Archiv der Kategorie: Geschichte

Versagt vor der Geschichte – Zum NPD-Verbotsurteil

Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen!

Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen!

An allen Gedenktagen an die Opfer des NS-Regimes, so sicher auch am bevorstehenden 27. Januar, werden von den politisch Verantwortlichen in Deutschland Reden gehalten in denen man die Verbrechen des deutschen Faschismus benennt und ein „Nie wieder!“ verspricht.

Aber wenn es darauf ankommt, die Konsequenzen aus den Millionen Opfern dieses verbrecherischen Regimes zu ziehen und zwar die allereinfachste und naheliegendste, nämlich dass die dafür verantwortlichen politischen Kräfte nie Gelegenheit erhalten dürfen einen erneuten Anlauf zur Errichtung eines ähnlichen menschenfeindlichen Regimes zu errichten, wird versagt.

Es wird aber nicht einfach aus Unvermögen, sondern, wenn man das Anti-Verbots- Trommelfeuer der letzten Monate in Politik und Medien betrachtet, es wird vorsätzlich versagt.

Eine neo-nationalsozialistische Partei soll es in Deutschland geben dürfen, das ist die Quintessenz all dieser Aktivitäten.

Zu den historischen Verbrechen des deutschen Faschismus gehören auch die knapp 200 Toten seit 1990 und die rassistischen Mobilisierungen der letzten zwei Jahre bei denen die NPD eine wesentliche Rolle gespielt hat. Sie hat Strukturen, Ideologie und hasserfüllte Parolen zur Verfügung gestellt, was sogar noch aus Steuermitteln finanziert wird. Das macht deutlich, dass von der NPD Gefahr ausgeht unabhängig davon, ob sie in Parlamenten sitzt oder nicht.

Außerdem wurde vorsätzlich darauf verzichtet, dem völkischen Nationalismus wie er auch durch die AfD vertreten wird, einen Riegel vorzuschieben.

Dazu sagen wir Nein: Faschismus gehört verboten, weil er keine Meinung ist, sondern ein Verbrechen. Die NPD hat, ebenso wie andere faschistische Gruppierungen keinen Anspruch auf Legalität.

An dieser Lehre der Geschichte halten wir fest.

Cornelia Kerth
Bundesvorsitzende der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten
Karlsruhe, 17.01.17

Quelle: http://vvn-bda.de/versagt-vor-der-geschichte-zum-npd-verbotsurteil/

Stolperstein zum Gedenken an Rosalia Elise Galliner

Stolpersteine für das Ehepaar Dr. Siegfried Galliner und Rosalia Elise Galliner, geborene Stern, in der Munckelstraße 5 in Gelsenkirchen, auf der Straßenseite gegenüber dem Hans-Sachs-Haus.

Stolpersteine für das Ehepaar Dr. Siegfried Galliner und Rosalia Elise Galliner, geborene Stern, in der Munckelstraße 5 in Gelsenkirchen, auf der Straßenseite gegenüber dem Hans-Sachs-Haus.

Wortbeitrag von Knut Maßmann anlässlich der Stolpersteinverlegung.

Rosalia Elise Stern, genannt Rose, wurde am 29. Juli 1884 in Königshütte in Oberschlesien geboren. Sie heiratete den Rabbiner Dr. Siegfried Galliner am 28. Dezember 1914 in Königshütte. Das kinderlos gebliebene Ehepaar lebte in Gelsenkirchen.

Die Ausgrenzung und Verfolgung der Juden dürfte Rosalia Elise Galliner am eigenen Leib miterlebt haben. Zur Ausgrenzungspolitik der Nazis gehörte auch die Verschlechterung der medizinischen Versorgung der jüdischen Bevölkerung. Seit 1938 durften überhaupt nur noch wenige jüdische Ärzte ausschließlich jüdische Patienten behandeln. Jüdische Patienten wurden in kein nichtjüdisches Krankenhaus aufgenommen. Viele Apotheken gaben keine Medikamente an jüdische Kranke ab.

Die an Krebs erkrankte Rosalia Elise Galliner wurde daher nicht in Gelsenkirchen, sondern im Jüdischen Krankenhaus in Köln-Ehrenfeld, Ottostraße 85 aufgenommen. Dort starb sie am späten Abend des 20. Dezember 1938 an den Folgen ihrer Erkrankung.

Die schlechte medizinische Versorgung im Zuge der nazistischen Rassenpolitik hat sicherlich zu diesem frühen Tod beigetragen.

Rosalia Elise Galliner wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Köln-Bocklemünd beigesetzt. Auf dem Grabstein heißt es unter anderem in hebräisch: „… sie suchte ihr Leben lang mit ganzem Herzen für ihren Ehemann das Gute; in angenehmer Weise überwachte sie ihren Haushalt; erwies Gutes und Liebe ihr Leben lang; sittsam in jeder Hinsicht; ehrlich und bescheiden in allen ihren Handlungen; reines Herzens, gestorben in ihrem besten Alter … Möge ihre Seele gebündelt sein im Bündel des ewigen Lebens.“

Geschichte und Gegenwart – Eindrücke aus Lodz und Kulmhof

Zum dritten Mal reiste ich mit dem DGB-Bildungswerk NRW an Erinnerungsorte, zum zweiten Mal ging es nach Polen. Besuchten wir im Rahmen eines Studienseminars 2014 Orte in Belgien und Nordfrankreich, die an die Schrecken des Ersten Weltkrieges im Westen erinnerten, fuhren wir 2015 nach Warschau und Treblinka zu Orten, die an Nazi-Terror und Zweiten Weltkrieges erinnerten. In diesem Jahr standen vom 28.08. bis 02.09.2016 die Stadt Lodz, von den Nazis während der Besetzung in Litzmannstadt umbenannt, und das Vernichtungslager Kulmhof (Chelmno on Ner) auf dem Programm. Zugleich bot der Besuch in Lodz die Erkundung einer ehemals multikulturellen Stadt mit einer an das Ruhrgebiet erinnernden Industriegeschichte, die in einen aus dem Ruhrgebiet bekannten Strukturwandel mündete. Für die Organisation sorgte wie im vergangenen Jahr Hartmut Ziesing Bildungs- und Studienreisen.

Darstellung in der Ausstellung der Gedenkstätte Bahnhof Radegast.

Die Darstellung in der Ausstellung der Gedenkstätte Bahnhof Radegast zeigt die Eroberung und Teilung Polens.

Zur polnischen Geschichte gehört die Erfahrung, zwischen übermächtigen Nachbarn erdrückt zu werden. Hierzu gehören nicht nur die drei polnischen Teilungen im 18. Jahrhundert, die Polen zwischen dem russischen Zarenreich, dem Königreich Preußen und der Habsburgermonarchie Österreich aufteilten und von der Landkarte verschwinden ließen, sondern auch die Aufteilung des nach dem Ersten Weltkriegs neu entstandenen polnischen Staates 1939 zu Beginn des Zweiten Weltkrieges durch Nazi-Deutschland und die Sowjetunion. Eine Karte in der Gedenkstätte Bahnhof Radegast stellt diesen Sachverhalt anschaulich dar. In Bezug auf die Entfesselung des Zweiten Weltkrieges durch Nazi-Deutschland am 1. September 1939 unterscheidet sich die Erinnerung zwischen Deutschland und Polen. Während in Deutschland eher an den von Nazis gefälschten „Überfall Polens auf den Sender Gleiwitz“ erinnert wird, steht in Polen die Verteidigung der Westerplatte bei Danzig im Mittelpunkt.

Hotel Grand auf der Piotrkowska in Lodz.

Hotel Grand auf der Piotrkowska in Lodz, einer einzigartigen Prachtstraße.

Untergebracht waren wir im Hotel Grand, einem seit 1888 bestehendem eleganten Hotel. Erwarteten die Gäste damals „modern ausgestattete, mit Gas beleuchtete Zimmer mit Sanitäranlagen und transportablen Waschbecken“, so besaßen 1913 „einige Appartements“ bereits elektrische Beleuchtung, Telefon sowie „Waschbecken mit warmem und kaltem Wasser“. In der Gegenwart hat das Hotel noch viel von seinem Charme aus der Vorvorkriegszeit erhalten, trotz Dusche und W-LAN. Das Hotel Grand befindet sich auf der Piotrkowska Straße 72, einer 4,2 km langen einzigartigen Prachtstraße mit einem erhaltenen Ensemble originaler Großstadtarchitektur aus dem 19. Jahrhundert. Da Lodz während des Zweiten Weltkrieges, anders als Warschau, nicht zerstört wurde, sind im Stadtgebiet noch die zahlreichen Villen, Paläste und Industriebauten der im 19. Jahrhundert aufstrebenden Textilindustrie zu sehen. Lodz gehörte seit dem Wiener Kongress 1815 zum Russischen Zarenreich („Kongresspolen“) und war eine multikulturelle und multiethnische Stadt, in der Deutsche, Juden, Polen und Russen lebten und arbeiteten.

Der Palast des jüdischen Fabrikanten Israel Poznanski beherbergt heute ein Museum.

Der Palast des jüdischen Fabrikanten Israel Poznanski beherbergt heute ein Museum.

Im Verlauf der Woche besuchten wir Palast und Fabrikimperium des jüdischen Fabrikanten Israel Poznanski, die heute das Museum der Stadt Lodz bzw. mit der Manufaktura ein postindustrielles Einkaufs- und Unterhaltungszentrum beherbergen, sowie Villa, Fabrikgebäude und Arbeiterviertel des deutschen Fabrikanten Karl Scheibler, in denen sich heute ein Museum der Polnischen Kinematographie bzw. moderne Lofts oder Wohnungen befinden. Lodz war in seiner Glanzzeit nach Warschau die zweitgrößte Stadt Polens, heute ist sie auf den dritten Platz nach Warschau und Krakau gerutscht.

Ghetto Litzmannstadt

Der von Nazi-Deutschland 1939 besetzte Teil Polens wurde teilweise direkt an Deutschland angeschlossen, der Rest als „Generalgouvernement“ verwaltet. Lodz gehörte zu dem Gebiet, das dem Deutschen Reich angeschlossen wurde. Die Stadt befand sich im neu gegründeten Gau Wartheland und wurde in Litzmannstadt umbenannt.

Beispiel für eines der erhaltenen Gebäude des ehemaligen Ghettos.

Beispiel für eines der erhaltenen Gebäude des ehemaligen Ghettos.

Wie auch in Warschau und anderen polnischen Städten sperrten die Nazis die jüdische Bevölkerung in eigenen Wohnbezirken ein, auch die polnische wurde von der deutschen Bevölkerung stadträumlich getrennt. Das 1940 errichtete Ghetto Litzmannstadt umfasste dabei den ärmsten Teil der Stadt. Es handelt sich um das am längsten existierende Ghetto „und zugleich die zweitgrößte Konzentrations- und Zwangsarbeitsstätte für die jüdische Bevölkerung auf polnischem Gebiet“. Anders als in Warschau sind noch zahlreiche Gebäude vorhanden, aber nicht auf den ersten Blick erkennbar. Ehemalige Synagogen, die in anderen Teilen der Stadt gesprengt wurden, werden heute in anderer Funktion genutzt. Kirchen, die im Ghetto als Lager genutzt wurden, werden heute wieder als Kirche genutzt. Andere Gebäude werden als Wohngebäude genutzt und an ihnen kann man sehen, dass es sich damals wie heute um den ärmeren Teil der Stadt handelt.

Bodendenkmal erinnert wie ein Stolperstein auf dem Gelände des ehemaligen Ghettos.

Bodendenkmal erinnert wie ein Stolperstein auf dem Gelände des ehemaligen Ghettos.

Zu den umstrittenen Personen gehört der von den Nazis eingesetzte Älteste des Judenrates, Chaim Rumkowski. Er setzte darauf, dass sich die Juden des Ghettos durch ihre Arbeitskraft unentbehrlich machten („Unser einziger Weg ist Arbeit!“), gab allerdings dadurch die nichtarbeitsfähigen Kinder, Alten und Kranken der Vernichtung preis. Ende 1942 arbeiteten etwa 80 % der Ghetto-Bevölkerung in 90 Abteilungen, später 95 % in 96 Abteilungen. Im Ergebnis existierte das Ghetto Litzmannstadt am längsten von allen NS-Ghettos. Rumkowski selbst überlebte nicht.

Bahnhof Radegast

Zug der Deutschen Reichsbahn - Ausstellungsstück der Gedenkstätte Bahnhof Radegast.

Zug der Deutschen Reichsbahn – Ausstellungsstück der Gedenkstätte Bahnhof Radegast.

Die Gedenkstätte Bahnhof Radegast „ist ein im Original erhalten gebliebenes Bahngebäude aus dem Jahre 1941“. Hier wurden Produkte, Lebensmittel und Rohstoffe in das Ghetto und gefertigte Produkte aus dem Ghetto transportiert. Ab Januar 1942 gingen von hier die Transporte in die Vernichtungslager ab. Zur Gedenkstätte gehören eine Dampflok mit Waggons, die an die Deportationen erinnern, eine Ausstellung zum Ghetto Lodz mit einem noch unvollständigen Modell des Ghettos sowie einer weiteren Ausstellung mit Briefen aus dem Ghetto. Neben einer Gedenkwand mit den Namen der Konzentrations- und Vernichtungslager gibt es einen langen Tunnel, der Ereignisse von 1939 bis 1945 und die Deportationslisten zeigt. Träger der Gedenkstätte ist das Museum der Unabhängigkeitstraditionen Lodz.

Gedenkstätte Bahnhof Radegast - Tunnel mit Zeitleiste und Deportationslisten.

Gedenkstätte Bahnhof Radegast – Tunnel mit Zeitleiste und Deportationslisten.

Schmiede der Roma

Im Rahmen des Ghettos wurde 1941/42 ein „Zigeunerlager“ verwaltet, in dem rund 5000 Roma aus dem österreichisch-ungarischen Grenzgebiet zusammengepfercht worden waren. Die Insassen wurden vom Bahnhof Radegast in das Vernichtungslager Kulmhof gebracht und dort ermordet. Eine Ausstellung in der „Schmiede der Roma“, einem unscheinbaren Gebäude des ehemaligen „Zigeunerlagers“ erinnert an den Völkermord an den Roma unter Berücksichtigung der Geschichte des Lagers.

Modell des ehemaligen "Zigeunerlagers" in der Gedenkstätte Bahnhof Radegast.

Modell des ehemaligen „Zigeunerlagers“ in der Gedenkstätte Bahnhof Radegast. Die „Schmiede der Roma“ ist das kleine Gebäude am linken Gebäude.

Vernichtungslager Kulmhof

Kulmhof gehörte zu den Vernichtungslagern, die von den Nazis extra in entlegenen und wenig bevölkerten Gebieten errichtet wurden. Ihr einziger, perverser Zweck war es, Menschen massenhaft zu ermorden. Das Lager wurde in der Zeit von Dezember 1941 bis April 1943 und erneut zur Auflösung des Ghettos Lodz 1944/45 betrieben. Die ersten Opfer stammten aus den Ghettos der umliegenden Städte, später kamen Juden und Roma aus Lodz bzw. weiteren Ländern hinzu. Die Ermordung geschah in LKWs durch Auspuffgase auf dem Weg von einem Gutshaus zu einem etwa 4 km entfernten Wald, wo die Ermordeten in Massengräbern verscharrt wurden. Um die Spuren zu verwischen, wurden die Leichen später wieder ausgegraben und in Krematorien verbrannt. Die Knochen wurden zerkleinert, Asche und Knochenreste erneut vergraben. Auch das Gutshaus wurde gesprengt. Eine ausführliche Beschreibung befindet sich auf deathcamps.org.

Foto aus der Ausstellung der Gedenkstätte Kulmhof, das einen der Gaswagen zeigt, mit deren Auspuffgasen die Ermordung auf dem Weg zum Wald stattfand.

Foto aus der Ausstellung der Gedenkstätte Kulmhof, das einen der Gaswagen zeigt, mit deren Auspuffgasen die Ermordung auf dem Weg zum Wald stattfand.

Heute befindet sich auf dem Gelände um die ausgegrabenen Fundamente des Gutshauses eine Gedenkstätte mit einer Ausstellung. Zu den Besuchern gehören im wesentlichen Gruppen aus Israel oder jüdische Gruppen aus aller Welt, Deutsche Besucher gibt es fast gar nicht. Auf dem Gelände des ehemaligen Waldlagers befinden sich heute verschiedene Denkmale sowie markierte Grabfelder, auf denen die Konzentration von Asche und Knochenreste am größten ist. Eigentlich ist das ganze ehemalige Waldlager ein großer Friedhof.

Gedenkstätte Kulmhof - Waldlager. Im Bild eines von vielen Massengräbern, in denen sich Asche und Knochenreste befinden.

Gedenkstätte Kulmhof – Waldlager. Im Bild eines von vielen Massengräbern, in denen sich Asche und Knochenreste befinden. Den Nazis gelang es nicht, alle Spuren zu beseitigen.

Überleben

Wird an vielen Gedenkorten das Andenken an die Ermordeten gepflegt, so wird im Survivor’s Park an die Überlebenden und im Ehrenhain für die Gerechten unter den Völkern an die Retter erinnert. Im ebenfalls dort gelegenen Marek-Edelmann-Zentrum für Dialog gab es im Rahmen des Seminars eine Begegnung mit dem Zeitzeugen Leon Weintraub, einem betagten Überlebenden des Ghettos Litzmannstadt. Er lebt in Schweden und war anlässlich der Feierlichkeiten des 72. Jahrestages der Liquidierung des Ghettos Litzmannstadt nach Lodz gereist. Er erzählte unter anderem von den Zufälligkeiten, die dazu führten, dass man überlebte. Im KZ Auschwitz, wohin er von Litzmannstadt aus transportiert worden war, sah er vor einem Block eine Gruppe nackter Männer, die mit einer Nummer versehen, auf ihre Einkleidung warteten, um zu einem Arbeitseinsatz nach draußen gebracht zu werden. Kurz entschlossen zog er sich ebenfalls aus und stellte sich hinzu; dass ihm keine Nummer eintätowiert worden war, fiel nicht weiter auf. Später stellte sich heraus, dass alle anderen aus seinem Block ermordet worden sind. Er überlebte.

Ausstellung zu Überlebenden des Holocaust, darunter auch Leon Weintraub, im Marek-Edelmann-Zentrum für Dialog.

Ausstellung zu Überlebenden des Holocaust, darunter auch Leon Weintraub, im Marek-Edelmann-Zentrum für Dialog.

Spurensuche

Spuren ehemaligen jüdischen Lebens lassen sich natürlich zahlreich auf dem Jüdischen Friedhof finden. Das für mich besondere an diesem Friedhof ist, dass hier viele Gräber orthodoxer Juden bewusst dem Verfall preis gegeben sind. Inzwischen gibt es wieder eine kleine jüdische Gemeinde, so dass auf ihm nach langer Zeit auch wieder neue Bestattungen stattfinden. Doch auch in Lodz selbst lässt sich die eine oder andere Spur finden, wie das folgende Foto zeigt.

Im Hinterhof der Piotrkowska 88 findet sich diese Spur. Wer genau hinschaut, kann den Davidstern erkennen.

Im Hinterhof der Piotrkowska 88 findet sich diese Spur. Wer genau hinschaut, kann den Davidstern erkennen.

Das gelobte Land

Im Rahmen des Seminars besuchten wir die Filmhochschule, die mit Namen wie Roman Polanski und Andrzej Wajda verbunden ist. Von letzterem stammt mit „Das gelobte Land“ ein eindrucksvoller Film über das Lodz des 19. Jahrhunderts. Das in Deutschland bekannte Lied „Theo wir fahr’n nach Lodz“, ein Schlager, gesungen von Vicky Leandros (1974), thematisierte die Landflucht des 19. Jahrhunderts. Auf youtube findet sich ein wundervoller Werbefilm, den die Stadt Lodz 2009 produzieren ließ und der den Text aus dem Jahre 1974 aufnimmt.

Kriegerdenkmale und Kriegsvorbereitung in Gelsenkirchen (II)

Kriegerdenkmal von Joseph Enseling aus dem Jahre 1926 auf dem Westfriedhof in Gelsenkirchen-Heßler.

Kriegerdenkmal von Joseph Enseling aus dem Jahre 1926 auf dem Westfriedhof in Gelsenkirchen-Heßler.

Sechs sogenannte „Kriegerdenkmale“ verzeichnet die Denkmalliste der Stadt Gelsenkirchen. Neben fünf mit nationalkitschigem bis faschistischem Hintergrund (vgl. meinen Beitrag hier) gibt es noch ein wenig bekanntes Denkmal auf dem Westfriedhof in Gelsenkirchen-Heßler.

Die trauernde Figur stammt von Joseph Enseling aus dem Jahr 1926 und mit ihr unterscheidet sich das Denkmal durch die Gestaltung deutlich von den anderen fünf „Kriegerdenkmalen“. Zudem befindet sich das Denkmal auf einem Friedhof, umgeben von etwa 400 Gräbern für Gefallene beider Weltkriege. Das Eiserne Kreuz auf der Rückseite des Denkmals zeigt an, dass es sich um einen Soldatenfriedhof handelt.

Grabstätten für Gefallene des Ersten Weltkriegs auf dem Westfriedhof in Gelsenkirchen-Heßler.

Grabstätten für Gefallene des Ersten Weltkriegs auf dem Westfriedhof in Gelsenkirchen-Heßler. Die Kreuze im Hintergrund erinnern an die Gefallenen des Zweiten Weltkrieges.

Die Grabplatten für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges sind nach fast hundert Jahren teilweise stark verwittert und überwachsen. Namen, Ort und Jahreszahlen sind oft kaum noch zu lesen, Jahreszahlen noch zu erfühlen. Allerdings befinden sich die meisten deutschen Soldatengräber des Ersten Weltkrieges nicht in Deutschland, sondern in den Ländern, in denen sie der Krieg führte.

Grabstein für einen im Ersten Weltkrieg Gefallenen auf dem Westfriedhof in Gelsenkirchen-Heßler.

Grabstein für einen im Ersten Weltkrieg Gefallenen auf dem Westfriedhof in Gelsenkirchen-Heßler.

Als Quelle für diesen Beitrag dienten mir ein Artikel im Gelsenkirchen Wiki sowie ein Thread im Forum der Gelsenkirchener Geschichten, der viele Fotos des Westfriedhofs enthält.

Kriegerdenkmale und Kriegsvorbereitung in Gelsenkirchen

Das Ehrenmal in Gelsenkirchen-Buer, Zum Ehrenmal.

Das Ehrenmal in Gelsenkirchen-Buer, Zum Ehrenmal.

Vor einhundert Jahren tobte der Erste Weltkrieg nun schon seit fast zwei Jahren. 1914 begonnen, war ein Ende nicht absehbar, waren sogar weitere Staaten 1915 und 1916 in den Weltkrieg eingetreten. In unserer Gegenwart wird die öffentliche Wahrnehmung des Ersten Weltkrieges in diesem Jahr von zwei Ereignissen bestimmt: der Schlacht vor Verdun und dem Völkermord an den Armeniern. In Westeuropa schickten die jeweiligen militärischen Oberbefehlshaber 1916 deutsche und französische Truppen vor Verdun in den Tod einer sinnlosen „Materialschlacht“. Im Orient schickten 1915/16 staatliche Stellen die seit Jahrhunderten in Anatolien siedelnden christlichen Armenier in den Tod und löschten die westarmenische Kultur aus.

Auch an Gelsenkirchen und seinen Bürgern ging der Erste Weltkrieg nicht spurlos vorüber, wenn die Stadt auch von militärischen Kämpfen verschont blieb. Die Bevölkerung litt unter der zunehmend schlechter werdenden Ernährung und unter verschlechterten Arbeitsbedingungen. Die Lücken in den Zechen und Industriebetrieben durch die in den Krieg eingezogenen Männer wurden nicht nur durch Mehrarbeit der verbliebenen Männer ausgeglichen, sondern auch durch den Einsatz von Kriegsgefangenen und durch Frauenarbeit. Die für den Krieg produzierenden Industrieellen konnten ihre Gewinne steigern, während mehr als 7300 Soldaten aus den Gemeinden Gelsenkirchen, Buer und Horst in den Jahren 1914 bis 1918 auf den Schlachtfeldern starben.

Kriegerdenkmal des „Turner-Club Gelsenkirchen von 1874 e.V.“ aus dem Jahr 1924, Hauptstraße 50 am Grillo-Gymnasium

Kriegerdenkmal des „Turner-Club Gelsenkirchen 1874 e.V.“ aus dem Jahr 1924, Hauptstraße 50 am Grillo-Gymnasium.

Heute erinnern an den Ersten Weltkrieg in Gelsenkirchen noch einige steinerne Zeugen, in der Denkmalliste der Stadt Gelsenkirchen (vom 17.05.2011) sind sie als „Kriegerdenkmal“ aufgeführt. Nun könnte man meinen, die Denkmale dienten nur der Erinnerung an die gefallenen Soldaten aus Gelsenkirchen. Mehrere von ihnen wurden jedoch nach 1933 errichtet. Mit ihnen stellten die Nazis die im Ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten in den Dienst ihrer innenpolitischen Kriegsvorbereitung für den Zweiten Weltkrieg. Ein vergessenes Kriegerdenkmal aus der Nazi-Zeit wurde sogar erst 2015 von einem nichtöffentlichen Werksgelände in den öffentlichen Raum der Stadt versetzt.

Kriegerdenkmal am Grillo-Gymnasium

Zum Antikriegstag, der traditionell an die Entfesselung des Zweiten Weltkrieges durch Nazi-Deutschland erinnert, war am 1. September 2014 erstmals mit einer Abschlusskundgebung vor dem fast vergessenen und zugewachsenen Denkmal am Grillo-Gymnasium auch an den Ersten Weltkrieg erinnert worden. Dieses Denkmal war vom „Turner-Club Gelsenkirchen 1874 e.V.“ bereits im Jahre 1924 für „unserer im Weltkriege 1914-1918 gefallenen 71 Turnbrüder“ errichtet worden. Wie der Inschrift auf dem Denkmal weiter zu entnehmen ist, war der 50. Jahrestag der Vereinsgründung am 27. Juli 1924 der Anlass der Denkmalstiftung. Wie auch andere Kriegerdenkmale des Ersten Weltkrieges wurde seine Widmung nach dem Zweiten Weltkrieg ergänzt. In diesem Fall um „54 gefallene Turnbrüder 1939-1945“. Die Gestaltung zeigt unter anderem einen Stahlhelm und ein Eisernes Kreuz. Zum Antikriegstag 2014 ist es in ein temporäres Denkmal für den unbekannten Deserteuer umgewandelt worden.

Kriegerdenkmal am Machensplatz

Kriegerdenkmal am Machensplatz in Erinnerung an das Reserveregiment 56 aus dem Jahre 1934.

Kriegerdenkmal am Machensplatz in Erinnerung an das Reserveregiment 56 aus dem Jahre 1934.

Am Machensplatz, gegenüber dem früheren Gelsenkirchener Rathaus, war im Jahre 1934 ein Kriegerdenkmal dem Reserveregiment 56 gewidmet worden. Wie dem Beitrag „Auf den Spuren des Ersten Weltkrieges“ zu entnehmen ist, waren die Gelsenkirchener Soldaten des Regiments in der damaligen Georgschule in der Altstadt versammelt und ausgerüstet worden. Sie wurden am 6. August 1914 verladen und kamen zusammen mit der 13. Reservedivision zur Westfront. Die Einheit erlitt schwere Verluste beim ersten Kampfeinsatz im September 1914 und wurde auch 1916 in der Schlacht um Verdun eingesetzt. Das Denkmal wurde genau 20 Jahre nach dem ersten Kampfeinsatz eingeweiht, um der Verluste bei der sogenannten „Feuertaufe“ zu gedenken. (Der ursprüngliche Beitrag ist auf der Internet-Seite der Stadt Gelsenkirchen nicht mehr vorhanden, aber im Wiki der Gelsenkirchener Geschichten dokumentiert.)

Dahlbuschdenkmal aus dem Jahre 1937, heute im Dahlbuschpark an der Beethovenstraße in Gelsenkirchen-Rotthausen

Dahlbuschdenkmal aus dem Jahre 1937, heute im Dahlbuschpark an der Beethovenstraße in Gelsenkirchen-Rotthausen.

Kriegerdenkmal Zeche Dahlbusch

Im heutigen Dahlbusch-Park befindet sich das Ehrenmal der Zeche Dahlbusch sowie eine erläuternde Tafel nach dem städtischen Konzept der Erinnerungsorte. Danach war das Ehrenmal 1937 durch die Bergwerksgesellschaft Dahlbusch zur Erinnerung an die im Ersten Weltkrieg gefallenen Werksangehörigen errichtet worden. Es stand ursprünglich vor der Schachtanlage 8 an der Rotthauser Straße. Der heute noch vorhandene Steinquader war vom Halfmannshofer Künstler Hubert Nietsch, der auch das Kriegerdenkmal Schalker Verein (weiter unten) und weitere Nazi-Kunst geschaffen hat, gestaltet worden.

Es zeigt einen Soldaten und einen Bergmann, die ursprünglich von einem Eisernen Kreuz und einem Hakenkreuz flankiert waren. Der Kriegstod der Bergleute wurde durch die Bildsprache und die Inschriften „Unseren gefallenen Arbeitskameraden“ und „Sie starben für Deutschland“ heroisiert und mit dem Nationalsozialismus verknüpft. Nach der Schließung der Zeche wurde der Steinquader in den heutigen Dahlbusch-Park versetzt und soll nun, so heißt es zumindest auf der Tafel, an die Toten des Ersten Weltkrieges wie an deren Instrumentalisierung durch die Nazis erinnern. Wie man sich das vorzustellen hat, bleibt allerdings der Phantasie des Besuchers überlassen.

Kriegerdenkmal „Ehrenmal“ in Buer

Das größte und auch über Gelsenkirchen hinaus bekannte Kriegerdenkmal ist das oft einfach nur „Ehrenmal“ genannte Denkmal in Gelsenkirchen-Buer auf einer Anhöhe am Berger See gelegen. Auch hier findet sich eine erläuternde Tafel nach dem städtischen Konzept der Erinnerungsorte. Danach ging die ursprüngliche Initiative 1925 von der Bueraner Bürgerschaft aus um die im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 und die im Ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten sowie die Toten der französisch-belgischen Ruhrbesetzung von 1923 zu ehren. Als das Denkmal am 13. Mai 1934 feierlich eingeweiht wurde, hatten die Nazis die Gestaltung geprägt, neben einem Hakenkreuz fanden sich auch sogenannte „Märtyrern“ der NSDAP in den Inschriften. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden alle Nazi-Inschriften und -Symbole entfernt, sowie Inschriften ergänzt, die an die Opfer des Zweiten Weltkrieges erinnern und zum Frieden mahnen. Das Ehrenmal hat einen eigenen Eintrag in der Wikipedia.

Das Ehrenmal in Gelsenkirchen-Buer, Zum Ehrenmal.

Das Ehrenmal in Gelsenkirchen-Buer, Zum Ehrenmal.

Kriegerdenkmal des Schalker Vereins

Neben diesen bereits im öffentlichen Raum befindlichen Denkmalen versetzte die Stadt Gelsenkirchen im Jahre 2015 ein zuvor auf dem Werksgelände des ehemaligen Schalker Vereins vergessenes Kriegerdenkmal an einen öffentlichen Weg. Wieder findet sich eine erläuternde Tafel nach dem städtischen Konzept der Erinnerungsorte sowie ein Stein mit der  Inschrift „Die Toten mahnen zum Frieden“.

Es handelt sich um ein 5 Meter hohes, lorbeergeschmücktes Schwert aus Gussstahl, angebracht an einer 6 Meter hohen Granitstele. Ursprünglich war es am 1. Mai 1937 auf dem Gelände des Schalker Vereins feierlich eingeweiht worden. Mit den Inschrift wie beim Dahlbusch-Denkmal (weiter oben) „Den gefallenen Arbeitskameraden 1914-1918“ und „Sie starben für Deutschland“ wurden die im Ersten Weltkrieg gefallenen Werksangehörigen in den Dienst der innenpolitischen Kriegsvorbereitung der Nazis gestellt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Jahre 1939-1945 ergänzt. Danach geriet es in Vergessenheit und wuchs in einer Ecke des Geländes zu.

Kriegerdenkmal des Schalker Vereins - ein Nazi-Schwert aus dem Jahre 1937 wurden 2015 an einen öffentlichen Weg umgesetzt.

Kriegerdenkmal des Schalker Vereins – ein Nazi-Schwert aus dem Jahre 1937, wurde 2015 an einen öffentlichen Weg umgesetzt.

Nach dem Verkauf des Schalker Vereins vor einigen Jahren und während der Umgestaltung des früheren Werksgeländes wurde es wiederentdeckt. Es wurde unter Denkmalschutz gestellt und kurz vor dem 9. November 2015 an einen öffentlichen Weg in der Nähe des alten Standortes umgesetzt. Dagegen fordert die Gelsenkirchener VVN -BdA eine öffentliche Diskussion und die Umgestaltung in ein antifaschistisches Denkmal. Gerade auf dem Gelände des Schalker Vereins bietet sich die Thematisierung von Rüstungsproduktion, Zwangsarbeit, Widerstand und Bombenkrieg an, um aus der Geschichte zu lernen, dass und warum sie sich nicht wiederholen darf. (Eine ausführliche Berichterstattung dazu findet sich hier.)

Weitere Erinnerungsorte in Kirchen und Schulen

Als Antwort auf meine Frage im Forum der „Gelsenkirchener Geschichten“ erhielt ich neben dem bei diesem Thema fast schon zu erwartenden Troll aus dem rechten Spektrum wertvolle Hinweise auf weitere Erinnerungsorte in Gelsenkirchen an weniger öffentlichen Orten. So hat es in Kirchen und Schulen Gedenktafeln oder in einem Fall ein Gedenkbuch der Gefallenen gegeben, die teilweise durch Umbauten verschwunden sind, teilweise noch heute vorhanden sind. Unterscheiden lässt sich meines Erachtens zwischen einem namentlichen Gedenken, in dem die einzelnen Personen im Vordergrund stehen, und der Verklärung der Toten des Ersten Weltkrieges durch Nazi-affine Denkmale und summarische Inschriften wie „Den gefallenen Arbeitskameraden“ und „Sie starben für Deutschland.“ Dabei sind die Grenzen sicherlich fließend, denn auch vor 1933 gab es eine nationalistische Verklärung der Toten des Ersten Weltkrieges.

Vortrag über Wilhelm Tenholt, GESTAPO-Leitstelle Recklinghausen und Gelsenkirchen 1933-1936

Zeichnung eines Gerichtsreporters von Wilhelm Tenholt während des Verfahrens im Gerichtssaal 1949.

Zeichnung eines Gerichtsreporters von Wilhelm Tenholt während des Verfahrens im Gerichtssaal 1949.

Die Recklinghäuser Leitstelle der Geheimen Staatspolizei zählte zu den brutalsten Verhörorten in Westfalen im „Dritten Reich“. Der Kriminalrat Wilhelm Tenholt war nicht nur überzeugter Nazi und Leiter der Dienstelle, er war auch einer der gefürchtetsten Beamten. Die in sogenannte „Schutzhaft“ genommenen politischen Gegner wurden von ihm misshandelt und gefoltert, für einige Häftlinge endeten die Verhörmethoden tödlich. 1949 wurde Tenholt vor dem Bochumer Landgericht wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit verurteilt, allerdings kurz vor dem KPD-Verbot mit dem Hinweis, ob man den gefolterten Kommunisten „alles glauben könne“, typischerweise begnadigt.

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe des Instituts für Stadtgeschichte (ISG) wird der Referent Ortwin Bickhove-Swiderski Stationen des beruflichen Werdegangs Tenholts nachzeichnen und anhand eidesstattlicher Zeugenaussagen dessen Verbrechen deutlich machen. Wilhelm Tenholt war schon ab 1931 illegal Mitglied der NSDAP. Nach der Machtübertragung an die Nazis wurden hunderte von KPD-Mitgliedern im Recklinghäuser Polizeipräsidium brutal gefoltert. Außerdem war Tenholt verantwortlich für die Todessprünge des KPD-Reichstagsabgeordneten Albert Funk sowie des KPD-Funktionärs Vörding aus Coesfeld. Bei seinen Recherchen zu einer Buchveröffentlichung über Albert Funk hat Bickhove-Swiderski bisher unveröffentlichte Dokumente im Bundesarchiv in Berlin ausgewertet; außerdem liegen ihm 180 Aussagen ehemaliger KPD-Mitglieder vor. Diese Akte hat die Zeit des KPD-Verbotes von 1956 im Haus eines Recklinghäuser KPD-Funktionärs eingemauert überdauert.

In einer der Aussagen wird berichtet: „Während die anderen Kriminal-Beamten die Wohnung durchsuchten, wurde ich von T e n h o l d  verhört. Dabei versetzte er mir dauernd Faustschläge ins Gesicht. (…) Im Laufe des Verhörs, forderte T e n h o l d  meine Frau auf, die Brille abzunehmen, wonach er sie dann mehrere Male ins Gesicht schlug. Wir wurden beide, meine Frau und ich, verhaftet. (…) Noch am Vormittag desgleichen Tages, wurde ich zur Vernehmung vorgeführt. Im Vernehmungszimmer wurde ich kurzerhand über einen Tisch gestoßen und mit Knüppeln und Stahlruten geschlagen. Nach etwa 30 Schlägen, wurde ich von Tenhold aufgefordert, auszusagen. Da ich schwieg, begann die Prozedur von Neuem. Dieses wiederholte sich 5 Mal, wobei ich durchschnittlich jedes Mal 50 Schläge erhielt, die auf Rücken, Gesäß und Beine niedersausten. Neben Kommissar Tenhold waren noch 6 andere Männer im Vernehmungszimmer, von denen jedes Mal 4 schlugen . Auch Tenhold selbst beteiligte sich am Schlagen. Während dieser Vernehmung sagte Tenhold zu mir, dass ein Tag vorher einer durch s Fenster gegangen sei und ich ihm nachfolgen könnte. Bei der letzten Prozedur wurde ich ohnmächtig.“

Der Vortrag findet passenderweise in der Dokumentationsstätte „Gelsenkirchen im Nationalsozialismus“, im ehemaligen Polizeigebäude von 1907 in Gelsenkirchen-Erle statt. In der Nazi-Zeit war das Haus unter anderem Sitz der NSDAP-Ortsgruppenleitung Buer-Erle und der Erler SA. Nach dem Fund einer Wandinschrift mit dem Parteiprogramm der NSDAP von 1920 wurde diese unter Denkmalschutz gestellt und am 8. Mai 1994 im Haus eine Dokumentationsstätte mit einer Dauerausstellung über Gelsenkirchen im Nationalsozialismus eröffnet. Hier führt das ISG regelmäßig Veranstaltungen durch, um „mit ausgewiesenen Fachleuten verschiedene Themen aus der Geschichte des Nationalsozialismus und aus der politischen und pädagogischen Auseinandersetzung mit dem ‚Dritten Reich‘ öffentlich zu diskutieren.“

„Wilhelm Tenholt – Chef der Gestapoleitstelle Recklinghausen – Gelsenkirchen von 1933-1936“ von Ortwin Bickhove-Swiderski, Dülmen. Der Vortrag findet am Mittwoch, 24. Februar 2016, ab 19 Uhr in der Dokumentationsstätte „Gelsenkirchen im Nationalsozialismus“, Cranger Straße 323 in 45891 Gelsenkirchen statt. Die Einrichtung ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln (Linien 301, 342, 381, 397,398, Haltestelle „Marktstraße“) gut zu erreichen.

Weitere Veranstaltungen im 1. Halbjahr 2016

Redebeitrag zum Antikriegstag 2015 an Stolpersteinen der Familie Krämer

Stolpersteinverlegung für die Familie Krämer am 8. Oktober 2012

Stolpersteinverlegung für die Familie Krämer am 8. Oktober 2012

Seit dem 8. Oktober 2012 erinnern hier in der Von-der-Recke-Straße 10 vier Stolpersteine an die Familie Krämer, die weder in Polen noch in Deutschland eine Heimat finden durften. Darüber möchte ich euch kurz berichten.

Von der Reichspogromnacht 1938 haben alle schon gehört, die sogenannte „Polenaktion“ zwei Wochen vorher ist jedoch durch die nachfolgenden Ereignisse in Vergessenheit geraten.

Zwischen dem 27. und dem 29. Oktober 1938 wurden rund 17.000 Juden polnischer Staatsangehörigkeit in einer Nacht-und-Nebel-Aktion im gesamten Deutschen Reich verhaftet und nach Polen abgeschoben. Auslöser war eine Änderung des polnischen Passgesetzes, mit dem Polen die im Ausland lebenden jüdischen Staatsbürger auszubürgern beabsichtigte.

In Gelsenkirchen betraf die Aktion rund 80 jüdische Menschen jeden Alters, darunter auch die Familie Krämer. Zur Familie gehören der 43jährige Familienvater, Selig Uscher Krämer, seine 38jährige Frau Perla Krämer sowie die beiden Kinder, der 12jährige Max und die 5jährige Charlotte.

Vater Krämer und seine Frau stammten aus Otynia in Galizien in Südpolen. Ihr Sohn Max war noch dort am 3. März 1926 geboren worden. 1930 kamen sie aus Rotterdam nach Gelsenkirchen, wo am 12. Januar 1933 Tochter Charlotte geboren wurde.
Vater Krämer wurde am 28. Oktober 1938 nach Zbazyn in Polen abgeschoben, während Frau und Kinder in das sogenannte „Judenhaus“ an der damaligen Hindenburgstraße 38 (heute Husemannstraße) übersiedeln mussten.

Der polnische Historiker Jerzy Tomaszewski beschreibt in seinem Buch „Auftakt zur Vernichtung“ (Osnabrück 2002), dass in einigen Orten ganze Familien ohne Rücksicht auf das Alter und den Gesundheitszustand der Familienangehörigen ausgewiesen wurden, während in anderen Orten nur die Männer verhaftet wurden. Manche wurden mitten in der Nacht von Gestapo, SA oder SS aus ihren Wohnungen gescheucht und im Nachthemd mitgenommen, anderen wurde es erlaubt, ein wenig Handgepäck und Lebensmittel mitzunehmen.

An Bargeld durfte aufgrund der Devisenbestimmungen pro Person maximal 10 Reichsmark mitgenommen werden. Die Verhafteten wurden auf Polizeiposten oder in Gefängnissen, Turnhallen, Synagogen, Kasernen oder anderen Gebäuden untergebracht und nach Stunden zur Abfahrt der Sonderzüge zum Bahnhof gebracht.

In der Mehrzahl handelte es sich bei den Ausgewiesenen um kleine Leute, Händler, Handwerker, Freiberufler, Arbeiter, die schon länger im Deutschen Reich lebten und deren Verbindung zum polnischen Staat oft nur formeller Art war.

Die Abschiebung über die polnische Grenze erfolgte unter denselben katastrophalen Bedingungen wie die gesamte Aktion. Die Transporte mit der Reichsbahn trafen auf kleine Grenzübergänge, die dem Ansturm nicht gewachsen waren. Daneben wurden Gruppen von Juden unter Zurücklassung ihrer wenigen Gepäckstücke und unter Umgehung aller Passformalitäten über die grüne Grenze gejagt.

Die größte Anzahl Menschen, etwa 9000, wurde über den Grenzübergang Bentschen/Zbazyn nach Polen abgeschoben, wo die überforderten polnischen Behörden sie zunächst in Eisenbahnwaggons festgehalten und in ehemaligen Kasernen und Ställen untergebracht haben.

Zeitzeugen berichten von chaotischen Zuständen. Einem Teil der Ausgewiesenen ist es gelungen, sich mit Freunden oder Verwandten in Verbindung zu setzen und nach Zentralpolen weiter zu reisen, die meisten, etwa 7000, mussten jedoch auf Beschluss der polnischen Regierung bleiben und wurden in Zbazyn interniert.

Zwischen dem Dritten Reich und Polen begannen diplomatische Verhandlungen über das Schicksal der Ausgewiesenen und der noch in Deutschland befindlichen Familienmitglieder. Die deutsche Seite setzte ihre Position durch, nach der die Ausgewiesenen noch einmal an ihren früheren Wohnort zurückkehren konnten, um mit ihren Familien, persönlichen Gegenständen, evtl. der Wohnungs- oder Werkstatteinrichtung nach Polen auszureisen. Die Kosten mussten die Betroffenen selbst tragen.

Zu ihnen gehörte auch Vater Krämer, der am 13. April 1939 vorübergehend nach Gelsenkirchen zurückkehrte. Die ganze Familie wurde dann im Mai 1939 im Einwohnermeldeamt „nach Polen abgemeldet“.

Keine 4 Monate später, am 1. September 1939, entfesselte Nazi-Deutschland mit seinem Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg. Die Spuren der ausgewiesenen Juden verlieren sich zumeist in einem der unzähligen Ghettos. Zu vielen Opfern der „Polenaktion“ lassen sich jedoch bis heute keine genauen Aussagen treffen, ihre Schicksale bleiben auch nach heutigem Kenntnisstand ungewiss.

Dies betrifft auch die Familie Krämer. Ihre Spur verliert sich im Mai 1939, als sie Gelsenkirchen verlassen mussten.