Archiv der Kategorie: Erinnerungskultur

8. Mai zum Feiertag und Gelsenkirchen zum sicheren Hafen machen!

Kundgebung des Aktionsbündnisses am 25.06.2020 vor dem Hans-Sachs-Haus (Foto: Aktionsbündnis).

Zwei Fliegen mit einer Klappe ;-). Sogar zwei Motti hatte die Kundgebung, die das Gelsenkirchener Aktionsbündnis gegen Rassismus und Ausgrenzung heute ab 10.30 Uhr vor dem Hans-Sachs-Haus durchgeführt hat. Aufgrund der im Rat der Stadt Gelsenkirchen eingebrachten Anträge „8. Mai zum bundesweiten Feiertag erheben“ und „Bündnis ‚Städte Sicherer Häfen‘ und Aufnahmeinitiative NRW“ fand die Demonstration sowohl unter dem Motto „8. Mai zum Feiertag“ (machen) als auch unter dem Motto „Gelsenkirchen zum sicheren Hafen“ (machen) statt.  Hier die Dokumentation der Rede, die Berna Türkmen für die Linksjugend Solid Gelsenkirchen hielt, und die auf beide Themen eingeht.

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Bündnispartnerinnen und Bündnispartner,

heute demonstrieren wir gemeinsam dafür, dass nicht nur der 8. Mai zu einem bundesweiten Feiertag ernannt werden soll, sondern auch dafür, dass unsere Stadt ein sicherer Hafen wird.
Es ist ganz besonders in der heutigen Zeit der Globalisierung und des kulturellen Austauschs eigentlich keine Diskussionsfrage, ob der 8. Mai, der Tag der Befreiung, als bundesweiter Feiertag anerkannt werden sollte oder nicht. Die Frage sollte sein, wieso wir immer noch diese Debatte führen müssen. Wieso es im Jahr 2020, 75 Jahre nach dem Sieg über das faschistische Naziregime, nach wie vor Menschen gibt, die überlegen müssen, OB dieser Tag ein Feiertag sein sollte.

Der Sieg der Alliierten über Nazideutschland und damit der Sieg über den Faschismus in Deutschland empfinden wir, die Linksjugend Solid Gelsenkirchen, als einen Tag der Freude und der Erleichterung. Denn dieser Tag repräsentiert doch genau das, was wir alle wollen. Wir wollen eine offene Gesellschaft, in der niemand ausgegrenzt wird, aufgrund seiner Herkunft, seiner Religion oder anderer willkürlich festgelegter und nichtssagender Kriterien.
Es ist eine Schande, dass ausgerechnet in Deutschland, der Wirtschaftsmacht in der europäischen Union, dem einflussreichsten Land dieser Staatenvereinigung und vor allem dem Land, das sich stets für europäische Solidarität ausgesprochen hat, einer der wichtigsten Tage in der europäischen Geschichte nicht als bundesweiter Feiertag anerkannt ist.

Wenn wir uns als Bundesrepublik Deutschland nicht zu dem Tag der Befreiung als Feiertag bekennen, was sagt das über unsere Gesellschaft aus? Dass der Sieg über den Faschismus kein Anlass zur Freude und zur Feier ist? Möchten wir wirklich in einem Land leben, dass sich durch die Ablehnung eines solchen Feiertages indirekt auch gegen den Antifaschismus und somit auch gegen eine friedliche, multikulturelle und bunte Gesellschaft wendet?
Wir, das Bündnis gegen Rassismus und Ausgrenzung, sowie die Linksjugend Solid, stellen uns dem entgegen. Es ist für uns ein Selbstverständnis, dass Faschismus weder in unserer Stadt, noch in der Bundesrepublik jemals wieder Fuß fassen sollte und darf und dafür werden wir immer kämpfen.

Denn wir wollen eine Gesellschaft, in der die Menschen keine Angst mehr haben müssen, Gewalt zu erfahren, aufgrund ihrer äußerlichen Merkmale, ihrer Sexualität oder ihrer Lebensweise und Kultur.

Insbesondere in einer Stadt wie Gelsenkirchen, wo die unterschiedlichsten Kulturen, Religionen und Ethnien aufeinandertreffen, ist es wichtig und notwendig, dass wir uns alle gemeinsam für die Einführung des 8. Mai als Feiertag stark machen. Vielfalt und ein lebendiges, buntes Miteinander haben das Ruhrgebiet und Gelsenkirchen zu neuen Leben erweckt und, nicht nur während des Kohleabbaus, sondern bis heute, geformt.

Multikulturelle Einflüsse, sowie seine zentrale Lage im Ruhrgebiet, haben Gelsenkirchen über Jahrzehnte hinweg wachsen lassen und es bis heute zur Heimat unzähliger Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter gemacht. Damit sollte jedoch noch nicht Schluss sein. Unser Ziel muss es sein, im Zentrum des Ruhrgebiets einen Ort zu schaffen, an dem sich Menschen heimisch und vor allem sicher fühlen können. In diesem Sinne verlangen wir, das Bündnis gegen Rassismus und Ausgrenzung und die Linksjugend Solid, dass Gelsenkirchen ein sicherer Hafen wird. Nicht nur symbolisch, sondern auch wörtlich. Gelsenkirchen muss Geflüchtete aufnehmen, die Seenotrettung unterstützen und sich für die Entkriminalisierung der Seenotrettung einsetzen.
Denn im Kampf gegen den Faschismus ist es unabdingbar, jedes Menschenleben als wertvoll und schützenswert zu betrachten. Verlieren wir diese moralischen Werte, verlieren wir unsere Menschlichkeit.

Wir, die Linksjugend Solid Gelsenkirchen, sagen Nein zu Faschismus und Nein zur Kriminalisierung der Seenotrettung!

Deswegen sollte und muss der 8. Mai ein bundesweiter Feiertag und Gelsenkirchen ein sicherer Hafen werden.

Allen Beteiligten ein Glück Auf!
Lasst uns gemeinsam kämpfen für ein solidarisches lebenswertes Gelsenkirchen!

Update
Auf Facebook findet sich das Video der Rede!

„8. Mai zum Feiertag machen“ Thema im Rat der Stadt Gelsenkirchen

Pressetermin des Gelsenkirchener Aktionsbündnis gegen Rassismus und Ausgrenzung am 03.06.2020 am VVN-Mahnmal im Stadtgarten (Foto Jonas Selter).

In Unterstützung der Kampagne des Gelsenkirchener Aktionsbündnisses gegen Rassismus und Ausgrenzung, die Forderung der Auschwitz-Überlebenden Esther Bejarano und der VVN-BdA, den 8. Mai zum Feiertag zu machen, hat die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen stellvertretend für das Aktionsbündnis einen Antrag an den Rat der Stadt eingebracht, um das Thema in der Ratssitzung am 25. Juni 2020 zu diskutieren und zu beschließen. Hier der Antrag und die ausführliche und lesenswerte Begründung im Wortlaut. Die Links stammen natürlich nicht aus dem Ratsinformationssystem.

Zur Sitzung des Rates der Stadt Gelsenkirchen am 25. Juni 2020 beantragt die Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN folgenden Tagesordnungspunkt:

8. Mai zum bundesweiten Feiertag erheben

Der Rat der Stadt Gelsenkirchen beschließt:
Die Stadt Gelsenkirchen unterstützt die Forderung der Holocaust-Überlebenden und Vorsitzenden des Auschwitz-Komitees in der Bundesrepublik Deutschland e. V, Esther Bejarano, den 8. Mai zum bundesweiten Feiertag zu erheben. Die Gelsenkirchener Stadtverwaltung setzt sich mit allen der Kommune zur Verfügung stehenden Mitteln öffentlich, auf Verbandsebene sowie insbesondere beim Land NRW und auf Bundesebene für die Erreichung dieses Zieles ein.

Des Weiteren beantragt die Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN im Rahmen des Tagesordnungspunktes, den Vertreter*innen des „Gelsenkirchener Aktionsbündnisses gegen Rassismus und Ausgrenzung“ Rederecht einzuräumen.

Begründung:

Das „Gelsenkirchener Aktionsbündnis gegen Rassismus und Ausgrenzung“ hat mit einem offenen Brief an den Oberbürgermeister der Stadt Gelsenkirchen sowie an die demokratischen Fraktionen im Rat der Stadt dazu aufgerufen, die Initiative von Esther Bejarano zu unterstützen, den 8. Mai zum bundesweiten Feiertag zu erheben. Unter dem Motto #GEfeiert8Mai hat das Bündnis zudem eine Kampagne gestartet, über die die Stadtgesellschaft über die Initiative informiert wird und die eigene Unterstützung bekundet werden kann.
Die GRÜNE Ratsfraktion möchte mit diesem Antrag dazu beitragen, dass das Anliegen des Bündnisses auf kommunalpolitischer Ebene zur Befassung kommt und bringt stellvertretend für das Bündnis die entsprechende Forderung ein.

Im offenen Brief heißt es nämlich: „Natürlich wissen auch wir, dass die Stadt Gelsenkirchen formal nicht für die Bestimmung bundesweiter Feiertage zuständig ist. Ein entsprechendes Votum wäre dennoch, in Verbindung mit vergleichbaren Initiativen anderer Kommunen und Organisationen, ein wichtiges Signal sowohl an die lokale Einwohnerschaft wie an die politisch Verantwortlichen in Land und Bund, sich in diesem Sinne zu engagieren. Aus diesem Grund fordern wir Sie und den Rat der Stadt Gelsenkirchen dazu auf, sich mit allen Ihnen zur Verfügung stehenden politischen und administrativen Mitteln dafür einzusetzen, dass der 8. Mai zum bundesweiten gesetzlichen Feiertag erklärt wird.“
In der von Esther Bejarano Anfang 2020 gestarteten Petition heißt es unter anderem: „Ich überlebte als Mitglied des „Mädchenorchesters“ das deutsche Vernichtungslager Auschwitz und konnte vor 75 Jahren auf dem Todesmarsch der Häftlinge des KZ-Ravensbrück der SS entkommen. Ich bin Vorsitzende des Auschwitz-Komitees in der BRD e.V und Ehrenpräsidentin der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten.
Ich fordere: Der 8. Mai muss ein Feiertag werden! Ein Tag, an dem die Befreiung der Menschheit vom NS-Regime gefeiert werden kann. Das ist überfällig seit sieben Jahrzehnten. Und hilft vielleicht, endlich zu begreifen, dass der 8. Mai 1945 der Tag der Befreiung war, der Niederschlagung des NS-Regimes.“
Diese Petition haben bislang mehr als 100.000 Bundesbürger*innen unterzeichnet. Sie bekräftigen damit die Forderung, dem 8. Mai endlich auch in Deutschland jene Bedeutung beizumessen, die er in vielen europäischen Ländern seit jeher als Tag der Befreiung von der NS-Herrschaft besitzt.

Für die Stadt Gelsenkirchen gibt es insbesondere drei Gründe, diese Initiative ebenfalls zu unterstützen.
Der 8. Mai 1945, der sich 2020 zum 75. Mal jährt, ist die Geburtsstunde der heutigen demokratischen kommunalen Selbstverwaltung.
Der 8. Mai war nicht nur das Ende des vom NS-Faschismus ausgegangenen Zweiten Weltkrieges, eines aggressiven Eroberungs- und Vernichtungskrieges, in dessen Schatten auch der Holocaust stattgefunden hatte. Er markiert zugleich die Befreiung von der NS-Diktatur, die bereits 1933 als eine ihrer ersten Maßnahmen die kommunale Selbstverwaltung der Weimarer Republik zerstört und durch das Führerprinzip ersetzt hatte. Erst der 8. Mai 1945 schuf die Voraussetzungen für den demokratischen Wiederaufbau der Kommunen.
Diese Tatsache wird auf kommunaler Ebene bislang viel zu wenig gewürdigt. Der 8. Mai wäre das geeignete Datum, die Bedeutung dieser historischen Errungenschaft für die hiesige Bevölkerung dauerhaft bewusst zu halten und konkreter erlebbar zu machen.
Die Stadt Gelsenkirchen und ihre Bevölkerung waren vom Terror der NS-Diktatur, den Auswirkungen des Holocaust wie auch vom Krieg massiv betroffen. Die menschlichen und strukturellen Folgen sind bis heute wahrnehmbar:
Insgesamt verloren zwischen 1939 und 1945 rund 20.000 Gelsenkirchener Bürger*innen durch die Politik des NS-Regimes ihr Leben, darunter ca. 500 rassisch oder politisch Verfolgte, 7.000 Vermisste, 3.500 Zwangsarbeiter, 3.000 Bombenopfer und 10.340 tote Gelsenkirchener Soldaten.
Die massiven Luftangriffe der letzten Kriegsjahre legten nicht nur große Teile der kriegswichtigen Industrieanlagen, sondern auch der Wohnstadtteile in Schutt und Asche und zerstörten damit auf Jahre hinaus die Lebensgrundlage von Hunderttausenden.

Das Aufrüstungsdiktat vor dem Krieg und die durch die Kriegszerstörungen verursachte Notwendigkeit zur Kohle- und Stahlproduktion für den Wiederaufbau nach dem Krieg verurteilten die Stadt Gelsenkirchen zur Aufrechterhaltung ihrer schwerindustriellen Monostruktur und verhinderten frühzeitig mögliche andere Entwicklungswege. Diese einseitige wirtschaftliche Orientierung erwies sich spätestens in der Kohle- und Stahlkrise als wirtschaftspolitische Sackgasse und wirkt sich bis heute als nachhaltige Langzeitfolge negativ auf die lokale Wirtschaftsstruktur, den Arbeitsmarkt und damit auf die Lebensqualität eines beträchtlichen Teils der Gelsenkirchener*innen aus.
Der 8. Mai als Feiertag wäre das geeignete Datum, diese historischen Zusammenhänge und die damit verbundene Verantwortung für den Frieden gerade in einer Stadt wie Gelsenkirchen insbesondere in der jüngeren Generation stärker als bisher bewusst zu machen und mit Leben zu füllen.
Das aktive Gedenken an den 8. Mai ist ein klares Zeichen gegen Rechts. Inzwischen leben nur noch wenige Menschen, die eigene Erinnerungen an die NSZeit und den 2. Weltkrieg haben. Stattdessen erleben wir seit den 1990er Jahren einen verstärkten Aufschwung rechter und rechtsextremer Parteien in unserer Stadt, angefangen von den Republikanern, über Pro NRW bis hin zur AfD, die alle in den Rat der Stadt eingezogen sind. Nach Hakenkreuzschmierereien und Morddrohungen gegenüber Politiker*innen erleben wir gerade in jüngster Zeit, wie sich rechte Strukturen auch in unserer Stadt herausbilden, wachsen und aktuelle Unsicherheiten für ihre Ziele auszunutzen versuchen.
Oberbürgermeister Frank Baranowski hat in seiner Rede am 9. November 2019 während der Gedenkveranstaltung der Demokratischen Initiative anlässlich der Reichspogromnacht angemerkt: „Wir stellen fest, dass auch in Deutschland antisemitische Einstellungen nicht verschwunden sind. (…) Zugleich müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass Rechtsextremismus kein Phänomen von Randgruppen ist.“ Dies dürften die Gelsenkirchener Demokraten nicht akzeptieren: „Und für Nazis gibt es eben keine Toleranz! Das darf nirgendwo in Deutschland der Fall sein, und schon gar nicht in unserer Stadt, Gelsenkirchen!“
Gegenüber der erstarkenden Rechten, die sich „das Land und die Geschichte“ zurückholen will und dabei gezielt die schwierige soziale Lage der Stadt sowie die daraus bei vielen Menschen hervorgerufene persönliche Unsicherheit ausnutzen, wäre es ein starkes demokratisches und antifaschistisches Signal, den 8. Mai bundesweit zum Feiertag zu erklären. Eine solche Aufwertung dieses Tages kann dazu beitragen, die Bedeutung der Befreiung 1945 für unsere heutige demokratische Verfassung stärker bewusst zu machen und ein konsequenteres politisches Handeln gegen rechts gerade auch vor Ort durchzusetzen. Der Tag könnte zudem gezielt für Bildungs- und Aufklärungsarbeit genutzt werden, an der sich im besten Fall zahlreiche Akteur*innen mit verschiedensten Angeboten im gesamten Stadtgebiet beteiligen.
Nicht zuletzt, diese eindeutige Zielsetzung bewegte den Vorsitzenden des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Reiner Hoffmann, den Vorschlag ebenfalls zu unterstützen: „Der 8. Mai sollte gesetzlicher Feiertag werden – als ein Tag gegen Rassismus, Ausgrenzung und Diskriminierung jeglicher Form.“
Aus den genannten Gründen liegt es im Interesse der Stadt Gelsenkirchen und aller ihrer Bürger*innen, sich mit allen zur Verfügung stehenden politischen und administrativen Mitteln dafür einzusetzen, dass der 8. Mai zum bundesweiten gesetzlichen Feiertag erklärt wird.

Mörderisches Finale auch in Gelsenkirchen

Neuausgabe 2020 von Ulli Sanders „Mörderisches Finale“.

Zufällig zur aktuellen Kampagne passend, den 8. Mai als Tag der Befreiung vom Faschismus zum Feiertag zu erklären, erschien kürzlich die Neuauflage von „Mörderisches Finale“ von Ulrich Sander. Das Buch, dessen Umfang gegenüber der ersten Auflage von 2008 um 90 Seiten gewachsen ist, schildert auf nunmehr 282 Seiten Verbrechen der Nazis gegen Kriegsende im Jahre 1945 und zeigt einmal mehr die ganze Unmenschlichkeit des Naziregimes. Die Verbrechen in der Endphase des Krieges waren sowohl örtliche Amokläufe wie Teil der Nachkriegsplanung der Nazis, unliebsame Zeugen ihrer Verbrechen und Anhänger eines demokratischen Neuaufbaus zu beseitigen.

Als die erste Auflage 2008 erschien, handelte es sich um das erste Buch zur Geschichte der Kriegsendphasenverbrechen, zusammengetragen als journalistische Arbeit auf der Basis von zahlreichen Berichten. Inzwischen hat sich auch die Geschichtswissenschaft dem Thema zugewandt. Und trotz der lange verstrichenen Zeit gab es in den vergangenen Jahren noch immer Neu- und Wiederentdeckungen oft vergessener und verdrängter Verbrechen.

In der Neuauflage kommen auch Gelsenkirchener Verbrechen vor. In der alphabetischen Auflistung der Tatorte taucht unsere Stadt mit den beiden in Gelsenkirchen bekannten Erschießungen von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern im Stadtgarten (Alt-Gelsenkirchen) und im Westerholter Wald (Gelsenkirchen-Buer) unmittelbar vor Kriegsende sowie weiteren Erschießungen an anderen Orten auf. Vor dem Polizeipräsidium in Gelsenkirchen-Buer erinnert inzwischen eine von der Arbeitsgruppe Stolpersteine in das Pflaster eingelassene Stolperschwelle an die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, im Stadtgarten eine Erinnerungsortetafel an das dortige Verbrechen. Die Recherchen von Andreas Jordan (Gelsenzentrum e.V.) zu den Vorfällen in Buer gingen in die Veröffentlichung ein.

Ulrich Sander: Mörderisches Finale. NS-Verbrechen bei Kriegsende 1945, Köln 2020

Kampagne #GEfeiert8Mai des Aktionsbündnisses!

Der Hashtag der Kampagne des Aktionsbündnisses: Hochhalten und mitmachen!

Gerade erst begonnen hat die Kampagne des Gelsenkirchener Aktionsbündnisses gegen Rassismus und Ausgrenzung, mit der das Bündnis ein deutliches Signal auch aus Gelsenkirchen fordert, den 8. Mai zum Feiertag zu machen. Nach der kontaktlosen Menschenkette am 8. Mai im Stadtgarten hat das Bündnis einen Offenen Brief an den Oberbürgermeister der Stadt Gelsenkirchen und die demokratischen Parteien im Rat der Stadt mit dieser Forderung geschickt.

Im Facebook-Eintrag des Bündnisses heißt es: „Denn gerade in der aktuellen Situation ist es wichtig ein klares Zeichen für Demokratie und Solidarität auszusenden. Gemeinsam mit der Stadtgesellschaft wollen wir bekräftigen, dass wir auch und immer noch 75 Jahre nach Kriegsende weltweit gegen Rassismus, Nationalismus und Antisemitismus eintreten und kämpfen. Dazu fordern wir einen freien Tag, an dem Aufklärungs- und Bildungsarbeit zu aktuellen antifaschistischen Themen geleistet, auf den historischen Faschismus zurückgeblickt, an seine Opfer gedacht werden und die Befreiung von Nazi-Deutschland gefeiert werden kann!“

Diese Kampagne kann jede Gelsenkirchenerin und jeder Gelsenkirchener mit Bildern oder kurzen Videos unterstützen, auf denen sie oder er den Hashtag #GEfeiert8Mai hochhält und dabei erklärt, warum der 8. Mai ein Feiertag werden soll. Die Fotos oder Videos können per Facebook oder an die E-Mail-Adresse des Bündnisses AB-GE@mailbox.org geschickt werden. Die gesammelten Statements sollen noch vor der nächsten Sitzung des Rates der Stadt Gelsenkirchen am 25. Juni in einer gemeinsamen starken Botschaft veröffentlicht werden.

8. Mai arbeitsfrei! Zeit für Antifaschismus!

Eines der vielen selbstgemachten Plakate und ein Blick auf einen Teil der Menschenkette.

Den Kontaktbeschränkungen aufgrund der Corona-Pandemie zum Trotz fanden sich am heutigen 8. Mai 2020 über 50 Demonstranten ein, um bei schönstem Wetter im Stadtgarten dafür zu demonstrieren, den 8. Mai als Tag der Befreiung vom Faschismus zum Feiertag zu machen. Das Gelsenkirchener Aktionsbündnis gegen Rassismus und Ausgrenzung hatte angesichts der 75. Wiederkehr des 8. Mai 1945 zu einer kontaktlosen Menschenkette aufgerufen, die vom Mahnmal für die Opfer des Faschismus in Richtung eines kleinen Gedenkortes ging, an dem in den letzten Kriegstagen 1945 noch sowjetische Zwangsarbeiter ermordet worden waren. Insgesamt sechs Rednerinnen und Redner, deren Reden zudem direkt ins Internet gestreamt wurden, machten anhand historischer und aktueller Entwicklungen die Notwendigkeit dieses Tages als Feiertag deutlich.

Die Reden wurden vor dem Hintergrund des Mahnmals für die Opfer des Faschismus in Gelsenkirchen gehalten, welches auf Initiative der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) und mit Unterstützung der Stadt Gelsenkirchen errichtet und am 10. September 1950 feierlich der Öffentlichkeit übergeben worden war. Die heutige VVN-BdA hat an diesem Tag das Mahnmal mit einem Transparent ergänzt, das auf die vielen ehemaligen Außenlager des KZ Buchenwald an Rhein und Ruhr hinweist.

Das Transparent der VVN-BdA NRW wurde dank tatkräftiger Hilfe für die Dauer der Veranstaltung am Mahnmal angebracht.

Die Redner*innen Hartmut, Ada, Gregor, Klaus, Peter und Knut thematisierten in unterschiedlicher Weise den 8. Mai. So konnte Hartmut aus eigener Anschauung berichten, wie in Gelsenkirchen in den 1980er Jahren die Beschäftigung mit der Nazi-Vergangenheit in Gelsenkirchen begonnen hatte. Beeindruckend fand ich die Rede von Ada, die nicht nur auf die ganz konkreten Gefahren hinwies, die von den aktuellen Entwicklungen angesichts der Bedeutungszunahme rechtsextremer Ideologie und Gewalttaten und rechtspopulistischer bis faschistischer Parteien und Organisationen ausgeht, sondern zugleich um ein Zeichen gegen rechts zu setzen zu einer Gegendemonstration an diesem Sonntag aufrief. In den Reden von Hartmut, Gregor und Knut wurde auch Alexander Gaulands jüngste Äußerungen angesprochen, der den 8. Mai für nicht würdig hält, und nur deutlich macht, wie sehr er und die AfD für ein Deutschland bis 1945 steht.

Die Forderung aus der kontaktlosen Menschenkette im Stadtgarten.

Anlass für die Kundgebung war nicht zuletzt die bundesweite Kampagne der Auschwitz-Überlebenden Esther Bejarano und der VVN-BdA, die fordern, den 8. Mai als Tag der Befreiung vom Faschismus zum Feiertag zu erklären. Über 100.000 Unterstützerinnen und Unterstützer hat die Petition bereits gefunden, deren 100.000 Unterschriften am gestrigen 7. Mai in Berlin Vertretern von SPD, Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke übergeben worden sind. Gewerkschafter und Politiker aus demokratischen Parteien unterstützen die Forderung ebenfalls.

Im Laufe der Kundgebung wurde die kontaktlose Menschenkette immer länger.

Peter Gingold, deutsch-jüdischer Widerstandskämpfer in der französischen Resistance, sprach vom 8. Mai als dem „Morgenrot der Menschheit“!. Darum lasst uns in jedem Jahr an jedem 8. Mai gemeinsam das Morgenrot der Menschheit feiern, denn wir wissen: Wer nicht feiert, hat (den Krieg) verloren!

Im Bild Klaus Brandt, der ewig unbequeme Sozialdemokrat in Gelsenkirchen.

Ergänzte Fassung.

8. Mai zum Feiertag machen!

Auschwitz-Überlebende fordert den 8. Mai zum Feiertag zu machen!

Das Mahnmal für die Opfer des Faschismus in Gelsenkirchen, auf Initiative der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) mit Unterstützung der Stadt im Stadtgarten errichtet und am 10. September 1950 feierlich der Öffentlichkeit übergeben, wird am 8. Mai 2020 Ausgangspunkt einer kontaktlosen Menschenkette sein, die bis zu dem Ort reicht, an dem noch kurz vor Kriegsende sowjetische Zwangsarbeiter – vermutlich von einer Volkssturmeinheit – ermordet und in einem Bombentrichter verscharrt worden sind.

Veranstalter ist das Gelsenkirchener Aktionsbündnis gegen Rassismus und Ausgrenzung, Anlass ist die 75. Wiederkehr des Jahrestages der Befreiung Europas vom Faschismus am 8. Mai 1945. Eine aufgrund der Kontaktbeschränkungen wegen der Corona-Pandemie kontaktlose Menschenkette soll diese beiden Orte ab 17 Uhr miteinander verbinden. Ziel des Bündnisses ist es, nicht nur an die Geschichte des Faschismus zu erinnern, sondern zugleich auch den Blick für die Gegenwart zu schärfen, angesichts der Zunahme rechtsextremer Gewalttaten und rechtspopulistischer bis faschistischer Parteien, Organisationen und Aktivitäten.

Zugleich wirbt das Aktionsbündnis für die Kampagne der Auschwitz-Überlebenden und Ehrenvorsitzenden der VVN-BdA, Esther Bejarano, den 8. Mai zum Feiertag zu erklären. Zur Online-Petition, die bereits mehr als 80.000 Unterstützer gefunden hat, geht es hier. Bitte unterschreibt weiterhin zahlreich. Wer nicht feiert, hat verloren!

Erinnern lässt sich nicht verbieten!

Einzelpersonen legten im Laufe des Tages Blumen und Kränze nieder.

Die Sonne schien hell und freundlich als ich heute gegen Mittag den Friedhof Horst-Süd erreichte. Die von der Stadt Gelsenkirchen mit Bezug auf die Friedhofssatzung verbotene antifaschistische Gedenkfeier von mehreren nicht nur linken Organisationen anlässlich des 100. Jahrestages von Kapp-Putsch und Märzrevolution 1920 fand nicht statt.

Stattdessen fanden zahlreiche Einzelpersonen ihren Weg hierhin und legten Blumen und Kränze am antifaschistischen Mahnmal nieder, das Moorsoldatenlied auf den Lippen. Einzelne Besucher fanden auch den Weg zum Mahnmal für die sowjetischen Zwangsarbeiter und zum Grab- und Mahnmal für die jüdischen Frauen des KZ-Außenlagers Gelsenberg.

Erinnern lässt sich nicht verbieten!

Stadt Gelsenkirchen verbietet antifaschistische Gedenkfeier!

1947/48 auf dem Friedhof Horst-Süd von der VVN errichtetes Denkmal für den antifaschistischen Arbeiterwiderstand, zur Erinnerung an die 1920 im Anschluss an den Kapp-Putsch von rechtsradikalen Freikorps ermordeten Mitglieder der Roten Ruhrarmee und ergänzt um Horster Widerstandskämpfer 1933-1945, insbesondere der Franz-Zielasko-Gruppe.

Die für Samstag, 14.03.2020 ab 14.00 Uhr geplante Gedenkfeier zu Ehren der 1920 im Anschluss an den Kapp-Putsch ermordeten Arbeiter der Roten Ruhrarmee wird vom Veranstalterkreis abgesagt. Die Stadt Gelsenkirchen hatte unter Berufung auf die Friedhofssatzung eine Gedenkveranstaltung unter Androhung einer Geldstrafe in Höhe von 2.500 Euro verboten. Mit dem Generalstreik und der Märzrevolution hatten vor 100 Jahren auch Gelsenkirchener Arbeiter den rechtsradikalen Kapp-Putsch zum Scheitern gebracht und damit die Weimarer Republik vor ihren Feinden gerettet. Genutzt hat ihnen das nichts. Viele revolutionäre Arbeiter fielen anschließend dem Terror von Reichswehr und Freikorps zum Opfer.

Die von der Stadtverwaltung verhängte Nutzungsuntersagung auf städtischen Friedhöfen stößt beim Kreis der Veranstalter auf völliges Unverständnis. Wenn andere – auch nicht-kirchliche – Veranstalter Gedenkfeiern durchführen können, dann dürfte es für ein antifaschistisches Gedenken keine Ausnahmeregelung geben. Das gilt um so mehr in der heutigen Zeit, in der es von Tag zu Tag notwendiger wird, Flagge zu zeigen gegen Faschismus und rechten Terror. Die geplante Gedenkfeier sollte aus diesem Grund auch die Opfer unter den jüdischen KZ-Sklavenarbeiterinnen und den sowjetischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern mit einschließen, denen auf dem Friedhof Horst-Süd ebenfalls Denkmale gewidmet sind.

Auf Unverständnis stößt die Entscheidung der Stadt auch deshalb, weil würdige Gedenkfeiern zu Ehren der ermordeten Bergarbeiter und der dort ebenfalls bestatteten Widerstandskämpfer gegen das Nazi-Regime bereits seit Jahren auf dem Friedhof Horst-Süd ohne Beanstandungen durchgeführt worden sind. Außerdem finden zum 100. Jahrestag der Märzrevolution in zahlreichen Städten Gedenkfeiern und Veranstaltungen dieser Art statt, auch auf Friedhöfen, und nicht selten unter Beteiligung städtischer Repräsentanten.

In Gelsenkirchen wird es dagegen an diesem Samstag keine würdevolle Gedenkfeier geben, statt dessen werden zahlreiche Einzelpersonen ab 14 Uhr an den Gedenksteinen Blumen niederlegen, den Opfern des rechten Terrors von vor 100 Jahren still die Ehre erweisen und sich ihren Teil über eine bornierte Stadtverwaltung denken.

Von Lenin-Denkmalen und Nazi-Schwertern

Ein Denkmal als touristisches Ziel: Karl Marx und Friedrich-Engels in Berlin-Mitte, besucht vom Autor dieses Beitrags im Juli 2008.

Denkmalstreit in Gelsenkirchen. Reichlich Aufmerksamkeit erfährt derzeit eine 2,15 Meter hohe Lenin-Statue, die die MLPD, die Lenin in ihrem Namen führt, vor ihrem Zentralkomitee in Gelsenkirchen-Horst am 14. März 2020 aufstellen will. Diese Aufregung hätte ich mir gewünscht, als 2015 die Stadt Gelsenkirchen ein 1937 errichtetes und 6 Meter hohes faschistisches Kriegerdenkmal unter Denkmalschutz gestellt und an einen öffentlichen Weg gestellt hat. Zuletzt ist bekanntlich anlässlich der Vorgänge in Thüringen, wo ein faschistischer Politiker mit seiner Partei demokratischen Politikern Fallen stellt, besonders aus den Reihen der Christdemokraten betont worden, dass man gleichermaßen weder mit den ganz Linken noch mit den ganz Rechten zusammenarbeiten will. Doch scheint es nicht nur in Gelsenkirchen einen Unterschied zu machen, ob die Stadt ein Denkmal in faschistischer Ästhetik an einen öffentlichen Weg oder eine ganz weit linke Partei eine Lenin-Statue vor ihrem Sitz aufstellt. Auf dem rechten Auge blind?

Bis in die FAZ hat es der Denkmalstreit in Gelsenkirchen unter dem Titel „Lenin steht demnächst im Westen“ geschafft. Patrick Bahners zeigt sich in seinem Artikel amüsiert darüber, dass „die Partei seit 38 Jahren die ’systematische und beharrliche Kleinarbeit‘ zur Vorbereitung der Revolution verrichtet, mit der sie sich in ihrem Programm beauftragt hat.“ Hervorgegangen aus eine der vielen linken Splittergruppen der 1970er Jahre spielt die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands im bundesdeutschen Parteiensystem und auch in Gelsenkirchen keine Rolle. So erreichte sie zur Landtagswahl 2017 in Gelsenkirchen, am Sitz ihres Zentralkomitees, 0,49 % der Stimmen, dahinter verbergen sich 494 Wählerinnen und Wähler, vermutlich überwiegend die eigenen Parteimitglieder nebst Sympathisanten.

Gegen Lenin fand sich – nicht überraschend – eine ganz ganz große Koalition am 03. März 2020 in der Bezirksvertretung West im Rittersaal von Schloß Horst aus SPD, CDU, Bündnis 90/Die Grünen … und AfD-Mann Martin Jansen zusammen, die für eine „Resolution für Rechtsstaat und Demokratie und gegen die Aufstellung einer Lenin-Statue in Gelsenkirchen-Horst durch die MLPD“ stimmten. Doch der zu dem Zeitpunkt bereits laufende Versuch der Stadtverwaltung, das Denkmal mit einem politisch motivierten und mit Schein-Argumenten des Denkmalschutzes begründeten Baustopp zu verhindern, scheiterte krachend am 5. März 2020 vor dem Verwaltungsgericht Gelsenkirchen. Natürlich feierte die MLPD ihren Sieg und verkündete auf „Rote Fahne News“ – auch nicht überraschend – den „vollständigen politischen Sieg Lenins und der MLPD vor Gericht gegen SPD, B90/Grüne, CDU und den faktisch-politischen Amtsmissbrauch von OB Baranowski in Gelsenkirchen“ mit stolzgeschwellter Leninbrust und einem internationalen Pressespiegel.

Erinnerung an Karl Liebknecht in Berlin-Mitte und die Ausrufung der sozialistischen Republik am 9. November 1918, fotografiert im Juli 2008.

Tomas Grohé, Linke-Bezirksvertreter in Horst, kritisierte in der Sitzung der Bezirksvertretung „das antikommunistische Gezeter der vorliegenden Resolution“, das er „eher wie das hysterische Gegacker einer Hühnerschar, der ein ausgestopfter Fuchs vor den Zaun gestellt wurde“ empfände. Allerdings kritisierte er auch die Aufstellung einer Lenin-Statue und fände „für die Entwicklung unseres Landes viel provokativer und für politische Auseinandersetzungen nützlicher“ die Aufstellung einer „Statue von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht …, die von rechtsradikalen Militärs quasi in staatlichem Auftrag ermordet wurden.“

Als weitere Reaktion mokierte sich ein Kommentator unter einem WAZ-Artikel darüber, dass der Stadt sonst nix als der Denkmalschutz eingefallen sei. – Nun hatte der Denkmalschutz auch bei der Umstellung des faschistischen Nazi-Schwerts 2015 eine bedeutende Rolle gespielt, damals allerdings in die entgegengesetzte Richtung.

Das Nazi-Schwert vom Schalker Verein an seinem alten Standort – zugewachsen und vergessen hinter den Torhäusern.

Das faschistische Denkmal war 1937 auf dem Betriebsgelände des Schalker Vereins im Stadtteil Bulmke-Hüllen errichtet worden. Es entstand vermutlich als Auftragsarbeit der Werksleitung und wurde nach Entwürfen des Bildhauers Hubert Nietsch, der durch weitere nazi-affine Kunst bekannt ist, gestaltet. Eingeweiht wurde es inmitten eines sogenannten „Ehrenhofes“ mit einer Feier am 1. Mai 1937, den von der internationalen Arbeiterbewegung gestohlenen und von den Nazis zum „Tag der nationalen Arbeit“ umgedeuteten Mai-Feiertag. Die beiden Seiten der Stele sind mit „Unseren gefallenen Arbeitskameraden 1914 1918“ und „Sie starben für Deutschland“ beschriftet und zeigen überdeutlich den Zweck des Objektes, nämlich mit der Errichtung von Kriegerdenkmalen für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs den Eroberungs- und Vernichtungskrieg, den wir heute als Zweiten Weltkrieg kennen, ideologisch vorzubereiten. Dies wurde von den Nazis auch offen bei den Einweihungsreden ausgesprochen.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges waren die Jahreszahlen „1939 1945“ hinzugefügt worden. Danach war das Nazi-Schwert völlig in Vergessenheit geraten und wuchs an einer unbeachteten Stelle hinter den Torhäusern zu. Erst nach dem Verkauf des Schalker Vereins an die Firma Saint-Gobain und aufgrund der Umgestaltung des Werksgeländes war es wieder in den öffentlichen Fokus geraten.

Am 4. März 2015 wurde die Eintragung in die Denkmalliste durch die Bezirksvertretung Gelsenkirchen-Mitte beschlossen. Die Beschlussvorlage enthält eine ausführliche Begründung des Denkmalwerts und nennt historische und kunstgeschichtliche Gründe, die für die „Erhaltung und Nutzung“ des Nazi-Schwerts sprächen. In derselben Sitzung wurde mit einer weiteren Beschlussvorlage die geplante Verlagerung des Denkmals an einen öffentlichen Fußweg vorgestellt. Als Grund wird angegeben, dass es am jetzigen Standort „einer Vermarktung und Entwicklung eines Gewerbe- und Industrieparks im Wege“ stünde. Die Kosten der Verlagerung in Höhe von rund 30.500 Euro würden sich der Eigentümer, die Firma Saint-Gobain und die Stadt Gelsenkirchen teilen. Mit der Standortverlagerung werde das Nazi-Schwert zugleich in einen neuen Kontext gestellt.

Am neuen Standort neben einem öffentlichen Weg soll das Nazi-Schwert nun zu Frieden und Völkerverständigung mahnen.

Doch der „neue Kontext“ bestand – ohne eine Änderung der Ästhetik – nur aus einer einfallslosen Ergänzung durch einen Steinblock mit der Aufschrift „Die Toten mahnen zum Frieden“ sowie einer erläuternden ISG-Erinnerungsortetafel.

War dieser Vorgang schon unverständlich und unerträglich genug, schaffte die etablierte Stadtgesellschaft noch eine völlig unerwartete Steigerung. So plante die „Demokratische Initiative gegen Diskriminierung und Gewalt, für Menschenrechte und Demokratie“ (DI) ihre jährliche Veranstaltung am 9. November zur Erinnerung an die Reichspogromnacht 1938 an eben diesem faschistischen Kriegerdenkmal enden zu lassen. Nur aufgrund öffentlicher Kritik änderte die DI ihre Route ein wenig und hielt am faschistischen Kriegerdenkmal eine Zwischenkundgebung ab, die Abschlusskundgebung wurde auf den zufällig in der Nähe liegenden Alten Jüdischen Friedhof verlegt. Vom Schwert zum Friedhof, dazu fiel auch mir damals wie heute nichts mehr ein.

Mein Fazit frei nach Max Horkheimer: Wer aber von einem Kriegerdenkmal in faschistischer Ästhetik nicht reden will, sollte auch von einer Lenin-Statue schweigen.

Erinnerungsorte auf dem Horster Süd-Friedhof

Am 9. November 2003 übergab der damalige Oberbürgermeister Oliver Wittke (CDU) im Rahmen der jährlichen Gedenkfeier der Demokratischen Initiative (DI) die Informationstafel der Öffentlichkeit, die den anonymen Opfern ihren Namen wiedergibt.

In diesem Jahr jähren sich zum 75. Mal die Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz durch die Rote Armee am 27. Januar 1945 und die Befreiung Europas vom Faschismus am 8. Mai 1945 sowie zum 100. Mal der Kapp-Putsch vom 13. März 1920 und die darauffolgende Märzrevolution 1920. Auf dem Friedhof Horst-Süd befinden sich drei Denkmale aus der unmittelbaren Nachkriegszeit, die an die Ereignisse erinnern. Die Fotos entstanden im Rahmen der Antifaschistischen Stadtrundfahrt, die Die Linke am 26. Januar 2020 im Rahmen der Aktionswochen zum Holocaust-Gedenktag des Gelsenkirchener Aktionsbündnisses gegen Rassismus und Ausgrenzung durchführte.

Wie überall in Nazi-Deutschland wurden auch in Gelsenkirchen an vielen Orten sowjetische Kriegsgefangene und andere Sowjetbürgerinnen und -bürger Opfer der faschistischen Ausbeutungs- und Vernichtungspolitik (siehe zum Beispiel hier, hier und hier). Auf dem Gelände des in der Nacht vom 12./13. Juni 1944 stark beschädigten Jüdischen Friedhofs der Horster Juden aus dem Jahre 1920 wurden Massengräber angelegt, in denen Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter aus der Sowjetunion beerdigt wurden, die zum Beispiel auf der Zeche Nordstern oder im Hydrierwerk der Gelsenberg Benzin AG Zwangsarbeit leisten mussten. Nach Kriegsende wurden hierhin weitere sowjetische Tote umgebettet. Auf Veranlassung des Alliierten Kontrollrates, der die Regierungsgewalt nach der bedingungslosen Kapitulation Nazi-Deutschlands übernommen hatte, wurde der Gedenkstein aufgestellt, der in kyrillischer Schrift an die 884 sowjetische Bürger erinnert, „die in der faschistischen Gefangenschaft in der Zeit von 1941 bis 1945 umgekommen sind“. Die genaue Zahl war erst 1970 nachgetragen worden.

Grabstätte für sowjetische Zwangsarbeiter aus der unmittelbaren Nachkriegszeit.

Zu den kriegswichtigen Betrieben gehörte die Gelsenberg Benzin AG (heute BP). 1936 als Tochtergesellschaft der Gelsenkirchener Bergwerks-AG gegründet, lieferte es ab Sommer 1939 Benzin mit Kohle aus der Schachtanlage Nordstern 3/4. Während des alliierten Luftangriffs vom 13. Juni 1944 wurde das Hydrierwerk so schwer getroffen, dass die Produktion gestoppt wurde. Für die Beseitigung der Schäden wurde eines der vielen Außenlager des KZ Buchenwald eingerichtet. Mit etwa 2000 ungarische Jüdinnen, die nach der deutschen Besetzung Ungarns im März 1944 zuerst ghettoisiert und nach Auschwitz deportiert worden waren, wurde das KZ-Außenlager am 4. Juli 1944 errichtet. Untergebracht waren sie nördlich des Linnenbrinksweg auf dem Betriebsgelände des Werkes in Zelten in einem mit Stacheldraht umzäunten und von Wachtürmen umgebenen Lager. Die Mädchen und Frauen mussten bei karger Ernährung 12 Stunden täglich harte körperliche Zwangsarbeit verrichten.

Grab und Mahnmal KZ Buchenwald Außenlager Gelsenberg (1948).

Bereits im August wurden 520 Frauen in ein weiteres Buchenwalder KZ-Außenlager in der Essener Humboldtstraße für die Zwangsarbeit in den Krupp-Walzwerken selektiert. Am 11. September 1944 wurden die hier verbliebenen Frauen Opfer eines weiteren Luftangriffs auf das Hydrierwerk, dabei kamen etwa 150 ums Leben und etwa 100 weitere von ihnen wurden verletzt. Dies lag nicht zuletzt daran, dass den jüdischen Frauen der Zutritt zu den Schutzbunkern verboten war und sie dem Bombenhagel schutzlos ausgeliefert waren. Das Lager wurde schließlich am 14./15. September 1944 aufgelöst und die Frauen für die Firma Rheinmetall Borsig AG nach Sömmerda in Thüringen deportiert. Im Marien-Hospital in Gelsenkirchen-Rotthausen konnten dank des Einsatzes des Chefarztes Dr. Rudolf Bertram und mit Hilfe von Krankenschwestern und Unterstützern 17 schwerverletzte Frauen vor der Gestapo versteckt werden und erlebten so die Befreiung vom Faschismus.

Am 16. September 2018 wurde das Mahnmal mit einer Skulptur ergänzt, die von angehenden Steinmetzen des Hans-Schwier-Berufskollegs Gelsenkirchen erarbeitet und gefertigt worden war.

Die sterblichen Überreste der ums Leben gekommenen Frauen wurden zunächst auf dem Lagergelände verscharrt, am 14. Juli 1948 wurde hier durch das jüdische Hilfskomitee der Gedenkstein aufgestellt. In den 1950er Jahren wurde das Mahnmal auf den Horster Süd-Friedhof verlagert und die sterblichen Überreste der Frauen umgebettet. Am 9. November 2003 übergab der damalige Oberbürgermeister Oliver Wittke (CDU) im Rahmen der jährlichen Gedenkfeier der Demokratischen Initiative (DI) die Informationstafel der Öffentlichkeit, die den anonymen Opfern ihre Namen wiedergibt. Am 16. September 2018 wurde das Mahnmal mit einer Skulptur ergänzt, die von angehenden Steinmetzen des Hans-Schwier-Berufskollegs Gelsenkirchen erarbeitet und gefertigt worden war. Aus Anlass des 75. Jahrestages der Selbstbefreiung des KZ Buchenwalds wird die VVN-BdA NRW gemeinsam mit ihren Kreisvereinigungen am 18./19. April 2020 Veranstaltungen an mehreren Außenlagern des KZ Buchenwalds an Rhein und Ruhr durchführen.

Das sogenannte „Kapp-Putsch-Mahnmal“, 1947/48 von der VVN errichtet, hier in sehr schlechtem Zustand.

An den Arbeiterwiderstand gegen den Faschismus des Jahres 1920 und der Jahre 1933 bis 1945 erinnert schließlich das 1947/48 von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) errichtete Denkmal. Es wird vom Institut für Stadtgeschichte (ISG) – nicht überraschend – als „Kapp-Putsch-Mahnmal“ bezeichnet. Tatsächlich erinnert es erneut an die 1920 im Anschluss an den Kapp-Putsch von rechtsradikalen Freikorps ermordeten Mitglieder der „Roten Ruhrarmee“ (das ursprüngliche Denkmal war von den Nazis zerstört worden) und an Horster Widerstandskämpfer 1933-1945, insbesondere der Franz-Zielasko-Gruppe. Eine jährliche Gedenkveranstaltung an die Märzrevolution 1920 führen hier seit Jahren MLPD & Freunde durch, in diesem Jahr ist anlässlich der 100. Jahrestages eine gemeinsame Veranstaltung von DKP, Die Linke und MLPD geplant. Details liegen noch nicht vor.

Quellen und weiterführende Informationen
https://www.gelsenkirchener-geschichten.de/wiki/Friedhof_Horst-Süd
http://www.gelsenzentrum.de/gelsenberg_lager.htm
https://www.lokalkompass.de/gelsenkirchen/c-kultur/das-kz-aussenlager-buchenwald-in-gelsenkirchen-horst_a88752