Archiv der Kategorie: Kultur & Medien

Gelesen: „Er, Sie und Es“ von Marge Piercy

Mit dem Roman „He, She and It“ (Er, Sie und Es, 1993) hat die US-amerikanische Autorin Marge Piercy 1991 ein beeindruckend erzähltes Meisterwerk vorgelegt. Vor dem Hintergrund einer weitgehend zerstörten Erde der Zukunft und eingebunden in eine spannende Handlung verbindet sie Fragen um die Schaffung künstlichen Lebens mit unserer Wahrnehmung von Geschlechterrollen. Piercys Erde der Zukunft ist das Ergebnis von Kapitalismus, Klimawandel, Umweltzerstörung, Seuchen und Hungersnöte und uns angesichts einer weltweiten Pandemie und Klimakatastrophen, die inzwischen auch unser Land erreichen, heutzutage noch näher als es 1991 der Fall gewesen sein mag. Die im Roman dargestellte freie Stadt Tikva kann als dynamische Utopie für eine andere Zukunft als die geschilderte gesehen werden.

In dieser Zukunft gibt es einige hochtechnisierte Enklaven sogenannter „Multis“, in den unterschiedlich strikte Reglements aller Lebensbereiche gelten, slumartige von Gangs beherrschte Megastädte wie den „Glop“, aus denen die „Multis“ Tagelöhner beschäftigen, und freie Städte wie „Tikva“, in der ein Großteil der Handlung stattfindet. Weite Teile der ehemaligen Anbaugebiete für die Ernährung der Weltbevölkerung sind überschwemmt oder zu Wüste geworden, die wenige landwirtschaftliche Nutzfläche ist daher von der Besiedelung ausgeschlossen. Auf oder in der Erde gewachsene Nahrung ist ein Luxusprodukt, die Masse der durch Hungersnöte und Unfruchtbarkeit ohnehin reduzierten Bevölkerung lebt von „Bottichnahrung“ aus Algen, in unterschiedlicher Gestalt aber immer in derselben Konsistenz.

In der freien Natur ist kein Überleben möglich, die Kuppeldome der Städte kann man nur mit einer Schutzhülle oder in gesicherten Fahrzeugen ungefährdet verlassen. Verbindungen bestehen durch Untergrundbahnen. Organplünderer, die Jagd auf Menschen machen um deren Organe verkaufen zu können, sind eine weitere Gefahr. Die Masse der Menschen in den Slums wird mit elektronischer Unterhaltung und Drogen abgespeist. Bildung gibt es nur für die Oberschicht. Verbunden sind die Städte über das „Netz“, das der Kommunikation und Information dient. In der freien Stadt Tikva lernen im Gegensatz zu den Multi-Enklaven alle Bürger den Umgang mit dem Netz, das auch zum Arbeiten und Lernen genutzt wird. Da sich Personen in das Netz projizieren, können sie dort auch angegriffen, verletzt und getötet werden.

Erzählt wird die Geschichte wechselseitig aus der Sicht von Shira und ihrer Großmutter Malkah. Shira, in Tikva aufgewachsen, hatte ein Angebot des Multis Yakamura-Stichen (Y-S) angenommen, dort geheiratet und den Sohn Ari bekommen. Im Zuge ihrer Trennung von ihrem Mann verliert sie mit der Scheidung das Sorgerecht für ihren Sohn, der sich zudem versetzen lässt. Sie verlässt die Konzern-Enklave und kehrt nach Hause zurück. In Tikva forscht Avram seit Jahrzehnten im Geheimen an der Schaffung eines illegalen Cyborgs, einem menschlich aussehenden künstlichen Wesen, das sich anders als ein Mensch unbegrenzt im Netz aufhalten und die Basis der Stadt gegen Angriffe aus dem Netz verteidigen kann. Nach mehreren Fehlschlägen gelingt ihm mit Hilfe von Shiras Großmutter Malkah die Schaffung von Yod. Nach der Rückkehr von Shira übernimmt sie die weitere, menschliche Sozialisation von Yod und beginnt eine Liebesbeziehung mit ihm. Yod zeigt sich in seinem Verhalten sehr menschlich und ist bestrebt, diesen Teil seiner Persönlichkeit in der Interaktion mit Menschen zu erweitern, folgt aber andererseits seiner primären Aufgabe, Tikva zu beschützen, als er Malkah gegen einen Angriff aus dem Netz verteidigt und die Angreifer dort verfolgt und ausschaltet. Sie finden heraus, das Y-S hinter dem Angriff steckt.

Nach Tikva ist auch Shiras Jugendliebe Gadi, Avrams Sohn zurückgekehrt, der sie in der Vergangenheit tief verletzt hatte. Erst Yod ist in der Lage, mit seiner Zuneigung die Verletzung zu heilen. Nachdem Y-S Shira ein Treffen angeboten hat, tauchen auch Shiras Mutter Riva sowie ihre Partnerin Nili auf. Shira kannte ihre Mutter nicht, die als Informationspiratin im Untergrund lebt. Shira erfährt von ihr, dass ihr Vater kein Beziehungspartner, sondern eine Samenspende eines bereits verstorbenen Wissenschaftlers war. Nili ist ein technisch aufgerüsteter Mensch und Yod in vielem ähnlich. Sie stammt aus dem Gebiet, das als „Schwarze Zone“ bekannt ist, dem seit dem „Vierzehntagekrieg“ und einem terroristische Atombombenanschlag verseuchten Nahen Osten. Nili gehört einer Gemeinschaft an, in der israelische und palästinensische Frauen zusammenleben und sich durch Klontechnik fortpflanzen.

Während wir bei Yod von einem Androiden sprechen können, einem vollständig künstlich erschaffenen Wesen, handelt es sich bei Nili um einen Cyborg, einem weiblichen Menschen, der technisch aufgerüstet wurde. Interessant an Yod wie Nili sind auch die uneindeutigen Geschlechterrollen beider, die die Grenzen zwischen Mann und Frau verschwimmen lassen. So zeigt Yod, männlich und zur Verteidigung geschaffen, aufgrund der Programmierung bzw. Beziehung zu zwei Frauen auch Eigenschaften wie Sensibilität und Geduld, die beide als weibliche Eigenschaften gelten. Nili wirkt im Gegensatz dazu und aufgrund ihrer Lebensumstände sehr männlich; sie ist eine Einzelgängerin, wortkarg, zielgerichtet und zeigt wenig Emotionen.

Y-S versucht Shira bei dem vereinbarten Treffen zu überwältigen, wird jedoch von Yod, Riva und Nili erfolgreich beschützt. Inzwischen wird deutlich, dass es Y-S auf die Forschungsergebnisse von Avram abgesehen hat, und auf deren Ergebnis: Yod. Gadi, der erfolgreich in der Produktion elektronischer Unterhaltung und dafür sehr berühmt ist, unternimmt mit Nili, die mit ihm eine Affäre begonnen hat, sowie Shira und Yod eine Reise in den „Glop“. Nili sucht hier nach Bündnispartnern. Im „Glop“ zeigt sich die scheinbar festgefügte Welt der Multis in unerwarteter Bewegung. Während eines kurzen Abstechers holen Shira und Yod Shiras Sohn Ari aus einer Y-S-Enklave heraus und bringen ihn mit zurück nach Tikva. Yod hofft, zur Schaffung einer Familie beigetragen zu haben, der er angehört. Dann überschlagen sich die Ereignisse, als bekannt wird, dass Yod kein Mensch ist und Y-S der freien Stadt Tikva ein Ultimatum stellt. – Wie die Geschichte ausgeht, wird hier natürlich nicht verraten.

In den Roman eingeflochten ist die Geschichte des Golems, den Rabbi Löw im Prag des 16. Jahrhunderts zum Schutz des Ghettos mit Hilfe kabbalistischer Magie aus Lehm schuf. Die Geschichte erzählt Malkah Yod Kapitelweise mit dem Fortgang der Haupthandlung und spiegelt damit seine Existenz in der Gegenwart des Romans. Da es sich bei Tikva um eine jüdische Siedlung handelt, lässt sich auch von Yod als Golem sprechen. Der Roman gewann 1993 den Arthur C. Clarke Award, einen Science-Fiction-Literaturpreis.

Die Autorin dieses Werkes, Marge Piercy, wurde am 31. März 1936 in Detroit/Michigan während der Großen Depression geboren. Sie wuchs in einer Arbeiterfamilie auf. Ihr Großvater mütterlicherseits war ein Gewerkschafter, der aufgrund dessen ermordet worden war. Ihre Großmutter mütterlicherseits war die Tochter eines Rabbis. Sowohl ihre Großmutter wie ihre Mutter waren große Geschichtenerzählerinnen. Bereits in jungen Jahren lernte sie die Trennung zwischen Schwarzen und Juden auf der einen Seite und Weißen auf der anderen Seite kennen. Die Welt der Bücher entdeckte sie für sich, als sie aufgrund von Krankheiten nichts weiter tun konnte außer Lesen. Nach ihrem Abschluss der High School konnte sie als erste in ihrer Familie aufgrund eines Stipendiums an der University of Michigan studieren. Sie machte 1957 ihren BA und ein Jahr später an der Northwestern University ihren MA.

Piercy ist zum dritten Mal verheiratet. Ihre in jungen Jahren geschlossene erste Ehe mit einem französischen jüdischen Physiker ging aufgrund unterschiedlicher Geschlechterrollen-Erwartungen 1959 in die Brüche. Auch ihre zweite, 1962 geschlossene Ehe, scheiterte. In dritter Ehe ist sie mit Ira Wood verheiratet, mit dem sie seit den 1970ern in Wellfleet/Michigan lebt. Nach dem Scheitern der ersten Ehe kehrte sie aus Frankreich zurück, lebte in Chicago, wo sie sich mit verschiedenen Teilzeitjobs über Wasser hielt und in der Bürgerrechtsbewegung engagierte. Diese Zeit betrachtet sie als die härteste ihres Lebens, sie war arm, ihre Ehe ein Fehlschlag und als Schriftstellerin unsichtbar. Gleichwohl entwickelte sie klare Vorstellungen, worüber sie schreiben wollte. Ihre zweite Ehe 1962 war eine offene Beziehung und führte sie quer durch die USA. Neben der Arbeit schrieb sie und engagierte sich politisch unter anderem gegen den Vietnam-Krieg und in der Frauenbewegung. 1968 brachte ihr erste literarische Erfolge, als sowohl ihr erster Gedichtband „Breaking Camp“ veröffentlicht wie auch ihr erster Roman angenommen wurde.

1971 zogen sie nach Cape Cod. Piercy kannte bis dahin nur das Leben in der Großstadt, konnte sich dort jedoch nach den Jahren, die sie zuletzt in New York verbracht hatten, erholen, neue Kraft gewinnen und Wurzeln schlagen, während sich die Ehepartner zunehmend voneinander entfremdeten. Ihren dritten Ehemann, Ira Wood, kannte sie bereits sechs Jahre, bevor sie 1982 heirateten. In dieser Ehe fühlt sie die Unterstützung, die sie benötigt. Piercy gilt heute als einflussreichste feministische Schriftstellerin des 20. Jahrhunderts. Sie hat zahlreiche Gedichtbände, Romane, ein Theaterstück, eine Essaysammlung, ein Sachbuch und ihre Autobiografie veröffentlicht, darunter mehrere Bestseller und inzwischen als feministische Klassiker bezeichnete Werke. Der Hintergrund ihrer Werke wechselt, sie spielen in der Zukunft, der Vergangenheit oder der Gegenwart. Ein weiterer bemerkenswerter und auf Deutsch vorliegender Roman „Woman on the Edge of Time“ (Die Frau am Abgrund der Zeit, 1986) aus dem Jahr 1976 stellt im Rahmen einer Zeitreise-Story gleichzeitig eine radikale Kritik an der Psychiatrie der USA wie eine klassische Utopie einer auf genossenschaftlichen Gemeineigentum und geschlechter-egalitären Gesellschaft dar. Marge Piercy engagiert sich für Bürgerrechte, Feminismus und in der Antikriegs-, Klima- und Umweltschutzbewegung.

Kommunistischer Widerstand in Nazideutschland

Neuauflage von Allan Mersons „Kommunistischer Widerstand in Nazideutschland“.

Es ist zugleich erstaunlich wie bezeichnend, dass es nur eine umfassende Darstellung über den Kommunistischen Widerstand in Nazi-Deutschland gibt, und diese nicht von einem deutschen, sondern von einem britischen Historiker stammt. Angesichts des aus dem Dritten Reich in die junge Bundesrepublik „hinübergeretteten“ Antikommunismus eigentlich kein Wunder, denn, schon wer sich nur objektiv mit Kommunist:innen beschäftigte, galt oft schon als solcher. Franz Josef Degenhardt hat das – in einem anderen Zusammenhang zwar – in einem seiner Lieder sehr schön auf den Begriff gebracht: „Also sie berufen sich hier pausenlos auf’s Grundgesetz / Sagen sie mal / Sind sie eigentlich Kommunist?“ So war es der britische Historiker Allan Merson, der 1985 „Communist Resistance in Nazi Germany“ veröffentlichte. Die deutsche Übersetzung folgte 14 Jahre später, 1999 im Pahl-Rugenstein-Verlag. 2020 hat der Neue Impulse Verlag das inzwischen vergriffene Werk erneut zugänglich gemacht. Dass beides DKP-nahe Verlage sind, zeigt einmal mehr das herrschende Vorurteil. Hier nun die Würdigung von einem Leser, der weder Kommunist noch Antikommunist ist.

Merson gliedert seine Darstellung in vier große Kapitel. Zunächst stellt er den „Übergang in die Illegalität 1933“ dar, um sich dann der „Strategie der revolutionären Massenaktionen 1933-1935“ zu widmen. Dabei spart er nicht, neben der sachlichen Darstellung der Fakten, mit seiner Kritik an der ultralinken Politik der KPD gegenüber der SPD, die als „Sozialfaschisten“ diffamiert wurden sowie ihrer Fehleinschätzung im Jahre 1933, die Hitler-Regierung sei nicht von langer Dauer und eine revolutionäre Situation, die zu einem Sowjet-Deutschland führe, stünde unmittelbar bevor. Er zeigt auch, wie angreifbar die inzwischen verbotene KPD wurde, solange sie versuchte, ihren Parteiapparat in der Illegalität ohne Veränderung konspirativ beizubehalten. Wurde die KPD zunächst durch eine zentrale Leitung innerhalb Deutschlands aufrechterhalten, geschah dies schließlich weniger verwundbar und dezentral durch Abschnittsleitungen aus den benachbarten Ländern. Die Folgen der Fehleinschätzung der politischen Lage waren verheerend für die Kommunisten, von denen viele im ungleichen Kampf verschlissen, verhaftet, gefoltert und ermordet wurden bzw. in Konzentrationslager wanderten. Zugleich würdigt Merson immer wieder die Einsatzbereitschaft und Loyalität ihrer überzeugten Anhänger, die die Nazis kaum brechen konnte.

„Eine neue Perspektive 1936-1939“ schildert, wie die KPD im Untergrund nicht in der Lage war, ihre Politik zu verändern, sondern die Veränderung von außen durch die Kommunistische Internationale entstand. Bündnis- und Volksfrontpolitik und ein antifaschistisches, demokratisches Deutschland wurden die neuen Ziele, getragen von der Analyse, das es aktuell keine revolutionäre Situation gäbe. Zur Tragik der Geschichte wurden verpasste Chancen in der Verständigung zwischen SPD und KPD auf der Ebene der im Exil befindlichen Parteiführungen, während der Widerstand vor Ort und in den Konzentrationslagern oftmals weiter war. Schuld daran war der späte Perspektivwechsel der KPD zu einem Zeitpunkt, als die Exil-SPD schon wieder nicht mehr bereit für ein solches Bündnis war. Merson geht auch auf die Wirkung des Nichtangriffspaktes zwischen Nazi-Deutschland und der Sowjetunion vom August 1939 ein, der zu Verwirrung unter den deutschen Kommunisten geführt habe, aber nicht zu einem Ende ihrer Widerstandstätigkeit, wie die Lageberichte der Gestapo bezeugten.

Das letzte Großkapitel „Der Zweite Weltkrieg“ schildert – im Rückblick gesehen – vergebliche Bemühungen der im Geheimen agierenden Kommunist:innen und verbündeten Widerstandskämpfer:innen, den Faschismus von innen heraus zu besiegen, sowie Bemühungen, Alternativen außerhalb Deutschlands wie mit dem Nationalkomitee „Freies Deutschland“ zu gründen. Am Ende wurde der Faschismus durch die siegreichen Armeen der Alliierten militärisch besiegt.
Merson beschäftigt auch die Frage, warum es in Deutschland anders als in anderen von Nazi-Deutschland besetzten Ländern keine Partisanentätigkeit gab, keinen bewaffneten Aufstand, keine Revolte der Massen. Er führt dies nicht allein auf den unglaublich gesteigeren Terror der Nazis im letzten Kriegswinter 1944/45 zurück und schon gar nicht auf militaristische und obrigkeitsstaatliche Traditionen, sondern auf die Korrumption des deutschen Volkes und eines großen Teils der Arbeiterklasse durch Ideen und Praktiken der Nazis. Die Schaffung rassistischer Hierarchien durch den Einsatz von ausländischen Zwangsarbeiter:innen, die Behandlung insbesondere der sowjetischen Kriegsgefangenen sowie zwölf Jahre massiver antisowjetischer Propaganda führten, so Merson, zu der weit verbreiteten Überzeugung, dass „ein Sieg der antifaschistischen Mächte die totale Zerstörung Deutschlands bedeuten würde, und daß einem nichts blieb, wofür man arbeiten oder worauf man hoffen konnte“ (S. 277/278).

Das Erbe des kommunistischen Widerstands sieht Merson, er schreibt dies 1985, in der DDR aufgehoben, die kein wurzelloses Gebilde sei, das aus der Besetzung der Sowjetunion hervorgegangen sei, sondern seine Wurzeln in der Erfahrung der deutschen Arbeiterklasse habe und vor allem in deren Widerstandsbewegung gegen die Nazityrannei. Allerdings habe das deutsche Volk sich nicht selbst vom Faschismus befreien können, dies haben ausländische Mächte getan. Die deutschen Kommunisten haben ihr Programm unter Bedingungen umsetzen müssen, die andere für sie geschaffen haben und zudem in einem geteilten Deutschland. Merson schließt mit der Erkenntnis der Begrenzung seines Werks durch die Quellenlage: „Die ganze Geschichte des kommunistischen Widerstands wird man nie erfahren. Aber was bekannt ist, reicht aus, um klar herauszustellen, daß es sich nicht um die Geschichte einiger weniger Heldinnen und Helden handelt (…), sondern um einen ungebrochenen, zwölf Jahre währenden Kampf von vielen tausend einfachen, arbeitenden Menschen. Das stellt das moralische Erbe der Partei dar (…).“ (S. 295)

Es ist erfreulich, dass diese einzige, umfassende Darstellung des Widerstandes der KPD in Nazi-Deutschland wieder zugänglich ist. Den Brückenschlag von 1985 zu heute unternimmt ein aktuelles Vorwort von Ralf Jungmann, auch die früheren Vorworte sind enthalten. Zugleich entschuldigt sich der Verlag dafür, das aufgrund fehlender Druckvorlagen ein 1:1-Nachdruck der ersten deutschen Ausgabe von 1999 nicht möglich war und diese Ausgabe nur aufgrund der „in verschiedenen Stadien der redaktionellen Endbearbeitung fertiggestellten Textdateien“ (S. 6) zustande kam, die anhand des gedruckten Buches sorgfältig überprüft worden sind. Auf dieses Buch aufmerksam gemacht hat mich übrigens diese Besprechung in der „antifa“, dem Magazin der VVN-BdA für antifaschistische Politik und Kultur.

„Wer nicht feiert, hat verloren!“ – Online-Podiumsdebatte zur historischen Verantwortung

Gruppenbild vom Abschluss der Antifaschistischen Fahrrad-Demo am 2. Mai 2021 vor dem Werner-Goldschmdt-Salon.

Während sich die einen noch von den Strapazen der Antifaschistischen Fahrraddemo erholen, bereiten andere bereits die nächsten Veranstaltungen vor, die von Freitag bis Sonntag folgen werden. Zuerst folgen zwei Online-Podiumsdebatten am 7. Mai zur Historischen Verantwortung und am 8. Mai zum aktuellen faschistischen Terror. Am 9. Mai folgen zwei Antifaschistische Stadtrundgänge, vormittags in (Alt-)Gelsenkirchen und nachmittags in Buer. Schließlich folgt noch am 13. Mai der Antifaschistische Stadtrundgang im Stadtteil Horst.

Am Freitag, 7. Mai 2021 steht von 18.00 bis 20.00 Uhr der Umgang von Staat und Gesellschaft mit der NS-Zeit im Mittelpunkt. In der Ankündigung heißt es dazu: „Der Umgang der bundesrepublikanischen Gesellschaft mit dem Nazifaschismus und seinen Folgen war jahrzehntelang von Verdrängung geprägt. Und trotz vieler Fortschritte müssen auch heute noch beträchtliche Teile der Bevölkerung und der politisch Verantwortlichen ‚zum Jagen getragen‘ werden, wenn es um die Lehren von 1945 geht. Doch kann man einen Schlussstrich ziehen, wenn Rassismus und rechtsradikale Gruppierungen fröhliche Urständ feiern? Zeugt es von Lernen aus der Vergangenheit, wenn Russland als das Land, das am meisten unter dem Faschismus gelitten hat, immer noch als Feindbild herhalten muss und deutsche Soldaten wieder Manöver an seinen Grenzen abhalten? Wie sieht es generell mit der Wiedergutmachung der enormen Schäden aus, die Deutschland den überfallenen Ländern zugefügt hat? Und wird hierzulande und auch in Gelsenkirchen genug getan zum Andenken an die Opfer, zur Erinnerung an die Täter und zur Aufklärung der jüngeren Generationen über die Ursachen des Faschismus? Könnte eine Erhebung des 8. Mai zum bundesdeutschen Feiertag dabei helfen ‚Nichts und niemanden zu vergessen‘?“

Es diskutieren Dr. Ulrich Schneider, Historiker, Bundessprecher der VVN-BdA und Generalsekretär der Internationalen Föderation der Widerstandskämpfer (FIR), Florian Beer, Pädagogischer Mitarbeiter von SABRA NRW und Mitglied der GEW NRW sowie Hartmut Hering, Sozialwissenschaftler, befasst sich seit vielen Jahren mit der Gelsenkirchener Lokalgeschichte und vertritt an diesem Abend auch den Veranstalter, das Gelsenkirchener Aktionsbündnis gegen Rassismus und Ausgrenzung.
Die Moderation übernimmt die Historikerin Sabine Kittel vom Institut für Stadtgeschichte Gelsenkirchen.

Um Anmeldung unter der E-Mail-Adresse ab-ge@mailbox.org wird gebeten, der Link zur Videokonferenz wird dann rechtzeitig zugemailt. Hier noch eine Übersicht über alle Veranstaltungen. Die genannte E-Mail-Adresse gilt auch für alle weiteren Anmeldungen. Die vollständige Programmübersicht (Flyer) kann von der Seite der VVN-BdA Gelsenkirchen heruntergeladen werden.

„Empört euch!“ – Chor Chorrosion im Linken YouTube-Kanal

Seit 1984 mischt sich der Chor „Chorrosion“, zunächst als IG Metall-Chor, politisch-musikalisch ein. Begleiteten sie anfangs den gewerkschaftlichen Kampf für die 35-Stunden-Woche, thematisierten sie im Laufe der Jahre weitere wichtige gesellschaftspolitische Themen. So standen 2011 mit „Flucht und Schatten“ Ursachen und Folgen der Migration im Mittelpunkt, 2013 wurde mit „Arsen an Sahnehäubchen“ die Umweltpolitik kritisiert und 2015 erinnerte ein Antikriegsprogramm an den Ersten Weltkrieg. Ihr aktuelles Programm, eine Musikrevue gegen Rechts, ist ihre musikalische Antwort auf die aktuelle Rechtsentwicklung.

Auf Anregung aus der Gelsenkirchener VVN-BdA, die den Chor zum Kulturprogramm anlässlich des 70. Jahrestag der Gründung der VVN NRW 1946 bereits einmal erlebt hatte, hatte DIE LINKE. Gelsenkirchen den inzwischen freien Chor anlässlich ihres 10. Neujahrsempfangs im vergangenen Jahr in die Bleckkirche eingeladen. In diesem Blog berichtete ich damals darüber. Der Chor begann und beendete sein Programm fulminant mit „Empört euch“ nach Konstantin Wecker, dazwischen fügte er unterschiedlich bekannte Stücke mit teilweise neuen Texten zu einem aktuellen Programm gegen das Erstarken der Rechten zusammen.

In diesem Jahr findet pandemiebedingt kein Neujahrsempfang der örtlichen Linkspartei statt. Dafür, und das ist weit mehr als ein Trostpflaster, ist die Aufführung des letzten Jahres online auf YouTube (siehe oben) bzw. auf der Seite des Kreisverbandes Gelsenkirchen der DIE LINKE anzusehen und anzuhören. Es lohnt sich!

„Antifaschismus ist notwendig und gemeinnützig!“

Ausführliches Interview mit Conny Kerth, VVN-BdA Bundessprecherin im Dissens-Podcast.

Ich kann mich noch gut an die Einführung der Lokalradios in NRW erinnern und einem VHS-Seminar zum Bürgerfunk, an dem ich damals teilgenommen hatte. Eine wichtige Regel für Wortbeiträge lautete: nicht länger als 3 Minuten, danach hört niemand mehr zu. Wenn man sich heutzutage das inzwischen beliebte Format der Podcasts anhört, dann merkt man, dass diese Regel durchaus über Bord geworfen werden kann.

Eine ganze Stunde lang dauert das höchst interessante und gut geführte Interview mit der Bundesvorsitzenden der VVN-BdA, Cornelia Kerth in einer neuen Folge des Dissens-Podcast. Es geht im wesentlichen um Fragen der Gemeinnützigkeit, die der Bundesvereinigung der VVN-BdA ja vom rotrotgrünen Berliner Senat entzogen worden ist. Dabei beantwortet Conny ausführlich verschiedene damit zusammenhängende Fragen und sie schildert ihre Einschätzung, warum der VVN-BdA und anderen Akteuren der Zivilgesellschaft ausgerechnet jetzt die Gemeinnützigkeit entzogen wird. Zudem beantwortet Conny auch Fragen zu ihren Aufgaben als Bundesvorsitzende sowie ihrem perönlichen Weg in die VVN-BdA und wir erfahren zum Beispiel, dass sie jahrelang Mitglied der SPD gewesen ist. Sieht so die im bayerischen Verfassungsschutzbericht genannte „linksextremistische Beeinflussung“ aus?

Dissens ist ein linker Podcast von Lukas Ondreka, in dem er Autor*innen, Politiker*innen, Aktivist*innen und Forscher*innen interviewt. Es gibt schon über 50 Folgen und es geht oft um Antifaschismus, Feminismus oder Antirassismus. Die einzelnen Folgen dauern 45-55 Minuten. Interview-Partner*innen waren bisher u.a. der Rechtsextremismus-Experte Matthias Quent, Heike Kleffner, Martin Sonneborn, die Autorin Alice Hasters, Luisa Neubauer, Katja Kipping, um nur einige zu nennen.

Ondreka hat schon bei der Süddeutschen Zeitung gearbeitet und für die dpa und den Spiegel geschrieben. Der Podcast ist sein selbstständiges Projekt, die taz ist Partner des Podcast, er finanziert sich aber ausschließlich über Fördermitglieder. Der aktuelle Podcast wird von ihm und von der VVN-BdA auf Social Media geteilt und am Freitag auch nochmal von der taz. Die Folge kann bei Spotify (wie auch immer das zu erreichen ist, ich weiß das nicht 😉 ) oder im Browser und auch downgeloadet und offline (so habe ich das gemacht) angehört werden.

Übrigens ist nicht nur das Interview mit Conny empfehlenswert. Und: wer den Podcast unterstützen möchte, kann Fördermitglied werden.

Faschismustheorie als Werkzeug für die Gegenwart

Veröffentlichungen zu Faschismustheorien 2020.

Faschismus wurde und wird immer wieder als Kampfbegriff zur Kennzeichnung des politischen Gegners benutzt, ohne das in jedem Fall klar wird, worauf sich die Beurteilung als faschistisch stützt. Zugleich gibt es bis heute keine allgemeingültige Definition, was Faschismus ist. Zwei 2020 erschienene Publikationen beschäftigen sich aus linker Sicht mit dem Thema und zeigen, wie die verschiedenen Theorien und Erscheinungsformen für die Gegenwart als Werkzeug der Erkenntnis nutzbar gemacht werden können.

Mathias Wörsching, Berliner Historiker und Politologe, der auch die Webseite faschismustheorie.de betreibt, gibt mit seinem in der Reihe theorie.org des Schmetterling Verlags erschienenen Werk „Faschismustheorie“ einen Überblick über die im Laufe der Jahrzehnte entwickelten relevanten Faschismustheorien. Es handelt sich um eine sehr nützliche Darstellung, die unterschiedliche Sichtweisen auf den Faschismus und deren Entstehungshintergrund zeigt. Neben historischen und marxistischen Faschismustheorien referiert er auch die jüngeren angelsächsischen Theorien von Griffin und Paxton. So nutzt er am Schluss Paxtons Phasenmodell, um die Stärken und Schwächen der verschiedenen Theorien einzuschätzen. Paxton sieht Faschismus als sozialen Prozess mit den einzelnen Phasen Initiation, Aufschwung, Machtübernahme, Machtausübung, Radikalisierung oder Entropie (Rückbildung). Nach seiner Auffassung ist die politische Gefahr des Faschismus keineswegs überwunden, auf einer ersten Stufe existiere er auch heute in allen größeren Demokratien.

Für die Rosa-Luxemburg-Stiftung erstellten Alexander Häusler und Michael Fehrenschild, beides Mitarbeiter von FORENA, dem Forschungsschwerpunkt Rechtsextremismus/Neonazismus der Hochschule Düsseldorf, eine Studie zur Bedeutung des Faschismusbegriffs, die in der Reihe Manuskripte unter dem Titel „Faschismus in Geschichte und Gegenwart“ und mit dem Untertitel „ein vergleichender Überblick zur Tauglichkeit eines umstrittenen Begriffs“ erschienen ist. Neben einer inhaltsreichen Arbeitsdefinition thematisieren sie insbesondere die länderspezifischen Entwicklungen in Italien, Deutschland, Österreich und Ungarn sowie die Fragen der Abgrenzungen zwischen einem allgemeinen (generischen) Faschismusbegriff und dem Nationalsozialismus bzw. der Rechtsextremismusforschung. Besonders wertvoll wird die Studie in meinen Augen durch die im Anhang abgedruckten Interviews mit Faschismus-Experten, die beinahe die Hälfte des Buchumfangs ausmachen und zu denen auch die Redaktionen der Zeitungen „der rechte rand“ und „Lotta“ gehören.

Aufmerksam wurde ich auf beide Veröffentlichungen durch einen Artikel in der „Lotta“ #80 vom Herbst 2020. Dort findet sich unter der Überschrift „Was ist Faschismus?“ ein Interview mit Mathias Wörsching und Alexander Häusler. Weiterhin empfehlenswert ist m.E. auch die 2012 bei PapyRossa erschienene Darstellung „Faschismus“ von Guido Speckmann und Gerd Wiegel, die zu einer engen Auslegung des Faschismusbegriffs rät und vor einer inflationären Verwendung des Begriffs warnt, einer Position, der ich nur zustimmen kann.

Literatur
Häusler, Alexander/Fehrenschild, Michael: Faschismus in Geschichte und Gegenwart. Ein vergleichender Überblick zur Tauglichkeit eines umstrittenen Begriffs = Rosa-Luxemburg-Stiftung. Manuskripte 26, Berlin 2020 (auch als Online-Publikation)
Speckmann, Guido/Wiegel, Gerd: Faschismus, Köln 2012
Wörsching, Mathias: Faschismustheorien. Überblick und Einführung = theorie.org, Stuttgart 2020
„Was ist Faschismus?“ Ein Gespräch mit Mathias Wörsching und Alexander Häusler. Das Interview führte Pia Gomez, in: Lotta. Antifaschistische Zeitung aus NRW, Rheinland-Pfalz und Hessen, #80, Herbst 2020, Seiten 4-6

Theo Gaudig wird jetzt auch in der Wikipedia gewürdigt!

Selbstportrait Theo Gaudigs an der Drehbank, Januar 1928 als Titelbild der „Arbeiter Illustrierte Zeitung“ (AIZ), hier für die Buchveröffentlichung 1997 wiederverwendet.

Fast fünf Jahre ist es her, dass ich in diesem Blog einen kurzen Beitrag über den Essener Antifaschisten und Zeitzeugen Theo Gaudig veröffentlichte. Inzwischen hat er einen eigenen und sehr viel ausführlicheren Eintrag in der Wikipedia erhalten!

Theo Gaudig hatte ich in hohem Alter noch selbst erlebt, als er 1998 in einem Seminar der – damals noch – Universität-Gesamthochschule Essen aus seinem Leben und seiner Zeit im KZ Buchenwald erzählte. Das Seminar diente damals der Vorbereitung unserer Studienfahrt zur Gedenkstätte Buchenwald, eine Fahrt mit angehenden Diplom-Pädagog*innen, die sich für Gedenkstätten-Pädagogik interessierten. Eines der Ergebnisse daraus war übrigens meine Diplom-Arbeit 1999 „Historisches Lernen in Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus“.

2016 besuchte ich – mit einer Gruppe der DGB-Jugend MEO (Mülheim-Essen-Oberhausen) und der VVN-BdA Essen die Gedenkstätte Buchenwald erneut anlässlich der Baumpflanzung des Lebenshilfewerks Weimar/Apolda e.V. Im Rahmen des Projektes „1000 Buchen“ zum Gedenken an ihn und andere. Näheres findet sich in meinem damaligen Bericht. Sehr gefreut habe ich mich nun über eine überraschende E-Mail, die mich auf Umwegen erreicht, und mit der der Wikipedia-Autor Kontakt mit mir aufnahm. Hier geht es zum Wikipedia-Artikel über Theo Gaudig. Lesen!

Wiedergelesen: „Ökotopia“ von Ernest Callenbach

Ausgabe des Rotbuch-Verlags, Berlin, nur noch antiquarisch erhältlich.

Der Roman „Ökotopia“ von Ernest Callenbach aus den 1970er Jahren zeigt ein fiktives Land, dessen Wirtschaft und Gesellschaft sich durch eine nachhaltige Ökonomie, Dezentralisation und eine kooperative Lebenseinstellung auszeichnen. Der Autor hat hier verschiedene Möglichkeiten alternativen Lebens zusammengetragen und schildert Land und Leute aus der Sicht eines ebenso fiktiven US-amerikanischen Journalisten. Callenbachs „Ökotopia“ gehört zu den Büchern, die ich in den 1980ern mit einer großen Begeisterung las und die mich auch heute noch faszinieren.

Als Ort für seine ökologische Utopie hat Callenbach im Roman drei „ehemalige Weststaaten“ der USA mit Washington, Oregon und Nordkalifornien gewählt, die sich 1980 abgespalten und einen eigenen Staat aufgebaut haben. Im Roman besucht der Journalist William Weston als erster offizieller Besucher aus den USA im Jahre 1999 Ökotopia und schildert in seinem Notizbuch und in Artikeln für seinen Auftraggeber Eindrücke und Erlebnisse. In Berichten für seine Zeitung schildert er die Veränderungen in Produktion, Energieversorgung und Ernährung, die zu einem lebenswerten und gesunden Leben führten. Westons Vermutung, es handele sich um ein sozialistisches Wirtschaftssystem stellt sich als Irrtum heraus, trotz staatlicher Regelungen gilt bei einer 20 Stunden-Woche und einer deutlich erweiterterten Form der Mitbestimmung die private Unternehmerinitiative. Das Staatsoberhaupt ist eine Frau, Vera Allwen, US-typisch gibt es zwei demokratische Parteien: die regierende Survivalist Party und die oppositionelle Progressive Party.

Ökotopianer sehen den Menschen als soziales und biologisches Wesen an. Zum Überleben der Gattung halten sie sowohl den soziale Zusammenhalt wie eine lebensfähige Umwelt für notwendig. Eine hohe Bedeutung hat daher die Nutzung von Naturmaterialien wie Holz, aber auch ein in Ökotopia entwickelter Kunststoff, der auf natürliche Weise recyclebar ist. Eine große Rolle spielen auch Mülltrennung sowie Müllvermeidung, indem Geräte einfach reparierbar sein müssen. Autos spielen im Leben der Ökotopianer keine Rolle mehr, es gibt gemütlich ausgestattete Magnetzüge und öffentlich bereitgestellte Fahrräder, viele Wege werden zu Fuß zurückgelegt. Die Innenstadt von San Francisco wurde zu einer lebenswerten Umwelt umgestaltet, Bürohäuser zu Wohnungen und in Ladengeschäfte umgebaut. Videokonferenzen ersetzen im Geschäftsleben Geschäftsreisen.

Anstelle der klassischen Kleinfamilie wohnen viele Ökotopianer in Wohngemeinschaften zusammen. Auch Weston macht diese Erfahrung und zieht im Verlauf der Handlung vom Hotel in eine Wohngemeinschaft von Journalisten. In persönlichen Begegnungen stellte Weston wiederholt fest, wie emotional die Ökotopianer reagieren. Andererseits scheitern seine Versuche, mit einer ökotopianischen Frau eine seiner oberflächlichen Reiseaffären zu beginnen, ohne das er zunächst einen Grund dafür entdecken kann. Ökotopia hat ein hohes Maß an beruflicher und gesellschaftlicher Gleichberechtigung von Männern und Frauen erreicht. In Bezug auf die Frage, mit wem sie eine Beziehung eingehen und Kinder bekommen, haben Frauen eine dominante Position. Andererseits gestalten sich das Beziehungsleben wie die Erziehung der Kinder durch das Zusammenleben in Wohngemeinschaften einfacher als in der klassischen Kleinfamilie. Zu den problematischen Teilen des Romans gehören die „Kriegsspiele“, in denen junge Männer Konkurrenz und Aggression ausleben können, die als anthropologische Konstante gelten.

Wer in Ökotopia Bauholz verwenden möchte, muss zuvor in einem Waldcamp mitgearbeitet haben. Beim Besuch eines dieser Waldcamps lernt Weston mit Marissa Brightcloud eine beeindruckende Frau kennen und lieben. Nicht nur aus diesem Grund, sondern auch weil er das Land inzwischen zu schätzen gelernt hat und sich schließlich eine Rückkehr nach New York nicht mehr vorstellen kann, bleibt er am Ende des Romans in Ökotopia. Ernest Callenbach schildert noch viele weitere Details des ökotopianischen Lebens und seiner Gesellschaft, darunter Schule, Kultur und Sport, doch alles hier aufzuzählen würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen.

Die deutsche Ausgabe des Romans erschien 1978 im Berliner Rotbuch-Verlag und erlebte mehrere Auflagen zuletzt als Rotbuch Taschenbuch im Jahre 1990. 1983 folgte noch „Ein Weg nach Ökotopia“ im Ökotopia-Verlag, Berlin, der „Die Entstehungsgeschichte einer anderen Zukunft“ schilderte. Beide Romane sind nur noch antiquarisch erhältlich. Der Verfasser dieser ökologischen Utopie, Ernest Callenbach, wurde am 3. April 1929 in Williamsport, Pennsylvania geboren und starb am 16. April 2012 in Berkeley, Kalifornien. Er war Schriftsteller, Journalist und Universitätslehrer, hat an der Universität von Chicago und der Pariser Sorbonne studiert. An der Universität von Kalifornien in Berkeley lehrte er Filmgeschichte und -theorie und war bis 1991 Herausgeber der Zeitschrift „Film Quarterly“. Ernest Callenbach gilt neben Ursula K. Le Guin und Marge Piercy als einer der aktuellen Gesellschaftsutopisten der Gegenwart und wird mitunter zusammen mit Wells, Huxley und Orwell genannt.

Bibliografie
Ecotopia, 1975 (Ökotopia, 1978)

Ecotopia Emerging, 1981 (Ein Weg nach Ökotopia, 1983)

Mörderisches Finale auch in Gelsenkirchen

Neuausgabe 2020 von Ulli Sanders „Mörderisches Finale“.

Zufällig zur aktuellen Kampagne passend, den 8. Mai als Tag der Befreiung vom Faschismus zum Feiertag zu erklären, erschien kürzlich die Neuauflage von „Mörderisches Finale“ von Ulrich Sander. Das Buch, dessen Umfang gegenüber der ersten Auflage von 2008 um 90 Seiten gewachsen ist, schildert auf nunmehr 282 Seiten Verbrechen der Nazis gegen Kriegsende im Jahre 1945 und zeigt einmal mehr die ganze Unmenschlichkeit des Naziregimes. Die Verbrechen in der Endphase des Krieges waren sowohl örtliche Amokläufe wie Teil der Nachkriegsplanung der Nazis, unliebsame Zeugen ihrer Verbrechen und Anhänger eines demokratischen Neuaufbaus zu beseitigen.

Als die erste Auflage 2008 erschien, handelte es sich um das erste Buch zur Geschichte der Kriegsendphasenverbrechen, zusammengetragen als journalistische Arbeit auf der Basis von zahlreichen Berichten. Inzwischen hat sich auch die Geschichtswissenschaft dem Thema zugewandt. Und trotz der lange verstrichenen Zeit gab es in den vergangenen Jahren noch immer Neu- und Wiederentdeckungen oft vergessener und verdrängter Verbrechen.

In der Neuauflage kommen auch Gelsenkirchener Verbrechen vor. In der alphabetischen Auflistung der Tatorte taucht unsere Stadt mit den beiden in Gelsenkirchen bekannten Erschießungen von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern im Stadtgarten (Alt-Gelsenkirchen) und im Westerholter Wald (Gelsenkirchen-Buer) unmittelbar vor Kriegsende sowie weiteren Erschießungen an anderen Orten auf. Vor dem Polizeipräsidium in Gelsenkirchen-Buer erinnert inzwischen eine von der Arbeitsgruppe Stolpersteine in das Pflaster eingelassene Stolperschwelle an die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, im Stadtgarten eine Erinnerungsortetafel an das dortige Verbrechen. Die Recherchen von Andreas Jordan (Gelsenzentrum e.V.) zu den Vorfällen in Buer gingen in die Veröffentlichung ein.

Ulrich Sander: Mörderisches Finale. NS-Verbrechen bei Kriegsende 1945, Köln 2020

„Die Steeler Jungs – ihr Umfeld und ihre überregionale Vernetzung in der rechtsradikale Szene“

Der Pott bleibt unteilbar – Demonstration in Essen-Steele am 14.09.2019 gegen „Steeler Jungs“ und andere Rechte.

Das Gelsenkirchener Aktionsbündnis gegen Rassismus und Ausgrenzung lädt alle interessierten Menschen am 28.05.2020 von 18 bis 20 Uhr zu einem Online-Seminar mit dem Thema „Die Steeler Jungs – ihr Umfeld und ihre überregionale Vernetzung in der rechtsradikale Szene“ ein.

„Schon seit mehr als zwei Jahren sehen wir mit Besorgnis die Entwicklungen in Essen-Steele und den Versuch der ‚Steeler Jungs‘, wöchentlich eine ‚Bürgerwehr‘-Demo durchzuführen“, führt Adrianna Gorczyk vom Aktionsbündnis aus. „Seit Anfang diesen Jahres betreiben Teile dieser rechten Gruppierung in Gelsenkirchen-Ückendorf einen Kampfsportclub. Christian Willing ist dabei eine der zentralen Personen, um die sich die Steeler Jungs versammeln. Er ist Besitzer der ‚Sportsbar 300‘, in der rechtsradikale Bands auftreten. Wir freuen uns daher sehr, Max Adelmann von Essen stellt sich quer gewonnen zu haben, die inhaltlichen und strukturellen Verbindung zwischen den ‚Steeler Jungs‘ und der rechtsradikalen Szene aufzuzeigen.“

Max Adelmann, 63 Jahre, aus Essen, ist der Referent bei diesem „Webinar“. Der parteilose Adelmann engagiert sich seit mehr als zehn Jahren im Anti-Rechts-Bündnis Essen stellt sich quer, war von 2013 bis Ende 2019 einer der Sprecher des Bündnisses und gilt als profunder Kenner der rechten Szene des Ruhrgebietes. Nach dem Vortrag steht der Referent gerne für weitere Fragen zur Verfügung und anschließend soll gemeinsam über die Konsequenzen für die antifaschistische Arbeit in Gelsenkirchen diskutiert werden.

Das Webinar wird per Zoom durchgeführt. Alle Interessierten bitten wir sich über ab-ge@mailbox.org rechtzeitig anzumelden um die Zugangsdaten zu bekommen.

Personen, die rechtsextremen Parteien oder Organisationen angehören, der rechtsextremen Szene zuzuordnen sind oder bereits in der Vergangenheit durch rassistische, nationalistische, antisemitische oder sonstige menschenverachtende Äußerungen in Erscheinung getreten sind, dürfen an dieser Veranstaltung nicht teilnehmen.