Archiv der Kategorie: Erinnerungskultur

Zum zehnten Mal wird Gunter Demnig in Gelsenkirchen Stolpersteine verlegen

Bildmontage mit einem Foto von der Stolpersteinverlegung für Charles Ganty am 09.02.2010.

Die Stolpersteine erinnern symbolisch am letzten frei gewählten Wohnort an Menschen, die von den Nazis verfolgt, entrechtet, vertrieben, deportiert oder ermordet worden sind. Sie erinnern ohne Unterschied an Juden, politisch Verfolgte, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Sinti und Roma, Behinderte. Wo die Menschen einst ihren Lebensmittelpunkt hatten, wird die Gegenwart mit der Vergangenheit konfrontiert.

Fast 61.000 Stolpersteine hat der Kölner Aktionskünstler und Bildhauer Gunter Demnig seit 1992 in 1100 Orten in Deutschland und 20 weiteren europäischen Ländern verlegt (Stand vom April 2017). In Gelsenkirchen sind es derzeit 161 Stolpersteine, die an von den Nazis verfolgte oder ermordete Menschen erinnern. Die Kosten der Verlegung werden übrigens nicht durch öffentliche Mittel getragen, sondern durch private Spenden und die Übernahme von Patenschaften.

Am Freitag, dem 24. November 2017 kommt Demnig zum inzwischen zehnten Mal seit 2009 in unsere Stadt, um an 7 Orten weitere 25 Stolpersteine zu verlegen. Erstmals werden Stolpersteine auf der Bahnhofstraße verlegt werden, nämlich an der Bahnhostraße 22/Ecke Klosterstraße für die Familie Gompertz, die hier ein bekanntes Pelzhaus betrieben hatte, bis es nach der Reichspogromnacht „arisiert“ wurde.

Neben dem letzten frei gewählten Wohnort sind auch andere, besondere Lebensmittelpunkte möglich: So erinnert seit 2016 ein Stolperstein an Albert Gompertz mit der Inschrift „Hier lernte“ vor dem Grillo-Gymnasium; für Fritz Gompert wird 2017 ebenfalls ein Stolperstein vor dem Grillo-Gymnasium folgen.

Gunter Demnig am 6. Oktober 2016 vor dem Haupteingang des Grillo-Gymnasiums von Schülern umringt.

Und auch wenn ich es oft schon in meinem Blog geschrieben habe, wiederhole ich es wieder: Man “stolpert” nicht im wörtlichen Sinn über die in das Straßenpflaster eingelassenen Gedenksteine. Wer auf sie beim Gehen aufmerksam wird, muss anhalten und sich vor dem Stein verbeugen, um Namen, Lebensdaten und Verfolgungsgrund zu lesen. Wer dann mehr über die Person wissen will, kann sich inzwischen der interaktiven Stadtkarte bedienen, die die Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen angelegt hat, und sich mit ein paar Mausklicks im Internet informieren.

Geschichte vor der Haustür: Hildegardstraße 21

400 Meter oder 5 Minuten Fußweg von meiner Wohnung entfernt befindet sich die Hildegardstraße, eine ruhige Wohnstraße. Hier wohnte in Haus Nummer 21 in den 1930er Jahren die Familie Nussbaum. Sie wurde vollständig durch die Vernichtungspolitik der Nazis ausgelöscht.

Die Eheleute David und Malka Nussbaum stammten aus Galizien, dem Teil Polens, der bis zum Ende des Ersten Weltkriegs zu Österreich-Ungarn gehört hatte. David Nussbaum wurde am 25. Mai 1901 in Rozniatow geboren, Malka Nussbaum, geboren Rechtschaffen am 14. Mai 1903 in Pacykow. Mit der Wiedergründung eines unabhängigen polnischen Staates 1918 wurden sie aufgrund ihres Geburtsortes polnische Staatsbürger. Galizien war eine bitterarme Region. Aufgrund von Armut und Diskriminierung verließen zwischen 1881 und 1910 etwa 237.000 Juden das Land in Richtung USA, dem Land ihrer Sehnsüchte. Ein verhältnismäßig kleiner Teil wandte sich nach Deutschland, darunter auch jene, die nicht genügend Geld für die Weiterreise nach Übersee besaßen. (vgl. Tomaszewski, Jerzy: Auftakt zur Vernichtung. Die Vertreibung polnischer Juden aus Deutschland im Jahre 1938. Osnabrück 2002).

Das Haus Hildegardstraße 21 befindet sich heute in einer ruhigen Wohnstraße in Bulmke-Hüllen.

Wir wissen nicht, was die Eheleute nach Gelsenkirchen führte. Wir wissen nur, dass sie hier lebten und in unserer Stadt ihre drei Kinder geboren wurden: am 27. November 1928 die älteste Tochter Ruth, am 21. November 1930 der Sohn Siegfried und am 2. Oktober 1937 als jüngstes Kind Mirjam.

Nach Recherchen der Arbeitsgruppe Stolpersteine wurden Vater David Nussbaum und die jüngste Tochter Mirjam im Rahmen der sogenannten „Polenaktion“ nach Polen ausgewiesen. Im Rahmen dieser „Aktion“ wurden zwischen dem 27. und dem 29. Oktober 1938 rund 17.000 Juden polnischer Staatsangehörigkeit in einer Nacht-und-Nebel-Aktion im gesamten Deutschen Reich verhaftet und nach Polen abgeschoben. Auslöser war eine Änderung des polnischen Passgesetzes, mit dem Polen die im Ausland lebenden jüdischen Staatsbürger auszubürgern beabsichtigte. In Gelsenkirchen betraf die Aktion rund 80 jüdische Menschen jeden Alters. Die größte Anzahl Menschen, etwa 9000, wurde über den Grenzübergang Bentschen/Zbazyn nach Polen abgeschoben, wo die überforderten polnischen Behörden sie zunächst in Eisenbahnwaggons festgehalten und in ehemaligen Kasernen und Ställen untergebracht haben. Zeitzeugen berichten von chaotischen Zuständen.

Nach diplomatischen Verhandlungen zwischen Nazi-Deutschland und Polen durften die Ausgewiesenen noch einmal an ihren früheren Wohnort zurückkehren um mit ihren Familien, persönlichen Gegenständen, evtl. der Wohnungs- oder Werkstatteinrichtung nach Polen auszureisen. Die Kosten mussten die Betroffenen selbst tragen. Vermutlich im Zusammenhang mit der Rückkehr steht ein Umzug der Familie. Mit Datum vom 17. Juni 1939 ist im Melderegister der Stadt Gelsenkirchen eine Ummeldung zur Wassergasse 16 vermerkt. Die Straße lag zwischen Paulinenstraße und Liboriusstraße und führte von der Kronprinzenstraße (heute Dresdener Straße) zur Bismarckstraße. Sie war noch bis 1955 in den Adressbüchern verzeichnet und ist heute überbaut.

Die heute nicht mehr vorhandene Wasserstraße mündete etwa hier in die Bismarckstraße. Das Haus mit der Nummer 16 befand sich unweit der Einmündung und wurde vermutlich im Krieg zerstört.

Warum die Ausreise im Fall der Familie Nussbaum nicht geschehen ist, wissen wir nicht. Möglicherweise hat der Beginn des Zweiten Weltkriegs mit dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 die Ausreise der Familie verhindert. Doch auch eine Ausreise hätte sie nicht vor ihrer Vernichtung geschützt, wie wir aus zahllosen anderen Beispielen wissen.

Was wir wissen ist, dass David Nussbaum nach einem Erlaß vom 9. September 1939 in sogenannter „Schutzhaft“ genommen wurde und ins Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht wurde. Dort verstarb er am 9. Juni 1940, keine 40 Jahre alt, an einer Lungenentzündung, einer Todesursache, die wir aufgrund der heutigen Kenntnis von den Bedingungen in KZs bezweifeln dürfen.

Am 30. August 1940 müssen Malka Nussbaum und die drei Kinder Ruth, Siegfried und Mirjam in ein sogenanntes „Judenhaus“ umziehen, in dem die Nazis vor Deportation und Vernichtung die jüdische Bevölkerung auf engem Raum konzentrierte. Sie ziehen in das Haus der Familie Spanier, Franz-Seldte-Strasse 84 (heute Florastrasse 84) und leben Briefen zufolge in deren Wohnzimmer.

Florastraße 84, hier wurde am 13. Juli 2009 ein Stolperstein für Regine Spanier verlegt, einer der ersten Stolpersteine in Gelsenkirchen.

Die Familie Nussbaum findet Erwähnung in einem Brief der Tochter von Regina Spanier. Gertrud Reifeisen schreibt am 20. August 1940 in einem Brief an ihre Tochter Ilse, die mit einem der Kindertransporte nach Schweden reisen konnte und so überlebte: „… Du kennst ja wohl noch die Ruth Nussbaum. Der Mann war ja mit Vati zusammen fort und ist gestorben. Also die Frau mit den 3 Kindern ziehen zu uns in die Wohnung. Das kleinste Mädelchen ist 3 Jahre alt, und ein niedliches Kind. Es ist ja nicht sehr angenehm für Oma, denn die Unruhe wird groß werden, aber es lässt sich nicht ändern.“

Noch in zwei weiteren Briefen findet die Familie Nussbaum Erwähnung. Am 2. September 1940 schreibt Gertrud Reifeisen: „… Ruth und Siegfried sind ja große Kinder und machen wenig Unruhe, aber die kleine Mirjam ist – wie alle kleinen – sehr unruhig. Und außerdem fehlt uns der Raum sehr …“ Am 12. Dezember 1940 schreibt sie über die wohltuende Ruhe, da die kleine Mirjam mit einer harmlosen Nierenerkrankung seit 14 Tagen im Krankenhaus liege.

Am 27. Januar 1942 werden Malka Nussbaum und ihre drei Kinder wie weitere rund 360 Juden aus Gelsenkirchen mit dem ersten Sammeltransport in das Ghetto Riga deportiert, nachdem sie zuvor in der Ausstellungshalle am Wildenbruchplatz zusammengepfercht worden waren. Der Zug der Deutschen Reichsbahn fuhr in Gelsenkirchen vom Güterbahnhof ab und erreichte Riga am 1. Februar 1942. Im Ghetto Riga lebten auf engstem Raum zuerst lettische Juden, später Juden aus Deutschland. Fast alle wurden im Ghetto, in den angrenzenden Wäldern oder benachbarten Konzentrationslagern von deutscher und lettischer SS ermordet.

Malka Nussbaum und Ihre Kinder Ruth, Siegfried und Mirjam wurden Anfang November 1943 im Zuge der Auflösung des Ghettos ermordet. Ruth, die älteste Tochter, war zu diesem Zeitpunkt fast 15 Jahre alt, Sohn Siegfried fast 13 und Mirjam, das jüngste Kind der Familie, war gerade einmal sechs Jahre alt.

Supplement
Im „Gedenkbuch des Bundesarchivs für die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung in Deutschland (1933-1945)“ ist für die beiden jüngsten Kinder, Siegfried und Mirjam, als „Todesort“ nicht das Ghetto Riga, sondern „Riga-Jungfernhof, Außenlager Ghetto Riga“ angegeben. Dabei handelt es sich um ein drei bis vier Kilometer von Riga entferntes heruntergekommenes Gut mit Gutshaus, Scheunen, Baracken und Viehställen beim Dorf Jumpravmuiža.

Sollten Schulen nicht nach Vorbildern genannt werden?

Eingang zum Eduard-Spranger-Berufskolleg in Gelsenkirchen-Buer auf der Goldbergstraße.

Eduard Spranger (1882-1963) ist ein deutschnationaler Pädagoge, der im Kaiserreich sozialisiert wurde, in der Weimarer Republik, der er ablehnend gegenüberstand, Bedeutung für Forschung und Lehre gewann und nach 1945 seine Karriere unbeirrt fortsetzte, als sei nichts gewesen. Die Zeit von 1933 bis 1945 wurde von ihm wie von vielen anderen Wissenschaftlern auch bis zur Unkenntlichkeit verzerrt, verklärt und beschönigt. Als Wissenschaftler zählt Eduard Spranger zur Richtung der „Geisteswissenschaftlichen Pädagogik“, bei der es sich in der Weimarer Republik und in der frühen Bundesrepublik um die bedeutendste Richtung der Pädagogik in Forschung und Lehre handelte. Zur weithin unbekannten Seite des bedeutenden Pädagogen gehören seine Veröffentlichungen während der Nazi-Zeit, in denen er die Politik des nationalsozialistischen Staates unterstützte.

Die ab 1969 herausgegebenen „Gesammelten Schriften“ verzeichnen in elf Bänden thematisch gruppiert die unbelasteten Texte und stützen somit das Bild, das Spranger nach 1945 von sich hergestellt hat. Zwar gab es schon seit Jahrzehnten innerhalb der pädagogischen Zunft eine Debatte über Spranger, doch erst mit dem „Forschungsprojekt ad fontes“ wurden 2006/09 die Veröffentlichungen Sprangers und drei weiterer Pädagogen aus der Zeit von 1933 und 1945 zusammengetragen. 836 Seiten Schriften und Artikel haben die Forscher allein zu Spranger in einem Quellenband veröffentlicht und so die systematische Beschäftigung ermöglicht. Benjamin Ortmeyer, seit 2003 pädagogischer Mitarbeiter im Fachbereich Erziehungswissenschaft der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, hat sich mit einer Studie über Eduard Spranger und drei weiteren Vertretern der Pädagogik 2008 habilitiert. Die 600 Seiten starke Studie macht deutlich, dass Spranger nicht nur NS-Jargon verwendet hat, sondern trotz Einwände im Detail die Politik Nazi-Deutschlands unterstützt hat.

Spranger, der 1933 Mitglied des „Stahlhelms – Bund der Frontsoldaten“ wurde, einer mit der SA vergleichbaren paramilitärischen Organisation der rechtsextremen „Deutsch-Nationalen Volkspartei“ (DNVP), schrieb im Aufsatz „März 1933“ in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift „Die Erziehung“ unter anderem von den „begeisternden Tagen des März“ und beschwor den „positiven Kern der nationalsozialistischen Bewegung“. Im Detail kritisierte er deren „übersteigerten Antisemitismus“. Und so ging es immer weiter. 1937 bezeichnet er „die neue Genetik“ als wichtigste Wissenschaft und zählt Rassenbewusstsein „zum grundsätzlichen Element der politischen Erziehung“, 1938 benennt er als wesentlichstes Verdienst Adolf Hitlers, „die marxistische, sehr stark unter fremdstämmigen Einfluss gelangte Arbeiterschaft wieder national (gemacht) zu (haben) …“ Noch 1943 veröffentlicht er unter Berufung auf Fichte Durchhalteparolen.

Es handelt sich hierbei nicht um wenige, aus dem Zusammenhang gerissenen Zitate, sondern um Beispiele aus zahlreichen Schriften und Vorträgen aus den Jahren 1933 bis 1945. Richtig gruselig werden sie, wenn man sie nicht als theoretische Erörterung eines weltfremden Pädagogik-Professors betrachtet, sondern sich die gleichzeitige Realität des faschistischen Staates vor Augen hält. Wenn Spranger von den „begeisternden Tagen des März“ schreibt, können wir uns ein Deutschland im Ausnahmezustand mit der Aufhebung der Grundrechte und unter dem Terror der SA in „wilden“ Konzentrationslagern und Folterkellern vorstellen. Wenn Spranger „die neue Genetik“ als wichtigste Wissenschaft und Rassenbewusstsein „zum grundsätzlichen Element der politischen Erziehung“ zählt, können wir uns ein Deutschland der antijüdischen Diskriminierung, Verfolgung und ihres Ausschlusses aus der Gesellschaft durch die „Nürnberger Gesetze“ und zahlreicher Verordnungen vorstellen. Und wenn Spranger noch 1943 Durchhalteparolen schreibt, können wir uns ein von Nazi-Deutschland besetztes Europa vorstellen, dass im Osten Millionen Menschen fabrikmäßig mordet und zugleich an allen Fronten die Initiative verliert angesichts der materiellen Übermacht der Alliierten.

„Mythos und Pathos statt Logos und Ethos“ von Benjamin Ortmeyer thematisiert nicht nur die NS-Vergangenheit bedeutender Pädagogen, sondern auch deren unwürdige „Vergangenheitsbewältigung“ nach 1945.

Nach 1945 bezeichnete er wie viele andere Wissenschaftler auch die Veröffentlichungen der Nazi-Zeit verharmlosend als „zwei oder drei Schönheitsflecken“, lobt 1950 die Wehrmacht als „wertvolles Stück allgemeiner Volkserziehung“ und schreibt tatsächlich: „Aber es liegt mir daran, hinzuzufügen, dass es nicht der Nationalsozialismus war, der in die Katastrophe geführt hat, sondern ganz eigentlich der Hitlerismus.“ Offenbar hat er seine Meinung seit 1933 nicht geändert und ist von einem „positiven Kern der nationalsozialistischen Bewegung“ überzeugt, dem er hier den „Hitlerismus“ gegenüberstellt.

Eduard Spranger lehrte bis zu seiner Emeritierung 1950 und darüber hinaus in Tübingen und gilt als bedeutender Pädagoge und Klassiker der Berufspädagogik. Nach ihm sind in Deutschland sehr unterschiedliche Schultypen benannt, darunter zwei Förderschulen, zwei Schulen die Haupt- und Realschulen verbinden, eine Schule die Grund- und Hauptschule verbindet, zwei Gymnasien und drei Berufsschulen. Die meisten liegen in Baden-Württemberg, je eine in Bayern, Rheinland-Pfalz und Hessen, zwei Berufskollegs liegen in Nordrhein-Westfalen, in Hamm und Gelsenkirchen.

Bildschirmfoto der Homepage des Eduard-Spranger-Berufskollegs Gelsenkirchen: über Eduard Spranger selbst sind keine Informationen zu finden.

Aus dem oben Dargestellten sollte deutlich geworden sein, dass und warum Eduard Spranger als Vorbild und Namensgeber in einem demokratischen Deutschland nicht taugt. Medienberichten zufolge befinden sich drei nach Eduard Spranger benannte Schulen, in Mannheim, in Frankfurt-Sossenheim und in Landau in der Pfalz, im Prozess der Umbenennung. In Gelsenkirchen ist derzeit nichts dergleichen bekannt. Schaut man sich die Internetseite des Eduard-Spranger-Berufskollegs aus Gelsenkirchen an, so findet sich dort nichts über Leben und Werk des Namensgebers. Offenkundig spielt der Name im Schulleben keine besondere Rolle. Was sollte dann dagegen sprechen, sich von diesem zu trennen und einen würdigen Namen zu wählen, der für die gegenwärtige gute Arbeit des Berufskollegs und Wirtschaftsgymnasiums steht?

Kriegerdenkmale und Kriegsvorbereitung in Gelsenkirchen (III) – Das Nazi-Schwert vom Schalker Verein

Das Nazi-Schwert vom Schalker Verein an seinem alten Standort – zugewachsen und vergessen hinter den Torhäusern.

In der Stadt Gelsenkirchen wurde ein 1937 errichtetes und lange vergessenes Denkmal, mit dem die Nazis die „gefallenen Arbeitskameraden“ (Inschrift) des Ersten Weltkrieges in den Dienst ihrer faschistischen Kriegspolitik gestellt hatten, 2015 unter Denkmalschutz gestellt und an einen öffentlichen Weg platziert.

Bei dem in den Sitzungsvorlagen der Stadtverwaltung wahlweise als Kriegerdenkmal oder Ehrenmal bezeichneten Nazi-Objekt handelt es sich um eine 6 Meter hohe Stele aus sechs grauen Granitquadern, an der ein 5 Meter hohes gusseisernes, steil aufgerichtetes und lorbeerumkränztes Schwert angebracht ist. Das künstlerisch anspruchslose Schwert wurde vermutlich im Werk selbst hergestellt. Das Schwertmotiv bezieht sich höchstwahrscheinlich auf die im Ersten Weltkrieg in vielen Städten aufgestellten Holzschwerter, in die gegen Spenden für die Unterstützung von Kriegshinterbliebenen Nägel eingeschlagen werden durften. In Gelsenkirchen stand ein solches „Schwert von Gelsenkirchen“ 1915 auf dem Neumarkt.

Die Geschichte

Das Nazi-Denkmal wurde 1937 auf dem Betriebsgelände des Schalker Vereins, einem Unternehmen der Eisen- und Stahlindustrie, im Stadtteil Bulmke-Hüllen errichtet. Es entstand vermutlich als Auftragsarbeit der Werksleitung und wurde nach Entwürfen des Bildhauers Hubert Nietsch, der durch weitere nazi-affine Kunst bekannt ist, gestaltet. Eingeweiht wurde es inmitten eines sogenannten „Ehrenhofes“ mit einer Feier am 1. Mai 1937, den von der internationalen Arbeiterbewegung gestohlenen und von den Nazis zum „Tag der nationalen Arbeit“ umgedeuteten Mai-Feiertag.

Die berüchtigte Inschrift „Sie starben für Deutschland“ weist auf die Intention hin, die ideologische Kriegsvorbereitung für den faschistischen Krieg.

Die beiden Seiten der Stele sind mit „Unseren gefallenen Arbeitskameraden 1914 1918“ und „Sie starben für Deutschland“ beschriftet und zeigen überdeutlich den Zweck des Objektes, nämlich mit der Errichtung von Kriegerdenkmalen an den Ersten Weltkrieg den folgenden Eroberungs- und Vernichtungskrieg, den wir heute als Zweiten Weltkrieg kennen, ideologisch vorzubereiten. Dies wurde von den Nazis auch offen bei den Einweihungsreden ausgesprochen.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurden die Jahreszahlen „1939 1945“ hinzugefügt. Danach geriet das Nazi-Schwert völlig in Vergessenheit und wuchs an einer unbeachteten Stelle hinter den Torhäusern zu. Erst nach dem Verkauf des Schalker Vereins an die Firma Saint-Gobain und aufgrund der Umgestaltung des Werksgeländes geriet es wieder in den öffentlichen Fokus.

Die Inschrift „Den gefallenen Arbeitskameraden 1914 1918“ stellt die Toten des Ersten Weltkriegs in den Dienst der faschistischen Kriegsvorbereitung. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Jahreszahlen 1939 und 1945 ergänzt.

Standortverlagerung an einen öffentlichen Weg

Erstmalig erfuhr die Gelsenkirchener VVN-BdA von dem Nazi-Schwert 2014, als ein Mitglied an einer Führung zu Denkmalen des Ersten Weltkrieges teilnahm. Allerdings konnte das Nazi-Objekt, da es sich auf dem Firmengelände befand, nicht besichtigt werden.

Am 4. März 2015 wurde die Eintragung in die Denkmalliste durch die Bezirksvertretung Gelsenkirchen-Mitte beschlossen. Die Beschlussvorlage enthält eine ausführliche Begründung des Denkmalwerts und nennt historische und kunstgeschichtliche Gründe, die für die „Erhaltung und Nutzung“ des Nazi-Schwerts sprächen.

In derselben Sitzung wurde mit einer weiteren Beschlussvorlage die geplante Verlagerung des Denkmals an einen öffentlichen Fußweg vorgestellt. Als Grund wird angegeben, dass es am jetzigen Standort „einer Vermarktung und Entwicklung eines Gewerbe- und Industrieparks im Wege“ stünde. Die Kosten der Verlagerung in Höhe von rund 30.500 Euro würden sich der Eigentümer, die Firma Saint-Gobain und die Stadt Gelsenkirchen teilen.

Mit der Standortverlagerung werde das Nazi-Schwert zugleich in einen neuen Kontext gestellt. Ohne eine Änderung der Ästhetik, nur mit einer einfallslosen „künstlerischen Ergänzung“ durch eine Stahlplatte, der Inschrift „Die Opfer der Kriege mahnen zum Frieden“ sowie einer den Hintergrund erläuternden Tafel soll es nun „zu Frieden und Völkerverständigung … mahnen“.

Der Skandal

War dieser Vorgang schon unverständlich und unerträglich genug, schaffte die etablierte Stadtgesellschaft noch eine völlig unerwartete Steigerung. Anlass für die folgenden Aktivitäten der Gelsenkirchener VVN-BdA war eine Randbemerkung in einer weiteren Beschlussvorlage der Stadtverwaltung. Ein in Gelsenkirchen als unbequemer linker Sozialdemokrat bekannter Petent regte an, dass Nazi-Schwert zu entsorgen und die eingesparten Kosten sinnvoll zu verwenden. Erwartungsgemäß wurde diese Anregung in der Sitzung des Kulturausschusses am 16. September 2015 von der Mehrheit abgelehnt. Darüber hinaus wurde mit einer bodenlosen Unverschämtheit das Ansinnen, das Nazi-Objekt zu zerstören, mit der Strategie der „Taliban oder religiösen Eiferern“ verglichen. Schließlich wurde mitgeteilt, dass die „Demokratische Initiative“ beschlossen habe, ihre jährliche Veranstaltung am 9. November zur Erinnerung an die Reichspogromnacht 1938 an eben diesem Nazi-Schwert enden zu lassen. Bei dieser „Demokratischen Initiative gegen Diskriminierung und Gewalt, für Menschenrechte und Demokratie“ handelt es sich um einen losen Verbund Gelsenkirchener Parteien und weiterer Organisationen unter der Schirmherrschaft des Oberbürgermeisters.

Am neuen Standort neben einem öffentlichen Weg soll das Nazi-Schwert nun zu Frieden und Völkerverständigung mahnen.

Die VVN-BdA Gelsenkirchen reagierte mit einem Offenen Brief an den Oberbürgermeister und forderte ihn auf, den geplanten Kundgebungsort zu verlegen, da ein Denkmal für die gefallenen Soldaten eines Krieges niemals ein adäquates Denkmal für jüdische Opfer des Krieges sein könne. Ferner forderte sie den Oberbürgermeister auf, sich dafür einzusetzen, dass aus dem Nazi-Schwert durch eine radikale Verfremdung ein antifaschistisches Gesamtkunstwerk werde. Vorgeschlagen wurde ein Aufruf an Gelsenkirchener Künstler und Bürger, „um das wertlose Schandmal durch ganz unterschiedliche Installationen phantasievoll und kreativ einzurahmen und zu kommentieren“.

Die Gelsenkirchener WAZ thematisierte in ihrer Ausgabe am 4. November 2015 und an den folgenden Tagen sowohl das Nazi-Schwert wie auch die Kritik der VVN-BdA.

Die „Demokratische Initiative“ änderte aufgrund der öffentlichen Kritik ihre Route ein wenig. Sie hielt am Nazi-Schwert eine Zwischenkundgebung ab und verlegte die Abschlusskundgebung auf den nahe gelegenen Alten Jüdischen Friedhof. Aus der als Reminiszenz an den Schalker Verein geplanten Stahlplatte war übrigens ein Steinblock mit der Aufschrift „Die Toten mahnen zum Frieden“ geworden.

In der Nacht zum 9. November überwand eine nicht näher bekannte „Aktionsgruppe Kunst und Kampf“ die Absperrungen und verübte einen Farbanschlag auf das Nazi-Objekt. Am 9. November selbst demonstrierten SJD – Die Falken direkt am Nazi-Schwert, während das „Bündnis gegen Krieg und Faschismus“, in dem Mitglieder der VVN-BdA vertreten sind, zu einer unabhängigen Zwischenkundgebung vor dem Haus einer in der Reichspogromnacht verfolgten jüdischen Familie aufgerufen hatte.

Für eine eigene Antwort auf den Offenen Brief war sich der OB zu fein und beauftragte den Leiter des Instituts für Stadtgeschichte mit einer schriftlichen Antwort, der nach einer Antwort seitens der VVN-BdA zu einem Gespräch im Institut für Stadtgeschichte führte. Ergebnis: Für die Stadt Gelsenkirchen handele es sich um einen abgeschlossen Vorgang.

Fazit

Das Nazi-Schwert steht nun am neuen Ort. Flankiert wird es von je zwei neu gepflanzten Bäumen rechts und links. Böse Zungen sagen, es fehle nur ein Gartenzaun und ein paar Gartenzwerge.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf der Seite „Verbrechen der Wirtschaft“.

Vor 75 Jahren – Das Massaker von Lidice

Blick auf das Gelände des ehemaligen Dorfes Lidice. Links in der Bildmitte der Ort des Massengrabes der 173 Männer, rechts im Vordergrund ein Teil des Denkmals der 82 ermordeten Kinder von Lidice.

Lidice, ein kleines Dorf in der Nähe von Prag, wurde von den Nazis vor 75 Jahren, am 9./10. Juni 1942 vernichtet. 173 Männer wurden bereits im Ort erschossen, 198 Frauen ins KZ Ravensbrück deportiert, die meisten der 98 Kinder im Vernichtungslager Kulmhof ermordet. Die 93 Häuser wurden niedergebrannt und der Ort bis Ende 1943 dem Erdboden gleichgemacht. Nach dem Willen der Nazis sollte er für immer von der Landkarte ausgelöscht sein, stattdessen hat sich sein Name als Beispiel für faschistischen Terror in aller Welt erhalten.

Entgegen des Münchener Abkommens von 1938, das die Abtretung der deutschsprachigen Sudetendeutschen Gebiete der Tschechoslowakei an Nazi-Deutschland erzwang und der Beteuerung Hitlers, marschierte am 15./16. März 1939, noch vor Beginn des Zweiten Weltkrieges, die Deutsche Wehrmacht in die übrig gebliebene, wehrlose Tschechoslowakei ein. Die Slowakei wurde ein „unabhängiger“ deutscher Satellitenstaat, das tschechische Staatsgebiet als „Reichsprotektorat Böhmen und Mähren“ von Nazi-Deutschland annektiert. Zur Bekämpfung des wachsenden antifaschistischen Widerstands wurde am 28. September 1941 Reinhard Heydrich, Chef der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes, SS-Obergruppenführer und General der Polizei, zum stellvertretenden „Reichsprotektor“ ernannt.

Heydrich, den man im „Protektorat“ nur den Henker nannte und in dessen Amtszeit tausende Widerstandskämpfer verhaftet wurden, starb an den Folgen eines auf ihn am 27. Mai 1942 verübten Attentats. Eine vermeintliche Spur, ein falsch gedeuteter Liebesbrief, führte die Nazi-Behörden nach Lidice, einem kleinen Ort 22 km nordwestlich von Prag. Die Männer des Ortes arbeiteten im Stahlwerk oder den Kohlebergwerken der 7 km entfernten Kreisstadt Kladno. In Berlin wurde in einer „Führerbesprechung“ entschieden, als „Sühnemaßnahme“ 1. alle erwachsenen Männer zu erschießen, 2. alle Frauen lebenslänglich ins Konzentrationslager zu deportieren, 3. „eindeutschungsfähige“ Kinder an SS-Familien zu geben und die übrigen anders zu erziehen, 4. das Dorf niederzubrennen und auszulöschen.

Offizielle Gedenkfeier am Massengrab in der Gedenkstätte Lidice (Foto 13.06.2009).

Das Dorf wurde am 9. Juni 1942 von Gestapo und Ordnungspolizei umstellt. Am 10. Juni 1942 wurden 173 Männer über 15 Jahren im Garten von Horáks Bauernhof erschossen, nachdem Frauen und Kinder bereits frühmorgens mit LKWs nach Kladno in die Sporthalle des Realgymnasiums gebracht worden waren. Die Frauen über 16 Jahren wurden ins Konzentrationslager Ravensbrück deportiert, außer den zur „Eindeutschung“ vorgesehenen wurden 82 Kinder (nach allem was wir heute wissen) in den Gaswagen des Vernichtungslagers Kulmhof ermordet. Lidice wurde komplett niedergebrannt, der Friedhof zerstört, der Teich zugeschüttet, Bäume abgeholzt. Die Geländeplanierung wurde Ende 1943 durch den Reichsarbeitsdienst beendet.

Blick in den Rosengarten, der „Park der Freundschaft und des Friedens“ wurde 2001/02 in einem Projekt mit jugendlichen Handwerkern aus Nordrhein-Westfalen erneuert.

Nach der Niederlage Nazi-Deutschlands kehrten 143 überlebende Frauen aus dem KZ Ravensbrück zurück und erfuhren erst jetzt von ihrem Unglück. An der Stelle ihrer Häuser fanden sie nur eine öde Ebene mit dem Massengrab ihrer Männer und Väter. Nur 17 Kinder, deren Eltern teilweise nicht mehr lebten, wurden nach einer außerordentlichen Suche wiedergefunden. In der Nähe des zerstörten Lidice wurde das neue Lidice aufgebaut, in das die überlebenden Frauen und Kinder einzogen. Das Gelände des zerstörten Ortes wurde zur Mahn- und Gedenkstätte, seit 1955 entstand mit geschenkten Rosenstöcken aus aller Welt der „Park der Freundschaft und des Friedens“.

Denkmal der Bildhauerin Marie Uchytilová für die 82 ermordeten Kinder aus Lidice.

Nach dem Ende des Kommunismus sowjetischer Prägung 1989 geriet Lidice zunächst in Vergessenheit. Mit Unterstützung unter anderem durch den Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds begann ab 2000 die Neugestaltung der Památník Lidice mit dem Neubau einer Begegnungsstätte und der Neugestaltung der musealen und pädagogischen Bereiche. So wurde unter anderem 2001/02 in einem Kooperationsprojekt „Rosen für Lidice“ mit nordrhein-westfälischen Berufsbildungseinrichtungen für benachteiligte Jugendliche, die sonst eher selten die Gelegenheit für internationale Jugendbegegnungen haben, der Rosengarten erneuert und am 15. Juni 2002 anlässlich des 60. Jahrestages der Vernichtung des Ortes vorgestellt.

Den 82 Kindern, 42 Mädchen und 40 Jungen im Alter von 1 bis 16 Jahren, die im Juli 1942 im Vernichtungslager Kulmhof ermordet wurden, schuf die Bildhauerin Marie Uchytilová mit ihrer Figurengruppe ein weltweit einzigartiges Denkmal. Nach ihren Worten sollte es zugleich ein symbolisches Denkmal für 13 Millionen Kinder, Opfer des Zweiten Weltkrieges sein. Sie selbst erlebte die Realisierung des Denkmals nicht mehr, erst 2000 wurden die letzten sieben Kindergestalten in Lidice enthüllt.

Gedenkstein zur Erinnerung an die ermordeten Kinder, auch aus Lidice, im „Waldlager“ des Vernichtungslagers Kulmhof im von Nazi-Deutschland besetzten Polen.

Das Verbrechen in Lidice ist kein Einzelfall, weitere Massaker fanden an vielen Orten Europas statt. Stellvertretend aber nicht abschließend nennen möchte ich Oradour-sur-Glane in Frankreich, wo am 10. Juni 1944 die Waffen-SS wütete, Kalavryta in Griechenland, wo am 13. Dezember 1943 die Deutsche Wehrmacht wütete, Marzabotto in Italien, wo im September/Oktober 1944 ebenfalls die Deutsche Wehrmacht wütete sowie Sant’Anna di Stazzema in Italien, wo am 12. August 1944 die Waffen-SS wütete. Letzteres wird als ungesühntes Massaker Thema einer Veranstaltung in Gelsenkirchen in der flora am 17. Oktober 2017 sein.

Anmerkung: Die Fotos aus Lidice entstanden während eines Besuchs im Juni 2009, das Foto aus Kulmhof während des Besuchs in Lodz und Kulmhof 2016.

Gedenken an Elisabeth Käsemann

Klaus Brandt (links im Bild) mit August Bebel und Andreas Jordan während der Antikriegstagsveranstaltung 2014.

Mit der folgenden Pressemitteilung lädt der unermüdliche Klaus Brandt zu einer kleinen Gedenkveranstaltung an Elisabeth Käsemanns Ermordung durch die argentinische Militärjunta am 24. Mai 1977 auf den nach ihrem Vater benannten Ernst-Käsemann-Platz in Gelsenkirchen-Rotthausen ein.

Am Mittwoch, dem 24. Mai, 18 Uhr, möchte ich auf dem nach Ernst Käsemann benannten Platz in Rotthausen der Ermordung seiner Tochter Elisabeth öffentlich gedenken. Sie war eine der 16 Personen, die am späten Abend des 23. Mai 1977 vom argentinischen Folterzentrum „El Vesubio“ bei Buenos Aires in ein nahe gelegenes Landhaus verfrachtet und in der Nacht von Militärs hinterrücks erschossen wurden. Eine Zeugin, Elena Alfaro, entging diesem Massaker, weil sie schwanger war und die nach Adoptionsmöglichkeiten suchenden Militärs es auf ihr Kind abgesehen hatten. Sie berichtet:

„Am 23. Mai des Nachts begannen sie, uns herauszurufen. Wir waren gefesselt. Von einem Augenblick auf den anderen sagten sie uns, dass sie uns verlegen. Wir waren 17. Es war Nacht. In einem bestimmten Moment öffnet sich die Tür und jemand schreit: ‚08 zurück in die Zelle!‘ 08 war ich. Und ich fing an zu weinen und zu schreien, mir war schon alles egal. Eine Mitgefangene schaffte es, sich aus ihrer Handfessel zu befreien. Und unter einem enormen Risiko kommt sie in meine Zelle, schüttelt mich und sagt: ‚Elena, sei dir darüber klar, dass du die einzige bist, die davon erzählen kann‘. Und diese Worte behielt ich, um zu widerstehen, um zu überleben.“

Elisabeths Schwester, Dr. Eva Teufel: „Von verantwortlichen Stellen fühlte mein Vater sich im Stich gelassen. Elisabeth war ihrem Vater nicht unähnlich. Ihre Überzeugungen wollte sie nicht preisgeben. Mein Vater hat überlebt. Elisabeth bezahlte für das Festhalten an ihren Überzeugungen mit dem Leben.“

Ernst Käsemann: „Und so definiere ich heute die Kirche Jesu Christi als die Widerstandsbewegung des erhöhten Herrn auf dieser Erde gegen seine Gegner. Dazu gehören für mich nicht nur Helmut Kohl, Helmut Schmidt und Hans-Dietrich Genscher, sondern gehören auch die argentinischen Politiker. Sie sind für mich die Repräsentanten der Gegner Jesu Christi auf Erden, denen wir auf Erden zu widerstehen haben.

Eindrücke eines Antifaschisten in Berlin

Ein Beispiel aus der Ausstellung „Topographie des Terrors“.

Vom 13. bis 16.03.2017 hatte ich die Gelegenheit mit rund 40 weiteren Interessierten an einer Wahlkreisfahrt der Bundestagsabgeordneten Ulla Jelpke nach Berlin teilzunehmen. Im Programm war deutlich der antifaschistische Schwerpunkt der Fahrt mit den Stationen Topographie des Terrors, Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst und Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit zu erkennen. Während der Stadtrundfahrt kam noch ein Zwischenstopp an der Adresse Tiergartenstraße 4 hinzu. Dazu gehörten eine Diskussion mit Ulla Jelpke im Paul-Löbe-Haus sowie ein Besuch des Bundestages im Reichstagsgebäude. Nach ausführlichen Informationen und guten Führungen verunglückte leider der Abschlusstermin in der Bundeszentrale für politische Bildung. Sehr gut waren die Organisation durch den Mitarbeiter des Bundespresseamtes und die Wahlkreis-Mitarbeiterin von Ulla Jelpke.

Gleich die erste Station direkt nach der Ankunft in Berlin war die Ausstellung Topographie des Terrors. Das Dokumentationszentrum steht auf dem „Prinz-Albrecht-Gelände“, auf dem zwischen 1933 und 1945 in heute nicht mehr bestehenden Gebäuden die Zentrale der Gestapo, von SS und SD sowie ab 1939 das Reichssicherheitshauptamt eine außerordentliche Konzentration von Macht und Terror auf engstem Raum bildeten. Nachdem die Geschichte des Ortes in den 1950er Jahren zunächst dem Vergessen übergeben worden war wurden nach wiedererwachtem Geschichtsinteresse 1987 eine Dokumentation eingerichtet und Ausgrabungen vorgenommen. Später wurde eine Freiluft-Ausstellung entlang der freigelegten Kellermauerreste an der Niederkirchnerstraße (ehemalige Prinz-Albrecht-Straße) präsentiert. (Ein Foto dieser Ausstellung aus dem Juli 2000 befindet sich am Ende dieses Beitrags). Seit Mai 2010 besteht das neue Dokumentationszentrum mit einer ausführlichen, deutsch- und englischsprachigen Ausstellung nach modernen Standards über das Terrorsystem der Täter und den von ihnen verübten europaweiten Verbrechen.

Topographie des Terrors – Kellermauerreste an der Niederkirchnerstraße (ehemalige Prinz-Albrecht-Straße).

Besonders beeindruckte mich eine Sonderausstellung zu Massenerschießungen auf dem Gebiet der von Nazi-Deutschland besetzten Sowjetunion. Wie inzwischen in vielen neuen Ausstellungen üblich stellt man auch hier Biografien einzelner Mordopfer und ihrer Familien dar. Damit wird der abstrakten Zahl von rund zwei Millionen ermordeter Juden in dieser Phase des Holocaust ein Gesicht gegeben. Überhaupt nicht beeindruckend fand ich das funktionale Gebäude, hier könnte problemlos auch eine Ausstellung beispielsweise über die Kunst des 20. Jahrhunderts Platz finden.

Das Gebäude des Deutsch-Russischen-Museums in Berlin-Karlshorst, ursprünglich für die Wehrmacht errichtet und während der Schlacht um Berlin im April 1945 als sowjetisches Hauptquartier genutzt, ist eng verbunden mit der bedingungslosen Kapitulation der militärischen Führer Nazi-Deutschlands in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1945. Hier wurde 1967 zu DDR-Zeiten von sowjetischer Seite ein Museum eingerichtet, das sich an die sowjetischen Soldaten richtete und in dessen Zentrum die Schlacht um Berlin stand. Der Saal, in dem 1945 die Kapitulation unterzeichnet worden war, wurde dafür rekonstruiert. Mit dem Abzug der sowjetischen Soldaten im Zuge der Vereinigung beider deutscher Staaten 1990 wurde das Museum zu einem gemeinsamen Deutsch-Russischen Museum mit dem Fokus auf den Krieg zwischen Nazi-Deutschland und der Sowjetunion 1941-1945. Bemerkenswert ist an diesem Museum, dass der Krieg aus der Sicht beider früherer Kriegsgegner gezeigt wird. Auch die neue Ausstellung enthält Exponate der alten Ausstellung, eingebunden in den neuen Kontext.

Berlin-Karlshorst, 1967 rekonstruierter Saal, in dem in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1945 die bedingungslose Kapitualation der militärischen Führer Nazi-Deutschlands stattfand.

Während der Führung durch die Ausstellung, die sich an ausgewählten Schwerpunkten orientierte, wurde der Unterschied zwischen den Kriegen gegen Länder wie Frankreich und dem Krieg gegen die Sowjetunion deutlich. Der Krieg gegen die Sowjetunion war ein gewollter und geplanter Vernichtungskrieg gegen die in der rassistischen Vorstellungswelt der Nazis minderwertige Bevölkerung der Sowjetunion zur Eroberung „neuen Lebensraums“. Deutlich wird der Vernichtungskrieg auch an der Behandlung der von Nazi-Deutschland gefangen genommenen sowjetischen Soldaten. 60% von ihnen starben in deutscher Kriegsgefangenschaft. In absoluten Zahlen wurden von etwa 5,7 Millionen gefangenen Soldaten 3,3 Millionen entweder erschossen, oder man ließ sie verhungern oder an Seuchen sterben. Erst der Bedarf an Arbeitskräften besserte ihre Lage und die Überlebenden wurden als Zwangsarbeiter eingesetzt.

Allerdings schien während der Führung auch eine mögliche Grenze eines Deutsch-Russischen Museums auf. Man konnte fast übersehen, dass sich zwischen den beiden Kriegsgegnern Polen befand, das von Nazi-Deutschland und der Sowjetunion 1939 aufgeteilt worden war. Vielleicht ist dieser Eindruck auch nur aufgrund der Führung entstanden, denn wie immer reichte die Zeit nicht, um sich die Ausstellung vollständig anzusehen.

Sowjetisches Ehrenmal im Treptower Park – Bronzeskulptur eines sowjetischen Soldaten mit gesenktem Schwert und Kind auf dem Arm.

Eingeschoben werden konnte ein Besuch des Sowjetischen Ehrenmals im Treptower Park. Hier befindet sich eine monumentale Gedenkanlage, die zugleich Friedhof für mehr als 5000 bei der Schlacht um Berlin 1945 gefallene Soldaten der Roten Armee ist. Eine elf Meter hohe Bronzeskulptur auf einem kuppelgewölbtem Mausoleum im Zentrum der Anlage zeigt einen sowjetischen Soldaten mit gesenktem Schwert und einem Kind auf dem Arm. Darauf läuft man zwischen zwei riesigen gesenkten Fahnenskulpturen aus Granit zu.

Sowjetisches Ehrenmal im Treptower Park – Blick zurück auf zwei riesige gesenkte Fahnenskulpturen aus Granit.

Mit dem Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit in Berlin-Schöneweide besuchten wir im Anschluss eine weitere einmalige Einrichtung. Es ist das einzige erhaltene Zwangsarbeiterlager – übrigens mitten in einem Berliner Wohnbezirk. Allein in Berlin gab es über 3000 Zwangsarbeiterlager, im Deutschen Reich über 30.000 mit rund 26 Millionen Männer, Frauen und Kinder im Verlauf des Krieges. Das Lager in Schöneweide bestand aus Steinbaracken, die nach dem Krieg weiter genutzt und daher überwiegend, wenn auch verändert, erhalten blieben. Eine Baracke, die wir während der Führung besuchten, ist noch in den originalen baulichen Ausmaßen erhalten. Wir froren an diesem Märztag als wir in einem der Räume standen und erfuhren, unter welchen erbärmlichen Bedingungen die Zwangsarbeiter leben und arbeiten mussten. Wir mochten uns kaum vorstellen, wie sich die Bewohner der Baracken hier im richtigen Winter, bei Schnee und Eis gefühlt haben mögen.

Ausschnitt einer Karte von NS-Zwangsarbeiterlager in Berlin – Ausstellung Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit

Thema der Ausstellung sind die zivilen Zwangsarbeiter, anfangs als freiwillige Arbeitskräfte geworben, später zwangsweise aus den besetzten Ländern hierher verschleppt. Auch hier zeigt die Ausstellung individuelle Biografien. Denen der aus (fast) ganz Europa verschleppten Männer, Frauen und Kinder werden die der deutschen Akteure (Helfer, Zuschauer, Profiteure, Täter) gegenübergestellt. Alltag und Unterbringung der Zwangsarbeiter waren durch den Rassismus der Nazis geprägt. Zwangsarbeiter aus dem Osten (Polen und damalige Sowjetunion) und dem Westen wurden klar voneinander getrennt. Im übrigen waren Zwangsarbeiter aus den westlichen Ländern meist männlich, aus den östlichen Ländern meist weiblich.

Mit der Adresse Tiergartenstraße 4 verbindet sich die Aktion „T4“, der Ermordung zehntausender Patienten aus Heil- und Pflegeanstalten im Rahmen der sogenannten „Euthanasie“. Die Planungs- und Verwaltungszentrale befand sich in der Villa Tiergartenstraße 4, die Morde wurden dezentral in sechs eigens eingerichteten Tötungsanstalten vorgenommen. Es war der erste systematische Massenmord, die hier gesammelten Erfahrungen setzten die Täter später in den Vernichtungslagern im besetzten Polen ein.

Freiluftausstellung Tiergartenstraße 4 zur ersten systematischen Mordaktion „T4“.

Die Villa steht heute nicht mehr, am historischen Ort befindet sich seit 1989 eine Gedenktafel und nach einem 2011 beschlossenen Architekturwettbewerb ein frei zugänglicher Gedenk- und Informationsort. Eine transparente, blaue und 24 Meter lange Glaswand erzeugt die Aufmerksamkeit für die begleitende Freiluftausstellung, die anders als die frühere Freiluftausstellung Topographie des Terrors kein Provisorium ist. Bemerkenswert an der Ausstellung finde ich, dass sie die Texte zusätzlich in leichter Sprache präsentiert und sich somit heute auch an diejenigen richtet, die damals von den Nazis ermordet worden wären.

Die Stadtrundfahrt führte uns durch die jahrzehntelang geteilte Stadt und zeichnete ein vielseitiges Bild Berlins. Unterbrochen wurde die Fahrt durch eine lebhafte und interessante Diskussion mit der Abgeordneten Ulla Jelpke im Paul-Löbe-Haus. Da sie Mitglied im Innenausschuss des Deutschen Bundestages ist, ging es natürlich um innenpolitische Themen. Amüsant war eine übereifrige Mitarbeiterin des Hauses, die nicht verstehen konnte, dass ein Teil unserer Gruppe ihre Jacken und Mäntel an einer unbewachten Garderobe hängen ließ. Wir nahmen jedoch zu Recht an, dass in diesem Haus nicht geklaut wird. 😉

Auf dem Dach des Reichstagsgebäudes – die gläserne Kuppel war leider geschlossen.

Einlasskontrollen wie im Paul-Löbe-Haus gab es auch im Reichstagsgebäude. Hier nahmen wir auf der Besuchertribüne an einem Vortrag teil, der einerseits ganz interessant war, sich aber andererseits deutlich an die ebenfalls anwesenden Schülergruppen richtete. Daran schloss sich eine Besichtung des Dachs des Reichstagsgebäudes an, die gläserne Kuppel war leider nicht geöffnet.

Zum Abschluss stand ein Informationsgespräch in der Bundeszentrale für politische Bildung auf dem Programm. Ich bin mir nicht sicher, ob der Referent schlecht vorbereitet war oder keine Lust auf unsere Gruppe hatte. Einleitend stellte er die Arbeit der Bundeszentrale dar, die den Spagat schaffen soll, in der Bemühung einer politischen Neutralität trotzdem politische Bildung zu betreiben. Das Hauptaugenmerk liegt in den Veröffentlichungen, die ein breites politisches Spektrum einschließt, Extremismus jedoch ausschließt.

In der Diskussion zeigte er leider sehr wenig Empathie gegenüber den Erfahrungen, die Dortmunder Demonstranten gegen Rechtsextremisten mit der Polizei gemacht hatten und wies – erkennbar überfordert mit den Beiträgen – überaus zynisch auf den Rechtsweg hin. Die Debatte biss sich zeitweilig an der Unterschiedlichkeit von Faschismus und Realsozialismus und einer Gemeinsamkeit als Diktatur fest. Augenscheinlich nahm er die emotionale Verbundenheit eines Teils der Gruppe mit den Errungenschaften der DDR nicht als emotionale Reaktion wahr, reagierte mit hölzernen Sachargumenten, behandelte uns wie ein Professor seine Studenten von oben herab und erteilte Denkverbote. Dies war sicherlich keine Sternstunde der Bundeszentrale für politische Bildung, die sich in ihrer Veröffentlichungsbreite durchaus besser darstellt.

Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche im Zentrum des ehemaligen West-Berlins am Ku’damm.

Insgesamt war es eine höchst informative Fahrt, die einige interessante Seiten von Berlin zeigte. Untergebracht waren wir im ehemaligen Zentrum West-Berlins in der Nähe des Ku’damms. Dort gab es die Gelegenheit, sich beispielsweise die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, deren Ruine nach dem Krieg als Mahnmal stehen blieb, anzusehen. Weiter gab es vielfältige Möglichkeiten, engagierte Menschen aus dem antifaschistischen Spektrum kennen zu lernen, wieder zu treffen und sich für die antifaschistische Arbeit vor Ort zu vernetzen.

Werbefläche in Berlin – handschriftlich aktualisiert …