Archiv der Kategorie: Erinnerungskultur

Vom Ostermarsch bis zum 8. Mai

Hildegard vom Friedensforum Gelsenkirchen am antifaschistischen Mahnmal mit Blumen und Friedenstaube.

Wie schon im vergangenen Jahr kümmert sich das Friedensforum Gelsenkirchen um den Blumenschmuck am antifaschistischen Mahnmal zwischen dem Ostermarsch und dem 8. Mai.

Die Verbindung der beiden Termine, der Ostermarsch für Frieden und Abrüstung und der 8. Mai, der Tag der Befreiung Europas vom Faschismus, illustriert die antifaschistische Losung „Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus!“

Zugleich weist diese Aktion darauf hin, dass auch in diesem Jahr um den 8. Mai Veranstaltungen des Gelsenkirchener Aktionsbündnis gegen Rassismus und Ausgrenzung in Vorbereitung sind, die die Forderung, den 8. Mai als Tag der Befreiung zum Feiertag zu machen, unterstützen.

150 Jahre Deutsches Kaiserreich und Pariser Kommune – Woran wollen wir (uns) erinnern?

Gedenken am 13. März 2021 zur Erinnerung an die ermordeten Arbeiterinnen und Arbeiter.

– Aus Anlass der Gedenkfeier für die Märzrevolution 1920 gestern
Erst unlängst wurde medial daran erinnert, dass vor 150 Jahren das Deutsche Kaiserreich gegründet wurde. Dieses Kaiserreich wurde im Krieg gegen Frankreich „mit Blut und Eisen geschmiedet“ (Fürst Bismarck) und – Frankreich demütigend – am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal im Schloß von Versailles nahe Paris ausgerufen. Ebenfalls vor 150 Jahren, am 18. März 1871, wurde in Paris die Pariser Kommune gegründet. Sie gilt als erste Rätedemokratie und verwaltete Paris nach sozialistischen Vorstellungen. Nach 72 Tagen wurde sie durch die konservativ-republikanische Regierung Frankreichs blutig niedergeschlagen.

An beide Ereignisse von vor 150 Jahren können wir uns als Individuen nicht mehr erinnern, da wir sie nicht selbst erlebt haben. Erinnern können wir uns nur an Ereignisse aus unserer eigenen Lebensspanne. Doch wir können an die Ereignisse – aus heutiger Sicht – erinnern. In der Erinnerungskultur tritt daher neben dem individuellen Erinnern ein „Erinnern an“. Hier spielen „runde“ Gedenktage, materiale Hinterlassenschaften oder Denkmale eine große Rolle. Die beiden Kulturwissenschaftler*innen Aleida und Jan Assmann unterscheiden in dieser Hinsicht zwischen dem kommunikativen und dem kulturellen bzw. kollektiven Gedächtnis. Erinnerung wird als Sinnzusammenhang gedeutet und zur historischen Erzählung. Das gilt für die eigene Erinnerung und noch viel mehr für die kulturellen Erinnerungen, für das „Erinnern an“.

Was bleibt, ist die Frage der Auswahl. Woran wollen wir (uns) erinnern? Im Allgemeinen wird an große Leistungen und positive Ereignisse erinnert. Klassischerweise gehört für einen Nationalstaat die Erinnerung an die eigene Gründung dazu. Niederlagen und Rückschläge werden eher verdrängt, es sei denn, sie waren Ausgangspunkt für einen neuerlichen Erfolg. Interessanterweise hat sich in Deutschland seit etwa Mitte der 1980er Jahre eine Erinnerungskultur geformt, die an die Verbrechen der eigenen faschistischen Vergangenheit erinnert, sich zugleich davon „distanziert und zu zivilgesellschaftlichen Werten bekennt“ (Aleida Assmann).

Zurück zu den Ereignissen vor 150 Jahren. Möchten wir uns heute an die Gründung eines Kaiserreiches „mit Blut und Eisen geschmiedet“ erinnern? Ein Kaiserreich, das 1914 den Ersten Weltkrieg entfesselte, verlor und dessen Eliten anschließend den Aufstieg des Faschismus beförderten, der 1939 den Zweiten Weltkrieg entfesselte, Vernichtungskrieg im Osten und Holocaust inklusive?

Erinnern könnten wir zum Beispiel an die beiden sozialdemokratischen Abgeordneten August Bebel und Wilhelm Liebknecht (SDAP), die vor 150 Jahren als einzige sich bei der Bewilligung der Kriegskredite enthielten und als Begründung anführten, dass es sich um einen „dynastischen Krieg“ handele („Keine Taler für den Krieg“). Sie hatten den Mut, trotz der französischen Kriegserklärung durch den beleidigten französischen Kaiser Napoleon III., nicht für die Kriegskredite zu stimmen. (Einen Mut, den die SPD 1914 leider nicht hatte.) Erinnern könnten wir beispielsweise auch an die Handwerker, Arbeiter und Intellektuellen, die sich in Paris gegen die neugebildete konservative Regierung erhoben, demokratische Wahlen abhielten, Frauenrechte schufen und Gewerkschaften stärkten. Erinnern könnten wir auch daran, dass diese Utopie nur 72 Tage existierte und blutig niedergeschlagen wurde, weil sie den Herrschenden in Frankreich wie im neugegründeten Deutschen Kaiserreich nicht passte.

In Gelsenkirchen wurde gestern erinnert, und zwar an die Märzrevolution 1920, die blutig niedergeschlagen wurde, weil sie den Herrschenden nicht passte.

Stadt Gelsenkirchen verbietet schon wieder antifaschistische Gedenkfeier

Stilles Gedenken am 13. März 2021 zur Erinnerung an die ermordeten Arbeiterinnen und Arbeiter.

Wie schon im vergangenen Jahr, als ein Bündnis mehrerer linker Organisationen sowie der VVN-BdA eine gemeinsame Gedenkfeier anlässlich des 100. Jahrestages von Kapp-Putsch und Märzrevolution 1920 durchführen wollte, verbot die Stadt Gelsenkirchen auch in diesem Jahr die Durchführung am antifaschistischen Mahnmal auf dem Friedhof Horst-Süd. Als Begründung muss die eigens geänderte Friedhofssatzung herhalten. Gleichzeitig läßt die Stadt das von der VVN 1947/48 errichtete Mahnmal zusehends verfallen.

Mit dem Generalstreik und der Bewaffnung als Rote Ruhrarmee hatten vor über 100 Jahren auch Gelsenkirchener Arbeiterinnen und Arbeiter den rechtsextremen Kapp-Putsch zum Scheitern gebracht und damit die Weimarer Republik vor ihren Feinden gerettet. Genutzt hatte ihnen das nichts. Viele revolutionäre Arbeiter fielen anschließend dem Terror von Reichswehr und Freikorps zum Opfer – auch in Gelsenkirchen. Ein von den Nazis zerstörtes Denkmal an die Ereignisse hatte die Horster Ortsgruppe der VVN 1947/48 wieder errichtet und es zugleich auch dem antifaschistischen Widerstand gegen den Faschismus gewidmet.

Gedenkveranstaltung am 13. März 2021 auf dem Josef-Büscher-Platz vor dem Horster Schloß.

In diesem Jahr hatten wieder MLPD & Freunde, die bereits seit 2010 jährlich eine würdevolle Gedenkfeier zur Erinnerung an die Ereignisse durchführen, eine Gedenkfeier durchführen wollen und waren notgedrungen auf den Josef-Büscher-Platz ausgewichen. Trotz des stürmischen Wetters war die conronakonforme Veranstaltung gut besucht. Im Anschluss machten sich zahlreiche Einzelpersonen zu einem stillen Gedenken auf dem Weg zum Friedhof.

Auch der Verfasser dieser Zeilen besuchte die drei dort im Zusammenhang sehenden Denkmale. Neben dem antifaschistischen Denkmal gibt es noch einen Gedenkstein für die sowjetischen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter und einen Erinnerungsort an die jüdischen Zwangsarbeiterinnen, die bei einem Luftangriff auf Gelsenberg ums Leben kamen.

Auschwitz-Gedenkstätte auf dem Willy-Brandt-Platz in Essen

Kunstaktion in Essen zum Holocaust-Gedenktag 2021.

Nicht zum ersten Mal bin ich zu einer Gedenkveranstaltung in unsere Nachbarstadt Essen gefahren, und wie auch bei früheren Besuchen konnte ich einer beeindruckenden Veranstaltung beiwohnen. Aus Anlass des Holocaust-Gedenktages, dem Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die Rote Armee am 27. Januar 1945, hatte die Essener VVN-BdA auf dem Willy-Brandt-Platz eine auffällige und wirklich unübersehbare Kunstaktion gestartet. Übrigens ganz in der Nähe des Handelshofs, wo im Dritten Reich gegenüber dem Hauptbahnhof Mussolini und Hitler 1937 mit dem Banner „Willkommen in der Waffenschmiede des Reiches“ begrüßt worden waren. Heute wurde jedoch das andere Ende des Faschismus, die Welt der Konzentrationslager beleuchtet.

Insgesamt vier wandgroße Bilder, die fast wie schwarzweiße Fotografien aussahen und typische Bilder der faschistischen KZ-Welt zeigten, umgeben von Stacheldraht und Holzpfosten, waren deutlich sichtbar auf dem Willy-Brandt-Platz aufgebaut worden. Unüberhörbar auch die Tonsequenzen mit Zeugnissen von Überlebenden der Lager und Todesmärsche. Der Künstler, Peter Köster, hielt eine kurze Ansprache, in der er seine Motivation, die nicht zuletzt aus seinen Besuchen von KZ-Gedenkstätten herrührt, erläuterte. Ziel des Kunstwerkes sei es, nicht in einer Gedenkstätte fahren zu müssen, sondern diese heute hier zu haben.

Auch das Regenwetter hielt die Besucher nicht ab.

Trotz des Regenwetters, in der Gedenkstätte Buchenwald würde man das nur als sehr mildes „Buchenwald-Wetter“ bezeichnen, waren zahlreiche Besucher zur Eröffnung erschienen. Unterstützung hatte die VVN-BdA Essen unter anderem von den Falken erhalten, die die Tonsequenzen produziert hatten, vom örtlichen DGB, der im DGB-Haus die Möglichkeit bot, sich mit Kaffee und Kuchen zwischendurch aufzuwärmen und zu stärken und von Aufstehen gegen Rassismus Essen, die ein Video über die Aktion produzieren, das in den nächsten Tagen fertig geschnitten auf dem ebenfalls neuen YouTube-Kanal der Essener VVN-BdA erscheinen wird. Erste Videos sind dort bereits jetzt zu sehen.

Blick auf die Kunstaktion zum Holocaust-Gedenktag in Essen.

Schließlich freut es mich auch, das die Aktivisten den Willy-Brandt-Platz für ihre Kunstaktion ausgewählt hatten. Willy Brandt gehörte nicht nur zu denen, die das faschistische Deutschland verlassen mussten, sondern er hat auch als erster sozialdemokratischer Bundeskanzler die Entspannungspolitik begründet. Sein Kniefall vor dem Denkmal des Aufstands im Warschauer Ghetto ist weltberühmt.

Im Rahmen der Veranstaltung wurden Alice Czyborra von der Essener VVN-BdA und weitere Besucher*innen der Kunstaktion vom WDR interviewt, der Beitrag ist in der Lokalzeit Ruhr zu sehen. Allerdings muss ich den WDR korrigieren, die Eltern von Alice Czyborra sind nicht wie viele andere deportiert worden, sondern sie haben in der französischen Resistance gegen die Faschisten gekämpft!

Update
Das angekündigte Video ist Online

Stolperstein-Geschichte: Helene Lewek

Stolperstein für Helene Lewek am Neustadtplatz symbolisch niedergelegt.

Wir erinnern an diesem 27. Januar an die erste Deportation Gelsenkirchener Juden in das Ghetto Riga und an Helene Lewek, die sich der Deportation durch Freitod entzog.

Helene Lewek wurde am 29. Juli 1881 in Mikstat (auch Mixstadt) geboren. Der Ort kam während der polnischen Teilungen zu Preußen, gehörte von 1815 bis 1919 zur preußischen Provinz Posen und ab 1871 zum Deutschen Reich. Damit war sie deutsche Staatsbürgerin. Ins Ruhrgebiet kam sie vermutlich wie viele andere Menschen in der Zeit auch, weil es hier Arbeit gab. Sie wohnte im Haus Neustadtplatz 6 (früher Moltkeplatz).

Gunter Demnig hat am 22. Juni 2010 zwei Stolpersteine für sie in Gelsenkirchen verlegt, einen am Wohnort und einen an der Wildenbruchstraße vor der Polizeiwache. Beide Orte zeigen die schrittweise Ausgrenzung der Juden. Das Haus am früheren Moltkeplatz wurde in der Nazi-Zeit zu einem der sogenannten „Judenhäuser“, in die alle Juden aus ihren bisherigen Wohnungen umziehen mussten. Es handelte sich um eine Ghettoisierung. Die Belegung der Häuser wurde immer weiter gesteigert, bis pro Familie nur noch jeweils ein Raum zur Verfügung stand. Die sanitären Anlagen wurden gemeinsam genutzt.

Stolperstein für Helene Lewek am letzten frei gewählten Wohnort Neustadtplatz 6.

Die Ausstellungshalle, an die heute nichts mehr erinnert, wurde 1925 mit einer Kochkunst und Gewerbeausstellung eingeweiht und 1944 aus Luftschutzgründen abgerissen. Im Januar 1942 wurde sie für wenige Tage zu einem Sammellager für die erste große Deportation Gelsenkirchener Juden. In der Wildenbruchstraße erinnert der Stolperstein daran, dass sich Helene Lewek im Alter von 60 Jahren der Deportation durch Flucht in den Tod entzog. Zugleich erinnert dieser Stolperstein symbolisch an die Geschichte des Ortes.

Die in der Ausstellungshalle „gesammelten“ 355 Menschen mussten am 27. Januar 1942 zu Fuß zum Güterbahnhof laufen und wurden in das Ghetto Riga (Lettland) deportiert, die wenigsten von ihnen überlebten das Ghetto Riga, das KZ Kaiserwald und weitere Lager.
Sie kamen in ein Ghetto, das lettische SS-Leute zuvor „freigemacht“ haben, indem sie die lettischen Juden in den nahen Wäldern von Rumbula erschossen. Ein Zeitzeuge berichtete: „Es lagen noch Essensreste auf dem Tisch, und die Öfen waren noch warm … Später habe ich dann erfahren, dass kurze Zeit vor Eintreffen unseres Transports lettische Juden erschossen wurden.“

Stolperstein Wildenbruchstraße 13 vor der Polizeiwache.

Die Chronik der Stadt Gelsenkirchen verzeichnet für den 27. Januar 1942: „In den städtischen Ausstellungshallen ist ein Judensammeltransport zusammengestellt worden. Es handelt sich um 506 Juden aus dem Präsidialbezirk Recklinghausen, die heute nach den Ostgebieten evakuiert werden. Unter ihnen befinden sich 350 Personen aus Gelsenkirchen. Vorerst verbleiben in unserer Stadt noch 132 meist alte und kränkliche Juden“. Ein zweiter Transport ging am 31. März 1942 nach Warschau, ein dritter am 27. Juli 1942 nach Theresienstadt. Insgesamt haben von 615 deportierten Juden aus Gelsenkirchen nur 105 überlebt. Eine städtische Erinnerungsortetafel fehlt am Ort des ehemaligen Sammellagers bis heute.

Quelle und weitere Informationen. Ein ausführlicher Beitrag über Stolpersteine und Erinnerungsarbeit erscheint ebenfalls am heutigen Tag auf der Webseite der Gelsenkirchener VVN-BdA.

Theo Gaudig wird jetzt auch in der Wikipedia gewürdigt!

Selbstportrait Theo Gaudigs an der Drehbank, Januar 1928 als Titelbild der „Arbeiter Illustrierte Zeitung“ (AIZ), hier für die Buchveröffentlichung 1997 wiederverwendet.

Fast fünf Jahre ist es her, dass ich in diesem Blog einen kurzen Beitrag über den Essener Antifaschisten und Zeitzeugen Theo Gaudig veröffentlichte. Inzwischen hat er einen eigenen und sehr viel ausführlicheren Eintrag in der Wikipedia erhalten!

Theo Gaudig hatte ich in hohem Alter noch selbst erlebt, als er 1998 in einem Seminar der – damals noch – Universität-Gesamthochschule Essen aus seinem Leben und seiner Zeit im KZ Buchenwald erzählte. Das Seminar diente damals der Vorbereitung unserer Studienfahrt zur Gedenkstätte Buchenwald, eine Fahrt mit angehenden Diplom-Pädagog*innen, die sich für Gedenkstätten-Pädagogik interessierten. Eines der Ergebnisse daraus war übrigens meine Diplom-Arbeit 1999 „Historisches Lernen in Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus“.

2016 besuchte ich – mit einer Gruppe der DGB-Jugend MEO (Mülheim-Essen-Oberhausen) und der VVN-BdA Essen die Gedenkstätte Buchenwald erneut anlässlich der Baumpflanzung des Lebenshilfewerks Weimar/Apolda e.V. Im Rahmen des Projektes „1000 Buchen“ zum Gedenken an ihn und andere. Näheres findet sich in meinem damaligen Bericht. Sehr gefreut habe ich mich nun über eine überraschende E-Mail, die mich auf Umwegen erreicht, und mit der der Wikipedia-Autor Kontakt mit mir aufnahm. Hier geht es zum Wikipedia-Artikel über Theo Gaudig. Lesen!

Stolperstein-Geschichten

Stolperstein für Helene Lewek an der Wildenbruchstraße.

Aufgrund der anhaltenden Kontaktbeschränkungen wegen der Corona-Pandemie sowie den Vorbereitungen für den 8. Mai wird das Gelsenkirchener Aktionsbündnis gegen Rassismus und Ausgrenzung in diesem Jahr keine Veranstaltungsreihe zum Holocaust-Gedenktag durchführen. Wegen der pandemischen Lage ist auch keine „Stolperstein-Geschichte“ der Gelsenkirchener VVN-BdA möglich. Allerdings wird am 27. Januar ein kombinierter Bild-/Textbeitrag als Ersatz für eine Stolperstein-Geschichte an dieser Stelle erscheinen.

Seit den 1990er Jahren erinnert der Kölner Bildhauer und Aktionskünstler Gunter Demnig mit seinem Kunstprojekt Stolpersteine an von den Nazis in den Jahren 1933 bis 1945 verfolgte und ermordete Menschen. Stolpersteine sind kleine quadratische Steine, die am letzten frei gewählten Wohnort ebenerdig in das Pflaster eingelassen sind. Man stolpert nicht im Wortsinn darüber, sondern im übertragenen Sinn und wird aufmerksam gemacht auf Menschen, die einst mitten unter uns gewohnt und gelebt haben, aber ausgegrenzt und in den meisten Fällen ermordet wurden. Inzwischen liegen weit über 60.000 Stolpersteine in 1265 Kommunen in Deutschland und in 21 Ländern Europas.

Es handelt sich bei den Stolpersteinen um eine Form der Erinnerung, die nicht auf rationale Beschäftigung, sondern auf persönliche Betroffenheit setzt. Das „größte dezentrale Denkmal Europas“ erinnert nicht an den meist abgelegenen Mordplätzen an die Taten Nazis, sondern an den Orten, an denen wir heute leben, wohnen, arbeiten. Neben der Beschriftung wie zum Beispiel „Hier wohnte“ finden sich weitere knappe Angaben, wie Name, Lebensdaten und Verfolgungsgrund. Dort, wo die verfolgten und ermordeten Menschen ihren Lebensmittelpunkt hatten, wird auf ihr Verfolgungsschicksal hingewiesen.

Seit 2009 hat Demnig auch regelmäßig in Gelsenkirchen Stolpersteine verlegt. Dies ist hier insbesondere dem Engagement von Andreas Jordan zu verdanken, der sich seit Jahren dafür einsetzt. Eine Übersicht der in Gelsenkirchen verlegten Stolpersteine und vieler recherchierter Hintergründe zu Personen und Ereignissen findet sich auf den Seiten der Arbeitsgruppe Stolpersteine bzw. von Gelsenzentrum e.V. Inzwischen liegen in Gelsenkirchen über 200 Stolpersteine, für aus ganz unterschiedlichen Gründen verfolgte und ermordete Menschen, sowie vor dem Polizeipräsidium in Buer eine Stolperschwelle für ermordete Zwangsarbeiter.

Die Beschreibung Gunter Demnigs als Bildhauer und Aktionskünstler macht auch die Bedeutung der Stolpersteine als Gesamtkunstwerk deutlich. Es geht nicht nur darum, dass Steine im Pflaster vorhanden sind. Seine Bedeutung erhält das Projekt durch die zelebrierte Verlegung selbst und durch die wiederkehrende Verlegung weiterer Stolpersteine. Darüber hinaus lassen sie sich für Formen entdeckenden Lernens ebenso nutzen wie für ganz profan scheinende Aktivitäten wie „Stolperstein-Putzaktionen“. Letztere erwecken durchaus eine ganz besondere öffentliche Aufmerksamkeit.

In den Jahren 2019 und 2020 entwickelte Knut Maßmann für die Gelsenkirchener VVN-BdA anlässlich des Holocaust-Gedenktages am 27. Januar ein Veranstaltungsformat, das in Anlehnung an eine 2016 gestartete Buchreihe des Eckhaus-Verlags den Namen „Stolperstein-Geschichten“ erhielt. Erzählt werden individuelle und historische Hintergründe zu dem jeweiligen Stolperstein oder den Stolpersteinen.

Begonnen wurde die Reihe für die beiden polnisch-jüdischen Familien Krämer und Nussbaum am 27.01.2019. Ein Jahr später, am 27.01.2020, folgte mit Helene Lewek zugleich auch die Erinnerung an die erste Deportation Gelsenkirchener Juden am 27.01.1942 nach Riga. Am 30.01.2020, dem Jahrestag der Machtübertragung an die Nazis 1933, wurde die VVN-BdA Gelsenkirchen am Stolperstein für den von den Nazis ermordeten Erich Lange von Marc Meinhardt von der sehr guten Partei Die PARTEI als Bündnispartner im Gelsenkirchener Aktionsbündnis gegen Rassismus und Ausgrenzung vertreten. Der Beitrag ist hier verfügbar.

Da aufgrund der durch die Corona-Pandemie ausgelösten Kontaktbeschränkungen dieses Veranstaltungsformat anlässlich des 9. November 2020 nicht möglich war, freute sich die Gelsenkirchener VVN-BdA über Unterstützung aus der Partei DIE LINKE. Für die Facebook-Seite des Gelsenkirchener Aktionsbündnis gegen Rassismus und Ausgrenzung wurde von Jonas Selter ein Beitrag über die Familien Krämer und Nussbaum aufgezeichnet. Der Beitrag ist hier verfügbar.

Die nächste Stolperstein-Geschichte wird – ebenfalls pandemiebedingt – als Bild-/Textbeitrag in diesem Blog am 27.01.2021 um 0.01 Uhr online gehen.

Werbung aus der Zeit der Jahrhundertwende erinnert an jüdisches Leben in Gelsenkirchen

Unerwartet aufgetaucht: Erinnerung an jüdisches Leben in Gelsenkirchen.

Die Werbung auf einer Häuserwand an der Bochumer Straße in Ückendorf, die nach dem Abriss eines Hauses aus der Vergangenheit aufgetaucht war, verschwindet gerade wieder hinter einem Neubau. Der überraschende Fund hatte Mitte des Jahres Wellen geschlagen und selbst der WDR hatte unter der Überschrift „Reklame-Fund ruft jüdische Familiengeschichte wach“ berichtet. Aufgetaucht war die Werbung nach dem Abriss eines Hauses. „Gutsitzende Anzüge & Überzieher kauft man am besten bei Alexander / Bahnhofstr 83 / 1 Minute vom Hauptbahnhof“ war dort noch sehr gut erhalten zu lesen.

Die aus dem Jahr 1906 stammende Reklame erinnert an die jüdische Kaufmansfamilie Alexander, die erfolgreich Konfektionsgeschäfte in Gelsenkirchen betrieb. Doch spätestens mit der Reichspogromnacht 1938 war klar, das jüdisches Leben in Nazi-Deutschland keine Zukunft haben würde. Wie viele andere jüdische Familien auch wurden die Alexanders vom Nazi-Regime gezwungen, ihre Geschäfte zu Schleuderpreisen zu verkaufen und Deutschland zu verlassen. Jakob und Friedrich Alexander emigrierten 1939 nach Südamerika. Ein Neffe der beiden Firmeninhaber, Fred Alexander, konnte mit einem Kindertransport nach London ausreisen und lebt heute 91jährig in New York.

Werbung aus der Jahrhundertwende.

Auch die Jüdische Allgemeine berichtete ausführlich und man mag ihr die mangelnde Ortskenntnis, die aus der Bochumer die Horster Straße machte, verzeihen. Darin heißt es, dass die sehr gut erhaltene Originalreklame konserviert und als Gedenkort erhalten bleiben soll. Außerdem werden Möglichkeiten erörtert, wie man sie weiterhin sehen kann. Während die Jüdische Gemeinde Kontakt zum in New York lebenden Neffen geknüpft hat, über den der WDR und die Jüdische Allgemeine berichtet haben, hat Gelsenzentrum e.V. einen Kontakt zur in Rio de Janeiro lebenden Enkelin Deborah Alexander hergestellt. Auf der Webseite von Gelsenzentrum finden sich Fotos und weitere Berichte, die an eine Zeit und an Leben erinnern, die die Nazis erbarmungslos zerstört haben.

Gedenken an die Reichspogromnacht unter Pandemiebedingungen

Das Aktionsbündnis ruft dazu auf, Stolpersteine zu putzen.

Wie schon der Ostermarsch und der 1. Mai steht auch die traditionelle Veranstaltung anlässlich der Reichspogromnacht an diesem 9. November unter den Kontaktbeschränkungen, verursacht durch die Corona-Pandemie.

Die Demokratische Initiative (DI) hat ihre öffentliche Gedenkkundgebung abgesagt. Sie wurde stattdessen – nur mit einer eingeschränkten Teilnehmerzahl – vorgezogen und aufgezeichnet. Diese soll bis zum ursprünglich geplanten Termin 18.30 Uhr auf gelsenkirchen.de zu sehen seien. EIne filmische Zusammenfassung soll auf den Social-Media-Kanälen der Stadt veröffentlicht werden.

Das Gelsenkirchener Aktionsbündnis gegen Rassismus und Ausgrenzung (s. Bild) hat dazu aufgerufen, am 8. und 9.11. Stolpersteine zu putzen. Wie auch die DI ruft das Bündnis dazu auf, als Symbol des Erinnerns und Gedenkens ein Licht ins Fenster zu stellen. Im Rahmen des Aktionsbündnisses hat die VVN-BdA Gelsenkirchen – dank technischer Unterstützung aus der Partei DIE LINKE – eine Stolperstein-Geschichte aufgezeichnet, die auf der Facebook-Seite des Aktionsbündnisses angesehen werden kann. (Der Filmbeitrag kann auch angesehen ist, wenn man nicht Mitglied bei Facebook ist, eventuelle Anmeldehinweise einfach wegklicken). Einen kleinen Überblick über das Kunstprojekt Stolpersteine gibt die VVN-BdA ebenfalls auf ihrer Gelsenkirchener Webseite.

Die einzige öffentliche Kundgebung führt AUF Gelsenkirchen ab 17.30 Uhr durch. Unter dem Motto „Gib Antikommunismus, Rassismus, Faschismus und Antisemitismus keine Chance“ startet AUF Gelsenkirchen auf dem Heinrich-König-Platz und macht Station auf dem Rosa-Böhmer-Platz, dem Fritz-Rahkob-Platz und endet auf dem Platz der alten Synagoge. Es gelten Maskenpflicht und Abstandsregel.

„8. Mai zum Feiertag machen“ Thema im Rat der Stadt Gelsenkirchen

Pressetermin des Gelsenkirchener Aktionsbündnis gegen Rassismus und Ausgrenzung am 03.06.2020 am VVN-Mahnmal im Stadtgarten (Foto Jonas Selter).

In Unterstützung der Kampagne des Gelsenkirchener Aktionsbündnisses gegen Rassismus und Ausgrenzung, die Forderung der Auschwitz-Überlebenden Esther Bejarano und der VVN-BdA, den 8. Mai zum Feiertag zu machen, hat die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen stellvertretend für das Aktionsbündnis einen Antrag an den Rat der Stadt eingebracht, um das Thema in der Ratssitzung am 25. Juni 2020 zu diskutieren und zu beschließen. Hier der Antrag und die ausführliche und lesenswerte Begründung im Wortlaut. Die Links stammen natürlich nicht aus dem Ratsinformationssystem.

Zur Sitzung des Rates der Stadt Gelsenkirchen am 25. Juni 2020 beantragt die Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN folgenden Tagesordnungspunkt:

8. Mai zum bundesweiten Feiertag erheben

Der Rat der Stadt Gelsenkirchen beschließt:
Die Stadt Gelsenkirchen unterstützt die Forderung der Holocaust-Überlebenden und Vorsitzenden des Auschwitz-Komitees in der Bundesrepublik Deutschland e. V, Esther Bejarano, den 8. Mai zum bundesweiten Feiertag zu erheben. Die Gelsenkirchener Stadtverwaltung setzt sich mit allen der Kommune zur Verfügung stehenden Mitteln öffentlich, auf Verbandsebene sowie insbesondere beim Land NRW und auf Bundesebene für die Erreichung dieses Zieles ein.

Des Weiteren beantragt die Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN im Rahmen des Tagesordnungspunktes, den Vertreter*innen des „Gelsenkirchener Aktionsbündnisses gegen Rassismus und Ausgrenzung“ Rederecht einzuräumen.

Begründung:

Das „Gelsenkirchener Aktionsbündnis gegen Rassismus und Ausgrenzung“ hat mit einem offenen Brief an den Oberbürgermeister der Stadt Gelsenkirchen sowie an die demokratischen Fraktionen im Rat der Stadt dazu aufgerufen, die Initiative von Esther Bejarano zu unterstützen, den 8. Mai zum bundesweiten Feiertag zu erheben. Unter dem Motto #GEfeiert8Mai hat das Bündnis zudem eine Kampagne gestartet, über die die Stadtgesellschaft über die Initiative informiert wird und die eigene Unterstützung bekundet werden kann.
Die GRÜNE Ratsfraktion möchte mit diesem Antrag dazu beitragen, dass das Anliegen des Bündnisses auf kommunalpolitischer Ebene zur Befassung kommt und bringt stellvertretend für das Bündnis die entsprechende Forderung ein.

Im offenen Brief heißt es nämlich: „Natürlich wissen auch wir, dass die Stadt Gelsenkirchen formal nicht für die Bestimmung bundesweiter Feiertage zuständig ist. Ein entsprechendes Votum wäre dennoch, in Verbindung mit vergleichbaren Initiativen anderer Kommunen und Organisationen, ein wichtiges Signal sowohl an die lokale Einwohnerschaft wie an die politisch Verantwortlichen in Land und Bund, sich in diesem Sinne zu engagieren. Aus diesem Grund fordern wir Sie und den Rat der Stadt Gelsenkirchen dazu auf, sich mit allen Ihnen zur Verfügung stehenden politischen und administrativen Mitteln dafür einzusetzen, dass der 8. Mai zum bundesweiten gesetzlichen Feiertag erklärt wird.“
In der von Esther Bejarano Anfang 2020 gestarteten Petition heißt es unter anderem: „Ich überlebte als Mitglied des „Mädchenorchesters“ das deutsche Vernichtungslager Auschwitz und konnte vor 75 Jahren auf dem Todesmarsch der Häftlinge des KZ-Ravensbrück der SS entkommen. Ich bin Vorsitzende des Auschwitz-Komitees in der BRD e.V und Ehrenpräsidentin der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten.
Ich fordere: Der 8. Mai muss ein Feiertag werden! Ein Tag, an dem die Befreiung der Menschheit vom NS-Regime gefeiert werden kann. Das ist überfällig seit sieben Jahrzehnten. Und hilft vielleicht, endlich zu begreifen, dass der 8. Mai 1945 der Tag der Befreiung war, der Niederschlagung des NS-Regimes.“
Diese Petition haben bislang mehr als 100.000 Bundesbürger*innen unterzeichnet. Sie bekräftigen damit die Forderung, dem 8. Mai endlich auch in Deutschland jene Bedeutung beizumessen, die er in vielen europäischen Ländern seit jeher als Tag der Befreiung von der NS-Herrschaft besitzt.

Für die Stadt Gelsenkirchen gibt es insbesondere drei Gründe, diese Initiative ebenfalls zu unterstützen.
Der 8. Mai 1945, der sich 2020 zum 75. Mal jährt, ist die Geburtsstunde der heutigen demokratischen kommunalen Selbstverwaltung.
Der 8. Mai war nicht nur das Ende des vom NS-Faschismus ausgegangenen Zweiten Weltkrieges, eines aggressiven Eroberungs- und Vernichtungskrieges, in dessen Schatten auch der Holocaust stattgefunden hatte. Er markiert zugleich die Befreiung von der NS-Diktatur, die bereits 1933 als eine ihrer ersten Maßnahmen die kommunale Selbstverwaltung der Weimarer Republik zerstört und durch das Führerprinzip ersetzt hatte. Erst der 8. Mai 1945 schuf die Voraussetzungen für den demokratischen Wiederaufbau der Kommunen.
Diese Tatsache wird auf kommunaler Ebene bislang viel zu wenig gewürdigt. Der 8. Mai wäre das geeignete Datum, die Bedeutung dieser historischen Errungenschaft für die hiesige Bevölkerung dauerhaft bewusst zu halten und konkreter erlebbar zu machen.
Die Stadt Gelsenkirchen und ihre Bevölkerung waren vom Terror der NS-Diktatur, den Auswirkungen des Holocaust wie auch vom Krieg massiv betroffen. Die menschlichen und strukturellen Folgen sind bis heute wahrnehmbar:
Insgesamt verloren zwischen 1939 und 1945 rund 20.000 Gelsenkirchener Bürger*innen durch die Politik des NS-Regimes ihr Leben, darunter ca. 500 rassisch oder politisch Verfolgte, 7.000 Vermisste, 3.500 Zwangsarbeiter, 3.000 Bombenopfer und 10.340 tote Gelsenkirchener Soldaten.
Die massiven Luftangriffe der letzten Kriegsjahre legten nicht nur große Teile der kriegswichtigen Industrieanlagen, sondern auch der Wohnstadtteile in Schutt und Asche und zerstörten damit auf Jahre hinaus die Lebensgrundlage von Hunderttausenden.

Das Aufrüstungsdiktat vor dem Krieg und die durch die Kriegszerstörungen verursachte Notwendigkeit zur Kohle- und Stahlproduktion für den Wiederaufbau nach dem Krieg verurteilten die Stadt Gelsenkirchen zur Aufrechterhaltung ihrer schwerindustriellen Monostruktur und verhinderten frühzeitig mögliche andere Entwicklungswege. Diese einseitige wirtschaftliche Orientierung erwies sich spätestens in der Kohle- und Stahlkrise als wirtschaftspolitische Sackgasse und wirkt sich bis heute als nachhaltige Langzeitfolge negativ auf die lokale Wirtschaftsstruktur, den Arbeitsmarkt und damit auf die Lebensqualität eines beträchtlichen Teils der Gelsenkirchener*innen aus.
Der 8. Mai als Feiertag wäre das geeignete Datum, diese historischen Zusammenhänge und die damit verbundene Verantwortung für den Frieden gerade in einer Stadt wie Gelsenkirchen insbesondere in der jüngeren Generation stärker als bisher bewusst zu machen und mit Leben zu füllen.
Das aktive Gedenken an den 8. Mai ist ein klares Zeichen gegen Rechts. Inzwischen leben nur noch wenige Menschen, die eigene Erinnerungen an die NSZeit und den 2. Weltkrieg haben. Stattdessen erleben wir seit den 1990er Jahren einen verstärkten Aufschwung rechter und rechtsextremer Parteien in unserer Stadt, angefangen von den Republikanern, über Pro NRW bis hin zur AfD, die alle in den Rat der Stadt eingezogen sind. Nach Hakenkreuzschmierereien und Morddrohungen gegenüber Politiker*innen erleben wir gerade in jüngster Zeit, wie sich rechte Strukturen auch in unserer Stadt herausbilden, wachsen und aktuelle Unsicherheiten für ihre Ziele auszunutzen versuchen.
Oberbürgermeister Frank Baranowski hat in seiner Rede am 9. November 2019 während der Gedenkveranstaltung der Demokratischen Initiative anlässlich der Reichspogromnacht angemerkt: „Wir stellen fest, dass auch in Deutschland antisemitische Einstellungen nicht verschwunden sind. (…) Zugleich müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass Rechtsextremismus kein Phänomen von Randgruppen ist.“ Dies dürften die Gelsenkirchener Demokraten nicht akzeptieren: „Und für Nazis gibt es eben keine Toleranz! Das darf nirgendwo in Deutschland der Fall sein, und schon gar nicht in unserer Stadt, Gelsenkirchen!“
Gegenüber der erstarkenden Rechten, die sich „das Land und die Geschichte“ zurückholen will und dabei gezielt die schwierige soziale Lage der Stadt sowie die daraus bei vielen Menschen hervorgerufene persönliche Unsicherheit ausnutzen, wäre es ein starkes demokratisches und antifaschistisches Signal, den 8. Mai bundesweit zum Feiertag zu erklären. Eine solche Aufwertung dieses Tages kann dazu beitragen, die Bedeutung der Befreiung 1945 für unsere heutige demokratische Verfassung stärker bewusst zu machen und ein konsequenteres politisches Handeln gegen rechts gerade auch vor Ort durchzusetzen. Der Tag könnte zudem gezielt für Bildungs- und Aufklärungsarbeit genutzt werden, an der sich im besten Fall zahlreiche Akteur*innen mit verschiedensten Angeboten im gesamten Stadtgebiet beteiligen.
Nicht zuletzt, diese eindeutige Zielsetzung bewegte den Vorsitzenden des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Reiner Hoffmann, den Vorschlag ebenfalls zu unterstützen: „Der 8. Mai sollte gesetzlicher Feiertag werden – als ein Tag gegen Rassismus, Ausgrenzung und Diskriminierung jeglicher Form.“
Aus den genannten Gründen liegt es im Interesse der Stadt Gelsenkirchen und aller ihrer Bürger*innen, sich mit allen zur Verfügung stehenden politischen und administrativen Mitteln dafür einzusetzen, dass der 8. Mai zum bundesweiten gesetzlichen Feiertag erklärt wird.