Archiv der Kategorie: Erinnerungskultur

Gunter Demnig verlegt auch 2022 weitere Stolpersteine

Ein Blick in den Wagen von Gunter Demnig mit den für die Verlegungen vorbereiteten Stolpersteine. (Archivbild 2016).

Das größte und dezentrale Denkmal der Welt wächst weiter – auch in Gelsenkirchen. Seit 2009 kommt der Kölner Bildhauer und Aktionskünstler Gunter Demnig nun in unsere Stadt, um auch hier weitere Stolpersteine zu verlegen. Jeder einzelne Stolperstein erinnert am letzten, frei gewählten Wohnort an einen von den Nazis verfolgten oder ermordeten Menschen. Nur wenige konnten durch Flucht ihr Leben retten, die meisten wurden unter unsäglichen Bedingungen ermordet.

Zu den bisher 265 in Gelsenkirchen verlegten Stolpersteinen kommen nun 18 weitere hinzu, die ein kleines Mosaikbild der faschistischen Politik zeigen. Neben Demnig, der die Verlegung durchführt, Gästen, Stolperstein-Patinnen und Paten nimmt auch eine Schülerinnen-und-Schüler-Gruppe der Gesamtschule Berger Feld teil. Organisiert von der Arbeitsgruppe Stolpersteine des Vereins Gelsenzentrum, ist die folgende Verlegereihenfolge geplant, zu der die Öffentlichkeit herzlich eingeladen ist. Für Interessierte gilt es, ein Zeitfenster von ± 20 Minuten zu den genannten Uhrzeiten einzuplanen. Es gelten bei den kleinen Verlegezeremonien die jeweils aktuellen Corona-Richtlinien.

Samstag 11. Juni 2022

14.30 Uhr Mühlenstr. 5-9, Norman C. Cowley

15.15 Uhr Emscherstr. 41, Jürgen Sommerfeld

16.00 Uhr Hauptstr. 16, Lore Grüneberg

16.30 Uhr Gildenstr. 7, Ehepaar Ida u. Josef Schlossstein

17.00 Uhr Bahnhofstr. 55-65, Dr. Alfred Alsberg

17.30 Uhr Von-Der-Recke-Str. 11, Ida Reifenberg

17.45 Uhr Husemannstr. 39, Familie Leibisch Grün

Dienstag, 14. Juni 2022

10.00 Uhr Vera Polyakova, Dessauerstr. 72

10.40 Uhr Ehepaar Meyer, Florastr. 166

Veranstaltungsprogramm zum 8. Mai 2022

Werbung für den Tag der Offenen Tür am 8. Mai 2022.

Nachdem das Gelsenkirchener Aktionsbündnis gegen Rassismus und Ausgrenzung in den beiden vergangenen Jahren jeweils Veranstaltungen zum 8. Mai durchgeführt hatte, um die Forderung der Auschwitz-Überlebenden Esther Bejarano und der VVN-BdA, den 8. Mai als Tag der Befreiung vom Faschismus zum Feiertag zu erheben und um zu zeigen, wie sich ein solcher Feiertag mit Leben füllen lässt, gibt es in diesem Jahr erstmalig in unserer Stadt ein gemeinsames Programm der städtischen Kultur- und Bildungseinrichtungen sowie des Gelsenkirchener Aktionsbündnisses gegen Rassismus und Ausgrenzung.

Zwischen dem 8. und dem 18. Mai 2022 finden eine Reihe unterschiedlicher Veranstaltungsformate statt. Beginnend mit dem Tag der Offenen Tür in der Dokumentationsstätte „Gelsenkirchen im Nationalsozialismus“ in Gelsenkirchen-Erle mit Führungen durch die Ausstellung um 11 und 15 Uhr finden an den darauffolgenden Tagen unter anderem Vorträge, ein Workshop zwei Filmvorführungen und eine Buchpräsentation statt. Veranstalter sind das Institut für Stadtgeschichte, die Volkshochschule bzw. die flora. Die Stadtbibliothek bietet den Schulen Recherchetrainings sowie ein digitales Medienverzeichnis zum Thema 8. Mai an. Die AG „Laufend erinnern“ gedenkt auf dem Friedhof in Gelsenkirchen-Heßler.

Das Gelsenkirchener Aktionsbündnis gegen Rassismus und Ausgrenzung als Repräsentant der Zivilgesellschaft beteiligt sich mit drei Veranstaltungen: in Gelsenkirchen-Horst steht Stolpersteine putzen auf dem Programm, an der Altstadtkirche wird eine Mahnwache für den Frieden abgehalten und eine Antifaschistische Fahrradtour führt zu den Kriegerdenkmalen in Gelsenkirchen.

Das komplette Programm mit allen Infos und Zeitangaben ist hier zu finden. Voranmeldungen sind nur bei den Veranstaltungen der VHS erforderlich, alle übrigen können ohne Anmeldung – spontan – besucht werden.

Achter Mai arbeitsfrei – Zeit für Antifaschismus!

8. Mai 2020: Eines der vielen selbstgemachten Plakate und ein Blick auf einen Teil der kontaktlosen Menschenkette.

Fast 175.000 Unterschriften hat die VVN-BdA als Initiatorin der Online-Pettion „8. Mai zum Feiertag machen! Was 77 Jahre nach Befreiung vom Faschismus getan werden muss!“ gesammelt, diese gehört schon jetzt zu einer der meist gezeichneten Online-Petition. Inspiriert wurde sie von Esther Bejarano, die als Mitglied des „Mädchenorchester von Auschwitz“ das gleichnamige Vernichtungslager, das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück und einen Todesmarsch überlebte. Bis zu ihrem Tod am 10. Juli 2021 war sie Vorsitzende des Auschwitz-Komitees in der BRD e.V. und Ehrenpräsidentin der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA).

In einem Offenen Brief hatte sie im Jahr vor ihrem Tod und einen Tag vor dem Gedenktag an die Befreiung von Auschwitz, am 26. Januar 2020 „an die Regierenden und alle Menschen, die aus der Geschichte lernen wollen“ ihre Forderung aufgestellt: „Der 8. Mai muss ein Feiertag werden! Ein Tag, an dem die Befreiung der Menschheit vom NS-Regime gefeiert werden kann. Das ist überfällig seit sieben Jahrzehnten. Und hilft vielleicht, endlich zu begreifen, dass der 8. Mai 1945 der Tag der Befreiung war, der Niederschlagung des NS-Regimes.“

Inzwischen zieht die Kampagne der VVN-BdA immer weitere Kreise. So führte Anfang April die Naturfreundejugend NRW zusammen mit zahlreichen Bündnispartnern, darunter auch der VVN-BdA NRW, den „Esther-Kongreß“ durch, und stärkt mit einer eigenen Kampagne auf NRW bezogen die Forderung, den 8. Mai zum Feiertag zu machen. In unserer Stadt, in Gelsenkirchen, hat in den beiden vergangenen Jahren das Gelsenkirchener Aktionsbündnis gegen Rassismus und Ausgrenzung um den 8. Mai eigene Veranstaltungen durchgeführt; in diesem Jahr wird erstmals die Stadt Gelsenkirchen auf der Grundlage eines Ratsbeschlusses verschiedene Veranstaltungen um den 8. Mai durchführen, an denen neben den städtischen Kultureinrichtungen und das Institut für Stadtgeschichte auch das Aktionsbündnis beteiligt sein wird. Unsere Forderung bleibt: Achter Mai arbeitsfrei – Zeit für Antifaschismus!

Baustellen der Verfolgung und des Widerstandes in Gelsenkirchen abgeschlossen

Die Erinnerungsortetafel auf dem Margarethe-Zingler-Platz.

Vor nunmehr fünf Jahren, im Jahre 2017 hatte die VVN-BdA Gelsenkirchen die innerstädtischen Baumaßnahmen zum Anlass genommen, eine Anregung nach § 24 der nordrhein-westfälischen Gemeindeordnung an den Rat der Stadt Gelsenkirchen einzureichen, um die vier innerstädtischen Plätze, die an Gegner und Opfer des Faschismus erinnern, als Plätze der öffentlichen Begegnung und der Erinnerung zu bewahren.

Zu den vier Plätzen, die an die Sozialdemokratin Margarethe Zingler, den Kommunisten Fritz Rahkob, den Geistlichen Heinrich König sowie den Juden Leopold Neuwald erinnern ist in der Zwischenzeit ein fünfter Platz hinzugekommen, der an das Sinti-Kind Rosa Böhmer erinnert. Die Neugestaltung der Plätze ist längst abgeschlossen, nur auf dem Margarethe-Zingler-Platz stand noch immer die alte Erinnerungsortetafel.

Aufgrund der Corona-Pandemie war die Aufstellung einer neuen Tafel verschoben worden. Nun, mit der auch hier neu aufgestellten Tafel, ist die Umgestaltung der Plätze abgeschlossen. In Gelsenkirchen wird an zentralen Stellen in der Innenstadt an im Faschismus verfolgte Sozialdemokrat:innen, Kommunist:innen, Christ:innen, Jüd:innen sowie Sinti und Roma erinnert.

8. Mai muss Feiertag werden!

Seit nunmehr zwei Jahren unterstützt das lokale Gelsenkirchener Aktionsbündnis gegen Rassismus und Ausgrenzung die von Esther Bejarano angestossene Kampagne der VVN-BdA, der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten, den 8. Mai zum bundesweiten Feiertag zu erheben. Esther Bejarano, Überlebende von Auschwitz, Ravensbrück und eines Todesmarsches sowie Ehrenvorsitzende der VVN-BdA, hatte vor ihrem Tod diese Kampagne angestoßen. Für 2022 plant die Stadt Gelsenkirchen aufgrund der aus den Reihen des Aktionsbündnisses eingebrachten Anträge in den Rat der Stadt eigene Veranstaltungen zum 8. Mai. Silvesterfeuerwerk wird es am 8. Mai wohl nicht geben, aber ein erster Schritt ist getan.

Lebensgeschichten hinter Stolpersteinen

Oberhausen, Stolpersteine für Familie Fruchtzweig, Rothebuschstraße 112.

Seit zwei Jahrzehnten beruflich in verschiedenen Städten des Ruhrgebietes unterwegs, bin ich jüngst in Oberhausen auf die Stolpersteine der Familie Fruchtzweig gestoßen. Auch in Oberhausen liegen inzwischen über 200 Stolpersteine des Kölner Aktionskünstler Gunter Demnig, die damit ein Teil des größten dezentralen Denkmals an die Opfer der Nazi-Barbarei sind. Stolpersteine werden in der Regel am letzten frei gewählten Wohnort in den Gehweg eingelassen und erinnern dort namentlich an die meist unter barbarischen Umständen ermordeten Menschen. Dank dem Engagement vieler Stolperstein-Paten konnte in Oberhausen seit 2008 jedes Jahr eine Verlegung stattfinden.

Ein Zeitungsbericht machte mich auf die insgesamt fünf Stolpersteine für die Mitglieder der Familie Fruchtzweig im Pflaster der Rothebuschstraße 112 aufmerksam. Direkt vor einem Friseursalon ruhen diese fünf kleinen Erinnerungsorte an Jakob, Franziska, Maria, Benno und Gustav Fruchtzweig im Gehweg und erinnern an die Geschichte von fünf Menschen, von denen zwei den Faschismus überlebt haben.

Jakob Fruchtzweig wurde am 14. Januar 1896 in Sosnowice, einem Teil Polens der zur Zeit seiner Geburt zum Russischen Zarenreich gehörte, geboren. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges 1918/20 entstand Polen neu als unabhängiger Staat. Jakob kam 1920 über Magdeburg nach Oberhausen. Er arbeitete hier als Bergmann und heiratete 1921 die 3 Jahre jüngere und gebürtige Osterfelderin Franziska Cwiertnia, obwohl deren Familie gegen die Hochzeit mit dem polnischen Juden war. Sie bekamen zwei Kinder, am 2. Mai 1922 wurde die Tochter Maria und am 29. Oktober 1929 der Sohn Benno geboren. 1925 zog die Familie von der unteren Rothebuschstraße zur Hausnummer 38 (heute Nummer 112). Sein Geschäft für Kurz- und Wollwaren befand sich dort, wo heute der Friseursalon besteht.

Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 begannen die Nazis zügig ihre Politik umzusetzen. Bereits der Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April 1933 traf das kleine Geschäft der Familie schwer, im Juli 1933 wurde das Gewerbe abgemeldet und die Familie zog 1934 nach Bottrop in eine vermeintlich sicherere jüdische Umgebung. Jakob arbeitete erneut als Händler, seine Tochter Maria als Putzhilfe.

Am 28. Oktober 1938 wurde die gesamte vierköpfige Familie wie 17.000 andere polnische Juden im gesamten Deutschen Reich in einer Nacht- und Nebelaktion über die Grenze nach Polen abgeschoben. Hintergrund der sogenannten „Polenaktion“ war eine geplante Änderung des polnischen Passgesetzes, mit der Polen die außerhalb Polens lebenden Juden ausbürgern wollte. Der polnische Historiker Jerzy Tomaszewski beschreibt in seinem Buch „Auftakt zur Vernichtung“ (Osnabrück 2002), dass die ganze Aktion unter katastrophalen Bedingungen durchgeführt wurde. Manche wurden mitten in der Nacht von Gestapo, SA oder SS aus ihren Wohnungen gescheucht und im Nachthemd mitgenommen, anderen wurde es erlaubt, ein wenig Handgepäck und Lebensmittel mitzunehmen.

Die Verhafteten wurden auf Polizeiposten oder in Gefängnissen, Turnhallen, Synagogen, Kasernen oder anderen Gebäuden untergebracht und nach Stunden zur Abfahrt der Sonderzüge zum Bahnhof gebracht. An Bargeld durfte aufgrund der Devisenbestimmungen pro Person maximal 10 Reichsmark mitgenommen werden. Die Transporte mit der Reichsbahn trafen auf kleine Grenzübergänge, die dem Ansturm nicht gewachsen waren. Die meisten, etwa 9000, wurden über den Grenzübergang Bentschen/Zbazyn abgeschoben, wo die überforderten polnischen Behörden sie zunächst in Eisenbahnwaggons festgehalten und in ehemaligen Kasernen und Ställen untergebracht haben.

Während viele andere von den polnischen Behörden in Zbazyn festgehalten wurden, konnte Jakobs Familie in seinen Geburtsort ziehen. Bereits ein Jahr später entfesselte Nazi-Deutschland mit dem Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg. In Sosnowice, dem Ort in dem Jakobs Familie geflüchtet war, wurde die jüdische Bevölkerung wie überall im Deutsch besetzten Polen in ein Ghetto gesperrt, in das zudem die jüdische Bevölkerung von kleineren umliegenden Ortschaften deportiert wurde. Die meisten Ghetto-Bewohner wurden in Auschwitz ermordet, ein Aufstand des Ghettos blieb erfolglos.

Jakob wurde 1943 in das Männerlager Klettendorf bei Breslau in Schlesien deportiert, die Kinder an einen uns nicht bekannten Ort gebracht. Wie bei vielen anderen auch verliert sich jede weitere Spur meist in den Kaminen der Vernichtungslager oder den verscharrten Leichenbergen. Wir können davon ausgehen, das sie ermordet worden sind. Franziska konnte als Nichtjüdin im April 1944 nach Oberhausen zurückkehren, später zog sie nach Bottrop. Sie hatte vergeblich versucht, etwas über das Schicksal ihrer Familie herauszufinden und starb 1959 im Osterfelder Marienhospital.

Oberhausen, Friseursalon in der Rothebuschstraße 112 mit den Stolpersteinen für Familie Fruchtzweig.

Auf derselben Adresse wohnte Gustav Fruchtzweig, vermutlich ein Bruder Jakobs, am 2. März 1901 ebenfalls in Sosnowice geboren. Er war Altwaren- und Schrotthändler. Er floh bereits 1933 über die Niederlande und Belgien mit Hilfe einer jüdischen Hilfsorganisation nach Frankreich. Nach der Niederlage und Besetzung Frankreichs durch Nazi-Deutschland wurde er 1942 in Toulouse verhaftet und 1943 in ein Arbeitslager nach Lille gebracht. 1944 gelang ihm die Flucht und er fand Unterschlupf bei einer französischen Familie auf dem Land. Nach dem Krieg zog er nach Paris. Hier starb er 1978.

Die Verlegung der Stolpersteine war am 26. Februar 2021 erfolgt. Am 22. August 2021 fand in Sankt Marien eine Gedenkveranstaltung statt. Weitere Informationen auf den Webseiten der Katholischen Pfarrei St. Pankratius Oberhausen-Osterfeld und der Gedenkhalle Oberhausen.

Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht am 9. November 2021

Unerwartet nach hundert Jahren 2020 aufgetaucht: Erinnerung an jüdisches Leben in Gelsenkirchen.

Wie in jedem Jahr ruft die „Demokratische Initiative“ zur Gedenkkundgebung in Erinnerung an die Reichspogromnacht vom 9. November 1938 auf. Ursprünglich 1964 von der Sozialistischen Jugend Deutschlands – Die Falken und der Naturfreundejugend – übrigens als eine der ersten ihrer Art in der Geschichte der alten Bundesrepublik – begründet, führt seit 1993 die „Demokratische Initiative gegen Diskriminierung und Gewalt, für Menschenrechte und Demokratie – Gelsenkirchen“ (DI) die Tradition der jährlichen Gedenkveranstaltungen fort.

In diesem Jahr beginnt die Gedenkveranstaltung an der Neuen Synagoge Gelsenkirchen um 18.30 Uhr am Platz der Alten Synagoge, die wie viele andere 1938 von den Nazis gebrandschatzt worden war. Nach dem Kaddisch, dem Gebet der Trauernden (die männlichen Besucher werden gebeten, eine Kopfbedeckung zu tragen) führt der anschließende Schweigezug ab 18.45 Uhr über die Kurt-Schumacher-Straße und Schalker Straße zum Schalker Markt. Auf der Kundgebung, die dort um 19.15 Uhr starten soll, werden Christina Rühl-Hamers, Vorständin des FC Schalke 04, und Karin Welge, Oberbürgermeisterin der Stadt Gelsenkirchen und Schirmherrin der Demokratischen Initiative sprechen.

Die DI wurde im Dezember 1992 als Reaktion auf die Brandanschläge in Hoyerswerda, Mölln und Rostock-Lichtenhagen gegründet. In ihr haben sich unter der Schirmherrschaft des jeweiligen Oberbürgermeisters oder der jeweiligen Oberbürgermeisterin Parteien, Kirchen, karitative Einrichtungen, Gewerkschaften und weitere Organisationen zusammengeschlossen, um für ein demokratisches Miteinander in Gelsenkirchen einzutreten.

Es gelten die üblichen Coronabedingten Regeln. Weitere Informationen hier.

Kleines Update
Nach der Veranstaltung bietet das Alfred-Zingler-Haus im Margaretenhof 10-12 ab etwa 20 Uhr im Café Alfred ein formloses Nachtreffen zum Plaudern mit Musik, heißer Suppe und kalten Getränken an. Die Musik kommt von Norbert Labatzki, wahrscheinlich bringt er noch Verstärkung mit. Er wird seine Antennen ausfahren und sich musikalisch den Bedürfnissen der Gäste anpassen, also Hintergrund, falls viel Bedürfnis nach Austausch sein sollte, Vordergrund, wenn die Gäste eher zuhören mögen. Es gilt 3G (Geimpft, genesen, getestet).

Eindrücke von der FriedensFahrradtour 2021

Unterwegs mit der FriedensFahrradtour 2021 der DFG-VK NRW, hier auf dem Weg nach Dülmen.

Unter dem Motto „Auf Achse für Frieden & Abrüstung“ führte die traditionsreiche Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) NRW ihre inzwischen 8. FriedensFahrradtour durch Nordrhein-Westfalen durch. Vom 31. Juli bis zum 8. August ging es von Bielefeld über Wewelsburg, Soest, Dortmund, Dülmen, Hamminkeln, Kalkar und Xanten nach Düsseldorf. Die mehrere hundert Kilometer lange Tour verband die Erinnerung an den Vernichtungskrieg, der mit dem faschistischen Überfall auf die Sowjetunion vor 80 Jahren begann, mit dem Protest gegen die Bereithaltung und Entwicklung aktueller militärischer Potentiale. Nicht zuletzt wurde auch darauf hingewiesen, dass das Militär einer der Hauptverursacher für den Klimawandel ist.

Gut 20 Teilnehmende fuhren wie ich die gesamte oder den größten Teil der Strecke mit, hinzu kamen weitere Friedensradler:innen, die uns auf Teilstrecken begleiteten. So holten uns beispielsweise zwei Dortmunder in Soest ab, auch die Friedensfreunde Dülmen kamen uns bereits auf dem Weg zu ihnen entgegen. Die meisten Radler:innen kamen aus NRW, Gelsenkirchen stellte mit vier Radler:innen sogar die größte Einzelgruppe. Das Alter der gut 20 Teilnehmenden reichte von erstaunlichen 14 (!) bis 71 Jahren.

Auftaktkundgebung in Bielefeld.

Die Tour begann nach der je individuellen Anreise (ich fuhr mit dem Zug über Hamm) am 31. Juli in Bielefeld mit einer Auftaktkundgebung am Alten Rathaus, daran schloss sich eine Fahrrad-Demo durch Bielefeld an. Mittags erreichten wir die Gedenkstätte in Stukenbrock, wo der von den Überlebenden sowjetischen Kriegsgefangenen errichtete Obelisk und die daneben liegenden und kaum noch erkennbaren Massengräbern an die Geschichte erinnern. Ein hochbetagtes Gründungsmitglied der Initiative „Blumen für Stukenbrock“, die sich seit den 1960er Jahren der Versöhnung über Gräbern verschrieben hat, führte uns über den Friedhof, erzählte wie sie ihre Arbeit damals begonnen hatten und erläuterte kritisch die gegenwärtige Gestaltung. (Mehr zu Stukenbrock in meinem früheren Beitrag hier.)

Die FriedensFahrradtour am Obelisken in Stukenbrock.

Von Stukenbrock aus ging es weiter zur Wewelsburg, wo nach jahrelangem Streit in den 1980er Jahren die erste Gedenkstätte, die sich zentral mit den Tätern beschäftigt, eröffnet wurde. In der Wewelsburg selbst sind ein heimatkundliches historisches Museum und eine Jugendherberge untergebracht, die Ausstellung zur SS ist im damals von der SS errichteten Wachgebäude untergebracht. In der Jugendherberge, in der ich immer schon mal übernachten wollte, verbrachten wir insgesamt zwei Nächte und nutzen den Folgetag zunächst zu einer geführten Besichtigung der Ausstellung zur SS im Wachgebäude. Zur Führung gehörte auch die Besichtigung der beiden Räume, die die SS von KZ-Zwangsarbeitern errichten ließ: der „Obergruppenführersaal“ mit der sogenannten „Schwarzen Sonne“ im Fußboden und die „Gruft“ im Untergeschoss. (Mehr zur Wewelsburg in meinem früheren Beitrag hier.)

Besuch der Ausstellung zur SS im ehemaligen Wachgebäude der SS.

Während der Mittagspause nutzten wir mit einem Teil der Gruppe die freie Zeit, um das Gelände des ehemaligen KZ Niederhagen und des SS-Schießstandes aufzusuchen. Das ehemalige KZ-Gelände ist nach dem Kriegsende zu einem neuen Stadtteil geworden und Teile der Gebäude wurden umgebaut und weiter genutzt. Nach auch hier jahrzehntelangem Streit war auf dem früheren Appellplatz ein Mahnmal errichtet worden. Für uns nicht mehr zu erkennen war, welches der beiden heutigen Wohngebäude das frühere Torhaus zum KZ gewesen ist.

Mahnmal auf dem früheren Appellplatz des KZ Niederhagen, heute einem Stadtteil von Wewelsburg.

Der weitere Tag diente dem gegenseitigen Kennenlernen, Absprachen und der Vorbereitung eines Straßentheaterstücks, welches im weiteren Verlauf der Fahrt in Soest und in Dülmen aufgeführt wurde. Inhalt des Stücks war die Darstellung einer militärischen Drohne, die spielerisch von Honigbienendrohnen überwältigt wurde. Nach einer ersten Probe wurden in großer Runde Kritik und Änderungsvorschläge unterbreitet, die schließlich zu einigen Verbesserungen führten.

Aktionsvorbereitung in der Jugendherberge Wewelsburg.

Am nächsten Tag, dem 2. August fuhren wir von Wewelsburg nach Soest. Insgesamt hatten wir während der Fahrt viel Glück mit dem Wetter, meist war es trocken oder gar sonnig, gelegentlich hatten wir Sprühregen. Nur an diesem Vormittag während der Abfahrt von der Wewelsburg regnete es längere Zeit.

Kundgebung auf dem Marktplatz in Soest.

In Soest wurden wir auf dem Marktplatz von der dortigen Friedensinitiative empfangen, die Cafes des Platzes waren gut besucht und die Kundgebung war nicht zu übersehen. Das in der Jugendherberge Wewelsburg geprobte „Drohnentheater“ wurde hier erstmals öffentlich aufgeführt. Nachdem ein jonglierender Teilnehmer erste Aufmerksamkeit erweckt hatte, stellten sich die militärische Kampfdrohne und die biologische Bienendrohne vor. In einem kleinen Zwischenspiel treibt ein Finanzbeamter Steuergelder ein, während die Bienen Blumen bestäuben. Als die Kampfdrohne immer aggressiver wird, umringen die Bienen sie und ringen sie mit lautem Summen nieder.

Am Schluss der Vorstellung verbeugen sich die Darsteller:innen vor dem Publikum.

Der Kundgebung auf dem Marktplatz folgte eine Fahrrad-Demo mit einem eher unglücklichen Zwischenhalt an einer engen, vielbefahrenen Brücke und zu einer Gedenkkundgebung auf dem Osthofenfriedhof. Der Tag endete mit unserer Fahrt zur Jugendherberge, in der wir die Nacht verbrachten.

Nach der „Action“ auf dem Marktplatz würdevolles Gedenken auf dem Friedhof in Soest.

Der 3. August führte uns von Soest nach Dortmund. Wie oben bereits erwähnt holten uns zwei Dortmunder in der Soester Jugendherberge morgens ab und fuhren gemeinsam mit uns nach Dortmund. Mit einer Kundgebung an der Westfalenhalle und einer Kranzniederlegung am Gedenkstein wurde erneut an den faschistischen Überfall auf die Sowjetunion vor 80 Jahren gedacht. Daran anschließend fuhren wir in die Dortmunder Innenstadt zum Hansaplatz, wo wir – gegenüber vom „Platz von Hiroshima“ – vom Dortmunder Friedensforum zu einer Kundgebung begrüßt wurden.

Kranzniederlegung am Gedenkstein an der Westfalenhalle, Dortmund.

In der Jugendherberge unweit davon verbrachten wir nicht nur die Nacht. Dmitriy Kostovarov berichtete in einer Abendveranstaltung über seine Arbeit, die darin besteht Familien in Russland Fotos vom Grab des Vaters oder Großvaters zu schicken. Falsche Schreibweisen von Namen und unterschiedliche Gestaltung der in kommunaler Zuständigkeit befindlichen Gräber sind dabei ein großes Problem. Einmal mehr wurde wie schon in Stukenbrock deutlich, dass die Versöhnung mit Russland trotz der großen Verbrechen aufgrund des Kalten Kriegs keine Priorität hatte.

Dmitriy Kostovarov berichtet an der Dortmunder Westfalenhalle von seiner Arbeit gegen das Vergessen.

Am 4. August stand die Fahrt von Dortmund nach Dülmen auf dem Programm. Auch hier kamen uns unterwegs einige Mitglieder der Friedensfreunde Dülmen entgegen und fuhren mit uns gemeinsam zuerst zu einem Standort eines US-Waffendepots, wo wir eine Kundgebung und eine Blockade durchführten. Daran anschließend wurde unsere FriedensFahrradtour vom Dülmener Bürgermeister begrüßt. Der Tag endete mit einem Friedensfest im DJK-Clubheim, wo erneut das „Drohnentheater“ aufgeführt wurde. Die Übernachtung fand auf dem Sportplatz statt und erstmals bei dieser Tour in Zelten. Ich hatte Glück.

Blockade eines US-Waffendepots in Dülmen.

Der folgende Tag, der 5. August, führte uns nach Hamminkeln. An diesem Tag gab es keine weitere Aktion. In Hamminkeln stand lediglich eine Übernachtung auf dem Campingplatz an. Waren wir in den Jugendherbergen und auf dem Sportplatz verpflegt worden, musste nun – mit Unterstützung aus der Gruppe – für die gesamte Gruppe gekocht werden. Ich betätigte mich als Küchenhilfe. Aufgrund der Corona-Pandemie musste jeder einen eigenen Teller, eine eigene Tasse und eigenes Besteck mitbringen, so dass die Küchen-Crew anschließend nur die großen Töpfe und was sonst noch angefallen war spülen musste. Schließlich wurde für den Folgetag noch die Performance „Hiroshima mahnt!“ vorbereitet und die Verteilung der Buchstaben abgesprochen.

Das Schandmal in Kalkar, wer genau hinschaut, kann noch die Spuren der jüngsten Aktionen erkennen.

Am 6. August, dem Hiroshima-Gedenktag, ging es zuerst nach Kalkar und anschließend nach Xanten. In Kalkar fand auf dem Marktplatz eine Kundgebung statt. Unter anderem berichtete dort der Aktionskünstler Wilfried Porwol über den aktuellen Stand der Klagen wegen Sachbeschädigung und erläuterte die übrig gebliebenen Spuren seiner beiden jüngsten Aktivitäten, die wir später am Denkmal besichtigen konnten. (Mehr zu den ersten Aktionen in meinem früheren Beitrag hier.)

„Hiroshima mahnt!“ auf dem Marktplatz in Xanten.

In Xanten wurden wir auf dem Marktplatz von einer Kundgebung mit Friedensliedern empfangen. Ähnlich wie in Soest war die Innenstadt gut besucht und unsere in Hamminkeln vorbereitete Performance „Hiroshima mahnt!“ fand durchaus Aufmerksamkeit. Wie besprochen erhielt jeder der Teilnehmenden einen großen Pappbuchstaben und fiel sobald die Sirene ertönte wie tot um. Begleitet vom Song „Hiroshima“ erhob sich in Buchstabenreihenfolge jeder der „Toten“ und stellte sich nacheinander zum Slogan „Hiroshima mahnt!“ auf.

„Hiroshima mahnt!“ auf dem Marktplatz in Xanten.

Die Übernachtung fand in einem Heuhotel statt, wo wir in Schlafsäcken und im Vergleich zu den Isomatten und den Zelten weich und warm schlafen konnten. Der nächste Tag bestand wieder aus einer langen Fahrradfahrt, die uns zu einem Campingplatz nach Düsseldorf führte.

Letzte gemeinsame Übernachtung auf dem Campingplatz in Düsseldorf.

Von hier aus ging es am folgenden Tag, dem 8. August zum Johannes-Rau-Platz in Düsseldorf. Hier wurden wir wiederum vom örtlichen Friedensforum begrüßt. Erneut wurde die Performance „Hiroshima mahnt!“ aufgeführt. Hier endete die FriedensFahrradtour und jeder trat seine Rückreise an. Wir fuhren noch gemeinsam mit einer kleinen Gruppe mit den Rädern zum Düsseldorfer Hauptbahnhof, wo drei von uns in den Zug stiegen, der uns nach Essen, Gelsenkirchen bzw. Münster brachte.

Letzte Vorbereitungen für die letzte Kundgebung der FriedensFahrradtour 2021.

Insgesamt war es für mich eine sehr beeindruckende Tour. Bemerkenswert ist in jedem Fall, dass trotz unvorhergesehener Zwischenfälle und Verspätungen das gesamte Programm der FriedensFahrradtour durchgeführt werden konnte. Mir hat es gefallen – im nächsten Jahr bin ich gerne wieder mit dabei!

Namensänderung in „Berufskolleg Am Goldberg“ jetzt vollständig!

Berufskolleg Am Goldberg in Gelsenkirchen-Buer.

Es ist für mich immer wieder eine kleine Überraschung, wer – unbekannterweise – meinen Blog liest. Als ich im Mai aus einem anderen Anlass das Berufskolleg Am Goldberg besuchte und Fotos mit der Absicht machte, einen freundlichen Artikel über die erfolgte Umbenennung zu schreiben, fiel mir leider auf, dass die Namensänderung doch nicht ganz vollständig gewesen ist.

Dumm gelaufen! Doch irgendjemand hat meinen Beitrag gelesen und offenbar einen Verantwortlichen informiert. Als ich kürzlich – wiederum aus einem anderen Anlass – am Berufskolleg vorbeifuhr, fiel mir sofort die letzte Änderung auf. Nun ist auch an den Gebäude-Schildern das Logo und die Kurzbezeichnung die links oben an den vorherigen Namen erinnerte überklebt.

Mahnwache erinnert an den Beginn des Vernichtungskrieges vor 80 Jahren

Mahnwache auf dem Heinrich-König-Platz am 22. Juni 2021 zur Erinnerung und Mahnung.

Vor 80 Jahren, am 22. Juni 1941 begann mit dem Überfall des faschistischen Deutschlands auf die Sowjetunion ein beispielloser Vernichtungs- und Eroberungskrieg, der alles bis dahin dagewesene in den Schatten stellte. In ganz Deutschland gab es zu diesem Anlass Veranstaltungen von Antifaschist:innen und aus der Friedensbewegung. In Gelsenkirchen riefen das Friedensforum Gelsenkirchen, die VVN-BdA Gelsenkirchen und die örtliche DIE LINKE zu einer Mahnwache auf.

In den Reden, die Hildegard Meier für das Friedensforum, Knut Maßmann für die VVN-BdA, Bettina Peipe für DIE LINKE und Heinz-Peter Thermann für die DKP hielten, wurde an die Vergangenheit erinnert, die gegenwärtige Politik – nicht nur der NATO – kritisiert und eine aktive Friedenspolitik auf Augenhöhe mit Russland und den anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion angemahnt.

Die Gelsenkirchener VVN-BdA zeigte aus diesem Anlass ein traditionelles Transparent.

Spontan sprach Hartmut Hering (DIE LINKE) und erinnerte an den Einsatz der sowjetischen Zwangsarbeiter in Gelsenkirchen und kritisierte das lange Verdrängen der Ereignisse und die späte und beschämend niedrige Entschädigung der vormaligen „Ostarbeiter“:innen.

Das Friedensforum Gelsenkirchen hat sich zudem vorgenommen in den nächsten Tagen Gräber der sowjetischen Zwangsarbeiter:innen auf dem Westfriedhof in Heßler zu schmücken, analog zu unserer Aktion vom 1. November des vergangenen Jahres. Wir empfehlen die Nachahmung auf den anderen Friedhöfen, denn es gibt überall in Gelsenkirchen Gräber für Zwangsarbeiter:innen, die in unserer Stadt – wie überall im deutschen Nazi-Reich – zu Tode geschunden wurden.