Archiv der Kategorie: Geschichte

Wirtschaftsführer und Kriegsgewinnler

Buchveröffentlichung des RuhrEcho-Verlags, Bochum.

„Verbrechen der Wirtschaft“ von Günter Gleising zeigt Anteil und Interesse der Ruhrbarone und von führenden Industriellen Deutschlands an der Errichtung der Nazi-Herrschaft, an der Aufrüstungs- und Kriegspolitik und der Ausplünderung der eroberten Gebiete. Das Kriegsende 1945 bedeutete für ihre Geschäfte nur eine kurze Unterbrechung, die bald wieder florierten.

Günter Gleising, Mitglied der VVN-BdA Bochum, stellt deutlich die Interessen der wirtschaftlichen Elite der Weimarer Republik dar, die gegen Republik, Betriebsräte und Gewerkschaften und für die Wiederaufrüstung nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg standen. Ausgehend von der Fragestellung, wie es der NSDAP gelingen konnte, innerhalb weniger Jahre von einer Splittergruppe zur einflussreichsten Kraft Deutschlands zu werden und wie es Nazi-Deutschland innerhalb von sechs Jahren gelingen konnte, halb Europa mit Krieg zu überziehen, zeigt er die Unterstützung, die Hitler und seine Partei durch führende Industrielle genoss.

Begünstigt wurde die Machtstellung der Wirtschaft durch eine beispiellose Konzentration der Schwerindustrie im Ruhrgebiet, die Krupp, Thyssen, Flick und anderen einen außerordentlichen Einfluss gab, während gleichzeitig die katastrophalen Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise auf die kleinen Leute abgewälzt wurde. Die Interessen der Wirtschaftsführer an der Beseitigung aller demokratischen und humanistischen Hemmnisse, die ihrem Gewinnstreben entgegenstanden, traf sich mit Hitlers politischem Programm und Politik.

Gleising belegt anhand zahlreicher Dokumente, wie Hitler und die NSDAP ab 1925 ihre Macht ausbauen und dabei durch führende Industrielle unterstützt wurden, bis ihm am 30. Januar 1933 vom Reichspräsidenten Hindenburg die Kanzlerschaft angetragen wurde. Mit der Machtübertragung an die Nazis begann für die Konzerne wieder das große Geschäft: Rüstungsaufträge, Arisierungen, Ausplünderung eroberter Gebiete und Sklavenarbeit bildeten das Geschäftsmodell, dass Gleising anhand zahlreicher Beispiele aus Bochum und den Nachbarstädten zeigt.

Bei allem Lob für die Veröffentlichung darf eine Kritik an der faktenreichen Darstellung nicht fehlen: gelegentlich hat man als geneigter Leser den Eindruck, von der Vielzahl der Fakten schier erschlagen zu werden ohne die Gelegenheit zu bekommen, beim Lesen innezuhalten. Trotzdem gibt es eine klare Empfehlung für dieses Buch, das sich nahtlos in die Spurensuche und Kennzeichnung der Tatorte der „Verbrechen der Wirtschaft an Rhein und Ruhr 1933-1945“ der VVN-BdA NRW einfügt und weit darüber hinausweist.

Lesenswert ist „Verbrechen der Wirtschaft“ auch nicht nur als historische Darstellung. In seinem Vorwort erinnert Ulrich Sander, Bundessprecher der VVN-BdA daran, dass die Ministerin Andrea Nahles 2016 aus dem Armutsbericht der Bundesregierung einen Satz streichen ließ, der den Einfluss der Reichen auf die Politik zeigt. Trotzdem – eine Binsenweisheit – besteht dieser Einfluss 1933 wie heute. Günter Gleisings „Verbrechen der Wirtschaft“ zeigt am historischen Beispiel, was zuviel Macht auf der Kapitalseite anrichtet. So ist aus dieser Geschichte zu lernen, dass und warum sie sich nicht wiederholen darf.

Gleising, Günter: Verbrechen der Wirtschaft. Der Anteil der Wirtschaft an der Errichtung der Nazidiktatur, der Aufrüstungs- und Kriegspolitik im Ruhrgebiet 1925-1945, RuhrEcho Verlag, Bochum, 2017, 267 Seiten, 18 Euro

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Eindrücke aus Danzig und Gdańsk

Touristenattraktion Danzig heute, wie es 1945 wieder aufgebaut worden ist.

Zum dritten Mal nutzte ich die Gelegenheit, mit dem DGB-Bildungswerk NRW e.V. eine polnische Stadt in Geschichte und Gegenwart kennen zu lernen. Nach Bildungsurlauben in Warschau (2015) und Lodz (2016) folgte dieses Mal Gdańsk/Danzig. „Stätten des Naziterrors – Studienseminar in Gdańsk/Danzig“ führte uns vom 27.08. bis 01.09.2017 auch zur KZ-Gedenkstätte Stutthof, zum in Polen umstrittenen „Museum des Zweiten Weltkriegs“ und zur Westerplatte, wo Nazi-Deutschland am 1. September 1939 um 4.45 Uhr den Zweiten Weltkrieg entfesselte. Einige Orte besuchte ich – teilweise erneut – nach dem Ende des Seminars auf eigene Faust.

Gdańsk ist heute eine Stadt mit 460.000 Einwohnern und im Norden Polens im Weichseldelta an der Ostsee gelegen. Die Stadt hat eine komplizierte Geschichte hinter sich. Danzig war im Mittelalter Hansestadt, wurde 1308 für rund 150 Jahre von den Rittern des Deutschen Ordens erobert, gehörte zu den größten Städten der Polnischen Adelsrepublik und wurde mit der zweiten polnischen Teilung 1793 erst ein Teil Preußens und 1871 ein Teil des Deutschen Reichs. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde es trotz mehrheitlich deutschsprachiger Bevölkerung 1920 zur „Freien Stadt“ erklärt und in das polnische Zollgebiet eingeschlossen. 1939 wurde es von Nazi-Deutschland „heim ins Reich“ geholt. 1945 wurde es endgültig an Polen angegliedert. Die deutsche Bevölkerung wurde vertrieben und durch ebenfalls vertriebene Polen aus den verlorenen polnischen Ostgebieten ersetzt. Im August 1980 wurde hier die unabhängige Gewerkschaft „Solidarność“ gegründet, die den Weg zu einem von der Sowjetunion unabhängigen Polen ebnete und zum Fall des „Eisernen Vorhangs“ führte, der Europa bis 1989 teilte.

Meine selbstorganisierte Anreise führte mich mit der polnischen Fluggesellschaft „LOT“ über Warschau nach Gdańsk. Wurde der Warschauer Flughafen nach dem Komponisten Frederic Chopin benannt, so ist der mit der „Solidarność“ verbundene Lech Walesa der Namensgeber für den Flughafen in Gdańsk. Auffallend viele Flüge kamen aus Skandinavien, was die Nähe der Ostseeanrainer zueinander zeigt. Das Seminar begann mit einer Vorstellungsrunde und einer Stadtführung. Letztere erfolgte sehr unterhaltsam auf humorvolle und subjektive Weise und war verbunden mit einem Schnelldurchgang durch zehn Jahrhunderte Danziger Geschichte. Interessant waren auch die Aspekte, die wir zum Wiederaufbau der Rechtsstadt nach 1945 erfuhren. Ohne die Leistungen des Wiederaufbaus zu schmälern, lässt sich die für Touristen attraktive Altstadt als hübsche „Theaterkulisse“ bezeichnen.

Zwei ausgewählte Eindrücke der Westerplatte: eine Freiluftausstellung, die den Ort erklärt (links), und ein Erinnerungsort an die Verteidiger der Westerplatte (rechts).

Verbunden mit einer Hafenrundfahrt besuchten wir anschließend die Westerplatte. Die Westerplatte ist für Polen ein nationales Symbol für den heldenhaften Widerstand im Zweiten Weltkrieg. Die Halbinsel in der Danziger Bucht diente in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen als militärisches Transitlager für Polen. Hier entfesselte Nazi-Deutschland den Zweiten Weltkrieg, als die „Schleswig-Holstein“ am 1. September 1939 um 4.45 Uhr mit dem Beschuss der Westerplatte begann. Die polnische Besatzung verteidigte sich unerwartet lange und kapitulierte erst am 7. September. Heute befindet sich hier unter anderem ein Denkmal, eine Gedenkstätte für die Verteidiger der Westerplatte und eine Ausstellung, die den Ort erklärt. Am 1. September 2017 fand hier um 4.45 Uhr eine jährlich stattfindende Gedenkveranstaltung statt.

Das wiederaufgebaute Gebäude der früheren Polnischen Post des Freistaats Danzig (links) und das Denkmal für die Verteidiger der Polnischen Post (rechts).

Im Westen vor allem durch Günter Grass „Die Blechtrommel“ bekannt geworden ist die Verteidigung der Polnischen Post. Polen hatte durch den Versailler Vertrag am Ende des Ersten Weltkriegs das Recht erhalten, einen eigenen Post-, Telefon- und Telegrafendienst zu verwalten. Mit dem deutschen Angriff auf die Westerplatte wurden auch die in Danzig befindlichen polnischen Einrichtungen besetzt. Der Angriff von Polizei und SS auf das Gebäude der Postdirektion und des Postamtes Nr. 1 stieß dort auf Widerstand. Die Postangestellten ergaben sich erst am späten Nachmittag. Das Postgebäude dient heute gleichermaßen als Postgebäude und als Museum, das eine Ausstellung über die Verteidigung der Polnischen Post wie über die Situation der polnischen Minderheit in der Freien Stadt Danzig beherbergt. Am 1. September war der Eintritt übrigens frei.

Eingangsbereich der KZ-Gedenkstätte Stutthof, links eine Jugendgruppe, rechts unsere Gruppe hinter dem rekonstruierten Lagertor.

Der zweite Tag führte uns hinaus auf die Frische Nehrung. Hier hatten die Nazis bereits am 2. September 1939 das Konzentrationslager Stutthof errichtet, das bis 1942 den lokalen Nazibehörden unterstand. Hier wurden rund 50 Kilometer von Danzig entfernt, umgeben von Kiefernwäldern und eingeschlossen von Ostsee und Haff, 120.000 Menschen inhaftiert. Die Hälfte von ihnen hat das Konzentrationslager nicht überlebt. Die Führung erfolgte durch einen wissenschaftlichen Mitarbeiter der Gedenkstätte, der über deutsche Häftlinge im KZ Stutthof forscht. Wir erfuhren, dass hier überwiegend Polen eingesperrt waren, aber gegen Kriegsende auch einige finnische Seeleute und norwegische Polizisten.

KZ-Gedenkstätte Stutthof: links das alte Lager, rechts das Mahnmal.

Das „Muzeum Stutthof w Sztutowie“ machte einen für mich irritierend aufgeräumten Eindruck. Es gab ein rekonstruiertes Lagertor sowie jeweils eine Reihe Baracken rechts und links, in denen neben originalen Einrichtungsgegenständen auch Ausstellungstafeln zu verschiedenen Themen untergebracht waren. Die Gebäude in der Mitte des Lagers waren nur an den Fundamenten zu erahnen. Eine bemerkenswerte Ausstellung zeigte die Veränderung des KZs in den verschiedenen Jahren. Ein sehr großes Modell zeigte die weitläufige Aufteilung des Lagers in seiner gesamten Ausdehnung. Im hinteren Teil gab es eine mit Stacheldraht zugesperrte Gaskammer und ein Krematorium zu besichtigen, dessen Öfen und Boden original erhalten waren. Des weiteren waren ein Mahnmal und eine Freiluftausstellung über das geheime Schul- und Bildungswesen der Polinnen im KZ Ravensbrück zu sehen.

Am dritten Tag, es war zugleich der sommerlichste Tag der ganzen Woche, besuchten wir zwei Museen hintereinander. Zuerst das in Polen umstrittene „Muzeum II Wojny Swiatowej“ (Museum des Zweiten Weltkriegs), danach das „Europejskie Centrum Solidarnośći“ (Europäisches Solidarność-Zentrum).

Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig.

Das Museum des Zweiten Weltkriegs wird von der derzeitigen, nationalistischen Regierung Polens angefeindet, da es zu wenig die polnische Sicht darstellen würde. Tatsächlich zeigt das Museum sehr viel mehr als eine polnische Sicht des Zweiten Weltkriegs. Es beginnt sehr weit vor 1939, nämlich mit dem Untergang des Vorkriegseuropas im Ersten Weltkriegs 1914 bis 1918. Es thematisiert den Aufstieg des Kommunismus in der Sowjetunion, des Faschismus in Italien und des Nationalsozialismus in Deutschland. Dachte ich zunächst, dass hier nur wieder die Totalitarismustheorie fröhliche Urstände feiert, geht die Ausstellung weiter. Es folgen der Francismus in Spanien und der Imperialismus Japans.

In allen drei Teilen der Ausstellung, Wege zum Krieg, Schrecken des Krieges und der lange Schatten des Krieges, schafft es die Ausstellung, viele, viele unterschiedliche Seiten zu beleuchten. Die militärische Seite des Weltkrieges spielt dabei nur eine kleine Rolle, im Vordergrund steht das Leiden der Zivilbevölkerung durch Bombenkrieg, Blockade, Umsiedlung, Konzentrationslager und Holocaust. Verbunden sind historische Abläufe mit Einzelschicksalen, die auf unterschiedliche Weise in der Ausstellung präsentiert werden. Eine Fülle an Portraitfotos versucht die unbegreifliche Zahl Ermordeter fassbar zu machen.

Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig.

Auch die Architektur ist Bestandteil der Ausstellung. Schräge Wände und dunkle Ecken symbolisieren Enge und Unwegsamkeit. Nach zahlreichen dunklen Räumen tritt man plötzlich in einen hellerleuchteten Raum, der den Atombombenabwurf auf Hiroshima thematisiert. Ich kann mich nicht erinnern, bisher eine derartige, wirklich multiperspektivische Ausstellung zum Zweiten Weltkrieg gesehen zu haben, der alle Kriegsschauplätze umfasst. Es wäre eine Schande, diese Dauerausstellung wieder aufzulösen!

Die Aufteilung Polens zeigt links eine Darstellung im Museum des Warschauer Aufstands (Warschau). Der Unterschied zum Museum des Zweiten Weltkriegs (Danzig) ist rechts deutlich erkennbar: das aufgeteilte Polen liegt in Europa.

Selbstverständlich war ich daran interessiert, als bleibendes Erinnerungsstück an diese Ausstellung einen Ausstellungskatalog zu erwerben. Umso überraschter war ich, als in dem angeschlossenen Museumsshop kein Exemplar, weder auf polnisch noch auf englisch, erhältlich war. Im Buchhandel eines Einkaufszentrums wurde ich schließlich fündig. Auch ein deutliches Signal.

Europäisches Solidarnosc-Zentrum auf dem Gelände der ehemaligen Lenin-Werft.

Das Europäische Solidarność-Zentrum schloss mit seiner Ausstellung „Wege zur Freiheit“ zur Geschichte der Solidarność direkt an das Museum des Zweiten Weltkriegs an. Vor dem Eingang befindet sich das Denkmal für die 1970 während der Streiks erschossenen Arbeiter. Auf dem Gelände der ehemaligen Lenin-Werft gelegen, schildert die Ausstellung die Geschichte der unabhängigen Gewerkschaft und Bürgerbewegung Solidarność. Deutlich wird hier auch der Einfluss der katholischen Kirche in Bezug auf die Solidarność.

Ein Besuch der Brigittenkirche zeigte einmal mehr die Verbindung zwischen der Solidarność und der Katholischen Kirche. Sie war mit Solidarność-Fahnen geschmückt und erinnerte an den 31. August 1980, als ein Abkommen zwischen der damaligen Regierung der Volksrepublik Polen und der unabhängigen Gewerkschaft Solidarność geschlossen worden ist, der die Solidarność bald zu einer Bürgerbewegung machte. Doch der so genannte „Karneval der Solidarność“ endete vorläufig am 13. Dezember 1981 mit der Verhängung des Kriegsrechts und der Internierung ihrer Anführer um Lech Walesa.

Solidarnosc und die Katholische Kirche. Rechts ein Standbild des früheren Papst Johannes Paul II. an der Seite der Brigittenkirche, die mit Solidarnosc-Fahnen geschmückt war.

Am vierten Tag fuhren wir mit dem Zug nach Malbork und besichtigten dort die Marienburg. Sie gehört zu den größten und berühmtesten Burgen des Mittelalters in Europa. Die Marienburg war ein christlicher Wallfahrtsort, Hochmeisterresidenz des Deutschen Ordens (der für 150 Jahre auch Danzig beherrschte), Nebenresidenz der polnischen Könige, preußische Kaserne und zählt heute zu einer Touristenattraktion, die bevorzugt von vielen deutschen Touristen besucht wird. Zu den unerwarteten und bemerkenswertesten Einrichtungen gehört die Fußbodenheizung in verschiedenen Räumen. Seit 1998 wurde die Marienburg von der UNESCO in das Weltkulturerbe aufgenommen.

Zwei ausgewählte Eindrücke der Marienburg, ein beliebtes Ziel für deutsche Touristen.

Die Marienburg ist ein Klassiker der Herrschaftsarchitektur. Sie entstand zwischen 1280 und Mitte des 15. Jahrhunderts auf einem früheren Heiligtum der Pruzzen. Aufgeteilt in Hochschloss, Mittelschloss, Vorburg und umgeben von zwei turmbesetzten Mauerringen war sie einst uneinnehmbar. Von hier aus beherrschten die Ritter des Deutschen Ordens ein Gebiet, dass Pomerellen oder Westpreußen und das spätere Ostpreußen umfasste. Weitere Gebiete beherrschte der Deutsche Orden im Baltikum mit dem heutigen Estland und Lettland.

Der fünfte und letzte Seminartag diente der Auswertung. Wie in allen Studienfahrten seit 2014 waren zu Beginn kleine Arbeitsgruppen mit spezifischen Fragestellungen gebildet worden, die mittels Fotopräsentation und kurzen Berichten ihre Ergebnisse vorstellten. Diese Art der Auswertung bildete zugleich die gesamte Woche und eine ganze Reihe diskutierter Fragen der Teilnehmer ab.

Meine wiederum selbstorganisierte Rückreise am 03.09.2017 führte mit wieder mit der polnischen „LOT“ über Warschau zurück nach Deutschland. Im Flugzeug saß neben mir – welch ein Zufall – eine Polin, die vor Jahrzehnten nach Kanada ausgewandert war, nun in Toronto lebte und für eine kurze Zeit Freunde in Polen und weitere europäische Länder besucht hatte. Wie man sich denken kann, hatten wir sehr viel Gesprächsstoff und der Flug „verging wie im Fluge“.

Zu den Eindrücken zählte natürlich auch das leckere Essen. Im Bild eine schmackhafte Kaschubische Kartoffelsuppe.

Kriegerdenkmale und Kriegsvorbereitung in Gelsenkirchen (IV) – Gefallene der Wiehagenschule

Die Wiehagenschule, eine städtische Gemeinschaftsgrundschule in der Josefstraße 28 in Gelsenkirchen-Neustadt.

Ganz modern gibt sich die Wiehagenschule, eine städtische Gemeinschaftsgrundschule in der Josefstraße 28 in Gelsenkirchen-Neustadt. Sie ist die erste Schule in Gelsenkirchen, die komplett digital ausgestattet ist. Es gibt ein flächendeckendes WLAN, interaktive Tafeln in den Klassenzimmern und Computerarbeitsplätze für die Lehrer.

Doch während in der Medienöffentlichkeit stolz das „Ende der Kreidezeit“ im Klassenraum gefeiert wird, dürfen sich die sechs- bis neunjährigen Schülerinnen und Schüler in den Pausen ein am Gebäude angebrachtes lorbeerumkränztes Schwert ansehen, dass an gefallene Soldaten aus einem hundert Jahre zurückliegenden Krieg erinnert. Das 1900/1908 errichtete Gebäude muss noch ziemlich neu gewesen sein, als nach dem Ersten Weltkrieg diese Denkmalsgestaltung angebracht wurde, die an die „Gefallenen der Wiehagenschule“ erinnert.

Denkmal für die im Ersten Weltkrieg Gefallenen der Wiehagenschule.

Immerhin müssen wir angesichts anderer öffentlicher Denkmale in Gelsenkirchen schon froh darüber sein, dass es wohl nicht aus der Nazi-Zeit stammt, sondern vorher angebracht worden ist. Es fehlt ein Satz wie „Sie starben für Deutschland“ und Bruchstellen, die anzeigen, dass nach 1945 ein Hakenkreuz entfernt worden ist.

40 Namen sind auf der unter dem Schwert angebrachten Tafel angegeben, ohne dass zu erkennen ist, ob es sich um Lehrer oder Schüler handelt. Selbstverständlich ist das Schulgebäude (und damit wohl auch das Denkmal) in der Denkmalliste der Stadt eingetragen und kann daher nicht mehr verändert werden. Dennoch frage ich mich, ob und welche Rolle die Gedenktafel im Schulleben spielt.

Gedenktafel an der Wiehagenschule in Gelsenkirchen-Neustadt.

Stolperstein zum Gedenken an Rosalia Elise Galliner

Stolpersteine für das Ehepaar Dr. Siegfried Galliner und Rosalia Elise Galliner, geborene Stern, in der Munckelstraße 5 in Gelsenkirchen, auf der Straßenseite gegenüber dem Hans-Sachs-Haus.

Stolpersteine für das Ehepaar Dr. Siegfried Galliner und Rosalia Elise Galliner, geborene Stern, in der Munckelstraße 5 in Gelsenkirchen, auf der Straßenseite gegenüber dem Hans-Sachs-Haus.

Wortbeitrag von Knut Maßmann anlässlich der Stolpersteinverlegung.

Rosalia Elise Stern, genannt Rose, wurde am 29. Juli 1884 in Königshütte in Oberschlesien geboren. Sie heiratete den Rabbiner Dr. Siegfried Galliner am 28. Dezember 1914 in Königshütte. Das kinderlos gebliebene Ehepaar lebte in Gelsenkirchen.

Die Ausgrenzung und Verfolgung der Juden dürfte Rosalia Elise Galliner am eigenen Leib miterlebt haben. Zur Ausgrenzungspolitik der Nazis gehörte auch die Verschlechterung der medizinischen Versorgung der jüdischen Bevölkerung. Seit 1938 durften überhaupt nur noch wenige jüdische Ärzte ausschließlich jüdische Patienten behandeln. Jüdische Patienten wurden in kein nichtjüdisches Krankenhaus aufgenommen. Viele Apotheken gaben keine Medikamente an jüdische Kranke ab.

Die an Krebs erkrankte Rosalia Elise Galliner wurde daher nicht in Gelsenkirchen, sondern im Jüdischen Krankenhaus in Köln-Ehrenfeld, Ottostraße 85 aufgenommen. Dort starb sie am späten Abend des 20. Dezember 1938 an den Folgen ihrer Erkrankung.

Die schlechte medizinische Versorgung im Zuge der nazistischen Rassenpolitik hat sicherlich zu diesem frühen Tod beigetragen.

Rosalia Elise Galliner wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Köln-Bocklemünd beigesetzt. Auf dem Grabstein heißt es unter anderem in hebräisch: „… sie suchte ihr Leben lang mit ganzem Herzen für ihren Ehemann das Gute; in angenehmer Weise überwachte sie ihren Haushalt; erwies Gutes und Liebe ihr Leben lang; sittsam in jeder Hinsicht; ehrlich und bescheiden in allen ihren Handlungen; reines Herzens, gestorben in ihrem besten Alter … Möge ihre Seele gebündelt sein im Bündel des ewigen Lebens.“

Geschichte und Gegenwart – Eindrücke aus Lodz und Kulmhof

Zum dritten Mal reiste ich mit dem DGB-Bildungswerk NRW an Erinnerungsorte, zum zweiten Mal ging es nach Polen. Besuchten wir im Rahmen eines Studienseminars 2014 Orte in Belgien und Nordfrankreich, die an die Schrecken des Ersten Weltkrieges im Westen erinnerten, fuhren wir 2015 nach Warschau und Treblinka zu Orten, die an Nazi-Terror und Zweiten Weltkrieges erinnerten. In diesem Jahr standen vom 28.08. bis 02.09.2016 die Stadt Lodz, von den Nazis während der Besetzung in Litzmannstadt umbenannt, und das Vernichtungslager Kulmhof (Chelmno on Ner) auf dem Programm. Zugleich bot der Besuch in Lodz die Erkundung einer ehemals multikulturellen Stadt mit einer an das Ruhrgebiet erinnernden Industriegeschichte, die in einen aus dem Ruhrgebiet bekannten Strukturwandel mündete. Für die Organisation sorgte wie im vergangenen Jahr Hartmut Ziesing Bildungs- und Studienreisen.

Darstellung in der Ausstellung der Gedenkstätte Bahnhof Radegast.

Die Darstellung in der Ausstellung der Gedenkstätte Bahnhof Radegast zeigt die Eroberung und Teilung Polens.

Zur polnischen Geschichte gehört die Erfahrung, zwischen übermächtigen Nachbarn erdrückt zu werden. Hierzu gehören nicht nur die drei polnischen Teilungen im 18. Jahrhundert, die Polen zwischen dem russischen Zarenreich, dem Königreich Preußen und der Habsburgermonarchie Österreich aufteilten und von der Landkarte verschwinden ließen, sondern auch die Aufteilung des nach dem Ersten Weltkriegs neu entstandenen polnischen Staates 1939 zu Beginn des Zweiten Weltkrieges durch Nazi-Deutschland und die Sowjetunion. Eine Karte in der Gedenkstätte Bahnhof Radegast stellt diesen Sachverhalt anschaulich dar. In Bezug auf die Entfesselung des Zweiten Weltkrieges durch Nazi-Deutschland am 1. September 1939 unterscheidet sich die Erinnerung zwischen Deutschland und Polen. Während in Deutschland eher an den von Nazis gefälschten „Überfall Polens auf den Sender Gleiwitz“ erinnert wird, steht in Polen die Verteidigung der Westerplatte bei Danzig im Mittelpunkt.

Hotel Grand auf der Piotrkowska in Lodz.

Hotel Grand auf der Piotrkowska in Lodz, einer einzigartigen Prachtstraße.

Untergebracht waren wir im Hotel Grand, einem seit 1888 bestehendem eleganten Hotel. Erwarteten die Gäste damals „modern ausgestattete, mit Gas beleuchtete Zimmer mit Sanitäranlagen und transportablen Waschbecken“, so besaßen 1913 „einige Appartements“ bereits elektrische Beleuchtung, Telefon sowie „Waschbecken mit warmem und kaltem Wasser“. In der Gegenwart hat das Hotel noch viel von seinem Charme aus der Vorvorkriegszeit erhalten, trotz Dusche und W-LAN. Das Hotel Grand befindet sich auf der Piotrkowska Straße 72, einer 4,2 km langen einzigartigen Prachtstraße mit einem erhaltenen Ensemble originaler Großstadtarchitektur aus dem 19. Jahrhundert. Da Lodz während des Zweiten Weltkrieges, anders als Warschau, nicht zerstört wurde, sind im Stadtgebiet noch die zahlreichen Villen, Paläste und Industriebauten der im 19. Jahrhundert aufstrebenden Textilindustrie zu sehen. Lodz gehörte seit dem Wiener Kongress 1815 zum Russischen Zarenreich („Kongresspolen“) und war eine multikulturelle und multiethnische Stadt, in der Deutsche, Juden, Polen und Russen lebten und arbeiteten.

Der Palast des jüdischen Fabrikanten Israel Poznanski beherbergt heute ein Museum.

Der Palast des jüdischen Fabrikanten Israel Poznanski beherbergt heute ein Museum.

Im Verlauf der Woche besuchten wir Palast und Fabrikimperium des jüdischen Fabrikanten Israel Poznanski, die heute das Museum der Stadt Lodz bzw. mit der Manufaktura ein postindustrielles Einkaufs- und Unterhaltungszentrum beherbergen, sowie Villa, Fabrikgebäude und Arbeiterviertel des deutschen Fabrikanten Karl Scheibler, in denen sich heute ein Museum der Polnischen Kinematographie bzw. moderne Lofts oder Wohnungen befinden. Lodz war in seiner Glanzzeit nach Warschau die zweitgrößte Stadt Polens, heute ist sie auf den dritten Platz nach Warschau und Krakau gerutscht.

Ghetto Litzmannstadt

Der von Nazi-Deutschland 1939 besetzte Teil Polens wurde teilweise direkt an Deutschland angeschlossen, der Rest als „Generalgouvernement“ verwaltet. Lodz gehörte zu dem Gebiet, das dem Deutschen Reich angeschlossen wurde. Die Stadt befand sich im neu gegründeten Gau Wartheland und wurde in Litzmannstadt umbenannt.

Beispiel für eines der erhaltenen Gebäude des ehemaligen Ghettos.

Beispiel für eines der erhaltenen Gebäude des ehemaligen Ghettos.

Wie auch in Warschau und anderen polnischen Städten sperrten die Nazis die jüdische Bevölkerung in eigenen Wohnbezirken ein, auch die polnische wurde von der deutschen Bevölkerung stadträumlich getrennt. Das 1940 errichtete Ghetto Litzmannstadt umfasste dabei den ärmsten Teil der Stadt. Es handelt sich um das am längsten existierende Ghetto „und zugleich die zweitgrößte Konzentrations- und Zwangsarbeitsstätte für die jüdische Bevölkerung auf polnischem Gebiet“. Anders als in Warschau sind noch zahlreiche Gebäude vorhanden, aber nicht auf den ersten Blick erkennbar. Ehemalige Synagogen, die in anderen Teilen der Stadt gesprengt wurden, werden heute in anderer Funktion genutzt. Kirchen, die im Ghetto als Lager genutzt wurden, werden heute wieder als Kirche genutzt. Andere Gebäude werden als Wohngebäude genutzt und an ihnen kann man sehen, dass es sich damals wie heute um den ärmeren Teil der Stadt handelt.

Bodendenkmal erinnert wie ein Stolperstein auf dem Gelände des ehemaligen Ghettos.

Bodendenkmal erinnert wie ein Stolperstein auf dem Gelände des ehemaligen Ghettos.

Zu den umstrittenen Personen gehört der von den Nazis eingesetzte Älteste des Judenrates, Chaim Rumkowski. Er setzte darauf, dass sich die Juden des Ghettos durch ihre Arbeitskraft unentbehrlich machten („Unser einziger Weg ist Arbeit!“), gab allerdings dadurch die nichtarbeitsfähigen Kinder, Alten und Kranken der Vernichtung preis. Ende 1942 arbeiteten etwa 80 % der Ghetto-Bevölkerung in 90 Abteilungen, später 95 % in 96 Abteilungen. Im Ergebnis existierte das Ghetto Litzmannstadt am längsten von allen NS-Ghettos. Rumkowski selbst überlebte nicht.

Bahnhof Radegast

Zug der Deutschen Reichsbahn - Ausstellungsstück der Gedenkstätte Bahnhof Radegast.

Zug der Deutschen Reichsbahn – Ausstellungsstück der Gedenkstätte Bahnhof Radegast.

Die Gedenkstätte Bahnhof Radegast „ist ein im Original erhalten gebliebenes Bahngebäude aus dem Jahre 1941“. Hier wurden Produkte, Lebensmittel und Rohstoffe in das Ghetto und gefertigte Produkte aus dem Ghetto transportiert. Ab Januar 1942 gingen von hier die Transporte in die Vernichtungslager ab. Zur Gedenkstätte gehören eine Dampflok mit Waggons, die an die Deportationen erinnern, eine Ausstellung zum Ghetto Lodz mit einem noch unvollständigen Modell des Ghettos sowie einer weiteren Ausstellung mit Briefen aus dem Ghetto. Neben einer Gedenkwand mit den Namen der Konzentrations- und Vernichtungslager gibt es einen langen Tunnel, der Ereignisse von 1939 bis 1945 und die Deportationslisten zeigt. Träger der Gedenkstätte ist das Museum der Unabhängigkeitstraditionen Lodz.

Gedenkstätte Bahnhof Radegast - Tunnel mit Zeitleiste und Deportationslisten.

Gedenkstätte Bahnhof Radegast – Tunnel mit Zeitleiste und Deportationslisten.

Schmiede der Roma

Im Rahmen des Ghettos wurde 1941/42 ein „Zigeunerlager“ verwaltet, in dem rund 5000 Roma aus dem österreichisch-ungarischen Grenzgebiet zusammengepfercht worden waren. Die Insassen wurden vom Bahnhof Radegast in das Vernichtungslager Kulmhof gebracht und dort ermordet. Eine Ausstellung in der „Schmiede der Roma“, einem unscheinbaren Gebäude des ehemaligen „Zigeunerlagers“ erinnert an den Völkermord an den Roma unter Berücksichtigung der Geschichte des Lagers.

Modell des ehemaligen "Zigeunerlagers" in der Gedenkstätte Bahnhof Radegast.

Modell des ehemaligen „Zigeunerlagers“ in der Gedenkstätte Bahnhof Radegast. Die „Schmiede der Roma“ ist das kleine Gebäude am linken Gebäude.

Vernichtungslager Kulmhof

Kulmhof gehörte zu den Vernichtungslagern, die von den Nazis extra in entlegenen und wenig bevölkerten Gebieten errichtet wurden. Ihr einziger, perverser Zweck war es, Menschen massenhaft zu ermorden. Das Lager wurde in der Zeit von Dezember 1941 bis April 1943 und erneut zur Auflösung des Ghettos Lodz 1944/45 betrieben. Die ersten Opfer stammten aus den Ghettos der umliegenden Städte, später kamen Juden und Roma aus Lodz bzw. weiteren Ländern hinzu. Die Ermordung geschah in LKWs durch Auspuffgase auf dem Weg von einem Gutshaus zu einem etwa 4 km entfernten Wald, wo die Ermordeten in Massengräbern verscharrt wurden. Um die Spuren zu verwischen, wurden die Leichen später wieder ausgegraben und in Krematorien verbrannt. Die Knochen wurden zerkleinert, Asche und Knochenreste erneut vergraben. Auch das Gutshaus wurde gesprengt. Eine ausführliche Beschreibung befindet sich auf deathcamps.org.

Foto aus der Ausstellung der Gedenkstätte Kulmhof, das einen der Gaswagen zeigt, mit deren Auspuffgasen die Ermordung auf dem Weg zum Wald stattfand.

Foto aus der Ausstellung der Gedenkstätte Kulmhof, das einen der Gaswagen zeigt, mit deren Auspuffgasen die Ermordung auf dem Weg zum Wald stattfand.

Heute befindet sich auf dem Gelände um die ausgegrabenen Fundamente des Gutshauses eine Gedenkstätte mit einer Ausstellung. Zu den Besuchern gehören im wesentlichen Gruppen aus Israel oder jüdische Gruppen aus aller Welt, Deutsche Besucher gibt es fast gar nicht. Auf dem Gelände des ehemaligen Waldlagers befinden sich heute verschiedene Denkmale sowie markierte Grabfelder, auf denen die Konzentration von Asche und Knochenreste am größten ist. Eigentlich ist das ganze ehemalige Waldlager ein großer Friedhof.

Gedenkstätte Kulmhof - Waldlager. Im Bild eines von vielen Massengräbern, in denen sich Asche und Knochenreste befinden.

Gedenkstätte Kulmhof – Waldlager. Im Bild eines von vielen Massengräbern, in denen sich Asche und Knochenreste befinden. Den Nazis gelang es nicht, alle Spuren zu beseitigen.

Überleben

Wird an vielen Gedenkorten das Andenken an die Ermordeten gepflegt, so wird im Survivor’s Park an die Überlebenden und im Ehrenhain für die Gerechten unter den Völkern an die Retter erinnert. Im ebenfalls dort gelegenen Marek-Edelmann-Zentrum für Dialog gab es im Rahmen des Seminars eine Begegnung mit dem Zeitzeugen Leon Weintraub, einem betagten Überlebenden des Ghettos Litzmannstadt. Er lebt in Schweden und war anlässlich der Feierlichkeiten des 72. Jahrestages der Liquidierung des Ghettos Litzmannstadt nach Lodz gereist. Er erzählte unter anderem von den Zufälligkeiten, die dazu führten, dass man überlebte. Im KZ Auschwitz, wohin er von Litzmannstadt aus transportiert worden war, sah er vor einem Block eine Gruppe nackter Männer, die mit einer Nummer versehen, auf ihre Einkleidung warteten, um zu einem Arbeitseinsatz nach draußen gebracht zu werden. Kurz entschlossen zog er sich ebenfalls aus und stellte sich hinzu; dass ihm keine Nummer eintätowiert worden war, fiel nicht weiter auf. Später stellte sich heraus, dass alle anderen aus seinem Block ermordet worden sind. Er überlebte.

Ausstellung zu Überlebenden des Holocaust, darunter auch Leon Weintraub, im Marek-Edelmann-Zentrum für Dialog.

Ausstellung zu Überlebenden des Holocaust, darunter auch Leon Weintraub, im Marek-Edelmann-Zentrum für Dialog.

Spurensuche

Spuren ehemaligen jüdischen Lebens lassen sich natürlich zahlreich auf dem Jüdischen Friedhof finden. Das für mich besondere an diesem Friedhof ist, dass hier viele Gräber orthodoxer Juden bewusst dem Verfall preis gegeben sind. Inzwischen gibt es wieder eine kleine jüdische Gemeinde, so dass auf ihm nach langer Zeit auch wieder neue Bestattungen stattfinden. Doch auch in Lodz selbst lässt sich die eine oder andere Spur finden, wie das folgende Foto zeigt.

Im Hinterhof der Piotrkowska 88 findet sich diese Spur. Wer genau hinschaut, kann den Davidstern erkennen.

Im Hinterhof der Piotrkowska 88 findet sich diese Spur. Wer genau hinschaut, kann den Davidstern erkennen.

Das gelobte Land

Im Rahmen des Seminars besuchten wir die Filmhochschule, die mit Namen wie Roman Polanski und Andrzej Wajda verbunden ist. Von letzterem stammt mit „Das gelobte Land“ ein eindrucksvoller Film über das Lodz des 19. Jahrhunderts. Das in Deutschland bekannte Lied „Theo wir fahr’n nach Lodz“, ein Schlager, gesungen von Vicky Leandros (1974), thematisierte die Landflucht des 19. Jahrhunderts. Auf youtube findet sich ein wundervoller Werbefilm, den die Stadt Lodz 2009 produzieren ließ und der den Text aus dem Jahre 1974 aufnimmt.

Kriegerdenkmale und Kriegsvorbereitung in Gelsenkirchen (II)

Kriegerdenkmal von Joseph Enseling aus dem Jahre 1926 auf dem Westfriedhof in Gelsenkirchen-Heßler.

Kriegerdenkmal von Joseph Enseling aus dem Jahre 1926 auf dem Westfriedhof in Gelsenkirchen-Heßler.

Sechs sogenannte „Kriegerdenkmale“ verzeichnet die Denkmalliste der Stadt Gelsenkirchen. Neben fünf mit nationalkitschigem bis faschistischem Hintergrund (vgl. meinen Beitrag hier) gibt es noch ein wenig bekanntes Denkmal auf dem Westfriedhof in Gelsenkirchen-Heßler.

Die trauernde Figur stammt von Joseph Enseling aus dem Jahr 1926 und mit ihr unterscheidet sich das Denkmal durch die Gestaltung deutlich von den anderen fünf „Kriegerdenkmalen“. Zudem befindet sich das Denkmal auf einem Friedhof, umgeben von etwa 400 Gräbern für Gefallene beider Weltkriege. Das Eiserne Kreuz auf der Rückseite des Denkmals zeigt an, dass es sich um einen Soldatenfriedhof handelt.

Grabstätten für Gefallene des Ersten Weltkriegs auf dem Westfriedhof in Gelsenkirchen-Heßler.

Grabstätten für Gefallene des Ersten Weltkriegs auf dem Westfriedhof in Gelsenkirchen-Heßler. Die Kreuze im Hintergrund erinnern an die Gefallenen des Zweiten Weltkrieges.

Die Grabplatten für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges sind nach fast hundert Jahren teilweise stark verwittert und überwachsen. Namen, Ort und Jahreszahlen sind oft kaum noch zu lesen, Jahreszahlen noch zu erfühlen. Allerdings befinden sich die meisten deutschen Soldatengräber des Ersten Weltkrieges nicht in Deutschland, sondern in den Ländern, in denen sie der Krieg führte.

Grabstein für einen im Ersten Weltkrieg Gefallenen auf dem Westfriedhof in Gelsenkirchen-Heßler.

Grabstein für einen im Ersten Weltkrieg Gefallenen auf dem Westfriedhof in Gelsenkirchen-Heßler.

Als Quelle für diesen Beitrag dienten mir ein Artikel im Gelsenkirchen Wiki sowie ein Thread im Forum der Gelsenkirchener Geschichten, der viele Fotos des Westfriedhofs enthält.

Kriegerdenkmale und Kriegsvorbereitung in Gelsenkirchen

Das Ehrenmal in Gelsenkirchen-Buer, Zum Ehrenmal.

Das Ehrenmal in Gelsenkirchen-Buer, Zum Ehrenmal.

Vor einhundert Jahren tobte der Erste Weltkrieg nun schon seit fast zwei Jahren. 1914 begonnen, war ein Ende nicht absehbar, waren sogar weitere Staaten 1915 und 1916 in den Weltkrieg eingetreten. In unserer Gegenwart wird die öffentliche Wahrnehmung des Ersten Weltkrieges in diesem Jahr von zwei Ereignissen bestimmt: der Schlacht vor Verdun und dem Völkermord an den Armeniern. In Westeuropa schickten die jeweiligen militärischen Oberbefehlshaber 1916 deutsche und französische Truppen vor Verdun in den Tod einer sinnlosen „Materialschlacht“. Im Orient schickten 1915/16 staatliche Stellen die seit Jahrhunderten in Anatolien siedelnden christlichen Armenier in den Tod und löschten die westarmenische Kultur aus.

Auch an Gelsenkirchen und seinen Bürgern ging der Erste Weltkrieg nicht spurlos vorüber, wenn die Stadt auch von militärischen Kämpfen verschont blieb. Die Bevölkerung litt unter der zunehmend schlechter werdenden Ernährung und unter verschlechterten Arbeitsbedingungen. Die Lücken in den Zechen und Industriebetrieben durch die in den Krieg eingezogenen Männer wurden nicht nur durch Mehrarbeit der verbliebenen Männer ausgeglichen, sondern auch durch den Einsatz von Kriegsgefangenen und durch Frauenarbeit. Die für den Krieg produzierenden Industrieellen konnten ihre Gewinne steigern, während mehr als 7300 Soldaten aus den Gemeinden Gelsenkirchen, Buer und Horst in den Jahren 1914 bis 1918 auf den Schlachtfeldern starben.

Kriegerdenkmal des „Turner-Club Gelsenkirchen von 1874 e.V.“ aus dem Jahr 1924, Hauptstraße 50 am Grillo-Gymnasium

Kriegerdenkmal des „Turner-Club Gelsenkirchen 1874 e.V.“ aus dem Jahr 1924, Hauptstraße 50 am Grillo-Gymnasium.

Heute erinnern an den Ersten Weltkrieg in Gelsenkirchen noch einige steinerne Zeugen, in der Denkmalliste der Stadt Gelsenkirchen (vom 17.05.2011) sind sie als „Kriegerdenkmal“ aufgeführt. Nun könnte man meinen, die Denkmale dienten nur der Erinnerung an die gefallenen Soldaten aus Gelsenkirchen. Mehrere von ihnen wurden jedoch nach 1933 errichtet. Mit ihnen stellten die Nazis die im Ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten in den Dienst ihrer innenpolitischen Kriegsvorbereitung für den Zweiten Weltkrieg. Ein vergessenes Kriegerdenkmal aus der Nazi-Zeit wurde sogar erst 2015 von einem nichtöffentlichen Werksgelände in den öffentlichen Raum der Stadt versetzt.

Kriegerdenkmal am Grillo-Gymnasium

Zum Antikriegstag, der traditionell an die Entfesselung des Zweiten Weltkrieges durch Nazi-Deutschland erinnert, war am 1. September 2014 erstmals mit einer Abschlusskundgebung vor dem fast vergessenen und zugewachsenen Denkmal am Grillo-Gymnasium auch an den Ersten Weltkrieg erinnert worden. Dieses Denkmal war vom „Turner-Club Gelsenkirchen 1874 e.V.“ bereits im Jahre 1924 für „unserer im Weltkriege 1914-1918 gefallenen 71 Turnbrüder“ errichtet worden. Wie der Inschrift auf dem Denkmal weiter zu entnehmen ist, war der 50. Jahrestag der Vereinsgründung am 27. Juli 1924 der Anlass der Denkmalstiftung. Wie auch andere Kriegerdenkmale des Ersten Weltkrieges wurde seine Widmung nach dem Zweiten Weltkrieg ergänzt. In diesem Fall um „54 gefallene Turnbrüder 1939-1945“. Die Gestaltung zeigt unter anderem einen Stahlhelm und ein Eisernes Kreuz. Zum Antikriegstag 2014 ist es in ein temporäres Denkmal für den unbekannten Deserteuer umgewandelt worden.

Kriegerdenkmal am Machensplatz

Kriegerdenkmal am Machensplatz in Erinnerung an das Reserveregiment 56 aus dem Jahre 1934.

Kriegerdenkmal am Machensplatz in Erinnerung an das Reserveregiment 56 aus dem Jahre 1934.

Am Machensplatz, gegenüber dem früheren Gelsenkirchener Rathaus, war im Jahre 1934 ein Kriegerdenkmal dem Reserveregiment 56 gewidmet worden. Wie dem Beitrag „Auf den Spuren des Ersten Weltkrieges“ zu entnehmen ist, waren die Gelsenkirchener Soldaten des Regiments in der damaligen Georgschule in der Altstadt versammelt und ausgerüstet worden. Sie wurden am 6. August 1914 verladen und kamen zusammen mit der 13. Reservedivision zur Westfront. Die Einheit erlitt schwere Verluste beim ersten Kampfeinsatz im September 1914 und wurde auch 1916 in der Schlacht um Verdun eingesetzt. Das Denkmal wurde genau 20 Jahre nach dem ersten Kampfeinsatz eingeweiht, um der Verluste bei der sogenannten „Feuertaufe“ zu gedenken. (Der ursprüngliche Beitrag ist auf der Internet-Seite der Stadt Gelsenkirchen nicht mehr vorhanden, aber im Wiki der Gelsenkirchener Geschichten dokumentiert.)

Dahlbuschdenkmal aus dem Jahre 1937, heute im Dahlbuschpark an der Beethovenstraße in Gelsenkirchen-Rotthausen

Dahlbuschdenkmal aus dem Jahre 1937, heute im Dahlbuschpark an der Beethovenstraße in Gelsenkirchen-Rotthausen.

Kriegerdenkmal Zeche Dahlbusch

Im heutigen Dahlbusch-Park befindet sich das Ehrenmal der Zeche Dahlbusch sowie eine erläuternde Tafel nach dem städtischen Konzept der Erinnerungsorte. Danach war das Ehrenmal 1937 durch die Bergwerksgesellschaft Dahlbusch zur Erinnerung an die im Ersten Weltkrieg gefallenen Werksangehörigen errichtet worden. Es stand ursprünglich vor der Schachtanlage 8 an der Rotthauser Straße. Der heute noch vorhandene Steinquader war vom Halfmannshofer Künstler Hubert Nietsch, der auch das Kriegerdenkmal Schalker Verein (weiter unten) und weitere Nazi-Kunst geschaffen hat, gestaltet worden.

Es zeigt einen Soldaten und einen Bergmann, die ursprünglich von einem Eisernen Kreuz und einem Hakenkreuz flankiert waren. Der Kriegstod der Bergleute wurde durch die Bildsprache und die Inschriften „Unseren gefallenen Arbeitskameraden“ und „Sie starben für Deutschland“ heroisiert und mit dem Nationalsozialismus verknüpft. Nach der Schließung der Zeche wurde der Steinquader in den heutigen Dahlbusch-Park versetzt und soll nun, so heißt es zumindest auf der Tafel, an die Toten des Ersten Weltkrieges wie an deren Instrumentalisierung durch die Nazis erinnern. Wie man sich das vorzustellen hat, bleibt allerdings der Phantasie des Besuchers überlassen.

Kriegerdenkmal „Ehrenmal“ in Buer

Das größte und auch über Gelsenkirchen hinaus bekannte Kriegerdenkmal ist das oft einfach nur „Ehrenmal“ genannte Denkmal in Gelsenkirchen-Buer auf einer Anhöhe am Berger See gelegen. Auch hier findet sich eine erläuternde Tafel nach dem städtischen Konzept der Erinnerungsorte. Danach ging die ursprüngliche Initiative 1925 von der Bueraner Bürgerschaft aus um die im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 und die im Ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten sowie die Toten der französisch-belgischen Ruhrbesetzung von 1923 zu ehren. Als das Denkmal am 13. Mai 1934 feierlich eingeweiht wurde, hatten die Nazis die Gestaltung geprägt, neben einem Hakenkreuz fanden sich auch sogenannte „Märtyrern“ der NSDAP in den Inschriften. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden alle Nazi-Inschriften und -Symbole entfernt, sowie Inschriften ergänzt, die an die Opfer des Zweiten Weltkrieges erinnern und zum Frieden mahnen. Das Ehrenmal hat einen eigenen Eintrag in der Wikipedia.

Das Ehrenmal in Gelsenkirchen-Buer, Zum Ehrenmal.

Das Ehrenmal in Gelsenkirchen-Buer, Zum Ehrenmal.

Kriegerdenkmal des Schalker Vereins

Neben diesen bereits im öffentlichen Raum befindlichen Denkmalen versetzte die Stadt Gelsenkirchen im Jahre 2015 ein zuvor auf dem Werksgelände des ehemaligen Schalker Vereins vergessenes Kriegerdenkmal an einen öffentlichen Weg. Wieder findet sich eine erläuternde Tafel nach dem städtischen Konzept der Erinnerungsorte sowie ein Stein mit der  Inschrift „Die Toten mahnen zum Frieden“.

Es handelt sich um ein 5 Meter hohes, lorbeergeschmücktes Schwert aus Gussstahl, angebracht an einer 6 Meter hohen Granitstele. Ursprünglich war es am 1. Mai 1937 auf dem Gelände des Schalker Vereins feierlich eingeweiht worden. Mit den Inschrift wie beim Dahlbusch-Denkmal (weiter oben) „Den gefallenen Arbeitskameraden 1914-1918“ und „Sie starben für Deutschland“ wurden die im Ersten Weltkrieg gefallenen Werksangehörigen in den Dienst der innenpolitischen Kriegsvorbereitung der Nazis gestellt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Jahre 1939-1945 ergänzt. Danach geriet es in Vergessenheit und wuchs in einer Ecke des Geländes zu.

Kriegerdenkmal des Schalker Vereins - ein Nazi-Schwert aus dem Jahre 1937 wurden 2015 an einen öffentlichen Weg umgesetzt.

Kriegerdenkmal des Schalker Vereins – ein Nazi-Schwert aus dem Jahre 1937, wurde 2015 an einen öffentlichen Weg umgesetzt.

Nach dem Verkauf des Schalker Vereins vor einigen Jahren und während der Umgestaltung des früheren Werksgeländes wurde es wiederentdeckt. Es wurde unter Denkmalschutz gestellt und kurz vor dem 9. November 2015 an einen öffentlichen Weg in der Nähe des alten Standortes umgesetzt. Dagegen fordert die Gelsenkirchener VVN -BdA eine öffentliche Diskussion und die Umgestaltung in ein antifaschistisches Denkmal. Gerade auf dem Gelände des Schalker Vereins bietet sich die Thematisierung von Rüstungsproduktion, Zwangsarbeit, Widerstand und Bombenkrieg an, um aus der Geschichte zu lernen, dass und warum sie sich nicht wiederholen darf. (Eine ausführliche Berichterstattung dazu findet sich hier.)

Weitere Erinnerungsorte in Kirchen und Schulen

Als Antwort auf meine Frage im Forum der „Gelsenkirchener Geschichten“ erhielt ich neben dem bei diesem Thema fast schon zu erwartenden Troll aus dem rechten Spektrum wertvolle Hinweise auf weitere Erinnerungsorte in Gelsenkirchen an weniger öffentlichen Orten. So hat es in Kirchen und Schulen Gedenktafeln oder in einem Fall ein Gedenkbuch der Gefallenen gegeben, die teilweise durch Umbauten verschwunden sind, teilweise noch heute vorhanden sind. Unterscheiden lässt sich meines Erachtens zwischen einem namentlichen Gedenken, in dem die einzelnen Personen im Vordergrund stehen, und der Verklärung der Toten des Ersten Weltkrieges durch Nazi-affine Denkmale und summarische Inschriften wie „Den gefallenen Arbeitskameraden“ und „Sie starben für Deutschland.“ Dabei sind die Grenzen sicherlich fließend, denn auch vor 1933 gab es eine nationalistische Verklärung der Toten des Ersten Weltkrieges.