Archiv der Kategorie: Erinnerungskultur

Erinnerungsorte auf dem Horster Süd-Friedhof

Am 9. November 2003 übergab der damalige Oberbürgermeister Oliver Wittke (CDU) im Rahmen der jährlichen Gedenkfeier der Demokratischen Initiative (DI) die Informationstafel der Öffentlichkeit, die den anonymen Opfern ihren Namen wiedergibt.

In diesem Jahr jähren sich zum 75. Mal die Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz durch die Rote Armee am 27. Januar 1945 und die Befreiung Europas vom Faschismus am 8. Mai 1945 sowie zum 100. Mal der Kapp-Putsch vom 13. März 1920 und die darauffolgende Märzrevolution 1920. Auf dem Friedhof Horst-Süd befinden sich drei Denkmale aus der unmittelbaren Nachkriegszeit, die an die Ereignisse erinnern. Die Fotos entstanden im Rahmen der Antifaschistischen Stadtrundfahrt, die Die Linke am 26. Januar 2020 im Rahmen der Aktionswochen zum Holocaust-Gedenktag des Gelsenkirchener Aktionsbündnisses gegen Rassismus und Ausgrenzung durchführte.

Wie überall in Nazi-Deutschland wurden auch in Gelsenkirchen an vielen Orten sowjetische Kriegsgefangene und andere Sowjetbürgerinnen und -bürger Opfer der faschistischen Ausbeutungs- und Vernichtungspolitik (siehe zum Beispiel hier, hier und hier). Auf dem Gelände des in der Nacht vom 12./13. Juni 1944 stark beschädigten Jüdischen Friedhofs der Horster Juden aus dem Jahre 1920 wurden Massengräber angelegt, in denen Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter aus der Sowjetunion beerdigt wurden, die zum Beispiel auf der Zeche Nordstern oder im Hydrierwerk der Gelsenberg Benzin AG Zwangsarbeit leisten mussten. Nach Kriegsende wurden hierhin weitere sowjetische Tote umgebettet. Auf Veranlassung des Alliierten Kontrollrates, der die Regierungsgewalt nach der bedingungslosen Kapitulation Nazi-Deutschlands übernommen hatte, wurde der Gedenkstein aufgestellt, der in kyrillischer Schrift an die 884 sowjetische Bürger erinnert, „die in der faschistischen Gefangenschaft in der Zeit von 1941 bis 1945 umgekommen sind“. Die genaue Zahl war erst 1970 nachgetragen worden.

Grabstätte für sowjetische Zwangsarbeiter aus der unmittelbaren Nachkriegszeit.

Zu den kriegswichtigen Betrieben gehörte die Gelsenberg Benzin AG (heute BP). 1936 als Tochtergesellschaft der Gelsenkirchener Bergwerks-AG gegründet, lieferte es ab Sommer 1939 Benzin mit Kohle aus der Schachtanlage Nordstern 3/4. Während des alliierten Luftangriffs vom 13. Juni 1944 wurde das Hydrierwerk so schwer getroffen, dass die Produktion gestoppt wurde. Für die Beseitigung der Schäden wurde eines der vielen Außenlager des KZ Buchenwald eingerichtet. Mit etwa 2000 ungarische Jüdinnen, die nach der deutschen Besetzung Ungarns im März 1944 zuerst ghettoisiert und nach Auschwitz deportiert worden waren, wurde das KZ-Außenlager am 4. Juli 1944 errichtet. Untergebracht waren sie nördlich des Linnenbrinksweg auf dem Betriebsgelände des Werkes in Zelten in einem mit Stacheldraht umzäunten und von Wachtürmen umgebenen Lager. Die Mädchen und Frauen mussten bei karger Ernährung 12 Stunden täglich harte körperliche Zwangsarbeit verrichten.

Grab und Mahnmal KZ Buchenwald Außenlager Gelsenberg (1948).

Bereits im August wurden 520 Frauen in ein weiteres Buchenwalder KZ-Außenlager in der Essener Humboldtstraße für die Zwangsarbeit in den Krupp-Walzwerken selektiert. Am 11. September 1944 wurden die hier verbliebenen Frauen Opfer eines weiteren Luftangriffs auf das Hydrierwerk, dabei kamen etwa 150 ums Leben und etwa 100 weitere von ihnen wurden verletzt. Dies lag nicht zuletzt daran, dass den jüdischen Frauen der Zutritt zu den Schutzbunkern verboten war und sie dem Bombenhagel schutzlos ausgeliefert waren. Das Lager wurde schließlich am 14./15. September 1944 aufgelöst und die Frauen für die Firma Rheinmetall Borsig AG nach Sömmerda in Thüringen deportiert. Im Marien-Hospital in Gelsenkirchen-Rotthausen konnten dank des Einsatzes des Chefarztes Dr. Rudolf Bertram und mit Hilfe von Krankenschwestern und Unterstützern 17 schwerverletzte Frauen vor der Gestapo versteckt werden und erlebten so die Befreiung vom Faschismus.

Am 16. September 2018 wurde das Mahnmal mit einer Skulptur ergänzt, die von angehenden Steinmetzen des Hans-Schwier-Berufskollegs Gelsenkirchen erarbeitet und gefertigt worden war.

Die sterblichen Überreste der ums Leben gekommenen Frauen wurden zunächst auf dem Lagergelände verscharrt, am 14. Juli 1948 wurde hier durch das jüdische Hilfskomitee der Gedenkstein aufgestellt. In den 1950er Jahren wurde das Mahnmal auf den Horster Süd-Friedhof verlagert und die sterblichen Überreste der Frauen umgebettet. Am 9. November 2003 übergab der damalige Oberbürgermeister Oliver Wittke (CDU) im Rahmen der jährlichen Gedenkfeier der Demokratischen Initiative (DI) die Informationstafel der Öffentlichkeit, die den anonymen Opfern ihre Namen wiedergibt. Am 16. September 2018 wurde das Mahnmal mit einer Skulptur ergänzt, die von angehenden Steinmetzen des Hans-Schwier-Berufskollegs Gelsenkirchen erarbeitet und gefertigt worden war. Aus Anlass des 75. Jahrestages der Selbstbefreiung des KZ Buchenwalds wird die VVN-BdA NRW gemeinsam mit ihren Kreisvereinigungen am 18./19. April 2020 Veranstaltungen an mehreren Außenlagern des KZ Buchenwalds an Rhein und Ruhr durchführen.

Das sogenannte „Kapp-Putsch-Mahnmal“, 1947/48 von der VVN errichtet, hier in sehr schlechtem Zustand.

An den Arbeiterwiderstand gegen den Faschismus des Jahres 1920 und der Jahre 1933 bis 1945 erinnert schließlich das 1947/48 von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) errichtete Denkmal. Es wird vom Institut für Stadtgeschichte (ISG) – nicht überraschend – als „Kapp-Putsch-Mahnmal“ bezeichnet. Tatsächlich erinnert es erneut an die 1920 im Anschluss an den Kapp-Putsch von rechtsradikalen Freikorps ermordeten Mitglieder der „Roten Ruhrarmee“ (das ursprüngliche Denkmal war von den Nazis zerstört worden) und an Horster Widerstandskämpfer 1933-1945, insbesondere der Franz-Zielasko-Gruppe. Eine jährliche Gedenkveranstaltung an die Märzrevolution 1920 führen hier seit Jahren MLPD & Freunde durch, in diesem Jahr ist anlässlich der 100. Jahrestages eine gemeinsame Veranstaltung von DKP, Die Linke und MLPD geplant. Details liegen noch nicht vor.

Quellen und weiterführende Informationen
https://www.gelsenkirchener-geschichten.de/wiki/Friedhof_Horst-Süd
http://www.gelsenzentrum.de/gelsenberg_lager.htm
https://www.lokalkompass.de/gelsenkirchen/c-kultur/das-kz-aussenlager-buchenwald-in-gelsenkirchen-horst_a88752

Stolperstein-Geschichten … mal ganz anders

Aus Anlaß des Jahrestages der Machtübertragung an Hitlers NSDAP am 30. Januar 1933 setzte die Gelsenkirchener VVN-BdA ihre Reihe „Stolperstein-Geschichten“ an dem am Ermordungsort verlegten Stolperstein für Erich Lange fort … zumindest war das der Plan, doch weil der Redner der VVN-BdA kurzfristig beruflich verhindert war, sprang ebenso kurzfristig ein Bündnispartner aus dem Gelsenkirchener Aktionsbündnis gegen Rassismus und Ausgrenzung, der 1. Vorsitzende der sehr guten Partei Die PARTEI, ein und rettete die Veranstaltung auf seine Weise.

Mit der Veranstaltung wurde an die Machtübertragung an die NSDAP am 30. Januar 1933 und an Erich Lange, einen ehemaligen SS-Mann, der 1932 zu den Kommunisten übergetreten war und in der Nacht vom 21. auf den 22. März 1933 von seinen ehemaligen Kameraden ermordet worden war, erinnert. Erich Lange teilt das Schicksal vieler „kleiner Leute“. Er gehört zu den vergessenen Söhnen dieser Stadt. Im Institut für Stadtgeschichte gibt es keine Unterlagen über ihn, lediglich im Bericht seiner Jugendfreundin, der Antifaschistin Rosa Eck, blieb die Erinnerung an ihn erhalten.

Erich Lange wurde am 16. März 1913 geboren. Er war bis zum Sommer 1932 Mitglied der SS und wechselte dann zu den Kommunisten, wurde Mitglied im kommunistischen Jugendverband und im „Kampfbund gegen den Faschismus“. Gunter Demnig hat am 1. August 2011 zwei Stolpersteine für ihn verlegt, einen am letzten Wohnort, im Pflaster vor der Schwanenstraße 6 und einen am Ort des Mordes, im Pflaster der Ecke Ebertstraße/Am Rundhöfchen. Hier war der 20jährige in der Nacht vom 21. auf den 22. März 1933 brutal ermordet worden.

Der frühere Gelsenkirchener Rechtsdezernent Wilhelm Mensing hatte vor längerer Zeit auf einem Flohmarkt in Chemnitz einen Aufruf an „Werktätigen von Hassel“ gefunden. In dem Flugblatt werden diese zur „Öffentlichen Vollversammlung des Kampfbundes gegen den Faschismus“ eingeladen. Als Redner wird der „zur ‚Roten Front‘ übergetretene SS-Mann Erich Lange“ angekündigt.

Zeitungsmeldung zur Ermordung von Erich Lange in der Gelsenkirchener Allgemeinen Zeitung vom 23. März 1933.

In der „Gelsenkirchener Allgemeinen Zeitung“ erschien am 23. März 1933 nur eine kurze Meldung. „Kommunistischer Funktionär erschossen“ hieß es dort in der Überschrift. Im Text erfuhr man, dass der Täter ein SS-Mann gewesen sei, der in Notwehr gehandelt haben soll. Erich Lange wird als „Verräter an der nationalen Sache“ bezeichnet.

Erich Lange wurde auf dem Westfriedhof in Hessler beerdigt. Seine Jugendfreundin, die inzwischen verstorbene Antifaschistin Rosa Eck, berichtete später in ihren Erinnerungen: Freunde, die seine Leiche in der Leichenhalle noch einmal sehen konnten, wären kaum in der Lage gewesen, ihn wieder zu erkennen. Er sei „erschlagen, erschossen und zertreten worden.“ Ein Detail zeigt, dass die Nazis selbst noch auf den Toten herumgetrampelt haben müssen, denn er hatte auf der Wange den Abdruck eines SS-Stiefels.

Seit 2011 gibt es an zwei Stellen im Gelsenkirchener Stadtgebiet Erinnerungsorte für Erich Lange. Der Gelsenkirchener Kreisverband von Bündnis 90/Die Grünen hatte die Patenschaft für einen Stolperstein in der Schwanenstraße 6, seinem letzten Wohnort übernommen. Die Gelsenkirchener VVN-BdA hatte die Patenschaft für einen Stolperstein am Ort seiner Ermordung, an der Ecke Ebertstraße/Am Rundhöfchen übernommen.

Bei „Stolperstein-Geschichten“ handelt es sich um eine lose Veranstaltungsreihe der Gelsenkirchener VVN-BdA, die mit dem Holocaust-Gedenktag 2019 begonnen wurde. Erzählt werden individuelle und historische Hintergründe zu dem jeweiligen Stolperstein oder den Stolpersteinen. Begonnen wurde die Reihe 2019 an den Stolpersteinen für die Familien Krämer und Nussbaum und 2020 an den Stolpersteinen für Helene Lewek und Erich Lange (mit Unterstützung der PARTEI) fortgesetzt.

Eindrücke von der Gedenkfeier in der Neuen Synagoge am 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz

Die Stadtgesellschaft zeigt ihre Solidarität: Mahnwache am 10.10.2019 an der Neuen Synagoge in Gelsenkirchen nach dem Anschlag in Halle (Antifaschistisches Archiv-Bild).

Es war wohl dem runden Jahrestag geschuldet, dass der Kurt-Neuwald-Saal nicht nur bis auf den letzten Platz, sondern weit darüber hinaus gefüllt war. 75 Jahre ist es her, das am 27. Januar 1945 das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz von der Roten Armee befreit wurde. Seit 1996 ist dieses Datum in Deutschland den Opfern der Nazis gewidmet, 2005 erklärten ihn die Vereinten Nationen zum Internationalen Holocaust-Gedenktag. In Gelsenkirchen wird zugleich an die erste Deportaion von Jüdinnen und Juden am 27. Januar 1942 in das Ghetto Riga erinnert. Die Gedenkfeier wurde gemeinsam von der Jüdischen Gemeinde, der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und dem Institut für Stadtgeschichte ausgerichtet.

Die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Judith Neuwald-Tasbach eröffnete die Gedenkfeier mit den schon oft gesagte Sätzen, das es für die Opfer wie für die Täter keine Befreiung von Auschwitz gebe, sie müssten ihr Leben lang mit der Erinnerung leben. Sie und weitere Rednerinnen und Redner machten deutlich, wie wichtig es ist, die Erinnerung an die ungeheuerlichen Verbrechen wach zu halten, auch und vor allem angesichts der jüngsten Entwicklungen. Weiter sprachen Martina Rudowitz, Bürgermeisterin der Stadt Gelsenkirchen und mit Propst Markus Pottbäcker und Superintendent Heiner Montanus auch je ein Vertreter der katholischen und evangelischen Kirche. Ausführlich sprach die Antisemitismus-Beauftragte des Landes, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Dr. Daniel Schmidt, Leiter des Instituts für Stadtgeschichte, moderierte eine Podiumsdiskussion, an der neben Judith Neuwald-Tasbach und Sabine Leutheusser-Schnarrenberger noch Michael Schulz, dem Generalintendanten des Musiktheaters im Revier und Denis Andric, Leiter des Staatsschutzes der Polizei Gelsenkirchen. Thema war der aktuelle Umgang mit der Rechtsentwicklung und die Reaktionen darauf.

Aufgelockert wurden die Redenteile der Feier durch zwei bemerkenswerte Musiker, Mariya Kats (Gesang und Geige) und Andronik Yegiazaryan (Instrumentale Begleitung), von denen ich sehr sehr gerne mehr gehört hätte. Mit einem kurzen Trailer wurde ein Projekt vorgestellt, in dem Gelsenkirchener Jugendliche mit Frau Pollak eine überlebende Zwangsarbeiterin des KZ Außenlagers bei der Gelsenberg Benzin AG in Antwerpen besuchten. Diese Gruppe wird noch Auschwitz besuchen und den Film mit diesen Erfahrungen vervollständigen. Rabbiner Chaim Kornblum sprach mit dem „El male Rachamin“ das Gedächtnisgebet für die ermordeten Juden Europas.

Insgesamt war es eine eindrucksvolle Gedenkfeier, die mir noch lange im Gedächtnis bleiben wird.

75 Jahre Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz durch die Rote Armee

Das berühmte Foto des Torhauses des Vernichtungslagers Birkenau zeigt die Toreinfahrt von innen. Es wurde nach der Befreiung des Konzentrationslagers im Februar oder März 1945 von Stanislaw Mucha (1895-1976) im sowjetischen Auftrag zur Dokumentation des befreiten Lagers aufgenommen.

Am Montag, dem 27. Januar 2020 jährt sich die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz zum 75. Mal. In vielen Ländern der Erde wird am 27. Januar an den Massenmord der Nazis erinnert. Er wird bereits seit 1959 in Israel als Gedenktag begangen, in Deutschland ist er seit 1996 Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, die Vereinten Nationen erklärten ihn 2005 zum „Internationalen Holocaust-Gedenktag“. Der Gedenktag erinnert am Jahrestag der Befreiung von Auschwitz an alle durch die Nazis verfolgten und ermordeten Menschen. Doch wer des 27. Januar 1945 gedenkt, muss auch den 30. Januar 1933 mitdenken. Wer die Geschichte nicht wiederholen will, darf nicht nur die Opfer sehen, sondern auch die Täter und muss wissen, wohin Rassismus und Rechtsextremismus führen. In Gelsenkirchen plant das „Gelsenkirchener Aktionsbündniss gegen Rassismus und Ausgrenzung“ daher wie im vergangenen Jahr verschiedene Informations- und Aktionsangebote um den 27. Januar. In der Neuen Synagoge wird ab 18 Uhr die Gedenkveranstaltung der Jüdischen Gemeinde stattfinden.

Der Lagerkomplex Auschwitz bestand aus drei Lagern, dem Stammlager Auschwitz I, dem Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, und dem Industriekomplex Auschwitz-Monowitz. Es handelte sich um den größten Lagerkomplex und bei Auschwitz-Birkenau um das größte Vernichtungslager der Nazis. Von den rund 6 Millionen ermordeten jüdischen Menschen wurden über 1 Million Menschen in Birkenau umgebracht. Die meisten von ihnen wurden direkt nach der Ankunft in Zügen „an der Rampe von Auschwitz“ für den Erstickungstod in den Gaskammern ausgewählt, weitere wurden von der SS durch Krankheit, Unterernährung, willkürliche Misshandlung, in sinnlosen medizinischen Experimenten oder wenig später nach restloser Ausbeutung ihrer Arbeitskraft durch Gas ermordet. Die durchschnittliche Lebensdauer der Häftlinge in Auschwitz betrug drei Monate. Der Name „Auschwitz“ wurde zum Symbol für die industrielle Menschenvernichtung der Nazis. Die Aufschrift „Arbeit macht frei“ über dem Eingangstor des KZ markiert dabei die zynische Menschenverachtung der SS.

Als Einheiten der Roten Armee am 27. Januar 1945 das Lager befreien, fanden sie nur mehr 7500 gerade noch lebende Häftlinge vor, die zu schwach für eine Evakuierung gewesen waren. Wer das Morden zuvor überlebt hatte, war in andere Lager „evakuiert“ worden, das heißt oftmals auf den Todesmärschen unterwegs ermordet worden. Durch die Sprengung der Gaskammern hatten die Nazis versucht, die Spuren ihrer Taten zu verwischen. Doch vergeblich, Teile des Lagerkomplexes sind heute als staatliches polnisches Museum und Gedenkstätte öffentlich zugänglich.

Das berühmte Foto des Torhauses des Vernichtungslagers Birkenau weiter oben zeigt die Toreinfahrt von innen. Es wurde nach der Befreiung des Konzentrationslagers im Februar oder März 1945 von Stanislaw Mucha (1895-1976) im sowjetischen Auftrag zur Dokumentation des befreiten Lagers aufgenommen. Ab den 1960er Jahren entwickelte es sich als Symbol für Auschwitz und den Holocaust, dabei wurde oft fälschlicherweise angegeben, dass es das Torhaus von außen zeige. Die Rechtslage des Fotos ist unklar.

In Gelsenkirchen wird am 27. Januar zugleich an die erste und größte Deportation jüdischer Bürger aus Gelsenkirchen am 27. Januar 1942 erinnert. 355 Gelsenkirchener und weitere Bürger aus Recklinghausen mussten von der damaligen Ausstellungshalle an der Wildenbruchstraße, wo sie zuvor eingesperrt worden waren, zum Güterbahnhof laufen und wurden mit der Reichsbahn zunächst in das Ghetto Riga gebracht, das der Zug am 1. Februar 1942 erreichte. Um Platz für die Deportierten aus Deutschland zu schaffen, waren zuvor die in das Ghetto eingesperrten lettischen Juden von der lettischen SS unter Aufsicht der deutschen SS in den umliegenden Wäldern von Rumbula erschossen worden. Das Ghetto Riga wurde bis November 1943 schrittweise geräumt. Wer nicht ermordet wurde kam in das KZ Riga-Kaiserwald oder in ein anderes Lager. Nur die wenigsten überlebten die unmenschlichen Zustände in den von den Nazis errichteten Ghettos und KZs.

Die Ausstellungshalle wurde bereits während des Krieges abgerissen, der Wildenbruchplatz lange Zeit für Kirmes- und Zirkusveranstaltungen genutzt. Vor der heutigen Polizeiwache an der Wildenbruchstraße 2 findet sich bisher nur der Stolperstein für Helene Lewek, die ihrem Leben hier vor ihrer Deportation ein Ende setzte.

Nie wieder! – Damit Vergangenheit nicht Zukunft wird!

Gedenkdemonstration am 09.11.2019 in Essen. Mit im Bild das neue Transparent der Essener VVN-BdA.

Eine beeindruckende Gedenkveranstaltung, die Erinnerung und Mahnung miteinander verband, fand gestern Abend in der Essener Innenstadt statt. Rund 200 Menschen waren dem gemeinsamen Aufruf des antirassistischen und antifaschistischen Bündnisses „Essen stellt sich quer“, der Alten Synagoge Essen, dem Antirassismus-Telefon, dem Schauspiel Essen (Grillo-Theater) und der VVN-BdA Essen gefolgt.

Wie im vergangenen Jahr habe ich auch in diesem Jahr an der Gedenkdemonstration in Essen teilgenommen. Dort präsentierte die Essener Kreisvereinigung der VVN-BdA ein neues Transparent, das sehr viel Aufmerksamkeit erweckte. Mein Bericht über die Veranstaltung findet sich wegen der überregionalen Bedeutung auf der Website der Landesvereinigung NRW der VVN-BdA.

Bald Rosa-Böhmer-Platz in Gelsenkirchen!

Mein inzwischen veralteter Gestaltungsvorschlag für eine Gedenktafel aus dem Jahre 2013 nach dem Vorbild der Gedenktafeln für die vier anderen innerstädtischen Plätze, die an Opfer und Gegner des NS-Regimes erinnern.

Nach vier Blog-Beiträgen mit einem Fragezeichen folgt dieser fünfte Beitrag nun mit einem Aufrufungszeichen in der Überschrift. Am 06.11.2019 hat die Bezirksvertretung Mitte einstimmig der Benennung eines Platzes in der Innenstadt nach Rosa Böhmer zugestimmt. Zwischen 1986 und 1988 waren in Gelsenkirchen insgesamt vier innerstädtische Plätze nach Opfern und Gegnern des NS-Regimes benannt worden. Margarethe-Zingler-Platz, Fritz-Rahkob-Platz, Heinrich-König-Platz und Leopold-Neuwald-Platz erinnern stellvertretend an Verfolgung und Widerstand von Sozialdemokraten, Kommunisten, Christen und Juden. Der Rosa-Böhmer-Platz wird nun an das Schicksal des Sinti-Mädchens Rosa Böhmer und damit stellvertretend an die Verfolgung und Vernichtung der Sinti und Roma in der Nazi-Zeit erinnern.

Die Anregung dazu lieferte 2013 Andreas Jordan (Gelsenzentrum e.V.) in einem Bürgerantrag. Nachdem der zweite Platzvorschlag hinter dem Bildungszentrum keine Zustimmung gefunden hatte (ein erster vor dem Hans-Sachs-Haus war bereits abgelehnt worden), erhält nun ein neu gestalteter Platz, „der sich ca. 25 Meter westlich der Ebertstraße zwischen der Stadtbahntunnelöffnung im Norden und der Vattmannstraße im Süden erstreckt“ den Namen Rosa-Böhmer-Platz. Er befindet sich in der Nähe des Fritz-Rahkob- sowie des Leopold-Neuwald-Platzes und erhöht die Zahl der innerstädtischen Plätze, die nach Gegnern und Opfern des NS-Regimes erinnern, auf Fünf.

Rosa Böhmer und ihre gesamte Familie wurde in Konzentrationslagern ermordet. Ihr Vater starb im Dezember 1941 im KZ Niederhagen (Wewelsburg). Rosa wurde direkt aus der Schule unter beabsichtigter Umgehung der Pflegeeltern zusammen mit ihrer Mutter und sechs Geschwistern Anfang März 1943 in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert und dort ermordet. Rosa Böhmer starb am 13. August 1943 im Alter von 9 Jahren. Das Institut für Stadtgeschichte wird eine Erinnerungsortetafel anbringen, „die in Verbindung mit Rosa Böhmer auf die Verfolgung der Sinti und Roma in der nationalsozialistischen Zeit hinweist.“

Ich freue mich schon auf die Einweihung und hoffe auf einen würdevollen Rahmen!

Gedenken an die Reichspogromnacht in Gelsenkirchen seit 1964 (mit Update)

Vergilbter Ausschnitt aus der damaligen Berichterstattung der Westfälischen Rundschau vom 11.11.1964 (aus dem Archiv der Gelsenkirchener VVN-BdA).

Wie in jedem Jahr wird am 9. November an einen Höhepunkt der antisemitischen Politik der Nazis erinnert. Nach Schätzungen von Historikern wurden zwischen dem 7. und dem 10. November 1938 im damaligen Deutschen Reich zwischen 1300 und 1500 von Nazis als jüdisch definierte Menschen ermordet oder in den Tod getrieben und weitere 30.000 in die Konzentrationslager verschleppt. Nach schrittweiser Ausgrenzung und Boykott seit der Machtübertragung der Regierungsgewalt an die Nazis am 30. Januar 1933 folgte mit dem Pogrom in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 der offene Terror und steigerte sich mit dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 zur massenhaften und schließlich fabrikmäßigen Ermordung von rund 6 Millionen von den Nazis als Juden definierte Menschen. Zur Bilanz der faschistischen „Volksgemeinschaft“ gehört ein Weltkrieg, der über 55 Millionen Menschen das Leben kostete.

In Gelsenkirchen wurde die jährliche Gedenkkundgebung 1964 – vor 55 Jahren – durch SJD – Die Falken und die Naturfreundejugend begründet, übrigens als eine der ersten ihrer Art in der Geschichte der Bundesrepublik. Die Westfälische Rundschau berichtete am 11. November 1964 darüber und schrieb unter anderem: „In einem Schweigemarsch zogen etwa 1500 junge Menschen der Sozialistischen Jugend Deutschlands ‚Die Falken‘ und der Naturfreundjugend zum Ehrenmal an der Gildenstraße, wo vor genau 26 Jahren die Synagoge der jüdischen Gemeinde von den braunen Machthabern in Brand gesteckt wurde. Mahnend gedachten sie dort der vielen Opfer, die in den Konzentrationslagern ums Leben kamen.“ Als Redner sprach der Bundesvorsitzende der Falken, Horst Zeidler aus Dortmund, und thematisierte auch die damals aktuellen Fragen nach der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zum Staat Israel sowie der Verlängerung der Verjährungsfristen für Verbrechen während der Nazi-Zeit. Zudem kritisierte er, dass „ehemalige nazistische Verbände öffentlich und offiziell Treffen arrangieren dürfen“.

Seit 1993 führt die „Demokratische Initiative gegen Diskriminierung und Gewalt, für Menschenrechte und Demokratie – Gelsenkirchen“ (DI) die Tradition der jährlichen Gedenkveranstaltung fort. Die DI wurde im Dezember 1992 als Reaktion auf die Brandanschläge in Hoyerswerda, Mölln und Rostock-Lichtenhagen gegründet. In ihr haben sich unter der Schirmherrschaft des jeweiligen Oberbürgermeisters derzeit 23 Organisationen, „Parteien, Kirchen, karitativen Einrichtungen, Gewerkschaften und weiteren relevanten Gruppen Gelsenkirchens“ zusammengeschlossen, um für ein demokratisches Miteinander in Gelsenkirchen einzutreten.

In diesem Jahr beginnt die Gedenkveranstaltung um 18.30 Uhr auf dem Alten Friedhof Mühlenstraße in Gelsenkirchen-Buer am Mahnmal für die jüdischen Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung (Zugang über Eingang Nordring, Nähe Dorstener Straße). Nach dem Kaddish, dem Gebet der Trauernden des Rabbiners Chaim Kornblum und der Gedenkrede durch Frau Judith Neuwald-Tasbach für die Jüdische Gemeinde führt der Schweigezug zum Mahnmal für die frühere Synagoge Buer am Gustav-Baer-Platz. Auf der Kundgebung dort ab 19.15 Uhr spricht nach einem musikalischen Beitrag Oberbürgermeister und Schirmherr Frank Baranowski. Der Gustav-Baer-Platz ist nach dem jüdischen Lehrer und Prediger der Gemeinde Buer benannt, der 1938 in die USA floh und dort 1952 starb. Zum aktuellen Aufruf der DI geht es hier.

Die Dokumentationsstätte „Gelsenkirchen im Nationalsozialismus“ auf der Cranger Straße 323 in Gelsenkirchen-Erle. Das Gebäude wurde 1907 ursprünglich als Polizeidienststelle errichtet und beherbergt heute die Ausstellung des Instituts für Stadtgeschichte (ISG).

Vortrag über die juristische Aufarbeitung

Nach der Gedenkveranstaltung findet am 14.11.2019 ab 19.00 Uhr im „Wohnzimmer Gelsenkirchen“, Wilhelminenstraße 174b in 45881 Gelsenkirchen noch eine Vortragsveranstaltung des „Gelsenkirchener Aktionsbündnisses gegen Rassismus und Ausgrenzung“ statt. Eine ehemalige Mitarbeiterin des Instituts für Stadtgeschichte (ISG) wird über die Ermittlungen zum Brand der Synagoge in der Altstadt Gelsenkirchens und über den Versuch einer juristischen Aufarbeitung nach 1945 berichten. Weitere Infos sind hier zu finden.

Bereits am 07.11.2019 lädt das „Antifa Cafe“, das sich sonst jeden 1. Donnerstag im Monat im Subversiv trifft, ab 18.00 Uhr zu einer Führung durch die Ausstellung in der Dokumentationsstätte “Gelsenkirchen im Nationalsozialismus“ an der Cranger Straße 323 in 45891 Gelsenkirchen(-Erle) ein.

Erweiterte Fassung, Stand 03.11.2019.