Schlagwort-Archive: Berlin

Eindrücke eines Antifaschisten in Berlin

Ein Beispiel aus der Ausstellung „Topographie des Terrors“.

Vom 13. bis 16.03.2017 hatte ich die Gelegenheit mit rund 40 weiteren Interessierten an einer Wahlkreisfahrt der Bundestagsabgeordneten Ulla Jelpke nach Berlin teilzunehmen. Im Programm war deutlich der antifaschistische Schwerpunkt der Fahrt mit den Stationen Topographie des Terrors, Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst und Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit zu erkennen. Während der Stadtrundfahrt kam noch ein Zwischenstopp an der Adresse Tiergartenstraße 4 hinzu. Dazu gehörten eine Diskussion mit Ulla Jelpke im Paul-Löbe-Haus sowie ein Besuch des Bundestages im Reichstagsgebäude. Nach ausführlichen Informationen und guten Führungen verunglückte leider der Abschlusstermin in der Bundeszentrale für politische Bildung. Sehr gut waren die Organisation durch den Mitarbeiter des Bundespresseamtes und die Wahlkreis-Mitarbeiterin von Ulla Jelpke.

Gleich die erste Station direkt nach der Ankunft in Berlin war die Ausstellung Topographie des Terrors. Das Dokumentationszentrum steht auf dem „Prinz-Albrecht-Gelände“, auf dem zwischen 1933 und 1945 in heute nicht mehr bestehenden Gebäuden die Zentrale der Gestapo, von SS und SD sowie ab 1939 das Reichssicherheitshauptamt eine außerordentliche Konzentration von Macht und Terror auf engstem Raum bildeten. Nachdem die Geschichte des Ortes in den 1950er Jahren zunächst dem Vergessen übergeben worden war wurden nach wiedererwachtem Geschichtsinteresse 1987 eine Dokumentation eingerichtet und Ausgrabungen vorgenommen. Später wurde eine Freiluft-Ausstellung entlang der freigelegten Kellermauerreste an der Niederkirchnerstraße (ehemalige Prinz-Albrecht-Straße) präsentiert. (Ein Foto dieser Ausstellung aus dem Juli 2000 befindet sich am Ende dieses Beitrags). Seit Mai 2010 besteht das neue Dokumentationszentrum mit einer ausführlichen, deutsch- und englischsprachigen Ausstellung nach modernen Standards über das Terrorsystem der Täter und den von ihnen verübten europaweiten Verbrechen.

Topographie des Terrors – Kellermauerreste an der Niederkirchnerstraße (ehemalige Prinz-Albrecht-Straße).

Besonders beeindruckte mich eine Sonderausstellung zu Massenerschießungen auf dem Gebiet der von Nazi-Deutschland besetzten Sowjetunion. Wie inzwischen in vielen neuen Ausstellungen üblich stellt man auch hier Biografien einzelner Mordopfer und ihrer Familien dar. Damit wird der abstrakten Zahl von rund zwei Millionen ermordeter Juden in dieser Phase des Holocaust ein Gesicht gegeben. Überhaupt nicht beeindruckend fand ich das funktionale Gebäude, hier könnte problemlos auch eine Ausstellung beispielsweise über die Kunst des 20. Jahrhunderts Platz finden.

Das Gebäude des Deutsch-Russischen-Museums in Berlin-Karlshorst, ursprünglich für die Wehrmacht errichtet und während der Schlacht um Berlin im April 1945 als sowjetisches Hauptquartier genutzt, ist eng verbunden mit der bedingungslosen Kapitulation der militärischen Führer Nazi-Deutschlands in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1945. Hier wurde 1967 zu DDR-Zeiten von sowjetischer Seite ein Museum eingerichtet, das sich an die sowjetischen Soldaten richtete und in dessen Zentrum die Schlacht um Berlin stand. Der Saal, in dem 1945 die Kapitulation unterzeichnet worden war, wurde dafür rekonstruiert. Mit dem Abzug der sowjetischen Soldaten im Zuge der Vereinigung beider deutscher Staaten 1990 wurde das Museum zu einem gemeinsamen Deutsch-Russischen Museum mit dem Fokus auf den Krieg zwischen Nazi-Deutschland und der Sowjetunion 1941-1945. Bemerkenswert ist an diesem Museum, dass der Krieg aus der Sicht beider früherer Kriegsgegner gezeigt wird. Auch die neue Ausstellung enthält Exponate der alten Ausstellung, eingebunden in den neuen Kontext.

Berlin-Karlshorst, 1967 rekonstruierter Saal, in dem in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1945 die bedingungslose Kapitualation der militärischen Führer Nazi-Deutschlands stattfand.

Während der Führung durch die Ausstellung, die sich an ausgewählten Schwerpunkten orientierte, wurde der Unterschied zwischen den Kriegen gegen Länder wie Frankreich und dem Krieg gegen die Sowjetunion deutlich. Der Krieg gegen die Sowjetunion war ein gewollter und geplanter Vernichtungskrieg gegen die in der rassistischen Vorstellungswelt der Nazis minderwertige Bevölkerung der Sowjetunion zur Eroberung „neuen Lebensraums“. Deutlich wird der Vernichtungskrieg auch an der Behandlung der von Nazi-Deutschland gefangen genommenen sowjetischen Soldaten. 60% von ihnen starben in deutscher Kriegsgefangenschaft. In absoluten Zahlen wurden von etwa 5,7 Millionen gefangenen Soldaten 3,3 Millionen entweder erschossen, oder man ließ sie verhungern oder an Seuchen sterben. Erst der Bedarf an Arbeitskräften besserte ihre Lage und die Überlebenden wurden als Zwangsarbeiter eingesetzt.

Allerdings schien während der Führung auch eine mögliche Grenze eines Deutsch-Russischen Museums auf. Man konnte fast übersehen, dass sich zwischen den beiden Kriegsgegnern Polen befand, das von Nazi-Deutschland und der Sowjetunion 1939 aufgeteilt worden war. Vielleicht ist dieser Eindruck auch nur aufgrund der Führung entstanden, denn wie immer reichte die Zeit nicht, um sich die Ausstellung vollständig anzusehen.

Sowjetisches Ehrenmal im Treptower Park – Bronzeskulptur eines sowjetischen Soldaten mit gesenktem Schwert und Kind auf dem Arm.

Eingeschoben werden konnte ein Besuch des Sowjetischen Ehrenmals im Treptower Park. Hier befindet sich eine monumentale Gedenkanlage, die zugleich Friedhof für mehr als 5000 bei der Schlacht um Berlin 1945 gefallene Soldaten der Roten Armee ist. Eine elf Meter hohe Bronzeskulptur auf einem kuppelgewölbtem Mausoleum im Zentrum der Anlage zeigt einen sowjetischen Soldaten mit gesenktem Schwert und einem Kind auf dem Arm. Darauf läuft man zwischen zwei riesigen gesenkten Fahnenskulpturen aus Granit zu.

Sowjetisches Ehrenmal im Treptower Park – Blick zurück auf zwei riesige gesenkte Fahnenskulpturen aus Granit.

Mit dem Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit in Berlin-Schöneweide besuchten wir im Anschluss eine weitere einmalige Einrichtung. Es ist das einzige erhaltene Zwangsarbeiterlager – übrigens mitten in einem Berliner Wohnbezirk. Allein in Berlin gab es über 3000 Zwangsarbeiterlager, im Deutschen Reich über 30.000 mit rund 26 Millionen Männer, Frauen und Kinder im Verlauf des Krieges. Das Lager in Schöneweide bestand aus Steinbaracken, die nach dem Krieg weiter genutzt und daher überwiegend, wenn auch verändert, erhalten blieben. Eine Baracke, die wir während der Führung besuchten, ist noch in den originalen baulichen Ausmaßen erhalten. Wir froren an diesem Märztag als wir in einem der Räume standen und erfuhren, unter welchen erbärmlichen Bedingungen die Zwangsarbeiter leben und arbeiten mussten. Wir mochten uns kaum vorstellen, wie sich die Bewohner der Baracken hier im richtigen Winter, bei Schnee und Eis gefühlt haben mögen.

Ausschnitt einer Karte von NS-Zwangsarbeiterlager in Berlin – Ausstellung Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit

Thema der Ausstellung sind die zivilen Zwangsarbeiter, anfangs als freiwillige Arbeitskräfte geworben, später zwangsweise aus den besetzten Ländern hierher verschleppt. Auch hier zeigt die Ausstellung individuelle Biografien. Denen der aus (fast) ganz Europa verschleppten Männer, Frauen und Kinder werden die der deutschen Akteure (Helfer, Zuschauer, Profiteure, Täter) gegenübergestellt. Alltag und Unterbringung der Zwangsarbeiter waren durch den Rassismus der Nazis geprägt. Zwangsarbeiter aus dem Osten (Polen und damalige Sowjetunion) und dem Westen wurden klar voneinander getrennt. Im übrigen waren Zwangsarbeiter aus den westlichen Ländern meist männlich, aus den östlichen Ländern meist weiblich.

Mit der Adresse Tiergartenstraße 4 verbindet sich die Aktion „T4“, der Ermordung zehntausender Patienten aus Heil- und Pflegeanstalten im Rahmen der sogenannten „Euthanasie“. Die Planungs- und Verwaltungszentrale befand sich in der Villa Tiergartenstraße 4, die Morde wurden dezentral in sechs eigens eingerichteten Tötungsanstalten vorgenommen. Es war der erste systematische Massenmord, die hier gesammelten Erfahrungen setzten die Täter später in den Vernichtungslagern im besetzten Polen ein.

Freiluftausstellung Tiergartenstraße 4 zur ersten systematischen Mordaktion „T4“.

Die Villa steht heute nicht mehr, am historischen Ort befindet sich seit 1989 eine Gedenktafel und nach einem 2011 beschlossenen Architekturwettbewerb ein frei zugänglicher Gedenk- und Informationsort. Eine transparente, blaue und 24 Meter lange Glaswand erzeugt die Aufmerksamkeit für die begleitende Freiluftausstellung, die anders als die frühere Freiluftausstellung Topographie des Terrors kein Provisorium ist. Bemerkenswert an der Ausstellung finde ich, dass sie die Texte zusätzlich in leichter Sprache präsentiert und sich somit heute auch an diejenigen richtet, die damals von den Nazis ermordet worden wären.

Die Stadtrundfahrt führte uns durch die jahrzehntelang geteilte Stadt und zeichnete ein vielseitiges Bild Berlins. Unterbrochen wurde die Fahrt durch eine lebhafte und interessante Diskussion mit der Abgeordneten Ulla Jelpke im Paul-Löbe-Haus. Da sie Mitglied im Innenausschuss des Deutschen Bundestages ist, ging es natürlich um innenpolitische Themen. Amüsant war eine übereifrige Mitarbeiterin des Hauses, die nicht verstehen konnte, dass ein Teil unserer Gruppe ihre Jacken und Mäntel an einer unbewachten Garderobe hängen ließ. Wir nahmen jedoch zu Recht an, dass in diesem Haus nicht geklaut wird. 😉

Auf dem Dach des Reichstagsgebäudes – die gläserne Kuppel war leider geschlossen.

Einlasskontrollen wie im Paul-Löbe-Haus gab es auch im Reichstagsgebäude. Hier nahmen wir auf der Besuchertribüne an einem Vortrag teil, der einerseits ganz interessant war, sich aber andererseits deutlich an die ebenfalls anwesenden Schülergruppen richtete. Daran schloss sich eine Besichtung des Dachs des Reichstagsgebäudes an, die gläserne Kuppel war leider nicht geöffnet.

Zum Abschluss stand ein Informationsgespräch in der Bundeszentrale für politische Bildung auf dem Programm. Ich bin mir nicht sicher, ob der Referent schlecht vorbereitet war oder keine Lust auf unsere Gruppe hatte. Einleitend stellte er die Arbeit der Bundeszentrale dar, die den Spagat schaffen soll, in der Bemühung einer politischen Neutralität trotzdem politische Bildung zu betreiben. Das Hauptaugenmerk liegt in den Veröffentlichungen, die ein breites politisches Spektrum einschließt, Extremismus jedoch ausschließt.

In der Diskussion zeigte er leider sehr wenig Empathie gegenüber den Erfahrungen, die Dortmunder Demonstranten gegen Rechtsextremisten mit der Polizei gemacht hatten und wies – erkennbar überfordert mit den Beiträgen – überaus zynisch auf den Rechtsweg hin. Die Debatte biss sich zeitweilig an der Unterschiedlichkeit von Faschismus und Realsozialismus und einer Gemeinsamkeit als Diktatur fest. Augenscheinlich nahm er die emotionale Verbundenheit eines Teils der Gruppe mit den Errungenschaften der DDR nicht als emotionale Reaktion wahr, reagierte mit hölzernen Sachargumenten, behandelte uns wie ein Professor seine Studenten von oben herab und erteilte Denkverbote. Dies war sicherlich keine Sternstunde der Bundeszentrale für politische Bildung, die sich in ihrer Veröffentlichungsbreite durchaus besser darstellt.

Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche im Zentrum des ehemaligen West-Berlins am Ku’damm.

Insgesamt war es eine höchst informative Fahrt, die einige interessante Seiten von Berlin zeigte. Untergebracht waren wir im ehemaligen Zentrum West-Berlins in der Nähe des Ku’damms. Dort gab es die Gelegenheit, sich beispielsweise die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, deren Ruine nach dem Krieg als Mahnmal stehen blieb, anzusehen. Weiter gab es vielfältige Möglichkeiten, engagierte Menschen aus dem antifaschistischen Spektrum kennen zu lernen, wieder zu treffen und sich für die antifaschistische Arbeit vor Ort zu vernetzen.

Werbefläche in Berlin – handschriftlich aktualisiert …

Denkmal für die ermordeten Juden Europas

Nach meinem kurzen Beitrag zur Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin und meinem ausführlichen Beitrag zu den KZ-Gedenkstätten Buchenwald und Sachsenhausen folgt dieser (dritte) Beitrag der Reihe über ein lange kontrovers diskutiertes Denkmal in der Mitte Berlins: dem „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“, umgangssprachlich „Holocaust-Denkmal“ genannt.

Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin-Mitte im Juli 2008

Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin-Mitte im Juli 2008

Die Idee zu einem Denkmal an die ermordeten Juden reicht zurück in das Jahr 1988 und geht auf die Publizistin Lea Rosh und den Historiker Eberhard Jäckel zurück. Bereits das Ergebnis des ersten Wettbewerbes aus dem Jahr 1994 zeigte überdimensionierte Ausmaße und wurde 1995 vom damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl abgelehnt. Da sich seit der Vereinigung beider deutscher Staaten das Umfeld des geplanten Denkmalstandortes verändert hatte und von einer früheren Randlage der geteilten Stadt in die Mitte Berlins gerückt war, erzeugte das geplante Denkmal inzwischen auch eine größere öffentliche Aufmerksamkeit.

Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin-Mitte im Juli 2008

Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin-Mitte im Juli 2008

Auch ein neuer Entwurf 1997 des New Yorker Architekten Peter Eisenman zeigte einen Hang zur Gigantomanie. Der Entwurf wurde jedoch im weiteren Verlauf der Debatte und Planung verändert, die Zahl und Höhe der geplanten Steelen reduziert und es wurden Bäume eingeplant. In einem Fernsehbeitrag wurden die veränderten Entwürfe mit leichter Ironie als Eisenman II und Eisenman III bezeichnet. Zu den immer wieder vorgetragenen Kritikpunkten zählte die mangelnde Authentizität des Ortes angesichts vorhandener Gedenkstätten, die Einschränkung auf eine einzige Verfolgtengruppe unter Ausschluss anderer Gruppen sowie eine „künstlerische Beliebigkeit“. Auf Betreiben des Kulturstaatsministers Michael Naumann, der das Denkmal 1998 zuerst massiv kritisiert hatte, wurde es um einen unterirdischen „Ort der Information“ ergänzt.

Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin-Mitte im Juli 2008

Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin-Mitte im Juli 2008

Der Historiker Eberhard Jäckel betonte 1997 im Rahmen der Colloqien die Einzigartigkeit des Holocaust bzw. der Shoah, gleichwohl er diese Begriffe meidet, und begründete damit die Widmung des Denkmals „für die ermordeten Juden Europas“: „Es war neuartig und insofern, als es geschah, einzigartig, daß noch nie zuvor ein Staat beschlossen hatte, eine Gruppe von Menschen, die er als Juden kennzeichnete, einschließlich der Alten, der Frauen, der Kinder und Säuglinge ohne jegliche Prüfung des einzelnen Falles möglichst restlos zu töten, und diesen Beschluß mit staatlichen Maßnahmen und Machtmitteln in die Tat umsetzte, indem er die Angehörigen dieser Gruppe nicht nur tötete, wo immer er sie ergreifen konnte, sondern in vielen Fällen, zumeist über große Entfernungen und überwiegend aus anderen Ländern, in eigens zum Zweck der Tötung geschaffene Einrichtungen verbrachte.“ (Jäckel, Eberhard: Leitvortrag. 1. Sitzung, in: Colloquium Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Dokumentation. Hrsg.: Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur, Berlin 1997, S. 18-21, hier S. 19.)

Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin-Mitte im Juli 2008

Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin-Mitte im Juli 2008

Auch ist die Widmung des Denkmals „für die ermordeten Juden Europas“ lange Zeit nicht selbstverständlich gewesen. Nicht ohne Grund schrieb Jürgen Habermas in der ZEIT: „Es kann nicht darum gehen, ‘daß die Juden von uns Deutschen ein Holocaust-Denkmal erhalten’. Dieses muß im Kontext unserer politischen Kultur einen anderen Sinn haben. Mit dem Denkmal bekennen sich die heute lebenden Generationen der Nachkommen der Täter zu einem politischen Selbstverständnis, in das die Tat – das im Nationalsozialismus begangene und geduldete Menschheitsverbrechen – und damit die Erschütterung über das Unsagbare, das den Opfern angetan worden ist, als persistierende Beunruhigung und Mahnung eingebrannt ist.“ (Habermas, Jürgen: Der Zeigefinger. Die Deutschen und ihr Denkmal, in: Die Zeit, Nr.14 v. 31.3.1999.)

Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin-Mitte im Juli 2008

Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin-Mitte im Juli 2008

2003 wurde mit dem Bau des Denkmals begonnen und nach einer Kontroverse um die Beteiligung der Degussa AG, deren Tochtergesellschaft das Zyklon B für die Ermordung der Juden im Nationalsozialismus hergestellt hatte, wurde das Denkmal 2005 feierlich eröffnet. Seit der Eröffnung wird das Denkmal gut besucht und hat seinen Platz in Berlin gefunden. Es wird dabei in einer Weise und teilweise spielerisch erkundet, die man in einer KZ-Gedenkstätte am authentischen Ort kaum aushalten könnte.

Baustelle "Denkmal für die ermordeten Juden Europas" in Berlin im Juli 2000

Baustelle „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ in Berlin im Juli 2000

20. Juli 1944 – Nationalkonservativer Widerstand gegen das Hitler-Regime

Am 20. Juli 1953 enthüllte Bronzeskulptur von Richard Scheibe im Innenhof der "Gedenkstätte Deutscher Widerstand" (Foto Juli 2000)

Am 20. Juli 1953 enthüllte Bronzeskulptur von Richard Scheibe im Innenhof der „Gedenkstätte Deutscher Widerstand“ (Foto Juli 2000)

Der 20. Juli 1944 ist das bekannteste Datum des Widerstandes gegen das Hitler-Regime. Für den Historiker Hans Mommsen handelt es sich dabei im Gegensatz zum kommunistischen oder sozialistischen Arbeiterwiderstand um bürgerlichen oder nationalkonservativen Widerstand. Die Männer des 20. Juli kamen überwiegend aus der Oberschicht, waren akademisch gebildet und haben zuvor meist im Dienst des NS-Regimes gestanden. Eine Rückkehr zur demokratischen Verfassung der Weimarer Republik lehnten sie ab, es überwogen konservative und neokonservative Ideale sowie preußische Staatstraditionen. Hinter ihren Reformkonzepten stand auch das Interesse der bürgerlichen Oberschicht, ihren sozialen Status zu sichern. Dennoch ist ihr auch persönlicher Einsatz gegen das NS-Regime zu würdigen, den sie aus einer moralisch begründeten Überzeugung heraus leisteten.

Der Ursprung einer nationalkonservativen oppositionellen Gruppierung lässt sich in das Jahr 1938 zurückverfolgen und beginnt mit dem aus Protest zurückgetretenen Chef des Generalstabs, Generaloberst Ludwig Beck. Handlungsfähige Gestalt gewann der nationalkonservative Widerstand jedoch erst im Angesicht der aussichtslosen militärischen Lage des „Dritten Reiches“ nach der Landung der West-Alliierten in der Normandie 1944 und der faktischen Auflösung der Heeresgruppe Mitte an der Ostfront.

Zentrale Figur des Staatsstreichversuchs wurde Oberst Claus Graf Schenk v. Stauffenberg. Trotz seiner Behinderung durch Kriegsverletzungen (ihm fehlten ein Auge, die rechte Hand und zwei Finger der linken Hand) führte er das Attentat am 20. Juli 1944 selbst aus. Zu Hitlers Lagebesprechung im „Führerhauptquartier“ in der ostpreußischen „Wolfsschanze“ setzte er in einer Pause den Zeitzünder der Bombe in Gang, konnte aber aufgrund einer Störung nur die Hälfte des Sprengstoffs zur Zündung einstellen. Er deponierte die Aktentasche mit der Sprengladung in der Nähe Hitlers und verließ den Raum unter einem Vorwand.

Der Staatsstreich scheiterte letztlich, da der Diktator überlebte. Die Verschwörer wurden im Bendlerblock (Oberkommando des Heeres) in Berlin überwältigt, Beck erschoss sich selbst im Gebäude, während die anderen, darunter Stauffenberg, im Hof erschossen wurden. Weitere Beteiligte wurden in Schauprozessen vor dem Volksgerichtshof unter dem Vorsitz von Roland Freisler gedemütigt und abgeurteilt. Die Vollstreckung der Todesurteile erfolgte in Berlin-Plötzensee. Die Verurteilten wurden dort mit Stahlkabeln an Fleischerhaken aufgehängt. Der Vorgang wurde für Hitler gefilmt.

Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Innenhof in der Stauffenbergstraße mit dem Denkmal im Hintergrund (Foto Juli 2000)

Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Innenhof in der Stauffenbergstraße mit dem Denkmal im Hintergrund (Foto Juli 2000)

Heute befindet sich im ehemaligen Bendlerblock die „Gedenkstätte Deutscher Widerstand“, die Bendlerstraße wurde nach dem gescheiterten Attentäter in Stauffenbergstraße umbenannt. Im Innenhof befindet sich seit 1953 ein Ehrenhof mit einer am 20. Juli 1953 enthüllten Bronzeskulptur eines nackten Mannes mit gebunden Händen von Richard Scheibe. Zum 20. Juli 1969 wurde im Gebäude die „Gedenk- und Bildungsstätte Stauffenbergstraße“ mit einer kleinen ständigen Ausstellung eröffnet, 1989 wurde eine neue Ausstellung, die die ganze Breite des Widerstandes gegen das NS-Regime darstellte, eröffnet. Der neue Name „Gedenkstätte Deutscher Widerstand“ verdeutlicht die neue Konzeption. Die beiden Fotos zu diesem Beitrag entstanden noch mit meiner Kleinbildkamera während meines Besuchs kurz nach dem 20. Juli 2000 in der Gedenkstätte. Ich war damals völlig überrascht über den geschmückten Innenhof, bis mir das Datum in den Sinn kam.

Quellen
Lexikon des deutschen Widerstandes. Hrsg. von Wolfgang Benz und Walter H. Pehle. Frankfurt am Main 2004, 2. Aufl., S. 55 ff., S. 325 ff.

Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus. Bundeszentrale für politische Bildung, Bd. 2, Bonn 1999, S. 179 ff.

„Operation Untergang“ – Berliner Comic-Superheld gegen Hitler

Heft 3 vom Januar 2015 mit Captain Berlins Gegenspielerin in allen Zeiten Ilse von Blitzen

Heft 3 vom Januar 2015 mit Captain Berlins Gegenspielerin in allen Zeiten Ilse von Blitzen

Die meisten Superhelden im Comic wie im Kino stammen aus den US-amerikanischen Comicverlagen DC (Superman, Batman) und Marvel (Spider-Man, die Fantastischen Vier, X-Men, Hulk, Avengers). Doch ein zartes Superheldenpflänzchen publiziert der kleine norddeutsche Independent-Verlag Weissblech-Comics. Captain Berlin orientiert sich im Namen an den amerikanischen Marvel-Helden Captain America aus den 1940er Jahre, der im Rahmen eines Supersoldaten-Programms geschaffen und wie viele andere Superhelden auch – in den Comics – während des Zweiten Weltkrieges gegen die Nazis antrat.

Bereits „Operation Untergang“ im ersten Heft zeigt den ironischen Ton der Weissblech-Comics. Der im Berliner Untergrund mit biologischen Manipulationen geschaffene deutsche Superheld Captain Berlin vereitelt unfreiwillig das Attentat der Verschwörer um Stauffenberg vom 20. Juli 1944 in der Wolfsschanze, als Captain Berlin Hitler gefangen nehmen und dem Völkerbund übergeben will. Hitlers Sprechblasen sind in Frakturschrift geschrieben und die Nazisse Ilse von Blitzen wird mit der Schnecken-Frisur Prinzessin Leias aus Krieg der Sterne eingeführt. Die Zweitgeschichte verbindet die Katastrophe im japanischen Atomkraftwerk Fukushima 2011 mit dem Thema der japanischen Monsterfilme und lässt Captain Berlin in Comic-Manier gegen Fukuda antreten.

Geschaffen wurde Captain Berlin bereits vor 30 Jahren vom Berliner Jörg Buttgereit für eine Super-8-Filmversion. Doch erst ab 2006 folgten ein Hörspiel für den WDR und ein Theaterstück; aus letzterem entstand die trashige Filmversion „Captain Berlin vs. Hitler“, die 2009 als DVD-Video erscheint. Als Beilage zur DVD zeichnen Rainer F. Engel und Levin Kurio die Comic-Geschichte „Operation Untergang“, die im Oktober 2013 zur Titelgeschichte des ersten Captain-Berlin-Comic-Heftes in Levin Kurios Verlag Weissblech-Comics wird. Bisher sind 4 Ausgaben „Captain Berlin“ erschienen, eine fünfte ist in Arbeit. Und erstmalig in der Geschichte von Weissblech-Comics erreicht die Nummer 1 bereits die 3. Auflage.

Zur zentralen Gegenspielerin in allen Zeiten entwickelt sich die in „Operation Untergang“ kurz vorgestellte Nazisse Ilse von Blitzen. Im zweiten Heft vom Oktober 2014 erschafft sie 1944 in Frankenstein-Manier mit den „Leichenteilen der besten deutschen Landser“ von allen Fronten das Monster Germanikus, das Captain Berlin überwältigt. In der Zweitgeschichte, die 2009 spielt, erweckt Ilse von Blitzen in London den „Elefantenmenschen“ Joseph Merrick wieder zum Leben und verfolgt den Plan, mit Hilfe des „Elements Walküre“ den „Führer“ wieder auferstehen zu lassen. In Heft 3 vom Januar 2015 verwandelt sie sich mit Hilfe eines verbündeten Okultisten in einen Nazi-Gargoyle.

An popkulturellen und historischen Anspielungen wird nicht gespart. So wird der 1944 im Kampf gegen Germanikus unterlegene Captain Berlin mit dem japanischen U-Boot U-3000 nach Hiroshima gebracht, wo der Superheld den Atombombenabwurf erlebt. In Heft 4 vom Juli 2015 verhindert er 1968 ein Attentat auf Rudi Dutschke und begegnet in der Pyramide der Morgenröte, in der sich auch Ilse von Blitzen aufhält, dem Okkultisten Aleister Crowley. Nach der Überwältigung des Attentäters stellt Captain Berlin fest: „Ein Glück, dass diese Altnazis so zwanghaft sind … stehen immer um 5.45 Uhr auf, essen Punkt zwölf …“

Für Heft 5 ist, ob ernst gemeint oder nicht, „Captain Berlin gegen Kim Jong-Il“ angekündigt. Die Hefte 1 bis 4 sind zum Preis von je € 4,90 hier oder im gutsortierten Comic-Handel erhältlich, die letzte Ausgabe ist sicher auch im Bahnhofsbuchhandel zwischen Spider-Man und Superman zu finden.

Und hier noch der Trailer zum trashigen Film, der seine Premiere übrigens 2009 in der Schauburg in Gelsenkirchen-Buer hatte: