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Heiner Karuscheit im Rosa-Luxemburg-Club Gelsenkirchen

Rosa-Luxemburg-Club Gelsenkirchen

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„Deutschland 1914 – vom Klassenkompromiss zum Krieg“. – Unter diesem Titel stellt der Gelsenkirchener Autor Heiner Karuscheit sein gleichnamiges Buch, das Anfang des Jahres im Hamburger VSA-Verlag erschienen ist, im Rosa-Luxemburg-Club Gelsenkirchen vor.

Gegen die Behauptung vom „schlafwandlerischen“ Hineinstolpern der europäischen Mächte in den Krieg vertritt er, dass der deutsche Weg in den Krieg innergesellschaftliche Ursachen hatte und stellt die zentralen Aussagen des Buchs in drei Punkten zur Diskussion:

Erstens: die Gesellschaftspolitik im Kaiserreich war durch ein „Dreiecksverhältnis“ zwischen Militäradel, Bürgertum und Arbeiterbewegung bestimmt. Die vielfach behauptete „Verschmelzung“ von Junkertum und Bourgeoisie zu einer einzigen herrschenden (bürgerlichen) Klasse ist eine Chimäre; die Arbeiterbewegung stand einem adelig-bürgerlichen Klassenbündnis gegenüber, in dem der preußische Gutsadel durch das Kommando über die Armee den Kern der Macht in der Hand hielt.

Zweitens: im Jahr 1909 zerbrach dieses hegemoniale Herrschaftsbündnis in einem unversöhnlichen Streit über die Besteuerung des Großgrundbesitzes, woraufhin das Deutsche Reich in eine schwere Krise von Gesellschaft und Staat geriet. Als die außerparlamentarische Stellung der Armee im Verlauf dieser Krise in Gefahr geriet, drängte der Militäradel im Bündnis mit dem schwerindustriellen Minderheitsflügel der Liberalen die Regierung in einen Krieg, dessen maßgebliche Triebkraft der Erhalt der alten Ordnung gegen Demokratie und Arbeiterbewegung war.

Drittens: die von der SPD verfolgte sozialistische Revolutionsstrategie war im Ansatz verfehlt, denn der Weg zum Sozialismus führte über die Vollendung der bürgerlichen Revolution, d.h. über eine demokratische Revolution. Die falsche Einschätzung der Gesellschaftsstruktur im Kaiserreich begünstigte die Entscheidung bei Kriegsbeginn, das angeblich bürgerlich fortgeschrittene Deutschland gegen den feudal-reaktionären Zarismus zu schützen und die Arbeiter zur Vaterlandsverteidigung aufzurufen.

Der Rosa-Luxemburg-Club Gelsenkirchen gibt dem Buchautor die Gelegenheit, seine Thesen vorzustellen und mit uns zu diskutieren. Diese Veranstaltung findet am Donnerstag den 30.10.2014, um 19.30 Uhr, im Alfred-Zingler-Haus, Margaretenhof 10 in 45888 Gelsenkirchen statt.

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Die Unterdrückung Andersdenkender in der Adenauerzeit im Film und im Zeitzeugengespräch

verboten-verfolgt-vergessenEs gibt sie noch, die vergessenen Kapitel der jüngeren Zeitgeschichte. In der noch jungen Bundesrepublik Deutschland, 1949 nur vier Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gegründet, wurde bereits 1950 wieder der Aufbau einer Armee geplant. 1956 war es schließlich soweit und der Bundestag beschloss die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht. Gegen diese Politik gab es damals selbstverständlich öffentliche Proteste, die jedoch von der Regierung des Bundeskanzlers Adenauer sehr schnell kriminalisiert und deren Protagonisten massiv verfolgt wurden.

Das Strafrecht wurde durch ein „Blitzgesetz“ geändert. Alle Bürgerinnen und Bürgern, die sich gegen die Wiederbewaffnung und für freie Wahlen in ganz Deutschland (welches damals noch zweigeteilt war) einsetzten, konnten als Staatsfeinde verfolgt werden. Eine Volksbefragung der KPD (Kommunistische Partei Deutschlands) gegen die Wiederbewaffnung, an der bis dahin 9 Millionen Menschen teilgenommen hatten, wurde 1951 verboten. Schließlich wurde die KPD 1956 für verfassungswidrig erklärt, verboten und aufgelöst. Nur wenige Jahre nach Verfolgung und Ermordung zahlreicher Mitglieder und Anhänger der KPD durch die Nazis standen wirkliche und angebliche Kommunisten wieder im Fokus der Verfolgung, dieses Mal durch einen demokratischen Staat. In der Zeit von 1951 bis 1968 wurden durch die Strafverfolgungsbehörden etwa 200.000 Ermittlungsverfahren durchgeführt. Etwa 10.000 Betroffene wurden zu teils langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt, ihre Existenz damit zerstört. Schon das Lesen eines Kinderbuches aus der DDR war im demokratischen Staat strafbar. Es war übrigens die gleiche Zeit, in der alte Nazis in der Bundesrepublik Deutschland wieder rehabilitiert wurden und vielfach wieder auf ihre Posten eingesetzt wurden.

Gegenstand der Proteste und ihrer Verfolgung ist eine gemeinsame Veranstaltung der Gelsenkirchener VVN-BdA (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten), des Vereins Gelsenzentrum e.V. und des Rosa-Luxemburg-Clubs Gelsenkirchen. Wir werden uns den Film „Verboten – verfolgt – vergessen“ von Daniel Burkholz ansehen und zwei Zeitzeugen, das Ehepaar Wils, wird von ihren eigenen Erfahrungen berichten. Der Film von Daniel Burkholz dauert etwa 40 Minuten und entstand 2012 mit Unterstützung der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Filmveranstaltung und Zeitzeugengespräch finden am Montag, 12. Mai 2014 um 19.30 Uhr in der „die flora“, Florastraße 26 in 45879 Gelsenkirchen statt. Wer vorab mehr über den Film und die Zeitzeugen erfahren möchte, sei unter anderem auf den Blogeintrag von Anja Röhl verwiesen.

„Tod auf Raten“ im Kulturraum „die flora“

Kulturraum die flora zeigt Fritz Bauer Tod auf Raten (klein)Ich hatte nicht mit großer Resonanz auf den Film- und Diskussionsabend zum Film „Fritz Bauer – Tod auf Raten“ in der „flora“ gerechnet, umso überraschter war ich, als neben den üblichen Verdächtigen auch eine ganze Schulklasse der Abendrealschule auftauchte. Der Film dokumentiert Fritz Bauers Leben und verwendet dazu vorhandenes Filmmaterial unter anderem des Hessischen Rundfunks. Für die MTV-Generation war es sicherlich ein Kulturschock, gleich zu Beginn einen älteren Mann mit dicker Hornbrille reden zu hören – und das auf Filmmaterial in schwarzweiß zu sehen.

„Tod auf Raten“ beleuchtet soweit das filmisch möglich ist, das Leben von Fritz Bauer und thematisiert womit er bekannt geworden ist: Den Frankfurter Auschwitz-Prozess 1963 bis 1965, den er als Generalstaatsanwalt gegen die SS-Angehörigen des Konzentrations- und Vernichtungslagers initiierte. Weniger bekannt war, dass er ganz entscheidend 1952 in einem Prozess zur Rehabilitierung der Hitler-Attentäter des 20. Juli 1944 beigetragen hatte. Gänzlich unbekannt war wohl lange Zeit, dass er 1960 dem israelischen Geheimdienst den Tipp über den Aufenthaltsort Adolf Eichmanns in Südamerika gegeben hatte. Die Frage, warum er nicht den Weg eines Auslieferungsantrages gegangen war, um Eichmann vor ein deutsches Gericht zu stellen, wurde im Film auch angeschnitten und beantwortet. Aufgrund der Nazi-Seilschaften in der alten Bundesrepublik befürchtete er, dass Eichmann rechtzeitig gewarnt werden und untertauchen würde. So kam es, dass Eichmann in Jerusalem vor ein israelisches Gericht gestellt und verurteilt worden ist. Bauer selbst wird das Zitat zugeschrieben, wenn er seine Amtsräume verließe, würde er feindliches Ausland betreten.

Fritz Bauer, 1903 in Stuttgart als Kind einer jüdischen Familie geboren, studierte Rechtswissenschaft und trat 1920 in die SPD ein. Nach der „Machtergreifung“ der Nazis 1933 musste er sein Amt als Richter niederlegen und wurde einige Monate im KZ inhaftiert. Er emigrierte 1936 nach Dänemark und floh vor der Mordmaschine der Nazis weiter nach Schweden. Nach der Befreiung Deutschlands durch die Alliierten kehrte er 1949 wieder zurück, wurde Generalstaatsanwalt in Braunschweig und später Hessischer Generalstaatsanwalt in Frankfurt/Main.

Bauer war Mitbegründer der Bürgerrechtsorganisation „Humanistische Union“ und setzte sich für Strafrechts- und Strafvollzugsreformen ein. Auf seine Initiative hin wurde am Landgericht Frankfurt am Main der Artikel 1 des Grundgesetzes „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ angebracht. In seinen großen Prozessen ging es ihm um eine gesellschaftliche Verantwortung der Justiz und dem Wiederaufbau eines demokratischen Staatswesens und zu diesem Zweck um die konsequente Verfolgung nationalsozialistischen Unrechts.

1965 eröffnete er die Voruntersuchung für einen Prozess gegen Täter der „Euthanasie“-Morde. In der Nacht vom 30. Juni auf den 1. Juli 1968 starb Fritz Bauer in seiner Wohnung in Frankfurt am Main unter nicht geklärten Umständen. Er wurde tot in der Badewanne aufgefunden. Der geplante Prozess gegen Täter der „Euthanasie“-Morde wurde nie geführt. Bis heute bleibt sein Name mit dem Frankfurter Auschwitz-Prozess und dessen Wirkung verbunden, die eine öffentliche Beschäftigung mit dem Holocaust ab Mitte der 1960er Jahren vorantrieb.

Fritz Bauer – Tod auf Raten

Am Mittwoch, den 19. September 2012, um 19.30 Uhr, zeigt der Rosa Luxemburg Club in Gelsenkirchen den Dokumentarfilm aus dem Jahre 2010 „Fritz Bauer – Tod auf Raten“ im Kulturraum „die flora“, Florastr. 26 in 45879 Gelsenkirchen. Der Eintritt ist frei.

Fritz Bauer spielte in der deutschen Justiz eine entscheidende Rolle beim Wiederaufbau der Demokratie. Als Staatsanwalt rehabilitierte er die Attentäter des 20. Juli 1944 und initiierte die Frankfurter Auschwitzprozesse. Er lieferte die entscheidenden Hinweise für die Ergreifung Adolf Eichmanns, der für Daimler-Benz in Argentinien unter falschem Namen arbeitete.

Fritz Bauer, 1903 in Stuttgart geboren, Kind einer jüdischen Familie, war promovierter Jurist und trat in den 1920er Jahren in die SPD ein. Nach seiner Ergreifung durch die Nazis konnte er ins Ausland fliehen. Nach seiner Rückkehr wurde er zunächst Generalstaatsanwalt in Braunschweig, später in Hessen. Sein überraschender Tod 1968 liefert bis heute Anlass für Diskussionen. Das Fritz-Bauer-Institut – Studien- und Dokumentationszentrum zur Geschichte und Wirkung des Holocaust in Frankfurt/Main trägt seinen Namen.

Die Regisseurin Ilona Ziok durchforschte Archive und stieß auf wegweisende Statements des hessischen Generalstaatsanwalts. Kombiniert mit Aussagen von Zeitzeugen und ausgesuchten Werken klassischer und zeitgenössischer Komponisten entsteht das Portrait eines der bedeutendsten Juristen des 20. Jahrhunderts. Ein deutscher Staatsanwalt, der bei seinen Ermittlungen über NS-Verbrechen in die Netzwerke von Alt-Nazis gerät. Das Psychogramm eines Aufrechten in den 1960er Jahren und einer Nation, die von ihrer Vergangenheit nichts wissen wollte.

Quelle: Ankündigung der Rosa-Luxemburg-Stiftung