arbeiter.

Blick in die Ausstellung des Widerstandsmuseum Amsterdam.

Mit dem Besuch des Verzetsmuseum Amsterdam (Widerstandsmuseum Amsterdam) schlossen wir unsere Gedenkstättenfahrt nach Amsterdam ab. Das von Widerstandskämpfern eingerichtete Museum zeigt in seiner Ausstellung die Gesellschaft der Niederlande ab den 1930er Jahren, in der Anpassung, Kollaboration und Widerstand stattfand und wie sich die Niederlande in der Zeit entwickelte. In einem einführenden Film wurden die verschiedenen Handlungsmöglichkeiten an konkreten Beispielen historischer Persönlichkeiten gezeigt, die sich auch in der Ausstellung wiederfinden. In der Ausstellung dargestellt sind beispielsweise die stark voneinander getrennten Gesellschaftsgruppen (Sozialisten, Liberale, Katholiken, Reformierte), die sich später im Widerstand zusammenfanden.

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Antikriegstag in Stukenbrock 2019

Mahn- und Gedenkveranstaltung zum Antikriegstag in Stukenbrock 2019.

Seit 1967 wird in Stukenbrock auf dem Sowjetischen Soldatenfriedhof durch den Arbeitskreis „Blumen für Stukenbrock“ den hier bestatteten sowjetischen Kriegsgefangenen gedacht. Die Überlebenden, die nicht von den Nazis durch Hunger und Arbeit ermordet worden waren, hatten unmittelbar nach der Befreiung einen Obelisken errichtet, der in kastrierter Form noch heute steht. Hier fand am 7. September 2019 die jährliche Mahn- und Gedenkveranstaltung zum Antikriegstag statt.

Mit einer kleinen Gruppe Gelsenkirchener VVN-BdA-Mitgliedern fuhren wir an diesem Sonnabend nach Schloß Holte-Stukenbrock. Ein betagtes Gründungsmitglied des Arbeitskreises „Blumen für Stukenbrock“, das seit 1967 dabei ist, führte uns über den Friedhof und berichtete von der Situation der Gefangenen im Lager, von der Gestaltung des Friedhofgeländes und deren Umgestaltung im Laufe der Zeit sowie vom unwürdigen Umgang mit der Erinnerung.

Gut besuchte Mahn- und Gedenkveranstaltung zum Antikriegstag in Stukenbrock 2019.

Mit etwa 400-500 Besuchern war die Gedenkveranstaltung gut besucht. Eine persönlich gehaltene Ansprache hielt der Schauspieler Rolf Becker, mir besonders in Erinnerung geblieben ist der Chor des Antifa-Workcamps, der eine bemerkenswerte Performance von Wolfgang Borcherts „Sag Nein“ vorlegte und zum Schluss mit uns gemeinsam das italienische Partisanenlied „Bella Ciao“ sang. Sehr kämpferisch war auch der Redebeitrag aus dem Workcamp. Die Mahn- und Gedenkveranstaltung erinnerte nicht nur an die Geschichte, sondern warnte vor ihrem Hintergrund vor den aktuellen Entwicklungen in der Gegenwart.

Antifa-Jugendcamp singt auf der Mahn- und Gedenkveranstaltung zum Antikriegstag 2019 in Stukenbrock.

80 Jahre ist es her, seit Nazi-Deutschland am 1. September 1939 mit dem Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg entfesselte. Es folgte am 22. Juni 1941 mit dem Überfall auf die Sowjetunion ein beispielloser Vernichtungskrieg gegen die Bevölkerung. 27 Millionen Menschen der Sowjetunion verloren dabei ihr Leben, darunter 14 Millionen Zivilisten. Von den 5,7 Millionen Soldaten der Sowjetunion starben in deutscher Kriegsgefangenschaft 3,3 Millionen, nach den ermordeten Juden die zweitgrößte Gruppe. Ihr Tod war geplant und wurde durch Hunger, Vernichtung durch Arbeit und Terror systematisch organisiert. Zu ihnen gehören auch die 65.000 ermordeten sowjetischen Kriegsgefangenen in Stukenbrock.

Das Gefangenenlager der Wehrmacht mit der Bezeichnung STALAG 326 VI/K wurde bereits unmittelbar nach dem Überfall auf die Sowjetunion 1941 mit Kriegsgefangenen belegt. Die Genfer Konvention über die Behandlung von Kriegsgefangenen fand nach dem Willen der Nazis keine Anwendung. Die ersten 7.000 mussten auf einem eingezäunten Gelände in selbsterrichteten Erdhöhlen unter freiem Himmel hausen. Erschöpfung und Unterernährung führten dazu, dass Tausende bereits in den ersten Wochen starben. Die Lebenden wurden zu Zwangsarbeit in der Umgebung und der Industrie des Ruhrgebietes gepresst. Zwischen 1941 und 1945 gingen etwa 300.000 sowjetische Kriegsgefangene durch das Lager. Zum Zeitpunkt der Befreiung befanden sich etwa 10.000 Gefangene im Lager, darunter 1.400 Schwerkranke.

Einer der erhaltenen Gedenksteine auf dem Sowjetischen Soldatenfriedhof Stukenbrock.

Bereits kurz nach ihrer Befreiung am 2. April 1945 durch die US-Army gestalteten die Überlebenden den Friedhof mit Gedenksteinen für die 36 Massengräber und errichteten einen 10 Meter hohen Obelisken. Doch schon in den 1950er und 1960er Jahren – Kalter Krieg und Antikommunismus herrschten – wurde der Obelisk kastriert und der Friedhof zu einer Parklandschaft umgestaltet. Die überlebenden sowjetischen Kriegsgefangenen hatten eine Glasplastik in Form einer roten Fahne mit Hammer und Sichel, der Fahne der Sowjetunion, an seiner Spitze angebracht. Diese wurde durch ein orthodoxes Kreuz ersetzt. 2004 schien es, als könnte die ursprüngliche Gestaltung wiederhergestellt werden, doch einen Regierungswechsel später kippte die neue Landesregierung den Beschluss wieder. Die rote Fahne als Symbol für die hier ermordeten Soldaten der Sowjetunion bleibt weiterhin ein Tabu.

Gedenkveranstaltung am 2. Mai 1945 anlässlich der Fertigstellung des Denkmals.

Mit Informationen des Arbeitskreises Blumen für Stukenbrock e.V.

Literaturhinweis
Seichter, Carsten: Nach der Befreiung. Die Nachkriegs- und Rezeptionsgeschichte des Kriegsgefangenenlagers Stukenbrock. Köln 2006 = Hochschulschriften 66.
Die Magisterarbeit untersucht den Umgang mit der Geschichte des Lagers seit 1945.

Am Jahrestag der Befreiung in Buchenwald

Gedenkstätte Buchenwald 2019: Blick aus dem ehemaligen Häftlingslager zum Torgebäude.

25 ehemalige Häftlinge des KZ Buchenwald aus 19 Ländern, darunter aus Frankreich, Israel, Polen, der Ukraine und Weißrussland, waren zum 74. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers auf den Ettersberg bei Weimar gekommen. Bei authentischem „Buchenwald-Wetter“, es war nasskalt, Nebel und Schneegriesel herrschte im ehemaligen Lager, erinnerten sie gemeinsam mit Nachkommen und weiteren Antifaschistinnen und Antifaschisten an die Ermordeten und Überlebenden des Nazi-Terrors.

Mit der inzwischen sechsten Gedenkstättenfahrt setzten die DGB-Jugend MEO (Mühlheim Essen Oberhausen) und die VVN-BdA Essen die Tradition der gemeinsamen Fahrten zu Orten des Nazi-Terrors fort. Nach Esterwegen (2014), Buchenwald (2016), Neuengamme (2017), Dachau und Sachsenhausen (2018) ging die Fahrt am 13./14. April 2019 erneut in die Gedenkstätte Buchenwald. Die Fahrt, die für Jugendliche bis 27 Jahre kostenfrei ist, war wie auch bei den zurückliegenden Fahrten gut besucht.

Anlass für die gemeinsame Reise war die Baumpflanzung in Weimar zum Gedenken an 520 jüdische Frauen, die in einem Außenlager des KZ Buchenwald in der Essener Humboldstraße für Krupp Zwangsarbeit leisten mussten. Durch die Gedenkstätte führten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit Gerd Hoffmann (den einige schon vom Besuch der Gedenkstätte Sachsenhausen kannten) und Reinhold Loch zwei Mitglieder der VVN-BdA aus Frankfurt/Oder bzw. Essen. Den Abschluss fand das Wochenende mit der Teilnahme an der Befreiungsfeier im 74. Jahr nach der Selbstbefreiung am 11. April 1945.

Wer die Thüringische Stadt Weimar besucht, kommt an Goethe und Schiller nicht vorbei. Goethes Wohnhaus, das Schillerhaus, Straßennamen, Hinweisschilder, Gedenktafeln und das Denkmal auf dem Theaterplatz vor dem Deutschen Nationaltheater erinnern an die Zeit der Weimarer bzw. Deutschen Klassik. Als Leitideen der Weimarer Klassik nennt Meyers Taschenlexikon aus dem Jahre 1985 „Harmonie und Humanität“. Nach dem Tagungsort der Nationalversammlung wurde auch die 1919 gegründete erste deutsche Republik „Weimarer Republik“ benannt. Ganz im Gegensatz zu diesen Traditionen steht die Nazi-Barbarei, die gleichwohl Goethe und Schiller vereinnahmte.

Eines der vielen Ausstellungsstücke in der Dauerausstellung der Gedenkstätte: ein Werbeprospekt für das „Gauforum“.

Spuren aus der Nazi-Zeit findet man auch heute noch in Weimar. So beherrscht den heutigen Weimarplatz das „Gauforum“, ein gigantisches Gebäudeensemble in faschistischer Ästhetik, welches die zentrale Gau-Verwaltung der NSDAP aufnahm. In den bestehenden und denkmalgeschützten Gebäuden ist heute das Thüringer Landesverwaltungsamt untergebracht, in der ehemaligen zum Gebäudeensemble gehörenden „Halle der Volksgemeinschaft“ befindet sich ein Einkaufszentrum.

Auf dem nahen Ettersberg, früher ein Naherholungsgebiet, befinden sich die baulichen Überreste des einstigen Konzentrationslagers Buchenwald. Das zu den größten nationalsozialistischen Konzentrationslagern gehörende KZ bestand von 1937 bis 1945. Weit über 250.000 Häftlinge befanden sich im System dieses Lagers einschließlich seiner Außenlager, zu denen auch Außenlager in Essen, Gelsenkirchen und anderen Ruhrgebietsstädten gehörten. Im Gegensatz zu den Vernichtungsorten im Osten, in denen der industrielle Massenmord stattfand, galt hier das Nazi-Prinzip der „Vernichtung durch Arbeit“. Etwa 56.000 Menschen fanden im KZ Buchenwald und seinen Außenlagern den Tod.

Der Schriftzug „Jedem das Seine“ zeigt den Zynismus der Nazis.

Das berühmte Lagertor mit der Inschrift „Jedem das Seine“ zeigt den Zynismus der Nazis, die einen Satz aus dem alten Rom, der für Gerechtigkeit für Jeden stand, im Sinne ihrer rassistischen und menschenfeindlichen Ideologie umdeuteten. Die Schrift war bei geschlossenem Tor für die Häftlinge zu lesen.

Zugleich ist Buchenwald das einzige Konzentrationslager, das sich selbst befreien konnte. Es war den politischen Häftlingen aus den verschiedenen europäischen Ländern gelungen, eine internationale Widerstandsorganisation zu bilden. In den letzten Apriltagen widersetzten sie sich zunehmend den Anweisungen der SS, organisierten Waffen und planten den Widerstand. Sie wussten, dass die SS sie bei einer sogenannten „Evakuierung“ des Lagers ermorden würde. Angesichts der herannahenden US-Armee gelang ihnen die Übernahme des Lagers und somit die Rettung zahlreicher Leben. Im Lager befanden sich zu diesem Zeitpunkt noch rund 21.000 Häftlinge, darunter 904 Kinder und Jugendliche. Als die US-Army eintraf, fand sie das befreite Lager vor.

Baumpflanzung auf dem Gelände des ehemaligen Gustloff-Werk I in Weimar zum Gedenken an Essener Zwangsarbeiterinnen.

In Weimar wie in Buchenwald waren die Häftlinge in der Rüstungsindustrie eingesetzt worden. In der Nähe des KZs war das Gustloff-Werk II errichtet worden, dass bei einem Luftangriff zerstört wurde. Ebenso erging es dem Gustloff-Werk I in Weimar. Auf dem ehemaligen Werksgelände in Weimar wurden im Rahmen des Projektes „1000 Buchen“ des Lebenshilfewerkes Weimar/Apolda am Samstag, den 13. April 2019 mehrere Bäume zum Gedenken an Opfer der Nazi-Barbarei gepflanzt. Einer von ihnen wurde zum Gedenken an 520 jüdische Frauen, die im Außenlager in der Essener Humboldstraße untergebracht waren und bei Krupp Zwangsarbeit leisten mussten, gepflanzt. Die Patenschaft (d.h. die Finanzierung) übernahm die DGB-Jugend, da sich Krupp trotz verschiedener Anfragen bis zuletzt nicht dazu bereit erklärt hatte.

Denise Bäcker sprach für die DGB-Jugend MEO, erinnerte an die Ausbeutung und Leiden der Häftlingen und sagte unter anderem: „Heute erinnern wir an die 522 weiblichen Häftlinge und pflanzen als DGB-Jugend Region MEO diesen Baum mit der dazugehörigen Gedenktafel. Uns ist es ein großes Anliegen, immer wieder der vielen Opfer der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft zu gedenken und die Erinnerung wach zu halten. Gerade in Zeiten, in denen sich alte und neue Nazis sich wieder verstärkt zu Wort melden, ist es wichtig, das kritische Bewusstsein gegen heutige Alt- und Neunnazis zu Stärken. Nichts ist schlimmer als das Vergessen. Wir wollen immer wieder aufzeigen, dass es nie wieder Faschismus geben darf und es wichtig ist, sich für Frieden, Freiheit und Demokratie einzusetzen.“

 

DGB-Jugend MEO auf der Titelseite der Thüringischen Landeszeitung vom 15.04.2019.

Am darauffolgenden 14. April 2019 besuchten wir den 2016 für Theo Gaudig gepflanzten Baum. Margret Rest von der VVN-BdA Essen erinnerte an seinen Lebensweg, der den 1904 in Essen als Sohn eines Krupp-Arbeiters geborenen über Rumänien in das KZ Buchenwald führte. Nach der Selbstbefreiung des Lagers erfuhr er, dass sein Vater Otto noch am 13. April 1945 in der Wenzelnbergschlucht bei Solingen ermordet worden war. Doch erwartete ihn in Essen auch seine Braut Maria, die 17 Jahre auf ihn gewartet hatte. Theo Gaudig engagierte sich sehr für die Ausstellung „Widerstand und Verfolgung in Essen 1933-1945“ in der 1980 eröffneten Alten Synagoge Essen und war ein unermüdlicher Zeitzeuge und lebensfroher Mensch.

Nach der Selbstbefreiung des 11. April 1945 organisierten die Überlebenden am 19. April 1945, noch tobte der Zweite Weltkrieg in Europa und Asien, eine große Gedenkveranstaltung auf dem Appellplatz des Lagers. Berühmt geworden ist der „Schwur von Buchenwald“, in dem die Überlebenden schworen: „Wir stellen den Kampf erst ein, wenn auch der letzte Schuldige vor den Richtern der Völker steht. Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.“ Bei der diesjährigen Gedenkfeier zum 74. Jahrestag der Befreiung wurde der „Schwur von Buchenwald“ von fünf ehemaligen Gefangenen in fünf verschiedenen Sprachen vorgetragen.

Gedenkstätte Buchenwald 2019: Gedenkfeier bei authentischem „Buchenwald-Wetter“.

Zuvor sprachen Volkhard Knigge, Direktor der Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Alojzy Maciak, Vizepräsident für Polen des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora und Kommandos (IKBD) sowie Dominique Durand, Präsident des IKBD. Den Reden gemeinsam war die Sorge um den zunehmenden Rechtsruck in Europa. Sie riefen die Jugend dazu auf, sich für Demokratie und Menschenrechte einzusetzen.

Neben dem offiziellen Programm gab es die Gelegenheit, die 2016 neu eröffnete Dauerausstellung der Gedenkstätte in der ehemaligen Effektenkammer und die Kunstausstellung in der ehemaligen Desinfektion zu besuchen. Die neue Ausstellung ist nach einer modernen Konzeption gestaltet. Neben erklärenden Texten und Fotos gibt es zahlreiche originale Ausstellungsstücke, Tondokumente und visuelle Darstellungen. In der Kunstausstellung sind Werke von Künstlern, die als Häftlinge im KZ eingesperrt waren, aus der Konzentrationslagerzeit und danach ausgestellt, die mit teilweise sehr einfachen gestalterischen Mitteln das unbeschreibliche Lagerleben zeigen.

Eines der vielen Exponate der Kunstausstellung: Blick vom Kleinen Lager ins große Lager.

Eine weitere gemeinsame Gedenkstättenfahrt von DGB-Jugend MEO und VVN-BdA Essen ist bereits in Planung. Im Oktober wird es für drei Tage nach Amsterdam gehen.

Ergänzte Fassung

Widerstand und Verfolgung, Geschichte und Gegenwart – Eindrücke in Berlin 2018

Berlin 2018: Fernsehturm am Alexanderplatz. Am Alexanderplatz begann die große „unteilbar“-Demonstration, mit 240.000 Demonstranten eine der größten jüngeren Demonstrationen.

Zum (ich musste hier nachschauen) inzwischen fünften Mal fuhren die DGB-Jugend aus Mühlheim, Essen und Oberhausen und die Essener VVN-BdA gemeinsam zu einem Ort des Nazi-Terrors. Das ehemalige KZ Sachsenhausen nördlich von Berlin gelegen war eines der Ziele der Fahrt nach Berlin am vergangenen Wochenende. Auf dem Programm standen noch eine Führung durch die Gedenkstätte Deutscher Widerstand mit einem Gespräch mit Hans Coppi jr. Nicht geplant aber spontan beschlossen war unsere Teilnahme an der überwältigenden Demonstration „#unteilbar“ die sich vom Alexanderplatz zur Siegessäule hinzog.

Bemerkenswert war wie schon bei den früheren Gedenkstättenfahrten das Interesse der Jugendlichen und jungen Erwachsenen, mehrere besuchten zum ersten Mal eine Gedenkstätte.

In der Gedenkstätte Deutscher Widerstand.

Gedenkstätte (und Museum) Sachsenhausen liegt nördlich von Berlin in der Kreisstadt Oranienburg. Die Gedenkstätte erinnert im wesentlichen an das Konzentrationslager Sachsenhausen, welches die Nazis im Juli 1936 von den Häftlingen errichten ließen. In den 68 Baracken und zahllosen Außenlagern wurden im Verlauf des Krieges 200.000 Häftlinge aus 47 Nationen eingepfercht. Zehntausende starben von der SS gewollt durch Hunger, Krankheiten, Misshandlungen und Zwangsarbeit. 1941 wurden 18.000 sowjetische Kriegsgefangene in der Genickschussanlage systematisch im Vier-Minutentakt ermordet.

Eingang zur Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen, früher Eingang in das Konzentrationslager, mit dem zynischen Schriftzug „Arbeit macht frei“.

Neben dem Häftlingslager, welches heute Gedenkstätte und Museum bildet, errichtete die SS hier die zentrale Inspektion der Konzentrationslager, der alle KZs unterstanden. Sachsenhausen war zudem Ausbildungsstätte für die SS-Totenkopfverbände, den Wachmannschaften der KZs. Für die wirtschaftliche Ausbeutung der Häftlinge wurden SS-eigene Betriebe errichtet. Neben dem eigentlichen KZ entstand so ein gigantischer SS-Komplex.

Gerd Hoffmann erläutert den jungen Gewerkschaftern am Modell den Aufbau und die gigantischen Ausmaße des SS-Komplexes.

Durch die Gedenkstätte führten uns in zwei Gruppen die beiden VVN-BdA-Mitglieder Dorit und Gerd Hoffmann aus Frankfurt/Oder. Sie zeigten uns die baulichen Überreste und schilderten den Alltag der Häftlinge und die Brutalität der SS-Männer. In Erinnerung geblieben ist mir die „Schuhprüfstrecke“, auf der Häftlinge bis zur völligen Erschöpfung Schuhmaterial für die Wehrmacht und später auch für die private Firma Salamander erproben mussten.

Blick in die zentrale Dauerausstellung.

In der ehemaligen Häftlingsküche ist die Dauerausstellung zur Geschichte des Lagers untergebracht. Wichtige Stationen sind die Errichtung des KZ 1936, die Masseneinlieferungen deutscher (nach Nazi-Kriterien) jüdischer Männer nach dem Novemberpogrom 1938 in das „Kleine Lager“, die Veränderungen mit Beginn des Zweiten Weltkrieges 1939 und der erste Hungerwinter, der Massenmord an sowjetischen Kriegsgefangenen 1941 und der Ausbau des Systems der Außenlager ab 1942/43, sowie schließlich das Kriegsende mit Todesmärschen zur „Evakuierung“ der Konzentrationslager und Befreiung.

Während der Kranzniederlegung für die im KZ ermordeten Gewerkschafter.

Im Komandanturbereich der SS – vor dem Einganz zum Häftlingslager – befinden sich heute verschiedene Gedenksteine. Am Denkmal für die ermordeten Gewerkschafter legten wir einen Kranz nieder. In seiner kurzen Ansprache verband Jan Mrosek, DGB-Jugendsekretär, die Vergangenheit mit der Gegenwart und erinnerte daran, dass die Nazis uns alle als aktive Gewerkschaftler in das KZ eingesperrt hätten. Einen weiteren Bezug zur Gegenwart stellten Dorit und Gerd Hoffmann her, als sie berichteten, dass in den 1990er Jahren Neonazis versucht hätten, zwei mit Originalteilen rekonstruierten Baracken des „Kleinen Lagers“, durch Brandschatzung zu vernichten. In den Baracken wird an Verfolgung und Ermordung jüdischer Menschen erinnert, was den antisemitischen Neonazis offenbar nicht gefiel.

Gedenkstätte Sachsenhausen 2018.

Verändert hatte sich die Gedenkstätte seit meinem Besuch im Jahr 2000 an zwei auffallenden Stellen. Der „Ringwall“, der die erste Reihe der Baracken symbolisierte und den ehemaligen Appellplatz vom Lager trennte, war bereits damals baufällig gewesen und wurde in der Zwischenzeit abgerissen. Nun öffnet sich für den Besucher die große Fläche des Lagers. Auch die damals von mir so empfundene Parklandschaft hatte sich verändert, da nun die mit Schotter gefüllten Grundrisse der Baracken einen Teil der Rasenfläche einnahmen.

Gedenkort Station Z vor den baulichen Überresten der Gaskammer und der Krematorien.

Im Gegensatz zu 2000 konnten wir die sogenannte „Station Z“ besuchen, die Gaskammer und das Krematorium des Konzentrationslagers. Hier zeigte sich noch einmal der Zynismus der SS, die den Eingang ins Lager mit „Tor A“ bezeichnete, und das von ihnen für alle Häftlinge gewünschte Ende mit „Station Z“, dem letzten Buchstaben des Alphabets.

Spontan nahmen wir nach dem Besuch der Gedenkstätte an der Demonstration „#unteilbar“ für eine offene und freie Gesellschaft teil und stellten einmal mehr eine Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart her.

Am folgenden Tag besuchten wir die Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Ursprünglich als „Gedenkstätte 20. Juli“ gegründet, zeigt sie heute beispielhaft die ganze Breite des Widerstandes gegen den Faschismus. Hans Coppi jr führte uns durch die Ausstellung und stand am Ende für Fragen zur Verfügung.

Hans Coppi jr. erläutert die Ausstellung in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand.

Natürlich interessierte uns im Besonderen sein persönlicher Lebensweg. Hans Coppi jr. wurde im Polizeigefängnis geboren und wuchs bei seinen Großeltern auf, da seine Eltern, Hilde und Hans Coppi, als Widerstandskämpfer der von den Nazis als „Rote Kapelle“ bezeichneten Widerstandsgruppe ermordet worden waren. Hans antwortete auf unsere Fragen und berichtete auch über seinen Lebensweg und wie er dazu kam, sich nach Jahrzehnten mit der Roten Kapelle zu beschäftigen.

Ausstellungsdetail zu Hilde und Hans Coppi, den Eltern von Hans Coppi jr.

Fazit: Besuche von ehemaligen Konzentrationslagern sind und bleiben wichtig. Sie erinnern uns, wohin Faschismus führen kann. Sie motivieren uns, heute besonders wachsam zu sein gegenüber Rassismus, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus. Niemals darf sich Ähnliches wiederholen.

Gedenkstättenfahrt nach München und Dachau

KZ-Gedenkstätte Dachau 2018: geöffnetes Lagertor, inzwischen auch Eingang zur Gedenkstätte.

Zum inzwischen vierten Mal unternahmen die DGB-Jugend MEO (Mülheim Essen Oberhausen) und die VVN-BdA Essen eine gemeinsame Gedenkstättenfahrt zu einem Ort des Nazi-Terrors. Nach Esterwegen (2014), Buchenwald (2016) und Neuengamme (2017), im Norden und Osten Deutschlands gelegen, ging die Fahrt dieses Mal nach Süddeutschland. München, die von den Nazis so bezeichnete „Hauptstadt der Bewegung“ und die KZ-Gedenkstätte Dachau waren das Ziel der dreitägigen Reise vom 11. bis 13. Mai 2018. Auch über 70 Jahre nach dem Ende der Nazi-Herrschaft zeigen sich zahlreiche junge Erwachsene an einer Zeit interessiert, die andere in unserem Land nur allzu gerne vergessen lassen möchten und sich eine „erinnerungspolitische Wende“ wünschen. Wie auch in meinen anderen Beiträgen besteht mein Interesse vorrangig in Geschichte und Gestaltung der Gedenkstätte.

Die Fahrt begann wieder mit einem Vorbereitungstreffen im Jugendkeller des DGB-Hauses in der Essener Teichstraße, bei dem organisatorische und inhaltliche Fragen besprochen wurden. In diesem Jahr las mit Helmut Weinand ein Neffe des inzwischen verstorbenen Robert Weinand aus dessen Erinnerungen, die 1987 unter dem Titel „Stationen eines Lebens“ erschienen waren. Weinand, 1903 in Essen als einer von zehn Kindern in einer „Kruppianer-Familie“ geboren, nahm ab 1936 am Spanischen Bürgerkrieg auf der Seite der Spanischen Republik teil und wurde nach deren Niederlage vom faschistischen Spanien an die Gestapo ausgeliefert.

Nach dem Aufenthalt in vier Gefängnissen war er von 1942 bis 1945 im KZ Dachau eingesperrt. Aus seinen Erinnerungen erfuhren wir unter anderem von dem Prügelritual der SS während der Einlieferung ins KZ, von den sadistischen Strafen im Lager und von der Angst der Eingesperrten, kurz vor Kriegsende 1945 noch von der SS ermordet zu werden.

Dachau war das erste staatliche Konzentrationslager der Nazis und beendete die Phase der sogenannten „wilden KZs“, Folterkeller in denen ab 1933 politische Gegner geprügelt, gedemütigt und gemordet wurden. Es wurde am 22. März 1933 in einer stillgelegten Munitionsfabrik aus dem Ersten Weltkrieg errichtet und dessen Leitung am 11. April der SS übergeben. Dachau wurde zum Modell für alle Konzentrationslager und 1937/38 wesentlich erweitert. Die Führung durch unsere beiden Guides („Führer“ wäre wohl unpassend) begann auf dem Gelände des ursprünglichen Lagers. Von dort gelangten wir zum Eingang des 1937/38 neu errichteten Lagers mit dem Lagertor und der bekannten Inschrift „Arbeit macht frei“.

Blick in das ehemalige SS-Lager, es ist nicht Teil der Gedenkstätte, sondern wird von der Bayerischen Bereitschaftspolizei genutzt.

Neben dem eigentlichen Häftlingslager, das heute im wesentlichen die KZ-Gedenkstätte bildet, lag das Areal der SS, die das Lager bewachte. Seit den 1980er Jahren wird ein Teil des ehemaligen SS-Areals von der bayerischen Bereitschaftspolizei genutzt. Eine in jeder Hinsicht „interessante“ Nachnutzung des Geländes, deren unterschiedliche Formen sich nicht nur in Bayern finden.

Die Gedenkstätte erinnert an die mehr als 200.000 Gefangenen aus über 40 Nationen, die im KZ Dachau und seinen Außenlagern eingesperrt waren, über 40.000 starben an den unmenschlichen Bedingungen und dem Terror der SS, an Hunger, Krankheit, Folter und Mord. Waren es in den ersten Jahren überwiegend politische Gegner der Nazis die in Konzentrationslager eingesperrt wurden, also Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter, kamen im weiteren Verlauf der Nazi-Diktatur weitere Gruppen hinzu, darunter Juden, Homosexuelle, Zeugen Jehovas und mit der Besetzung europäischer Länder durch Nazi-Deutschland auch ausländischer Häftlinge in großer Anzahl. Eine Dachauer Besonderheit war die Konzentration Geistlicher in diesem Lager.

KZ-Gedenkstätte Dachau 2018: Blick in die Hauptausstellung.

Das Gelände, nach der Befreiung am 29. April 1945 zunächst durch die US-Army für die Prozesse gegen die Verbrecher der SS genutzt, war danach – Wohnraum war knapp – ab 1948 zur „Wohnsiedlung Dachau-Ost“ für Flüchtlinge und Vertriebene aus dem Sudetenland geworden, die in den mit Trennwänden umgebauten Baracken unterkamen. Die Errichtung der Gedenkstätte erfolgte erst 1965 auf Druck der Überlebenden aus mehreren europäischen Ländern, die sich 1955 im Comiteé International de Dachau (CID) zusammengeschlossen hatten und ein würdiges Gedenken gefordert hatten. Lediglich der Bereich der Krematorien wurde zu dieser Zeit bereits als Gedenkstätte gepflegt.

KZ-Gedenkstätte Dachau 2018: Blick in den „Schubraum“, in dem heute die entwürdigende Aufnahmeprozedur dokumentiert ist.

Die Gedenkstätte umfasst heute im wesentlichen das ehemalige Häftlingslager. Die Wirtschaftsgebäude sind – aufgrund der Nachnutzung zwischen 1945 und 1965 – unterschiedlich erhalten. Hier ist das Museum, das heißt die neugestaltete Hauptausstellung aus dem Jahre 2003 über die Geschichte des Konzentrationslagers Dachau untergebracht, die die Geschichte des KZs in Verbindung mit der Geschichte der Nazizeit darstellt. Zu den Räumen gehören auch der „Schubraum“, in dem die entwürdigende Aufnahmeprozedur stattfand und das Häftlingsbad. Zu den Ausstellungsstücken gehört der Nachbau eines „Prügelbocks“, auf denen die Häftlinge misshandelt wurden. Hinter den erhaltenen Wirtschaftsgebäuden befindet sich der „Bunker“, ein weiteres Gefängnis im Gefängnis und damit ein weiterer Ort intensiver Quälerei durch die SS-Männer.

KZ-Gedenkstätte Dachau 2018: Blick in den Bunker, rechts und links die Zellentüren.

Vor den Wirtschaftsgebäuden befindet sich das begehbare Internationale Mahnmal. Es wurde von Nandor Glid, einem jugoslawischen Juden, der sich 1944 dem Widerstand angeschlossen hatte, entworfen und 1968 eingeweiht. Es besteht aus mehreren, auf den ersten Blick nicht unbedingt zusammengehörende Teilen. Neben der auffallenden, zentralen Plastik, die KZ-Insassen im Stacheldraht zeigt, gehören eine Mauer, ein Weg, über dessen tiefster Punkt die Plastik steht, die zudem von Betonpfeilern, die an den Lagerzaun erinnern, gesäumt wird, eine Kette mit den verschiedenfarbigen Häftlingswinkel und eine weitere Mauer dazu. Die erste Mauer fordert in mehreren Sprachen dazu auf, dem Vorbild der befreiten Häftlinge zu folgen, die zweite Mauer ermahnt mit einem „Nie wieder“ in verschiedenen Sprachen.

KZ-Gedenkstätte Dachau 2018: Teilansicht des Internationalen Denkmals, die zentrale Plastik zeigt KZ-Insassen im Stacheldraht.

Die originalen Baracken sind nicht erhalten, da sie stark verändert oder baufällig waren. Sie wurden abgerissen und nur die beiden ersten Blöcke rekonstruiert. Heute befindet sich darin eine Ausstellung, die die Aufteilung der Baracken in den verschiedenen Phasen des KZs zeigt, in deren Verlauf immer mehr Menschen im Lager untergebracht wurden. Die weiteren Baracken sind nur als Grundriss und mit der jeweiligen Block-Nummer gekennzeichnet dargestellt. Mauer und Wachtürme wurden wieder instandgesetzt. Für mich bemerkenswert ist die Baumreihe rechts und links der Lagerstraße, die aus der KZ-Zeit stammt und fast einen idyllischen Eindruck hinterlassen könnte – wenn man nicht um die Geschichte des Lagers wüsste.

KZ-Gedenkstätte Dachau 2018: katholische Todesangst-Christi-Kapelle (1960).

Religiöse Erinnerungsorte

Die Lagerstraße führt auf die (katholische) Todesangst-Christi-Kapelle zu, die 1960 im Rahmen des Eucharistischen Weltkongresses eingeweiht wurde. Sie war zugleich auch das erste religiöse Mahnmal, das am Nordende errichtet wurde. Sie wird flankiert von einer jüdischen Gedenkstätte und der evangelischen Versöhnungskirche (beide 1967 eingeweiht). Alle Bauten besitzen eine eigene und bemerkenswerte Architektur, wie auch die Versammlung religiöser Mahnmale auf einem ehemaligen KZ-Gelände einzigartig ist. Verbindet die Todesangst-Christi-Kapelle die Passion Christi mit der Leidenszeit der KZ-Häftlinge, bricht die Architektur der Versöhnungskirche mit der rechtwinkligen Anlage des Konzentrationslagers, erinnert die jüdische Gedenkstätte architektonisch an die Vernichtung der europäischen Juden. Durch den ehemaligen Wachturm auf der Nordseite erreichbar befindet sich seit 1964 ein Sühnekloster der Karmeliterinnen jenseits der Nordmauer. 1995 folgte noch die Einweihung einer russisch-orthodoxen Kapelle. Diese liegt außerhalb des ehemaligen Häftlingslager, vor dem zum damaligen SS-Lager gehörenden Krematorium.

KZ-Gedenkstätte Dachau 2018: Teilansicht der „Baracke X“ (1942/43), dem großen Krematorium.

Neben einem ersten, kleinen Krematorium befindet sich hier die 1942/43 errichtete „Baracke X“, eine Anlage mit vier Verbrennungsöfen und einer funktionsfähigen als „Brausebad“ getarnten Gaskammer. Zu KZ-Zeiten wurde hier die zunehmende Zahl der toten KZ-Häftlinge verbrannt, die Gaskammer jedoch nur für eine Ermordung einer geringen Anzahl von Häftlingen genutzt. Ein Massenmord, wie beispielsweise in den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau, fand hier nicht statt. Seit den 1960er Jahren wurde der Bereich friedhofsähnlich umgestaltet und wirkt heute fast idyllisch mit viel Grün und zwitschernden Vögeln. Die Räume des großen Krematoriums hatten im Jahre 1960, im Jahr der Einweihung der Todesangst-Christi-Kapelle, ein erstes, von den Überlebenden eingerichtetes Museum mit einer Dokumentarausstellung aufgenommen.

KZ-Gedenkstätte Dachau 2018: Zeitzeugengespräch mit Ernst Grube in der evangelischen Versöhnungskirche.

„Erinnerung braucht Wissen!“ (Ernst Grube)

Der Führung durch die Gedenkstätte schloss sich ein Zeitzeugen-Gespräch in der evangelischen Versöhnungskirche an. Der hochbetagte, 85jährige Ernst Grube, Kind einer jüdischen Mutter und einem nichtjüdischen Vater, im Weltbild der Nazis ein sogenannter „Halbjude“, erzählte von seiner Kindheit in München, seiner Unterbringung in einem jüdischen Kinderheim und der Deportation nach Theresienstadt. Er gab sich viel Mühe, den jungen Gewerkschaftern, die um ihn herum saßen, die auch für ihn lange zurückliegende Zeit anschaulich und nachvollziehbar zu schildern. (Es gibt auch einen eigenen Eintrag in der Wikipedia über ihn.)

Am folgenden Tag führte uns Ernst Antoni, Mitglied der Münchener VVN-BdA und Redakteur der „antifa“, der Zeitung der VVN-BdA, durch einen Teil Münchens. Die Stadt hatte von den Nazis den Beinamen „Stadt der Bewegung“ erhalten. Ausgehend vom Königsplatz, den die Nazis als Aufmarschplatz nutzten und an dem in der Gegenwart jedes Jahr an die Bücherverbrennung erinnert wird, führte er uns an ehemalige Bauten der NSDAP vorbei, sowie am NS-Dokumentationszentrum München, am ehemaligen Ort des sogenannten „Braunen Hauses“.

München 2018: Ehemaliger „Führerbau“, nicht zu verwechseln mit dem „Braunen Haus“.

Die Stadtführung blieb nicht in den Jahren 1933 bis 1945 stehen, sondern führte zurück zu den Ursprüngen und zu Unterstützern, zum „Hitler-Putsch“ 1923 und ihrem unrühmlichen Ende in einer Schießerei vor der Feldherrnhalle, und auch zum ehemaligen Standort des Wittelsbacher Palais, einem Hauptquartier der Gestapo und Gestapo-Gefängnis. Heute erinnert nur eine Tafel am modernen Gebäude der Bayern LB sowie ein nahegelegener Platz durch seine Benennung an die Opfer des Nationalsozialismus.

Ernst Antoni und auch unser Zeitzeuge Ernst Grube am Vortag berichteten nicht nur über die Vergangenheit. Beides sind politisch engagierte Menschen, die vor Entwicklungen in der Gegenwart warnen, die den demokratischen Rechtsstaat einschränken. Auch das lässt sich aus der Geschichte der Nazizeit lernen: eine Entwicklung zum Faschismus beginnt nicht erst mit der Machtergreifung, sondern lange vorher.

Auf dem Krematoriumsgelände legten DGB-Jugend und VVN-BdA eine Gedenkminute ein und ein Blumegesteck nieder.

Mit dem antifaschistischen Stadtrundgang endete die dreitägige Fahrt nach München und Dachau. Diese vierte Gedenkstättenfahrt war nicht die letzte. Bereits für die Zeit vom 12. bis 14. Oktober ist eine weitere Fahrt geplant, dieses Mal nach Berlin und Sachsenhausen.

Gedenkstättenfahrt nach Hamburg

Gedenkstätte Neuengamme mit Blick auf den Eingangsbereich. Im Vordergrund die Grundrisse der nicht erhaltenen Baracken.

Der Besuch in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme in Hamburg zeigte mir deutlicher als jeder Gedenkstättenbesuch zuvor die Ausbeutung der KZ-Häftlinge durch die Wirtschaft. Das KZ Neuengamme ist gezielt errichtet worden, um billige Arbeitskräfte für die geplanten NS-Großbauten zur Verfügung zu haben.

Am 14./15. Oktober 2017 fuhr eine Gruppe junger und alter Menschen gemeinsam nach Hamburg, um sich über das KZ Neuengamme zu informieren. Organisiert wurde die Fahrt von der DGB-Jugend MEO (Mülheim Essen Oberhausen) und der VVN-BdA Essen (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten). Zum Programm gehörten neben dem Besuch der Gedenkstätte auch eine alternative Hafenrundfahrt zum Thema.

Waren die ersten Konzentrationslager in Nazi-Deutschland seit 1933 zur Inhaftierung und Folterung politischer Gegner der Nazis eingerichtet worden, kamen im Laufe der Jahre weitere Verfolgtengruppen hinzu: Juden, Sinti, Homosexuelle, Zeugen Jehovas sowie sogenannte „Kriminelle“ und „Asoziale“. Ab 1936/37 wurde die Ausbeutung der Arbeitskraft der Häftlinge zu einem wirtschaftlichen Faktor für den Betrieb der KZs. Hierzu wurde die „Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH“ mit Mitgliedern der SS-Führung als Gesellschafter gegründet.

Teilansicht des ehemaligen Klinkerwerks des SS-Unternehmens „Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH“ im KZ Neuengamme.

Anlass für die Gründung des Konzentrationslagers Neuengamme war die Ziegelproduktion für die geplanten Nazi-Großbauten in Hamburg. Dazu zählten ein 250 Meter hohes „Gauhochhaus“, ein „Kraft-durch-Freude-Hotel“ und eine Hochbrücke über die Elbe als „Tor zur Welt“. Das Konzentrationslager wurde 1938 zunächst als Außenlager des KZ Sachsenhausen in einer stillgelegten Ziegelei gegründet und 1940 zum „selbständigen“ Konzentrationslager mit zahlreichen Außenlagern in Norddeutschland während des Krieges.

Das Konzentrationslager und die Hansestadt waren eng miteinander verbunden. So gewährte beispielsweise die Stadt Hamburg dem SS-Unternehmen Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH ein Darlehen in Höhe von einer Million Reichsmark für den Bau eines großen und modernen Klinkerwerks. Im Gegenzug versprach die SS „erstklassige Klinkerware preiswert herzustellen“.

Die Dauerausstellung in der Gedenkstätte zeigt anschaulich die Herkunftsländer der KZ-Häftlinge.

Die ersten KZ-Häftlinge stammten aus Deutschland, während des Krieges kamen Männer und Frauen aus den besetzten Gebieten Europas hinzu und bildeten nach kurzer Zeit die Mehrheit. Mehr als die Hälfte von Ihnen kam aus Osteuropa, aber auch aus den Niederlanden, Belgien, Frankreich und Dänemark wurden Tausende Menschen in das KZ und seinen mehr als 85 Außenlagern verschleppt. Zwischen 1938 und 1945 waren über 100.000 Menschen im System des Konzentrationslagers Neuengamme eingesperrt, etwa die Hälfte von ihnen wurde durch die mörderischen Arbeits- und „Lebensbedingungen“ ermordet.

Vernichtung durch Arbeit

Zehn bis zwölf Stunden Schwerstarbeit mussten die KZ-Häftlinge täglich in den unterschiedlichen Arbeitskommandos leisten. Neben dem Aufbau des Klinkerwerks gehörte die Arbeit in den Tongruben, die Schiffbarmachung der Dove Elbe und das Anlegen eines Stichkanals zu den furchtbarsten Einsätzen. Aufgrund der ungenügenden Ernährung und Bekleidung sowie der Arbeit im Freien bei jedem Wetter betrug die durchschnittliche Überlebensdauer in den Tongruben 90 Tage. Im weiteren Verlauf des Krieges kamen Arbeiten in der Rüstungsproduktion und in der Trümmerbeseitigung, vor allem in den Außenlagern, hinzu.

In der Ausstellung sind neben den von der SS hergestellten Propagandafotos auch Zeichnungen mit realistischeren Darstellungen zu finden.

Die KZ-Häftlinge schliefen in dreistöckigen Holzgestellen dichtgedrängt auf Strohsäcken, die sanitären „Einrichtungen“ waren unzureichend und für die geschwächten KZ-Häftlinge nur sehr begrenzt zu nutzen. Morgens gab es einen dünnen „Kaffee“, mittags eine dünne Suppe und abends die Brotration für den folgenden Tag. Als Kleidung waren nur die gestreifte Häftlingskleidung, die nicht wärmte, und Holzschuhe erlaubt.

Sterben gehörte im KZ zum Alltag, KZ-Häftlinge starben an Hunger, Entkräftung, den mörderischen Arbeitsbedingungen und an gezielten Mordaktionen der SS-Männer. Zum Kriegsende 1945 gelang es der SS zunächst, die Spuren ihrer Verbrechen in Neuengamme zu verwischen und das Lager zu räumen. Tausende Häftlinge starben hilflos in Lagern wie Sandbostel oder Bergen-Belsen, 9000 starben bei einem britischen Luftangriff auf die schwimmenden KZs in der Lübecker Bucht, die für Truppentransporter gehalten wurden. Am 2. Mai 1945 erreichten britische Truppen das geräumte KZ Neuengamme.

Vom Knast zur Gedenkstätte

Die Lagergebäude des ehemaligen Konzentrationslagers wurde nach 1945 zunächst zur Unterbringung von „Displaced Persons“ verwendet, also für alle Menschen, die als Zwangsarbeiter oder aus anderen Gründen aus vielen Ländern Europas nach Deutschland verschleppt worden waren und deren Heimkehr organisiert werden musste. Daran schloss sich die Nutzung als Internierungslager für die Verbrecher der SS, NSDAP und Wehrmacht an. Eine ähnliche Nutzung fand im ehemaligen Konzentrationslager Dachau statt, das Lager wurde zuerst für die Inhaftierung und Verurteilung von SS-Angehörigen genutzt und später für die Unterbringung von Flüchtlingen und Vertriebenen aus dem Sudetenland.

Innerhalb der Gedenkstätte Neuengamme finden sich bauliche Reste des früheren Gefängnisses.

1948 wurde das Lagergelände Neuengamme der Stadt Hamburg übergeben, die einen Teil der Gebäude abriss und mit der „Vollzugsanstalt Vierlande“ ein Gefängnis einrichtete, dem in den 1960er Jahren eine Jugendstrafanstalt folgte. Diese Nutzung hier wie an anderen Orten des Nazi-Terrors zeigt, dass diese Orte oft in einer „Kontinuität der Ausgrenzung“ (Thomas Lutz 1995) standen und stehen.

Auf Drängen der Überlebenden wurde 1953 eine erste, schlichte Gedenksäule, ohne Inschrift errichtet. Während in Dachau 1965 die erste Gedenkstätte der Bundesrepublik Deutschland eröffnet wurde, die mit einer Ausstellung den historischen Ort erklärte, wurde in Hamburg-Neuengamme 1965 das internationale Mahnmal mit einer 27 Meter hohen Stele aus grauen Quadersteinen, einer Gedenkmauer vor der 18 Steinplatten mit Namen der Völker und Nationen liegen und der Bronzeskulptur „Sterbender Häftling“ der französischen Bildhauerin Francoise Salmon, Überlebende des KZ Auschwitz, errichtet. Eine Ausstellung, die den Ort erklärt, wurde erst 1981 (!) mit dem „Dokumentenhaus“ eröffnet. 1995 folgte eine neue Dauerausstellung auf größerer Fläche. Erst 2005/06 wurde nach Schließung und Verlegung beider Gefängnisse fast der gesamte Bereich des ehemaligen Konzentrationslagers zur Gedenkstätte.

Teil der 1965 eröffneten Gedenkstätte mit dem internationalen Mahnmal.

KZ Gedenkstätte Neuengamme

Sie ist eine der größten Gedenkstätten Deutschlands und umfasst 17 erhaltene Gebäude und eine Vielzahl von Angeboten zur Information über das historische Geschehen. Die nicht mehr erhaltenen Baracken sind als Grundrisse gekennzeichnet, das Außengelände an vielen Stellen dokumentiert. Neben der Hauptausstellung in einer ehemaligen Häftlingsunterkunft gibt es vier weitere Dauerausstellungen, unter anderem zur Lager-SS, zur Zwangsarbeit im Klinkerwerk aber auch zum Widerspruch von Gefängnis und Gedenkstätte.

Blick in die Hauptausstellung, die in einer ehemaligen Häftlingsunterkunft untergebracht ist. Sie trägt den Titel „Zeitspuren: Das Konzentrationslager Neuengamme 1938-1945 und seine Nachgeschichte“.

Während der etwa dreistündigen Führung erhielt unsere Gruppe einen Eindruck vom Leben, Arbeiten und Sterben unter den unerträglichen Bedingungen des Konzentrationslagers sowie von den Einsätzen für verschiedene Betriebe in den Außenlagern, die vom Einsatz billiger Häftlinge profitierten. Unsere Führung gelangte zum 1965 errichteten internationalen Mahnmal und zum 1981 eröffneten Dokumentenhaus. Es wurde 1995 zum „Haus des Gedenkens“ umgestaltet und erinnert mit den 23.395 bekannten Namen der Toten an alle im Konzentrationslager durch die tödlichen Bedingungen oder Aktionen der SS-Männer ermordeten KZ-Häftlinge. Da es der SS gegen Kriegsende gelang, die Unterlagen zu vernichten, sind nicht alle Namen bekannt. Der Ort wird von Nachkommen der Überlebenden angenommen, von ihnen werden Fotos der gemordeten und Blumen zum Gedenken hinterlassen.

Bronzefigur „Sterbender Häftling“ aus dem Jahre 1965 der französischen Bildhauerin Francoise Salmon, Überlebende des KZ Auschwitz.

DGB-Jugend und VVN-BdA legten vor der Stele des internationalen Mahnmals gemeinsam ein Gesteck nieder und gedachten der Ermordeten.

Faschismus, Widerstand und Verfolgung im Hamburger Hafen

Die Alternative Hafenrundfahrt am folgenden Tag schilderte den Einsatz der Häftlinge im Hafen und an der Elbe und zeigte erhaltene und nicht erhaltene Orte ihres Leidens. Zugleich erfuhren wir von Widerstand und Solidarität der Hafenarbeiter, die beispielsweise die Unterstützung der Faschisten im Spanischen Bürgerkrieg durch Nazi-Deutschland verbreiteten, indem sie Informationen über die Lieferung von Militärgütern aus Hamburg weitergaben.

Erschütternd war der Bericht über ein „Außenlager“ in einem Speichergebäude für osteuropäische junge Frauen, die als Zwangsarbeiterinnen unter unvorstellbaren Bedingungen in einem Gebäude untergebracht waren, dass für die Lagerung von Gütern gedacht ist. Während der Bombenangriffe, denen sie im Gegensatz zur deutschen Bevölkerung, die wenigstens Luftschutzbunker aufsuchen durfte, schutzlos ausgeliefert waren, drängten sie sich in die untersten Etagen des Speichers, wo es durch das steigende Wasser des Flusses nass und kalt war.

KZ-Außenlager in einem Speicher, einem Lagergebäude im Hamburger Hafen. Hier waren junge Osteuropäerinnen im Alter von 15 Jahren unter unvorstellbaren Bedingungen untergebracht.

Gedenkstätte Bullenhuser Damm

Während des Vorbereitungstreffens für diese Fahrt hatte der gebürtige Hamburger, Ulrich Sander, Bundessprecher der VVN-BdA, im Essener DGB-Haus über ein Beispiel für den Jugendwiderstand in Hamburg berichtet und von eigenen Erfahrungen erzählt. Er wurde als Kind in der Schule am Bullenhuser Damm eingeschult. Im gleichen Gebäude hatten am 20. April 1945 SS-Männer 20 jüdische Kinder und weitere Erwachsene ermordet, um die Spuren der an ihnen verübten Verbrechen zu verwischen und unliebsame Zeugen zu beseitigen. Die Kinder waren zuvor wie Laborratten für medizinische Experimente missbraucht worden.

Heute besteht dort neben der Janusz-Korczak-Schule die Gedenkstätte Bullenhuser Damm. Seit 1980 erinnert die Gedenkstätte an die ermordeten Kinder und Erwachsenen, seit 2011 erzählt eine über den Schulhof zugängliche Ausstellung im Gebäude die Geschichte des Ortes, der Opfer, der Tat, der Strafverfolgung, der Spurensuche und der Erinnerung. Die Taträume sind bewusst leer gelassen.

Gedenkstätte Bullenhuser Damm und zugleich Janusz-Korczak-Schule. Hier wurden 1945 20 jüdische Kinder von SS-Männern ermordet.

Auf dem Rückweg von Hamburg nach Essen hielten wir dort. Die jugendlichen Teilnehmer unserer Fahrt erinnerten im Rosengarten hinter dem Schulgebäude an die Opfer und legten Blumen nieder.

Aus der Geschichte lernen

Gedenkstättenfahrten wie diese sind anstrengend, führen sie doch zu den Schattenseiten der Geschichte, die viele verleugnen wollen. Natürlich trifft die heutige Generation keine Schuld an den Verbrechen, doch angesichts einer zunehmenden Rechtsentwicklung in anderen europäischen Ländern und auch in Deutschland ist es wichtig, aus der Geschichte zu lernen, dass und warum sie sich nicht wiederholen darf.

In einer Zeit, in der im Umfeld von AfD, Pegida & Co. in übelster Weise rassistische Vorurteile über geflüchtete Menschen verbreitet werden und in einer Zeit in der Politiker die Einrichtung von Lagern befürworten (die sie natürlich mit besser klingenden Begriffen bezeichnen) sowie Flüchtlinge nach ihrer Nützlichkeit sortieren wollen heißt es wachsam zu sein gegenüber den Anfängen einer Politik, die zu aus der Geschichte bekannten Ergebnissen führen kann.

Die Trennlinie verläuft nicht zwischen Nationen und Völkern, sondern zwischen Faschisten und Antifaschisten.

Gedenkort im Rosengarten der Gedenkstätte Bullenhuser Damm hinter dem Schulgebäude.

Vor 75 Jahren – Das Massaker von Lidice

Blick auf das Gelände des ehemaligen Dorfes Lidice. Links in der Bildmitte der Ort des Massengrabes der 173 Männer, rechts im Vordergrund ein Teil des Denkmals der 82 ermordeten Kinder von Lidice.

Lidice, ein kleines Dorf in der Nähe von Prag, wurde von den Nazis vor 75 Jahren, am 9./10. Juni 1942 vernichtet. 173 Männer wurden bereits im Ort erschossen, 198 Frauen ins KZ Ravensbrück deportiert, die meisten der 98 Kinder im Vernichtungslager Kulmhof ermordet. Die 93 Häuser wurden niedergebrannt und der Ort bis Ende 1943 dem Erdboden gleichgemacht. Nach dem Willen der Nazis sollte er für immer von der Landkarte ausgelöscht sein, stattdessen hat sich sein Name als Beispiel für faschistischen Terror in aller Welt erhalten.

Entgegen des Münchener Abkommens von 1938, das die Abtretung der deutschsprachigen Sudetendeutschen Gebiete der Tschechoslowakei an Nazi-Deutschland erzwang und der Beteuerung Hitlers, marschierte am 15./16. März 1939, noch vor Beginn des Zweiten Weltkrieges, die Deutsche Wehrmacht in die übrig gebliebene, wehrlose Tschechoslowakei ein. Die Slowakei wurde ein „unabhängiger“ deutscher Satellitenstaat, das tschechische Staatsgebiet als „Reichsprotektorat Böhmen und Mähren“ von Nazi-Deutschland annektiert. Zur Bekämpfung des wachsenden antifaschistischen Widerstands wurde am 28. September 1941 Reinhard Heydrich, Chef der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes, SS-Obergruppenführer und General der Polizei, zum stellvertretenden „Reichsprotektor“ ernannt.

Heydrich, den man im „Protektorat“ nur den Henker nannte und in dessen Amtszeit tausende Widerstandskämpfer verhaftet wurden, starb an den Folgen eines auf ihn am 27. Mai 1942 verübten Attentats. Eine vermeintliche Spur, ein falsch gedeuteter Liebesbrief, führte die Nazi-Behörden nach Lidice, einem kleinen Ort 22 km nordwestlich von Prag. Die Männer des Ortes arbeiteten im Stahlwerk oder den Kohlebergwerken der 7 km entfernten Kreisstadt Kladno. In Berlin wurde in einer „Führerbesprechung“ entschieden, als „Sühnemaßnahme“ 1. alle erwachsenen Männer zu erschießen, 2. alle Frauen lebenslänglich ins Konzentrationslager zu deportieren, 3. „eindeutschungsfähige“ Kinder an SS-Familien zu geben und die übrigen anders zu erziehen, 4. das Dorf niederzubrennen und auszulöschen.

Offizielle Gedenkfeier am Massengrab in der Gedenkstätte Lidice (Foto 13.06.2009).

Das Dorf wurde am 9. Juni 1942 von Gestapo und Ordnungspolizei umstellt. Am 10. Juni 1942 wurden 173 Männer über 15 Jahren im Garten von Horáks Bauernhof erschossen, nachdem Frauen und Kinder bereits frühmorgens mit LKWs nach Kladno in die Sporthalle des Realgymnasiums gebracht worden waren. Die Frauen über 16 Jahren wurden ins Konzentrationslager Ravensbrück deportiert, außer den zur „Eindeutschung“ vorgesehenen wurden 82 Kinder (nach allem was wir heute wissen) in den Gaswagen des Vernichtungslagers Kulmhof ermordet. Lidice wurde komplett niedergebrannt, der Friedhof zerstört, der Teich zugeschüttet, Bäume abgeholzt. Die Geländeplanierung wurde Ende 1943 durch den Reichsarbeitsdienst beendet.

Blick in den Rosengarten, der „Park der Freundschaft und des Friedens“ wurde 2001/02 in einem Projekt mit jugendlichen Handwerkern aus Nordrhein-Westfalen erneuert.

Nach der Niederlage Nazi-Deutschlands kehrten 143 überlebende Frauen aus dem KZ Ravensbrück zurück und erfuhren erst jetzt von ihrem Unglück. An der Stelle ihrer Häuser fanden sie nur eine öde Ebene mit dem Massengrab ihrer Männer und Väter. Nur 17 Kinder, deren Eltern teilweise nicht mehr lebten, wurden nach einer außerordentlichen Suche wiedergefunden. In der Nähe des zerstörten Lidice wurde das neue Lidice aufgebaut, in das die überlebenden Frauen und Kinder einzogen. Das Gelände des zerstörten Ortes wurde zur Mahn- und Gedenkstätte, seit 1955 entstand mit geschenkten Rosenstöcken aus aller Welt der „Park der Freundschaft und des Friedens“.

Denkmal der Bildhauerin Marie Uchytilová für die 82 ermordeten Kinder aus Lidice.

Nach dem Ende des Kommunismus sowjetischer Prägung 1989 geriet Lidice zunächst in Vergessenheit. Mit Unterstützung unter anderem durch den Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds begann ab 2000 die Neugestaltung der Památník Lidice mit dem Neubau einer Begegnungsstätte und der Neugestaltung der musealen und pädagogischen Bereiche. So wurde unter anderem 2001/02 in einem Kooperationsprojekt „Rosen für Lidice“ mit nordrhein-westfälischen Berufsbildungseinrichtungen für benachteiligte Jugendliche, die sonst eher selten die Gelegenheit für internationale Jugendbegegnungen haben, der Rosengarten erneuert und am 15. Juni 2002 anlässlich des 60. Jahrestages der Vernichtung des Ortes vorgestellt.

Den 82 Kindern, 42 Mädchen und 40 Jungen im Alter von 1 bis 16 Jahren, die im Juli 1942 im Vernichtungslager Kulmhof ermordet wurden, schuf die Bildhauerin Marie Uchytilová mit ihrer Figurengruppe ein weltweit einzigartiges Denkmal. Nach ihren Worten sollte es zugleich ein symbolisches Denkmal für 13 Millionen Kinder, Opfer des Zweiten Weltkrieges sein. Sie selbst erlebte die Realisierung des Denkmals nicht mehr, erst 2000 wurden die letzten sieben Kindergestalten in Lidice enthüllt.

Gedenkstein zur Erinnerung an die ermordeten Kinder, auch aus Lidice, im „Waldlager“ des Vernichtungslagers Kulmhof im von Nazi-Deutschland besetzten Polen.

Das Verbrechen in Lidice ist kein Einzelfall, weitere Massaker fanden an vielen Orten Europas statt. Stellvertretend aber nicht abschließend nennen möchte ich Oradour-sur-Glane in Frankreich, wo am 10. Juni 1944 die Waffen-SS wütete, Kalavryta in Griechenland, wo am 13. Dezember 1943 die Deutsche Wehrmacht wütete, Marzabotto in Italien, wo im September/Oktober 1944 ebenfalls die Deutsche Wehrmacht wütete sowie Sant’Anna di Stazzema in Italien, wo am 12. August 1944 die Waffen-SS wütete. Letzteres wird als ungesühntes Massaker Thema einer Veranstaltung in Gelsenkirchen in der flora am 17. Oktober 2017 sein.

Anmerkung: Die Fotos aus Lidice entstanden während eines Besuchs im Juni 2009, das Foto aus Kulmhof während des Besuchs in Lodz und Kulmhof 2016.