Archiv für den Monat November 2017

Stolpersteine mahnen auf der Bahnhofstraße

Die vorbereiteten Stolpersteine für die Familie Gompertz, Bahnhofstraße 22 am 24.11.2017.

Zum inzwischen zehnten Mal ist der Kölner Bildhauer und Aktionskünstler Gunter Demnig nach Gelsenkirchen gekommen um weitere Stolpersteine zu verlegen. Seinen Abschluss fand der Tag auf der Bahnhofstraße mit der Verlegung von fünf Stolpersteinen für die Familie Gompertz, die sich vor dem mörderischen Antisemitismus der Nazis über die Niederlande in die USA retten konnten. „Immer einen Fluchtweg offen halten“, ist die Lehre, die Ron Gompertz aus der (Familien-)Geschichte gezogen hat.

Ausführlich schilderte Ron Gompertz wie das Haus auf der Bahnhofstraße 22 eingerichtet gewesen ist. Im Erdgeschoss befand sich das Pelzgeschäft, die Etagen darüber waren der Familie vorbehalten. Auf den Stolpersteinen, die vor dem Eingang des Eckhauses in das Pflaster eingefügt wurden, sind unter der Überschrift „Hier wohnte“ die Namen zu lesen. Leo Gompertz und seine Frau Betty, geborene Isacson, sowie die drei Kinder Albert, Fritz und Rolf Gompertz.

Im Gegensatz zu vielen anderen konnte diese Familie sich retten. Über die Niederlande gelang es ihnen in die USA auszuwandern und sich dort ein neues Leben aufzubauen. Zur Stolpersteinverlegung waren Familienmitglieder aus der Enkel- und Urenkelgeneration anwesend. Ron Gompertz sprach ausführlich auf Englisch über die Familiengeschichte, Heike Jordan trug anschließend die deutsche Übersetzung vor. In englischer und in deutscher Sprache wurden auch die Erinnerungen seines Vaters, Fred Gompertz, an die Reichspogromnacht, in der das Ladengeschäft unter ihnen zerstört worden war, vorgelesen.

Ron Gompertz (links im Bild) spricht während der Stolperstein-Verlegung zu den Anwesenden über die Geschichte seiner Familie.

Nicht überraschend war die klare Aussage, dass ihnen mit diesem Gebäude, dessen Aufbau er zuvor beschrieben hatte, ihr Zuhause geraubt („stolen“) worden war. Außerordentlich bemerkenswert die Lehre, die Ron Gompertz aus der (Familien-)Geschichte gezogen hat, als er sinngemaß sagte, es sei wichtig, immer einen Fluchweg offen zu haben. Er wies auf seine Tochter Minna hin, die jetzt in dem Alter sei, in dem damals ihr Großvater gewesen ist und sich aussuchen könne, in welchem Land sie leben wolle, in den USA oder einem Land der Europäischen Union. Zum Abschluss der Veranstaltung gab Andreas Jordan das Versprechen, die Stolpersteine an jedem 9. November zu pflegen.

Der Kantor singt das „El Male Rachamim“, in dem Gott angefleht wird, der Seele der Verstorbenen Frieden zu geben.

Für die Gompertz‘ standen noch weitere Besuche auf dem Programm. Auf geteilten Fotos auf Facebook sind sie beim Besuch des Grillo-Gymnasiums zu sehen, wo Ron Gompertz das Zeugnis seines Vaters im Archiv einsehen konnte, ein weiteres Foto zeigt sie auf dem Alten Jüdischen Friedhof und – das muss ein Höhepunkt gewesen sein – in den oberen Etagen des Hauses Bahnhofstraße 22.

Die ersten Stolpersteine auf der Bahnhofstraße, hier vor Haus Nummer 22 für die Familie Gompertz.

Eine ausführliche Darstellung der Geschichte der Familie Gompertz mit historischen Abbildungen findet sich auf der Internetseite von Gelsenzentrum e.V.

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Stolpersteine für die Familie Nussbaum verlegt

Im Gedenken wieder vereint: Stolpersteine für die Familie Nussbaum vor der Hildegardstraße 21.

– Wortbeitrag von Knut Maßmann während der Verlegung –

Die Eheleute David und Malka Nussbaum stammten aus Galizien, dem Teil Polens, der bis zum Ende des Ersten Weltkriegs zu Österreich-Ungarn gehört hatte. David Nussbaum wurde am 25. Mai 1901 in Rozniatow geboren, Malka Nussbaum, geborene Rechtschaffen am 14. Mai 1903 in Pacykow.

Mit der Wiedergründung eines unabhängigen polnischen Staates wurden sie aufgrund ihres Geburtsortes polnische Staatsbürger. Galizien war eine bitterarme Region. Aufgrund von Armut und Diskriminierung hatten zahlreiche Juden das Land in Richtung USA verlassen. Ein kleiner Teil wandte sich nach Deutschland, darunter jene, die nicht genügend Geld für die Reise nach Übersee besaßen.

Wir wissen nicht, was die Eheleute nach Gelsenkirchen führte. Wir wissen, dass sie hier lebten und in unserer Stadt ihre drei Kinder geboren wurden: am 27. November 1928 die älteste Tochter Ruth, am 21. November 1930 der Sohn Siegfried und am 2. Oktober 1937 als jüngstes Kind Mirjam.

Das Haus Hildegardstraße 21 – der letzte frei gewählte Wohnort der Familie Nussbaum..

Vater David Nussbaum und die jüngste Tochter Mirjam wurden im Rahmen der sogenannten „Polenaktion“ 1938 nach Polen ausgewiesen. Dabei wurden innerhalb von 3 Tagen rund 17.000 Juden polnischer Staatsangehörigkeit im gesamten Deutschen Reich verhaftet und nach Polen abgeschoben. Auslöser war eine Änderung des polnischen Passgesetzes, mit dem Polen die im Ausland lebenden jüdischen Staatsbürger auszubürgern beabsichtigte.

In Gelsenkirchen betraf die Aktion rund 80 jüdische Menschen jeden Alters.

Die größte Anzahl wurde über den Grenzübergang Bentschen/Zbazyn nach Polen abgeschoben, wo die überforderten polnischen Behörden sie zunächst in Eisenbahnwaggons festgehalten und in ehemaligen Kasernen und Ställen untergebracht haben. Zeitzeugen berichten von chaotischen Zuständen.

Nach diplomatischen Verhandlungen zwischen Nazi-Deutschland und Polen durften die Ausgewiesenen noch einmal an ihren früheren Wohnort zurückkehren um mit ihren Familien, persönlichen Gegenständen, evtl. der Wohnungs- oder Werkstatteinrichtung nach Polen auszureisen. Die Kosten mussten die Betroffenen selbst tragen.

Die heute nicht mehr vorhandene Wasserstraße mündete etwa hier in die Bismarckstraße. Das Haus mit der Nummer 16 befand sich unweit der Einmündung und wurde vermutlich im Krieg zerstört.

Vermutlich im Zusammenhang damit steht ein Umzug der Familie. Am 17. Juni 1939 zogen sie in die Wassergasse 16 um. Die Straße lag früher zwischen Paulinenstraße und Liboriusstraße und führte von der Kronprinzenstraße (das ist heute die Dresdener Straße) zur Bismarckstraße. Sie war noch bis 1955 in den Adressbüchern verzeichnet und ist heute überbaut.

Warum die Ausreise nach Polen im Fall der Familie Nussbaum nicht geschehen ist, wissen wir nicht. Vermutlich hat der Beginn des Zweiten Weltkriegs mit dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 die Ausreise der Familie verhindert.

Was wir wissen ist, dass David Nussbaum nach einem Erlass vom 9. September 1939 in sogenannter „Schutzhaft“ genommen wurde und ins Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht wurde. Dort verstarb er am 9. Juni 1940, keine 40 Jahre alt, an einer Lungenentzündung.

Florastraße 84, hier wurde 2009 ein Stolperstein für Regine Spanier verlegt, einer der ersten Stolpersteine in Gelsenkirchen.

Am 30. August 1940 müssen Malka Nussbaum und ihre drei Kinder Ruth, Siegfried und Mirjam in ein sogenanntes „Judenhaus“ umziehen, in dem die Nazis vor Deportation und Vernichtung die jüdische Bevölkerung auf engem Raum konzentrierte. Sie ziehen in das Haus der Familie Spanier, Franz-Seldte-Strasse 84 (das ist heute Florastrasse 84) und leben Briefen zufolge in deren Wohnzimmer.

Die Familie Nussbaum findet Erwähnung in einem Brief der Tochter von Regina Spanier. Gertrud Reifeisen schreibt am 20. August 1940 in einem Brief an ihre Tochter Ilse, die mit einem der Kindertransporte nach Schweden reisen konnte und so überlebte: „… Du kennst ja wohl noch die Ruth Nussbaum. Der Mann war ja mit Vati zusammen fort und ist gestorben. Also die Frau mit den 3 Kindern ziehen zu uns in die Wohnung. Das kleinste Mädelchen ist 3 Jahre alt, und ein niedliches Kind. Es ist ja nicht sehr angenehm für Oma, denn die Unruhe wird groß werden, aber es lässt sich nicht ändern.“

Noch in zwei weiteren Briefen findet die Familie Nussbaum Erwähnung. Am 2. September 1940 schreibt Gertrud Reifeisen: „… Ruth und Siegfried sind ja große Kinder und machen wenig Unruhe, aber die kleine Mirjam ist – wie alle kleinen – sehr unruhig. Und außerdem fehlt uns der Raum sehr …“ Am 12. Dezember 1940 schreibt sie über die wohltuende Ruhe, da die kleine Mirjam mit einer harmlosen Nierenerkrankung seit 14 Tagen im Krankenhaus liege.

Waggon der Deutschen Reichsbahn. Hier ein Ausstellungsstück in der Gedenkstätte Radegast, Lodz.

Am 27. Januar 1942 werden Malka Nussbaum und ihre drei Kinder wie weitere rund 360 Juden aus Gelsenkirchen mit dem ersten Sammeltransport in das Ghetto Riga deportiert, nachdem sie zuvor in der Ausstellungshalle am Wildenbruchplatz zusammengepfercht worden waren. Der Zug der Deutschen Reichsbahn (heute Deutsche Bahn AG) fuhr in Gelsenkirchen vom Güterbahnhof ab und erreichte Riga am 1. Februar 1942.

Im Ghetto Riga lebten auf engstem Raum zuerst lettische Juden, nach ihrer Ermordung Juden aus Deutschland. Fast alle wurden im Ghetto, in den angrenzenden Wäldern oder benachbarten Konzentrationslagern von deutscher und lettischer SS ermordet.

Malka Nussbaum und Ihre Tochter Ruth wurden spätestens Anfang November 1943 im Zuge der Auflösung des Ghettos ermordet. Für die beiden jüngsten Kinder, Siegfried und Mirjam, ist als „Todesort“ nicht das Ghetto Riga, sondern „Riga-Jungfernhof, Außenlager Ghetto Riga“ angegeben. Dabei handelt es sich um ein drei bis vier Kilometer von Riga entferntes heruntergekommenes Gut mit Gutshaus, Scheunen, Baracken und Viehställen beim Dorf Jumpravmuiža.

Heute führen wir die Familie im Gedenken wieder zusammen.

Gedenken zur Reichspogromnacht

Die abgebildeten Stolpersteine erinnern an die Familie Goldschmidt, Gelsenkirchen.

Wie auch schon in den vergangenen Jahren hat in Gelsenkirchen die „Demokratische Initiative gegen Diskriminierung und Gewalt, für Menschenrechte und Demokratie – Gelsenkirchen“ (DI) Schweigemarsch und Kundgebung zum Gedenken an die Pogrome in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 gegen die deutsch-jüdische Bevölkerung durchgeführt.

In der „Demokratischen Initiative“ nicht erwünscht – und daher auch nicht offiziell eingeladen – ist die VVN-BdA Gelsenkirchen. Wie in allen Jahren haben Mitglieder der Gelsenkirchener VVN-BdA als Bürger dieser Stadt selbstverständlich an der Gedenkveranstaltung teilgenommen. Eine Ausnahme bildete die Zwischenkundgebung am Nazi-Schwert vom Schalker Verein am 9. November 2015, die von uns deutlich kritisiert worden war und der wir im Bündnis gegen Krieg und Faschismus eine eigene Zwischenkundgebung entgegengesetzt haben.

Kritik an der Ausgrenzung der VVN-BdA Gelsenkirchen kommt von der Gelsenkirchener Linkspartei, die nach den Erfahrungen der VVN-BdA Gelsenkirchen auf einen eigenen Aufnahmeantrag an die DI verzichtet hatte. In ihrer Pressemitteilung erklären sie, wie selbstverständlich für Linke der Widerstand gegen Faschismus war und ist. Martin Gatzemeier, Vorsitzender der Linken Ratsfraktion schreibt dann auch abschließend: „An das Datum muss insbesondere DIE LINKE. nicht erinnert werden, da Kommunisten und Sozialisten zu den ersten Opfern der Nazis gehörten. DIE LINKE. Gelsenkirchen wird wieder am Gedenkzug teilnehmen so wie sie es schon seit Jahren macht“.

Noch deutlichere Kritik äußerte wiederholt der Sozialdemokrat Klaus Brandt, der die Gedenkveranstaltung zuletzt in einem Leserbrief an die WAZ (04.11.2017) als „Alibiveranstaltung“ bezeichnet und die DI als „eine(r) Art kommunal finanzierten Rotary-Club(s), der Andreas Jordans Gelsenzentrum und die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes ebenso ausgrenzt wie die Linke.“ Klaus Brandt rechnet sich einem linksbürgerlichen Personenkreis zu, der ein anderes Verständnis von Solidarität der Demokraten vertritt, „als es unser Oberbürgermeister praktiziert.“ Weitere Kritiker sind der Veranstaltung einfach ferngeblieben und haben anderweitig ihren Unmut kundgetan.

Nun muss man bei aller Kritik an der DI nicht das Kind mit dem Bade ausschütten. Eine offizielle Gedenkveranstaltung in Erinnerung an einen frühen Höhepunkt der rassistischen Nazi-Politik ist sicherlich kein Fehler – vor allem in einer Zeit, in der eine rechte „Alternative für Deutschland“ bei einer Bundestagswahl 17 % der Wählerstimmen in Gelsenkirchen holt. Sie genügt allerdings auch nicht, um den Rechten das Wasser abzugraben. Hier ist eine andere Politik nötig, als sie die staatstragenden Parteien der letzten Jahrzehnte betrieben haben. Und solange sich das nicht ändert, ist Klaus Brandt mit der Bezeichnung „Alibi-Veranstaltung“ für die Gedenkkundgebung sicherlich im Recht. Daher sollte sich der von ihm so schön bezeichnete linksbürgerliche Personenkreis, zu dem sich die Gelsenkirchener VVN-BdA sicherlich auch zählen kann, im nächsten Jahr zu einer eigenen Veranstaltung einfinden. Ideen dazu gibt es ja bereits.

Werner-Goldschmidt-Salon – Parteibüro von Die Linke und Veranstaltungsort, benannt nach dem Gelsenkirchener und jüdischen Widerstandskämpfer Werner Goldschmidt.