Archiv für den Monat Mai 2021

Neues aus Schlumpfhausen

Wählt eine Partei, die eure Interessen vertritt – und nicht die AfD.

Ziemlich viel Blau war heute auf dem Heinrich-König-Platz zu sehen. Die Ursache dafür war zwar eine Kundgebung der AfD, doch das meiste Blau stammte von den vielen Mannschaftswagen, die die Polizei rund um den Platz aufgefahren hatte, während die AfD nur ihre eigenen Leute mobilisieren konnte.

Obwohl die AfD drei ihrer Bundestagsabgeordneten aufgefahren hatte, standen nur rund 30 Anhänger relativ verloren herum, umgeben von Absperrungen und über 12 Mannschaftswagen der Polizei. Eine aufgrund der kurzen Mobilisierung ebenso kleine und spontane Gegenkundgebung, angemeldet von Jan Specht (AUF Gelsenkirchen) protestierte mit Pappschildern wie „FCK AFD“ und sammelte einzelne Gegendemonstrant:innen ein.

Doch die meisten Gelsenkirchener:innen interessierten sich weder für die eine noch für die andere Kundgebung, sondern genossen das erste schöne Wochenende seit langem. Gut besucht war die Bahnhofstraße. Hier standen die Leute vor den Geschäften Schlange, um mal wieder wie im normalen Leben einkaufen zu gehen. Auch der eine oder andere Tisch draußen war schon wieder besetzt. Und Alex‘ Reibekuchen schmeckten wie immer lecker! Normal ist eben ohne AfD.

Ergänzt mit Angaben aus der Pressemitteilung von AUF Gelsenkirchen.

Namensänderung in „Berufskolleg Am Goldberg“ beinahe vollständig

Namensänderung beinahe vollständig.

„Sollten Schulen nicht nach Vorbildern genannt werden?“ fragte ich vor drei Jahren im Juli und im Oktober 2017 in diesem Blog. Mit der allgemeinen Frage meinte ich damals ganz konkret das „Eduard-Spranger-Berufskolleg“ in Gelsenkirchen-Buer.

Das Berufskolleg war zu diesem Zeitpunkt nach einem deutschnationalen Pädagogen benannt, der im Kaiserreich sozialisiert worden war, in der Weimarer Republik, der er ablehnend gegenüber gestanden hatte, Bedeutung für Forschung und Lehre gewonnen und seine Karriere nach 1945 unbeirrt fortgesetzt hatte. Die Zeit von 1933 bis 1945 war von ihm wie von vielen anderen Wissenschaftlern auch bis zur Unkenntlichkeit verzerrt, verklärt und beschönigt worden. Als Wissenschaftler zählt Eduard Spranger zur Richtung der „Geisteswissenschaftlichen Pädagogik“, bei der es sich in der Weimarer Republik und in der frühen Bundesrepublik um die wirkmächtigste Richtung der Pädagogik in Forschung und Lehre gehandelt hatte.

„Mythos und Pathos statt Logos und Ethos“ von Benjamin Ortmeyer thematisiert nicht nur die NS-Vergangenheit bedeutender Pädagogen, sondern auch deren unwürdige „Vergangenheitsbewältigung“ nach 1945.

Zur lange unbekannten Seite gehörten seine Veröffentlichungen während der Nazi-Zeit, in denen er die Politik des NS-Staates unterstützt hatte. Erst 2006/09 förderte ein Forschungsprojekt die verstreuten Veröffentlichungen von insgesamt vier führenden Erziehungswissenschaftlern, neben Eduard Spranger auch von Herman Nohl, Erich Weniger und Peter Petersen, aus den Jahren 1933 bis 1945 zu Tage und zeigte durch eine chronologische und systematische Aufarbeitung, wie diese trotz dieser oder jener Einwände die Politik des NS-Regimes unterstützt hatten. Danach war eigentlich klar, dass Eduard Spranger als Vorbild und Namensgeber in einem demokratischen Deutschland und in Gelsenkirchen nicht taugt.

Nachdem Andreas Jordan (Gelsenzentrum e.V.) bereits einige Jahre zuvor einen ersten und vergeblichen Vorstoß unternommen hatte, brachte Bündnis 90/Die Grünen 2017 die Sache mit einem Antrag im Bildungsausschuss der Stadt ins Rollen. Es hat dann noch etwas gedauert, aber schließlich wurde das Berufskolleg in Berufskolleg Am Goldberg umbenannt.

Namensänderung beinahe vollständig.

An den alten Namen erinnert heute fast nichts mehr. Wer die noch bestehende Webseite www.eduard-spranger-bk.de aufruft, findet eine weitgehend leere Seite mit dem lapidaren Hinweis „Neue Website des Berufskollegs am Goldberg der Stadt Gelsenkirchen“ und „Bitte besuchen Sie die neue Website bkamgoldberg.de.“ vor. Auch das Namensschild am Gebäude wurde erneuert. Nur wer ganz genau hinschaut, bemerkt an den Schildern, die die Gebäudenummern bezeichnen, noch links oben das alte Logo mit dem Kürzel „ESBK“ für Eduard-Spranger-Berufskolleg.

Gegen Antisemitismus und Rassismus – für Frieden und Solidarität

Blick in die Demonstration auf dem Bahnhofsvorplatz am 16.05.2021.

Nach der beeindruckenden Solidaritätskundgebung für die Jüdische Gemeinde vom Freitag vor der Neuen Synagoge mit 300 Teilnehmenden hat Gelsenkirchen am heutigen Sonntag erneut Flagge gezeigt. In Erwartung einer möglichen zweiten Demonstration türkisch-arabischer Nationalisten hatte das Gelsenkirchener Aktionsbündnis gegen Rassismus und Ausgrenzung am Bahnhofsvorplatz eine Gegendemonstration angemeldet und wieder sind viele Gelsenkirchener gekommen.

Die Veranstalter machten gleich zu Beginn deutlich, dass es nicht darum ging, Partei für eine der beiden Seiten des Konfliktes zu ergreifen. Die verschiedenen Redner betonten daher auch die Komplexität des Nahost-Konfliktes und riefen dazu auf, in Gelsenkirchen keinen Hass zuzulassen, weder gegen Juden, noch gegen Muslime. Dass es nationalistische Holzköpfe nicht nur auf türkisch-arabischer Seite gibt, machten dann zwei Leute deutlich, die ausgerechnet mit Israel-Fahnen auftraten, trotz der Aufforderung der Veranstalter, Nationalfahnen zu Hause zu lassen.

Blick in die Demonstration auf dem Bahnhofsvorplatz am 16.05.2021.

Zum Glück blieb die befürchtete zweite Demonstration aus und alles blieb friedlich. Nach etwa anderthalb Stunden wurde die Demonstration ordnungsgemäß beendet.

„Gegen Antisemitismus und Rassismus in Gelsenkirchen und anderswo – für Frieden und Völkerverständigung!“

In Gelsenkirchen wird am Sonntag, 16.05.2021 ab 17 Uhr mit einer weiteren Kundgebung türkisch-arabischer Nationalisten gerechnet. Das Gelsenkirchener Aktionsbündnis gegen Rassismus und Ausgrenzung ruft zu einer Gegenkundgebung von 16.00 bis 18.30 Uhr unter dem Motto „Gegen Antisemitismus und Rassismus in Gelsenkirchen und anderswo – für Frieden und Völkerverständigung“ auf. Der Kundgebungsort ist der Bahnhofsvorplatz/Ecke Bahnhofstraße.

Nach der antisemitischen Demonstration am 12.5.2021 in Gelsenkirchen gibt es einen Aufruf für Sonntag, den 16.5.2021, 17.00 Uhr aus dem türkisch-nationalistischen und islamistischen Spektrum zu einer weiteren Demonstration. Auf der Demonstration am 12.5.2021 versuchte der Mob zur Gelsenkirchener Synagoge vorzudringen und rief antisemitische Sprechchöre wie „Sch*** Juden“.

Das Aktionsbündnis ruft alle Gelsenkirchener auf, sich weiteren antisemitischen Angriffen auf jüdische Einrichtungen und Mitmenschen entschieden in den Weg zu stellen.

Sicherlich kann die Situation in Israel und Palästina unterschiedlich bewertet werden, aber die Angriffe auf jüdische Mitmenschen und auf die Neue Synagoge in Gelsenkirchen erinnern an die schlimmsten antisemitischen Verbrechen in Deutschland und können nicht toleriert werden. Schon seit längerer Zeit bedienen sich islamistische und türkisch-nationalistische Kreise wie z.B. die „Grauen Wölfe“ des Konflikts in Israel und Palästina, um gegen jüdische Menschen zu hetzten.

Berechtigte und notwendige Kritik an der Gewalteskalation in Israel und Palästina kann sich nur gegen die dort handelnden Organisationen und Politiker richten und nicht gegen hier lebende Mitmenschen! Gelsenkirchen soll ein offener, demokratischer Ort sein, an dem sich alle Menschen sicher fühlen – unabhängig von ihrer Herkunft und Religion.

Unsere Solidarität gilt allen Gruppen und Menschen weltweit, die sich jetzt schon für Frieden und Aussöhnung einsetzten.

Bitte tragt bei der Kundgebung einen Mund- und Nasenschutz, haltet 1,5 Meter Abstand und seid solidarisch. Wir bitten davon abzusehen Nationalfahnen mitzuführen und freuen uns über Banner gegen Antisemitismus/Rassismus und für Frieden und Solidarität.

Quelle: Aufruf des Gelsenkirchener Aktionsbündnisses gegen Rassismus und Ausgrenzung

Antisemitische Demonstration türkischer und weiterer Nationalisten

Gelsenkirchen ist mal wieder in den Fokus der bundesdeutschen Medien gerückt, genauer, eine Demonstration von rund 180 Leuten mit türkischen und anderen Nationalfahnen. Am Mittwoch zog eine unangemeldete Spontandemonstration abends durch die Innenstadt zur Synagoge der jüdischen Gemeinde. Äußerer Anlass war der erneut eskalierende Nahost-Konflikt zwischen Israel und der Hamas, die vom Gaza-Streifen aus israelische Städte mit Raketen beschießt. Wie die Polizei berichtet, konnte sie die Demonstration auf der Höhe Gildenstraße/Bahnhofstraße stoppen.

Während die Polizei in ihrer Pressemitteilung von „antiisraelischer Demonstration“ und „antiisraelischen Rufen“ spricht und auch die Gelsenkirchener WAZ „Hass-Demo gegen Israel in der Innenstadt“ titelt, lassen sich die Zielrichtung der Demonstration, die Synagoge als Symbol für jüdisches Leben in Deutschland, sowie die auf einem Video zu hörenden Sprechchöre klar als antisemitisch erkennen. Wie weiter in den Medien berichtet wird, waren bereits in der Nacht zu Mittwoch Synagogen in Münster und Bonn das Ziel, hier wurden israelische Flaggen verbrannt. In Düsseldorf gab es einen Brandanschlag auf das Denkmal für die ehemalige große Synagoge an der Kasernenstraße.

Unabhängig davon, wie man zur Politik der israelischen Regierung steht, sind antisemitische Demonstrationen angesichts unserer Geschichte nicht zu tolerieren. Ich würde mich daher über einen Aufruf zu einer Solidaritätsdemonstration durch die „Demokratische Initiative“, sicher das breiteste zivilgesellschaftliche Bündnis in Gelsenkirchen, freuen. Mundschutz tragen und Abstand halten dürfte kein Problem sein.

„Wer nicht feiert, hat verloren!“ – Aktionswoche 8. Mai ging an diesem Wochenende weiter

Antifaschistischer Stadtrundgang in Gelsenkirchen, im Bild Hartmut Hering auf dem Rosa-Böhmer-Platz.

Mit zwei Online-Podiumsdiskussionen und zwei Antifaschistischen Stadtrundgängen führte das Gelsenkirchener Aktionsbündnis gegen Rassismus und Ausgrenzung insgesamt vier Veranstaltungen an diesem Wochenende durch. Ziel war weiterhin die Unterstützung der Kampagne der Auschwitz-Überlebenden und der VVN-BdA, den 8. Mai zum bundesweiten Feiertag zu erheben und beispielhaft aufzuzeigen, wie der Tag als Bildungstag genutzt werden kann.

Alle vier Veranstaltungen waren unterschiedlich gut besucht, die beiden Online-Podiumsdiskussionen litten m.E. darunter, dass sie ursprünglich im Anschluss an Filmvorführungen gedacht waren, die aus Gründen der Kontaktbeschränkungen wegen der Corona-Pandemie nicht stattfinden konnten.

Das geringste Interesse fand leider die Veranstaltung am Freitag, 7. Mai 2021 zum Thema „Historische Verantwortung“, größer war das Interesse am Samstag, 8. Mai 2021 zu „Aktueller faschistischer Terror – Von NSU, Tag X und Waffenfunden“. Vielleicht lag es am Termin, vielleicht ist aber die Bereitschaft größer, sich mit den gegenwärtigen Ereignissen zu beschäftigen als mit der Vergangenheit. Gleichwohl waren beide Veranstaltungen wichtig und inhaltlich wertvoll.

Antifaschistischer Stadtrundgang in Buer, hier am historischen Eingang des Buerschen Rathauses.

Unterschiedlich war auch das Interesse bei den beiden Antifaschistischen Stadtrundgängen am 9. Mai 2021. Beide folgten den jeweils örtlichen Spuren der NS-Zeit und veranschaulichten an historischen Schauplätzen die lokale Geschichte von Verfolgung und Widerstand, von Rassenwahn und Kriegsalltag. Der Rundgang durch Alt-Gelsenkirchen ab 11 Uhr war weniger gut besucht als der durch Buer-Mitte ab 15 Uhr. Hier scheint, diesen Rückschluss lassen Gespräche zu, die Uhrzeit eine große Rolle gespielt zu haben.

Damit ist die Aktionswoche 8. Mai beinahe zu Ende, es folgt noch am Donnerstag, 13. Mai 2021 ab 15 Uhr ein Rundgang in Gelsenkirchen-Horst mit dem Schwerpunkt Zwangsarbeit. Treffpunkt ist Ecke Brinkstraße/An der Rennbahn zwischen Kanal und Emscher.

Der Stadtrundgang in Buer endete auf dem Friedhof Mühlenstraße, am Gedenkort für die ermordeten Jüdinnen und Juden der Stadt.

Kommunistischer Widerstand in Nazideutschland

Neuauflage von Allan Mersons „Kommunistischer Widerstand in Nazideutschland“.

Es ist zugleich erstaunlich wie bezeichnend, dass es nur eine umfassende Darstellung über den Kommunistischen Widerstand in Nazi-Deutschland gibt, und diese nicht von einem deutschen, sondern von einem britischen Historiker stammt. Angesichts des aus dem Dritten Reich in die junge Bundesrepublik „hinübergeretteten“ Antikommunismus eigentlich kein Wunder, denn, schon wer sich nur objektiv mit Kommunist:innen beschäftigte, galt oft schon als solcher. Franz Josef Degenhardt hat das – in einem anderen Zusammenhang zwar – in einem seiner Lieder sehr schön auf den Begriff gebracht: „Also sie berufen sich hier pausenlos auf’s Grundgesetz / Sagen sie mal / Sind sie eigentlich Kommunist?“ So war es der britische Historiker Allan Merson, der 1985 „Communist Resistance in Nazi Germany“ veröffentlichte. Die deutsche Übersetzung folgte 14 Jahre später, 1999 im Pahl-Rugenstein-Verlag. 2020 hat der Neue Impulse Verlag das inzwischen vergriffene Werk erneut zugänglich gemacht. Dass beides DKP-nahe Verlage sind, zeigt einmal mehr das herrschende Vorurteil. Hier nun die Würdigung von einem Leser, der weder Kommunist noch Antikommunist ist.

Merson gliedert seine Darstellung in vier große Kapitel. Zunächst stellt er den „Übergang in die Illegalität 1933“ dar, um sich dann der „Strategie der revolutionären Massenaktionen 1933-1935“ zu widmen. Dabei spart er nicht, neben der sachlichen Darstellung der Fakten, mit seiner Kritik an der ultralinken Politik der KPD gegenüber der SPD, die als „Sozialfaschisten“ diffamiert wurden sowie ihrer Fehleinschätzung im Jahre 1933, die Hitler-Regierung sei nicht von langer Dauer und eine revolutionäre Situation, die zu einem Sowjet-Deutschland führe, stünde unmittelbar bevor. Er zeigt auch, wie angreifbar die inzwischen verbotene KPD wurde, solange sie versuchte, ihren Parteiapparat in der Illegalität ohne Veränderung konspirativ beizubehalten. Wurde die KPD zunächst durch eine zentrale Leitung innerhalb Deutschlands aufrechterhalten, geschah dies schließlich weniger verwundbar und dezentral durch Abschnittsleitungen aus den benachbarten Ländern. Die Folgen der Fehleinschätzung der politischen Lage waren verheerend für die Kommunisten, von denen viele im ungleichen Kampf verschlissen, verhaftet, gefoltert und ermordet wurden bzw. in Konzentrationslager wanderten. Zugleich würdigt Merson immer wieder die Einsatzbereitschaft und Loyalität ihrer überzeugten Anhänger, die die Nazis kaum brechen konnte.

„Eine neue Perspektive 1936-1939“ schildert, wie die KPD im Untergrund nicht in der Lage war, ihre Politik zu verändern, sondern die Veränderung von außen durch die Kommunistische Internationale entstand. Bündnis- und Volksfrontpolitik und ein antifaschistisches, demokratisches Deutschland wurden die neuen Ziele, getragen von der Analyse, das es aktuell keine revolutionäre Situation gäbe. Zur Tragik der Geschichte wurden verpasste Chancen in der Verständigung zwischen SPD und KPD auf der Ebene der im Exil befindlichen Parteiführungen, während der Widerstand vor Ort und in den Konzentrationslagern oftmals weiter war. Schuld daran war der späte Perspektivwechsel der KPD zu einem Zeitpunkt, als die Exil-SPD schon wieder nicht mehr bereit für ein solches Bündnis war. Merson geht auch auf die Wirkung des Nichtangriffspaktes zwischen Nazi-Deutschland und der Sowjetunion vom August 1939 ein, der zu Verwirrung unter den deutschen Kommunisten geführt habe, aber nicht zu einem Ende ihrer Widerstandstätigkeit, wie die Lageberichte der Gestapo bezeugten.

Das letzte Großkapitel „Der Zweite Weltkrieg“ schildert – im Rückblick gesehen – vergebliche Bemühungen der im Geheimen agierenden Kommunist:innen und verbündeten Widerstandskämpfer:innen, den Faschismus von innen heraus zu besiegen, sowie Bemühungen, Alternativen außerhalb Deutschlands wie mit dem Nationalkomitee „Freies Deutschland“ zu gründen. Am Ende wurde der Faschismus durch die siegreichen Armeen der Alliierten militärisch besiegt.
Merson beschäftigt auch die Frage, warum es in Deutschland anders als in anderen von Nazi-Deutschland besetzten Ländern keine Partisanentätigkeit gab, keinen bewaffneten Aufstand, keine Revolte der Massen. Er führt dies nicht allein auf den unglaublich gesteigeren Terror der Nazis im letzten Kriegswinter 1944/45 zurück und schon gar nicht auf militaristische und obrigkeitsstaatliche Traditionen, sondern auf die Korrumption des deutschen Volkes und eines großen Teils der Arbeiterklasse durch Ideen und Praktiken der Nazis. Die Schaffung rassistischer Hierarchien durch den Einsatz von ausländischen Zwangsarbeiter:innen, die Behandlung insbesondere der sowjetischen Kriegsgefangenen sowie zwölf Jahre massiver antisowjetischer Propaganda führten, so Merson, zu der weit verbreiteten Überzeugung, dass „ein Sieg der antifaschistischen Mächte die totale Zerstörung Deutschlands bedeuten würde, und daß einem nichts blieb, wofür man arbeiten oder worauf man hoffen konnte“ (S. 277/278).

Das Erbe des kommunistischen Widerstands sieht Merson, er schreibt dies 1985, in der DDR aufgehoben, die kein wurzelloses Gebilde sei, das aus der Besetzung der Sowjetunion hervorgegangen sei, sondern seine Wurzeln in der Erfahrung der deutschen Arbeiterklasse habe und vor allem in deren Widerstandsbewegung gegen die Nazityrannei. Allerdings habe das deutsche Volk sich nicht selbst vom Faschismus befreien können, dies haben ausländische Mächte getan. Die deutschen Kommunisten haben ihr Programm unter Bedingungen umsetzen müssen, die andere für sie geschaffen haben und zudem in einem geteilten Deutschland. Merson schließt mit der Erkenntnis der Begrenzung seines Werks durch die Quellenlage: „Die ganze Geschichte des kommunistischen Widerstands wird man nie erfahren. Aber was bekannt ist, reicht aus, um klar herauszustellen, daß es sich nicht um die Geschichte einiger weniger Heldinnen und Helden handelt (…), sondern um einen ungebrochenen, zwölf Jahre währenden Kampf von vielen tausend einfachen, arbeitenden Menschen. Das stellt das moralische Erbe der Partei dar (…).“ (S. 295)

Es ist erfreulich, dass diese einzige, umfassende Darstellung des Widerstandes der KPD in Nazi-Deutschland wieder zugänglich ist. Den Brückenschlag von 1985 zu heute unternimmt ein aktuelles Vorwort von Ralf Jungmann, auch die früheren Vorworte sind enthalten. Zugleich entschuldigt sich der Verlag dafür, das aufgrund fehlender Druckvorlagen ein 1:1-Nachdruck der ersten deutschen Ausgabe von 1999 nicht möglich war und diese Ausgabe nur aufgrund der „in verschiedenen Stadien der redaktionellen Endbearbeitung fertiggestellten Textdateien“ (S. 6) zustande kam, die anhand des gedruckten Buches sorgfältig überprüft worden sind. Auf dieses Buch aufmerksam gemacht hat mich übrigens diese Besprechung in der „antifa“, dem Magazin der VVN-BdA für antifaschistische Politik und Kultur.

„Wer nicht feiert, hat verloren!“ – Online-Podiumsdebatte zur historischen Verantwortung

Gruppenbild vom Abschluss der Antifaschistischen Fahrrad-Demo am 2. Mai 2021 vor dem Werner-Goldschmdt-Salon.

Während sich die einen noch von den Strapazen der Antifaschistischen Fahrraddemo erholen, bereiten andere bereits die nächsten Veranstaltungen vor, die von Freitag bis Sonntag folgen werden. Zuerst folgen zwei Online-Podiumsdebatten am 7. Mai zur Historischen Verantwortung und am 8. Mai zum aktuellen faschistischen Terror. Am 9. Mai folgen zwei Antifaschistische Stadtrundgänge, vormittags in (Alt-)Gelsenkirchen und nachmittags in Buer. Schließlich folgt noch am 13. Mai der Antifaschistische Stadtrundgang im Stadtteil Horst.

Am Freitag, 7. Mai 2021 steht von 18.00 bis 20.00 Uhr der Umgang von Staat und Gesellschaft mit der NS-Zeit im Mittelpunkt. In der Ankündigung heißt es dazu: „Der Umgang der bundesrepublikanischen Gesellschaft mit dem Nazifaschismus und seinen Folgen war jahrzehntelang von Verdrängung geprägt. Und trotz vieler Fortschritte müssen auch heute noch beträchtliche Teile der Bevölkerung und der politisch Verantwortlichen ‚zum Jagen getragen‘ werden, wenn es um die Lehren von 1945 geht. Doch kann man einen Schlussstrich ziehen, wenn Rassismus und rechtsradikale Gruppierungen fröhliche Urständ feiern? Zeugt es von Lernen aus der Vergangenheit, wenn Russland als das Land, das am meisten unter dem Faschismus gelitten hat, immer noch als Feindbild herhalten muss und deutsche Soldaten wieder Manöver an seinen Grenzen abhalten? Wie sieht es generell mit der Wiedergutmachung der enormen Schäden aus, die Deutschland den überfallenen Ländern zugefügt hat? Und wird hierzulande und auch in Gelsenkirchen genug getan zum Andenken an die Opfer, zur Erinnerung an die Täter und zur Aufklärung der jüngeren Generationen über die Ursachen des Faschismus? Könnte eine Erhebung des 8. Mai zum bundesdeutschen Feiertag dabei helfen ‚Nichts und niemanden zu vergessen‘?“

Es diskutieren Dr. Ulrich Schneider, Historiker, Bundessprecher der VVN-BdA und Generalsekretär der Internationalen Föderation der Widerstandskämpfer (FIR), Florian Beer, Pädagogischer Mitarbeiter von SABRA NRW und Mitglied der GEW NRW sowie Hartmut Hering, Sozialwissenschaftler, befasst sich seit vielen Jahren mit der Gelsenkirchener Lokalgeschichte und vertritt an diesem Abend auch den Veranstalter, das Gelsenkirchener Aktionsbündnis gegen Rassismus und Ausgrenzung.
Die Moderation übernimmt die Historikerin Sabine Kittel vom Institut für Stadtgeschichte Gelsenkirchen.

Um Anmeldung unter der E-Mail-Adresse ab-ge@mailbox.org wird gebeten, der Link zur Videokonferenz wird dann rechtzeitig zugemailt. Hier noch eine Übersicht über alle Veranstaltungen. Die genannte E-Mail-Adresse gilt auch für alle weiteren Anmeldungen. Die vollständige Programmübersicht (Flyer) kann von der Seite der VVN-BdA Gelsenkirchen heruntergeladen werden.

„Wer nicht feiert, hat verloren!“ – Aktionswoche 8. Mai erfolgreich gestartet!

Fahrräder und Abstand – auch hier beim Zwischenstopp auf dem Heinrich-König-Platz, wo es um Widerstand aus den Reihen der katholischen und evangelischen Kirche ging.

Als Erfolg kann das Gelsenkirchener Aktionsbündnis gegen Rassismus und Ausgrenzung den Start der Aktionswoche am heutigen 2. Mai verbuchen. Etwa 20 radfahrende Teilnehmende begleiteten den Referenten auf der Tour quer durch die Stadt Gelsenkirchen. Auch das Wetter hielt was der Wetterbericht versprochen hatte. Lediglich am Startpunkt gab es ein oder zwei Minuten Regen sowie zwischendurch einmal ein paar Regentropfen.

Begleitet wurde die Fahrrad-Demo, die an verschiedenen Orten an den Widerstand von Gelsenkirchenerinnen und Gelsenkirchener erinnerte, von sechs radfahrenden Polizeibeamtinnen und -beamten, die dafür sorgten, dass der Autoverkehr dem Fahrrad-Korso nicht zu nahe kam. Bedanken möchten wir uns an dieser Stelle ganz herzlich für den freundlichen Einsatz der Polizei.

Startpunkt war die Goldbergstraße 84 in Buer vor dem Haus der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie, wo zugleich an die Zerschlagung der freien Gewerkschaften am 2. Mai 1933 durch die Nazis erinnert wurde. Von dort aus ging es zu insgesamt neun Orten, die an den Widerstand in Gelsenkirchen erinnern. Zunächst in Buer zur Schlenkhoffstraße, die an den Widerstand vor 1933 und aus der SPD erinnert, und dann in einer längeren Fahrt nach Horst zum Rudolf-Bertram-Platz vor dem St.-Josef-Hospital, der an den Retter von 17 jüdischen Zwangsarbeiterinnen erinnert. In Horst wurden noch Stolpersteine für den kommunistischen Widerstandskämpfer Johann Eichenauer in der Schlangenwallstraße und für den belgischen Zwangsarbeiter Charles Ganty Am Bugapark aufgesucht.

Auch in der Schlenkhoffstraße hieß es Abstand halten, während der Referent über den Widerstand vor 1933 und der SPD berichtete.

Von dort ging es wieder mit einer längeren Strecke in den Stadtteil Schalke, hier erinnern zwei Stolpersteine in der Liebfrauenstraße an die beiden kommunistischen Widerstandskämpfer Rudolf Littek und Fritz Rahkob, wobei auch die Ehefrau Emma Rahkob nicht vergessen wurde. Über das Alfred-Zingler-Haus im Stadtteil Bulmke, wo eine Erinnerungsortetafel an das sozialdemokratische Ehepaar Margarethe und Alfred Zingler erinnert, ging es in die Innenstadt, vorbei am Margarethe-Zingler- und Fritz-Rahkob- auf den Heinrich-König-Platz. Hier wurde an den Widerstand aus der katholischen wie der evangelischen Kirche erinnert und an den Ernst-Käsemann-Platz im Stadtteil Rotthausen hingewiesen, der zu weit außerhalb lag und daher nicht in die Tour aufgenommen wurde. Nach dem Stolperstein für Erich Lange, einem jungen Mann der bereits im Sommer 1932 von der SS zum kommunistischen Kampfbund gegen den Faschismus übergetreten war, ging es zum letzten Halt am Werner-Goldschmidt-Salon, der an den jüdischen Widerstandskämpfer Werner Goldschmidt erinnert.

In der Liebfrauenstraße in Schalke standen zwei kommunistische Widerstandskämpfer für die hier Stolpersteine verlegt sind im Mittelpunkt.

Als weitere Aktivitäten sind zwei Online-Podiumsdebatten zur Historischen Verantwortung am 7. Mai sowie zum aktuellen faschistischen Terror am 8. Mai vorgesehen, sowie drei Stadtrundgänge in Gelsenkirchen, Buer und Horst am 9. bzw. 13. Mai. Zwei geplante Filmvorführungen, die vor den Podiumsdiskussionen geplant waren, musste das Bündnis leider auf einen späteren Termin verschieben, da sie unter den derzeitigen Einschränkungen nicht durchgeführt werden können. Eine Programmübersicht (Flyer) kann von der Seite der VVN-BdA Gelsenkirchen heruntergeladen werden.

Fotos Marco Langfeldt

„Wer nicht feiert, hat verloren!“ – Aktionswoche 8. Mai beginnt am 2. Mai mit einer Fahrrad-Demo zum Widerstand in Gelsenkirchen

Mit einer Fahrrad-Demo von Gelsenkirchen-Buer über Horst, Schalke und Bulmke in die Innenstadt von Alt-Gelsenkirchen beginnt am morgigen 2. Mai das Gelsenkirchener Aktionsbündnis gegen Rassismus und Ausgrenzung seine Aktionswoche um den 8. Mai. Wie schon im letzten Jahr unterstützt das Bündnis die Forderung von Esther Bejarano, Überlebende des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz, des Konzentrationslagers Ravensbrück und eines Todesmarsches, den 8. Mai als Tag der Befreiung vom Faschismus zum bundesweiten Feiertag zu erheben. Nach der kontaktlosen Menschenkette im vergangenen Jahr will das Bündnis in diesem Jahr mit einer Reihe von Aktionen zeigen, wie ein solcher Feiertag als Bildungstag genutzt werden kann. Die Fahrrad-Demo „Widerstand in Gelsenkirchen gegen den Faschismus“ ist ein Teil davon.

Startpunkt ist die Goldbergstraße 84 vor dem Haus der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie, wo zugleich an die Zerschlagung der freien Gewerkschaften am 2. Mai 1933 durch die Nazis erinnert werden wird. Danach geht es zu insgesamt neun Orten, die an den unterschiedlichen Widerstand in Gelsenkirchen erinnern. Zunächst in Buer zur Schlenkhoffstraße, die an den Widerstand vor 1933 und aus der SPD erinnert, und dann in einer längeren Fahrt nach Horst zum Rudolf-Bertram-Platz vor dem St.-Josef-Hospital, der an den Retter von 17 jüdischen Zwangsarbeiterinnen erinnert. In Horst werden noch Stolpersteine für den kommunistischen Widerstandskämpfer Johann Eichenauer und für den belgischen Zwangsarbeiter Charles Ganty aufgesucht.

Einer der Zwischenhalte ist die Schlenkhoffstraße in Gelsenkirchen-Buer.

Von Horst geht es weiter in den Stadtteil Schalke, hier erinnern zwei Stolpersteine in der Liebfrauenstraße an die beiden kommunistischen Widerstandskämpfer Rudolf Littek und Fritz Rahkob, wobei auch die Ehefrau Emma Rahkob nicht vergessen werden wird. Über das Alfred-Zingler-Haus, wo eine Erinnerungsortetafel an das sozialdemokratische Ehepaar Margarethe und Alfred Zingler erinnert, geht es in die Innenstadt zum Heinrich-König-Platz. Hier wird an den Widerstand aus der katholischen wie der evangelischen Kirche erinnert und an den Ernst-Käsemann-Platz im Stadtteil Rotthausen hingewiesen, der leider nicht in die Tour aufgenommen werden konnte. Nach dem Besuch des Stolpersteins für Erich Lange, einem jungen Mann der vor der Machtübertragung an die Nazis 1933 von der SS zum Kampfbund gegen den Faschismus übergetreten war, geht es zum letzten Halt vor dem Werner-Goldschmidt-Salon, der an einen jüdischen Widerstandskämpfer erinnert.

Die Strecke ist sehr anspruchsvoll, sie umfasst etwa 20 Kilometer und schon die reine Fahrtzeit ohne Zwischenhalte würde schon bei einer gemächlichen Fahrt rund 90 Minuten dauern. Beginn der Fahrrad-Demo ist 10.30 Uhr in Buer, die Abfahrt ist für 11.00 Uhr geplant. Voraussichtliche Ankunft in Gelsenkirchen ist für etwa 14 Uhr geplant, im Werner-Goldschmidt-Salon wird es die Möglichkeit geben, die Toilette zu benutzen.

Die Demonstration ist von der Polizei genehmigt und wird mit den üblichen Hygienemaßnahmen (Abstand halten, Mundschutz während der Zwischenhalte) durchgeführt. Kurze Ansprachen während der Zwischenhalte werden über ein Megafon erfolgen, damit die Abstände auch eingehalten werden können. Ferner ist geplant, diese Tour später auch als individuelle Tour im Internet anzubieten.

Als weitere Aktivitäten sind zwei Online-Podiumsdebatten zur Historischen Verantwortung am 7. Mai sowie zum aktuellen faschistischen Terror am 8. Mai vorgesehen, sowie drei Stadtrundgänge in Gelsenkirchen, Buer und Horst am 9. bzw. 13. Mai. Zwei geplante Filmvorführungen, die vor den Podiumsdiskussionen geplant waren, musste das Bündnis leider auf einen späteren Termin verschieben, da sie unter den derzeitigen Einschränkungen nicht durchgeführt werden können. Eine Programmübersicht (Flyer) kann von der Seite der VVN-BdA Gelsenkirchen heruntergeladen werden, weitere Informationen und eine Übersicht sind hier zu finden.