Deutschland baut wieder Lager! Was tun?

Ein Gastbeitrag von Jessica Daniel

Ich bin erschrocken. Erschrocken darüber, wie schnell sich Geschichte wiederholen kann.
Wir diskutieren schon länger über den „Rechtsruck in Deutschland bzw. Europa.“ Mit der heute Nacht gefällten Entscheidung über die Erbauung von Transitzentren sind wir jedoch einen deutlichen Schritt näher an die Szenarien gerückt, vor denen uns die Geschichtsbücher warnen.

Was sind Transitzentren?
„Transitzentren – ähnlich wie an Flughäfen auch – sind Bereiche vor einer Landesgrenze. Dort sollen, wenn es nach dem Willen der Union geht, Flüchtlinge festgehalten und erstmal an der Einreise nach Deutschland gehindert werden. Der Unionskompromiss sieht Transitzentren an der Grenze zu Österreich vor.“ (WAZ)

Dabei sind die Zahlen der Asylantragstellungen stark rückläufig.
2015 – 476 549
2016 – 745 545
2017 – 222 683
Auch für 2018 zeichnet sich ab, dass weniger Asylanträge als in den Folgejahren gestellt werden. (BAMF – Aktuelle Zahlen zu Flucht und Asyl 2018, S.4)

Wir haben die bittere Pille geschluckt, dass deutsche Waffenexporte eine Fluchtursache darstellen. Ebenfalls haben wir akzeptiert, dass diese Menschen nicht nur ihr Hab und Gut, sondern möglicherweise auch ihr Leben auf der Flucht verlieren.
Nicken wir jetzt auch noch die Erbauung moderner Internierungslager ab?

Bevor Empörung bezüglich der Formulierung aufkommt:
Internierungslager – „Lager, in dem Zivilpersonen interniert (1) werden“
Internieren wird hierbei als „einsperren, einweisen, festsetzen, inhaftieren; (gehoben) in Gewahrsam nehmen; (salopp) einbuchten, einbunkern, einkassieren, in ein Lager stecken; (gehoben veraltend) gefangen setzen“ definiert. (Duden 2018)

Fakt ist: In Transitzentren dürfen die Menschen gegen ihren festgehalten werden, eine Integration oder auch nur umfassende Versorgung ist nicht vorgesehen. (Flüchtlingsrat Bayern)
Warum auch? Ziel ist es ja, diese Menschen möglichst schnell wieder los zu werden.

Wir sprechen von Toleranz, einem „offenen Europa“. Aber Europa ist schon lange nicht mehr offen.
Wir sprechen von „sicheren Herkunftsländern“ und „Wirtschaftsflüchtlingen“ und kategorisieren Menschen so pauschal als Nutznießer und Schmarotzer.
Ich durfte in den vergangenen zwei Jahren geflüchtete Menschen aus „sicheren Herkunftsländern“ kennenlernen – mehr als einmal haben ihre Berichte über Armut, Not, Hunger, Vergewaltigungen von Kindern, mafiöse Strukturen und Mord mir die Tränen in die Augen getrieben.
Wer sich einmal vernünftig mit dem Thema Flucht auseinandersetzt wird mir zustimmen, dass die wenigsten Menschen ihr Land verlassen und in ein Land einwandern würden, dessen (Schrift-)Sprache und Kultur ihnen gänzlich unbekannt ist. Mal davon abgesehen, dass das deutsche Bildungssystem die wenigsten Schulabschlüsse vollständig anerkennt, sodass der Aufbau eines neuen Lebens noch einmal zusätzlich erschwert wird.
Sicher gibt es bei den hier einreisenden Menschen auch Ausnahmen, natürlich wandern auch A*********** in dieses Land ein – aber das ist die Natur der Dinge. Wir haben auch genug dieser Menschen (ohne Migrationshintergrund) in Deutschland wohnen, die ich nur ungern in diesem Land sehe.

Horst Seehofer zu dem Thema Transitzentren: „[…] Es hat sich wieder einmal gezeigt, dass es sich lohnt, für eine Überzeugung zu kämpfen.“
Ab wann sind wir so gemütlich geworden, dass dieser Satz nicht mehr für die Bürger Deutschlands gilt? Dass Anteilnahme bedeutet, einen Zeitungsartikel über Misstände auf Facebook zu teilen und mit einem traurigem Emoji zu versehen? Nur um uns dann zurückzulehnen, um auf die Likes zu warten?

Auch ich bin ratlos, was wir gegenüber bereits beschlossenen politischen Entscheidungen tun können. Wie richtig verhalten?
Was mich an dieser Ratlosigkeit am meisten belastet ist der Gedanke, dass wir uns immer wieder gefragt haben, wie so viele Menschen im dritten Reich „einfach wegsehen“ konnten.
Die Frage hierbei ist: Sind wir nicht auch schon mitten dabei?

Der Beitrag erschien zuerst ohne Titel am 3. Juli auf der Facebook-Seite der Autorin und erscheint hier mit ihrer freundlichen Genehmigung.

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„Verbrechen der Wirtschaft“ im „Roten Freitag“

Buchveröffentlichung des RuhrEcho-Verlags, Bochum.

Kenntnisreich und anschaulich stellte Günter Gleising (VVN-BdA Bochum) heute im „Roten Freitag“ der Gelsenkirchener Linkspartei seine Buchveröffentlichung vor. Buch und Vortrag zeigen die Interessen der Schwerindustriellen und Ruhrbarone an der Errichtung der Nazi-Diktatur, der Ausschaltung der Demokratie und der Rüstungspolitik. Im Anschluss führten die Besucher noch eine lebhafte Diskussion über die Inhalte des Vortrags und ihre Übertragbarkeit auf die Gegenwart.

Ausgehend von der Fragestellung, wie es der NSDAP gelingen konnte, innerhalb weniger Jahre von einer Splittergruppe zur einflussreichsten Kraft Deutschlands zu werden, zeigte Günter Gleising die Unterstützung, die Hitler und seine Partei durch führende Industrielle genoss. Begünstigt wurde die Machtstellung der Wirtschaft durch eine beispiellose Konzentration der Schwerindustrie im Ruhrgebiet, die Krupp, Thyssen, Flick und anderen einen außerordentlichen Einfluss gab. Günter Gleising berichtete, dass er seit über 20 Jahre an diesem Thema arbeitet und unter anderem auf Quellen zurückgreift, die kurz nach 1945 von den Alliierten zusammengestellt wurden. Beispiele aus Gelsenkirchen rundeten den Vortrag ab.

In der sich an den Vortrag anschließenden Diskussion ging es um viele Einzelfragen, aber auch um die Bedeutung für die Gegenwart verbunden mit der Frage nach Unterschieden und Gemeinsamkeiten zwischen der Entwicklung der NSDAP und der Entwicklung der AfD. Natürlich war die Zeit wie immer zu knapp für eine ausführliche Diskussion, eine Fortsetzung würde sich sicher lohnen.

Der „Rote Freitag“ ist eine Veranstaltungsreihe im Werner-Goldschmidt-Salon, dem nach dem Gelsenkirchener Antifaschisten benannte Veranstaltungsort der Die Linke. „Verbrechen der Wirtschaft“ war eine Kooperationsveranstaltung der Die Linke mit der Gelsenkirchener VVN-BdA.

Werner-Goldschmidt-Salon – Parteibüro von Die Linke und Veranstaltungsort, benannt nach dem Gelsenkirchener und jüdischen Widerstandskämpfer Werner Goldschmidt.

Gedenkstättenfahrt nach München und Dachau

KZ-Gedenkstätte Dachau 2018: geöffnetes Lagertor, inzwischen auch Eingang zur Gedenkstätte.

Zum inzwischen vierten Mal unternahmen die DGB-Jugend MEO (Mülheim Essen Oberhausen) und die VVN-BdA Essen eine gemeinsame Gedenkstättenfahrt zu einem Ort des Nazi-Terrors. Nach Esterwegen (2014), Buchenwald (2016) und Neuengamme (2017), im Norden und Osten Deutschlands gelegen, ging die Fahrt dieses Mal nach Süddeutschland. München, die von den Nazis so bezeichnete „Hauptstadt der Bewegung“ und die KZ-Gedenkstätte Dachau waren das Ziel der dreitägigen Reise vom 11. bis 13. Mai 2018. Auch über 70 Jahre nach dem Ende der Nazi-Herrschaft zeigen sich zahlreiche junge Erwachsene an einer Zeit interessiert, die andere in unserem Land nur allzu gerne vergessen lassen möchten und sich eine „erinnerungspolitische Wende“ wünschen. Wie auch in meinen anderen Beiträgen besteht mein Interesse vorrangig in Geschichte und Gestaltung der Gedenkstätte.

Die Fahrt begann wieder mit einem Vorbereitungstreffen im Jugendkeller des DGB-Hauses in der Essener Teichstraße, bei dem organisatorische und inhaltliche Fragen besprochen wurden. In diesem Jahr las mit Helmut Weinand ein Neffe des inzwischen verstorbenen Robert Weinand aus dessen Erinnerungen, die 1987 unter dem Titel „Stationen eines Lebens“ erschienen waren. Weinand, 1903 in Essen als einer von zehn Kindern in einer „Kruppianer-Familie“ geboren, nahm ab 1936 am Spanischen Bürgerkrieg auf der Seite der Spanischen Republik teil und wurde nach deren Niederlage vom faschistischen Spanien an die Gestapo ausgeliefert.

Nach dem Aufenthalt in vier Gefängnissen war er von 1942 bis 1945 im KZ Dachau eingesperrt. Aus seinen Erinnerungen erfuhren wir unter anderem von dem Prügelritual der SS während der Einlieferung ins KZ, von den sadistischen Strafen im Lager und von der Angst der Eingesperrten, kurz vor Kriegsende 1945 noch von der SS ermordet zu werden.

Dachau war das erste staatliche Konzentrationslager der Nazis und beendete die Phase der sogenannten „wilden KZs“, Folterkeller in denen ab 1933 politische Gegner geprügelt, gedemütigt und gemordet wurden. Es wurde am 22. März 1933 in einer stillgelegten Munitionsfabrik aus dem Ersten Weltkrieg errichtet und dessen Leitung am 11. April der SS übergeben. Dachau wurde zum Modell für alle Konzentrationslager und 1937/38 wesentlich erweitert. Die Führung durch unsere beiden Guides („Führer“ wäre wohl unpassend) begann auf dem Gelände des ursprünglichen Lagers. Von dort gelangten wir zum Eingang des 1937/38 neu errichteten Lagers mit dem Lagertor und der bekannten Inschrift „Arbeit macht frei“.

Blick in das ehemalige SS-Lager, es ist nicht Teil der Gedenkstätte, sondern wird von der Bayerischen Bereitschaftspolizei genutzt.

Neben dem eigentlichen Häftlingslager, das heute im wesentlichen die KZ-Gedenkstätte bildet, lag das Areal der SS, die das Lager bewachte. Seit den 1980er Jahren wird ein Teil des ehemaligen SS-Areals von der bayerischen Bereitschaftspolizei genutzt. Eine in jeder Hinsicht „interessante“ Nachnutzung des Geländes, deren unterschiedliche Formen sich nicht nur in Bayern finden.

Die Gedenkstätte erinnert an die mehr als 200.000 Gefangenen aus über 40 Nationen, die im KZ Dachau und seinen Außenlagern eingesperrt waren, über 40.000 starben an den unmenschlichen Bedingungen und dem Terror der SS, an Hunger, Krankheit, Folter und Mord. Waren es in den ersten Jahren überwiegend politische Gegner der Nazis die in Konzentrationslager eingesperrt wurden, also Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter, kamen im weiteren Verlauf der Nazi-Diktatur weitere Gruppen hinzu, darunter Juden, Homosexuelle, Zeugen Jehovas und mit der Besetzung europäischer Länder durch Nazi-Deutschland auch ausländischer Häftlinge in großer Anzahl. Eine Dachauer Besonderheit war die Konzentration Geistlicher in diesem Lager.

KZ-Gedenkstätte Dachau 2018: Blick in die Hauptausstellung.

Das Gelände, nach der Befreiung am 29. April 1945 zunächst durch die US-Army für die Prozesse gegen die Verbrecher der SS genutzt, war danach – Wohnraum war knapp – ab 1948 zur „Wohnsiedlung Dachau-Ost“ für Flüchtlinge und Vertriebene aus dem Sudetenland geworden, die in den mit Trennwänden umgebauten Baracken unterkamen. Die Errichtung der Gedenkstätte erfolgte erst 1965 auf Druck der Überlebenden aus mehreren europäischen Ländern, die sich 1955 im Comiteé International de Dachau (CID) zusammengeschlossen hatten und ein würdiges Gedenken gefordert hatten. Lediglich der Bereich der Krematorien wurde zu dieser Zeit bereits als Gedenkstätte gepflegt.

KZ-Gedenkstätte Dachau 2018: Blick in den „Schubraum“, in dem heute die entwürdigende Aufnahmeprozedur dokumentiert ist.

Die Gedenkstätte umfasst heute im wesentlichen das ehemalige Häftlingslager. Die Wirtschaftsgebäude sind – aufgrund der Nachnutzung zwischen 1945 und 1965 – unterschiedlich erhalten. Hier ist das Museum, das heißt die neugestaltete Hauptausstellung aus dem Jahre 2003 über die Geschichte des Konzentrationslagers Dachau untergebracht, die die Geschichte des KZs in Verbindung mit der Geschichte der Nazizeit darstellt. Zu den Räumen gehören auch der „Schubraum“, in dem die entwürdigende Aufnahmeprozedur stattfand und das Häftlingsbad. Zu den Ausstellungsstücken gehört der Nachbau eines „Prügelbocks“, auf denen die Häftlinge misshandelt wurden. Hinter den erhaltenen Wirtschaftsgebäuden befindet sich der „Bunker“, ein weiteres Gefängnis im Gefängnis und damit ein weiterer Ort intensiver Quälerei durch die SS-Männer.

KZ-Gedenkstätte Dachau 2018: Blick in den Bunker, rechts und links die Zellentüren.

Vor den Wirtschaftsgebäuden befindet sich das begehbare Internationale Mahnmal. Es wurde von Nandor Glid, einem jugoslawischen Juden, der sich 1944 dem Widerstand angeschlossen hatte, entworfen und 1968 eingeweiht. Es besteht aus mehreren, auf den ersten Blick nicht unbedingt zusammengehörende Teilen. Neben der auffallenden, zentralen Plastik, die KZ-Insassen im Stacheldraht zeigt, gehören eine Mauer, ein Weg, über dessen tiefster Punkt die Plastik steht, die zudem von Betonpfeilern, die an den Lagerzaun erinnern, gesäumt wird, eine Kette mit den verschiedenfarbigen Häftlingswinkel und eine weitere Mauer dazu. Die erste Mauer fordert in mehreren Sprachen dazu auf, dem Vorbild der befreiten Häftlinge zu folgen, die zweite Mauer ermahnt mit einem „Nie wieder“ in verschiedenen Sprachen.

KZ-Gedenkstätte Dachau 2018: Teilansicht des Internationalen Denkmals, die zentrale Plastik zeigt KZ-Insassen im Stacheldraht.

Die originalen Baracken sind nicht erhalten, da sie stark verändert oder baufällig waren. Sie wurden abgerissen und nur die beiden ersten Blöcke rekonstruiert. Heute befindet sich darin eine Ausstellung, die die Aufteilung der Baracken in den verschiedenen Phasen des KZs zeigt, in deren Verlauf immer mehr Menschen im Lager untergebracht wurden. Die weiteren Baracken sind nur als Grundriss und mit der jeweiligen Block-Nummer gekennzeichnet dargestellt. Mauer und Wachtürme wurden wieder instandgesetzt. Für mich bemerkenswert ist die Baumreihe rechts und links der Lagerstraße, die aus der KZ-Zeit stammt und fast einen idyllischen Eindruck hinterlassen könnte – wenn man nicht um die Geschichte des Lagers wüsste.

KZ-Gedenkstätte Dachau 2018: katholische Todesangst-Christi-Kapelle (1960).

Religiöse Erinnerungsorte

Die Lagerstraße führt auf die (katholische) Todesangst-Christi-Kapelle zu, die 1960 im Rahmen des Eucharistischen Weltkongresses eingeweiht wurde. Sie war zugleich auch das erste religiöse Mahnmal, das am Nordende errichtet wurde. Sie wird flankiert von einer jüdischen Gedenkstätte und der evangelischen Versöhnungskirche (beide 1967 eingeweiht). Alle Bauten besitzen eine eigene und bemerkenswerte Architektur, wie auch die Versammlung religiöser Mahnmale auf einem ehemaligen KZ-Gelände einzigartig ist. Verbindet die Todesangst-Christi-Kapelle die Passion Christi mit der Leidenszeit der KZ-Häftlinge, bricht die Architektur der Versöhnungskirche mit der rechtwinkligen Anlage des Konzentrationslagers, erinnert die jüdische Gedenkstätte architektonisch an die Vernichtung der europäischen Juden. Durch den ehemaligen Wachturm auf der Nordseite erreichbar befindet sich seit 1964 ein Sühnekloster der Karmeliterinnen jenseits der Nordmauer. 1995 folgte noch die Einweihung einer russisch-orthodoxen Kapelle. Diese liegt außerhalb des ehemaligen Häftlingslager, vor dem zum damaligen SS-Lager gehörenden Krematorium.

KZ-Gedenkstätte Dachau 2018: Teilansicht der „Baracke X“ (1942/43), dem großen Krematorium.

Neben einem ersten, kleinen Krematorium befindet sich hier die 1942/43 errichtete „Baracke X“, eine Anlage mit vier Verbrennungsöfen und einer funktionsfähigen als „Brausebad“ getarnten Gaskammer. Zu KZ-Zeiten wurde hier die zunehmende Zahl der toten KZ-Häftlinge verbrannt, die Gaskammer jedoch nur für eine Ermordung einer geringen Anzahl von Häftlingen genutzt. Ein Massenmord, wie beispielsweise in den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau, fand hier nicht statt. Seit den 1960er Jahren wurde der Bereich friedhofsähnlich umgestaltet und wirkt heute fast idyllisch mit viel Grün und zwitschernden Vögeln. Die Räume des großen Krematoriums hatten im Jahre 1960, im Jahr der Einweihung der Todesangst-Christi-Kapelle, ein erstes, von den Überlebenden eingerichtetes Museum mit einer Dokumentarausstellung aufgenommen.

KZ-Gedenkstätte Dachau 2018: Zeitzeugengespräch mit Ernst Grube in der evangelischen Versöhnungskirche.

„Erinnerung braucht Wissen!“ (Ernst Grube)

Der Führung durch die Gedenkstätte schloss sich ein Zeitzeugen-Gespräch in der evangelischen Versöhnungskirche an. Der hochbetagte, 85jährige Ernst Grube, Kind einer jüdischen Mutter und einem nichtjüdischen Vater, im Weltbild der Nazis ein sogenannter „Halbjude“, erzählte von seiner Kindheit in München, seiner Unterbringung in einem jüdischen Kinderheim und der Deportation nach Theresienstadt. Er gab sich viel Mühe, den jungen Gewerkschaftern, die um ihn herum saßen, die auch für ihn lange zurückliegende Zeit anschaulich und nachvollziehbar zu schildern. (Es gibt auch einen eigenen Eintrag in der Wikipedia über ihn.)

Am folgenden Tag führte uns Ernst Antoni, Mitglied der Münchener VVN-BdA und Redakteur der „antifa“, der Zeitung der VVN-BdA, durch einen Teil Münchens. Die Stadt hatte von den Nazis den Beinamen „Stadt der Bewegung“ erhalten. Ausgehend vom Königsplatz, den die Nazis als Aufmarschplatz nutzten und an dem in der Gegenwart jedes Jahr an die Bücherverbrennung erinnert wird, führte er uns an ehemalige Bauten der NSDAP vorbei, sowie am NS-Dokumentationszentrum München, am ehemaligen Ort des sogenannten „Braunen Hauses“.

München 2018: Ehemaliger „Führerbau“, nicht zu verwechseln mit dem „Braunen Haus“.

Die Stadtführung blieb nicht in den Jahren 1933 bis 1945 stehen, sondern führte zurück zu den Ursprüngen und zu Unterstützern, zum „Hitler-Putsch“ 1923 und ihrem unrühmlichen Ende in einer Schießerei vor der Feldherrnhalle, und auch zum ehemaligen Standort des Wittelsbacher Palais, einem Hauptquartier der Gestapo und Gestapo-Gefängnis. Heute erinnert nur eine Tafel am modernen Gebäude der Bayern LB sowie ein nahegelegener Platz durch seine Benennung an die Opfer des Nationalsozialismus.

Ernst Antoni und auch unser Zeitzeuge Ernst Grube am Vortag berichteten nicht nur über die Vergangenheit. Beides sind politisch engagierte Menschen, die vor Entwicklungen in der Gegenwart warnen, die den demokratischen Rechtsstaat einschränken. Auch das lässt sich aus der Geschichte der Nazizeit lernen: eine Entwicklung zum Faschismus beginnt nicht erst mit der Machtergreifung, sondern lange vorher.

Auf dem Krematoriumsgelände legten DGB-Jugend und VVN-BdA eine Gedenkminute ein und ein Blumegesteck nieder.

Mit dem antifaschistischen Stadtrundgang endete die dreitägige Fahrt nach München und Dachau. Diese vierte Gedenkstättenfahrt war nicht die letzte. Bereits für die Zeit vom 12. bis 14. Oktober ist eine weitere Fahrt geplant, dieses Mal nach Berlin und Sachsenhausen.

„Polens Rolle rückwärts“ – Vorbild für die AfD?

Wer sich in der Bundesrepublik mit der Entwicklung der sogenannten „Alternative für Deutschland“ von einer europaskeptischen, wirtschaftsliberalen und nationalkonservativen Partei hin zu einer für rechtextreme und faschistische Positionen offenen Partei beschäftigt, schaut auch oft auf die anderen Länder der Europäischen Union mit ähnlichen aber durchaus unterschiedlichen rechtspopulistischen, rechtsextremen oder faschistischen Parteien. Krzysztof Pilawski, polnischer Publizist und Holger Politt, Mitarbeiter der Rosa-Luxemburg-Stiftung, sezieren in ihrem Buch „Polens Rolle rückwärts“ die Situation in unserem östlichen Nachbarland.

In der Betrachtung der Ursachen für den Erfolg der national-konservativen Partei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS) bei den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen 2015 zeigen sich interessante Ähnlichkeiten zur bundesdeutschen Situation wie auch deutliche Unterschiede. Zu den interessanten Ähnlichkeiten gehört eine sozialdemokratische Partei, die sich mit einer neoliberalen Politik von ihren Wählern entfremdet hat und bei den Wahlen abstürzte. Zu den Unterschieden gehört die Stellung der katholischen Kirche, die in Polen einen übergroßen Einfluss besitzt.

Pilawski schildert im Teil „Anatomie des politischen Erfolgs“ die politischen Auseinandersetzungen und skizziert die jüngere Entwicklung Polens, die Transformation der alten Volksrepublik Polen in das heutige EU-Mitglied und die Auswirkungen einer neoliberalen Politik, die alle sozialen Sicherheiten vernichtet und eine gespaltene Gesellschaft produziert hat. Im Ergebnis führte diese Politik und die Vernachlässigung der sozialen Frage durch die Linken zum Erfolg der PiS, die durch Antikommunismus, eine nationalististische Geschichtspolitik und der Demontage demokratischer Grundrechte und Institutionen ihren Erfolg zu verstetigen sucht. Im Zentrum der Geschichtspolitik der PiS steht die Glorifizierung aller polnischen Unabhängigkeitsbestrebungen in Geschichte und Gegenwart.

Dieses Buch sei allen empfohlen, die sich für die politische Entwicklung Polens oder auch Deutschlands interessieren, bietet es doch auch im Hinblick auf letzteres einen fremden Blick auf eine leider erfolgreiche sozial- und geschichtspolitische Strategie einer rechten Partei.

Antifaschistische Terminübersicht April/Mai 2018

Zwei ganz unterschiedliche Veranstaltungen wenden sich in diesen Tagen gegen die politische Rechte in Geschichte und Gegenwart!

Noch kurz vor der Befreiung vom Faschismus 1945 wurden von den Nazis zahlreiche Morde an Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter verübt. Auch in Gelsenkirchen gab es diese Kriegsendverbrechen. Ende März wurden Zwangsarbeiter aus Osteuropa im Stadtgarten ermordet und in einem Bombenkrater verscharrt. In Gelsenkirchen-Buer wurden am Karfreitag 1945 in den frühen Morgenstunden noch kurz vor dem Einmarsch der amerikanischen Armee 25 russische Mädchen und Männer im Alter von 19 bis 25 Jahren barfuß von Gestapo und Kripo aus dem Polizeigefängnis Buer über die Goldbergstraße in den Westerholter Wald getrieben und dort durch Genickschuß ermordet. Am Sonntag, dem 29. April 2018 werden auf Initiative des allzeit unbequemen Sozialdemokraten Klaus Brandt Gelsenzentrum e.V. und die Gelsenkirchener VVN-BdA der Gelsenkirchener Opfer öffentlich gedenken. Die Gedenkkundgebung beginnt um 11 Uhr vor dem Polizeipräsidium Buer und führt über die Goldbergstraße zum Tatort im Westerholter Wald. Der Initiator ruft dazu auf, in Erinnerung an die Opfer den Weg ebenfalls barfuß zurückzulegen.

Einen Tag später, am 30. Mai 2018, findet zum vierten Mal in Folge ab 18 Uhr das „Laut gegen Rechts“ Musikfestival auf dem Neumarkt in der Gelsenkirchener Innenstadt statt. Die von den Falken organisierte Veranstaltung wird von zahlreichen Organisationen unterstützt und im Gegensatz zur oben beschriebenen Gedenkveranstaltung vermutlich überwiegend jüngere Leute anziehen. Es hat sich seit 2007 aus einem politischen Musikfestival entwickelt, das ursprünglich „Seid Laut gegen Krieg“ hieß und von wechselnden Veranstaltern organisiert am Samstag vor dem Empfang des Ostermarsches im Stadtgarten stattfand. 2013/14 wechselte es in das Paul-Loebe-Haus der Falken nach Gelsenkirchen-Buer und kehrte 2015 nach Gelsenkirchen zurück – als Veranstaltung am Vorabend der 1.-Mai-Kundgebung des DGB. Früher nannte man das übrigens „Tanz in den Mai“ 😉

Die 1.-Mai-Kundgebung des DGB in Gelsenkirchen beginnt wie in jedem Jahr um 10.15 Uhr am Musiktheater und steht in diesem Jahr unter dem Motto „Solidarität, Vielfalt, Gerechtigkeit“. In seinem Aufruf fordert der DGB: „Solidarität statt gesellschaftliche Spaltung und Ausgrenzung, klare Kante gegen Rassismus und extreme Rechte.“

Freunde gehen vor!

Nachdem der herbstliche Abgesang 2017 ausfallen musste, spielten die „Üblichen Verdächtigen“ Leo Kowald, Karmelita Gaertig und Dennis Seigerschmidt am gestrigen 7. April 2018 im LaLoK libre in Gelsenkirchen-Schalke.

Ihr Programm bestand wieder aus „Chansons wider die heraufziehende Kälte nicht allein von Georges Brassens“. Brassens ist ein in Deutschland weitgehend unbekannter Chansonnier aus Frankreich, dessen Musik und Texte Leo Kowald ins Deutsche überträgt und interpretiert. Es war ein stimmungsvoller Abend, den ich bei zwei Gläsern Rotwein an diesem milden Abend sehr genossen habe.

Nun bin ich kein Musikkritiker und werde das auch nicht mehr werden. Dennoch: bemerkenswert und in Erinnerung geblieben sind mir „Zuhause im Klapheckenhof“ (hören), eine Parodie auf „La mauvaise réputation“ von Brassens und „Lampedusa oder Wir retten die Welt!“ (hören) Und erneut trug Leo das bereits am Nachmittag auf der Demonstration gegen „Die Rechte“ vorgetragene Gedicht „Wölfische Zeiten“ (hören) vor.

Einen Eindruck von der Atmosphäre des Abends vermittelt dieses Youtube-Video aus dem Jahre 2011.

Der nächste Auftritt, „Zieht euch warm an“ Leos 12. herbstlicher Gelsenkirchener Abgesang, wird am Freitag, 7.12.2018, 20.00 Uhr in der Bleckkirche Gelsenkirchen stattfinden. Hingehen!

Größte Demo gegen Rechts heute auf dem Bahnhofsvorplatz*

Klare Aussage auf der Demonstration gegen „Die Rechte“ auf dem Bahnhofsvorplatz am 07.04.2018.

Die 300 Menschen, die unsere Lokalzeitung in der heutigen Samstagsausgabe auf dem Heinrich-König-Platz erwartete*, protestierten stattdessen bunt und lautstark, in Sicht- und Hörweite der „Die Rechte“ auf dem Bahnhofsvorplatz. Mit zahlreichen, teils von Hand bemalten Transparenten, Plakaten und Pappen, mit Musik, Redebeiträgen, einem Gedicht und lautstarken Rufen machten wir den Faschisten deutlich, dass sie in Gelsenkirchen unerwünscht sind!

Die Polizei hatte den Bereich mit Absperrgittern abgesperrt, zahlreiche Mannschaftswagen standen bereits Stunden zuvor zwischen Sparkasse und der Alten Post bereit. Ich beneidete die Polizisten um ihren Dienst an diesem Tag nicht, die Sonne schien und die meist jungen Polizisten hätten sicherlich besseres zu tun gehabt, als eine Demonstration von Faschisten zu bewachen.

Von Hand bemalter Pappkarton gegen Nazis.

„Die Rechte“ ist wie die NPD keine verbotene Partei, obwohl sie sich immer wieder deutlich in die Tradition des historischen Faschismus stellt und auch noch stolz darauf ist. Doch seit das Bundesverfassungsgericht die NPD wegen „Bedeutungslosigkeit“ nicht verboten hat, wissen wir, dass wir uns auf den Rechtsstaat in dieser Frage nicht verlassen können, sondern uns selbst engagieren müssen!

Gegendemonstrationen um dem Bahnhofsvorplatz angemeldet bzw. dazu aufgerufen hatten „Die PARTEI“, ferner Die Linke für ein im Wachsen begriffenes von der VVN-BdA angestoßenes Netzwerk sowie ein „Antifaschistisches Bündnis Gelsenkirchen“ aus Protagonisten von MLPD & Co. Anhand der Fahnen waren weitere linke Organisationen zu erkennen, und last but not least die Schalker Fan-Ini mit ihrer übergroßen Fahne.

Blick aus dem Inneren der Demonstration gegen „Die Rechte“ am 07.04.2018 auf dem Bahnhofsvorplatz.

Neben der wummernden Musik gegen Rechts hielten Vertreter verschiedener Organisationen Reden, die nicht nur von den Rechte(n), sondern auch bis weit in die Bahnhofstraße hinein in den Blumen- und Gartenmarkt gehört werden konnten. Die Redner gingen auf typische Argumente der Rechte(n) ein, wiesen sie als falsch zurück und zeigten aktuelle und historische Bezüge auf. Leo Kowald vom Friedensforum Gelsenkirchen unterbrach die Reihen der Redner, trug ein Gedicht vor und zeigte, dass auch die Kultur auf unserer Seite ist.

Die Rechte(n) schwenkten derweil ihre schwarz-weiß-roten Fahnen des vordemokratischen Deutschen Kaiserreiches, dessen Farbkombination auch die Nazis in ihrer Hakenkreuzfahne aufgenommen hatten und brachten so einmal mehr ihren Bezug auf den Deutschen Faschismus zum Ausdruck. Schließlich rollten sie ihre Fahnen wieder ein und zogen ab.

Leo Kowald vom Friedensforum Gelsenkrichen trägt ein Gedicht vor.

Die andere Demonstration fand weit weg am anderen Ende der Bahnhofstraße auf dem Heinrich-König-Platz statt. Dort hatten der SPD-nahe Jugendverband, die Sozialistische Jugend Deutschlands – Die Falken und die DGB-Jugend Emscher-Lippe ein kulturelles Programm vorbereitet. Hierzu hatten auch Bündnis 90/Die Grünen sowie die Demokratische Initiative aufgerufen und Oberbürgermeister Frank Baranowski dort eine Rede gehalten. Über diese Veranstaltung kann ich hier nicht berichten, da ich mich die ganze Zeit am Bahnhofsvorplatz aufgehalten habe.

Eine dritte Veranstaltung am gleichen Tag will ich hier ebenfalls nicht unterschlagen. Die „Ultralinke in Gelsenkirchen“ (WAZ 07.04.2018), also die MLPD und ihr nahestehende Organisationen erinnerten auf dem Friedhof Horst-Süd an die Kämpfer der Roten Ruhrarmee, den Kapp-Putsch und die Märzrevolution 1920. Auch diese Veranstaltung war – zumindest ideell – eine Gegenkundgebung gegen „Die Rechte“, erinnerte sie doch an den aufkommenden historischen Faschismus und den Widerstand dagegen.

* Die WAZ titelte heute (07.04.2018) im Lokalteil Gelsenkirchen: „Größte Demo gegen Rechts heute auf dem Heinrich-König-Platz“ und lag damit, wie wir jetzt wissen, daneben!