Lebensgeschichten hinter Stolpersteinen

Oberhausen, Stolpersteine für Familie Fruchtzweig, Rothebuschstraße 112.

Seit zwei Jahrzehnten beruflich in verschiedenen Städten des Ruhrgebietes unterwegs, bin ich jüngst in Oberhausen auf die Stolpersteine der Familie Fruchtzweig gestoßen. Auch in Oberhausen liegen inzwischen über 200 Stolpersteine des Kölner Aktionskünstler Gunter Demnig, die damit ein Teil des größten dezentralen Denkmals an die Opfer der Nazi-Barbarei sind. Stolpersteine werden in der Regel am letzten frei gewählten Wohnort in den Gehweg eingelassen und erinnern dort namentlich an die meist unter barbarischen Umständen ermordeten Menschen. Dank dem Engagement vieler Stolperstein-Paten konnte in Oberhausen seit 2008 jedes Jahr eine Verlegung stattfinden.

Ein Zeitungsbericht machte mich auf die insgesamt fünf Stolpersteine für die Mitglieder der Familie Fruchtzweig im Pflaster der Rothebuschstraße 112 aufmerksam. Direkt vor einem Friseursalon ruhen diese fünf kleinen Erinnerungsorte an Jakob, Franziska, Maria, Benno und Gustav Fruchtzweig im Gehweg und erinnern an die Geschichte von fünf Menschen, von denen zwei den Faschismus überlebt haben.

Jakob Fruchtzweig wurde am 14. Januar 1896 in Sosnowice, einem Teil Polens der zur Zeit seiner Geburt zum Russischen Zarenreich gehörte, geboren. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges 1918/20 entstand Polen neu als unabhängiger Staat. Jakob kam 1920 über Magdeburg nach Oberhausen. Er arbeitete hier als Bergmann und heiratete 1921 die 3 Jahre jüngere und gebürtige Osterfelderin Franziska Cwiertnia, obwohl deren Familie gegen die Hochzeit mit dem polnischen Juden war. Sie bekamen zwei Kinder, am 2. Mai 1922 wurde die Tochter Maria und am 29. Oktober 1929 der Sohn Benno geboren. 1925 zog die Familie von der unteren Rothebuschstraße zur Hausnummer 38 (heute Nummer 112). Sein Geschäft für Kurz- und Wollwaren befand sich dort, wo heute der Friseursalon besteht.

Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 begannen die Nazis zügig ihre Politik umzusetzen. Bereits der Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April 1933 traf das kleine Geschäft der Familie schwer, im Juli 1933 wurde das Gewerbe abgemeldet und die Familie zog 1934 nach Bottrop in eine vermeintlich sicherere jüdische Umgebung. Jakob arbeitete erneut als Händler, seine Tochter Maria als Putzhilfe.

Am 28. Oktober 1938 wurde die gesamte vierköpfige Familie wie 17.000 andere polnische Juden im gesamten Deutschen Reich in einer Nacht- und Nebelaktion über die Grenze nach Polen abgeschoben. Hintergrund der sogenannten „Polenaktion“ war eine geplante Änderung des polnischen Passgesetzes, mit der Polen die außerhalb Polens lebenden Juden ausbürgern wollte. Der polnische Historiker Jerzy Tomaszewski beschreibt in seinem Buch „Auftakt zur Vernichtung“ (Osnabrück 2002), dass die ganze Aktion unter katastrophalen Bedingungen durchgeführt wurde. Manche wurden mitten in der Nacht von Gestapo, SA oder SS aus ihren Wohnungen gescheucht und im Nachthemd mitgenommen, anderen wurde es erlaubt, ein wenig Handgepäck und Lebensmittel mitzunehmen.

Die Verhafteten wurden auf Polizeiposten oder in Gefängnissen, Turnhallen, Synagogen, Kasernen oder anderen Gebäuden untergebracht und nach Stunden zur Abfahrt der Sonderzüge zum Bahnhof gebracht. An Bargeld durfte aufgrund der Devisenbestimmungen pro Person maximal 10 Reichsmark mitgenommen werden. Die Transporte mit der Reichsbahn trafen auf kleine Grenzübergänge, die dem Ansturm nicht gewachsen waren. Die meisten, etwa 9000, wurden über den Grenzübergang Bentschen/Zbazyn abgeschoben, wo die überforderten polnischen Behörden sie zunächst in Eisenbahnwaggons festgehalten und in ehemaligen Kasernen und Ställen untergebracht haben.

Während viele andere von den polnischen Behörden in Zbazyn festgehalten wurden, konnte Jakobs Familie in seinen Geburtsort ziehen. Bereits ein Jahr später entfesselte Nazi-Deutschland mit dem Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg. In Sosnowice, dem Ort in dem Jakobs Familie geflüchtet war, wurde die jüdische Bevölkerung wie überall im Deutsch besetzten Polen in ein Ghetto gesperrt, in das zudem die jüdische Bevölkerung von kleineren umliegenden Ortschaften deportiert wurde. Die meisten Ghetto-Bewohner wurden in Auschwitz ermordet, ein Aufstand des Ghettos blieb erfolglos.

Jakob wurde 1943 in das Männerlager Klettendorf bei Breslau in Schlesien deportiert, die Kinder an einen uns nicht bekannten Ort gebracht. Wie bei vielen anderen auch verliert sich jede weitere Spur meist in den Kaminen der Vernichtungslager oder den verscharrten Leichenbergen. Wir können davon ausgehen, das sie ermordet worden sind. Franziska konnte als Nichtjüdin im April 1944 nach Oberhausen zurückkehren, später zog sie nach Bottrop. Sie hatte vergeblich versucht, etwas über das Schicksal ihrer Familie herauszufinden und starb 1959 im Osterfelder Marienhospital.

Oberhausen, Friseursalon in der Rothebuschstraße 112 mit den Stolpersteinen für Familie Fruchtzweig.

Auf derselben Adresse wohnte Gustav Fruchtzweig, vermutlich ein Bruder Jakobs, am 2. März 1901 ebenfalls in Sosnowice geboren. Er war Altwaren- und Schrotthändler. Er floh bereits 1933 über die Niederlande und Belgien mit Hilfe einer jüdischen Hilfsorganisation nach Frankreich. Nach der Niederlage und Besetzung Frankreichs durch Nazi-Deutschland wurde er 1942 in Toulouse verhaftet und 1943 in ein Arbeitslager nach Lille gebracht. 1944 gelang ihm die Flucht und er fand Unterschlupf bei einer französischen Familie auf dem Land. Nach dem Krieg zog er nach Paris. Hier starb er 1978.

Die Verlegung der Stolpersteine war am 26. Februar 2021 erfolgt. Am 22. August 2021 fand in Sankt Marien eine Gedenkveranstaltung statt. Weitere Informationen auf den Webseiten der Katholischen Pfarrei St. Pankratius Oberhausen-Osterfeld und der Gedenkhalle Oberhausen.

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