Archiv für den Monat März 2017

Ostermarsch Rhein Ruhr 2017 – Probleme des Friedenskampfes

Zum Antikriegstag 2015 zeigte die VVN-BdA Gelsenkirchen ihr neues Transparent mit der alten Forderung!

Kritik, Unverständnis und Ablehnung erfährt der jüngste Aufruf des Ostermarschs Rhein Ruhr 2017. Der Grund liegt in einem Halbsatz innerhalb eines Textes, den ansonsten jeder friedensbewegte Mensch unterschreiben kann.

Unter der Überschrift „Nein zu Krieg und Terror! Nein zur weiteren Aufrüstung Deutschlands und der EU! Wir brauchen eine neue Politik!“ wird zunächst die aktuelle Situation skizziert. Daran schließen sich die üblichen Forderungen an, in denen der Stopp sämtlicher Auslandseinsätze der Bundeswehr, Einstellung aller Rüstungsexporte und ähnliches mehr gefordert werden.

Schließlich findet sich unter der Zwischenüberschrift „Unsere Vorschläge“ als erster Vorschlag: „Verhandeln statt Schießen: Jede Minute Waffenstillstand rettet Leben: in Syrien, im Irak, in Mali und anderswo. Es muss mit allen Konfliktparteien, auch dem IS verhandelt werden. Die Waffen nieder und miteinander sprechen ist das Gebot der Stunde.“ Daran schließen sich weitere Vorschläge an, die beispielsweise zivile Konfliktlösungen statt militärischer Kriegsplanungen fordern.

Insgesamt also ein ausgewogener Aufruf, der m.E. den Fehler macht, eine Provokation, die Anlass zu einer lebhaften Diskussion sein kann, in einen Aufruf zu integrieren, der m.E. möglichst viele Menschen erreichen und zur Teilnahme am Ostermarsch aufrufen soll.

Ausschnitt aus dem Aufruf der VVN-BdA NRW zum Ostermarsch Rhein Ruhr 2017

Die nordrhein-westfälische VVN-BdA (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten) hat auf der Landesdelegiertenkonferenz einen eigenen Aufruf zum Ostermarsch beschlossen. Dieser hat den Vorteil, aktueller zu sein und auch auf die Wahl Trumps zum Präsidenten der USA einzugehen, zudem enthält er weite, unbestrittene Teile des Ostermarsch-Aufrufs.

Die nordrhein-westfälische DFG-VK (Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte Kriegsdienstgegner) hat in einem dreiseitigen Schreiben unter der Überschrift „Mit dem IS verhandeln?“ begründet und erläutert, warum sie die Forderung nach Verhandlung – auch mit dem IS – richtig findet. Über diese Position kann man nachdenken und streiten (vgl. z.B. hier), aber allein schon die Tatsache, dass es drei Seiten braucht, um einen Halbsatz zu erklären und zu erläutern, zeigt m.E. schon, dass es falsch war, ihn im Ostermarsch-Aufruf aufzunehmen.

Das ändert jedoch nichts daran, dass der Ostermarsch ein wichtiger Termin der Friedensbewegung ist, an dem gegen Krieg als Mittel der Politik demonstriert wird. Es bleibt dabei: Verhandeln statt schießen: Jede Minute Waffenstillstand rettet Leben: in Syrien, im Irak, in Mali und anderswo. Es muss mit allen Konfliktparteien verhandelt werden. Die Waffen nieder und miteinander sprechen ist das Gebot der Stunde.

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Eindrücke eines Antifaschisten in Berlin

Ein Beispiel aus der Ausstellung „Topographie des Terrors“.

Vom 13. bis 16.03.2017 hatte ich die Gelegenheit mit rund 40 weiteren Interessierten an einer Wahlkreisfahrt der Bundestagsabgeordneten Ulla Jelpke nach Berlin teilzunehmen. Im Programm war deutlich der antifaschistische Schwerpunkt der Fahrt mit den Stationen Topographie des Terrors, Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst und Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit zu erkennen. Während der Stadtrundfahrt kam noch ein Zwischenstopp an der Adresse Tiergartenstraße 4 hinzu. Dazu gehörten eine Diskussion mit Ulla Jelpke im Paul-Löbe-Haus sowie ein Besuch des Bundestages im Reichstagsgebäude. Nach ausführlichen Informationen und guten Führungen verunglückte leider der Abschlusstermin in der Bundeszentrale für politische Bildung. Sehr gut waren die Organisation durch den Mitarbeiter des Bundespresseamtes und die Wahlkreis-Mitarbeiterin von Ulla Jelpke.

Gleich die erste Station direkt nach der Ankunft in Berlin war die Ausstellung Topographie des Terrors. Das Dokumentationszentrum steht auf dem „Prinz-Albrecht-Gelände“, auf dem zwischen 1933 und 1945 in heute nicht mehr bestehenden Gebäuden die Zentrale der Gestapo, von SS und SD sowie ab 1939 das Reichssicherheitshauptamt eine außerordentliche Konzentration von Macht und Terror auf engstem Raum bildeten. Nachdem die Geschichte des Ortes in den 1950er Jahren zunächst dem Vergessen übergeben worden war wurden nach wiedererwachtem Geschichtsinteresse 1987 eine Dokumentation eingerichtet und Ausgrabungen vorgenommen. Später wurde eine Freiluft-Ausstellung entlang der freigelegten Kellermauerreste an der Niederkirchnerstraße (ehemalige Prinz-Albrecht-Straße) präsentiert. (Ein Foto dieser Ausstellung aus dem Juli 2000 befindet sich am Ende dieses Beitrags). Seit Mai 2010 besteht das neue Dokumentationszentrum mit einer ausführlichen, deutsch- und englischsprachigen Ausstellung nach modernen Standards über das Terrorsystem der Täter und den von ihnen verübten europaweiten Verbrechen.

Topographie des Terrors – Kellermauerreste an der Niederkirchnerstraße (ehemalige Prinz-Albrecht-Straße).

Besonders beeindruckte mich eine Sonderausstellung zu Massenerschießungen auf dem Gebiet der von Nazi-Deutschland besetzten Sowjetunion. Wie inzwischen in vielen neuen Ausstellungen üblich stellt man auch hier Biografien einzelner Mordopfer und ihrer Familien dar. Damit wird der abstrakten Zahl von rund zwei Millionen ermordeter Juden in dieser Phase des Holocaust ein Gesicht gegeben. Überhaupt nicht beeindruckend fand ich das funktionale Gebäude, hier könnte problemlos auch eine Ausstellung beispielsweise über die Kunst des 20. Jahrhunderts Platz finden.

Das Gebäude des Deutsch-Russischen-Museums in Berlin-Karlshorst, ursprünglich für die Wehrmacht errichtet und während der Schlacht um Berlin im April 1945 als sowjetisches Hauptquartier genutzt, ist eng verbunden mit der bedingungslosen Kapitulation der militärischen Führer Nazi-Deutschlands in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1945. Hier wurde 1967 zu DDR-Zeiten von sowjetischer Seite ein Museum eingerichtet, das sich an die sowjetischen Soldaten richtete und in dessen Zentrum die Schlacht um Berlin stand. Der Saal, in dem 1945 die Kapitulation unterzeichnet worden war, wurde dafür rekonstruiert. Mit dem Abzug der sowjetischen Soldaten im Zuge der Vereinigung beider deutscher Staaten 1990 wurde das Museum zu einem gemeinsamen Deutsch-Russischen Museum mit dem Fokus auf den Krieg zwischen Nazi-Deutschland und der Sowjetunion 1941-1945. Bemerkenswert ist an diesem Museum, dass der Krieg aus der Sicht beider früherer Kriegsgegner gezeigt wird. Auch die neue Ausstellung enthält Exponate der alten Ausstellung, eingebunden in den neuen Kontext.

Berlin-Karlshorst, 1967 rekonstruierter Saal, in dem in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1945 die bedingungslose Kapitualation der militärischen Führer Nazi-Deutschlands stattfand.

Während der Führung durch die Ausstellung, die sich an ausgewählten Schwerpunkten orientierte, wurde der Unterschied zwischen den Kriegen gegen Länder wie Frankreich und dem Krieg gegen die Sowjetunion deutlich. Der Krieg gegen die Sowjetunion war ein gewollter und geplanter Vernichtungskrieg gegen die in der rassistischen Vorstellungswelt der Nazis minderwertige Bevölkerung der Sowjetunion zur Eroberung „neuen Lebensraums“. Deutlich wird der Vernichtungskrieg auch an der Behandlung der von Nazi-Deutschland gefangen genommenen sowjetischen Soldaten. 60% von ihnen starben in deutscher Kriegsgefangenschaft. In absoluten Zahlen wurden von etwa 5,7 Millionen gefangenen Soldaten 3,3 Millionen entweder erschossen, oder man ließ sie verhungern oder an Seuchen sterben. Erst der Bedarf an Arbeitskräften besserte ihre Lage und die Überlebenden wurden als Zwangsarbeiter eingesetzt.

Allerdings schien während der Führung auch eine mögliche Grenze eines Deutsch-Russischen Museums auf. Man konnte fast übersehen, dass sich zwischen den beiden Kriegsgegnern Polen befand, das von Nazi-Deutschland und der Sowjetunion 1939 aufgeteilt worden war. Vielleicht ist dieser Eindruck auch nur aufgrund der Führung entstanden, denn wie immer reichte die Zeit nicht, um sich die Ausstellung vollständig anzusehen.

Sowjetisches Ehrenmal im Treptower Park – Bronzeskulptur eines sowjetischen Soldaten mit gesenktem Schwert und Kind auf dem Arm.

Eingeschoben werden konnte ein Besuch des Sowjetischen Ehrenmals im Treptower Park. Hier befindet sich eine monumentale Gedenkanlage, die zugleich Friedhof für mehr als 5000 bei der Schlacht um Berlin 1945 gefallene Soldaten der Roten Armee ist. Eine elf Meter hohe Bronzeskulptur auf einem kuppelgewölbtem Mausoleum im Zentrum der Anlage zeigt einen sowjetischen Soldaten mit gesenktem Schwert und einem Kind auf dem Arm. Darauf läuft man zwischen zwei riesigen gesenkten Fahnenskulpturen aus Granit zu.

Sowjetisches Ehrenmal im Treptower Park – Blick zurück auf zwei riesige gesenkte Fahnenskulpturen aus Granit.

Mit dem Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit in Berlin-Schöneweide besuchten wir im Anschluss eine weitere einmalige Einrichtung. Es ist das einzige erhaltene Zwangsarbeiterlager – übrigens mitten in einem Berliner Wohnbezirk. Allein in Berlin gab es über 3000 Zwangsarbeiterlager, im Deutschen Reich über 30.000 mit rund 26 Millionen Männer, Frauen und Kinder im Verlauf des Krieges. Das Lager in Schöneweide bestand aus Steinbaracken, die nach dem Krieg weiter genutzt und daher überwiegend, wenn auch verändert, erhalten blieben. Eine Baracke, die wir während der Führung besuchten, ist noch in den originalen baulichen Ausmaßen erhalten. Wir froren an diesem Märztag als wir in einem der Räume standen und erfuhren, unter welchen erbärmlichen Bedingungen die Zwangsarbeiter leben und arbeiten mussten. Wir mochten uns kaum vorstellen, wie sich die Bewohner der Baracken hier im richtigen Winter, bei Schnee und Eis gefühlt haben mögen.

Ausschnitt einer Karte von NS-Zwangsarbeiterlager in Berlin – Ausstellung Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit

Thema der Ausstellung sind die zivilen Zwangsarbeiter, anfangs als freiwillige Arbeitskräfte geworben, später zwangsweise aus den besetzten Ländern hierher verschleppt. Auch hier zeigt die Ausstellung individuelle Biografien. Denen der aus (fast) ganz Europa verschleppten Männer, Frauen und Kinder werden die der deutschen Akteure (Helfer, Zuschauer, Profiteure, Täter) gegenübergestellt. Alltag und Unterbringung der Zwangsarbeiter waren durch den Rassismus der Nazis geprägt. Zwangsarbeiter aus dem Osten (Polen und damalige Sowjetunion) und dem Westen wurden klar voneinander getrennt. Im übrigen waren Zwangsarbeiter aus den westlichen Ländern meist männlich, aus den östlichen Ländern meist weiblich.

Mit der Adresse Tiergartenstraße 4 verbindet sich die Aktion „T4“, der Ermordung zehntausender Patienten aus Heil- und Pflegeanstalten im Rahmen der sogenannten „Euthanasie“. Die Planungs- und Verwaltungszentrale befand sich in der Villa Tiergartenstraße 4, die Morde wurden dezentral in sechs eigens eingerichteten Tötungsanstalten vorgenommen. Es war der erste systematische Massenmord, die hier gesammelten Erfahrungen setzten die Täter später in den Vernichtungslagern im besetzten Polen ein.

Freiluftausstellung Tiergartenstraße 4 zur ersten systematischen Mordaktion „T4“.

Die Villa steht heute nicht mehr, am historischen Ort befindet sich seit 1989 eine Gedenktafel und nach einem 2011 beschlossenen Architekturwettbewerb ein frei zugänglicher Gedenk- und Informationsort. Eine transparente, blaue und 24 Meter lange Glaswand erzeugt die Aufmerksamkeit für die begleitende Freiluftausstellung, die anders als die frühere Freiluftausstellung Topographie des Terrors kein Provisorium ist. Bemerkenswert an der Ausstellung finde ich, dass sie die Texte zusätzlich in leichter Sprache präsentiert und sich somit heute auch an diejenigen richtet, die damals von den Nazis ermordet worden wären.

Die Stadtrundfahrt führte uns durch die jahrzehntelang geteilte Stadt und zeichnete ein vielseitiges Bild Berlins. Unterbrochen wurde die Fahrt durch eine lebhafte und interessante Diskussion mit der Abgeordneten Ulla Jelpke im Paul-Löbe-Haus. Da sie Mitglied im Innenausschuss des Deutschen Bundestages ist, ging es natürlich um innenpolitische Themen. Amüsant war eine übereifrige Mitarbeiterin des Hauses, die nicht verstehen konnte, dass ein Teil unserer Gruppe ihre Jacken und Mäntel an einer unbewachten Garderobe hängen ließ. Wir nahmen jedoch zu Recht an, dass in diesem Haus nicht geklaut wird. 😉

Auf dem Dach des Reichstagsgebäudes – die gläserne Kuppel war leider geschlossen.

Einlasskontrollen wie im Paul-Löbe-Haus gab es auch im Reichstagsgebäude. Hier nahmen wir auf der Besuchertribüne an einem Vortrag teil, der einerseits ganz interessant war, sich aber andererseits deutlich an die ebenfalls anwesenden Schülergruppen richtete. Daran schloss sich eine Besichtung des Dachs des Reichstagsgebäudes an, die gläserne Kuppel war leider nicht geöffnet.

Zum Abschluss stand ein Informationsgespräch in der Bundeszentrale für politische Bildung auf dem Programm. Ich bin mir nicht sicher, ob der Referent schlecht vorbereitet war oder keine Lust auf unsere Gruppe hatte. Einleitend stellte er die Arbeit der Bundeszentrale dar, die den Spagat schaffen soll, in der Bemühung einer politischen Neutralität trotzdem politische Bildung zu betreiben. Das Hauptaugenmerk liegt in den Veröffentlichungen, die ein breites politisches Spektrum einschließt, Extremismus jedoch ausschließt.

In der Diskussion zeigte er leider sehr wenig Empathie gegenüber den Erfahrungen, die Dortmunder Demonstranten gegen Rechtsextremisten mit der Polizei gemacht hatten und wies – erkennbar überfordert mit den Beiträgen – überaus zynisch auf den Rechtsweg hin. Die Debatte biss sich zeitweilig an der Unterschiedlichkeit von Faschismus und Realsozialismus und einer Gemeinsamkeit als Diktatur fest. Augenscheinlich nahm er die emotionale Verbundenheit eines Teils der Gruppe mit den Errungenschaften der DDR nicht als emotionale Reaktion wahr, reagierte mit hölzernen Sachargumenten, behandelte uns wie ein Professor seine Studenten von oben herab und erteilte Denkverbote. Dies war sicherlich keine Sternstunde der Bundeszentrale für politische Bildung, die sich in ihrer Veröffentlichungsbreite durchaus besser darstellt.

Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche im Zentrum des ehemaligen West-Berlins am Ku’damm.

Insgesamt war es eine höchst informative Fahrt, die einige interessante Seiten von Berlin zeigte. Untergebracht waren wir im ehemaligen Zentrum West-Berlins in der Nähe des Ku’damms. Dort gab es die Gelegenheit, sich beispielsweise die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, deren Ruine nach dem Krieg als Mahnmal stehen blieb, anzusehen. Weiter gab es vielfältige Möglichkeiten, engagierte Menschen aus dem antifaschistischen Spektrum kennen zu lernen, wieder zu treffen und sich für die antifaschistische Arbeit vor Ort zu vernetzen.

Werbefläche in Berlin – handschriftlich aktualisiert …