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Erinnerung an Widerstand und Verfolgung in Gelsenkirchen

Fast 30 Jahre alt: Gedenktafel auf dem Fritz-Rahkob-Platz aus dem Jahre 1987 (Foto Juni 2016).

Fast 30 Jahre alt: Gedenktafel auf dem Fritz-Rahkob-Platz aus dem Jahre 1987.

Rede von Knut Maßmann für die VVN-BdA Gelsenkirchen auf dem Fritz-Rahkob-Platz am 24.08.2016

Liebe Anwesende,

insgesamt vier innerstädtische Plätze wurden zwischen 1986 und 1988 nach Opfern und Gegnern des Nazi-Regimes benannt, um dauerhaft an Widerstand und Verfolgung in Gelsenkirchen zu erinnern.

Außer dem Fritz-Rahkob-Platz sind dies noch der Margarethe-Zingler-Platz, der Heinrich-König-Platz und der Leopold-Neuwald-Platz. Diese vier Plätze stehen stellvertretend für den kommunistischen, den sozialdemokratischen und den christlichen Widerstand sowie für die Verfolgung der jüdischen Gelsenkirchener.

Heute stehen wir am 72. Jahrestag seiner Ermordung auf dem Fritz-Rahkob-Platz. Wir wollen an ihn und an seinen Kampf gegen den Faschismus erinnern.

Friederich Rahkob wurde am 25. Juli 1885 in der damals selbständigen Gemeinde Rotthausen geboren. Er erkannte früh, dass in der Industrie des Ruhrgebiets höhere Löhne als in der Landwirtschaft gezahlt wurden. Als Bergmann wurde Fritz Rahkob 1905 in einer Arbeiterbewegung aktiv, die noch nicht in Sozialdemokraten und Kommunisten gespalten war. Nach einer zweijährigen Militärzeit im 1. Weltkrieg, die wegen einer Verwundung 1916 endete, kehrte er in seinen alten Beruf zurück und wurde während der Revolution 1918 Mitglied des Arbeiter- und Soldatenrates in Rotthausen und 1920 Mitglied der KPD, der Kommunistischen Partei Deutschlands.

Seit der Eingemeindung Rotthausens 1924 nahm Fritz Rahkob an den Arbeiterkämpfen in Gelsenkirchen teil, wurde Mitglied im Einheitsverband der Bergarbeiter in der RGO, der KPD-nahen Gewerkschaft. Nach einem schweren Arbeitsunfall musste er die Arbeit im Bergbau aufgeben. Die kommunistische Tageszeitung „Ruhr-Echo“ beschäftigte ihn erst als Kassierer, später im Versand.

Mit Beginn der Machtübernahme der Nazis im Jahre 1933 verbrachte der bekannte Kommunist Fritz Rahkob die Jahre von 1933 bis 1938 wie viele seiner Genossen in sogenannter „Schutzhaft“. Seine Ehefrau Emma Rahkob beteiligte sich während der Haft ihres Mannes aktiv am Widerstand. Dafür wurde sie am 20. November 1934 zu zwei Jahren und sechs Monaten Zuchthaus verurteilt. Nach seiner Entlassung arbeitete Fritz Rahkob auf der Baustelle eines Düsseldorfer Unternehmens und lernte Franz Zielasko kennen.

Franz Zielasko, Bergmann aus Gladbeck, Kämpfer in der „Roten Ruhrarmee“ 1920 gegen Kapp-Putsch und Freikorps, Mitglied erst der USPD (1918) und der SPD (1922) und später der KPD (1926/27), emigrierte 1932 in die Sowjetunion. Er kämpfte 1937 bis 1939 im Spanischen Bürgerkrieg gegen die Franco-Putschisten und wurde im März 1943 von der Sowjetunion mit dem Fallschirm über Polen abgesetzt, um im Ruhrgebiet Kontakt mit Gleichgesinnten aufzunehmen. In der festen Überzeugung, man müsse den Krieg und den Faschismus aktiv bekämpfen, schloss sich Rahkob der Widerstandsgruppe um Franz Zielasko an, der in mehreren Städten Kontakte knüpfte. Die Gruppe wurde verraten, im August 1943 verhaftete die Gestapo 45 Antifaschisten, darunter auch Fritz Rahkob.

Franz Zielasko wurde schon bei den Verhören brutal zu Tode gefoltert. Fritz Rahkob und andere Kameraden wurden wegen „Vorbereitung zum Hochverrat u.a.“ vom sogenannten „Volksgerichtshof“ zum Tode verurteilt. Am 24. August 1944 erfolgte in Stuttgart Rahkobs Hinrichtung durch Enthauptung, mit der zynischen Begründung, die Angeklagten seien es nicht wert, mit einer Kugel erschossen zu werden. Am Tag der Hinrichtung wurde auch seine Frau Emma verhaftet und erfuhr im Gestapo-Gefängnis von der Hinrichtung ihres Mannes. Kurz vor der Deportation in ein Konzentrationslager wurde sie von alliierten Truppen aus dem Münchener Polizeigefängnis befreit.

Rahkobs Kopf bewahrten die Nazis in Spiritus auf. Nach der Einäscherung am 1. Juli 1947 in Reutingen wurde die Urne von alliierte Soldaten nach Gelsenkirchen überführt, wo sie am 14. September 1947 feierlich auf dem Rotthauser Friedhof beigesetzt wurde.

Die Stadt Gelsenkirchen tat sich – wie übrigens die gesamte alte Bundesrepublik Deutschland – lange Zeit äußerst schwer mit der Erinnerung an kommunistische Widerstandskämpfer gegen Nazi-Deutschland. Erst 1987, über 30 Jahre nach dem Ende der Nazi-Herrschaft, und im nächsten Jahr genau 30 Jahre her, benannte der Rat der Stadt Gelsenkirchen diesen Platz nach Fritz Rahkob. Auf der Gedenktafel könnt ihr lesen: „Fritz Rahkob, kommunistischer Widerstandskämpfer, wurde am 24. August 1944 durch die Terrorjustiz des Naziregimes hingerichtet.“

Fritz Rahkob hat die Befreiung vom Faschismus im Jahre 1945 nicht mehr erlebt. Wir können uns heute glücklich schätzen, den Faschismus an der Macht nicht am eigenen Leib erlebt zu haben. Desto wachsamer müssen wir auf das Auftreten alter und neuer Nazis reagieren, in welcher Verkleidung sie auch immer erscheinen.

Lasst mich mit einem Zitat Theodor W. Adornos schließen, der, katholisch getauft, erst von den Nazis mit ihren sogenannten „Rassegesetzen“ zum Halbjuden gemacht wurde: „Ich fürchte mich nicht vor der Rückkehr der Faschisten in der Maske der Faschisten, sondern vor der Rückkehr der Faschisten in der Maske der Demokraten.“

Vielen Dank!

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Gedenken auf dem Fritz-Rahkob-Platz

Fast 30 Jahre alt: Gedenktafel auf dem Fritz-Rahkob-Platz aus dem Jahre 1987 (Foto Juni 2016).

Fast 30 Jahre alt: Gedenktafel auf dem Fritz-Rahkob-Platz aus dem Jahre 1987 (Foto Juni 2016).

Am 24. August 2016 erinnert die VVN-BdA Gelsenkirchen ab 18 Uhr an den mutigen Widerstandskämpfer Fritz Rahkob. Fritz Rahkob wurde am 24. August 1944 durch die Terrorjustiz des Naziregimes hingerichtet. Der Fritz-Rahkob-Platz zwischen Hans-Sachs-Haus und Bildungszentrum erinnert seit 1987 an den kommunistischen Widerstandskämpfer.

Insgesamt vier innerstädtische Plätze wurden zwischen 1986 und 1988 nach Opfern und Gegnern des NS-Regimes benannt, neben dem Fritz-Rahkob-Platz sind dies noch der Margarethe-Zingler-Platz, der Heinrich-König-Platz und der Leopold-Neuwald-Platz. Die vier Plätze stehen stellvertretend für den kommunistischen, den sozialdemokratischen und den christlichen Widerstand sowie für die Verfolgung der jüdischen Gelsenkirchener.

Im Rahmen der Gedenkveranstaltung unterstützt die VVN-BdA auch den von Andreas Jordan gestellten Antrag, einen fünften innerstädtischen Platz nach dem am 13. August 1943 im KZ Auschwitz ermordeten Gelsenkirchener Sintikind Rosa Böhmer, in Erinnerung an die Verfolgung und Ermordung der Sinti und Roma, zu benennen.

Widerstand und Verfolgung in Duisburg 1933-1945

Anlässlich der Sitzung des Landesausschusses der nordrhein-westfälischen VVN-BdA gab es die Gelegenheit, die Ausstellung zu Widerstand und Verfolgung in Duisburg 1933-1945 anzusehen. Die Sitzung fand aus aktuellem Anlass im Duisburger Stadtteil Kaßlerfeld statt, nachdem das Immobilienmanagement der Stadt Duisburg der Duisburger VVN-BdA die Räume in den beiden Pavillions auf dem Gelände der Grundschule Wrangelstraße gekündigt hatte. Eine endgültige Entscheidung ist noch nicht getroffen.

Blick in einen der beiden Ausstellungsräume

Blick in einen der beiden Ausstellungsräume

Die Bezeichnung der Ausstellung variiert: Vor dem rückwärtigen Eingang zum Schulgelände wird auf die Ausstellung mit einem Schild „Tatort Duisburg 1933-1945“ hingewiesen. Auf der Eingangstür selbst ist „Dokumentationszentrum Wilhelmine Struth/Mathias Thesen“ zu lesen. Dessen ungeachtet handelt es sich um eine der bemerkenswertesten und ungewöhnlichsten Ausstellungen, die ich bislang gesehen habe.

Teile der Ausstellung zu Frauen im Widerstand

Teile der Ausstellung zu Frauen im Widerstand

Bestehen Ausstellungen für gewöhnlich aus großen Tafeln mit Bildern und Texten in einheitlichem und professionell wirkendem Layout, zeigt sich die Duisburger Ausstellung in abwechslungsreicher Gestaltung der Tafeln mit erkennbaren selbstgemachten Anteilen. Bilder, Texte, Überschriften, Kopien von Dokumenten und Zeitungsartikeln wurden zusammenmontiert und in großen Bilderrahmen hinter Glas eingefasst. Die Ausstellungstafeln selbst sind an einem umlaufenden Holzgerüst angebracht. Weiter finden sich wie in einem Privathaushalt eine Reihe weiterer Fotos in Bilderrahmen.

Teile der AUsstellung zum KZ-Außenlager Ratingsee in Duisbrg-Meiderich

Teile der Ausstellung zum KZ-Außenlager Ratingsee in Duisburg-Meiderich

Die Ausstellung selbst ist in Schwerpunkte gegliedert. So findet sich zum Beispiel eine Abteilung über Duisburger Frauen im Widerstand und eine weitere Abteilung über das KZ-Außenlager Ratingsee im Duisburger Stadtteil Meiderich. Zu den Ausstellungsstücken gehören unter anderem auch die in einem Wandschrank eingebaute Schreibmaschine inklusive der Vervielfältigungsmaschine, auf der in der Nazi-Zeit illegal Flugblätter hergestellt wurden, sowie ein Modell in KZ-Kleidung.

Ausstellungsstücke in der Duisburger Ausstellung der VVN-BdA

Ausstellungsstücke in der Duisburger Ausstellung der VVN-BdA

Duisburg kündigt VVN-BdA-Ausstellung zu Widerstand und Verfolgung 1933-1945 in Duisburg

Während in Duisburg unter mäßigen Gegenprotesten der PEGIDA-Ableger im Januar seinen ersten Jahrestag feiern konnte (450 Pegidaisten standen nach einem Bericht der örtlichen WAZ 550 Gegendemonstranten gegenüber), kündigte im Februar das Immobilienmanagement der Stadtverwaltung die Ausstellungsräume der Kreisvereinigung der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA). Die Kündigung erfolgte ohne Angabe von Gründen.

Wie im auf der Homepage der Landesvereinigung veröffentlichten Brief an den Duisburger Oberbürgermeister Sören Link zu lesen ist, wurde die Kündigung am 02.02.2016 per Boten zugestellt, wirksam wird sie zum 02.05.2016 (, übrigens dem Jahrestag der Zerschlagung der Gewerkschaften durch die Nazis 1933).

Ein Blick in die gekündigten Ausstellungsräume der VVN-BdA Duisburg (Quelle: VVN-BdA-NRW)

Ein Blick in die gekündigten Ausstellungsräume der VVN-BdA Duisburg (Quelle: VVN-BdA-NRW)

Es handelt sich um Räumlichkeiten in der Gemeinschaftsgrundschule Wrangelstraße, in der sich 180 Schautafeln und viele andere Exponate befinden. Die Ausstellung zeigt beispielsweise „die geheime Druckerei, die die Familie Max und Käthe Miklowait im Vorratskämmerchen ihrer Wohnung in Duisburg-Hochfeld betrieben hat, um Flugblätter gegen die Nazis zu schreiben.“ Max ist dafür erst vier Jahre ins Zuchthaus und anschließend in ein KZ gegangen.

Beispielloser Vorgang im Umgang mit Gedenkstätten

Genau diesen privaten Blick auf Widerstand und Verfolgung in Duisburg mache den Charme der Ausstellung aus, so die Duisburger VVN-BdA in ihrem Brief und bitten den Oberbürgermeister, sich den Vorgang zeigen zu lassen um die Abwicklung der Ausstellung zu verhindern. Zudem könne man „bei aller Fantasie keinen Grund erkennen, der es nötig machen würde, (…) die Räume (zu) verlassen.“

Die Landesvereinigung Nordrhein-Westfalen der VVN-BdA, die in diesem Jahr ihr siebzigjähriges Bestehen feiert, spricht auf ihrer Homepage „von einem beispiellosen Vorgang im Umgang mit Gedenkstätten“ und bittet um Solidarität der Erinnerungsarbeiter bundesweit.

Supplement
„Wir werden eine Lösung finden …“, heißt es nun von Seiten der Duisburger Stadtverwaltung. Bericht in der Duisburger WAZ und auf der Seite der VVN-BdA-NRW. Mal schauen, was dabei herauskommt …

Vortrag über Wilhelm Tenholt, GESTAPO-Leitstelle Recklinghausen und Gelsenkirchen 1933-1936

Zeichnung eines Gerichtsreporters von Wilhelm Tenholt während des Verfahrens im Gerichtssaal 1949.

Zeichnung eines Gerichtsreporters von Wilhelm Tenholt während des Verfahrens im Gerichtssaal 1949.

Die Recklinghäuser Leitstelle der Geheimen Staatspolizei zählte zu den brutalsten Verhörorten in Westfalen im „Dritten Reich“. Der Kriminalrat Wilhelm Tenholt war nicht nur überzeugter Nazi und Leiter der Dienstelle, er war auch einer der gefürchtetsten Beamten. Die in sogenannte „Schutzhaft“ genommenen politischen Gegner wurden von ihm misshandelt und gefoltert, für einige Häftlinge endeten die Verhörmethoden tödlich. 1949 wurde Tenholt vor dem Bochumer Landgericht wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit verurteilt, allerdings kurz vor dem KPD-Verbot mit dem Hinweis, ob man den gefolterten Kommunisten „alles glauben könne“, typischerweise begnadigt.

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe des Instituts für Stadtgeschichte (ISG) wird der Referent Ortwin Bickhove-Swiderski Stationen des beruflichen Werdegangs Tenholts nachzeichnen und anhand eidesstattlicher Zeugenaussagen dessen Verbrechen deutlich machen. Wilhelm Tenholt war schon ab 1931 illegal Mitglied der NSDAP. Nach der Machtübertragung an die Nazis wurden hunderte von KPD-Mitgliedern im Recklinghäuser Polizeipräsidium brutal gefoltert. Außerdem war Tenholt verantwortlich für die Todessprünge des KPD-Reichstagsabgeordneten Albert Funk sowie des KPD-Funktionärs Vörding aus Coesfeld. Bei seinen Recherchen zu einer Buchveröffentlichung über Albert Funk hat Bickhove-Swiderski bisher unveröffentlichte Dokumente im Bundesarchiv in Berlin ausgewertet; außerdem liegen ihm 180 Aussagen ehemaliger KPD-Mitglieder vor. Diese Akte hat die Zeit des KPD-Verbotes von 1956 im Haus eines Recklinghäuser KPD-Funktionärs eingemauert überdauert.

In einer der Aussagen wird berichtet: „Während die anderen Kriminal-Beamten die Wohnung durchsuchten, wurde ich von T e n h o l d  verhört. Dabei versetzte er mir dauernd Faustschläge ins Gesicht. (…) Im Laufe des Verhörs, forderte T e n h o l d  meine Frau auf, die Brille abzunehmen, wonach er sie dann mehrere Male ins Gesicht schlug. Wir wurden beide, meine Frau und ich, verhaftet. (…) Noch am Vormittag desgleichen Tages, wurde ich zur Vernehmung vorgeführt. Im Vernehmungszimmer wurde ich kurzerhand über einen Tisch gestoßen und mit Knüppeln und Stahlruten geschlagen. Nach etwa 30 Schlägen, wurde ich von Tenhold aufgefordert, auszusagen. Da ich schwieg, begann die Prozedur von Neuem. Dieses wiederholte sich 5 Mal, wobei ich durchschnittlich jedes Mal 50 Schläge erhielt, die auf Rücken, Gesäß und Beine niedersausten. Neben Kommissar Tenhold waren noch 6 andere Männer im Vernehmungszimmer, von denen jedes Mal 4 schlugen . Auch Tenhold selbst beteiligte sich am Schlagen. Während dieser Vernehmung sagte Tenhold zu mir, dass ein Tag vorher einer durch s Fenster gegangen sei und ich ihm nachfolgen könnte. Bei der letzten Prozedur wurde ich ohnmächtig.“

Der Vortrag findet passenderweise in der Dokumentationsstätte „Gelsenkirchen im Nationalsozialismus“, im ehemaligen Polizeigebäude von 1907 in Gelsenkirchen-Erle statt. In der Nazi-Zeit war das Haus unter anderem Sitz der NSDAP-Ortsgruppenleitung Buer-Erle und der Erler SA. Nach dem Fund einer Wandinschrift mit dem Parteiprogramm der NSDAP von 1920 wurde diese unter Denkmalschutz gestellt und am 8. Mai 1994 im Haus eine Dokumentationsstätte mit einer Dauerausstellung über Gelsenkirchen im Nationalsozialismus eröffnet. Hier führt das ISG regelmäßig Veranstaltungen durch, um „mit ausgewiesenen Fachleuten verschiedene Themen aus der Geschichte des Nationalsozialismus und aus der politischen und pädagogischen Auseinandersetzung mit dem ‚Dritten Reich‘ öffentlich zu diskutieren.“

„Wilhelm Tenholt – Chef der Gestapoleitstelle Recklinghausen – Gelsenkirchen von 1933-1936“ von Ortwin Bickhove-Swiderski, Dülmen. Der Vortrag findet am Mittwoch, 24. Februar 2016, ab 19 Uhr in der Dokumentationsstätte „Gelsenkirchen im Nationalsozialismus“, Cranger Straße 323 in 45891 Gelsenkirchen statt. Die Einrichtung ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln (Linien 301, 342, 381, 397,398, Haltestelle „Marktstraße“) gut zu erreichen.

Weitere Veranstaltungen im 1. Halbjahr 2016

Gelsenkirchener Antifaschistinnen und Antifaschisten tagen

VVN-BdA GelsenkirchenAm 21.09.2015 fand turnusmäßig die Jahreshauptversammlung der Gelsenkirchener VVN-BdA, der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten, im Alfred-Zingler-Haus statt. Die Formalitäten waren schnell erledigt. Als gleichberechtigte Sprecher wurden Andreas Jordan und Knut Maßmann wiedergewählt.

Als Gast war Jochen Vogler aus dem Vorstand der Landesvereinigung NRW der VVN-BdA anwesend, der über die Vorhaben für das nächste Jahr berichtete. 2016 jährt sich zum 70. Mal die Gründung der Landesvereinigung NRW der VVN 1946. Diesen Geburtstag wird die VVN-BdA im Oktober 2016 in Düsseldorf feiern. Für Mai 2016 ist ferner eine bundesweite Geschichtskonferenz der VVN-BdA in Nordrhein-Westfalen geplant. Zudem findet am 30. Januar 2016 in Solingen die 31. Konferenz der antifaschistischen Initiativen und Gruppen statt.

Des weiteren konkretisierte die Kreisvereinigung Gelsenkirchen ihren Beschluss, die Patenschaft für einen Stolperstein für ein Mitglied der Franz-Zielasko-Gruppe, einer antifaschistischen Widerstandsgruppe im Ruhrgebiet im „Dritten Reich“ zu übernehmen. Sie wird die Patenschaft für den Stolperstein, der Johann Eichenauer gewidmet sein wird, übernehmen. Die Verlegung ist für Oktober 2016 in Horst geplant.

Unter anderem berichtete Andreas Jordan über zwei Bürgeranträge, die der umtriebige Klaus Brandt  gestellt und die am 16.09.2015 in der Sitzung des Kulturausschusses behandelt worden waren. Der Antrag, der eine Erinnerungsortetafel am Volkshaus Rotthausen fordert, die auf dessen Geschichte als SS-Führerschule hinweist, war angenommen worden. Abgelehnt dagegen wurde sein zweiter Antrag, das Nazi-Schwert vom Schalker Verein von der Denkmalliste zu streichen und die 17.000 Euro, die die Verlagerung des Denkmals der Stadt kostet, sinnvoller einzusetzen.

Über den Bürgerantrag, den Andreas Jordan im Namen der VVN-BdA stellte, und der eine Ergänzung des Straßenschildes zum Fritz-Rahkob-Platz analog zu anderen Plätzen anregt, gab es noch nicht einmal eine Eingangsbestätigung.

Gedenkveranstaltung auf dem Fritz-Rahkob-Platz

Gedenkveranstaltung für Fritz Rahkob und seiner Frau Emma am 64. Jahrestag 2008

Gedenkveranstaltung für Fritz Rahkob und seiner Frau Emma am 64. Jahrestag 2008

Am 24. August 2015 wird ab 18 Uhr auf dem Fritz-Rahkob-Platz in Gelsenkirchen im Rahmen einer kleinen Gedenkveranstaltung an den mutigen Kämpfer gegen Krieg und Faschismus erinnert. Veranstalter ist wie in den Jahren zuvor die VVN-BdA Gelsenkirchen.

Friederich Rahkob wurde am 25. Juli 1885 in der damals noch nicht zu Gelsenkirchen gehörenden Gemeinde Rotthausen geboren. „Fritz“, wie er genannt wurde, erkannte früh, dass in der aufstrebenden Montanindustrie des Ruhrgebiets höhere Löhne als in der Landwirtschaft gezahlt wurden. Als Bergmann wurde er 1905 in einer Arbeiterbewegung aktiv, die damals noch nicht in Sozialdemokraten und Kommunisten gespalten war. Nach einer zweijährigen Militärzeit im 1. Weltkrieg, die wegen einer Verwundung 1916 endete, kehrte er in seinen alten Beruf zurück und wurde während der Revolution 1918 Mitglied des Arbeiter- und Soldatenrates in Rotthausen und 1920 Mitglied der KPD, der Kommunistischen Partei Deutschlands.

Seit der Eingemeindung Rotthausens 1924 nahm Fritz Rahkob an den Arbeiterkämpfen in Gelsenkirchen teil, wurde Mitglied im Einheitsverband der Bergarbeiter in der RGO, der KPD-nahen Gewerkschaft. Nach einem schweren Arbeitsunfall musste er die Arbeit im Bergbau aufgeben. Die kommunistische Tageszeitung „Ruhr-Echo“ beschäftigte ihn erst als Kassierer, später im Versand.

Mit Beginn der Machtübernahme der Nazis im Jahre 1933 verbrachte der bekannte Kommunist Fritz Rahkob die Jahre von 1933 bis 1938 in sogenannter „Schutzhaft“. Seine Ehefrau Emma Rahkob beteiligte sich während der Haft ihres Mannes aktiv am Widerstand. Dafür wurde sie am 20. November 1934 zu zwei Jahren und sechs Monaten Zuchthaus verurteilt. Nach seiner Entlassung arbeitete Fritz Rahkob auf der Baustelle eines Düsseldorfer Unternehmens und lernte den Widerstandskämpfer Franz Zielasko kennen.

Zielasko, Bergmann aus Gladbeck, Kämpfer in den Gladbecker Verbänden der „Roten Ruhrarmee“ 1920 gegen Kapp-Putsch und Freikorps, Mitglied erst der USPD (1918), dann der SPD (1922) und schließlich der KPD (1926/27), emigrierte 1932 in die Sowjetunion. Er kämpfte 1937 bis 1939 im Spanischen Bürgerkrieg gegen die Franco-Putschisten, wurde im März 1943 von der Sowjetunion mit dem Fallschirm über Polen abgesetzt und nahm im Ruhrgebiet Kontakt mit Gleichgesinnten auf. In der festen Überzeugung, man müsse den Krieg und den Faschismus aktiv bekämpfen, schloss sich Rahkob der Widerstandsgruppe um Franz Zielasko an, der in Gladbeck, Oberhausen, Essen, Gelsenkirchen und weiteren Städten Kontakte knüpfte. Die Gruppe wurde verraten, im August 1943 verhaftete die Gestapo 45 Antifaschisten, darunter auch Fritz Rahkob.

Zielasko wurde schon bei den Verhören brutal zu Tode gefoltert. Fritz Rahkob und andere Kameraden wurden wegen „Vorbereitung zum Hochverrat u.a.“ vom sogenannten „Volksgerichtshof“ zum Tode verurteilt. Am 24. August 1944 erfolgte Rahkobs Hinrichtung durch Enthauptung mit der zynischen Begründung, die Angeklagten seien es nicht wert, mit einer Kugel erschossen zu werden. Am Tag der Hinrichtung von Fritz Rahkob wurde auch seine Frau Emma verhaftet und erfuhr im Gestapo-Gefängnis von der Hinrichtung ihres Mannes. Kurz vor der Deportation in ein Konzentrationslager wurde sie von alliierten Truppen aus dem Münchener Polizeigefängnis befreit.

Rahkobs Kopf und seinen Leib bewahrten die Nazis in Spiritus auf. Nach der Einäscherung am 1. Juli 1947 in Reutingen wurde die Urne von alliierte Soldaten nach Gelsenkirchen überführt, wo sie am 14. September 1947 feierlich auf dem Rotthauser Friedhof beigesetzt wurde. Das „Westfälische Volks-Echo“ berichtete darüber am 16. September 1947 unter der Überschrift „Fritz Rahkob ruht in Heimaterde.“

Die Stadt Gelsenkirchen tat sich – wie übrigens die gesamte alte Bundesrepublik Deutschland – lange Zeit äußerst schwer mit der Erinnerung an kommunistische Widerstandskämpfer gegen Nazi-Deutschland. Erst 1987, über 30 Jahre nach dem Ende der Nazi-Herrschaft, und jetzt auch schon fast wieder 30 Jahre her, benannte der Rat der Stadt Gelsenkirchen drei Plätze in der Gelsenkirchener Innenstadt nach je einem örtlichen sozialdemokratischen, katholischen und kommunistischen Nazi-Gegner: Margarethe-Zingler-Platz, Heinrich-König-Platz und Fritz-Rahkob-Platz waren das Ergebnis. Eine Gedenktafel wurde auf jedem Platz feierlich enthüllt.

Seit dem 1. August 2011 erinnert ein Stolperstein in der Liebfrauenstraße 38, seinem letzten Wohnort im Stadtteil Schalke, an Fritz Rahkob.

Die Kreisvereinigung Gelsenkirchen der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten erinnert wie schon in den Jahren zuvor an seinem Todestag, dem 24. August, ab 18 Uhr auf dem nach ihm benannten Platz an den mutigen Kämpfer gegen Krieg und Faschismus.

Frauen ermordeter Gelsenkirchener Widerstandskämpfer 1948 (v.l.n.r.) Auguste Frost, Anna Bukowski, Emma Rahkob, Änne Littek, Luise Eichenauer (Foto: Privatbesitz)

Frauen ermordeter Gelsenkirchener Widerstandskämpfer 1948 (v.l.n.r.) Auguste Frost, Anna Bukowski, Emma Rahkob, Änne Littek, Luise Eichenauer (Foto: Privatbesitz)