Archiv der Kategorie: Reichspogromnacht

Gedenken zur Reichspogromnacht

Die abgebildeten Stolpersteine erinnern an die Familie Goldschmidt, Gelsenkirchen.

Wie auch schon in den vergangenen Jahren hat in Gelsenkirchen die „Demokratische Initiative gegen Diskriminierung und Gewalt, für Menschenrechte und Demokratie – Gelsenkirchen“ (DI) Schweigemarsch und Kundgebung zum Gedenken an die Pogrome in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 gegen die deutsch-jüdische Bevölkerung durchgeführt.

In der „Demokratischen Initiative“ nicht erwünscht – und daher auch nicht offiziell eingeladen – ist die VVN-BdA Gelsenkirchen. Wie in allen Jahren haben Mitglieder der Gelsenkirchener VVN-BdA als Bürger dieser Stadt selbstverständlich an der Gedenkveranstaltung teilgenommen. Eine Ausnahme bildete die Zwischenkundgebung am Nazi-Schwert vom Schalker Verein am 9. November 2015, die von uns deutlich kritisiert worden war und der wir im Bündnis gegen Krieg und Faschismus eine eigene Zwischenkundgebung entgegengesetzt haben.

Kritik an der Ausgrenzung der VVN-BdA Gelsenkirchen kommt von der Gelsenkirchener Linkspartei, die nach den Erfahrungen der VVN-BdA Gelsenkirchen auf einen eigenen Aufnahmeantrag an die DI verzichtet hatte. In ihrer Pressemitteilung erklären sie, wie selbstverständlich für Linke der Widerstand gegen Faschismus war und ist. Martin Gatzemeier, Vorsitzender der Linken Ratsfraktion schreibt dann auch abschließend: „An das Datum muss insbesondere DIE LINKE. nicht erinnert werden, da Kommunisten und Sozialisten zu den ersten Opfern der Nazis gehörten. DIE LINKE. Gelsenkirchen wird wieder am Gedenkzug teilnehmen so wie sie es schon seit Jahren macht“.

Noch deutlichere Kritik äußerte wiederholt der Sozialdemokrat Klaus Brandt, der die Gedenkveranstaltung zuletzt in einem Leserbrief an die WAZ (04.11.2017) als „Alibiveranstaltung“ bezeichnet und die DI als „eine(r) Art kommunal finanzierten Rotary-Club(s), der Andreas Jordans Gelsenzentrum und die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes ebenso ausgrenzt wie die Linke.“ Klaus Brandt rechnet sich einem linksbürgerlichen Personenkreis zu, der ein anderes Verständnis von Solidarität der Demokraten vertritt, „als es unser Oberbürgermeister praktiziert.“ Weitere Kritiker sind der Veranstaltung einfach ferngeblieben und haben anderweitig ihren Unmut kundgetan.

Nun muss man bei aller Kritik an der DI nicht das Kind mit dem Bade ausschütten. Eine offizielle Gedenkveranstaltung in Erinnerung an einen frühen Höhepunkt der rassistischen Nazi-Politik ist sicherlich kein Fehler – vor allem in einer Zeit, in der eine rechte „Alternative für Deutschland“ bei einer Bundestagswahl 17 % der Wählerstimmen in Gelsenkirchen holt. Sie genügt allerdings auch nicht, um den Rechten das Wasser abzugraben. Hier ist eine andere Politik nötig, als sie die staatstragenden Parteien der letzten Jahrzehnte betrieben haben. Und solange sich das nicht ändert, ist Klaus Brandt mit der Bezeichnung „Alibi-Veranstaltung“ für die Gedenkkundgebung sicherlich im Recht. Daher sollte sich der von ihm so schön bezeichnete linksbürgerliche Personenkreis, zu dem sich die Gelsenkirchener VVN-BdA sicherlich auch zählen kann, im nächsten Jahr zu einer eigenen Veranstaltung einfinden. Ideen dazu gibt es ja bereits.

Werner-Goldschmidt-Salon – Parteibüro von Die Linke und Veranstaltungsort, benannt nach dem Gelsenkirchener und jüdischen Widerstandskämpfer Werner Goldschmidt.

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„Im traurigen Monat November war’s“

Ein Blick in den Wagen von Gunter Demnig mit den für die Verlegungen vorbereiteten Stolpersteinen. Foto aus dem Jahre 2016 in Gelsenkirchen.

Im traurigen Monat November war’s,
Die Tage wurden trüber,
Der Wind riß von den Bäumen das Laub,
Da reist ich nach Deutschland hinüber,
(Heinrich Heine: Deutschland. Ein Wintermärchen, 1844)

In diesem November stehen zwei Gedenkveranstaltungen in Gelsenkirchen auf dem Programm, die – wenn wir es positiv sehen wollen – die Vielfalt des Gedenkens an die Opfer der Verbrechen der Nazis zeigen. Wie in jedem Jahr ruft die DI, die „Demokratische Initiative gegen Diskriminierung und Gewalt, für Menschenrechte und Demokratie – Gelsenkirchen“ zum Gedenken an die Pogrome in der sogenannten „Reichskristallnacht“ vom 9./10. November 1938 auf. Und später im November, am Freitag, dem 24. November 2017, kommt zum inzwischen zehnten Mal der Kölner Aktionskünstler Gunter Demnig nach Gelsenkirchen, um weitere Stolpersteine zur Erinnerung an die Opfer der Nazis zu verlegen.

Die inzwischen selbstverständlich gewordene Gedenkveranstaltung der DI findet in jedem Jahr an einem anderen Ort statt. In diesem Jahr ist ein Schweigezug in Gelsenkirchen-Erle ab 18.30 Uhr vom Elisabeth-Krankenhaus zur Dokumentationsstätte „Gelsenkirchen im Nationalsozialismus“ geplant. Dort wird um 19.00 Uhr eine Kundgebung stattfinden, bei der Alexander Welp (Consol-Theater) „Zitate aus den Ermittlungen zum Gelsenkirchener Synagogenbrand von 1938“ vortragen wird. Frank Baranowski, Oberbürgermeister und Schirmherr der DI wird die jährliche Gedenkrede halten.

Die Dokumentationsstätte „Gelsenkirchen im Nationalsozialismus“ befindet sich in einem Gebäude, in dem Ortsgruppen der NSDAP und Einheiten der Erler SA untergebracht gewesen sind. In einem Schulungsraum im Obergeschoss ist auf einer Wand das Parteiprogramm der NSDAP abgebildet, das nach seiner Wiederentdeckung 1989 unter Denkmalschutz gestellt worden ist. Der Rat der Stadt Gelsenkirchen beschloss damals die Einrichtung des Dokumentationszentrums sowie die Gründung des Instituts für Stadtgeschichte. Eine erste Dauerausstellung ist am 8. Mai 1994 eröffnet worden, eine neue Dauerausstellung am 8. Mai 2015. Die neue Dauerausstellung thematisiert die von den Nazis propagierte „Volksgemeinschaft“ und fragt nach den Bedingungen und konkreten Mechanismen vor Ort, mit denen die Nazis einen sozialen Konsens herzustellen suchten. Daneben vergisst die Ausstellung nicht Verfolgung und Widerstand und die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit nach 1945.

Die Dokumentationsstätte „Gelsenkirchen im Nationalsozialismus“ auf der Cranger Straße 323 in Gelsenkirchen-Erle. Das Gebäude wurde 1907 ursprünglich als Polizeidienststelle errichtet.

Ein ganz anderes Erinnerungsmodell, welches nicht auf rationale Beschäftigung, sondern auf persönliche Betroffenheit setzt, verfolgt der Kölner Bildhauer und Aktionskünstler Gunter Demnig. Mit kleinen, in das Straßenpflaster eingesetzten Steinen erinnert er – in der Regel am letzten frei gewählten Wohnort – an verfolgte und ermordete Opfer der Nazis. Dabei unterscheidet er nicht zwischen Juden, politisch Verfolgten, Homosexuellen, Zeugen Jehovas, Sinti oder Behinderte. Ein Stolperstein kann für jedes Opfer verlegt werden und erinnert immer genau an eine Person. Neben der Beschriftung „Hier wohnte“ finden sich weitere knappe Angaben, wie Name, Lebensdaten und Verfolgungsgrund. Dort, wo die verfolgten und ermordeten Menschen ihren Lebensmittelpunkt hatten, wird auf ihr Verfolgungsschicksal hingewiesen.

Weit über 60.000 Stolpersteine hat Demnig seit 1992 in Europa verlegt. Das „größte dezentrale Mahnmal“ ist dabei nicht unstrittig. Zur wiederholten Kritik gehört die Ansicht, hier werde das Andenken mit Füßen getreten. Eine völlig entgegengesetzte Erfahrung machte ich in unserer Nachbarstadt Duisburg. In der Innenstadt wurde ich plötzlich von unten geblendet, als sich die Sonne in der Messingoberfläche eines Stolpersteins spiegelte. Ich stoppte und verbeugte mich, um die Inschrift zu lesen. Auch eine beliebte Kritik, hier würden öffentliche Gelder verschwendet, trifft nicht zu. Die Verlegung der Stolpersteine wird durch private Spenden und die Übernahme von „Patenschaften“ finanziert. Organisator in Gelsenkirchen ist Andreas Jordan mit der Arbeitsgruppe Stolpersteine von Gelsenzentrum e.V. In Gelsenkirchen sind es seit der ersten Verlegung im Jahre 2009 161 Stolpersteine, die in allen Stadtteilen an ganz unterschiedliche Menschen, die aus ganz unterschiedlichen Gründen verfolgt wurden, erinnern.

Gunter Demnig, der am heutigen 27. Oktober 2017 seinen 70. Geburtstag feiert, wird am 24. November 2017 an sieben Orten in Gelsenkirchen insgesamt 25 weitere Stolpersteine verlegen. Beginnen wird er um 9.00 Uhr für die Familie Günsberg auf der Poststraße 20, dann folgen Stolpersteine um 9.30 Uhr für die Familie Block auf der Schalker Straße 75, um 10.15 Uhr für Elisabeth Makowiak auf der Florastraße 76 und um 10.45 Uhr für die Familie Nussbaum auf der Hildegardstraße 21. Um 11.30 Uhr wird Demnig vor dem Grillo-Gymnasium einen Stolperstein für den ehemaligen Schüler Fritz Gompertz mit der Inschrift „Hier lernte“ verlegen. Daran schließt sich um 12.00 Uhr die Verlegung für die Familie Cohn auf der Wittekindstraße 21 an. Ihren Abschluss findet die diesjährige Aktion um 12.45 Uhr mit den ersten Stolpersteinen auf der Bahnhofstraße, für die Familie Gompertz an der Ecke Bahnhofstraße 22/Klosterstraße.

Gunter Demnig vor dem Haupteingang des Grillo-Gymnasiums in der Hauptstraße 60. Foto aus dem Jahr 2016.

Meine Beschreibung Gunter Demnigs als Bildhauer und Aktionskünstler macht auch die Bedeutung der Stolpersteine als Gesamtkunstwerk deutlich. Es geht nicht nur darum, dass Steine im Pflaster vorhanden sind. Seine Bedeutung erhält das Projekt durch die zelebrierte Verlegung selbst und durch die wiederkehrende Verlegung weiterer Stolpersteine. Darüber hinaus lassen sie sich für Formen entdeckenden Lernens ebenso nutzen wie für ganz profan scheinende Aktivitäten wie „Putzaktionen“. Letztere erwecken durchaus eine ganz besondere öffentliche Aufmerksamkeit.

Eindrücke von einer Gedenkveranstaltung und einer Sozialkonferenz in Gelsenkirchen

Wer wie ich in dieser Woche an zwei sehr unterschiedlichen Veranstaltungen in Gelsenkirchen teilgenommen hat, kann sehr gut erkennen, wie geteilt öffentliche Wahrnehmung und öffentliche Aufmerksamkeit in meiner Heimatstadt (und nicht nur hier) sind. In beiden Veranstaltungen war übrigens die zunehmende Rechtsentwicklung einer enthemmten bürgerlichen Mitte (wenn auch anders bezeichnet) im Hintergrund präsent.

Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen: Freiheit leben - Furcht besiegen - Frieden wahren

Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen: Freiheit leben – Furcht besiegen – Frieden wahren

Am 9. November 2016 fand zum wiederholten Mal eine Veranstaltung der „Demokratischen Initiative“ zum Gedenken an die Ereignisse der Reichspogromnacht 1938 statt. Nach dem Skandal um die Kundgebung am Nazi-Schwert im vergangenen Jahr haben die Veranstalter in diesem Jahr eine wesentlich bessere äußere Form gewählt. Von der Neuen Synagoge zog nach einer Rede des Oberbürgermeisters und zwei jüdischen Gebeten zur Erinnerung an die ermordeten Juden der Schweigezug durch die Innenstadt zum Musiktheater im Revier. Im Kleinen Haus folgte nach einem musikalischen Beitrag die Rede des Generalintendanten Michael Schulz. Es war eine kluge Rede, deren zentralen Punkte an anderer Stelle nachgelesen werden können. Vom mündlichen Vortrag blieben mir zwei Punkte in Erinnerung: Erstens ermutigte Schulz die Zuhörer, sich von PEGIDA & Co. nicht überrumpeln zu lassen, sondern an wichtigen demokratischen Errungenschaften festzuhalten und diese zu verteidigen. Zweitens das völlige Fehlen von Kritik daran, wie die neoliberale Politik der vergangenen Jahrzehnte die Entstehung von AfD und PEGIDA begünstigt hat.

Hier fände ich es wünschenswert, wenn die Veranstaltung sich wieder an ihre Ursprünge erinnert: 1964 wurde erstmalig in Gelsenkirchen an diesem Jahrestag an die Verbrechen Nazi-Deutschlands erinnert. Damals wurde die Veranstaltung von der Sozialistischen Jugend Deutschlands – Die Falken durchgeführt. Auch wenn es sich um eine SPD-nahe Kinder- und Jugendorganisation handelt, so scheinen mir die Falken doch sehr viel kritischer gegenüber der herrschenden Politik zu sein, als es die Erwachsenen der etablierten Stadtgesellschaft sind. Stattdessen wurde die Jugend zur Staffage degradiert, die brav das Transparent auf der Bühne des Kleinen Hauses halten durfte, während der Generalintendant seine Rede hielt. Aus der Geschichte lernen? So bitte nicht!

Sozialkonferenz für Gelsenkirchen am 12.11.2016 in der Gesamt schule Ückendorf

Sozialkonferenz für Gelsenkirchen am 12.11.2016 in der Gesamtschule Ückendorf

Am 12. November 2016 fand die erste Sozialkonferenz für Gelsenkirchen in der Gesamtschule Ückendorf statt. „Zeit für Veränderung“ benannte die Partei DIE LINKE ihre Veranstaltung. Themen waren Armut, soziale Ausgrenzung und kommunale Spielräume. Nach Vorträgen von Christian Woltering (Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband) und Prof. Dr. Ute Fischer (FH Dortmund) folgte eine viel zu knapp bemessene Arbeitsgruppenphase. Im Anschluss an die Präsentation der Arbeitsgruppenergebnisse folgte ein Podiumsgespräch mit Prof. Dr. Christoph Butterwegge, Dr. Werner Rügemer, dem Sozialdezernenten der Stadt Gelsenkirchen Luidger Wolterhoff, dem Gelsenkirchener IG Metall-Vorsitzenden Robert Sadowsky und der stellvertretenden NRW-Landesprecherin der Linke Ingrid Remmers. Die Moderation übernahm Hartmut Hering, Sprecher der Gelsenkirchener Linke.

Die beiden Vorträge von Woltering und Fischer brachten sehr informativ und kompakt das Problem von Armut und sozialer Ausgrenzung auf den Punkt. Armut und die Spaltung zwischen arm und reich nehmen immer weiter zu. Zugleich nimmt die Segregation innerhalb der Stadt zu. Das Podiumsgespräch nahm die Themen der Sozialkonferenz auf und beleuchtete sie von verschiedenen Seiten.

Sozialkonferenz für Gelsenkirchen am 12.11.2016 in der Gesamtschule Ückendorf

Sozialkonferenz für Gelsenkirchen am 12.11.2016 in der Gesamtschule Ückendorf

Ein „offizielles“ Resümee der Veranstaltung kann ich nicht bieten. Zu erkennen ist jedoch, dass Armut nur abgebaut werden kann, wenn die wachsende Ungleichverteilung der Einkommen gestoppt wird und die wirklich Reichen an der Finanzierung des Staates angemessen beteiligt werden. Doch ist es augenscheinlich schwer, für diese Politik eine Mehrheit zu finden, solange die Mehrheit befürchtet, selbst zur Kasse gebeten zu werden. Die bürgerliche Mehrheit propagiert stattdessen wie am 9. November die Verteidigung der demokratischen Errungenschaften – und vergisst die Verteidigung sozialer Errungenschaften. Doch beides ist notwendig, wenn wir in Deutschland demokratische Verhältnisse behalten wollen.

Supplement
EInen Bericht über die Sozialkonferenz brachte die örtliche WAZ in ihrer Druck- und Online-Ausgabe. Über den Zusammenhang von prekärer Beschäftigung und Altersarmut wurde auch auf einer Podiumsdiskussion der IG BAU am Sonntag diskutiert. Auch hierüber berichtete die WAZ Gelsenkirchen.

Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht 2016

Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen: Freiheit leben - Furcht besiegen - Frieden wahren

Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen: Freiheit leben – Furcht besiegen – Frieden wahren

Auch in diesem Jahr ruft die „Demokratische Initiative gegen Diskriminierung und Gewalt, für Menschenrechte und Demokratie – Gelsenkirchen“ (DI) für den 9. November zum Gedenken an die Nazi-Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung in der sogenannten „Reichskristallnacht“ des Jahres 1938 auf.

Die DI organisiert seit einigen Jahren die ursprünglich 1964 von der Sozialistischen Jugend Deutschlands – Die Falken initiierte Gedenkveranstaltung in Gelsenkirchen und wählt Jahr für Jahr unterschiedliche Veranstaltungsorte aus. In der DI haben sich unter der Schirmherrschaft des jeweiligen Oberbürgermeisters seit 1992 insgesamt 23 Organisationen, „Parteien, Kirchen, karitative Einrichtungen, Gewerkschaften und weitere Gruppen zusammengeschlossen, um für ein demokratisches Miteinander in unserer Stadt einzutreten“.

In diesem Jahr beginnt die Gedenkveranstaltung um 18.30 Uhr an der Neuen Synagoge (Ecke Gildenstraße/Georgstraße). Nach einer Rede des Oberbürgermeisters Frank Baranowski sowie Gebeten zum Gedenken an die ermordeten Juden wird der Schweigezug zum Musiktheater im Revier ziehen. Im Kleinen Haus wird der Generalintendant des Musiktheaters, Michael Schulz, sprechen. Nach einem musikalischen Beitrag von Almuth Herbst wird die Gedenkveranstaltung mit dem gemeinsamen Singen des Moorsoldatenliedes enden.

Die Veranstalter weisen in ihrer Ankündigung darauf hin, dass das Musiktheater im Revier „in der Vergangenheit immer wieder öffentlichkeitswirksam die Werte eines demokratischen und friedlichen Zusammenlebens herausgestellt“ hat. Derzeit präsentiert es an seiner Fassade den plakativen Aufruf „Freiheit leben – Furcht besiegen – Frieden wahren“, der sich offenkundig auf PEGIDA & Co bezieht und sich gegen die aktuelle Rechtsentwicklung, Rassismus und völkisches Denken richtet.

Eindrücke von 1,5 Gedenkveranstaltungen am 9. November 2015

Alter Jüdischer Friedhof in Gelsenkirchen-Bulmke an der Ecke Wanner Straße/Oskarstraße wenige Tage zuvor.

Alter Jüdischer Friedhof in Gelsenkirchen-Bulmke an der Ecke Wanner Straße/Oskarstraße (Archivbild).

Auf der Abschlusskundgebung der „Demokratischen Initiative“ hat Oberbürgermeister Baranowski ein paar schöne Worte gefunden. Seine Rede begann mit der Schilderung von Flüchtlingen, die kein Land wollte und vor denen die Länder ihre Grenzen schlossen. Und es überraschte nicht, dass er an diesem Datum an die Flüchtlinge der 1930er Jahre erinnerte, die Deutschland verlassen mussten, weil sie hier verfolgt wurden – und erst dann an die gegenwärtigen Flüchtlinge, die nach Deutschland fliehen. Er erinnerte auch daran, dass das Asylrecht des Grundgesetzes ein Individualrecht ist, das keine „Kontingente“ oder Obergrenzen kennt.

Gleichzeitig war die Abschlusskundgebung als große Notlösung zu erkennen. Es war einfach nicht genügend Platz für alle Kundgebungsteilnehmer auf dem Friedhof, wo viele vor und zwischen Grabsteinen standen. Viele standen im Eingang herum und hörten von dort der durch einen kurzen Stromausfall unterbrochenen Rede. Aber über diesen Ort will ich gar nicht meckern, weil ich mich freue, dass zumindest die Abschlusskundgebung nicht am Nazi-Schwert stattgefunden hat. Auch wenn ich die Kundgebung auf dem Friedhof gespenstig fand, und es besser gefunden hätte, wenn sie vor dem Friedhof stattgefunden hätte.

Flublatt zum 9. November 2015

Flublatt zum 9. November 2015

Dieses Nazi-Schwert, welches ich in den vergangenen Wochen oft an seinem neuen Standort für diesen Blog fotografiert habe, an einem 9. November nach seiner Umsetzung erneut der Öffentlichkeit zu übergeben, ist und bleibt eine unglaubliche Peinlichkeit. Dagegen haben wir mit rund 40 Teilnehmern unsere Kundgebung als „Bündnis gegen Krieg und Faschismus“ gesetzt und gedachten stattdessen vor dem Wohn- und Geschäftshaus Wanner Straße 119 beispielhaft der jüdischen Familie, die dort am 9. November 1938 die Schrecken der sogenannten „Reichspogromnacht“ am eigenen Leib erlitten hat. Zwei Mitglieder der Familie Schönenberg wurden von den Nazis später ermordet, ein Mitglied überlebte durch Flucht. Heike und Andreas Jordan, die hier zu den Anwesenden sprachen, setzten mit ihren Worten ein Zeichen, das Vergangenheit und Gegenwart miteinander verband. Sie taten es glaubwürdig, weil sie sich nicht nur in Sonntagsreden gegen Rechtsextremisten engagieren.

Sehenswert war übrigens, wie eine Gruppe junger Leute, die zuerst bei uns stehen blieben, dann von jemanden abgeholt und zur „richtigen“ Kundgebung geholt wurden. (Wie ich später erfahren habe, handelte es sich um Jugendliche von SJD-Die Falken, die sich verspätet hatten und auf der Suche nach der Kundgebung der DI waren, um an den von den Falken organisierten Protest am Nazi-Schwert teilzunehmen.)

Wohn- und Geschäftshaus Wanner Straße 119 in Gelsenkirchen-Bulmke wenige Tage zuvor.

Wohn- und Geschäftshaus Wanner Straße 119 in Gelsenkirchen-Bulmke (Archivbild).

Wie ich im Verlauf des heutigen Tages erfahren habe, war das Nazi-Schwert von einer „aktionsgruppe kunst und kampf“ über Nacht angemalt worden. Ich weiß nicht, ob ich mich jetzt strafbar mache, weil ich es gut finde, das jemand meine Idee geklaut hat. Ich hätte mich das sowieso nicht getraut. Gestern nachmittag stand es noch ordentlich am Platz, flankiert von zwei frisch gepflanzten Bäumen rechts und links, die schön in Reih und Glied stehen, das Beet akkurat geharkt. Was soll ich dazu sagen außer „typisch deutsch“? Fehlt nur noch der Gartenzaun, die Latten schwarzweißrot gestrichen, um an das demokratische Deutschland zu gemahnen? Der „Demokratischen Initiative“ traue ich inzwischen jede „Neu-Kontextualisierung“ zu.

Auf der Abschlusskundgebung der „Demokratischen Initiative“ hat Oberbürgermeister Baranowski nicht nur schöne Worte gefunden. Er sprach davon, wie wichtig Engagement gegen Rechts ist und erinnerte mit einem „wir“ an den 1. Mai 2015 in Rotthausen. Allerdings erwähnte er nicht, wer an der Stadtgrenze den Aufmarsch der „Die Rechte“ erfolgreich blockiert hat, während die „Demokratische Initiative“ sich an eine bereits geplante Kundgebung auf dem Ernst-Käsemann-Platz anhängte. Doch nur eine Sonntagsrede …  wenn auch an einem Montag.

Supplement

Ein Bericht über beide Veranstaltungen gibt es auch in der lokalen WAZ. Interessant an diesem Beitrag ist die Auffassung des Historikers Prof. Dr. Wilfried Reininghaus, der die „erinnerungspolitische Würdigung“ des Nazi-Schwerts vornahm, dass die Farbattacke eine Verweigerung des Diskurses sei. Ich finde, das genaue Gegenteil ist der Fall: die Farbattacke ist Teil des Diskurses – und zeigt einmal mehr, dass zu viele Historiker und zu wenige Künstler an der Denkmalaufstellung beteiligt waren. Dies habe ich übrigens schon zuvor hier geschrieben. – Sehr nachdenklich äußert sich Patrick Jedamzik (Bündnis 90/Die Grünen) in seinem Blog. So wie ich seinen Beitrag lese, hat es innerhalb der „Demokratischen Initiative“ keine nennenswerte Diskussion über die diesjährige Route zum Nazi-Schwert gegeben. Auch fand er den Besuch am Schwert „einfach seltsam und nichts sagend“. Schön, dass es einige nachdenkliche Stimmen mehr gibt. Es wäre dieser Stadt zu wünschen, dass sie gehört werden.

„Wir gehen nicht zum Nazi-Schwert!“ – Bündnis gegen Krieg und Faschismus wählt am 9. November eigene Route

Inschrift am sogenannten "Kriegerdenkmal Schalker Verein"

Inschrift am sogenannten „Kriegerdenkmal Schalker Verein“

Wie schon durch die in der WAZ veröffentlichte Pressemitteilung bekannt gemacht, wählt das „Bündnis gegen Krieg und Faschismus“ für den Gedenktag an die Verbrechen der sogenannten „Reichskristallnacht“ eine andere Route als die „Demokratische Initiative“ (DI). Der Hintergrund dürfte durch den Offenen Brief der VVN-BdA und die Berichterstattung der WAZ zur Genüge bekannt sein. Ein Denkmal für die gefallenen Soldaten eines Krieges kann einfach kein geeignetes Denkmal für jüdische Opfer der Nazis sein. Denkmal und Gedenkveranstaltung zum 9. November passen thematisch nicht zueinander.

Das Bündnis trifft sich wie die DI an der Hammerschmidtstraße, wird jedoch auf keinen Fall das Nazi-Schwert besuchen, sondern stattdessen das Wohnhaus in der Wanner Straße 119 und dort beispielhaft an die Familie Schönenberg erinnern. Dort betrieben Selma und ihre Tochter Erna Schönenberg ein von den Eltern übernommenes Geschäft für Manufakturwaren und Herrenbekleidung, bis es in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 – wie auch ihre Wohnung – von den Nazis zerstört wurde. Selma starb 1942 bereits auf dem Transport nach Auschwitz, Erna wurde 1943 in Auschwitz ermordet. Nur Sohn Günter gelang im August 1938 die Flucht nach Holland und 1943 nach Frankreich. Er überlebte den Völkermord und wanderte 1947 in die USA aus.

Alter Jüdischer Friedhof Bulmke an der Ecke Wanner Straße/Oskarstraße. Hier plant die "Demokratische Initiative" ihre Abschlusskundgebung am 9. November 2015.

Alter Jüdischer Friedhof Bulmke an der Ecke Wanner Straße/Oskarstraße. Hier plant die „Demokratische Initiative“ ihre Abschlusskundgebung am 9. November 2015.

Zur Abschlusskundgebung um 19 Uhr am Alten Jüdischen Friedhof in Bulmke schließt sich das Bündnis der Kundgebung der DI wieder an. Trotz aller Kritik an der diesjährigen Gedenkveranstaltung hält das Bündnis eine gemeinsame Veranstaltung für die Stadtgesellschaft für so wichtig, dass es die Abschlusskundgebung mit der Rede des Oberbürgermeisters Frank Baranowski nicht boykottieren will.

Mit einem eigenen Flugblatt wird das Bündnis die Forderung der VVN-BdA unterstützen, „… aus dem Nazi-Schwert durch eine wirklich radikale Verfremdung ein antifaschistisches Gesamtkunstwerk“ zu gestalten, indem Gelsenkirchener Künstler „… das wertlose Schandmal durch künstlerische Installationen phantasievoll und kreativ…“ einrahmen und kommentieren.

Bündnis gegen Krieg und Faschismus

Das „Bündnis gegen Krieg und Faschismus“ hat sich aus dem Antikriegstagsbündnis gegründet, welches seit 2011 regelmäßig eine öffentliche Kundgebung zum Antikriegstag durchführt. Anlass für die Umbenennung war der geplante Aufmarsch der faschistischen Partei „Die Rechte“, die am 1. Mai 2015 von Essen-Kray nach Gelsenkirchen-Rotthausen marschieren wollte. Das Bündnis rief zu einer Gegenkundgebung an der Stadtgrenze auf, in dessen Verlauf gemeinsam mit weiteren demokratischen Kräften der Aufmarsch der aus Dortmund stammenden Faschisten erfolgreich blockiert werden konnte.

Werner-Goldschmidt-Salon – Parteibüro von Die Linke und Veranstaltungsort, benannt nach dem Gelsenkirchener und jüdischen Widerstandskämpfer Werner Goldschmidt

Werner-Goldschmidt-Salon – Parteibüro von Die Linke und Veranstaltungsort, benannt nach dem Gelsenkirchener und jüdischen Widerstandskämpfer Werner Goldschmidt. Hier trifft sich auch das „Bündnis gegen Krieg und Faschismus“.

Beim „Bündnis gegen Krieg und Faschismus“ handelt es sich um ein lockeres Personenbündnis, dass sich von Fall zu Fall engagiert, zuletzt am 31.10.2015 gegen ProNRW. Die einzelnen Personen kommen aus verschiedenen Parteien und Organisationen; zur Zeit sind das Die Linke, die DKP, die MLPD sowie die Piratenpartei, das kommunale Wahlbündnis AUF Gelsenkirchen, die VVN-BdA und der Verein Gelsenzentrum. Auch ein Mitglied der SPD nimmt regelmäßig an den Treffen teil.

Nazi-Schwert am neuen Standort – „Demokratische Initiative“ hält an Kundgebungsort zum 9. November fest

Das Nazi-Schwert vom Schalker Verein aus dem Jahre 1937 am neuen Standort im Jahre 2015

Das Nazi-Schwert vom Schalker Verein aus dem Jahre 1937 am neuen Standort im Jahre 2015

Das Nazi-Schwert vom Schalker Verein aus dem Jahre 1937, offiziell als „Kriegerdenkmal Schalker Verein“ bezeichnet, ist an seinem neuen Standort aufgebaut. Und die aktuelle Pressemitteilung lässt keine Zweifel daran, dass die „Demokratische Initiative gegen Diskriminierung und Gewalt, für Menschenrechte und Demokratie – Gelsenkirchen“ tatsächlich an ihrer Absicht festhält, an diesem Schandmal eine Zwischenkundgebung während der Gedenkveranstaltung an den frühen Höhepunkt der Judenverfolgung 1938, der sogenannten „Reichskristallnacht“ abzuhalten. Peinlicher geht es kaum noch.

Die Gelsenkirchener Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) bleibt bei ihrer Position: ein Denkmal für die Toten eines Krieges kann kein geeigneter Ort für eine Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht sein. Außerdem strahlt das in nationalsozialistischer und kriegsverherrlichender Ästhetik errichtete Denkmal noch immer eine militaristische Botschaft aus, gegen die die geplante künstlerische Ergänzung nur verblassen wird.

Die VVN-BdA fordert Frank Baranowski als Oberbürgermeister und Schirmherrn der DI in ihrem Offenen Brief dazu auf, “sich dafür einzusetzen, dass aus dem Nazi-Schwert durch eine wirklich radikale Verfremdung ein antifaschistisches Gesamtkunstwerk wird. Hierzu bedarf es einer Aufforderung an die Künstler und Bürger der Stadt, um das wertlose Schandmal durch ganz unterschiedliche Installationen phantasievoll und kreativ einzurahmen und zu kommentieren. Dies mindert nicht den Denkmalwert, schafft aber eine klare Aussage aus der Gegenwart zum Objekt der Nazi-Barbarei.”

Alter Jüdischer Friedhof Bulmke an der Ecke Wanner Straße/Oskarstraße. Hier plant die "Demokratische Initiative" ihre Abschlusskundgebung am 9. November 2015.

Alter Jüdischer Friedhof Bulmke an der Ecke Wanner Straße/Oskarstraße. Hier plant die „Demokratische Initiative“ ihre Abschlusskundgebung am 9. November 2015.