Die Verwaltung der Erinnerung in Gelsenkirchen

Neben die Frage, wie sich an die Verbrechen der Nazis angemessen erinnern lässt, tritt bisweilen auch die Frage, an welchem Ort wir angemessen erinnern können. In Gelsenkirchen stellte sich darüber hinaus das peinliche Problem, die Frage nach dem richtigen Ort überhaupt thematisieren zu dürfen. So musste ein Bürger die Behandlung seiner Anregung im Kulturausschuss erst mit Hilfe des Verwaltungsgerichts durchsetzen.

Vor einigen Jahren hat der „Zug der Erinnerung“ mit einer mobilen Ausstellung in Eisenbahn-Waggons über die europaweiten Deportationen durch die Deutsche Reichsbahn Aufsehen erregt. Er machte auf vielen Bahnhöfen Deutschlands Station und hielt im Februar 2008 auch in Gelsenkirchen, war zuvor in Bochum und fuhr anschließend nach Duisburg weiter. Der von einer Dampflok gezogene Zug bestand aus mehreren Waggons, in denen die Deportationen im von Nazi-Deutschland besetzten Europa in beispielhaften Einzelbiografien dargestellt wurden.

Die Kosten der deutschlandweiten Fahrten wurden durch private Spenden aus ganz Deutschland aufgebracht, weder die Deutsche Bahn AG als Nachfolgerin der Deutschen Reichsbahn noch die Stadt Gelsenkirchen beteiligten sich finanziell daran. Vielmehr nahm die Bahn AG die üblichen Bahngebühren ein. Immerhin war der „Zug der Erinnerung“ am 17. Februar 2008 in Gelsenkirchen vom Bürgermeister Klaus Hermandung begrüßt worden und hatte Oberbürgermeister Baranowski eine „Schirmherrschaft“ über den Gelsenkirchener Halt übernommen.

Erinnerungsortetafel in einer Ecke am Südausgang des Gelsenkirchener Hauptbahnhofs.

Anstatt den „Zug der Erinnerung“ bzw. seinen Gelsenkirchener Aufenthalt finanziell zu unterstützen, hatte die Stadt Gelsenkirchen zur „nachhaltigen Erinnerung“, wie es in einer Pressemitteilung beschönigend heißt, schnell mal eben am 19. Februar 2008 neben dem Südeingang des Hauptbahnhofs eine Tafel hingestellt, die die Namen der 80 deportierten Gelsenkirchener Kinder und Jugendlichen aufführt. Der korrekte historische Ort wäre der frühere Güterbahnhof gewesen, von dem aus die Deportationen durchgeführt worden waren. Allerdings hätte die Tafel an jenem Ort keine Öffentlichkeit gefunden, daher ist die Wahl des Hauptbahnhofs sicherlich besser.

Damals wie heute stellt sich jedoch die Frage, warum die Tafel nicht direkt im Hauptbahnhof, sondern außerhalb angebracht worden ist.

Die Behandlung dieser Frage gehört selbstverständlich in den städtischen Kulturausschuss. Im August 2016 beantragte der unbequeme Sozialdemokrat Klaus Brandt in einer Bürgeranregung, die Stadtverwaltung solle mit der Deutschen Bahn AG darüber verhandeln, die Erinnerungsortetafel „Deportation jüdischer Kinder und Jugendliche“ oder ein vergleichbares Gedenkzeichen innerhalb des Bahnhofs anzubringen.

Blick in den Gelsenkirchener Hauptbahnhof.

Wie er in einer ausführlichen Rundmail vom 17. November 2017 darlegt, wurde seine Anregung grob missachtet. Zuallererst stellte die Verwaltung stumpf fest, dass der Gelsenkirchener Bahnhof nicht zum Zuständigkeitsbereich der Stadt gehöre und leitete Brandts Anregung an die Deutsche Bahn AG weiter. Brandt wehrte sich mit inhaltlichen Argumenten, es sei ihm nicht um einen Verwaltungsvorgang gegangen, sondern um ein politisches Handeln der Stadt Gelsenkirchen mit ihrem ganzen politischen Gewicht.

Es folgte ein Schriftverkehr zwischen Klaus Brandt und verschiedenen Stellen der Deutschen Bahn AG, die auf ihr zentrales Mahnmal in Berlin, aber auch auf die Kooperationen mit vielen Städten und Gemeinden in Bezug auf die Anbringung von Gedenktafeln verwies. Im Oktober 2016 wandte sich Brandt mit diesem Ergebnis wieder an die Stadt und erneuerte seine Anregung, nicht er als einzelner Bürger, sondern die Stadt solle mit der Bahn verhandeln.

Am 16. Februar 2017 wurde Klaus Brandt durch den Oberbürgermeister abgewatscht. Seine Eingabe würde sich nicht auf eine gemeindliche Angelegenheit beziehen, denn es gäbe keine rechtliche Einflussmöglichkeit der Stadt. Einen Dritten um ein bestimmtes Handeln zu bitten, sei keine gemeindliche Angelegenheit im Sinne des § 24 der Gemeindeordnung NRW.

Klaus Brandt, selbst Jurist, reichte am 23. Februar 2017 eine Klage gegen die Stadt Gelsenkirchen vor dem Verwaltungsgericht ein und beantragte, die Stadt zu verpflichten, seine Bürgeranregung zu behandeln. Die Stadt blieb bei ihrer Haltung, während Brandt Beispiele aufführte, in der die Stadt sehr wohl Dritte zum Handeln aufforderte. So hatte zum Beispiel der Rat der Stadt am 30. März 2017 eine „Resolution zur sofortigen Freilassung des Journalisten Deniz Yücel aus der Untersuchungshaft in der Türkei“ beschlossen. Klaus Brandt findet, dass die Stadt den Gelsenkirchener Opfern der Bahntransporte in die Ghettos und Vernichtungslager nicht weniger Einsatz schulde als den Opfern der Repression in der Türkei.

Während Klaus Brandt inhaltlich argumentiert, pochte die Verwaltung einsilbig und unbelehrbar auf ihren juristischen Standpunkt. So antwortete die Stadt dem Verwaltungsgericht, es sei dem Oberbürgermeister oder dem Rat unbenommen, Appelle an Dritte zu richten, aber das heiße noch lange nicht, dass ein Normalbürger das rechtswirksam anregen könne. Trotz dieser überaus bornierten und von Untertanengeist geprägten vordemokratischen Einstellung – und das in einer sozialdemokratischen Stadt – blieb Klaus Brandt beharrlich bei inhaltlichen und politischen Argumenten.

Erst nachdem das Verwaltungsgericht die Stadt darauf hinwies, dass Klaus Brandt einen Anspruch darauf habe, dass seine Eingabe vorgelegt werde, wurde dessen Anregung dem Ausschuss für Kultur am 22. November 2017 endlich vorgelegt. Im Ratsinformationssystem ist zu erfahren, dass der Ausschuss der Vorlage der Verwaltung mehrheitlich zugestimmt hat – und damit die Anregung von Klaus Brandt abgelehnt hat. In der Verwaltungsvorlage heißt es im letzten Absatz: „Es bleibt für die Entscheidung festzuhalten, dass eine Beschilderung des Bahnhofsgebäudes der Deutschen Bahn AG nicht in die Zuständigkeit und die Entscheidungskompetenz der Stadt Gelsenkirchen fällt. Gleichzeitig ist auch durch die von Demokratischer Initiative und Stadt Gelsenkirchen aufgestellte Erinnerungsorte-Tafel zu Deportationen jüdischer Kinder und Jugendlicher unmittelbar vor dem Südausgang des Bahnhofs gesichert, dass an die Verbrechen an jüdischen Menschen und die Beteiligung der Reichsbahn in öffentlichkeitswirksamer Weise erinnert wird.“

Wie „öffentlichkeitswirksam“ dort erinnert wird, kann man auf dem Foto unten unschwer erkennen. Ein Protokoll der Kulturausschusssitzung, in dem vielleicht mehr über die Diskussion im Ausschuss zu erfahren wäre, liegt im Ratsinformationssystem derzeit nicht vor.

Südausgang des Gelsenkirchener Hauptbahnhofs. Die Erinnerungsortetafel befindet sich „öffentlichkeitswirksam“ links in der Ecke.

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Wirtschaftsführer und Kriegsgewinnler

Buchveröffentlichung des RuhrEcho-Verlags, Bochum.

„Verbrechen der Wirtschaft“ von Günter Gleising zeigt Anteil und Interesse der Ruhrbarone und von führenden Industriellen Deutschlands an der Errichtung der Nazi-Herrschaft, an der Aufrüstungs- und Kriegspolitik und der Ausplünderung der eroberten Gebiete. Das Kriegsende 1945 bedeutete für ihre Geschäfte nur eine kurze Unterbrechung, die bald wieder florierten.

Günter Gleising, Mitglied der VVN-BdA Bochum, stellt deutlich die Interessen der wirtschaftlichen Elite der Weimarer Republik dar, die gegen Republik, Betriebsräte und Gewerkschaften und für die Wiederaufrüstung nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg standen. Ausgehend von der Fragestellung, wie es der NSDAP gelingen konnte, innerhalb weniger Jahre von einer Splittergruppe zur einflussreichsten Kraft Deutschlands zu werden und wie es Nazi-Deutschland innerhalb von sechs Jahren gelingen konnte, halb Europa mit Krieg zu überziehen, zeigt er die Unterstützung, die Hitler und seine Partei durch führende Industrielle genoss.

Begünstigt wurde die Machtstellung der Wirtschaft durch eine beispiellose Konzentration der Schwerindustrie im Ruhrgebiet, die Krupp, Thyssen, Flick und anderen einen außerordentlichen Einfluss gab, während gleichzeitig die katastrophalen Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise auf die kleinen Leute abgewälzt wurde. Das Interesse der Wirtschaftsführer an der Beseitigung aller demokratischen und humanistischen Hemmnisse, die ihrem Gewinnstreben entgegenstanden, traf sich mit Hitlers politischem Programm und Politik.

Gleising belegt anhand zahlreicher Dokumente, wie Hitler und die NSDAP ab 1925 ihre Macht ausbauen und dabei durch führende Industrielle unterstützt wurden, bis ihm am 30. Januar 1933 vom Reichspräsidenten Hindenburg die Kanzlerschaft angetragen wurde. Mit der Machtübertragung an die Nazis begann für die Konzerne wieder das große Geschäft: Rüstungsaufträge, Arisierungen, Ausplünderung eroberter Gebiete und Sklavenarbeit bildeten das Geschäftsmodell, dass Gleising anhand zahlreicher Beispiele aus Bochum und den Nachbarstädten zeigt.

Bei allem Lob für die Veröffentlichung darf eine Kritik an der faktenreichen Darstellung nicht fehlen: gelegentlich hat man als geneigter Leser den Eindruck, von der Vielzahl der Fakten schier erschlagen zu werden ohne die Gelegenheit zu bekommen, beim Lesen innezuhalten. Trotzdem gibt es eine klare Empfehlung für dieses Buch, das sich nahtlos in die Spurensuche und Kennzeichnung der Tatorte der „Verbrechen der Wirtschaft an Rhein und Ruhr 1933-1945“ der VVN-BdA NRW einfügt und weit darüber hinausweist.

Lesenswert ist „Verbrechen der Wirtschaft“ auch nicht nur als historische Darstellung. In seinem Vorwort erinnert Ulrich Sander, Bundessprecher der VVN-BdA daran, dass die Ministerin Andrea Nahles 2016 aus dem Armutsbericht der Bundesregierung einen Satz streichen ließ, der den Einfluss der Reichen auf die Politik zeigt. Trotzdem – eine Binsenweisheit – besteht dieser Einfluss 1933 wie heute. Günter Gleisings „Verbrechen der Wirtschaft“ zeigt am historischen Beispiel, was zuviel Macht auf der Kapitalseite anrichtet. So ist aus dieser Geschichte zu lernen, dass und warum sie sich nicht wiederholen darf.

Gleising, Günter: Verbrechen der Wirtschaft. Der Anteil der Wirtschaft an der Errichtung der Nazidiktatur, der Aufrüstungs- und Kriegspolitik im Ruhrgebiet 1925-1945, RuhrEcho Verlag, Bochum, 2017, 267 Seiten, 18 Euro

Stolpersteine mahnen auf der Bahnhofstraße

Die vorbereiteten Stolpersteine für die Familie Gompertz, Bahnhofstraße 22 am 24.11.2017.

Zum inzwischen zehnten Mal ist der Kölner Bildhauer und Aktionskünstler Gunter Demnig nach Gelsenkirchen gekommen um weitere Stolpersteine zu verlegen. Seinen Abschluss fand der Tag auf der Bahnhofstraße mit der Verlegung von fünf Stolpersteinen für die Familie Gompertz, die sich vor dem mörderischen Antisemitismus der Nazis über die Niederlande in die USA retten konnten. „Immer einen Fluchtweg offen halten“, ist die Lehre, die Ron Gompertz aus der (Familien-)Geschichte gezogen hat.

Ausführlich schilderte Ron Gompertz wie das Haus auf der Bahnhofstraße 22 eingerichtet gewesen ist. Im Erdgeschoss befand sich das Pelzgeschäft, die Etagen darüber waren der Familie vorbehalten. Auf den Stolpersteinen, die vor dem Eingang des Eckhauses in das Pflaster eingefügt wurden, sind unter der Überschrift „Hier wohnte“ die Namen zu lesen. Leo Gompertz und seine Frau Betty, geborene Isacson, sowie die drei Kinder Albert, Fritz und Rolf Gompertz.

Im Gegensatz zu vielen anderen konnte diese Familie sich retten. Über die Niederlande gelang es ihnen in die USA auszuwandern und sich dort ein neues Leben aufzubauen. Zur Stolpersteinverlegung waren Familienmitglieder aus der Enkel- und Urenkelgeneration anwesend. Ron Gompertz sprach ausführlich auf Englisch über die Familiengeschichte, Heike Jordan trug anschließend die deutsche Übersetzung vor. In englischer und in deutscher Sprache wurden auch die Erinnerungen seines Vaters, Fred Gompertz, an die Reichspogromnacht, in der das Ladengeschäft unter ihnen zerstört worden war, vorgelesen.

Ron Gompertz (links im Bild) spricht während der Stolperstein-Verlegung zu den Anwesenden über die Geschichte seiner Familie.

Nicht überraschend war die klare Aussage, dass ihnen mit diesem Gebäude, dessen Aufbau er zuvor beschrieben hatte, ihr Zuhause geraubt („stolen“) worden war. Außerordentlich bemerkenswert die Lehre, die Ron Gompertz aus der (Familien-)Geschichte gezogen hat, als er sinngemaß sagte, es sei wichtig, immer einen Fluchweg offen zu haben. Er wies auf seine Tochter Minna hin, die jetzt in dem Alter sei, in dem damals ihr Großvater gewesen ist und sich aussuchen könne, in welchem Land sie leben wolle, in den USA oder einem Land der Europäischen Union. Zum Abschluss der Veranstaltung gab Andreas Jordan das Versprechen, die Stolpersteine an jedem 9. November zu pflegen.

Der Kantor singt das „El Male Rachamim“, in dem Gott angefleht wird, der Seele der Verstorbenen Frieden zu geben.

Für die Gompertz‘ standen noch weitere Besuche auf dem Programm. Auf geteilten Fotos auf Facebook sind sie beim Besuch des Grillo-Gymnasiums zu sehen, wo Ron Gompertz das Zeugnis seines Vaters im Archiv einsehen konnte, ein weiteres Foto zeigt sie auf dem Alten Jüdischen Friedhof und – das muss ein Höhepunkt gewesen sein – in den oberen Etagen des Hauses Bahnhofstraße 22.

Die ersten Stolpersteine auf der Bahnhofstraße, hier vor Haus Nummer 22 für die Familie Gompertz.

Eine ausführliche Darstellung der Geschichte der Familie Gompertz mit historischen Abbildungen findet sich auf der Internetseite von Gelsenzentrum e.V.

Stolpersteine für die Familie Nussbaum verlegt

Im Gedenken wieder vereint: Stolpersteine für die Familie Nussbaum vor der Hildegardstraße 21.

– Wortbeitrag von Knut Maßmann während der Verlegung –

Die Eheleute David und Malka Nussbaum stammten aus Galizien, dem Teil Polens, der bis zum Ende des Ersten Weltkriegs zu Österreich-Ungarn gehört hatte. David Nussbaum wurde am 25. Mai 1901 in Rozniatow geboren, Malka Nussbaum, geborene Rechtschaffen am 14. Mai 1903 in Pacykow.

Mit der Wiedergründung eines unabhängigen polnischen Staates wurden sie aufgrund ihres Geburtsortes polnische Staatsbürger. Galizien war eine bitterarme Region. Aufgrund von Armut und Diskriminierung hatten zahlreiche Juden das Land in Richtung USA verlassen. Ein kleiner Teil wandte sich nach Deutschland, darunter jene, die nicht genügend Geld für die Reise nach Übersee besaßen.

Wir wissen nicht, was die Eheleute nach Gelsenkirchen führte. Wir wissen, dass sie hier lebten und in unserer Stadt ihre drei Kinder geboren wurden: am 27. November 1928 die älteste Tochter Ruth, am 21. November 1930 der Sohn Siegfried und am 2. Oktober 1937 als jüngstes Kind Mirjam.

Das Haus Hildegardstraße 21 – der letzte frei gewählte Wohnort der Familie Nussbaum..

Vater David Nussbaum und die jüngste Tochter Mirjam wurden im Rahmen der sogenannten „Polenaktion“ 1938 nach Polen ausgewiesen. Dabei wurden innerhalb von 3 Tagen rund 17.000 Juden polnischer Staatsangehörigkeit im gesamten Deutschen Reich verhaftet und nach Polen abgeschoben. Auslöser war eine Änderung des polnischen Passgesetzes, mit dem Polen die im Ausland lebenden jüdischen Staatsbürger auszubürgern beabsichtigte.

In Gelsenkirchen betraf die Aktion rund 80 jüdische Menschen jeden Alters.

Die größte Anzahl wurde über den Grenzübergang Bentschen/Zbazyn nach Polen abgeschoben, wo die überforderten polnischen Behörden sie zunächst in Eisenbahnwaggons festgehalten und in ehemaligen Kasernen und Ställen untergebracht haben. Zeitzeugen berichten von chaotischen Zuständen.

Nach diplomatischen Verhandlungen zwischen Nazi-Deutschland und Polen durften die Ausgewiesenen noch einmal an ihren früheren Wohnort zurückkehren um mit ihren Familien, persönlichen Gegenständen, evtl. der Wohnungs- oder Werkstatteinrichtung nach Polen auszureisen. Die Kosten mussten die Betroffenen selbst tragen.

Die heute nicht mehr vorhandene Wasserstraße mündete etwa hier in die Bismarckstraße. Das Haus mit der Nummer 16 befand sich unweit der Einmündung und wurde vermutlich im Krieg zerstört.

Vermutlich im Zusammenhang damit steht ein Umzug der Familie. Am 17. Juni 1939 zogen sie in die Wassergasse 16 um. Die Straße lag früher zwischen Paulinenstraße und Liboriusstraße und führte von der Kronprinzenstraße (das ist heute die Dresdener Straße) zur Bismarckstraße. Sie war noch bis 1955 in den Adressbüchern verzeichnet und ist heute überbaut.

Warum die Ausreise nach Polen im Fall der Familie Nussbaum nicht geschehen ist, wissen wir nicht. Vermutlich hat der Beginn des Zweiten Weltkriegs mit dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 die Ausreise der Familie verhindert.

Was wir wissen ist, dass David Nussbaum nach einem Erlass vom 9. September 1939 in sogenannter „Schutzhaft“ genommen wurde und ins Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht wurde. Dort verstarb er am 9. Juni 1940, keine 40 Jahre alt, an einer Lungenentzündung.

Florastraße 84, hier wurde 2009 ein Stolperstein für Regine Spanier verlegt, einer der ersten Stolpersteine in Gelsenkirchen.

Am 30. August 1940 müssen Malka Nussbaum und ihre drei Kinder Ruth, Siegfried und Mirjam in ein sogenanntes „Judenhaus“ umziehen, in dem die Nazis vor Deportation und Vernichtung die jüdische Bevölkerung auf engem Raum konzentrierte. Sie ziehen in das Haus der Familie Spanier, Franz-Seldte-Strasse 84 (das ist heute Florastrasse 84) und leben Briefen zufolge in deren Wohnzimmer.

Die Familie Nussbaum findet Erwähnung in einem Brief der Tochter von Regina Spanier. Gertrud Reifeisen schreibt am 20. August 1940 in einem Brief an ihre Tochter Ilse, die mit einem der Kindertransporte nach Schweden reisen konnte und so überlebte: „… Du kennst ja wohl noch die Ruth Nussbaum. Der Mann war ja mit Vati zusammen fort und ist gestorben. Also die Frau mit den 3 Kindern ziehen zu uns in die Wohnung. Das kleinste Mädelchen ist 3 Jahre alt, und ein niedliches Kind. Es ist ja nicht sehr angenehm für Oma, denn die Unruhe wird groß werden, aber es lässt sich nicht ändern.“

Noch in zwei weiteren Briefen findet die Familie Nussbaum Erwähnung. Am 2. September 1940 schreibt Gertrud Reifeisen: „… Ruth und Siegfried sind ja große Kinder und machen wenig Unruhe, aber die kleine Mirjam ist – wie alle kleinen – sehr unruhig. Und außerdem fehlt uns der Raum sehr …“ Am 12. Dezember 1940 schreibt sie über die wohltuende Ruhe, da die kleine Mirjam mit einer harmlosen Nierenerkrankung seit 14 Tagen im Krankenhaus liege.

Waggon der Deutschen Reichsbahn. Hier ein Ausstellungsstück in der Gedenkstätte Radegast, Lodz.

Am 27. Januar 1942 werden Malka Nussbaum und ihre drei Kinder wie weitere rund 360 Juden aus Gelsenkirchen mit dem ersten Sammeltransport in das Ghetto Riga deportiert, nachdem sie zuvor in der Ausstellungshalle am Wildenbruchplatz zusammengepfercht worden waren. Der Zug der Deutschen Reichsbahn (heute Deutsche Bahn AG) fuhr in Gelsenkirchen vom Güterbahnhof ab und erreichte Riga am 1. Februar 1942.

Im Ghetto Riga lebten auf engstem Raum zuerst lettische Juden, nach ihrer Ermordung Juden aus Deutschland. Fast alle wurden im Ghetto, in den angrenzenden Wäldern oder benachbarten Konzentrationslagern von deutscher und lettischer SS ermordet.

Malka Nussbaum und Ihre Tochter Ruth wurden spätestens Anfang November 1943 im Zuge der Auflösung des Ghettos ermordet. Für die beiden jüngsten Kinder, Siegfried und Mirjam, ist als „Todesort“ nicht das Ghetto Riga, sondern „Riga-Jungfernhof, Außenlager Ghetto Riga“ angegeben. Dabei handelt es sich um ein drei bis vier Kilometer von Riga entferntes heruntergekommenes Gut mit Gutshaus, Scheunen, Baracken und Viehställen beim Dorf Jumpravmuiža.

Heute führen wir die Familie im Gedenken wieder zusammen.

Gedenken zur Reichspogromnacht

Die abgebildeten Stolpersteine erinnern an die Familie Goldschmidt, Gelsenkirchen.

Wie auch schon in den vergangenen Jahren hat in Gelsenkirchen die „Demokratische Initiative gegen Diskriminierung und Gewalt, für Menschenrechte und Demokratie – Gelsenkirchen“ (DI) Schweigemarsch und Kundgebung zum Gedenken an die Pogrome in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 gegen die deutsch-jüdische Bevölkerung durchgeführt.

In der „Demokratischen Initiative“ nicht erwünscht – und daher auch nicht offiziell eingeladen – ist die VVN-BdA Gelsenkirchen. Wie in allen Jahren haben Mitglieder der Gelsenkirchener VVN-BdA als Bürger dieser Stadt selbstverständlich an der Gedenkveranstaltung teilgenommen. Eine Ausnahme bildete die Zwischenkundgebung am Nazi-Schwert vom Schalker Verein am 9. November 2015, die von uns deutlich kritisiert worden war und der wir im Bündnis gegen Krieg und Faschismus eine eigene Zwischenkundgebung entgegengesetzt haben.

Kritik an der Ausgrenzung der VVN-BdA Gelsenkirchen kommt von der Gelsenkirchener Linkspartei, die nach den Erfahrungen der VVN-BdA Gelsenkirchen auf einen eigenen Aufnahmeantrag an die DI verzichtet hatte. In ihrer Pressemitteilung erklären sie, wie selbstverständlich für Linke der Widerstand gegen Faschismus war und ist. Martin Gatzemeier, Vorsitzender der Linken Ratsfraktion schreibt dann auch abschließend: „An das Datum muss insbesondere DIE LINKE. nicht erinnert werden, da Kommunisten und Sozialisten zu den ersten Opfern der Nazis gehörten. DIE LINKE. Gelsenkirchen wird wieder am Gedenkzug teilnehmen so wie sie es schon seit Jahren macht“.

Noch deutlichere Kritik äußerte wiederholt der Sozialdemokrat Klaus Brandt, der die Gedenkveranstaltung zuletzt in einem Leserbrief an die WAZ (04.11.2017) als „Alibiveranstaltung“ bezeichnet und die DI als „eine(r) Art kommunal finanzierten Rotary-Club(s), der Andreas Jordans Gelsenzentrum und die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes ebenso ausgrenzt wie die Linke.“ Klaus Brandt rechnet sich einem linksbürgerlichen Personenkreis zu, der ein anderes Verständnis von Solidarität der Demokraten vertritt, „als es unser Oberbürgermeister praktiziert.“ Weitere Kritiker sind der Veranstaltung einfach ferngeblieben und haben anderweitig ihren Unmut kundgetan.

Nun muss man bei aller Kritik an der DI nicht das Kind mit dem Bade ausschütten. Eine offizielle Gedenkveranstaltung in Erinnerung an einen frühen Höhepunkt der rassistischen Nazi-Politik ist sicherlich kein Fehler – vor allem in einer Zeit, in der eine rechte „Alternative für Deutschland“ bei einer Bundestagswahl 17 % der Wählerstimmen in Gelsenkirchen holt. Sie genügt allerdings auch nicht, um den Rechten das Wasser abzugraben. Hier ist eine andere Politik nötig, als sie die staatstragenden Parteien der letzten Jahrzehnte betrieben haben. Und solange sich das nicht ändert, ist Klaus Brandt mit der Bezeichnung „Alibi-Veranstaltung“ für die Gedenkkundgebung sicherlich im Recht. Daher sollte sich der von ihm so schön bezeichnete linksbürgerliche Personenkreis, zu dem sich die Gelsenkirchener VVN-BdA sicherlich auch zählen kann, im nächsten Jahr zu einer eigenen Veranstaltung einfinden. Ideen dazu gibt es ja bereits.

Werner-Goldschmidt-Salon – Parteibüro von Die Linke und Veranstaltungsort, benannt nach dem Gelsenkirchener und jüdischen Widerstandskämpfer Werner Goldschmidt.

„Im traurigen Monat November war’s“

Ein Blick in den Wagen von Gunter Demnig mit den für die Verlegungen vorbereiteten Stolpersteinen. Foto aus dem Jahre 2016 in Gelsenkirchen.

Im traurigen Monat November war’s,
Die Tage wurden trüber,
Der Wind riß von den Bäumen das Laub,
Da reist ich nach Deutschland hinüber,
(Heinrich Heine: Deutschland. Ein Wintermärchen, 1844)

In diesem November stehen zwei Gedenkveranstaltungen in Gelsenkirchen auf dem Programm, die – wenn wir es positiv sehen wollen – die Vielfalt des Gedenkens an die Opfer der Verbrechen der Nazis zeigen. Wie in jedem Jahr ruft die DI, die „Demokratische Initiative gegen Diskriminierung und Gewalt, für Menschenrechte und Demokratie – Gelsenkirchen“ zum Gedenken an die Pogrome in der sogenannten „Reichskristallnacht“ vom 9./10. November 1938 auf. Und später im November, am Freitag, dem 24. November 2017, kommt zum inzwischen zehnten Mal der Kölner Aktionskünstler Gunter Demnig nach Gelsenkirchen, um weitere Stolpersteine zur Erinnerung an die Opfer der Nazis zu verlegen.

Die inzwischen selbstverständlich gewordene Gedenkveranstaltung der DI findet in jedem Jahr an einem anderen Ort statt. In diesem Jahr ist ein Schweigezug in Gelsenkirchen-Erle ab 18.30 Uhr vom Elisabeth-Krankenhaus zur Dokumentationsstätte „Gelsenkirchen im Nationalsozialismus“ geplant. Dort wird um 19.00 Uhr eine Kundgebung stattfinden, bei der Alexander Welp (Consol-Theater) „Zitate aus den Ermittlungen zum Gelsenkirchener Synagogenbrand von 1938“ vortragen wird. Frank Baranowski, Oberbürgermeister und Schirmherr der DI wird die jährliche Gedenkrede halten.

Die Dokumentationsstätte „Gelsenkirchen im Nationalsozialismus“ befindet sich in einem Gebäude, in dem Ortsgruppen der NSDAP und Einheiten der Erler SA untergebracht gewesen sind. In einem Schulungsraum im Obergeschoss ist auf einer Wand das Parteiprogramm der NSDAP abgebildet, das nach seiner Wiederentdeckung 1989 unter Denkmalschutz gestellt worden ist. Der Rat der Stadt Gelsenkirchen beschloss damals die Einrichtung des Dokumentationszentrums sowie die Gründung des Instituts für Stadtgeschichte. Eine erste Dauerausstellung ist am 8. Mai 1994 eröffnet worden, eine neue Dauerausstellung am 8. Mai 2015. Die neue Dauerausstellung thematisiert die von den Nazis propagierte „Volksgemeinschaft“ und fragt nach den Bedingungen und konkreten Mechanismen vor Ort, mit denen die Nazis einen sozialen Konsens herzustellen suchten. Daneben vergisst die Ausstellung nicht Verfolgung und Widerstand und die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit nach 1945.

Die Dokumentationsstätte „Gelsenkirchen im Nationalsozialismus“ auf der Cranger Straße 323 in Gelsenkirchen-Erle. Das Gebäude wurde 1907 ursprünglich als Polizeidienststelle errichtet.

Ein ganz anderes Erinnerungsmodell, welches nicht auf rationale Beschäftigung, sondern auf persönliche Betroffenheit setzt, verfolgt der Kölner Bildhauer und Aktionskünstler Gunter Demnig. Mit kleinen, in das Straßenpflaster eingesetzten Steinen erinnert er – in der Regel am letzten frei gewählten Wohnort – an verfolgte und ermordete Opfer der Nazis. Dabei unterscheidet er nicht zwischen Juden, politisch Verfolgten, Homosexuellen, Zeugen Jehovas, Sinti oder Behinderte. Ein Stolperstein kann für jedes Opfer verlegt werden und erinnert immer genau an eine Person. Neben der Beschriftung „Hier wohnte“ finden sich weitere knappe Angaben, wie Name, Lebensdaten und Verfolgungsgrund. Dort, wo die verfolgten und ermordeten Menschen ihren Lebensmittelpunkt hatten, wird auf ihr Verfolgungsschicksal hingewiesen.

Weit über 60.000 Stolpersteine hat Demnig seit 1992 in Europa verlegt. Das „größte dezentrale Mahnmal“ ist dabei nicht unstrittig. Zur wiederholten Kritik gehört die Ansicht, hier werde das Andenken mit Füßen getreten. Eine völlig entgegengesetzte Erfahrung machte ich in unserer Nachbarstadt Duisburg. In der Innenstadt wurde ich plötzlich von unten geblendet, als sich die Sonne in der Messingoberfläche eines Stolpersteins spiegelte. Ich stoppte und verbeugte mich, um die Inschrift zu lesen. Auch eine beliebte Kritik, hier würden öffentliche Gelder verschwendet, trifft nicht zu. Die Verlegung der Stolpersteine wird durch private Spenden und die Übernahme von „Patenschaften“ finanziert. Organisator in Gelsenkirchen ist Andreas Jordan mit der Arbeitsgruppe Stolpersteine von Gelsenzentrum e.V. In Gelsenkirchen sind es seit der ersten Verlegung im Jahre 2009 161 Stolpersteine, die in allen Stadtteilen an ganz unterschiedliche Menschen, die aus ganz unterschiedlichen Gründen verfolgt wurden, erinnern.

Gunter Demnig, der am heutigen 27. Oktober 2017 seinen 70. Geburtstag feiert, wird am 24. November 2017 an sieben Orten in Gelsenkirchen insgesamt 25 weitere Stolpersteine verlegen. Beginnen wird er um 9.00 Uhr für die Familie Günsberg auf der Poststraße 20, dann folgen Stolpersteine um 9.30 Uhr für die Familie Block auf der Schalker Straße 75, um 10.15 Uhr für Elisabeth Makowiak auf der Florastraße 76 und um 10.45 Uhr für die Familie Nussbaum auf der Hildegardstraße 21. Um 11.30 Uhr wird Demnig vor dem Grillo-Gymnasium einen Stolperstein für den ehemaligen Schüler Fritz Gompertz mit der Inschrift „Hier lernte“ verlegen. Daran schließt sich um 12.00 Uhr die Verlegung für die Familie Cohn auf der Wittekindstraße 21 an. Ihren Abschluss findet die diesjährige Aktion um 12.45 Uhr mit den ersten Stolpersteinen auf der Bahnhofstraße, für die Familie Gompertz an der Ecke Bahnhofstraße 22/Klosterstraße.

Gunter Demnig vor dem Haupteingang des Grillo-Gymnasiums in der Hauptstraße 60. Foto aus dem Jahr 2016.

Meine Beschreibung Gunter Demnigs als Bildhauer und Aktionskünstler macht auch die Bedeutung der Stolpersteine als Gesamtkunstwerk deutlich. Es geht nicht nur darum, dass Steine im Pflaster vorhanden sind. Seine Bedeutung erhält das Projekt durch die zelebrierte Verlegung selbst und durch die wiederkehrende Verlegung weiterer Stolpersteine. Darüber hinaus lassen sie sich für Formen entdeckenden Lernens ebenso nutzen wie für ganz profan scheinende Aktivitäten wie „Putzaktionen“. Letztere erwecken durchaus eine ganz besondere öffentliche Aufmerksamkeit.

„Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch!“

Blick durch den Polizeikordon in die Veranstaltung der AfD am 12. Mai 2017.

Ihr aber lernet, wie man sieht statt stiert
Und handelt, statt zu reden noch und noch.
So was hätt einmal fast die Welt regiert!
Die Völker wurden seiner Herr, jedoch
Daß keiner uns zu früh da triumphiert –
Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch!
(Bertolt Brecht: Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui. Epilog)

17 % der Wähler in Gelsenkirchen markierten zur diesjährigen Bundestagswahl ihr Revier und machten unsere Stadt zur AfD-Hochburg im Westen der Republik. Dabei ist der Erfolg rechter Parteien in Gelsenkirchen keine Neuigkeit.

Bereits zur Kommunalwahl 1989 holten „Die Republikaner“ 7,4 % in unserer Stadt. In den Wahlen zwischen 1994 und 2004 sanken sie auf zwischen 3,1 und 4,0 % ab. Die Parteien wechselten, Inhalte, Wähler und Protagonisten blieben. Zur Kommunalwahl 2009 übernahm Pro NRW mit 4,3 % das rechte Wählerpotential. Kevin G. Hauer war 2007 von den Republikanern zu Pro NRW gewechselt und behielt mit wechselndem Parteibuch seinen Sitzplatz im Rat der Stadt. Seit der letzten Kommunalwahl sitzen auch noch drei Vertreter der AfD darin. Neben personellen Konituitäten wie im Falle Hauers gehört auch das Zerstreiten innerhalb der Fraktion zu Kontinuitäten rechter Parteien. Die drei AfD-Mitglieder im Rat bilden derzeit einen zerstrittenen Haufen aus einer zweiköpfigen Ratsgruppe und einen Einzelmandatsträger.

Die jüngste Aktivität des Einzelmandatsträgers Herrn Preuß bestand in einer Anfrage nach einer Statistik zur Erteilung von Arbeitsgenehmigungen für Ausländer in Gelsenkirchen seit 2012. So kann man die Verwaltung einer Stadt natürlich auch beschäftigen.

Zur Kontinuität der rechten Parteien gehört ebenfalls, dass man sich nach außen eine demokratische Fassade gibt. Ein Beispiel gibt ein Bericht in der „Die Zeit“ aus dem Jahre 1993. Der damalige Landesvorsitzende der Republikaner, Uwe Goller, gibt sich und seiner Partei in einem Interview eine gemäßigte Haltung, während Zitate interner Schriften eine andere Sprache sprechen. Ein ähnliches Muster kennen wir aus der gegenwärtigen AfD angesichts der öffentlich gewordenen Kommunikation von AfD-Anhängern in internen Gruppen sozialer Medien.

„Das wird man doch wohl noch sagen dürfen …“

Deutlich verändert hat sich allerdings das öffentliche Klima. Im Umfeld von AfD, PEGIDA & Co sind heute Dinge öffentlich sagbar geworden, die vor 1990 nur am Stammtisch in bierseliger Laune möglich gewesen sind. Im Ergebnis führte auch das zu den Wahlerfolgen der AfD – nicht nur in Gelsenkirchen. Die These, dass viele die AfD aus Enttäuschung über die anderen Parteien oder weil sie von der herrschenden Politik abgehängt sind gewählt hätten, teile ich nicht. Es mag diese Fälle geben, aber wer die AfD wählt, teilt mindestens einen Teil ihrer Überzeugungen. Auch die Annahme, die AfD sei ein Problem des Ostens unserer Republik, wie es beispielsweise die Ruhrbarone mit ihrer Überschrift „Gelsenkirchen: Der Osten im Westen“ suggerieren, ist so nicht haltbar. Zwar erzielte sie dort die höheren Prozentwerte und überholte in Sachsen die CDU, doch wenn man sich die Wähler in absoluten Zahlen ansieht, dann stehen 3,9 Millionen Wähler im Westen nur 1,9 Millionen Wähler im Osten gegenüber.

Mit den Wahlerfolgen rechter Parteien und der Verschiebung des öffentlichen Diskurses nach Rechts ging und gehen auch vermehrt tätliche Angriffe einher. 2010 wurde das Fritz-Erler-Haus, ein Jugendheim der für ihre antifaschistische Arbeit bekannten sozialdemokratischen Jugendorganisation „Die Falken“ in Gelsenkirchen-Hassel sowie umliegende Fahrzeuge mit Hakenkreuzen beschmiert. Diese Aktion reihte sich in ähnlichen Aktionen gegen andere Falken-Häuser ein. 2015 wurde die bekannte Antifaschistin Heike Jordan erst von einem Neo-Nazi tätlich bedroht, dann das Haus in Gelsenkirchen-Horst, in dem sie und ihr Mann leben, gleich zweimal in kurzem Abstand mit Hakenkreuzen und anderen Schmierereien beschmutzt.

Gegenwärtig wird Monika Gärtner-Engel (MLPD, AUF Gelsenkirchen) massiv bedroht. Man muss die politischen Vorstellungen, die zudem in Gelsenkirchen mit dem Wahlbündnis AUF Gelsenkirchen nur ein geringes Wählerpotential erreichen, nicht gutheißen, aber ein Aufruf zum Mord überschreitet alle Grenzen der politischen Auseinandersetzung! Solidaritätsbekundungen gab es in allen Fällen. Die Hauswand in Gelsenkirchen-Horst wurde 2015 beide Male aus den Reihen des Bündnis gegen Krieg und Faschismus kurztfristig gesäubert, die Schmierereien übermalt. Gegen die Morddrohungen gegen Monika Gärtner-Engel gab es Solidaritätsadressen von Bündnis 90/Die Grünen, Die Linke sowie der DKP. Nach jüngsten Informationen wird die Montagsdemonstration ebenfalls bedroht.

Was tun gegen Rechts?

Die Analyse der Rechtsentwicklung wäre nicht komplett ohne eine Antwort auf die Frage, was sich dagegen unternehmen lässt. Vielleicht hilft ein kleiner Blick in das beschauliche Münster. Dort erzielte die AfD zur Bundestagswahl nur 4,9 %. Es handelt sich bundesweit um den einzigen Wahlkreis, in dem die Partei die Fünfprozenthürde nicht überschritt. Wie kommt das? Britta Baas, verantwortliche Redakteurin, schreibt dazu in der jüngsten Ausgabe von „Publik-Forum“, einer des Linksextremismus unverdächtigen Zeitschrift kritischer Christen: „Vier Monate vor der Wahl begann in Münster eine organisierte Zivilgesellschaft, unterstützt von demokratischen Parteien, sich gegen den organisierten Rechtspopulismus aufzulehnen. Als die AfD im Februar ihren Neujahrsempfang gab, protestierten über 8000 Menschen auf dem Prinzipalmarkt gegen die Partei. Ihr Slogan: ‚Ihr seid nicht wir!'“

In Gelsenkirchen jedoch gestaltet sich die Zusammenarbeit gegen Rechts schwierig. So ist es auch kein Zufall, dass es zum Beispiel angesichts des geplanten Aufmarsches der „Die Rechte“ am 1. Mai 2015 in Gelsenkirchen kein gemeinsames Bündnis „Gelsenkirchen stellt sich quer“ wie in benachbarten Städten gab. Stattdessen organisierten örtliche Organisationen in Gelsenkirchen-Rotthausen auf dem Ernst-Käsemann-Platz ein Freundschafts- und Kulturfest. Ein Bündnis aus Jugendorganisationen bildete das Bündnis „G-E-blockt“ mit dem Ziel, Sitzblockaden durchzuführen. Das seit 2011 bestehende Antikriegstagsbündnis benannte sich zum „Bündnis gegen Krieg und Faschismus“ um und demonstrierte direkt an der Stadtgrenze Essen-Gelsenkirchen.

Überaus träge erweist sich – verglichen mit Münster – die „Demokratische Initiative gegen Diskriminierung und Gewalt, für Menschenrechte und Demokratie – Gelsenkirchen“. Sie besteht seit 1992 und hat derzeit 23 Mitglieder, alles Organisationen und Institutionen aus dem demokratischen Spektrum, darunter neben der Stadt Gelsenkirchen Parteien, Wohlfahrtsverbände sowie weitere Organisationen und Institutionen. Der Oberbürgermeister ist Schirmherr der Initiative. Sie organisiert jährlich die Gedenkveranstaltung zur Pogromnacht vom 9. November 1938. Weitere, bemerkenswerte, eigene Aktivitäten in den letzten Jahren sind mir nicht bekannt. Leider.