Archiv der Kategorie: Erinnerungskultur

Nie wieder! – Damit Vergangenheit nicht Zukunft wird!

Gedenkdemonstration am 09.11.2019 in Essen. Mit im Bild das neue Transparent der Essener VVN-BdA.

Eine beeindruckende Gedenkveranstaltung, die Erinnerung und Mahnung miteinander verband, fand gestern Abend in der Essener Innenstadt statt. Rund 200 Menschen waren dem gemeinsamen Aufruf des antirassistischen und antifaschistischen Bündnisses „Essen stellt sich quer“, der Alten Synagoge Essen, dem Antirassismus-Telefon, dem Schauspiel Essen (Grillo-Theater) und der VVN-BdA Essen gefolgt.

Wie im vergangenen Jahr habe ich auch in diesem Jahr an der Gedenkdemonstration in Essen teilgenommen. Dort präsentierte die Essener Kreisvereinigung der VVN-BdA ein neues Transparent, das sehr viel Aufmerksamkeit erweckte. Mein Bericht über die Veranstaltung findet sich wegen der überregionalen Bedeutung auf der Website der Landesvereinigung NRW der VVN-BdA.

Bald Rosa-Böhmer-Platz in Gelsenkirchen!

Mein inzwischen veralteter Gestaltungsvorschlag für eine Gedenktafel aus dem Jahre 2013 nach dem Vorbild der Gedenktafeln für die vier anderen innerstädtischen Plätze, die an Opfer und Gegner des NS-Regimes erinnern.

Nach vier Blog-Beiträgen mit einem Fragezeichen folgt dieser fünfte Beitrag nun mit einem Aufrufungszeichen in der Überschrift. Am 06.11.2019 hat die Bezirksvertretung Mitte einstimmig der Benennung eines Platzes in der Innenstadt nach Rosa Böhmer zugestimmt. Zwischen 1986 und 1988 waren in Gelsenkirchen insgesamt vier innerstädtische Plätze nach Opfern und Gegnern des NS-Regimes benannt worden. Margarethe-Zingler-Platz, Fritz-Rahkob-Platz, Heinrich-König-Platz und Leopold-Neuwald-Platz erinnern stellvertretend an Verfolgung und Widerstand von Sozialdemokraten, Kommunisten, Christen und Juden. Der Rosa-Böhmer-Platz wird nun an das Schicksal des Sinti-Mädchens Rosa Böhmer und damit stellvertretend an die Verfolgung und Vernichtung der Sinti und Roma in der Nazi-Zeit erinnern.

Die Anregung dazu lieferte 2013 Andreas Jordan (Gelsenzentrum e.V.) in einem Bürgerantrag. Nachdem der zweite Platzvorschlag hinter dem Bildungszentrum keine Zustimmung gefunden hatte (ein erster vor dem Hans-Sachs-Haus war bereits abgelehnt worden), erhält nun ein neu gestalteter Platz, „der sich ca. 25 Meter westlich der Ebertstraße zwischen der Stadtbahntunnelöffnung im Norden und der Vattmannstraße im Süden erstreckt“ den Namen Rosa-Böhmer-Platz. Er befindet sich in der Nähe des Fritz-Rahkob- sowie des Leopold-Neuwald-Platzes und erhöht die Zahl der innerstädtischen Plätze, die nach Gegnern und Opfern des NS-Regimes erinnern, auf Fünf.

Rosa Böhmer und ihre gesamte Familie wurde in Konzentrationslagern ermordet. Ihr Vater starb im Dezember 1941 im KZ Niederhagen (Wewelsburg). Rosa wurde direkt aus der Schule unter beabsichtigter Umgehung der Pflegeeltern zusammen mit ihrer Mutter und sechs Geschwistern Anfang März 1943 in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert und dort ermordet. Rosa Böhmer starb am 13. August 1943 im Alter von 9 Jahren. Das Institut für Stadtgeschichte wird eine Erinnerungsortetafel anbringen, „die in Verbindung mit Rosa Böhmer auf die Verfolgung der Sinti und Roma in der nationalsozialistischen Zeit hinweist.“

Ich freue mich schon auf die Einweihung und hoffe auf einen würdevollen Rahmen!

Gedenken an die Reichspogromnacht in Gelsenkirchen seit 1964 (mit Update)

Vergilbter Ausschnitt aus der damaligen Berichterstattung der Westfälischen Rundschau vom 11.11.1964 (aus dem Archiv der Gelsenkirchener VVN-BdA).

Wie in jedem Jahr wird am 9. November an einen Höhepunkt der antisemitischen Politik der Nazis erinnert. Nach Schätzungen von Historikern wurden zwischen dem 7. und dem 10. November 1938 im damaligen Deutschen Reich zwischen 1300 und 1500 von Nazis als jüdisch definierte Menschen ermordet oder in den Tod getrieben und weitere 30.000 in die Konzentrationslager verschleppt. Nach schrittweiser Ausgrenzung und Boykott seit der Machtübertragung der Regierungsgewalt an die Nazis am 30. Januar 1933 folgte mit dem Pogrom in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 der offene Terror und steigerte sich mit dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 zur massenhaften und schließlich fabrikmäßigen Ermordung von rund 6 Millionen von den Nazis als Juden definierte Menschen. Zur Bilanz der faschistischen „Volksgemeinschaft“ gehört ein Weltkrieg, der über 55 Millionen Menschen das Leben kostete.

In Gelsenkirchen wurde die jährliche Gedenkkundgebung 1964 – vor 55 Jahren – durch SJD – Die Falken und die Naturfreundejugend begründet, übrigens als eine der ersten ihrer Art in der Geschichte der Bundesrepublik. Die Westfälische Rundschau berichtete am 11. November 1964 darüber und schrieb unter anderem: „In einem Schweigemarsch zogen etwa 1500 junge Menschen der Sozialistischen Jugend Deutschlands ‚Die Falken‘ und der Naturfreundjugend zum Ehrenmal an der Gildenstraße, wo vor genau 26 Jahren die Synagoge der jüdischen Gemeinde von den braunen Machthabern in Brand gesteckt wurde. Mahnend gedachten sie dort der vielen Opfer, die in den Konzentrationslagern ums Leben kamen.“ Als Redner sprach der Bundesvorsitzende der Falken, Horst Zeidler aus Dortmund, und thematisierte auch die damals aktuellen Fragen nach der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zum Staat Israel sowie der Verlängerung der Verjährungsfristen für Verbrechen während der Nazi-Zeit. Zudem kritisierte er, dass „ehemalige nazistische Verbände öffentlich und offiziell Treffen arrangieren dürfen“.

Seit 1993 führt die „Demokratische Initiative gegen Diskriminierung und Gewalt, für Menschenrechte und Demokratie – Gelsenkirchen“ (DI) die Tradition der jährlichen Gedenkveranstaltung fort. Die DI wurde im Dezember 1992 als Reaktion auf die Brandanschläge in Hoyerswerda, Mölln und Rostock-Lichtenhagen gegründet. In ihr haben sich unter der Schirmherrschaft des jeweiligen Oberbürgermeisters derzeit 23 Organisationen, „Parteien, Kirchen, karitativen Einrichtungen, Gewerkschaften und weiteren relevanten Gruppen Gelsenkirchens“ zusammengeschlossen, um für ein demokratisches Miteinander in Gelsenkirchen einzutreten.

In diesem Jahr beginnt die Gedenkveranstaltung um 18.30 Uhr auf dem Alten Friedhof Mühlenstraße in Gelsenkirchen-Buer am Mahnmal für die jüdischen Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung (Zugang über Eingang Nordring, Nähe Dorstener Straße). Nach dem Kaddish, dem Gebet der Trauernden des Rabbiners Chaim Kornblum und der Gedenkrede durch Frau Judith Neuwald-Tasbach für die Jüdische Gemeinde führt der Schweigezug zum Mahnmal für die frühere Synagoge Buer am Gustav-Baer-Platz. Auf der Kundgebung dort ab 19.15 Uhr spricht nach einem musikalischen Beitrag Oberbürgermeister und Schirmherr Frank Baranowski. Der Gustav-Baer-Platz ist nach dem jüdischen Lehrer und Prediger der Gemeinde Buer benannt, der 1938 in die USA floh und dort 1952 starb. Zum aktuellen Aufruf der DI geht es hier.

Die Dokumentationsstätte „Gelsenkirchen im Nationalsozialismus“ auf der Cranger Straße 323 in Gelsenkirchen-Erle. Das Gebäude wurde 1907 ursprünglich als Polizeidienststelle errichtet und beherbergt heute die Ausstellung des Instituts für Stadtgeschichte (ISG).

Vortrag über die juristische Aufarbeitung

Nach der Gedenkveranstaltung findet am 14.11.2019 ab 19.00 Uhr im „Wohnzimmer Gelsenkirchen“, Wilhelminenstraße 174b in 45881 Gelsenkirchen noch eine Vortragsveranstaltung des „Gelsenkirchener Aktionsbündnisses gegen Rassismus und Ausgrenzung“ statt. Eine ehemalige Mitarbeiterin des Instituts für Stadtgeschichte (ISG) wird über die Ermittlungen zum Brand der Synagoge in der Altstadt Gelsenkirchens und über den Versuch einer juristischen Aufarbeitung nach 1945 berichten. Weitere Infos sind hier zu finden.

Bereits am 07.11.2019 lädt das „Antifa Cafe“, das sich sonst jeden 1. Donnerstag im Monat im Subversiv trifft, ab 18.00 Uhr zu einer Führung durch die Ausstellung in der Dokumentationsstätte “Gelsenkirchen im Nationalsozialismus“ an der Cranger Straße 323 in 45891 Gelsenkirchen(-Erle) ein.

Erweiterte Fassung, Stand 03.11.2019.

Widerstand und Verfolgung in Amsterdam 1940-1945

Anne-Frank-Haus, Prinsengracht 263.

Die siebte Gedenkstättenfahrt der DGB-Jugend MEO (Mühlheim, Essen, Oberhausen) und der VVN-BdA Essen führte uns in unser Nachbarland, die Niederlande. Kannte ich als Erinnerungsort in Amsterdam bislang nur das Anne-Frank-Haus, lernte ich am Wochenende vom 04. bis 06.10.2019 noch die Hollandsche Schouwburg und das Verzetsmuseum Amsterdam, zu Deutsch Widerstandsmuseum Amsterdam, kennen. Arthur Graaf, Vorsitzender des niederländischen Pendants zur VVN-BdA führte uns an zwei Tagen durch das gegenwärtige Amsterdam.

Die Niederlande hatten gehofft, wie im Ersten Weltkrieg während des Krieges zwischen Deutschland auf der einen Seite sowie Frankreich und Großbritannien auf der anderen Seite neutral bleiben zu können. Doch anders als im Ersten Weltkrieg musste Deutschland aufgrund des Hitler-Stalin-Paktes keinen Zweifrontenkrieg führen. So konnte die Deutsche Wehrmacht den Krieg im Westen rasch für sich entscheiden. Die Zerstörung Rotterdams durch die Deutsche Luftwaffe, nach der Bombardierung Warschaus 1939 der zweite Terrorangriff gegen die Zivilbevölkerung einer Großstadt, forcierte die schnelle Kapitulation der Niederlande. Königin und Regierung flohen nach Großbritannien und lieferten Land und Leute schutzlos aus. Innerhalb kurzer Zeit beherrschte das unbesiegbar scheinende Nazi-Deutschland einen europäischen Kontinentalblock, der vom Nordkap bis Sizilien, von der Bretagne bis zur sowjetischen Grenze reichte.

Denkmal für Anne Frank an der Ecke Prinsengracht/Westermarkt.

Die Niederlande gehörten in den Vorstellungen der Nazis zu ihrem „großgermanischen Reich“. Nach einer Anfangs „freundlichen“ Besatzungspolitik begannen die neuen Machthaber unter dem „Reichskommissar“ Seyss-Inquart basierend auf ihrer pseudowissenschaftlichen „Rassenlehre“ einen Teil der niederländischen Bevölkerung als „jüdisch“ zu definieren. Als Grundlage diente die Religion der Eltern- und Großelterngeneration. Der Definition folgten Ausgrenzung, Deportation und Völkermord in den Konzentrations- und Vernichtungslagern im deutsch besetzten Osten.

Arthur Graaf, Vorsitzender des niederländischen Pendants zur VVN-BdA, zeigte uns verschiedene Orte während der Stadtführung.

Opfer dieser rassenideologischen Politik wurden auch zuvor aus Deutschland geflüchtete Juden, wie die Familie Frank. Sie waren bereits 1933/34 vor den Nazis aus Deutschland geflohen und versteckten sich ab dem 6. Juli 1942 im durch Annes Tagebuch weltberühmt gewordenen Hinterhaus in der Prinsengracht 263. Sie wurden verraten und am 4. August 1944 verhaftet und deportiert. Anne und ihre Schwester Margot starben elendig Ende Februar/Anfang März im Konzentrationslager Bergen-Belsen; von den acht Untergetauchten überlebte nur Annes Vater, Otto Frank. Er entdeckte nach der Rückkehr nach Amsterdam Annes Tagebuch, in denen Anne die Ereignisse im Hinterhaus festgehalten hatte und ließ es veröffentlichen.

Eingangsbereich ins Anne-Frank-Haus 2019.

Das Anne-Frank-Haus in der Prinsengracht 263 ist heute ein Ort, der die Erinnerung an die Ereignisse wachhält. Leider ist der Zugang in der Gegenwart deutlich erschwert. Einzelpersonen benötigen ein Ticket, das zuvor zu bestimmten Zeiten im Internet gebucht werden muss. Die maximale Teilnehmerzahl bei Besuchergruppen beträgt 35, sodass aus unserer Gruppe nicht alle an der Gruppenführung teilnehmen konnten. Da ich das Anne-Frank-Haus bereits vor Jahrzehnten insgesamt zweimal besucht hatte, verzichtete ich auf einen erneuten Besuch. Die Räumlichkeiten des Hinterhauses, in dem sich die Untergetauchten tagsüber ruhig verhalten mussten, sind mir noch in Erinnerung, wie die in Annes Zimmer an der Wand befindlichen Fotos von Filmstars von denen die Jugendliche schwärmte.

Hollandsche Schouwburg, das frühere Theater ist heute eine Gedenkstätte.

Für mich neu war die Hollandsche Schouwburg in der Plantage Middenlaan 24. Ursprünglich handelte es sich um ein Theater für die breite Bevölkerung, während der Deutschen Besetzung wurde es für kurze Zeit zu einem Jüdischen Theater und schließlich für rund 18 Monate zu einem Sammelplatz für die zur Deportation bestimmte jüdische Bevölkerung. Diese mussten wenige Tage bis Wochen hier unter unmöglichen Bedingungen ausharren. Heute handelt es sich um eine Gedenkstätte für die über 100.000 ermordeten Juden der Niederlande, in denen an die Namen der ermordeten Familien erinnert wird.

Umgestalteter Innenbereich der Gedenkstätte Hollandsche Schouwburg.

Nur die Vorderfront des Gebäudes wurde erhalten, der Innenraum wurde komplett umgestaltet. (Ein ähnliches Sammellager war in Gelsenkirchen die Ausstellungshalle auf dem Wildenbruchplatz, anders als in Amsterdam erinnert heute am Tatort in Gelsenkirchen außer einem Stolperstein für Helene Lewek nichts mehr an die Ereignisse.)

Unsere Besuchergruppe am Denkmal zur Erinnerung an den Februarstreik 1941.

Bemerkenswert in der Geschichte des Widerstandes ist der Februarstreik 1941, der einzige Streik einer Bevölkerung im besetzten Europa, der sich gegen die beginnende Verhaftung und Deportation des jüdischen Bevölkerungsteils richtete. Arthur Graaf, Sohn eines der Streikenden und Vorsitzender des niederländischen Pendants zur VVN-BdA, schilderte am Denkmal zur Erinnerung an den Februarstreik die Hintergründe und den Ablauf. DGB-Jugend MEO und VVN-BdA Essen legten einen Kranz nieder und gedachten mit einer Schweigeminute der mutigen Arbeiter.

Blick in die Ausstellung des Widerstandsmuseum Amsterdam.

Mit dem Besuch des Verzetsmuseum Amsterdam (Widerstandsmuseum Amsterdam) schlossen wir unsere Gedenkstättenfahrt nach Amsterdam ab. Das von Widerstandskämpfern eingerichtete Museum zeigt in seiner Ausstellung die Gesellschaft der Niederlande ab den 1930er Jahren, in der Anpassung, Kollaboration und Widerstand stattfand und wie sich die Niederlande in der Zeit entwickelte. In einem einführenden Film wurden die verschiedenen Handlungsmöglichkeiten an konkreten Beispielen historischer Persönlichkeiten gezeigt, die sich auch in der Ausstellung wiederfinden. In der Ausstellung dargestellt sind beispielsweise die stark voneinander getrennten Gesellschaftsgruppen (Sozialisten, Liberale, Katholiken, Reformierte), die sich später im Widerstand zusammenfanden.

Vom Umgang mit Nazi-Kunst – Beispiel Kalkar

Kreativer Umgang mit einem Nazi-Denkmal in Kalkar (Foto: Wilfried Porwol, Kleve).

Nicht nur in Gelsenkirchen, sondern überall in Deutschland findet man Nazi-Denkmäler, die Krieg und Faschismus verherrlichen. Und nicht nur in Gelsenkirchen überwiegen Unvermögen und Unbeweglichkeit im offiziellen Umgang mit diesen steinernen Zeugen der Vergangenheit – die Gründe hierfür mögen unterschiedlich sein. Am diesjährigen Tag der Deutschen Einheit, am 3. Oktober 2019, stellte der Klever Künstler Wilfried Porwol auf der Friedensdemonstration in Kalkar in seiner Rede einen sehr kreativen Umgang mit einem „Kriegerdenkmal“ aus dem Jahre 1936 vor und stellt diesen in den Zusammenhang des Ortes Kalkar, der das das „Zentrum Luftoperationen“ der NATO beherbergt, wo durch Klassenführungen, Praktikumsplätze für 15jährige Schülerinnen und Schüler sowie Projektwochen der Städtischen Realschule junge Menschen „für einen Beruf geködert werden, der das Töten anderer Menschen beinhaltet“ und wo auf dem mittelalterlichen Marktplatz mit einem großen Zapfenstreich ein Drei-Sterne-General verabschiedet wurde, der nun für die AfD in Hannover als Oberbürgermeister kandidiert.

Das Nazi-Denkmal Kalkar, das „Kriegerdenkmal“, ist vom zentralen Kreisverkehr in Kalkar deutlich sichtbar und steht in einer öffentlichen Parkanlagen. In der Nazi-Zeit im Jahre 1936 errichtet erinnert es mit der Aufschrift „Unsere Helden 1914-1918“ an die Toten des Ersten Weltkriegs, erst Anfang der 1980er Jahre wurden die Jahreszahlen des Zweiten Weltkriegs, 1939-1945, ergänzt. Über dem 4 Meter langen und 1,25 Meter hohen Quader „hockt ein martialischer deutscher Adler auf einem Schwert.“ Auf der Rückseite befindet sich folgender Text: „Mögen Jahrtausende vergehen, man wird nie von Heldentum reden können ohne des deutschen Soldaten im Weltkrieg zu gedenken“. Es handelt sich um ein Zitat aus Adolf Hitlers „Mein Kampf“, was bei der Errichtung des Denkmals sicherlich beabsichtigt war und spätestens seit 2014 (wieder) bekannt ist.

Wir können davon ausgehen, dass die Errichtung des Denkmals an die Toten des Ersten Weltkriegs während der Nazi-Zeit mit seiner Verherrlichung soldatischen Heldentums wie in Gelsenkirchen und anderen Städten auch zur ideologischen Kriegsvorbereitung auf den Zweiten Weltkrieg diente. Krieg und Faschismus sind in diesen Denkmälern eins. Porwol führt weiter aus, dass die Ehrung der gefallenen Soldaten beider Weltkriege als „Helden“ nicht nur eine Verhöhnung der Opfer, sondern „auch eine Glorifizierung des verbrecherischen Vernichtungskrieges der deutschen Wehrmacht“ bedeute. Nachdem trotz Beschäftigung durch den Kalkarer Stadtrat in den Jahren 2015 und 2016 nichts passierte, schritt er selbst zur Tat.

Kreativer Umgang mit einem Nazi-Denkmal in Kalkar (Foto: Wilfried Porwol, Kleve).

In seiner Rede berichtet er wie folgt:
„Das Ding stand weiterhin da als Monument des Militarismus. Eine nicht weiter hinzunehmende und meines Erachtens strafbare Duldung nationalsozialistischer Kriegsverherrlichung durch die Stadt Kalkar und für mich als Pazifist und Künstler eine Herausforderung an meine Kreativität.

In den Morgenstunden des 27. Juli, einem Samstag, war es dann soweit. Mit mehreren Farbspraydosen bewaffnet begann ich das Nazi-Monument zu einem Friedensmahnmal umzugestalten. So prangte jetzt vorne auf dem Quader zentral über dem reliefartigen Schriftzug ‚Unseren Helden‘ das Peace-Zeichen und rechts und links davon der zeitlose Slogan der Antikriegsbewegung ‚MAKE LOVE – NOT WAR‘. Auf das Schwert sprayte ich die naheliegende biblische Forderung: ‚Schwerter zu Pflugscharen‘ und darunter die aktuelle Forderung: ‚Abrüsten statt Aufrüsten‘. Über der Rückseite prangte nun in ganzer Breite: ‚NIE WIEDER FASCHISMUS – NIE WIEDER KRIEG‘. Den Adler begann ich farblich in den Regenbogenfarben umzugestalten.

Doch nach eineinhalb Stunden war erst mal Schluss. Die Polizei kam und machte, was sie wohl für ihre Pflicht hielt: sie beschlagnahmte meine Ausrüstung und stellte Anzeige wegen des Verdachtes auf Sachbeschädigung. Für mich ein ein kalkuliertes Risiko, keineswegs abschreckend. Doch die farbliche Verfremdung des Adlers blieb unvollständig. Von den sieben Regenbogenfarben fehlten noch drei.

Kreativer Umgang mit einem Nazi-Denkmal in Kalkar (Foto: Wilfried Porwol, Kleve).

Mit ein paar neuen Spraydosen wollte ich dann meine Arbeit an der Farbgestaltung des Adlers im Morgengrauen des nächsten Tages zu Ende führen. Ich traute meinen Augen kaum. Das Nazi-Denkmal war noch am Samstag ‚gereinigt‘ worden. Auf Anweisung der Bürgermeisterin wurden weder Kosten noch Mühen gespart, um noch am gleichen Tag – trotz Wochenende – das unsägliche Monstrum wieder in seinen ursprünglichen Zustand zu versetzen. Diese erneuerte Glorifizierung soldatischen Heldentums war allerdings nur von kurzer Dauer. Unbekannte Menschen hatten erfreulicherweise meine Gestaltungsanregungen aufgenommen und spontan noch am Sonntag Vormittag das Nazi-Kriegerdenkmal wieder mit Friedensbotschaften versehen.

Das Presseecho war groß und überwiegend positiv, der WDR berichtete in der Aktuellen Stunde darüber. Die Stadt Kalkar kam in Erklärungsnot, weswegen sie das Nazi-Monument ohne sichtbare Distanzierung unverändert Jahre lang stehen ließ. Erst vor 4 Wochen wurde das Ding wieder gereinigt, doch am 26. September wurde das kriegsverherrlichende Monstrum nach Jahren wieder zum Thema in der Stadtratssitzung in Kalkar. Es sollen – so der Beschluss – möglichst bald erklärende Tafeln angebracht werden. Wir werden sehen, und falls notwendig gibt es sicherlich kreative Menschen …“

Quelle

Antikriegstag in Stukenbrock 2019

Mahn- und Gedenkveranstaltung zum Antikriegstag in Stukenbrock 2019.

Seit 1967 wird in Stukenbrock auf dem Sowjetischen Soldatenfriedhof durch den Arbeitskreis „Blumen für Stukenbrock“ den hier bestatteten sowjetischen Kriegsgefangenen gedacht. Die Überlebenden, die nicht von den Nazis durch Hunger und Arbeit ermordet worden waren, hatten unmittelbar nach der Befreiung einen Obelisken errichtet, der in kastrierter Form noch heute steht. Hier fand am 7. September 2019 die jährliche Mahn- und Gedenkveranstaltung zum Antikriegstag statt.

Mit einer kleinen Gruppe Gelsenkirchener VVN-BdA-Mitgliedern fuhren wir an diesem Sonnabend nach Schloß Holte-Stukenbrock. Ein betagtes Gründungsmitglied des Arbeitskreises „Blumen für Stukenbrock“, das seit 1967 dabei ist, führte uns über den Friedhof und berichtete von der Situation der Gefangenen im Lager, von der Gestaltung des Friedhofgeländes und deren Umgestaltung im Laufe der Zeit sowie vom unwürdigen Umgang mit der Erinnerung.

Gut besuchte Mahn- und Gedenkveranstaltung zum Antikriegstag in Stukenbrock 2019.

Mit etwa 400-500 Besuchern war die Gedenkveranstaltung gut besucht. Eine persönlich gehaltene Ansprache hielt der Schauspieler Rolf Becker, mir besonders in Erinnerung geblieben ist der Chor des Antifa-Workcamps, der eine bemerkenswerte Performance von Wolfgang Borcherts „Sag Nein“ vorlegte und zum Schluss mit uns gemeinsam das italienische Partisanenlied „Bella Ciao“ sang. Sehr kämpferisch war auch der Redebeitrag aus dem Workcamp. Die Mahn- und Gedenkveranstaltung erinnerte nicht nur an die Geschichte, sondern warnte vor ihrem Hintergrund vor den aktuellen Entwicklungen in der Gegenwart.

Antifa-Jugendcamp singt auf der Mahn- und Gedenkveranstaltung zum Antikriegstag 2019 in Stukenbrock.

80 Jahre ist es her, seit Nazi-Deutschland am 1. September 1939 mit dem Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg entfesselte. Es folgte am 22. Juni 1941 mit dem Überfall auf die Sowjetunion ein beispielloser Vernichtungskrieg gegen die Bevölkerung. 27 Millionen Menschen der Sowjetunion verloren dabei ihr Leben, darunter 14 Millionen Zivilisten. Von den 5,7 Millionen Soldaten der Sowjetunion starben in deutscher Kriegsgefangenschaft 3,3 Millionen, nach den ermordeten Juden die zweitgrößte Gruppe. Ihr Tod war geplant und wurde durch Hunger, Vernichtung durch Arbeit und Terror systematisch organisiert. Zu ihnen gehören auch die 65.000 ermordeten sowjetischen Kriegsgefangenen in Stukenbrock.

Das Gefangenenlager der Wehrmacht mit der Bezeichnung STALAG 326 VI/K wurde bereits unmittelbar nach dem Überfall auf die Sowjetunion 1941 mit Kriegsgefangenen belegt. Die Genfer Konvention über die Behandlung von Kriegsgefangenen fand nach dem Willen der Nazis keine Anwendung. Die ersten 7.000 mussten auf einem eingezäunten Gelände in selbsterrichteten Erdhöhlen unter freiem Himmel hausen. Erschöpfung und Unterernährung führten dazu, dass Tausende bereits in den ersten Wochen starben. Die Lebenden wurden zu Zwangsarbeit in der Umgebung und der Industrie des Ruhrgebietes gepresst. Zwischen 1941 und 1945 gingen etwa 300.000 sowjetische Kriegsgefangene durch das Lager. Zum Zeitpunkt der Befreiung befanden sich etwa 10.000 Gefangene im Lager, darunter 1.400 Schwerkranke.

Einer der erhaltenen Gedenksteine auf dem Sowjetischen Soldatenfriedhof Stukenbrock.

Bereits kurz nach ihrer Befreiung am 2. April 1945 durch die US-Army gestalteten die Überlebenden den Friedhof mit Gedenksteinen für die 36 Massengräber und errichteten einen 10 Meter hohen Obelisken. Doch schon in den 1950er und 1960er Jahren – Kalter Krieg und Antikommunismus herrschten – wurde der Obelisk kastriert und der Friedhof zu einer Parklandschaft umgestaltet. Die überlebenden sowjetischen Kriegsgefangenen hatten eine Glasplastik in Form einer roten Fahne mit Hammer und Sichel, der Fahne der Sowjetunion, an seiner Spitze angebracht. Diese wurde durch ein orthodoxes Kreuz ersetzt. 2004 schien es, als könnte die ursprüngliche Gestaltung wiederhergestellt werden, doch einen Regierungswechsel später kippte die neue Landesregierung den Beschluss wieder. Die rote Fahne als Symbol für die hier ermordeten Soldaten der Sowjetunion bleibt weiterhin ein Tabu.

Gedenkveranstaltung am 2. Mai 1945 anlässlich der Fertigstellung des Denkmals.

Mit Informationen des Arbeitskreises Blumen für Stukenbrock e.V.

Literaturhinweis
Seichter, Carsten: Nach der Befreiung. Die Nachkriegs- und Rezeptionsgeschichte des Kriegsgefangenenlagers Stukenbrock. Köln 2006 = Hochschulschriften 66.
Die Magisterarbeit untersucht den Umgang mit der Geschichte des Lagers seit 1945.

Antikriegstag in Gelsenkirchen 2019 – 80 Jahre nach Entfesselung des Zweiten Weltkrieges (mit Update)

Aus Anlass des Antikriegstages ruft der Deutsche Gewerkschaftsbund dazu auf, sich für Frieden und Abrüstung einzusetzen und die Friedensinitiative „Abrüsten statt Aufrüsten“ zu unterstützen. In Gelsenkirchen lädt die DGB-Jugend Emscher-Lippe zur Kundgebung auf dem Platz der Alten Synagoge ein. Zwei weitere Veranstaltungen finden am 1. September auf dem Westfriedhof und am 2. September auf dem Neumarkt statt. Der Antikriegstag erinnert in jedem Jahr an die Entfesselung des Zweiten Weltkrieges durch Nazi-Deutschland am 1. September 1939 und ruft dazu auf, sich auch in der Gegenwart für den Frieden einzusetzen.

In seiner Erklärung ruft der Bundesvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes nicht nur dazu auf, sich für Frieden und Abrüstung einzusetzen, sondern spannt einen weiten Bogen zum Einsatz für soziale Sicherheit und gegen Rechtsextremismus. Die Bundesregierung wird konkret aufgefordert, statt „mit Unsummen das Wettrüsten anzuheizen, (…) die dafür vorgesehenen Mittel in ein sozial gerechtes Deutschland und Europa mit nachhaltigen Zukunftsperspektiven zu investieren. Soziale Gerechtigkeit und sichere Zukunftsperspektiven für alle – das ist zugleich die wirksamste Antwort auf die Spaltungs- und Ausgrenzungsparolen von Rechtsextremisten und Rechtspopulisten.“ Der DGB weist darauf hin, dass weltweit die Feinde der Demokratie auf dem Vormarsch sind. „Sie instrumentalisieren die tiefe Verunsicherung, die das Gefühl bei vielen Menschen auslöst, in einer Welt zu leben, die völlig aus den Fugen geraten ist.“ Diese Probleme, so der DGB weiter, lassen sich „nur mit weniger statt mit mehr Waffen lösen.“ Der DGB ruft dazu auf, den Aufruf der Friedensinitiative „Abrüsten statt Aufrüsten“, der sich gegen das Zwei-Prozent-Ziel der NATO wendet und bereits von mehr als 150.000 Menschen unterschrieben, zu unterzeichnen und sich an den Friedensaktivitäten zu beteiligen. (Die vollständige, lesenswerte Erklärung ist hier nachzulesen.)

In Gelsenkirchen lädt die DGB-Jugend Emscher-Lippe am Freitag, dem 30. August 2019 von 16.00 bis 17.30 Uhr zu einer Kundgebung auf dem Platz der Alten Synagoge, Georgstraße 2 in 45879 Gelsenkirchen ein.

Auf Facebook ruft die DGB-Jugend mit folgender Erklärung auf: „Demokratie, Frieden und Freiheit sind nicht selbstverständlich, sondern müssen entschlossen verteidigt werden – gerade jetzt. Denn während die Atommächte ihre Nuklearwaffen modernisieren, steigen die USA aus wichtigen friedenssichernden Verträgen mit Iran und Russland aus. Darum ist unser gewerkschaftlicher Einsatz für eine starke Friedensbewegung aktuell besonders gefordert.
Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus! Das sind seit 1957 die Antworten der Gewerkschaften auf das menschliche Leid, das Nazi-Deutschland über die Welt gebracht hat. Am 1. September 2019 jähren sich der Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen und damit der Beginn des Zweiten Weltkriegs zum achtzigsten Mal. Daran erinnert der DGB anlässlich des Antikriegstages und setzt ein Zeichen für Frieden und Abrüstung.

Setz auch Du ein Zeichen.
Komm zum Antikriegstag!“

Grabstätten für Gefallene des Ersten Weltkriegs auf dem Westfriedhof in Gelsenkirchen-Heßler. Die Kreuze im Hintergrund erinnern an die Gefallenen des Zweiten Weltkrieges. (Foto aus 2016)

Dreimal Antikriegstag in Gelsenkirchen

In diesem Jahr finden drei Veranstaltungen zum Antikriegstag statt. Neben der oben genannten der DGB-Jugend kündigten WAZ und Stadtspiegel für den 1. September ab 14 Uhr eine Gedenkstunde des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge auf dem Westfriedhof in Gelsenkirchen-Heßler in Kooperation mit der Gesamtschule Berger Feld und dem Institut für Stadtgeschichte an. Dort ruhen insgesamt 1143 Tote aus beiden Weltkriegen. darunter, wie die WAZ schreibt auch „zivile Bombenopfer, ausländische Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, deutsche Soldaten und ausländische Kriegsgefangene, Opfer der ‚Euthanasie‘ und der Konzentrationslager sowie Opfer des Widerstandes.“ Im Rahmen der Gedenkstunde präsentiert der Volksbund eine Informationstafel für die fünf Kriegsgräberstätten. Schülerinnen und Schüler führen die Gäste zu den Kriegstoten und erläutern historische Hintergründe.

„Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker!“

Die dritte Veranstaltung aus diesem Anlass findet am Montag, dem 2. September ab 17.15 Uhr auf dem Neumarkt statt. Veranstalter ist das Gelsenkirchener Bündnis gegen Krieg und Faschismus, das seit 2011 Kundgebungen zum Antikriegstag durchführt. In einem bemerkenswert kurzen und prägnanten Aufruf warnt das Bündnis angesichts aktueller Kriegsvorbereitungen auch der Bundeswehr vor der Gefahr eines 3. Weltkrieges und sieht die USA als Hauptkriegstreiberin. Die Forderungen wenden sich gegen Massenvernichtungswaffen, Auslandseinsätze der Bundeswehr und Rüstungsexporte, gefordert wird eine Umwidmung der Rüstungs-Milliarden für soziale Aufgaben, Klima- und Umweltschutz sowie ein Verbot aller faschistischer Organisationen und ihrer Propaganda. Konkret stellt sich das Bündnis gegen den drohenden Angriff des NATO-Partners Türkei in Nordsyrien und ruft mit einem Zitat Che Guevaras „Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker“ zu Frieden, Völkerfreundschaft und internationale Solidarität auf. Die Unterstützerinnen und Unterstützer finden sich aus den Reihen der drei linken Parteien in Gelsenkirchen und ihnen nahestehenden Organisationen.

Mit Ergänzungen vom 31.08.2019. In der ursprünglichen Fassung des Artikels wurde nur auf die Kundgebung der DGB-Jugend hingewiesen.