Archiv der Kategorie: Kultur & Medien

„Empört euch!“ – Chor Chorrosion im Linken YouTube-Kanal

Seit 1984 mischt sich der Chor „Chorrosion“, zunächst als IG Metall-Chor, politisch-musikalisch ein. Begleiteten sie anfangs den gewerkschaftlichen Kampf für die 35-Stunden-Woche, thematisierten sie im Laufe der Jahre weitere wichtige gesellschaftspolitische Themen. So standen 2011 mit „Flucht und Schatten“ Ursachen und Folgen der Migration im Mittelpunkt, 2013 wurde mit „Arsen an Sahnehäubchen“ die Umweltpolitik kritisiert und 2015 erinnerte ein Antikriegsprogramm an den Ersten Weltkrieg. Ihr aktuelles Programm, eine Musikrevue gegen Rechts, ist ihre musikalische Antwort auf die aktuelle Rechtsentwicklung.

Auf Anregung aus der Gelsenkirchener VVN-BdA, die den Chor zum Kulturprogramm anlässlich des 70. Jahrestag der Gründung der VVN NRW 1946 bereits einmal erlebt hatte, hatte DIE LINKE. Gelsenkirchen den inzwischen freien Chor anlässlich ihres 10. Neujahrsempfangs im vergangenen Jahr in die Bleckkirche eingeladen. In diesem Blog berichtete ich damals darüber. Der Chor begann und beendete sein Programm fulminant mit „Empört euch“ nach Konstantin Wecker, dazwischen fügte er unterschiedlich bekannte Stücke mit teilweise neuen Texten zu einem aktuellen Programm gegen das Erstarken der Rechten zusammen.

In diesem Jahr findet pandemiebedingt kein Neujahrsempfang der örtlichen Linkspartei statt. Dafür, und das ist weit mehr als ein Trostpflaster, ist die Aufführung des letzten Jahres online auf YouTube (siehe oben) bzw. auf der Seite des Kreisverbandes Gelsenkirchen der DIE LINKE anzusehen und anzuhören. Es lohnt sich!

„Antifaschismus ist notwendig und gemeinnützig!“

Ausführliches Interview mit Conny Kerth, VVN-BdA Bundessprecherin im Dissens-Podcast.

Ich kann mich noch gut an die Einführung der Lokalradios in NRW erinnern und einem VHS-Seminar zum Bürgerfunk, an dem ich damals teilgenommen hatte. Eine wichtige Regel für Wortbeiträge lautete: nicht länger als 3 Minuten, danach hört niemand mehr zu. Wenn man sich heutzutage das inzwischen beliebte Format der Podcasts anhört, dann merkt man, dass diese Regel durchaus über Bord geworfen werden kann.

Eine ganze Stunde lang dauert das höchst interessante und gut geführte Interview mit der Bundesvorsitzenden der VVN-BdA, Cornelia Kerth in einer neuen Folge des Dissens-Podcast. Es geht im wesentlichen um Fragen der Gemeinnützigkeit, die der Bundesvereinigung der VVN-BdA ja vom rotrotgrünen Berliner Senat entzogen worden ist. Dabei beantwortet Conny ausführlich verschiedene damit zusammenhängende Fragen und sie schildert ihre Einschätzung, warum der VVN-BdA und anderen Akteuren der Zivilgesellschaft ausgerechnet jetzt die Gemeinnützigkeit entzogen wird. Zudem beantwortet Conny auch Fragen zu ihren Aufgaben als Bundesvorsitzende sowie ihrem perönlichen Weg in die VVN-BdA und wir erfahren zum Beispiel, dass sie jahrelang Mitglied der SPD gewesen ist. Sieht so die im bayerischen Verfassungsschutzbericht genannte „linksextremistische Beeinflussung“ aus?

Dissens ist ein linker Podcast von Lukas Ondreka, in dem er Autor*innen, Politiker*innen, Aktivist*innen und Forscher*innen interviewt. Es gibt schon über 50 Folgen und es geht oft um Antifaschismus, Feminismus oder Antirassismus. Die einzelnen Folgen dauern 45-55 Minuten. Interview-Partner*innen waren bisher u.a. der Rechtsextremismus-Experte Matthias Quent, Heike Kleffner, Martin Sonneborn, die Autorin Alice Hasters, Luisa Neubauer, Katja Kipping, um nur einige zu nennen.

Ondreka hat schon bei der Süddeutschen Zeitung gearbeitet und für die dpa und den Spiegel geschrieben. Der Podcast ist sein selbstständiges Projekt, die taz ist Partner des Podcast, er finanziert sich aber ausschließlich über Fördermitglieder. Der aktuelle Podcast wird von ihm und von der VVN-BdA auf Social Media geteilt und am Freitag auch nochmal von der taz. Die Folge kann bei Spotify (wie auch immer das zu erreichen ist, ich weiß das nicht 😉 ) oder im Browser und auch downgeloadet und offline (so habe ich das gemacht) angehört werden.

Übrigens ist nicht nur das Interview mit Conny empfehlenswert. Und: wer den Podcast unterstützen möchte, kann Fördermitglied werden.

Faschismustheorie als Werkzeug für die Gegenwart

Veröffentlichungen zu Faschismustheorien 2020.

Faschismus wurde und wird immer wieder als Kampfbegriff zur Kennzeichnung des politischen Gegners benutzt, ohne das in jedem Fall klar wird, worauf sich die Beurteilung als faschistisch stützt. Zugleich gibt es bis heute keine allgemeingültige Definition, was Faschismus ist. Zwei 2020 erschienene Publikationen beschäftigen sich aus linker Sicht mit dem Thema und zeigen, wie die verschiedenen Theorien und Erscheinungsformen für die Gegenwart als Werkzeug der Erkenntnis nutzbar gemacht werden können.

Mathias Wörsching, Berliner Historiker und Politologe, der auch die Webseite faschismustheorie.de betreibt, gibt mit seinem in der Reihe theorie.org des Schmetterling Verlags erschienenen Werk „Faschismustheorie“ einen Überblick über die im Laufe der Jahrzehnte entwickelten relevanten Faschismustheorien. Es handelt sich um eine sehr nützliche Darstellung, die unterschiedliche Sichtweisen auf den Faschismus und deren Entstehungshintergrund zeigt. Neben historischen und marxistischen Faschismustheorien referiert er auch die jüngeren angelsächsischen Theorien von Griffin und Paxton. So nutzt er am Schluss Paxtons Phasenmodell, um die Stärken und Schwächen der verschiedenen Theorien einzuschätzen. Paxton sieht Faschismus als sozialen Prozess mit den einzelnen Phasen Initiation, Aufschwung, Machtübernahme, Machtausübung, Radikalisierung oder Entropie (Rückbildung). Nach seiner Auffassung ist die politische Gefahr des Faschismus keineswegs überwunden, auf einer ersten Stufe existiere er auch heute in allen größeren Demokratien.

Für die Rosa-Luxemburg-Stiftung erstellten Alexander Häusler und Michael Fehrenschild, beides Mitarbeiter von FORENA, dem Forschungsschwerpunkt Rechtsextremismus/Neonazismus der Hochschule Düsseldorf, eine Studie zur Bedeutung des Faschismusbegriffs, die in der Reihe Manuskripte unter dem Titel „Faschismus in Geschichte und Gegenwart“ und mit dem Untertitel „ein vergleichender Überblick zur Tauglichkeit eines umstrittenen Begriffs“ erschienen ist. Neben einer inhaltsreichen Arbeitsdefinition thematisieren sie insbesondere die länderspezifischen Entwicklungen in Italien, Deutschland, Österreich und Ungarn sowie die Fragen der Abgrenzungen zwischen einem allgemeinen (generischen) Faschismusbegriff und dem Nationalsozialismus bzw. der Rechtsextremismusforschung. Besonders wertvoll wird die Studie in meinen Augen durch die im Anhang abgedruckten Interviews mit Faschismus-Experten, die beinahe die Hälfte des Buchumfangs ausmachen und zu denen auch die Redaktionen der Zeitungen „der rechte rand“ und „Lotta“ gehören.

Aufmerksam wurde ich auf beide Veröffentlichungen durch einen Artikel in der „Lotta“ #80 vom Herbst 2020. Dort findet sich unter der Überschrift „Was ist Faschismus?“ ein Interview mit Mathias Wörsching und Alexander Häusler. Weiterhin empfehlenswert ist m.E. auch die 2012 bei PapyRossa erschienene Darstellung „Faschismus“ von Guido Speckmann und Gerd Wiegel, die zu einer engen Auslegung des Faschismusbegriffs rät und vor einer inflationären Verwendung des Begriffs warnt, einer Position, der ich nur zustimmen kann.

Literatur
Häusler, Alexander/Fehrenschild, Michael: Faschismus in Geschichte und Gegenwart. Ein vergleichender Überblick zur Tauglichkeit eines umstrittenen Begriffs = Rosa-Luxemburg-Stiftung. Manuskripte 26, Berlin 2020 (auch als Online-Publikation)
Speckmann, Guido/Wiegel, Gerd: Faschismus, Köln 2012
Wörsching, Mathias: Faschismustheorien. Überblick und Einführung = theorie.org, Stuttgart 2020
„Was ist Faschismus?“ Ein Gespräch mit Mathias Wörsching und Alexander Häusler. Das Interview führte Pia Gomez, in: Lotta. Antifaschistische Zeitung aus NRW, Rheinland-Pfalz und Hessen, #80, Herbst 2020, Seiten 4-6

Theo Gaudig wird jetzt auch in der Wikipedia gewürdigt!

Selbstportrait Theo Gaudigs an der Drehbank, Januar 1928 als Titelbild der „Arbeiter Illustrierte Zeitung“ (AIZ), hier für die Buchveröffentlichung 1997 wiederverwendet.

Fast fünf Jahre ist es her, dass ich in diesem Blog einen kurzen Beitrag über den Essener Antifaschisten und Zeitzeugen Theo Gaudig veröffentlichte. Inzwischen hat er einen eigenen und sehr viel ausführlicheren Eintrag in der Wikipedia erhalten!

Theo Gaudig hatte ich in hohem Alter noch selbst erlebt, als er 1998 in einem Seminar der – damals noch – Universität-Gesamthochschule Essen aus seinem Leben und seiner Zeit im KZ Buchenwald erzählte. Das Seminar diente damals der Vorbereitung unserer Studienfahrt zur Gedenkstätte Buchenwald, eine Fahrt mit angehenden Diplom-Pädagog*innen, die sich für Gedenkstätten-Pädagogik interessierten. Eines der Ergebnisse daraus war übrigens meine Diplom-Arbeit 1999 „Historisches Lernen in Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus“.

2016 besuchte ich – mit einer Gruppe der DGB-Jugend MEO (Mülheim-Essen-Oberhausen) und der VVN-BdA Essen die Gedenkstätte Buchenwald erneut anlässlich der Baumpflanzung des Lebenshilfewerks Weimar/Apolda e.V. Im Rahmen des Projektes „1000 Buchen“ zum Gedenken an ihn und andere. Näheres findet sich in meinem damaligen Bericht. Sehr gefreut habe ich mich nun über eine überraschende E-Mail, die mich auf Umwegen erreicht, und mit der der Wikipedia-Autor Kontakt mit mir aufnahm. Hier geht es zum Wikipedia-Artikel über Theo Gaudig. Lesen!

Wiedergelesen: „Ökotopia“ von Ernest Callenbach

Ausgabe des Rotbuch-Verlags, Berlin, nur noch antiquarisch erhältlich.

Der Roman „Ökotopia“ von Ernest Callenbach aus den 1970er Jahren zeigt ein fiktives Land, dessen Wirtschaft und Gesellschaft sich durch eine nachhaltige Ökonomie, Dezentralisation und eine kooperative Lebenseinstellung auszeichnen. Der Autor hat hier verschiedene Möglichkeiten alternativen Lebens zusammengetragen und schildert Land und Leute aus der Sicht eines ebenso fiktiven US-amerikanischen Journalisten. Callenbachs „Ökotopia“ gehört zu den Büchern, die ich in den 1980ern mit einer großen Begeisterung las und die mich auch heute noch faszinieren.

Als Ort für seine ökologische Utopie hat Callenbach im Roman drei „ehemalige Weststaaten“ der USA mit Washington, Oregon und Nordkalifornien gewählt, die sich 1980 abgespalten und einen eigenen Staat aufgebaut haben. Im Roman besucht der Journalist William Weston als erster offizieller Besucher aus den USA im Jahre 1999 Ökotopia und schildert in seinem Notizbuch und in Artikeln für seinen Auftraggeber Eindrücke und Erlebnisse. In Berichten für seine Zeitung schildert er die Veränderungen in Produktion, Energieversorgung und Ernährung, die zu einem lebenswerten und gesunden Leben führten. Westons Vermutung, es handele sich um ein sozialistisches Wirtschaftssystem stellt sich als Irrtum heraus, trotz staatlicher Regelungen gilt bei einer 20 Stunden-Woche und einer deutlich erweiterterten Form der Mitbestimmung die private Unternehmerinitiative. Das Staatsoberhaupt ist eine Frau, Vera Allwen, US-typisch gibt es zwei demokratische Parteien: die regierende Survivalist Party und die oppositionelle Progressive Party.

Ökotopianer sehen den Menschen als soziales und biologisches Wesen an. Zum Überleben der Gattung halten sie sowohl den soziale Zusammenhalt wie eine lebensfähige Umwelt für notwendig. Eine hohe Bedeutung hat daher die Nutzung von Naturmaterialien wie Holz, aber auch ein in Ökotopia entwickelter Kunststoff, der auf natürliche Weise recyclebar ist. Eine große Rolle spielen auch Mülltrennung sowie Müllvermeidung, indem Geräte einfach reparierbar sein müssen. Autos spielen im Leben der Ökotopianer keine Rolle mehr, es gibt gemütlich ausgestattete Magnetzüge und öffentlich bereitgestellte Fahrräder, viele Wege werden zu Fuß zurückgelegt. Die Innenstadt von San Francisco wurde zu einer lebenswerten Umwelt umgestaltet, Bürohäuser zu Wohnungen und in Ladengeschäfte umgebaut. Videokonferenzen ersetzen im Geschäftsleben Geschäftsreisen.

Anstelle der klassischen Kleinfamilie wohnen viele Ökotopianer in Wohngemeinschaften zusammen. Auch Weston macht diese Erfahrung und zieht im Verlauf der Handlung vom Hotel in eine Wohngemeinschaft von Journalisten. In persönlichen Begegnungen stellte Weston wiederholt fest, wie emotional die Ökotopianer reagieren. Andererseits scheitern seine Versuche, mit einer ökotopianischen Frau eine seiner oberflächlichen Reiseaffären zu beginnen, ohne das er zunächst einen Grund dafür entdecken kann. Ökotopia hat ein hohes Maß an beruflicher und gesellschaftlicher Gleichberechtigung von Männern und Frauen erreicht. In Bezug auf die Frage, mit wem sie eine Beziehung eingehen und Kinder bekommen, haben Frauen eine dominante Position. Andererseits gestalten sich das Beziehungsleben wie die Erziehung der Kinder durch das Zusammenleben in Wohngemeinschaften einfacher als in der klassischen Kleinfamilie. Zu den problematischen Teilen des Romans gehören die „Kriegsspiele“, in denen junge Männer Konkurrenz und Aggression ausleben können, die als anthropologische Konstante gelten.

Wer in Ökotopia Bauholz verwenden möchte, muss zuvor in einem Waldcamp mitgearbeitet haben. Beim Besuch eines dieser Waldcamps lernt Weston mit Marissa Brightcloud eine beeindruckende Frau kennen und lieben. Nicht nur aus diesem Grund, sondern auch weil er das Land inzwischen zu schätzen gelernt hat und sich schließlich eine Rückkehr nach New York nicht mehr vorstellen kann, bleibt er am Ende des Romans in Ökotopia. Ernest Callenbach schildert noch viele weitere Details des ökotopianischen Lebens und seiner Gesellschaft, darunter Schule, Kultur und Sport, doch alles hier aufzuzählen würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen.

Die deutsche Ausgabe des Romans erschien 1978 im Berliner Rotbuch-Verlag und erlebte mehrere Auflagen zuletzt als Rotbuch Taschenbuch im Jahre 1990. 1983 folgte noch „Ein Weg nach Ökotopia“ im Ökotopia-Verlag, Berlin, der „Die Entstehungsgeschichte einer anderen Zukunft“ schilderte. Beide Romane sind nur noch antiquarisch erhältlich. Der Verfasser dieser ökologischen Utopie, Ernest Callenbach, wurde am 3. April 1929 in Williamsport, Pennsylvania geboren und starb am 16. April 2012 in Berkeley, Kalifornien. Er war Schriftsteller, Journalist und Universitätslehrer, hat an der Universität von Chicago und der Pariser Sorbonne studiert. An der Universität von Kalifornien in Berkeley lehrte er Filmgeschichte und -theorie und war bis 1991 Herausgeber der Zeitschrift „Film Quarterly“. Ernest Callenbach gilt neben Ursula K. Le Guin und Marge Piercy als einer der aktuellen Gesellschaftsutopisten der Gegenwart und wird mitunter zusammen mit Wells, Huxley und Orwell genannt.

Bibliografie
Ecotopia, 1975 (Ökotopia, 1978)

Ecotopia Emerging, 1981 (Ein Weg nach Ökotopia, 1983)

Mörderisches Finale auch in Gelsenkirchen

Neuausgabe 2020 von Ulli Sanders „Mörderisches Finale“.

Zufällig zur aktuellen Kampagne passend, den 8. Mai als Tag der Befreiung vom Faschismus zum Feiertag zu erklären, erschien kürzlich die Neuauflage von „Mörderisches Finale“ von Ulrich Sander. Das Buch, dessen Umfang gegenüber der ersten Auflage von 2008 um 90 Seiten gewachsen ist, schildert auf nunmehr 282 Seiten Verbrechen der Nazis gegen Kriegsende im Jahre 1945 und zeigt einmal mehr die ganze Unmenschlichkeit des Naziregimes. Die Verbrechen in der Endphase des Krieges waren sowohl örtliche Amokläufe wie Teil der Nachkriegsplanung der Nazis, unliebsame Zeugen ihrer Verbrechen und Anhänger eines demokratischen Neuaufbaus zu beseitigen.

Als die erste Auflage 2008 erschien, handelte es sich um das erste Buch zur Geschichte der Kriegsendphasenverbrechen, zusammengetragen als journalistische Arbeit auf der Basis von zahlreichen Berichten. Inzwischen hat sich auch die Geschichtswissenschaft dem Thema zugewandt. Und trotz der lange verstrichenen Zeit gab es in den vergangenen Jahren noch immer Neu- und Wiederentdeckungen oft vergessener und verdrängter Verbrechen.

In der Neuauflage kommen auch Gelsenkirchener Verbrechen vor. In der alphabetischen Auflistung der Tatorte taucht unsere Stadt mit den beiden in Gelsenkirchen bekannten Erschießungen von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern im Stadtgarten (Alt-Gelsenkirchen) und im Westerholter Wald (Gelsenkirchen-Buer) unmittelbar vor Kriegsende sowie weiteren Erschießungen an anderen Orten auf. Vor dem Polizeipräsidium in Gelsenkirchen-Buer erinnert inzwischen eine von der Arbeitsgruppe Stolpersteine in das Pflaster eingelassene Stolperschwelle an die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, im Stadtgarten eine Erinnerungsortetafel an das dortige Verbrechen. Die Recherchen von Andreas Jordan (Gelsenzentrum e.V.) zu den Vorfällen in Buer gingen in die Veröffentlichung ein.

Ulrich Sander: Mörderisches Finale. NS-Verbrechen bei Kriegsende 1945, Köln 2020

„Die Steeler Jungs – ihr Umfeld und ihre überregionale Vernetzung in der rechtsradikale Szene“

Der Pott bleibt unteilbar – Demonstration in Essen-Steele am 14.09.2019 gegen „Steeler Jungs“ und andere Rechte.

Das Gelsenkirchener Aktionsbündnis gegen Rassismus und Ausgrenzung lädt alle interessierten Menschen am 28.05.2020 von 18 bis 20 Uhr zu einem Online-Seminar mit dem Thema „Die Steeler Jungs – ihr Umfeld und ihre überregionale Vernetzung in der rechtsradikale Szene“ ein.

„Schon seit mehr als zwei Jahren sehen wir mit Besorgnis die Entwicklungen in Essen-Steele und den Versuch der ‚Steeler Jungs‘, wöchentlich eine ‚Bürgerwehr‘-Demo durchzuführen“, führt Adrianna Gorczyk vom Aktionsbündnis aus. „Seit Anfang diesen Jahres betreiben Teile dieser rechten Gruppierung in Gelsenkirchen-Ückendorf einen Kampfsportclub. Christian Willing ist dabei eine der zentralen Personen, um die sich die Steeler Jungs versammeln. Er ist Besitzer der ‚Sportsbar 300‘, in der rechtsradikale Bands auftreten. Wir freuen uns daher sehr, Max Adelmann von Essen stellt sich quer gewonnen zu haben, die inhaltlichen und strukturellen Verbindung zwischen den ‚Steeler Jungs‘ und der rechtsradikalen Szene aufzuzeigen.“

Max Adelmann, 63 Jahre, aus Essen, ist der Referent bei diesem „Webinar“. Der parteilose Adelmann engagiert sich seit mehr als zehn Jahren im Anti-Rechts-Bündnis Essen stellt sich quer, war von 2013 bis Ende 2019 einer der Sprecher des Bündnisses und gilt als profunder Kenner der rechten Szene des Ruhrgebietes. Nach dem Vortrag steht der Referent gerne für weitere Fragen zur Verfügung und anschließend soll gemeinsam über die Konsequenzen für die antifaschistische Arbeit in Gelsenkirchen diskutiert werden.

Das Webinar wird per Zoom durchgeführt. Alle Interessierten bitten wir sich über ab-ge@mailbox.org rechtzeitig anzumelden um die Zugangsdaten zu bekommen.

Personen, die rechtsextremen Parteien oder Organisationen angehören, der rechtsextremen Szene zuzuordnen sind oder bereits in der Vergangenheit durch rassistische, nationalistische, antisemitische oder sonstige menschenverachtende Äußerungen in Erscheinung getreten sind, dürfen an dieser Veranstaltung nicht teilnehmen.

Amüsante Verschwörungstheorie im Horrorcomic

Die aktuelle Ausgabe des Horrorcomics thematisiert auf unterhaltsame Weise Verschwörungstheorien.

Unheimlich aktuell ist der kleine Verlag Weissblech Comics mit seiner jüngsten Ausgabe der „Hammerharten Horrorschocker“. Denn nicht erst angesichts der Corona-Pandemie sprießen die Verschwörungstheorien aus dem Internet wie Fliegenpilze aus dem Waldboden. Eine davon hat Levin Kurio in „Ich war Zeugin der Reptiloiden-Konferenz!“ aufs Korn genommen.

Wie man auf der Internetseite weissblechcomics.com nachlesen kann, ist das ganze natürlich nicht so ernst gemeint. Denn, so fand Kurio heraus, „widersprachen sich die gesichteten Quellen bisweilen in Kapitelabstand.“ (Wie das eben so bei Verschwörungstheorien ist.) Herausgekommen ist ein unterhaltsamer Horrorcomic, in dem Maria S. nach einem Zusammenstoß mit einem Laternenpfahl plötzlich die Reptiloiden erkennt, die dabei sind unerkannt unseren Planeten zu übernehmen. Erinnert zu Beginn ein bisschen an John Carpenters „Sie leben!“, geht dann aber zum Glück in einer andere Richtung, die mehr dem Weissblech-Horror entspricht. Mehr werde ich hier nicht verraten, vor allem nicht, ob es ein Happy End gibt oder nicht.

„Hammerharte Horrorschocker“ erscheint seit 2004 und das ohne das übliche Lizenzmaterial aus den USA oder Italien. Vielmehr sorgen eine Vielzahl einheimischer Künstler*innen für eine zeichnerische wie inhaltliche Vielfalt. Und wer mag, kann sich zu diesem Comic auch gleich noch den passenden Pandemie-Mund-Nasen-Schutz Marke „Reptiloid“ besorgen. Wer den beim nächsten Einkauf im Supermarkt aufsetzt, hat wahrscheinlich keine Probleme mit dem Abstand 😉

Ostermarsch Rhein-Ruhr 2020 mal ganz anders (mit Update)

Der Aufruf für den virtuellen Ostermarsch Rhein Ruhr 2020.

Angesichts der bekannten erheblichen Einschränkungen des öffentlichen Lebens kann der Ostermarsch Rhein-Ruhr in diesem Jahr nicht wie gewohnt stattfinden. Es gibt allerdings Bestrebungen, alternative Formen zu finden, um die Inhalte der Friedensbewegung in die Öffentlichkeit zu transportieren. Das Friedensforum Gelsenkirchen hat aus diesem Grund ein beeindruckendes Programm auf seiner Homepage zusammengestellt. Auch die Gelsenkirchener Linke plant einen eigenen Videobeitrag. Nicht zuletzt zeigt die Corona-Pandemie uns allen wie systemrelevant unser Gesundheitswesen und wie schädlich Militärausgaben für die öffentliche Gesundheit sind.

In Gelsenkirchen fand in den letzten Jahren am Ostersonntag im Stadtgarten der Empfang des aus Essen kommenden Ostermarsches statt. In diesem Jahr haben die Aktiven des Friedensforums Gelsenkirchen neben einer Rede von Hildegard Maier am Antifaschistischen Mahnmal im Stadtgarten zwei Lieder von Karmelita und Leo auf Video aufgezeichnet und auf die Webseite des Friedensforums gestellt. Eine weitere Aufzeichnung, „We shall overcome“, vorgetragen von Inga und Kristina, runden das alternative virtuelle Online-Veranstaltungsprogramm ab.

Die Organisatoren des städteübergreifenden Ostermarsches Rhein-Ruhr schlagen darüber hinaus vor, Flyer oder Plakate des Ostermarsches ins Fenster der Wohnung oder des Autos zu hängen. Diese Fotos sollen dann gesammelt auf der Seite des Ostermarsches Rhein-Ruhr gezeigt werden. Fotos könne an die E-Mail-Adresse Kontakt2020@ostermarsch-ruhr.de oder per WhatsApp an 0178 371 6915 geschickt werden. Erste Bilder können jetzt schon hier angesehen werden.

Ab Karsamstag um 12 Uhr werden auf der Seite des Ostermarsches Rhein-Ruhr Videos mit Reden und Kulturbeiträgen zu sehen sein.

Update

Zu Recht sind aus der Friedensbewegung Forderungen zu hören, die aus der aktuellen Krise Konsequenzen für zukünftige Politik ziehen wollen. Vielerorts wird nun die Bundeswehr als Unterstützung gegen die Pandemie eingesetzt, sie stellt Transportkapazitäten und unterstützt medizinische Einrichtungen. Das zeigt aber nicht, dass wir die Bundeswehr im Innern brauchen, sondern verdeutlicht die Defizite unseres Gesundheitssektors und die Unterfinanzierung des zivilen Katastrophenschutzes. Während der Rüstungsetat dieses Jahr 45,1 Milliarden Euro beträgt – ein Anstieg von 37 % innerhalb von fünf Jahren – fehlen diese Mittel in Krankenhäusern und anderen zivilen Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen!

Es war selten so offensichtlich: Die Bundesregierung setzt beim Thema Sicherheit falsche Prioritäten. Eine Regierung, die ihre Bevölkerung schützen möchte, muss in die Gesundheitsvorsorge, den Katastrophenschutz und die Bekämpfung des Klimawandels investieren anstatt in Panzer und Waffen. Nur so kann langanhaltender und nachhaltiger Frieden entstehen.

Martin Gatzemeier, DIE LINKE-Fraktionsvorsitzender und Oberbürgermeister-Kandidat bei der kommenden Kommunalwahl, mit einem Beitrag zum virtuellen Ostermarsch vom Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus in Gelsenkirchen. „Wir fordern die Solidarität von allen. Nicht nur in der Krise, sondern vor allem nach der Krise, so dass wir auch weiterhin sagen können: Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus!“

Silvia Rölle, Landessprecherin der VVN-BdA NRW mit einem Beitrag zum virtuellen Ostermarsch in der Landesgeschäftsstelle. „Aus leidvoller Erfahrungen unserer Gründungsväter und -mütter der VVN wissen wir was passiert wenn Freiheitsrechte und andere Schutzrechte abgebaut werden. Der Faschismus hat uns gelehrt wachsam zu sein. Das sollten wir auch jetzt in Zeiten von Corona sein.“

„Empört euch“ – Neujahrsempfang der Die Linke mit einer musikalischen Revue gegen Rechts

Eine musikalische Revue gegen Rechts vom Chor Chorrosion beim Linken Neujahrsempfang in der Bleckkirche.

Anlässlich des 10. Neujahrsempfangs des Kreisverbandes Gelsenkirchen der Die Linke hat diese sich etwas ganz besonderes einfallen lassen. Der Bochumer IG Metall Chor „Chorrosion“ führte eine beeindruckende musikalische Revue gegen Rechts in der Bleckkirche auf, wo Die Linke zum dritten Mal zu Gast war.

Nach der Begrüßung durch den Hausherrn, Pfarrer Thomas Schöps, der über den Hintergrund der ältesten Kirche Gelsenkirchens informierte, sowie einleitenden Worten von Vertretern der Linken, trat der Chor Chorrosion auf. Hervorgegangen aus einer Arbeitsgruppe der IG Metall Bochum, tritt er inzwischen zu vielen Gelegenheiten mit interessanten Programmen auf. Sie begannen und beendeten ihr Programm fulminant mit „Empört euch“ nach Konstantin Wecker, dazwischen fügten sie unterschiedlich bekannte Stücke mit teilweise neuen Texten zu einem aktuellen Programm gegen das Erstarken der Rechten zusammen.

Bemerkenswert waren bekannten Melodien wie zum Beispiel „Always look on the brigth side“ aus Monty Pythons Life of Brian, die sie mit aktuellen Texten versahen, in diesem Fall zur „Sozial“politik der AfD. Daneben gab es bekannte Stücke wie „Ermutigung“ von Wolf Biermann, „Rosen auf den Weg gestreut“ von Kurt Tucholsky und Hans Eisler oder das italienische Partisanenlied „Bella Ciao“. Zum Lachen reizte die Leute um mich herum „echte Zitate von Bürgermeister und Konrad-Adenauer-Stiftung“ für Migranten.

Eine musikalische Revue gegen Rechts vom Chor Chorrosion beim Linken Neujahrsempfang in der Bleckkirche.

Als Zugabe sangen wir alle gemeinsam das „Solidaritätslied“ und die „Resolution der Kommunarden“. Im Anschluss gab es wie immer leckere Gespräche und gutes Essen und die Möglichkeit, viele bekannte Gesichter wieder zu treffen. Das „Rote Gesocks“, die Linksjugend Gelsenkirchen hat die Revue mit drei Kameras aufgezeichnet. Ich freue mich jetzt schon auf das schnittfertige Ergebnis – auch für alle, die nicht dabei sein konnten oder wollten.

Gutbesuchter Linker Neujahrsempfang im sakralen Raum der Bleckkirche.

Am Rande warb Die Linke auch für die Antifaschistische Stadtrundfahrt, die sie im Rahmen der Aktionswochen zum Holocaust-Gedenktag im Gelsenkirchener Aktionsbündnis gegen Rassismus und Ausgrenzung durchführt.