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Stolperstein verschwunden!

Stolperstein für Erich Lange in der Straße "Am Rundhöfchen" in der Gelsenkirchener Innenstadt - hier geschmückt anlässlich des 80. Jahrestages seiner Ermordung

Stolperstein für Erich Lange in der Straße „Am Rundhöfchen“ in der Gelsenkirchener Innenstadt – hier geschmückt anlässlich des 80. Jahrestages seiner Ermordung.

Auf dem Nachhauseweg bemerkte ich vorgestern, dass der Stolperstein für Erich Lange (Am Rundhöfchen), eines der ersten Opfer der Nazis in Gelsenkirchen, in der Baustelle am Heinrich-König-Platz spurlos verschwunden ist.

Seit dem 1. August 2011 erinnert ein Stolperstein am Ort seiner Ermordung in der Gelsenkirchener Innenstadt. Erich Lange teilt das Schicksal vieler sogenannter „kleiner Leute“, nicht nur in Gelsenkirchen. Wir wissen wenig über ihn, was wir wissen entstammt der Erinnerung seiner Jugendfreundin, der Antifaschistin Rosa Eck. Erich Lange wurde kurz nach seinem 20. Geburtstag, in der Nacht vom 21. auf den 22. März 1933, im Anschluss an einen Fackelzug der NSDAP, die den Wahlsieg bei den Stadtratswahlen feierte, von SS-Männern brutal ermordet. Es waren frühere „Kameraden“ Langes, von denen sich dieser 1932 losgesagt hatte als er in den kommunistischen „Kampfbund gegen den Faschismus“ eingetreten war. Den mutigen Schritt fassten die Nazis als „Verrat an der nationalen Sache“ auf und übten erbarmungslos Rache.

Seine Jugendfreundin berichtete später in ihren Erinnerungen, Freunde, die seine Leiche in der Leichenhalle noch einmal sehen konnten, wären kaum in der Lage gewesen, ihn wieder zu erkennen. Er sei „erschlagen, erschossen und zertreten worden.“ Ein Detail zeigt, dass die Nazis selbst noch auf den Toten herumgetrampelt haben müssen, denn er hatte auf der Wange den Abdruck eines SS-Stiefels.

Das vermeintliche Verschwinden des Stolpersteins klärte Andreas Jordan von der Arbeitsgruppe Stolpersteine inzwischen auf. Der Stolperstein soll in etwa drei Wochen in das erneuerte Pflaster wieder eingesetzt werden.

Baustellen der Verfolgung und des Widerstandes in Gelsenkirchen (II)

In der U-Bahn-Haltestelle Heinrich-König-Platz wird an den von den Nazis im KZ Dachau ermordeten Vikar erinnert.

In der U-Bahn-Haltestelle Heinrich-König-Platz wird an den von den Nazis im KZ Dachau ermordeten Vikar erinnert.

Zwischen 1986 und 1988 wurden in Gelsenkirchen insgesamt vier innerstädtische Plätze nach Opfern und Gegnern des NS-Regimes benannt. Margarethe-Zingler-Platz, Fritz-Rahkob-Platz, Heinrich-König-Platz und Leopold-Neuwald-Platz erinnern stellvertretend an Verfolgung und Widerstand von Sozialdemokraten, Kommunisten, Christen und Juden. Einen fünften, nach dem Sinti-Kind Rosa Böhmer zu benennenden Platz, fordert Andreas Jordan. Dieser Platz könnte zugleich an alle vergessenen Opfergruppen erinnern.

Zwei der vorhandenen Plätze waren von Baumaßnahmen betroffen, die anderen zwei Plätze werden in naher Zukunft umgestaltet werden. Der Umbau des Heinrich-König-Platzes neigt sich dem Ende entgegen. Anlässlich des Todestages von Heinrich König, der am 24. Juni 1942 im KZ Dachau ermordet wurde, wurde erneut an ihn erinnert.

Das in der U-Bahn-Haltestelle Heinrich-König-Platz am Freitag, 24. Juni 2016 enthüllte Gemälde von Karl-Heinz Rotthoff.

Das in der U-Bahn-Haltestelle Heinrich-König-Platz am Freitag, 24. Juni 2016 enthüllte Gemälde von Karl-Heinz Rotthoff.

Auf der Verteilerebene der U-Bahn-Station wurde am Freitag ein Gemälde von Karl-Heinz Rotthoff enthüllt, das Stationen auf dem Lebensweg des Vikars der St. Augustinus-Propstgemeinde zeigt. Flankiert von einer neuen Erinnerungsortetafel des Instituts für Stadtgeschichte und ergänzt durch eine kleine Ausstellung kann man sich über das Leben des Mannes, der wegen sogenannter „Wehrkraftzersetzung“ denunziert worden ist und im KZ Dachau nach der Demütigung durch medizinische Versuche an einer Bauchfellentzündung starb, informieren.

Eine Ausstellung in der U-Bahn-Haltestelle Heinrich-König-Platz informiert über den Lebensweg Heinrich Königs.

Eine Ausstellung in der U-Bahn-Haltestelle Heinrich-König-Platz informiert über den Lebensweg Heinrich Königs.

Die zu Beginn der Baumaßnahmen vor drei Jahren eingelagerte Stele erhielt einen neuen Standort auf dem Heinrich-König-Platz, der zugleich auffälliger ist als der alte Standort. Die von Werner und Martin Künne gestaltete, 1,2 Tonnen schwere Stele aus Ruhr-Sandstein erinnert auffällig und mit religösen Motiven an den Mann, der von den Nazis im KZ Dachau umgebracht worden ist. Damit stellt sie zugleich auch eine Mahnung für die Gegenwart dar, dass sich unmenschliche Verhältnisse nicht wiederholen dürfen.

Die Stele zur Erinnerung an Heinrich König am neuen Standort auf dem Heinrich-König-Platz.

Die Stele von Werner und Martin Künne zur Erinnerung an Heinrich König am neuen Standort auf dem Heinrich-König-Platz.

Infostand zum Ostermarsch 2015 auf dem Heinrich-König-Platz

Gemeinsam informierten am heutigen Samstag das Friedensforum Gelsenkirchen und die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) Gelsenkirchen über die diesjährigen Aktivitäten des Ostermarschs Rhein-Ruhr. Neben Bürgern, die interessenlos an uns vorbeieilten, gab es zahlreiche, die sich für unsere Flyer interessierten, einige blieben stehen und unterhielten sich mit uns. Die aufgestellten Stellwände fanden weniger Interesse, aber vielleicht war das Wetter auch zu windig, um länger zum Lesen zu verweilen. Das Interesse war größer, als ich vermutet hätte, einige Leute kamen auch direkt auf unseren Stand zu um sich einen Flyer oder einen Button zu holen.

Ostermarsch-Infostand 28.03.2015 (01)Ursprünglich hatten wir vorgehabt, wie zuletzt unseren Infostand auf dem Neumarkt aufzubauen, doch war er in diesem Jahr durch den „Blumen- und Gartenmarkt“ der Werbegemeinschaft belegt. Der stattdessen gewählte „Heinrich-König-Platz“ war dagegen keine schlechte Wahl. Wir standen am Rande der Baustelle an einem der Zugänge zur U-Bahn gegenüber von „Am Rundhöfchen“. Aus vier Richtungen strömten Passanten von und zum Blumen- und Gartenmarkt, so dass wir zufällig genau den richtigen Knotenpunkt gewählt hatten. Die Bodenfläche an unserem Infostand wurde wieder durch eine mit blauer Bodenmalkreide gemalte überdimensionale Friedenstaube gestaltet; auf den Wegen, die zu unserem Infostand bzw. an ihm vorbei führten, stand jeweils „Frieden“ in dicken, fetten, gelben oder weißen Buchstaben.

Ostermarsch-Infostand 28.03.2015 (03)Beim Malen des Wortes „Frieden“ auf den Pflastersteinen hörte ich, wie ein sehr junges Mädchen in schönstem Ruhrpott ausrief: „Omma, was steht daaaa?“ Die übrigens noch recht junge Großmutter buchstabierte mit ihrer Enkelin zusammen die Buchstaben und das Wort und erläuterte kindgerecht, was „der Mann“ (damit war ich gemeint) erreichen will.

Unser Infostand war auch aus inhaltlicher Sicht gut gewählt. Im Straßenpflaster von „Am Rundhöfchen“ befindet sich einer der beiden Stolpersteine für den von Nazis erschlagenen Erich Lange und der Heinrich-König-Platz selbst gehört zu den vier innerstädtischen Plätzen, die an Verfolgung und Widerstand gegen die Nazis erinnerten. Zur Lehre aus dieser Zeit gehört nicht nur „Nie wieder Krieg!“, sondern auch „Nie wieder Faschismus!“

Ostermarsch-Infostand 28.03.2015 (02)In Gelsenkirchen wird der diesjährige Ostermarsch Rhein-Ruhr am Ostersonntag, 05.04.2015 gegen 11.40 Uhr aus Essen als Fahrrad-Korso eintreffen. Die Ostermarschradler werden wie auch schon in den vergangenen Jahren im Stadtgarten an der Zeppelinallee mit Kaffee und Kuchen empfangen werden, wahrscheinlich wird es auch wieder von Seiten eines VVN-BdA-Mitglieds gefüllte Weinblätter geben. Als Redner vor dem Mahnmal für die Opfer der Nazi-Gewaltherrschaft wird der Industrie- und Sozialpfarrer Dieter Heisig sprechen, für Musik wird Peter Sturm sorgen. Anschließend wird der Ostermarsch-Fahrrad-Korso nach Bochum-Wattenscheid zum August-Bebel-Platz fahren.

Anders als in den letzten Jahren werden SJD – Die Falken dieses Jahr kein „O-Ton-Festival“, kein „Seid laut gegen Krieg!“ am Ostersamstag veranstalten. Doch für Donnerstag, dem 30. April 2015, dem Mai-Vorabend, rufen SJD- Die Falken und zahlreiche Kooperationspartner zur Veranstaltung „Laut gegen Rechts“ von 18 bis 22 Uhr auf dem Neumarkt auf. Angekündigt sind „The Herbs“, „Ira Atari“ und „Kellerwerk“, die ich alle drei nicht kenne, aber mir wohl anhören werde. Laufende Infos auf Facebook.

Baustellen der Verfolgung und des Widerstandes in Gelsenkirchen

00 Baustellen der Verfolgung und des WiderstandesZwischen 1986 und 1988 wurden in Gelsenkirchen insgesamt vier innerstädtische Plätze nach Opfern und Gegnern des NS-Regimes benannt. Zwei von ihnen sind derzeit von laufenden Baumaßnahmen betroffen, die beiden anderen werden in absehbarer Zeit von Baumaßnahmen betroffen sein. Die VVN-BdA Gelsenkirchen hat das zum Anlass genommen, eine Anregung nach § 24 der nordrhein-westfälischen Gemeindeordnung an den Rat der Stadt Gelsenkirchen einzureichen, um diese Orte als Plätze der öffentlichen Begegnung und der Erinnerung an Opfer und Gegner des NS-Regimes zu bewahren. Unabhängig davon hat Andreas Jordan (Gelsenzentrum) angeregt, einen fünften Platz nach einem weiteren Opfer des NS-Regimes zu benennen.

Margarethe-Zingler-Platz

Der Platz des Gelsenkirchener Hauptmarktes wurde im Sommer 1986 nach der Sozialdemokratin Margarethe Zingler benannt. Gemeinsam mit ihrem Mann Alfred Zingler (an ihn erinnern die Alfred-Zingler-Straße und das Alfred-Zingler-Haus) stärkte sie in der Emigration in den Niederlanden den antifaschistischen Widerstand in Nazi-Deutschland. 1943 wurden beide verhaftet. Während ihr Mann 1944 zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde, blieb ihr die Todesstrafe erspart. Von US-amerikanischen Truppen aus dem Gefängnis befreit, kehrte sie 1945 nach Gelsenkirchen zurück und half beim Wiederaufbau der SPD und der AWO. Sie starb 1973 im Alter von 87 Jahren.

02 Margarethe-Zingler-PlatzInzwischen wurde der Margarethe-Zingler-Platz durch Baumaßnahmen verkleinert, derzeit befindet sich die Erinnerungstafel mitten in der Baustelle.

Fritz-Rahkob-Platz

Fritz Rahkob wurde – wie viele Kommunisten, die die Nazis von Anfang an massiv verfolgten – in sogenannte „Schutzhaft“ genommen und erst 1938 aus ihr entlassen. In der Endphase des Krieges beteiligte sich Rahkob 1943 an der Widerstandsgruppe um Franz Zielasko. Die Gruppe wurde verraten und flog noch im Sommer 1943 auf. Rahkob wurde verhaftet, zum Tode verurteilt und am 24. August 1944 hingerichtet. Seine Frau Emma, am Tage der Hinrichtung inhaftiert, wurde wie Margarethe Zingler von alliierten Truppen aus dem Gefängnis befreit und kehrte wie diese nach Gelsenkirchen zurück.

04 Fritz-Rahkob-Platz1987 benannte der Rat der Stadt Gelsenkirchen den Platz vor dem Versorgungsamt und zwischen Hans-Sachs-Haus und Bildungszentrum nach Fritz Rahkob. Im Rahmen des Umbaus der Ebertstraße zwischen Hans-Sachs-Haus und Musiktheater (2. Bauabschnitt) wird es hier Veränderungen geben. Aus den bisherigen Plänen ist nicht ersichtlich, wie der Platz sowohl der öffentlichen Begegnung als auch des Erinnerns gewidmet sein wird.

Heinrich-König-Platz

Der Vikar Heinrich König wurde 1941 nach einer Denunziation wegen angeblicher Wehrkraft zersetzender Äußerungen gegenüber einem Soldaten verhaftet und in das Konzentrationslager Dachau gebracht. Die Interventionen von Kirchenvertretern blieben erfolglos. Aufgrund der Bedingungen im KZ erkrankte der katholische Geistliche schwer und starb 1942 an einer Bauchfellentzündung. 1987 wurde der Platz zwischen Hans-Sachs-Haus und Bahnhofstraße nach ihm benannt. Die U-Bahn-Haltestelle „Neumarkt“ wurde ebenfalls in Heinrich-König-Platz umbenannt.

08 Heinrich-König-PlatzIn die Umbaumaßnahmen des Heinrich-König-Platzes („Deckel“) ist das Denkmal für Heinrich König eingeflossen

Leopold-Neuwald-Platz

Stehen die oben genannten Plätze stellvertretend für sozialdemokratischen, kommunistischen und katholischen Widerstand, so soll der 1988 nach dem jüdischen Kaufmann Leopold Neuwald benannte Platz vor dem Bildungszentrum an die Verfolgung und Ermordung aller jüdischen Bürgerinnen und Bürger Gelsenkirchens erinnern. Wie alle jüdischen Bürger Deutschlands schrittweise entrechtet und ausgeplündert, wurden er und seine Familie am 27. Januar 1942 in das Ghetto Riga deportiert. In einem Außenlager des Konzentrationslagers Kaiserwald starben er und seine Frau Martha im Sommer 1944 an den Lagerbedingungen, ein genaues Todesdatum ist nicht bekannt. 24 Mitglieder der Familie wurden im Holocaust ermordet, nur 2 Söhne überlebten das KZ. Die ebenfalls vor dem Bildungszentrum befindliche U-Bahn- und Straßenbahnhaltestelle „Musiktheater“ wurde nicht umbenannt, in den Wagen der Bogestra und der Evag wird die Haltestelle allerdings mit „Musiktheater – Leopold-Neuwald-Platz“ aufgerufen.

05 Leopold-Neuwald-PlatzHier gilt wie für den Fritz-Rahkob-Platz, dass aus den bisherigen Planungen für den 2. Bauabschnitt nicht ersichtlich ist, wie der Platz sowohl der öffentlichen Begegnung als auch des Erinnerns gewidmet sein wird.

Die VVN-BdA Gelsenkirchen regt an, die vorhandenen Erinnerungstafeln in die veränderten Plätze zu integrieren und die Plätze so zu gestalten, dass öffentliches Verweilen und Begegnen auf ihnen ermöglicht wird. Weiter regt sie an, für die Ausgestaltung dieser Orte der Erinnerung Vereinigungen, die sich in der Tradition von Heinrich König, Margarethe Zingler, Fritz Rahkob und Leopold Neuwald sehen, ebenso wie die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten (VVN-BdA), einzubeziehen.

Rosa-Böhmer-Platz

Rosa-Böhmer-Platz

Zusätzlich zu den vorhandenen vier Plätzen schlägt Andreas Jordan (Gelsenzentrum) vor, einen fünften Platz in Erinnerung an die verfolgten und ermordeten Sinti und Roma zu widmen. Als Namenspatin schlägt er das neunjährige Sinti-Mädchen Rosa Böhmer vor, die zuerst von ihren leiblichen Eltern in eine Pflegefamilie gebracht wurde, um schließlich unter Umgehung der Pflegeeltern direkt aus der Schule mit ihren leiblichen Eltern ins Konzentrationslager Auschwitz gebracht zu werden. Sie starb am 13. August 1943 im KZ Auschwitz. Als Ort schlägt er den Platz zwischen Bildungszentrum und City-Hochhaus vor.

Quelle u.a.: Institut für Stadtgeschichte (Hg.): Historische Spuren vor Ort – Gelsenkirchen im Nationalsozialismus, Essen 1998.