Archiv der Kategorie: Geschichte

„Brennende Ruhr“

Veröffentlichung des RuhrEcho-Verlags, Bochum 2010.

Im nächsten Jahr jähren sich zum hundertsten Mal der Kapp-Putsch gegen die demokratisch gewählte Reichsregierung, der sich anschließende Generalstreik, der die Putschisten zum Aufgeben zwang, die Bewaffnung der Arbeiter im Ruhrgebiet zur „Roten Ruhrarmee“ und die Niederschlagung der „Märzrevolution“ durch Reichswehr und rechtsradikale Freikorps im Auftrag der SPD-geführten Reichsregierung. Der 1927 von Karl Grünberg verfasste „Roman aus der Zeit des Kapp-Putsches“ schildert vor diesem Hintergrund die Erlebnisse und Erfahrungen des sozialdemokratischen Werkstudenten Ernst Sukrow. Die politische Absicht des Romans ist es, zu zeigen, dass die Spaltung der Arbeiterbewegung zu ihrer Niederlage führte. Grünberg schildert die damalige Zeit plastisch und eindrucksvoll und macht so ein Stück Geschichte des Ruhrgebietes lebendig. Der Roman ist zugleich Zeitdokument und literarisches Werk.

Der Autor des Romans, Karl Grünberg, hat die Spaltung der Arbeiterbewegung selbst erlebt. 1891 in Berlin geboren, trat er 1911 der SPD bei, die sich während des Ersten Weltkrieges an der Zustimmung zu den Kriegskrediten entzweite, wechselte 1919 zur USPD und 1920 zur KPD. Er war 1928 Mitbegründer des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller und gehörte zu den Autoren, deren Bücher die Nazis am 10. Mai 1933 verbrannten. Zeitweise im KZ Sonnenburg inhaftiert, war er von 1943 bis 1945 als Feuerwehrmann in Essen und Berlin dienstverpflichtet. Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte und arbeitete er als Journalist und Schriftsteller in der DDR, wo er 1972 starb.

Der Protagonist, Ernst Sukrow, ist ein mittelloser ehemaliger Student der Chemie, der sich nach den Wirren am Ende des ersten Weltkrieges durchschlägt. Im Zug nach Duisburg, wo er im Kohlenbergbau des Ruhrgebietes Arbeit zu finden hofft, begegnet er dem Betriebsrat der Zeche Hasdrubal I, Peter Ruckers, sowie der Fabrikantentochter Gisela Zenk. Die Diskussion während eines Zugstillstandes zeigt zugleich einen ersten Aufriss der tagesaktuellen Probleme, unter anderem Kohlenmangel und geforderte Überstundenschichten der Bergleute, und den dahinterstehenden Interessensgegensatz zwischen Kapital und Arbeit. Ruckers nimmt sich des jungen Studenten an, steigt mit ihm in Oberhausen aus, um mit der Straßenbahn weiter in das fiktive Swertrup zu fahren. Sukrow kommt zunächst bei der Familie Ruckers unter, neben dem Ehepaar Ruckers gehören noch der Sohn Hannes, die Tochter Mâry und der Kriegsversehrte Ludwig zur Familie. Zwei weitere Kinder sind bereits als Kleinkinder gestorben. Da trotz geforderter Überstundenschichten keine Bergleute eingestellt werden, nimmt Sukrow im Stahlwerk Flaschner eine Arbeit an, lädt dort Schrott ab und siedelt bald in das Junggesellenheim des Stahlwerks über. Hier lernt Sukrow, der mit der SPD sympathisiert und bald auch dort Mitglied wird, den Kommunisten Max Grothe kennen. Später begegnet er noch dem Gewerkschaftssekretär des Bergarbeiterverbandes, Reese, und dem örtliche SPD-Vorsitzenden, Stadtverordneten und Eisenbahnbetriebsrat Oversath. Mit dem „Unabhängigen“ Ruckers (USPD) ist damit die örtliche Arbeiterbewegung aus Gewerkschaften, SPD, USPD und KPD personalisiert.

Die deutschnationale Seite wird durch den technischen Leiter der Gießerei, Dr. Grell, und das bald wieder auftauchende Fräulein Gisela Zenk repräsentiert. Zenk ist Ehrenmeisterin im „Rugard“, einem fiktiven, deutschnationalen Kampfbund. Zunächst hat Sukrow das Glück, von Dr. Grell als Laborant im Stahlwerkslaboratorium eingestellt und damit der unerträglichen Arbeit des Schrottabladens zu entkommen. Hier trifft er unter anderem auf den national gesinnten Laboranten Walter Peikchen, der ebenfalls Mitglied des Rugard-Bundes ist. Unterdessen erlebt Sukrow die brutale Gewalt der berittenen Polizei gegen unbewaffnete, streikende Arbeiter, trifft Mâry Ruckers wieder und zieht in die Pension des Ehepaares Schapulla. Auf einem geselligen Abend der Einwohnerwehr von Herrn Schapulla mitgenommen, lernt er nicht nur die Töchter von Reese und Oversath kennen, sondern auch den Bergassessor Kuhlenkamp, der, wie sich später herausstellte, ebenfalls für den Rugard arbeitet.

Als Sukrow seine erste Mitgliederversammlung der SPD besucht, erfährt er dort, dass in Berlin der Generallandschaftsdirektor Kapp, General Lüttwitz und Hauptmann Papst gegen die Reichsregierung putschen. Doch die Diskussion dort enttäuscht ihn schwer. Am nächsten Tag erfährt er, dass die Reichswehr sich nicht für die bestehende Regierung einsetzt und die Regierung zum Generalstreik aufruft. Die Vertreter der verschiedenen Parteien und Gewerkschaften der Arbeiterbewegung bilden einen Aktionsausschuss und organisieren den Generalstreik in Swertrup. Interessanterweise wurde zeitgleich die bürgerliche Einwohnerwehr alarmiert – jedoch ohne die sozialdemokratischen Mitglieder zu informieren. Doch es gelingt im weiteren Verlauf den Arbeitern den ängstlichen Mitgliedern der Einwohnerwehr, die strategisch wichtige Positionen in der Stadt besetzt halten, die Waffen abzunehmen und sich selbst zu bewaffnen.

Brennende Ruhr, zweite Auflage 1947, DVD 2011, Raubdruck aus den 1970er Jahren.

Die Ereignisse im Roman nehmen ihren geschichtlichen Verlauf mit der Auseinandersetzung zwischen den bewaffneten Arbeiterwehren, die eine „Rote Ruhrarmee“ bilden sowie der Reichswehr, die zwar die Republik nicht gegen die rechten Putschisten schützt, wohl aber gegen bewaffnete Arbeiter vorgeht, und den rechtsradikalen Freikorps. Ernst Sukrow schließt sich den Arbeitern an und erlebt die Kämpfe und die Niederlage mit. Die einrückenden Truppen machen kurzen Prozess, richten Standgerichte ein und nehmen Erschießungen vor, unter den Erschossenen sind auch Oversath und Ruckers.

Der Roman schließt mit einer Wiederbegegnung zwischen Ernst Sukrow und dem tot geglaubte Kommunisten Max Grothe in der alten Rheinstadt Köln. Neben der politischen Einordnung der Ereignisse, die für den enttäuschten Sukrow natürlich anders ausfallen muss, als für den überzeugten Kommunisten Grothe, erfährt Sukrow auch vom Tod Mâry Ruckers.

„Brennende Ruhr“ erschien zuerst 1927 in verschiedenen Zeitungen in Fortsetzung und 1929 als Roman im Greifenverlag, Rudolstadt. Von den Nazis verbrannt folgte die zweite Auflage des Romans erst zwanzig Jahre später in der früheren DDR. In seinem Vorwort beschrieb Grünberg 1947 seine Motivation, statt eines abstrakt-politischen Buches eine fesselnde Erzählung zu schreiben, um so eine größere Breitenwirkung in der Darstellung politischer Probleme zu erreichen.

Der Roman wurde 1967 als aufwendiger Zweiteiler von der DEFA mit den Mitteln des Kinofilms für das DDR-Fernsehen anlässlich des 50. Jahrestages der russischen Oktoberrevolution verfilmt. Die inzwischen verfügbare DVD-Veröffentlichung aus dem Jahre 2011 enthält neben einem Portrait des Schriftstellers Karl Grünberg auch einen 40minütigen Beitrag mit Lieder und Geschichten der Brecht-Interpretin Vera Oelschlegel, die im Film die Rolle der Gisela Zenk spielt.

Ein weiteres mir vorliegendes Exemplar des Romans stammt aus dem Jahr 1971. Dabei handelt es sich um einen Raubdruck, herausgegeben vom KAB(ML), einer linken Splittergruppe der alten Bundesrepublik der 1970er Jahre. In dem damals hinzugefügten, schreibmaschinengeschriebenen Vorwort wird auf die Streiks der Stahlarbeiter 1969 hingewiesen und der Roman in Beziehung zu den damals tagesaktuellen Ereignissen gesetzt.

Die jüngste Ausgabe erschien 2010 im RuhrEcho Verlag in unserer Nachbarstadt Bochum mit einem Geleitwort von Hella Schermer-Grünberg, der Tochter von Karl Grünberg, einer aktualisierten Zeitleiste sowie einem umfangreichen überarbeiteten Glossar. Der komplette Roman ist auch gewissermaßen sozialisiert im Internet bei „Nemesis – Sozialistisches Archiv für Belletristik“ kostenfrei zu lesen.

In Gelsenkirchen erinnert ein Denkmal auf dem Horster Südfriedhof an die historischen Ereignisse und wird vom Institut für Stadtgeschichte (ISG) als „Kapp-Putsch-Mahnmal“ bezeichnet. Eine jährliche Gedenkveranstaltung an die Märzrevolution führen dort seit Jahren MLPD & Freunde durch. In diesem Jahr findet die Gedenkfeier am Samstag, 30. März 2019 von 13.30 bis 14.30 Uhr statt. Treffpunkt ist der Eingang zum Friedhof, Am Schleusengraben 11 um 13.15 Uhr.

1947/48 auf dem Friedhof Horst-Süd von der VVN errichtetes Denkmal für den antifaschistischen Widerstand, zur Erinnerung an die 1920 im Anschluss an den Kapp-Putsch von rechtsradikalen Freikorps ermordeten Mitglieder der „Roten Ruhrarmee“ und ergänzt um Horster Widerstandskämpfer 1933-1945, insbesondere der Franz-Zielasko-Gruppe.

Besuch des niederländischen Befreiungsmuseums Groesbeek

„Nationaal Bevrijdingsmuseum 1944-1945“ Groesbeek. Blick in die Ausstellung.

Aus niederländischer Sicht thematisiert das „Nationaal Bevrijdingsmuseum 1944-1945“ im nahe der deutschen Grenze gelegenen Groesbeek die Zeit der Besetzung durch Nazi-Deutschland und die Befreiung in den Jahren 1944/45 durch alliierte Truppen. Neben der Dauerausstellung beherbergt das Museum derzeit eine Sonderausstellung zum kommunistischen Widerstand. Organisiert von der VVN-BdA Düsseldorf besuchten wir mit etwas über 20 Personen am Sonntag, 7. Oktober 2018 das Museum. Es wird in hohem Maße durch ehrenamtliche Helfer betreut. Zwei von ihnen führten uns durch die Ausstellung und teilten dabei auch sehr persönliche Ansichten mit.

Das Museum zeigt in vielfältigen Ausstellungsstücken und medialen Darstellungen anschaulich die Geschichte der Vorkriegszeit mit der niederländischen Sicht auf Nazi-Deutschland, die Zeit der Besetzung der Niederlande und schließlich der Befreiung in den Jahren 1944/45 mit ihren Auswirkungen auf die Bevölkerung. Die Ausstellung ist um hohe Anschaulichkeit bemüht und will durch die Beschäftigung mit der Geschichte die aktuelle Bedeutung von Demokratie, Freiheit und Menschenrechten zeigen. Die Beschriftung ist dreisprachig, niederländisch, englisch und deutsch. Die Farbe rot kennzeichnet den Ausstellungsteil zur Besatzungszeit, die Farbe blau den Teil der Ausstellung, der die Zeit der Befreiung in den Jahren 1944/45 zeigt.

„Nationaal Bevrijdingsmuseum 1944-1945“ Groesbeek. Anschauliche Darstellung des Kriegsverlaufs.

Erstmalig erfuhr ich hier von der militärischen Operation „Market Garden“. Mittels einer groß angelegten Luftlandeoperation kombiniert mit einem Vorrücken der Landstreitkräfte versuchten die westlichen Allierten, die nach der Landung in der Normandie im Juni 1944 bereits weit nach Westen vorgedrungen waren, ab dem 17. September 1944 die Brücken über die Wasserstraßen im Südosten der Niederlande einzunehmen. Rund um Groesbeek und Nimwegen landeten dabei etwa 8.000 amerikanische Fallschirmjäger. Doch war die Aktion nur teilweise erfolgreich, erst mit der großen Rheinlandoffensive im Februar 1945 gelang im weiteren Verlauf des Krieges die Befreiung der Niederlande.

„Nationaal Bevrijdingsmuseum 1944-1945“ Groesbeek. Sonderausstellung zum kommunistischen Widerstand.

Neben der Dauerausstellung besuchten wir auch die aktuelle Sonderausstellung, die sich mit dem kommunistischen Widerstand gegen die deutsche Besetzung beschäftigte. Die Kommunistische Partei der Niederlande (CPN), die heute im politischen Leben unseres Nachbarlandes keine Rolle mehr spielt, unterstützte bereits in den 1930er Jahren den Widerstand in Deutschland und wandelte sich mit der Besetzung durch Nazi-Deutschland in eine Widerstandsorganisaion. Die Ausstellung stellt anschaulich die Geschichte des Widerstands und der Zeit nach 1945 dar. Nach einem kurzen Aufschwung verlor die CPN angesichts des Antikommunismus im Kalten Krieg und durch die Parteinahme für die Unabhängigkeit der Kolonie Niederländisch-Indien an Bedeutung.

„Nationaal Bevrijdingsmuseum 1944-1945“ Groesbeek. Sonderausstellung zum kommunistischen Widerstand mit dem Beispiel der Hannie Schaft.

Die Sonderausstellung ist noch bis zum 28. Oktober 2018 zu sehen.

„Verbrechen der Wirtschaft“ im „Roten Freitag“

Buchveröffentlichung des RuhrEcho-Verlags, Bochum.

Kenntnisreich und anschaulich stellte Günter Gleising (VVN-BdA Bochum) heute im „Roten Freitag“ der Gelsenkirchener Linkspartei seine Buchveröffentlichung vor. Buch und Vortrag zeigen die Interessen der Schwerindustriellen und Ruhrbarone an der Errichtung der Nazi-Diktatur, der Ausschaltung der Demokratie und der Rüstungspolitik. Im Anschluss führten die Besucher noch eine lebhafte Diskussion über die Inhalte des Vortrags und ihre Übertragbarkeit auf die Gegenwart.

Ausgehend von der Fragestellung, wie es der NSDAP gelingen konnte, innerhalb weniger Jahre von einer Splittergruppe zur einflussreichsten Kraft Deutschlands zu werden, zeigte Günter Gleising die Unterstützung, die Hitler und seine Partei durch führende Industrielle genoss. Begünstigt wurde die Machtstellung der Wirtschaft durch eine beispiellose Konzentration der Schwerindustrie im Ruhrgebiet, die Krupp, Thyssen, Flick und anderen einen außerordentlichen Einfluss gab. Günter Gleising berichtete, dass er seit über 20 Jahre an diesem Thema arbeitet und unter anderem auf Quellen zurückgreift, die kurz nach 1945 von den Alliierten zusammengestellt wurden. Beispiele aus Gelsenkirchen rundeten den Vortrag ab.

In der sich an den Vortrag anschließenden Diskussion ging es um viele Einzelfragen, aber auch um die Bedeutung für die Gegenwart verbunden mit der Frage nach Unterschieden und Gemeinsamkeiten zwischen der Entwicklung der NSDAP und der Entwicklung der AfD. Natürlich war die Zeit wie immer zu knapp für eine ausführliche Diskussion, eine Fortsetzung würde sich sicher lohnen.

Der „Rote Freitag“ ist eine Veranstaltungsreihe im Werner-Goldschmidt-Salon, dem nach dem Gelsenkirchener Antifaschisten benannte Veranstaltungsort der Die Linke. „Verbrechen der Wirtschaft“ war eine Kooperationsveranstaltung der Die Linke mit der Gelsenkirchener VVN-BdA.

Werner-Goldschmidt-Salon – Parteibüro von Die Linke und Veranstaltungsort, benannt nach dem Gelsenkirchener und jüdischen Widerstandskämpfer Werner Goldschmidt.

„Engel der Kulturen“ oder Nazi-Schwert Numero 2?

Denkmal für die im Ersten Weltkrieg Gefallenen der Wiehagenschule.

Wieder einmal steht die Stadt Gelsenkirchen vor der denk(mal)würdigen Frage, wie sie mit einem aus der NS-Zeit stammenden Schwert-Denkmal umgehen will. Es handelt sich dieses Mal um ein 1938 an der Fassade der Wiehagenschule in der Neustadt angebrachtes Schwert-Symbol und darunter angebrachten Tafeln mit Namen von 40 im Ersten Weltkrieg gefallenen Schülern. Das Schulgebäude selbst war bereits 1900/1908 errichtet worden. – Dieses Mal gibt es allerdings einen künstlerischen Gegenentwurf zum Nazi-Schwert!

Ganz modern gibt sich die Wiehagenschule, eine städtische Gemeinschaftsgrundschule in der Josefstraße 28 in Gelsenkirchen-Neustadt. Sie ist die erste Schule in Gelsenkirchen, die komplett digital ausgestattet ist. Es gibt ein flächendeckendes WLAN, interaktive Tafeln in den Klassenzimmern und Computerarbeitsplätze für die Lehrer. Doch während in der Medienöffentlichkeit stolz das „Ende der Kreidezeit“ im Klassenraum gefeiert wurde, dürfen sich die sechs- bis neunjährigen Schülerinnen und Schüler in den Pausen ein am Gebäude angebrachtes lorbeerumkränztes Schwert ansehen, das an gefallene Soldaten aus einem mehr als hundert Jahre zurückliegenden imperialistischen Krieg erinnert.

Immerhin unterscheidet es sich von anderen Nazi-Denkmalen in unserer Stadt, denn es fehlt zumindest der Satz „Sie starben für Deutschland“. Erfreulicherweise fehlen auch Bruchstellen, die anzeigen, das hier 1945 ein Hakenkreuz entfernt worden ist. Dennoch gehört es zu jenen Denkmalen, die ab 1933 in Nazi-Deutschland errichtet worden sind, um die Toten des Ersten in den Dienst der Kriegsvorbereitung für den Zweiten Weltkrieg zu stellen. Das Schulgebäude ist in die Denkmalliste der Stadt eingetragen, ob der Denkmalschutz zwischen einem 1900/1908 errichten Gebäude und einem 1938 angebrachten Schwert-Symbol unterscheiden kann, lässt sich sicherlich feststellen.

Die Wiehagenschule, eine städtische Gemeinschaftsgrundschule in der Josefstraße 28 in Gelsenkirchen-Neustadt.

Wie die WAZ am 06.02.2018 berichtete, wurde das Denkmal von Franz Marten entworfen und von einem Nazi-Regierungsrat aus Münster eingeweiht. Anlass des Zeitungsartikels war die Behandlung des Denkmals im Bildungsausschuss am 01.02.2018 auf Antrag von Bündnis 90/Die Grünen. Am Beispiel des Künstlers Franz Marten lassen sich auch die üblichen personellen Kontinuitäten zwischen der NS-Diktatur und der frühen Bundesrepublik aufzeigen. Franz Marten ist zugleich auch der Schöpfer der „Fünf Säulen der Wirtschaft“ von 1949, der bunten Glasfenster im ehemaligen Gelsenkirchener Bahnhofsgebäude, die jetzt im ehemaligen Böker-Haus zu Beginn der Bahnhofstraße zu bewundern sind.

Anlass der Debatte im Bildungsausschuss war das Interesse der Schule, das Projekt „Engel der Kulturen“ im Rahmen einer Umgestaltung des Schulhofes umzusetzen. Bei „Engel der Kulturen“ handelt es sich um eine Kunstaktion, welches die Gemeinsamkeiten der drei abrahamitischen Religionen Judentum, Christentum und Islam künstlerisch ausdrückt, und die seit zehn Jahren im In- und Ausland durchgeführt wird. An einer Schule mit einem hohen Migrantenanteil ist das sicherlich ein sinnvolles Projekt, um Gemeinsamkeiten statt Unterschiede zu betonen.

Für die beiden Künstler, Gregor Merten und Carmen Dietrich, ist es jedoch vollkommen unverständlich, dass „offensichtlich unreflektiert Hunderte Kinder täglich mit dieser überdimensionalen, heroisierenden Darstellung einer barbarischen Waffe konfrontiert werden, die über ihren Köpfen schwebt.“ Gerade weil ihnen als bildende Künstler die Wirkung von Symbolen sehr deutlich ist, fordern sie, dass das Schwert entfernt wird. Sie stellen den Zusammenhang zu den bestialischen Morden des „Islamischen Staats“ her und betonen, dass sie „die Wirkung eines über den Köpfen von Kindern mit überwiegend muslimischem Hintergrund und deren Angehörigen schwebenden Schwertes als absolut problematisch“ ansehen.

Gedenktafel an der Wiehagenschule in Gelsenkirchen-Neustadt.

Ihr Vorschlag lautet, das Schwert zu entfernen und mit einem Teil des Zementputzes „den Engel der Kulturen als Bodenintarsie entstehen zu lassen“. Dieses wäre „ein Zeichen für ein friedliches Zusammenleben aller Kulturen in der Stadt Gelsenkirchen“. An die Toten könne „mit einer Tafel und entsprechendem Text“ weiter gedacht werden. Die Politik scheint jedoch noch nicht soweit zu sein. Wie die WAZ in der gleichen Ausgabe berichtet, sieht Barbara Filthaus (SPD) keinen Handlungsbedarf, da die Schüler das Schwert gar nicht wahrnehmen würden. Der Bündnisgrüne Burkhard Wüllscheidt möchte jedoch am Thema dran bleiben. Das Ratsinformationssystem ist natürlich noch nicht so weit, mehr Informationen als die WAZ zu liefern.

Zurückliegender und inzwischen korrigierter Blogbeitrag.

Wirtschaftsführer und Kriegsgewinnler

Buchveröffentlichung des RuhrEcho-Verlags, Bochum.

„Verbrechen der Wirtschaft“ von Günter Gleising zeigt Anteil und Interesse der Ruhrbarone und von führenden Industriellen Deutschlands an der Errichtung der Nazi-Herrschaft, an der Aufrüstungs- und Kriegspolitik und der Ausplünderung der eroberten Gebiete. Das Kriegsende 1945 bedeutete für ihre Geschäfte nur eine kurze Unterbrechung, die bald wieder florierten.

Günter Gleising, Mitglied der VVN-BdA Bochum, stellt deutlich die Interessen der wirtschaftlichen Elite der Weimarer Republik dar, die gegen Republik, Betriebsräte und Gewerkschaften und für die Wiederaufrüstung nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg standen. Ausgehend von der Fragestellung, wie es der NSDAP gelingen konnte, innerhalb weniger Jahre von einer Splittergruppe zur einflussreichsten Kraft Deutschlands zu werden und wie es Nazi-Deutschland innerhalb von sechs Jahren gelingen konnte, halb Europa mit Krieg zu überziehen, zeigt er die Unterstützung, die Hitler und seine Partei durch führende Industrielle genoss.

Begünstigt wurde die Machtstellung der Wirtschaft durch eine beispiellose Konzentration der Schwerindustrie im Ruhrgebiet, die Krupp, Thyssen, Flick und anderen einen außerordentlichen Einfluss gab, während gleichzeitig die katastrophalen Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise auf die kleinen Leute abgewälzt wurde. Das Interesse der Wirtschaftsführer an der Beseitigung aller demokratischen und humanistischen Hemmnisse, die ihrem Gewinnstreben entgegenstanden, traf sich mit Hitlers politischem Programm und Politik.

Gleising belegt anhand zahlreicher Dokumente, wie Hitler und die NSDAP ab 1925 ihre Macht ausbauen und dabei durch führende Industrielle unterstützt wurden, bis ihm am 30. Januar 1933 vom Reichspräsidenten Hindenburg die Kanzlerschaft angetragen wurde. Mit der Machtübertragung an die Nazis begann für die Konzerne wieder das große Geschäft: Rüstungsaufträge, Arisierungen, Ausplünderung eroberter Gebiete und Sklavenarbeit bildeten das Geschäftsmodell, dass Gleising anhand zahlreicher Beispiele aus Bochum und den Nachbarstädten zeigt.

Bei allem Lob für die Veröffentlichung darf eine Kritik an der faktenreichen Darstellung nicht fehlen: gelegentlich hat man als geneigter Leser den Eindruck, von der Vielzahl der Fakten schier erschlagen zu werden ohne die Gelegenheit zu bekommen, beim Lesen innezuhalten. Trotzdem gibt es eine klare Empfehlung für dieses Buch, das sich nahtlos in die Spurensuche und Kennzeichnung der Tatorte der „Verbrechen der Wirtschaft an Rhein und Ruhr 1933-1945“ der VVN-BdA NRW einfügt und weit darüber hinausweist.

Lesenswert ist „Verbrechen der Wirtschaft“ auch nicht nur als historische Darstellung. In seinem Vorwort erinnert Ulrich Sander, Bundessprecher der VVN-BdA daran, dass die Ministerin Andrea Nahles 2016 aus dem Armutsbericht der Bundesregierung einen Satz streichen ließ, der den Einfluss der Reichen auf die Politik zeigt. Trotzdem – eine Binsenweisheit – besteht dieser Einfluss 1933 wie heute. Günter Gleisings „Verbrechen der Wirtschaft“ zeigt am historischen Beispiel, was zuviel Macht auf der Kapitalseite anrichtet. So ist aus dieser Geschichte zu lernen, dass und warum sie sich nicht wiederholen darf.

Gleising, Günter: Verbrechen der Wirtschaft. Der Anteil der Wirtschaft an der Errichtung der Nazidiktatur, der Aufrüstungs- und Kriegspolitik im Ruhrgebiet 1925-1945, RuhrEcho Verlag, Bochum, 2017, 267 Seiten, 18 Euro

„Das zweite Trauma“ über ein ungesühntes Massaker – in der Flora aufgeführt

„Das zweite Trauma“ ist ein Dokumentarfilm von Jürgen Weber über eines der vielen Massaker, die deutsche Soldaten, mal in Wehrmachts-Uniform, mal als Waffen-SS, während des Zweiten Weltkrieges verübten. In Sant’Anna di Stazzema, einem kleinen Dorf in den Bergen der nördlichen Toskana, wurden am 12. August 1944 rund 560 Zivilisten, überwiegend Frauen und Kinder, von Einheiten der Waffen-SS auf zum Teil unvorstellbar grausame Weise ermordet. Das Kriegsverbrechen wurde auch nach 1945 sowohl in Italien wie in Deutschland lange Zeit „beschwiegen“.

Die für Gelsenkirchener Verhältnisse gut besuchte Filmvorführung fand am 17.10.2017 in der Flora statt. Über dreißig Besucher aus verschiedenen Altersgruppen besuchten die von Gelsenzentrum e.V. organisierte, gemeinsam mit der VVN-BdA durchgeführte und von der Rosa-Luxemburg-Stiftung geförderte Veranstaltung. Im 2016 uraufgeführten Film erzählen Überlebende wie Enrico Pieri und Enio Mancini, die als Kinder den Leichenbergen ihrer Eltern, Freunden und Verwandten entstiegen waren, ihre bedrückenden Erlebnisse. Eingebettet sind die Erinnerungen, denen der Film einen breiten Raum gibt, in Aufnahmen der romantischen Berglandschaft, historischen Aufnahmen und Aufnahmen der Gedenkstätte. Der Film thematisiert auch die fehlende juristische Aufarbeitung, die erst spät ab 2002 in Italien begann und in Deutschland nicht stattfand. Keiner der Mörder wurde in Deutschland angeklagt, vor Gericht gestellt und verurteilt. 2015 wurde das letzte Verfahren in Deutschland eingestellt.

Jürgen Weber, Journalist und Regisseur aus Konstanz am Bodensee und ebenfalls Mitglied der VVN-BdA, stand im Anschluss an den Film noch für Fragen aus dem Publikum bereit. Das Publikum beteiligte sich mit zahlreichen Fragen, Anmerkungen und Wortbeiträgen. Auf die Frage, warum er diesen Film gemacht habe, erzählte er von seiner langjährigen Beschäftigung mit den italienischen Partisanen. Den Anstoss gab die Begegnung mit den Überlebenden des Massaker und – letztendlich – der Besuch des Bundespräsidenten Gauck, der 2013 behauptet hatte, der Rechtsstaat habe keine geeigneten Mittel um Gerechtigkeit herzustellen. Der Film nimmt diese Aussage zu Beginn auf und gibt eine völlig andere Antwort auf diese Frage als Gauck.

In seinen einleitenden Worten stellte Knut Maßmann für die VVN-BdA die Veranstaltung in den aktuellen Kontext der Äußerungen des AfD-Politikers Gauland, der ein Recht darauf einforderte, wie andere Nationen auch stolz auf die Leistungen deutscher Soldaten in beiden Weltkriegen zu sein. Diese Veranstaltung ist auch eine Antwort darauf.

„Das zweite Trauma“ wurde 2017 in seiner italienischen Fassung „Il secondo trauma“ in Sant’Anna di Stazzema aufgeführt. Beide Sprachfassungen sind auch als Kinofassungen für Programmkinos und Kommunale Kinos erhältlich, der Kinoverleih wird von Querwege betrieben. Seit kurzem gibt es auch eine didaktische Fassung für den Einsatz in Schulen.

Eindrücke aus Danzig und Gdańsk

Touristenattraktion Danzig heute, wie es 1945 wieder aufgebaut worden ist.

Zum dritten Mal nutzte ich die Gelegenheit, mit dem DGB-Bildungswerk NRW e.V. eine polnische Stadt in Geschichte und Gegenwart kennen zu lernen. Nach Bildungsurlauben in Warschau (2015) und Lodz (2016) folgte dieses Mal Gdańsk/Danzig. „Stätten des Naziterrors – Studienseminar in Gdańsk/Danzig“ führte uns vom 27.08. bis 01.09.2017 auch zur KZ-Gedenkstätte Stutthof, zum in Polen umstrittenen „Museum des Zweiten Weltkriegs“ und zur Westerplatte, wo Nazi-Deutschland am 1. September 1939 um 4.45 Uhr den Zweiten Weltkrieg entfesselte. Einige Orte besuchte ich – teilweise erneut – nach dem Ende des Seminars auf eigene Faust.

Gdańsk ist heute eine Stadt mit 460.000 Einwohnern und im Norden Polens im Weichseldelta an der Ostsee gelegen. Die Stadt hat eine komplizierte Geschichte hinter sich. Danzig war im Mittelalter Hansestadt, wurde 1308 für rund 150 Jahre von den Rittern des Deutschen Ordens erobert, gehörte zu den größten Städten der Polnischen Adelsrepublik und wurde mit der zweiten polnischen Teilung 1793 erst ein Teil Preußens und 1871 ein Teil des Deutschen Reichs. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde es trotz mehrheitlich deutschsprachiger Bevölkerung 1920 zur „Freien Stadt“ erklärt und in das polnische Zollgebiet eingeschlossen. 1939 wurde es von Nazi-Deutschland „heim ins Reich“ geholt. 1945 wurde es endgültig an Polen angegliedert. Die deutsche Bevölkerung wurde vertrieben und durch ebenfalls vertriebene Polen aus den verlorenen polnischen Ostgebieten ersetzt. Im August 1980 wurde hier die unabhängige Gewerkschaft „Solidarność“ gegründet, die den Weg zu einem von der Sowjetunion unabhängigen Polen ebnete und zum Fall des „Eisernen Vorhangs“ führte, der Europa bis 1989 teilte.

Meine selbstorganisierte Anreise führte mich mit der polnischen Fluggesellschaft „LOT“ über Warschau nach Gdańsk. Wurde der Warschauer Flughafen nach dem Komponisten Frederic Chopin benannt, so ist der mit der „Solidarność“ verbundene Lech Walesa der Namensgeber für den Flughafen in Gdańsk. Auffallend viele Flüge kamen aus Skandinavien, was die Nähe der Ostseeanrainer zueinander zeigt. Das Seminar begann mit einer Vorstellungsrunde und einer Stadtführung. Letztere erfolgte sehr unterhaltsam auf humorvolle und subjektive Weise und war verbunden mit einem Schnelldurchgang durch zehn Jahrhunderte Danziger Geschichte. Interessant waren auch die Aspekte, die wir zum Wiederaufbau der Rechtsstadt nach 1945 erfuhren. Ohne die Leistungen des Wiederaufbaus zu schmälern, lässt sich die für Touristen attraktive Altstadt als hübsche „Theaterkulisse“ bezeichnen.

Zwei ausgewählte Eindrücke der Westerplatte: eine Freiluftausstellung, die den Ort erklärt (links), und ein Erinnerungsort an die Verteidiger der Westerplatte (rechts).

Verbunden mit einer Hafenrundfahrt besuchten wir anschließend die Westerplatte. Die Westerplatte ist für Polen ein nationales Symbol für den heldenhaften Widerstand im Zweiten Weltkrieg. Die Halbinsel in der Danziger Bucht diente in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen als militärisches Transitlager für Polen. Hier entfesselte Nazi-Deutschland den Zweiten Weltkrieg, als die „Schleswig-Holstein“ am 1. September 1939 um 4.45 Uhr mit dem Beschuss der Westerplatte begann. Die polnische Besatzung verteidigte sich unerwartet lange und kapitulierte erst am 7. September. Heute befindet sich hier unter anderem ein Denkmal, eine Gedenkstätte für die Verteidiger der Westerplatte und eine Ausstellung, die den Ort erklärt. Am 1. September 2017 fand hier um 4.45 Uhr eine jährlich stattfindende Gedenkveranstaltung statt.

Das wiederaufgebaute Gebäude der früheren Polnischen Post des Freistaats Danzig (links) und das Denkmal für die Verteidiger der Polnischen Post (rechts).

Im Westen vor allem durch Günter Grass „Die Blechtrommel“ bekannt geworden ist die Verteidigung der Polnischen Post. Polen hatte durch den Versailler Vertrag am Ende des Ersten Weltkriegs das Recht erhalten, einen eigenen Post-, Telefon- und Telegrafendienst zu verwalten. Mit dem deutschen Angriff auf die Westerplatte wurden auch die in Danzig befindlichen polnischen Einrichtungen besetzt. Der Angriff von Polizei und SS auf das Gebäude der Postdirektion und des Postamtes Nr. 1 stieß dort auf Widerstand. Die Postangestellten ergaben sich erst am späten Nachmittag. Das Postgebäude dient heute gleichermaßen als Postgebäude und als Museum, das eine Ausstellung über die Verteidigung der Polnischen Post wie über die Situation der polnischen Minderheit in der Freien Stadt Danzig beherbergt. Am 1. September war der Eintritt übrigens frei.

Eingangsbereich der KZ-Gedenkstätte Stutthof, links eine Jugendgruppe, rechts unsere Gruppe hinter dem rekonstruierten Lagertor.

Der zweite Tag führte uns hinaus auf die Frische Nehrung. Hier hatten die Nazis bereits am 2. September 1939 das Konzentrationslager Stutthof errichtet, das bis 1942 den lokalen Nazibehörden unterstand. Hier wurden rund 50 Kilometer von Danzig entfernt, umgeben von Kiefernwäldern und eingeschlossen von Ostsee und Haff, 120.000 Menschen inhaftiert. Die Hälfte von ihnen hat das Konzentrationslager nicht überlebt. Die Führung erfolgte durch einen wissenschaftlichen Mitarbeiter der Gedenkstätte, der über deutsche Häftlinge im KZ Stutthof forscht. Wir erfuhren, dass hier überwiegend Polen eingesperrt waren, aber gegen Kriegsende auch einige finnische Seeleute und norwegische Polizisten.

KZ-Gedenkstätte Stutthof: links das alte Lager, rechts das Mahnmal.

Das „Muzeum Stutthof w Sztutowie“ machte einen für mich irritierend aufgeräumten Eindruck. Es gab ein rekonstruiertes Lagertor sowie jeweils eine Reihe Baracken rechts und links, in denen neben originalen Einrichtungsgegenständen auch Ausstellungstafeln zu verschiedenen Themen untergebracht waren. Die Gebäude in der Mitte des Lagers waren nur an den Fundamenten zu erahnen. Eine bemerkenswerte Ausstellung zeigte die Veränderung des KZs in den verschiedenen Jahren. Ein sehr großes Modell zeigte die weitläufige Aufteilung des Lagers in seiner gesamten Ausdehnung. Im hinteren Teil gab es eine mit Stacheldraht zugesperrte Gaskammer und ein Krematorium zu besichtigen, dessen Öfen und Boden original erhalten waren. Des weiteren waren ein Mahnmal und eine Freiluftausstellung über das geheime Schul- und Bildungswesen der Polinnen im KZ Ravensbrück zu sehen.

Am dritten Tag, es war zugleich der sommerlichste Tag der ganzen Woche, besuchten wir zwei Museen hintereinander. Zuerst das in Polen umstrittene „Muzeum II Wojny Swiatowej“ (Museum des Zweiten Weltkriegs), danach das „Europejskie Centrum Solidarnośći“ (Europäisches Solidarność-Zentrum).

Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig.

Das Museum des Zweiten Weltkriegs wird von der derzeitigen, nationalistischen Regierung Polens angefeindet, da es zu wenig die polnische Sicht darstellen würde. Tatsächlich zeigt das Museum sehr viel mehr als eine polnische Sicht des Zweiten Weltkriegs. Es beginnt sehr weit vor 1939, nämlich mit dem Untergang des Vorkriegseuropas im Ersten Weltkriegs 1914 bis 1918. Es thematisiert den Aufstieg des Kommunismus in der Sowjetunion, des Faschismus in Italien und des Nationalsozialismus in Deutschland. Dachte ich zunächst, dass hier nur wieder die Totalitarismustheorie fröhliche Urstände feiert, geht die Ausstellung weiter. Es folgen der Francismus in Spanien und der Imperialismus Japans.

In allen drei Teilen der Ausstellung, Wege zum Krieg, Schrecken des Krieges und der lange Schatten des Krieges, schafft es die Ausstellung, viele, viele unterschiedliche Seiten zu beleuchten. Die militärische Seite des Weltkrieges spielt dabei nur eine kleine Rolle, im Vordergrund steht das Leiden der Zivilbevölkerung durch Bombenkrieg, Blockade, Umsiedlung, Konzentrationslager und Holocaust. Verbunden sind historische Abläufe mit Einzelschicksalen, die auf unterschiedliche Weise in der Ausstellung präsentiert werden. Eine Fülle an Portraitfotos versucht die unbegreifliche Zahl Ermordeter fassbar zu machen.

Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig.

Auch die Architektur ist Bestandteil der Ausstellung. Schräge Wände und dunkle Ecken symbolisieren Enge und Unwegsamkeit. Nach zahlreichen dunklen Räumen tritt man plötzlich in einen hellerleuchteten Raum, der den Atombombenabwurf auf Hiroshima thematisiert. Ich kann mich nicht erinnern, bisher eine derartige, wirklich multiperspektivische Ausstellung zum Zweiten Weltkrieg gesehen zu haben, der alle Kriegsschauplätze umfasst. Es wäre eine Schande, diese Dauerausstellung wieder aufzulösen!

Die Aufteilung Polens zeigt links eine Darstellung im Museum des Warschauer Aufstands (Warschau). Der Unterschied zum Museum des Zweiten Weltkriegs (Danzig) ist rechts deutlich erkennbar: das aufgeteilte Polen liegt in Europa.

Selbstverständlich war ich daran interessiert, als bleibendes Erinnerungsstück an diese Ausstellung einen Ausstellungskatalog zu erwerben. Umso überraschter war ich, als in dem angeschlossenen Museumsshop kein Exemplar, weder auf polnisch noch auf englisch, erhältlich war. Im Buchhandel eines Einkaufszentrums wurde ich schließlich fündig. Auch ein deutliches Signal.

Europäisches Solidarnosc-Zentrum auf dem Gelände der ehemaligen Lenin-Werft.

Das Europäische Solidarność-Zentrum schloss mit seiner Ausstellung „Wege zur Freiheit“ zur Geschichte der Solidarność direkt an das Museum des Zweiten Weltkriegs an. Vor dem Eingang befindet sich das Denkmal für die 1970 während der Streiks erschossenen Arbeiter. Auf dem Gelände der ehemaligen Lenin-Werft gelegen, schildert die Ausstellung die Geschichte der unabhängigen Gewerkschaft und Bürgerbewegung Solidarność. Deutlich wird hier auch der Einfluss der katholischen Kirche in Bezug auf die Solidarność.

Ein Besuch der Brigittenkirche zeigte einmal mehr die Verbindung zwischen der Solidarność und der Katholischen Kirche. Sie war mit Solidarność-Fahnen geschmückt und erinnerte an den 31. August 1980, als ein Abkommen zwischen der damaligen Regierung der Volksrepublik Polen und der unabhängigen Gewerkschaft Solidarność geschlossen worden ist, der die Solidarność bald zu einer Bürgerbewegung machte. Doch der so genannte „Karneval der Solidarność“ endete vorläufig am 13. Dezember 1981 mit der Verhängung des Kriegsrechts und der Internierung ihrer Anführer um Lech Walesa.

Solidarnosc und die Katholische Kirche. Rechts ein Standbild des früheren Papst Johannes Paul II. an der Seite der Brigittenkirche, die mit Solidarnosc-Fahnen geschmückt war.

Am vierten Tag fuhren wir mit dem Zug nach Malbork und besichtigten dort die Marienburg. Sie gehört zu den größten und berühmtesten Burgen des Mittelalters in Europa. Die Marienburg war ein christlicher Wallfahrtsort, Hochmeisterresidenz des Deutschen Ordens (der für 150 Jahre auch Danzig beherrschte), Nebenresidenz der polnischen Könige, preußische Kaserne und zählt heute zu einer Touristenattraktion, die bevorzugt von vielen deutschen Touristen besucht wird. Zu den unerwarteten und bemerkenswertesten Einrichtungen gehört die Fußbodenheizung in verschiedenen Räumen. Seit 1998 wurde die Marienburg von der UNESCO in das Weltkulturerbe aufgenommen.

Zwei ausgewählte Eindrücke der Marienburg, ein beliebtes Ziel für deutsche Touristen.

Die Marienburg ist ein Klassiker der Herrschaftsarchitektur. Sie entstand zwischen 1280 und Mitte des 15. Jahrhunderts auf einem früheren Heiligtum der Pruzzen. Aufgeteilt in Hochschloss, Mittelschloss, Vorburg und umgeben von zwei turmbesetzten Mauerringen war sie einst uneinnehmbar. Von hier aus beherrschten die Ritter des Deutschen Ordens ein Gebiet, dass Pomerellen oder Westpreußen und das spätere Ostpreußen umfasste. Weitere Gebiete beherrschte der Deutsche Orden im Baltikum mit dem heutigen Estland und Lettland.

Der fünfte und letzte Seminartag diente der Auswertung. Wie in allen Studienfahrten seit 2014 waren zu Beginn kleine Arbeitsgruppen mit spezifischen Fragestellungen gebildet worden, die mittels Fotopräsentation und kurzen Berichten ihre Ergebnisse vorstellten. Diese Art der Auswertung bildete zugleich die gesamte Woche und eine ganze Reihe diskutierter Fragen der Teilnehmer ab.

Meine wiederum selbstorganisierte Rückreise am 03.09.2017 führte mit wieder mit der polnischen „LOT“ über Warschau zurück nach Deutschland. Im Flugzeug saß neben mir – welch ein Zufall – eine Polin, die vor Jahrzehnten nach Kanada ausgewandert war, nun in Toronto lebte und für eine kurze Zeit Freunde in Polen und weitere europäische Länder besucht hatte. Wie man sich denken kann, hatten wir sehr viel Gesprächsstoff und der Flug „verging wie im Fluge“.

Zu den Eindrücken zählte natürlich auch das leckere Essen. Im Bild eine schmackhafte Kaschubische Kartoffelsuppe.