„Alle fürs Klima!“ – Demo zum globalen Klimastreiktag!

Beginn des Demonstrationszuges am Heinrich-König-Platz.

Bundesweit beteiligten sich Zehntausende am globalen Klimastreiktag. Kurz vor der Bundestagswahl hatte Fridays for Future zu mehr als 400 Aktionen aufgerufen, um die Bedeutung des Klimawandels erneut hervorzuheben. Eine davon fand heute in Gelsenkirchen statt. Mit dem bekannten Slogan „Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Zukunft klaut!“ zog die Demonstration durch die Innenstadt.

Ich kann nicht gut schätzen, aber es waren sicherlich mehrere hundert Menschen aus allen Altersgruppen, die sich heute ab 16 Uhr auf dem Heinrich-König-Platz trafen. Von dort aus ging der Demonstrationszug über die Bahnhofstraße zu einer Zwischenkundgebung auf dem Bahnhofsvorplatz – übrigens an einem AfD-Stand vorbei, der reichlich beschallt wurde.

Zwischenkundgebung auf dem Bahnhofsvorplatz.

Danach zog die Demonstration weiter über die Ring- und Florastraße zum Musiktheater zu einer weiteren Zwischenkundgebung.

Zwischenkundgebung vor dem Hans-Sachs-Haus.

Das Hans-Sachs-Haus war das Ziel der letzten Zwischenkundgebung, hier sollte es um die Versäumnisse der kommunalen Klimapolitik gehen. Aufgrund technischer Schwierigkeiten wurde diese Rede jedoch auf die Abschlußkundgebung verschoben, die wieder auf dem Heinrich-König-Platz stattfand.

Zwischenkundgebung am Musiktheater.

Neben vielen Transparenten und Schildern waren auch Jugendgruppen aus beiden Kirchen und eine Pfadfindergruppe zu sehen. Musikalisch wurde die Kundgebung von WYME, einer „klasse Band für Live-Musik“ (so die Ankündigung des Veranstalters) unterstützt. Wie auch sonst überlasse ich die Musikkritik Leuten, die sich damit auskennen 😉

Zwischenkundgebung auf dem Bahnhofsvorplatz.

Am Rande gab es wieder einmal eine Auseinandersetzung um eine Fahne. Nachdem erst kürzlich bei einer Kundgebung des Gelsenkirchener Aktionsbündnisses ein paar unverbesserliche Antideutsche entgegen der Aufforderung der Veranstalter, keine Nationalfahnen zu zeigen, unbedingt eine Fahne Israels hochhalten mussten, konnte dieses Mal die MLPD nicht davon überzeugt werden, dass Fahnen aller politischer Parteien nicht erwünscht sind – und damit auch ihre Fahne nicht.

Auch die jüngsten beteiligen sich …

Insgesamt jedoch haben viele Gelsenkirchener gezeigt, dass für sie der Klimawandel ein wichtiges Anliegen ist. Es bleibt zu hoffen, dass viele Leute bei der Bundestagswahl am Sonntag nicht schon wieder eine der Parteien wählen, die den Klimawandel verschlafen haben oder – wie die AfD – den menschengemachten Klimawandel sogar leugnet.

Linke Politik für die Mehrheit

Werbematerial der örtlichen Linkspartei.

Es ist schon erstaunlich, dass es im Deutschen Bundestag immer wieder Mehrheiten für Politiker gibt, die Politik für eine Minderheit machen. In diesem Bundestagswahlkampf ist deutlicher denn je zu bemerken, wie DIE LINKE um ein Mitte-Links-Bündnis mit SPD und Bündnis 90/Die Grünen wirbt ohne dabei eigene Grundsätze aufzugeben.

Gestern fand auf dem Heinrich-König-Platz in Gelsenkirchen eine der vielen Kundgebungen im Rahmen des diesjährigen Bundestagswahlkampfes statt. Für DIE LINKE moderierte Jonas Selter, stellvertretender Kreissprecher, die Auftritte des Fraktionsvorsitzenden Martin Gatzemeier, der Direktkandidatin Ayten Kaplan und des LINKEn NRW-Klimapolitikers Hanno Raußendorf.

Der eigentliche Star des Nachmittags war jedoch die NRW-Spitzenkandidatin Sahra Wagenknecht, von Jonas Selter mit den Worten angekündigt: „Sahra Wagenknecht spricht aus, was vielen Menschen in unserer Stadt unter den Nägeln brennt. Umso mehr freuen wir uns auf ihren Besuch!“ Und Sahra rockte die Veranstaltung auf der zehnmal mehr Besucherinnen und Besucher zu sehen waren, als bei den letzten Veranstaltungen der AfD. Sie machte deutlich, dass es einen Politikwechsel und die Durchsetzung der sozialpolitischen Forderungen von SPD und Bündnis 90/Die Grünen nur mit einer Regierungsbeteiligung der LINKE geben wird.

Sahra Wagenknecht auf dem Heinrich-König-Platz am 14.09.2021 nach der Kundgebung im Gespräch (Foto: Norbert Labatzki).

Die Qual der (Bundestags-)Wahl (II) – Mehr Sozialdemokratie wagen (IV)

Die sogenannte „Ampelkoalition“ aus SPD, FDP und Bündnis 90/Die Grünen würde im Straßenverkehr für Chaos sorgen (Fotomontage 2009).

Früher war alles anders. Als ich noch jung war (ist lange her) gab es im Bundestag der westdeutschen Bundesrepublik mit CDU/CSU und SPD zwei große Volksparteien und mit der FDP das sogenannte „Zünglein an der Waage“, eine Partei, die mal mit CDU/CSU und mal mit der SPD koalierte. Wenn man sich dagegen die aktuellen Wahlumfragen ansieht, ist keine der beiden einstmals Großen mehr eine Volkspartei. Stattdessen haben wir es mit drei mittelgroßen Parteien, nämlich – in der Reihenfolge der aktuellen Umfrageergebnisse – mit SPD, CDU/CSU und Bündnis 90/Die Grünen zu tun, sowie mit den drei kleineren Parteien FDP, AfD und DIE LINKE.

Nach derzeitigem Stand kann die nächste Bundesregierung nur als Koalition von drei Parteien gebildet werden. Zur diskutierten Auswahl stehen verschiedene Konstellationen aus SPD und/oder CDU/CSU mit Bündnis 90/Die Grünen und/oder der FDP. Wenn SPD und/oder Bündnis 90/Die Grünen mit CDU/CSU und/oder der FDP regieren, werden SPD und/oder Bündnis 90/Die Grünen einen Teil ihres sozialpolitischen Wahlprogramms nicht umsetzen können. Wenn ihnen das aber wichtig sein sollte, dann bleibt nur die bisher nicht ausgeschlossene Koalition von SPD und Bündnis 90/Die Grünen mit der DIE LINKE.

Wer das auch möchte und nicht wie in den vergangenen Jahren von der SPD immer wieder hören möchte, das der Koalitionspartner leider weitergehende Forderungen verhindert hat, der wählt – wenn schon nicht aus ganzem Herzen, dann zumindest aus wahltaktischen Gründen – am besten gleich DIE LINKE. Im übrigen gilt, was ich im ersten Beitrag zu diesem Thema geschrieben habe: „Insgesamt sind meine Erwartungen an die nächste Bundesregierung, egal nach welcher Farbenlehre, eher niedrig. Für sehr viel wichtiger als die nächste Bundesregierung halte ich das zivilgesellschaftliche Engagement vieler Menschen für die wichtigen Fragen unserer Zeit.“

„Frieden wählen“ – Infostand des Friedensforums zur Bundestagswahl

Friedensforum Gelsenkirchen mit Unterstützer:innen.

Rechtzeitig vor der Bundestagswahl präsentierte sich das Friedensforum Gelsenkirchen direkt vor der Altstadtkirche unter dem Motto „Frieden wählen“. Bei strahlendem Sonnenschein konnten vorbeieilende Passant:innen vielfältige Informationen auf Stelltafeln lesen oder am Infotisch erhalten.

So waren Auszüge aus den Wahlprogrammen der Parteien, die voraussichtlich in den Bundestag einziehen, zu den Themen Rüstungsexporte, atomare Abrüstung, Drohnen und autonome Waffensysteme, Militärhaushalt und Friedensförderung sowie Europäische Friedenspolitik erhältlich.

Ebenso prominent lag die Broschüre der Badischen Landeskirche „Sicherheit neu denken“ aus, in der ein Szenario die Entwicklung der deutschen Sicherheitspolitik von einer militärischen zu einer zivilen Sicherheitspolitik zeigt. Die jüngste Entwicklung in Afghanistan dürfte einmal mehr gezeigt haben, dass das Militär nicht in der Lage ist, Frieden zu schaffen.

Unterstützt wurden die Gelsenkirchener:innen von zwei Mitgliedern der Friedensfreunde Dülmen. Friedensfreunde aus beiden Städten unterstützen sich bereits seit längerem gegenseitig.

Das die Bundestagswahl vor der Tür steht, merkte man übrigens an der am meisten gestellten Frage: „Welche Partei seid ihr?“ Die Antwort darauf war immer gleich. Das Friedensforum ist nicht parteigebunden. – Ein weiterer Termin vor der Bundestagswahl ist in Vorbereitung.

Ein Fahrrad ist immer mit dabei …

Eindrücke von der FriedensFahrradtour 2021

Unterwegs mit der FriedensFahrradtour 2021 der DFG-VK NRW, hier auf dem Weg nach Dülmen.

Unter dem Motto „Auf Achse für Frieden & Abrüstung“ führte die traditionsreiche Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) NRW ihre inzwischen 8. FriedensFahrradtour durch Nordrhein-Westfalen durch. Vom 31. Juli bis zum 8. August ging es von Bielefeld über Wewelsburg, Soest, Dortmund, Dülmen, Hamminkeln, Kalkar und Xanten nach Düsseldorf. Die mehrere hundert Kilometer lange Tour verband die Erinnerung an den Vernichtungskrieg, der mit dem faschistischen Überfall auf die Sowjetunion vor 80 Jahren begann, mit dem Protest gegen die Bereithaltung und Entwicklung aktueller militärischer Potentiale. Nicht zuletzt wurde auch darauf hingewiesen, dass das Militär einer der Hauptverursacher für den Klimawandel ist.

Gut 20 Teilnehmende fuhren wie ich die gesamte oder den größten Teil der Strecke mit, hinzu kamen weitere Friedensradler:innen, die uns auf Teilstrecken begleiteten. So holten uns beispielsweise zwei Dortmunder in Soest ab, auch die Friedensfreunde Dülmen kamen uns bereits auf dem Weg zu ihnen entgegen. Die meisten Radler:innen kamen aus NRW, Gelsenkirchen stellte mit vier Radler:innen sogar die größte Einzelgruppe. Das Alter der gut 20 Teilnehmenden reichte von erstaunlichen 14 (!) bis 71 Jahren.

Auftaktkundgebung in Bielefeld.

Die Tour begann nach der je individuellen Anreise (ich fuhr mit dem Zug über Hamm) am 31. Juli in Bielefeld mit einer Auftaktkundgebung am Alten Rathaus, daran schloss sich eine Fahrrad-Demo durch Bielefeld an. Mittags erreichten wir die Gedenkstätte in Stukenbrock, wo der von den Überlebenden sowjetischen Kriegsgefangenen errichtete Obelisk und die daneben liegenden und kaum noch erkennbaren Massengräbern an die Geschichte erinnern. Ein hochbetagtes Gründungsmitglied der Initiative „Blumen für Stukenbrock“, die sich seit den 1960er Jahren der Versöhnung über Gräbern verschrieben hat, führte uns über den Friedhof, erzählte wie sie ihre Arbeit damals begonnen hatten und erläuterte kritisch die gegenwärtige Gestaltung. (Mehr zu Stukenbrock in meinem früheren Beitrag hier.)

Die FriedensFahrradtour am Obelisken in Stukenbrock.

Von Stukenbrock aus ging es weiter zur Wewelsburg, wo nach jahrelangem Streit in den 1980er Jahren die erste Gedenkstätte, die sich zentral mit den Tätern beschäftigt, eröffnet wurde. In der Wewelsburg selbst sind ein heimatkundliches historisches Museum und eine Jugendherberge untergebracht, die Ausstellung zur SS ist im damals von der SS errichteten Wachgebäude untergebracht. In der Jugendherberge, in der ich immer schon mal übernachten wollte, verbrachten wir insgesamt zwei Nächte und nutzen den Folgetag zunächst zu einer geführten Besichtigung der Ausstellung zur SS im Wachgebäude. Zur Führung gehörte auch die Besichtigung der beiden Räume, die die SS von KZ-Zwangsarbeitern errichten ließ: der „Obergruppenführersaal“ mit der sogenannten „Schwarzen Sonne“ im Fußboden und die „Gruft“ im Untergeschoss. (Mehr zur Wewelsburg in meinem früheren Beitrag hier.)

Besuch der Ausstellung zur SS im ehemaligen Wachgebäude der SS.

Während der Mittagspause nutzten wir mit einem Teil der Gruppe die freie Zeit, um das Gelände des ehemaligen KZ Niederhagen und des SS-Schießstandes aufzusuchen. Das ehemalige KZ-Gelände ist nach dem Kriegsende zu einem neuen Stadtteil geworden und Teile der Gebäude wurden umgebaut und weiter genutzt. Nach auch hier jahrzehntelangem Streit war auf dem früheren Appellplatz ein Mahnmal errichtet worden. Für uns nicht mehr zu erkennen war, welches der beiden heutigen Wohngebäude das frühere Torhaus zum KZ gewesen ist.

Mahnmal auf dem früheren Appellplatz des KZ Niederhagen, heute einem Stadtteil von Wewelsburg.

Der weitere Tag diente dem gegenseitigen Kennenlernen, Absprachen und der Vorbereitung eines Straßentheaterstücks, welches im weiteren Verlauf der Fahrt in Soest und in Dülmen aufgeführt wurde. Inhalt des Stücks war die Darstellung einer militärischen Drohne, die spielerisch von Honigbienendrohnen überwältigt wurde. Nach einer ersten Probe wurden in großer Runde Kritik und Änderungsvorschläge unterbreitet, die schließlich zu einigen Verbesserungen führten.

Aktionsvorbereitung in der Jugendherberge Wewelsburg.

Am nächsten Tag, dem 2. August fuhren wir von Wewelsburg nach Soest. Insgesamt hatten wir während der Fahrt viel Glück mit dem Wetter, meist war es trocken oder gar sonnig, gelegentlich hatten wir Sprühregen. Nur an diesem Vormittag während der Abfahrt von der Wewelsburg regnete es längere Zeit.

Kundgebung auf dem Marktplatz in Soest.

In Soest wurden wir auf dem Marktplatz von der dortigen Friedensinitiative empfangen, die Cafes des Platzes waren gut besucht und die Kundgebung war nicht zu übersehen. Das in der Jugendherberge Wewelsburg geprobte „Drohnentheater“ wurde hier erstmals öffentlich aufgeführt. Nachdem ein jonglierender Teilnehmer erste Aufmerksamkeit erweckt hatte, stellten sich die militärische Kampfdrohne und die biologische Bienendrohne vor. In einem kleinen Zwischenspiel treibt ein Finanzbeamter Steuergelder ein, während die Bienen Blumen bestäuben. Als die Kampfdrohne immer aggressiver wird, umringen die Bienen sie und ringen sie mit lautem Summen nieder.

Am Schluss der Vorstellung verbeugen sich die Darsteller:innen vor dem Publikum.

Der Kundgebung auf dem Marktplatz folgte eine Fahrrad-Demo mit einem eher unglücklichen Zwischenhalt an einer engen, vielbefahrenen Brücke und zu einer Gedenkkundgebung auf dem Osthofenfriedhof. Der Tag endete mit unserer Fahrt zur Jugendherberge, in der wir die Nacht verbrachten.

Nach der „Action“ auf dem Marktplatz würdevolles Gedenken auf dem Friedhof in Soest.

Der 3. August führte uns von Soest nach Dortmund. Wie oben bereits erwähnt holten uns zwei Dortmunder in der Soester Jugendherberge morgens ab und fuhren gemeinsam mit uns nach Dortmund. Mit einer Kundgebung an der Westfalenhalle und einer Kranzniederlegung am Gedenkstein wurde erneut an den faschistischen Überfall auf die Sowjetunion vor 80 Jahren gedacht. Daran anschließend fuhren wir in die Dortmunder Innenstadt zum Hansaplatz, wo wir – gegenüber vom „Platz von Hiroshima“ – vom Dortmunder Friedensforum zu einer Kundgebung begrüßt wurden.

Kranzniederlegung am Gedenkstein an der Westfalenhalle, Dortmund.

In der Jugendherberge unweit davon verbrachten wir nicht nur die Nacht. Dmitriy Kostovarov berichtete in einer Abendveranstaltung über seine Arbeit, die darin besteht Familien in Russland Fotos vom Grab des Vaters oder Großvaters zu schicken. Falsche Schreibweisen von Namen und unterschiedliche Gestaltung der in kommunaler Zuständigkeit befindlichen Gräber sind dabei ein großes Problem. Einmal mehr wurde wie schon in Stukenbrock deutlich, dass die Versöhnung mit Russland trotz der großen Verbrechen aufgrund des Kalten Kriegs keine Priorität hatte.

Dmitriy Kostovarov berichtet an der Dortmunder Westfalenhalle von seiner Arbeit gegen das Vergessen.

Am 4. August stand die Fahrt von Dortmund nach Dülmen auf dem Programm. Auch hier kamen uns unterwegs einige Mitglieder der Friedensfreunde Dülmen entgegen und fuhren mit uns gemeinsam zuerst zu einem Standort eines US-Waffendepots, wo wir eine Kundgebung und eine Blockade durchführten. Daran anschließend wurde unsere FriedensFahrradtour vom Dülmener Bürgermeister begrüßt. Der Tag endete mit einem Friedensfest im DJK-Clubheim, wo erneut das „Drohnentheater“ aufgeführt wurde. Die Übernachtung fand auf dem Sportplatz statt und erstmals bei dieser Tour in Zelten. Ich hatte Glück.

Blockade eines US-Waffendepots in Dülmen.

Der folgende Tag, der 5. August, führte uns nach Hamminkeln. An diesem Tag gab es keine weitere Aktion. In Hamminkeln stand lediglich eine Übernachtung auf dem Campingplatz an. Waren wir in den Jugendherbergen und auf dem Sportplatz verpflegt worden, musste nun – mit Unterstützung aus der Gruppe – für die gesamte Gruppe gekocht werden. Ich betätigte mich als Küchenhilfe. Aufgrund der Corona-Pandemie musste jeder einen eigenen Teller, eine eigene Tasse und eigenes Besteck mitbringen, so dass die Küchen-Crew anschließend nur die großen Töpfe und was sonst noch angefallen war spülen musste. Schließlich wurde für den Folgetag noch die Performance „Hiroshima mahnt!“ vorbereitet und die Verteilung der Buchstaben abgesprochen.

Das Schandmal in Kalkar, wer genau hinschaut, kann noch die Spuren der jüngsten Aktionen erkennen.

Am 6. August, dem Hiroshima-Gedenktag, ging es zuerst nach Kalkar und anschließend nach Xanten. In Kalkar fand auf dem Marktplatz eine Kundgebung statt. Unter anderem berichtete dort der Aktionskünstler Wilfried Porwol über den aktuellen Stand der Klagen wegen Sachbeschädigung und erläuterte die übrig gebliebenen Spuren seiner beiden jüngsten Aktivitäten, die wir später am Denkmal besichtigen konnten. (Mehr zu den ersten Aktionen in meinem früheren Beitrag hier.)

„Hiroshima mahnt!“ auf dem Marktplatz in Xanten.

In Xanten wurden wir auf dem Marktplatz von einer Kundgebung mit Friedensliedern empfangen. Ähnlich wie in Soest war die Innenstadt gut besucht und unsere in Hamminkeln vorbereitete Performance „Hiroshima mahnt!“ fand durchaus Aufmerksamkeit. Wie besprochen erhielt jeder der Teilnehmenden einen großen Pappbuchstaben und fiel sobald die Sirene ertönte wie tot um. Begleitet vom Song „Hiroshima“ erhob sich in Buchstabenreihenfolge jeder der „Toten“ und stellte sich nacheinander zum Slogan „Hiroshima mahnt!“ auf.

„Hiroshima mahnt!“ auf dem Marktplatz in Xanten.

Die Übernachtung fand in einem Heuhotel statt, wo wir in Schlafsäcken und im Vergleich zu den Isomatten und den Zelten weich und warm schlafen konnten. Der nächste Tag bestand wieder aus einer langen Fahrradfahrt, die uns zu einem Campingplatz nach Düsseldorf führte.

Letzte gemeinsame Übernachtung auf dem Campingplatz in Düsseldorf.

Von hier aus ging es am folgenden Tag, dem 8. August zum Johannes-Rau-Platz in Düsseldorf. Hier wurden wir wiederum vom örtlichen Friedensforum begrüßt. Erneut wurde die Performance „Hiroshima mahnt!“ aufgeführt. Hier endete die FriedensFahrradtour und jeder trat seine Rückreise an. Wir fuhren noch gemeinsam mit einer kleinen Gruppe mit den Rädern zum Düsseldorfer Hauptbahnhof, wo drei von uns in den Zug stiegen, der uns nach Essen, Gelsenkirchen bzw. Münster brachte.

Letzte Vorbereitungen für die letzte Kundgebung der FriedensFahrradtour 2021.

Insgesamt war es für mich eine sehr beeindruckende Tour. Bemerkenswert ist in jedem Fall, dass trotz unvorhergesehener Zwischenfälle und Verspätungen das gesamte Programm der FriedensFahrradtour durchgeführt werden konnte. Mir hat es gefallen – im nächsten Jahr bin ich gerne wieder mit dabei!

Gelesen: „Er, Sie und Es“ von Marge Piercy

Mit dem Roman „He, She and It“ (Er, Sie und Es, 1993) hat die US-amerikanische Autorin Marge Piercy 1991 ein beeindruckend erzähltes Meisterwerk vorgelegt. Vor dem Hintergrund einer weitgehend zerstörten Erde der Zukunft und eingebunden in eine spannende Handlung verbindet sie Fragen um die Schaffung künstlichen Lebens mit unserer Wahrnehmung von Geschlechterrollen. Piercys Erde der Zukunft ist das Ergebnis von Kapitalismus, Klimawandel, Umweltzerstörung, Seuchen und Hungersnöte und uns angesichts einer weltweiten Pandemie und Klimakatastrophen, die inzwischen auch unser Land erreichen, heutzutage noch näher als es 1991 der Fall gewesen sein mag. Die im Roman dargestellte freie Stadt Tikva kann als dynamische Utopie für eine andere Zukunft als die geschilderte gesehen werden.

In dieser Zukunft gibt es einige hochtechnisierte Enklaven sogenannter „Multis“, in den unterschiedlich strikte Reglements aller Lebensbereiche gelten, slumartige von Gangs beherrschte Megastädte wie den „Glop“, aus denen die „Multis“ Tagelöhner beschäftigen, und freie Städte wie „Tikva“, in der ein Großteil der Handlung stattfindet. Weite Teile der ehemaligen Anbaugebiete für die Ernährung der Weltbevölkerung sind überschwemmt oder zu Wüste geworden, die wenige landwirtschaftliche Nutzfläche ist daher von der Besiedelung ausgeschlossen. Auf oder in der Erde gewachsene Nahrung ist ein Luxusprodukt, die Masse der durch Hungersnöte und Unfruchtbarkeit ohnehin reduzierten Bevölkerung lebt von „Bottichnahrung“ aus Algen, in unterschiedlicher Gestalt aber immer in derselben Konsistenz.

In der freien Natur ist kein Überleben möglich, die Kuppeldome der Städte kann man nur mit einer Schutzhülle oder in gesicherten Fahrzeugen ungefährdet verlassen. Verbindungen bestehen durch Untergrundbahnen. Organplünderer, die Jagd auf Menschen machen um deren Organe verkaufen zu können, sind eine weitere Gefahr. Die Masse der Menschen in den Slums wird mit elektronischer Unterhaltung und Drogen abgespeist. Bildung gibt es nur für die Oberschicht. Verbunden sind die Städte über das „Netz“, das der Kommunikation und Information dient. In der freien Stadt Tikva lernen im Gegensatz zu den Multi-Enklaven alle Bürger den Umgang mit dem Netz, das auch zum Arbeiten und Lernen genutzt wird. Da sich Personen in das Netz projizieren, können sie dort auch angegriffen, verletzt und getötet werden.

Erzählt wird die Geschichte wechselseitig aus der Sicht von Shira und ihrer Großmutter Malkah. Shira, in Tikva aufgewachsen, hatte ein Angebot des Multis Yakamura-Stichen (Y-S) angenommen, dort geheiratet und den Sohn Ari bekommen. Im Zuge ihrer Trennung von ihrem Mann verliert sie mit der Scheidung das Sorgerecht für ihren Sohn, der sich zudem versetzen lässt. Sie verlässt die Konzern-Enklave und kehrt nach Hause zurück. In Tikva forscht Avram seit Jahrzehnten im Geheimen an der Schaffung eines illegalen Cyborgs, einem menschlich aussehenden künstlichen Wesen, das sich anders als ein Mensch unbegrenzt im Netz aufhalten und die Basis der Stadt gegen Angriffe aus dem Netz verteidigen kann. Nach mehreren Fehlschlägen gelingt ihm mit Hilfe von Shiras Großmutter Malkah die Schaffung von Yod. Nach der Rückkehr von Shira übernimmt sie die weitere, menschliche Sozialisation von Yod und beginnt eine Liebesbeziehung mit ihm. Yod zeigt sich in seinem Verhalten sehr menschlich und ist bestrebt, diesen Teil seiner Persönlichkeit in der Interaktion mit Menschen zu erweitern, folgt aber andererseits seiner primären Aufgabe, Tikva zu beschützen, als er Malkah gegen einen Angriff aus dem Netz verteidigt und die Angreifer dort verfolgt und ausschaltet. Sie finden heraus, das Y-S hinter dem Angriff steckt.

Nach Tikva ist auch Shiras Jugendliebe Gadi, Avrams Sohn zurückgekehrt, der sie in der Vergangenheit tief verletzt hatte. Erst Yod ist in der Lage, mit seiner Zuneigung die Verletzung zu heilen. Nachdem Y-S Shira ein Treffen angeboten hat, tauchen auch Shiras Mutter Riva sowie ihre Partnerin Nili auf. Shira kannte ihre Mutter nicht, die als Informationspiratin im Untergrund lebt. Shira erfährt von ihr, dass ihr Vater kein Beziehungspartner, sondern eine Samenspende eines bereits verstorbenen Wissenschaftlers war. Nili ist ein technisch aufgerüsteter Mensch und Yod in vielem ähnlich. Sie stammt aus dem Gebiet, das als „Schwarze Zone“ bekannt ist, dem seit dem „Vierzehntagekrieg“ und einem terroristische Atombombenanschlag verseuchten Nahen Osten. Nili gehört einer Gemeinschaft an, in der israelische und palästinensische Frauen zusammenleben und sich durch Klontechnik fortpflanzen.

Während wir bei Yod von einem Androiden sprechen können, einem vollständig künstlich erschaffenen Wesen, handelt es sich bei Nili um einen Cyborg, einem weiblichen Menschen, der technisch aufgerüstet wurde. Interessant an Yod wie Nili sind auch die uneindeutigen Geschlechterrollen beider, die die Grenzen zwischen Mann und Frau verschwimmen lassen. So zeigt Yod, männlich und zur Verteidigung geschaffen, aufgrund der Programmierung bzw. Beziehung zu zwei Frauen auch Eigenschaften wie Sensibilität und Geduld, die beide als weibliche Eigenschaften gelten. Nili wirkt im Gegensatz dazu und aufgrund ihrer Lebensumstände sehr männlich; sie ist eine Einzelgängerin, wortkarg, zielgerichtet und zeigt wenig Emotionen.

Y-S versucht Shira bei dem vereinbarten Treffen zu überwältigen, wird jedoch von Yod, Riva und Nili erfolgreich beschützt. Inzwischen wird deutlich, dass es Y-S auf die Forschungsergebnisse von Avram abgesehen hat, und auf deren Ergebnis: Yod. Gadi, der erfolgreich in der Produktion elektronischer Unterhaltung und dafür sehr berühmt ist, unternimmt mit Nili, die mit ihm eine Affäre begonnen hat, sowie Shira und Yod eine Reise in den „Glop“. Nili sucht hier nach Bündnispartnern. Im „Glop“ zeigt sich die scheinbar festgefügte Welt der Multis in unerwarteter Bewegung. Während eines kurzen Abstechers holen Shira und Yod Shiras Sohn Ari aus einer Y-S-Enklave heraus und bringen ihn mit zurück nach Tikva. Yod hofft, zur Schaffung einer Familie beigetragen zu haben, der er angehört. Dann überschlagen sich die Ereignisse, als bekannt wird, dass Yod kein Mensch ist und Y-S der freien Stadt Tikva ein Ultimatum stellt. – Wie die Geschichte ausgeht, wird hier natürlich nicht verraten.

In den Roman eingeflochten ist die Geschichte des Golems, den Rabbi Löw im Prag des 16. Jahrhunderts zum Schutz des Ghettos mit Hilfe kabbalistischer Magie aus Lehm schuf. Die Geschichte erzählt Malkah Yod Kapitelweise mit dem Fortgang der Haupthandlung und spiegelt damit seine Existenz in der Gegenwart des Romans. Da es sich bei Tikva um eine jüdische Siedlung handelt, lässt sich auch von Yod als Golem sprechen. Der Roman gewann 1993 den Arthur C. Clarke Award, einen Science-Fiction-Literaturpreis.

Die Autorin dieses Werkes, Marge Piercy, wurde am 31. März 1936 in Detroit/Michigan während der Großen Depression geboren. Sie wuchs in einer Arbeiterfamilie auf. Ihr Großvater mütterlicherseits war ein Gewerkschafter, der aufgrund dessen ermordet worden war. Ihre Großmutter mütterlicherseits war die Tochter eines Rabbis. Sowohl ihre Großmutter wie ihre Mutter waren große Geschichtenerzählerinnen. Bereits in jungen Jahren lernte sie die Trennung zwischen Schwarzen und Juden auf der einen Seite und Weißen auf der anderen Seite kennen. Die Welt der Bücher entdeckte sie für sich, als sie aufgrund von Krankheiten nichts weiter tun konnte außer Lesen. Nach ihrem Abschluss der High School konnte sie als erste in ihrer Familie aufgrund eines Stipendiums an der University of Michigan studieren. Sie machte 1957 ihren BA und ein Jahr später an der Northwestern University ihren MA.

Piercy ist zum dritten Mal verheiratet. Ihre in jungen Jahren geschlossene erste Ehe mit einem französischen jüdischen Physiker ging aufgrund unterschiedlicher Geschlechterrollen-Erwartungen 1959 in die Brüche. Auch ihre zweite, 1962 geschlossene Ehe, scheiterte. In dritter Ehe ist sie mit Ira Wood verheiratet, mit dem sie seit den 1970ern in Wellfleet/Michigan lebt. Nach dem Scheitern der ersten Ehe kehrte sie aus Frankreich zurück, lebte in Chicago, wo sie sich mit verschiedenen Teilzeitjobs über Wasser hielt und in der Bürgerrechtsbewegung engagierte. Diese Zeit betrachtet sie als die härteste ihres Lebens, sie war arm, ihre Ehe ein Fehlschlag und als Schriftstellerin unsichtbar. Gleichwohl entwickelte sie klare Vorstellungen, worüber sie schreiben wollte. Ihre zweite Ehe 1962 war eine offene Beziehung und führte sie quer durch die USA. Neben der Arbeit schrieb sie und engagierte sich politisch unter anderem gegen den Vietnam-Krieg und in der Frauenbewegung. 1968 brachte ihr erste literarische Erfolge, als sowohl ihr erster Gedichtband „Breaking Camp“ veröffentlicht wie auch ihr erster Roman angenommen wurde.

1971 zogen sie nach Cape Cod. Piercy kannte bis dahin nur das Leben in der Großstadt, konnte sich dort jedoch nach den Jahren, die sie zuletzt in New York verbracht hatten, erholen, neue Kraft gewinnen und Wurzeln schlagen, während sich die Ehepartner zunehmend voneinander entfremdeten. Ihren dritten Ehemann, Ira Wood, kannte sie bereits sechs Jahre, bevor sie 1982 heirateten. In dieser Ehe fühlt sie die Unterstützung, die sie benötigt. Piercy gilt heute als einflussreichste feministische Schriftstellerin des 20. Jahrhunderts. Sie hat zahlreiche Gedichtbände, Romane, ein Theaterstück, eine Essaysammlung, ein Sachbuch und ihre Autobiografie veröffentlicht, darunter mehrere Bestseller und inzwischen als feministische Klassiker bezeichnete Werke. Der Hintergrund ihrer Werke wechselt, sie spielen in der Zukunft, der Vergangenheit oder der Gegenwart. Ein weiterer bemerkenswerter und auf Deutsch vorliegender Roman „Woman on the Edge of Time“ (Die Frau am Abgrund der Zeit, 1986) aus dem Jahr 1976 stellt im Rahmen einer Zeitreise-Story gleichzeitig eine radikale Kritik an der Psychiatrie der USA wie eine klassische Utopie einer auf genossenschaftlichen Gemeineigentum und geschlechter-egalitären Gesellschaft dar. Marge Piercy engagiert sich für Bürgerrechte, Feminismus und in der Antikriegs-, Klima- und Umweltschutzbewegung.

Esther Bejarano gestorben

Ihr letzter öffentlicher Auftritt am 3. Mai diesen Jahres.

Heute Nacht ist die Überlebende der Konzentrationslager Auschwitz, Ravensbrück und eines Todesmarsches im Alter von 96 Jahren ruhig und friedlich eingeschlafen. Die VVN-BdA verdankt ihrer Ehrenpräsidentin viel. Als 1990 zum ersten Mal ein Bundessprecher:innenkreis gewählt werden sollte und dafür Personen gesucht wurden, die Tradition und Neuanfang verkörperten, stand sie dafür zur Verfügung und wurde eine der ersten Bundessprecherinnen in einer Zeit, in der die VVN-BdA der Diffamierung des Antifaschismus entgegentreten musste. Sie hat einen großen Anteil daran, dass das gelungen ist. Und als im November 2019 das Finanzamt in Berlin die Gemeinnützigkeit der VVN-BdA bestritt, schritt sie mit ihrem flammenden Appell an Olaf Scholz „Das Haus brennt und Sie sperren die Feuerwehr aus“ ein und verbreiterte die öffentliche Debatte. Damit hat sie wesentlich zu dem Erfolg in dieser Auseinandersetzung beigetragen. Antifaschismus ist wieder gemeinnützig!

Nun ist die unermüdliche Zeitzeugin gegen Vergessen des historischen und Verharmlosen des aktuellen Faschismus, Mahnerin und Kämpferin für Menschenrechte, Frieden und eine solidarische Gesellschaft von uns gegangen. Die Bundesvereinigung der VVN-BdA schreibt unter anderem in ihrem Nachruf: „Wir alle kannten Sie als eine Frau von großer Entschiedenheit und geradezu unglaublichem Elan, die viele von uns noch bis vor kurzem auf der großen Bühne erleben durften. Zuletzt saß sie am 8. Mai auf unserer kleinen Bühne im Hamburger Gängeviertel und erzählte von ihrer Befreiung am 3. Mai 1945 durch Soldaten der Roten Armee und der US-Armee, die kurz nacheinander in der kleinen Stadt Lübsz eintrafen. Dort hatte Esther mit einigen Freundinnen aus dem KZ Ravensbrück Unterschlupf gefunden, nachdem sie gemeinsam dem Todesmarsch entflohen waren.“

Anlässlich ihres letzten öffentlichen Auftritts am 3. Mai diesen Jahres, wo sie im Rollstuhl sitzend gleichwohl mit klarer Stimme sprach, wiederholte sie noch einmal ihre Forderung, den 8. Mai in Deutschland zum Feiertag zu machen: „Ich fordere: Der 8. Mai muss ein Feiertag werden! Ein Tag, an dem die Befreiung der Menschheit vom NS-Regime gefeiert werden kann. Das ist überfällig seit sieben Jahrzehnten. Und hilft vielleicht, endlich zu begreifen, dass der 8. Mai 1945 der Tag der Befreiung war, der Niederschlagung des NS-Regimes. Am 8. Mai wäre dann Gelegenheit, über die großen Hoffnungen der Menschheit nachzudenken: Über Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – und Schwesterlichkeit.“ Der vollständige Text der Rede kann hier nachgelesen werden.

Ein letztes Interview aus diesem Jahr von der digitalen Befreiungsfeier des KZ Ravensbrück.

Dieser Textbeitrag beruht im wesentlichen auf dem Nachruf der Bundesvereinigung der VVN-BdA.

Namensänderung in „Berufskolleg Am Goldberg“ jetzt vollständig!

Berufskolleg Am Goldberg in Gelsenkirchen-Buer.

Es ist für mich immer wieder eine kleine Überraschung, wer – unbekannterweise – meinen Blog liest. Als ich im Mai aus einem anderen Anlass das Berufskolleg Am Goldberg besuchte und Fotos mit der Absicht machte, einen freundlichen Artikel über die erfolgte Umbenennung zu schreiben, fiel mir leider auf, dass die Namensänderung doch nicht ganz vollständig gewesen ist.

Dumm gelaufen! Doch irgendjemand hat meinen Beitrag gelesen und offenbar einen Verantwortlichen informiert. Als ich kürzlich – wiederum aus einem anderen Anlass – am Berufskolleg vorbeifuhr, fiel mir sofort die letzte Änderung auf. Nun ist auch an den Gebäude-Schildern das Logo und die Kurzbezeichnung die links oben an den vorherigen Namen erinnerte überklebt.

Mahnwache erinnert an den Beginn des Vernichtungskrieges vor 80 Jahren

Mahnwache auf dem Heinrich-König-Platz am 22. Juni 2021 zur Erinnerung und Mahnung.

Vor 80 Jahren, am 22. Juni 1941 begann mit dem Überfall des faschistischen Deutschlands auf die Sowjetunion ein beispielloser Vernichtungs- und Eroberungskrieg, der alles bis dahin dagewesene in den Schatten stellte. In ganz Deutschland gab es zu diesem Anlass Veranstaltungen von Antifaschist:innen und aus der Friedensbewegung. In Gelsenkirchen riefen das Friedensforum Gelsenkirchen, die VVN-BdA Gelsenkirchen und die örtliche DIE LINKE zu einer Mahnwache auf.

In den Reden, die Hildegard Meier für das Friedensforum, Knut Maßmann für die VVN-BdA, Bettina Peipe für DIE LINKE und Heinz-Peter Thermann für die DKP hielten, wurde an die Vergangenheit erinnert, die gegenwärtige Politik – nicht nur der NATO – kritisiert und eine aktive Friedenspolitik auf Augenhöhe mit Russland und den anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion angemahnt.

Die Gelsenkirchener VVN-BdA zeigte aus diesem Anlass ein traditionelles Transparent.

Spontan sprach Hartmut Hering (DIE LINKE) und erinnerte an den Einsatz der sowjetischen Zwangsarbeiter in Gelsenkirchen und kritisierte das lange Verdrängen der Ereignisse und die späte und beschämend niedrige Entschädigung der vormaligen „Ostarbeiter“:innen.

Das Friedensforum Gelsenkirchen hat sich zudem vorgenommen in den nächsten Tagen Gräber der sowjetischen Zwangsarbeiter:innen auf dem Westfriedhof in Heßler zu schmücken, analog zu unserer Aktion vom 1. November des vergangenen Jahres. Wir empfehlen die Nachahmung auf den anderen Friedhöfen, denn es gibt überall in Gelsenkirchen Gräber für Zwangsarbeiter:innen, die in unserer Stadt – wie überall im deutschen Nazi-Reich – zu Tode geschunden wurden.

Rechtschreibung und Denkmalschutz

Stadtgarten Gelsenkirchen mit Blick auf das zentrale antifaschistische Mahnmal der Stadt.

Wahrscheinlich ist nur mir aufgefallen, dass die Stadt Gelsenkirchen nach Jahrzehnten stillschweigend einen Rechtschreibfehler am zentralen antifaschistischen Mahnmal im Stadtgarten berichtigt hat. Wie der Denkmalschutz dazu steht ist mir nicht bekannt.

Der Anlass dazu war wohl die Reinigungsaktion, nachdem im Sommer 2019 das Mahnmal von rechtsradikalen Dummbeuteln unter anderem mit „Türken raus“, „Hitler kommt zurück“ und einem Hakenkreuz beschmiert worden war. Vermutlich war die Farbe so in die Ränder der Schrifttafeln eingesickert, dass man lieber gleich die kompletten Schrifttafeln, die seit 1950 an die großen deutschen Konzentrationslager erinnern, durch neue ersetzt hat.

Ich weiß natürlich nicht, ob es sich um einen Flüchtigkeitsfehler gehandelt hatte oder die Namen der Konzentrationslager 1950 noch nicht im allgemeinen Bewußtsein waren, wie sie es heute sind. Jedenfalls wurde bis 2019 das KZ Neuengamme fälschlicherweise als „Neuengramme“ bezeichnet. Dieser Zustand hat nun ein Ende.

Links „Neuengramme“ aufgenommen 2017, rechts richtig geschrieben Neuengamme, aufgenommen 2021.

Das Mahnmal für die Opfer der NS-Gewaltherrschaft war auf Initiative der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) und mit Unterstützung der Stadt Gelsenkirchen im Stadtgarten errichtet und am 10. September 1950 feierlich der Öffentlichkeit übergeben worden. Der zweite Sonntag im September war damals der Gedenktag für die Opfer des Faschismus. Mit der Errichtung dieses Mahnmals wurde in der unmittelbaren Nachkriegszeit die Errichtung von Gedenkorten an die faschistische Barbarei abgeschlossen. Es hat heute noch seine Bedeutung als Warnung gegen Krieg und Faschismus und wird jährlich während des Ostermarschs und zum Antikriegstag besucht.

Für den Ostermarsch Rhein-Ruhr 2016 geschmücktes antifaschistisches Mahnmal im Stadtgarten.