Gelesen: „Er, Sie und Es“ von Marge Piercy

Mit dem Roman „He, She and It“ (Er, Sie und Es, 1993) hat die US-amerikanische Autorin Marge Piercy 1991 ein beeindruckend erzähltes Meisterwerk vorgelegt. Vor dem Hintergrund einer weitgehend zerstörten Erde der Zukunft und eingebunden in eine spannende Handlung verbindet sie Fragen um die Schaffung künstlichen Lebens mit unserer Wahrnehmung von Geschlechterrollen. Piercys Erde der Zukunft ist das Ergebnis von Kapitalismus, Klimawandel, Umweltzerstörung, Seuchen und Hungersnöte und uns angesichts einer weltweiten Pandemie und Klimakatastrophen, die inzwischen auch unser Land erreichen, heutzutage noch näher als es 1991 der Fall gewesen sein mag. Die im Roman dargestellte freie Stadt Tikva kann als dynamische Utopie für eine andere Zukunft als die geschilderte gesehen werden.

In dieser Zukunft gibt es einige hochtechnisierte Enklaven sogenannter „Multis“, in den unterschiedlich strikte Reglements aller Lebensbereiche gelten, slumartige von Gangs beherrschte Megastädte wie den „Glop“, aus denen die „Multis“ Tagelöhner beschäftigen, und freie Städte wie „Tikva“, in der ein Großteil der Handlung stattfindet. Weite Teile der ehemaligen Anbaugebiete für die Ernährung der Weltbevölkerung sind überschwemmt oder zu Wüste geworden, die wenige landwirtschaftliche Nutzfläche ist daher von der Besiedelung ausgeschlossen. Auf oder in der Erde gewachsene Nahrung ist ein Luxusprodukt, die Masse der durch Hungersnöte und Unfruchtbarkeit ohnehin reduzierten Bevölkerung lebt von „Bottichnahrung“ aus Algen, in unterschiedlicher Gestalt aber immer in derselben Konsistenz.

In der freien Natur ist kein Überleben möglich, die Kuppeldome der Städte kann man nur mit einer Schutzhülle oder in gesicherten Fahrzeugen ungefährdet verlassen. Verbindungen bestehen durch Untergrundbahnen. Organplünderer, die Jagd auf Menschen machen um deren Organe verkaufen zu können, sind eine weitere Gefahr. Die Masse der Menschen in den Slums wird mit elektronischer Unterhaltung und Drogen abgespeist. Bildung gibt es nur für die Oberschicht. Verbunden sind die Städte über das „Netz“, das der Kommunikation und Information dient. In der freien Stadt Tikva lernen im Gegensatz zu den Multi-Enklaven alle Bürger den Umgang mit dem Netz, das auch zum Arbeiten und Lernen genutzt wird. Da sich Personen in das Netz projizieren, können sie dort auch angegriffen, verletzt und getötet werden.

Erzählt wird die Geschichte wechselseitig aus der Sicht von Shira und ihrer Großmutter Malkah. Shira, in Tikva aufgewachsen, hatte ein Angebot des Multis Yakamura-Stichen (Y-S) angenommen, dort geheiratet und den Sohn Ari bekommen. Im Zuge ihrer Trennung von ihrem Mann verliert sie mit der Scheidung das Sorgerecht für ihren Sohn, der sich zudem versetzen lässt. Sie verlässt die Konzern-Enklave und kehrt nach Hause zurück. In Tikva forscht Avram seit Jahrzehnten im Geheimen an der Schaffung eines illegalen Cyborgs, einem menschlich aussehenden künstlichen Wesen, das sich anders als ein Mensch unbegrenzt im Netz aufhalten und die Basis der Stadt gegen Angriffe aus dem Netz verteidigen kann. Nach mehreren Fehlschlägen gelingt ihm mit Hilfe von Shiras Großmutter Malkah die Schaffung von Yod. Nach der Rückkehr von Shira übernimmt sie die weitere, menschliche Sozialisation von Yod und beginnt eine Liebesbeziehung mit ihm. Yod zeigt sich in seinem Verhalten sehr menschlich und ist bestrebt, diesen Teil seiner Persönlichkeit in der Interaktion mit Menschen zu erweitern, folgt aber andererseits seiner primären Aufgabe, Tikva zu beschützen, als er Malkah gegen einen Angriff aus dem Netz verteidigt und die Angreifer dort verfolgt und ausschaltet. Sie finden heraus, das Y-S hinter dem Angriff steckt.

Nach Tikva ist auch Shiras Jugendliebe Gadi, Avrams Sohn zurückgekehrt, der sie in der Vergangenheit tief verletzt hatte. Erst Yod ist in der Lage, mit seiner Zuneigung die Verletzung zu heilen. Nachdem Y-S Shira ein Treffen angeboten hat, tauchen auch Shiras Mutter Riva sowie ihre Partnerin Nili auf. Shira kannte ihre Mutter nicht, die als Informationspiratin im Untergrund lebt. Shira erfährt von ihr, dass ihr Vater kein Beziehungspartner, sondern eine Samenspende eines bereits verstorbenen Wissenschaftlers war. Nili ist ein technisch aufgerüsteter Mensch und Yod in vielem ähnlich. Sie stammt aus dem Gebiet, das als „Schwarze Zone“ bekannt ist, dem seit dem „Vierzehntagekrieg“ und einem terroristische Atombombenanschlag verseuchten Nahen Osten. Nili gehört einer Gemeinschaft an, in der israelische und palästinensische Frauen zusammenleben und sich durch Klontechnik fortpflanzen.

Während wir bei Yod von einem Androiden sprechen können, einem vollständig künstlich erschaffenen Wesen, handelt es sich bei Nili um einen Cyborg, einem weiblichen Menschen, der technisch aufgerüstet wurde. Interessant an Yod wie Nili sind auch die uneindeutigen Geschlechterrollen beider, die die Grenzen zwischen Mann und Frau verschwimmen lassen. So zeigt Yod, männlich und zur Verteidigung geschaffen, aufgrund der Programmierung bzw. Beziehung zu zwei Frauen auch Eigenschaften wie Sensibilität und Geduld, die beide als weibliche Eigenschaften gelten. Nili wirkt im Gegensatz dazu und aufgrund ihrer Lebensumstände sehr männlich; sie ist eine Einzelgängerin, wortkarg, zielgerichtet und zeigt wenig Emotionen.

Y-S versucht Shira bei dem vereinbarten Treffen zu überwältigen, wird jedoch von Yod, Riva und Nili erfolgreich beschützt. Inzwischen wird deutlich, dass es Y-S auf die Forschungsergebnisse von Avram abgesehen hat, und auf deren Ergebnis: Yod. Gadi, der erfolgreich in der Produktion elektronischer Unterhaltung und dafür sehr berühmt ist, unternimmt mit Nili, die mit ihm eine Affäre begonnen hat, sowie Shira und Yod eine Reise in den „Glop“. Nili sucht hier nach Bündnispartnern. Im „Glop“ zeigt sich die scheinbar festgefügte Welt der Multis in unerwarteter Bewegung. Während eines kurzen Abstechers holen Shira und Yod Shiras Sohn Ari aus einer Y-S-Enklave heraus und bringen ihn mit zurück nach Tikva. Yod hofft, zur Schaffung einer Familie beigetragen zu haben, der er angehört. Dann überschlagen sich die Ereignisse, als bekannt wird, dass Yod kein Mensch ist und Y-S der freien Stadt Tikva ein Ultimatum stellt. – Wie die Geschichte ausgeht, wird hier natürlich nicht verraten.

In den Roman eingeflochten ist die Geschichte des Golems, den Rabbi Löw im Prag des 16. Jahrhunderts zum Schutz des Ghettos mit Hilfe kabbalistischer Magie aus Lehm schuf. Die Geschichte erzählt Malkah Yod Kapitelweise mit dem Fortgang der Haupthandlung und spiegelt damit seine Existenz in der Gegenwart des Romans. Da es sich bei Tikva um eine jüdische Siedlung handelt, lässt sich auch von Yod als Golem sprechen. Der Roman gewann 1993 den Arthur C. Clarke Award, einen Science-Fiction-Literaturpreis.

Die Autorin dieses Werkes, Marge Piercy, wurde am 31. März 1936 in Detroit/Michigan während der Großen Depression geboren. Sie wuchs in einer Arbeiterfamilie auf. Ihr Großvater mütterlicherseits war ein Gewerkschafter, der aufgrund dessen ermordet worden war. Ihre Großmutter mütterlicherseits war die Tochter eines Rabbis. Sowohl ihre Großmutter wie ihre Mutter waren große Geschichtenerzählerinnen. Bereits in jungen Jahren lernte sie die Trennung zwischen Schwarzen und Juden auf der einen Seite und Weißen auf der anderen Seite kennen. Die Welt der Bücher entdeckte sie für sich, als sie aufgrund von Krankheiten nichts weiter tun konnte außer Lesen. Nach ihrem Abschluss der High School konnte sie als erste in ihrer Familie aufgrund eines Stipendiums an der University of Michigan studieren. Sie machte 1957 ihren BA und ein Jahr später an der Northwestern University ihren MA.

Piercy ist zum dritten Mal verheiratet. Ihre in jungen Jahren geschlossene erste Ehe mit einem französischen jüdischen Physiker ging aufgrund unterschiedlicher Geschlechterrollen-Erwartungen 1959 in die Brüche. Auch ihre zweite, 1962 geschlossene Ehe, scheiterte. In dritter Ehe ist sie mit Ira Wood verheiratet, mit dem sie seit den 1970ern in Wellfleet/Michigan lebt. Nach dem Scheitern der ersten Ehe kehrte sie aus Frankreich zurück, lebte in Chicago, wo sie sich mit verschiedenen Teilzeitjobs über Wasser hielt und in der Bürgerrechtsbewegung engagierte. Diese Zeit betrachtet sie als die härteste ihres Lebens, sie war arm, ihre Ehe ein Fehlschlag und als Schriftstellerin unsichtbar. Gleichwohl entwickelte sie klare Vorstellungen, worüber sie schreiben wollte. Ihre zweite Ehe 1962 war eine offene Beziehung und führte sie quer durch die USA. Neben der Arbeit schrieb sie und engagierte sich politisch unter anderem gegen den Vietnam-Krieg und in der Frauenbewegung. 1968 brachte ihr erste literarische Erfolge, als sowohl ihr erster Gedichtband „Breaking Camp“ veröffentlicht wie auch ihr erster Roman angenommen wurde.

1971 zogen sie nach Cape Cod. Piercy kannte bis dahin nur das Leben in der Großstadt, konnte sich dort jedoch nach den Jahren, die sie zuletzt in New York verbracht hatten, erholen, neue Kraft gewinnen und Wurzeln schlagen, während sich die Ehepartner zunehmend voneinander entfremdeten. Ihren dritten Ehemann, Ira Wood, kannte sie bereits sechs Jahre, bevor sie 1982 heirateten. In dieser Ehe fühlt sie die Unterstützung, die sie benötigt. Piercy gilt heute als einflussreichste feministische Schriftstellerin des 20. Jahrhunderts. Sie hat zahlreiche Gedichtbände, Romane, ein Theaterstück, eine Essaysammlung, ein Sachbuch und ihre Autobiografie veröffentlicht, darunter mehrere Bestseller und inzwischen als feministische Klassiker bezeichnete Werke. Der Hintergrund ihrer Werke wechselt, sie spielen in der Zukunft, der Vergangenheit oder der Gegenwart. Ein weiterer bemerkenswerter und auf Deutsch vorliegender Roman „Woman on the Edge of Time“ (Die Frau am Abgrund der Zeit, 1986) aus dem Jahr 1976 stellt im Rahmen einer Zeitreise-Story gleichzeitig eine radikale Kritik an der Psychiatrie der USA wie eine klassische Utopie einer auf genossenschaftlichen Gemeineigentum und geschlechter-egalitären Gesellschaft dar. Marge Piercy engagiert sich für Bürgerrechte, Feminismus und in der Antikriegs-, Klima- und Umweltschutzbewegung.

Esther Bejarano gestorben

Ihr letzter öffentlicher Auftritt am 3. Mai diesen Jahres.

Heute Nacht ist die Überlebende der Konzentrationslager Auschwitz, Ravensbrück und eines Todesmarsches im Alter von 96 Jahren ruhig und friedlich eingeschlafen. Die VVN-BdA verdankt ihrer Ehrenpräsidentin viel. Als 1990 zum ersten Mal ein Bundessprecher:innenkreis gewählt werden sollte und dafür Personen gesucht wurden, die Tradition und Neuanfang verkörperten, stand sie dafür zur Verfügung und wurde eine der ersten Bundessprecherinnen in einer Zeit, in der die VVN-BdA der Diffamierung des Antifaschismus entgegentreten musste. Sie hat einen großen Anteil daran, dass das gelungen ist. Und als im November 2019 das Finanzamt in Berlin die Gemeinnützigkeit der VVN-BdA bestritt, schritt sie mit ihrem flammenden Appell an Olaf Scholz „Das Haus brennt und Sie sperren die Feuerwehr aus“ ein und verbreiterte die öffentliche Debatte. Damit hat sie wesentlich zu dem Erfolg in dieser Auseinandersetzung beigetragen. Antifaschismus ist wieder gemeinnützig!

Nun ist die unermüdliche Zeitzeugin gegen Vergessen des historischen und Verharmlosen des aktuellen Faschismus, Mahnerin und Kämpferin für Menschenrechte, Frieden und eine solidarische Gesellschaft von uns gegangen. Die Bundesvereinigung der VVN-BdA schreibt unter anderem in ihrem Nachruf: „Wir alle kannten Sie als eine Frau von großer Entschiedenheit und geradezu unglaublichem Elan, die viele von uns noch bis vor kurzem auf der großen Bühne erleben durften. Zuletzt saß sie am 8. Mai auf unserer kleinen Bühne im Hamburger Gängeviertel und erzählte von ihrer Befreiung am 3. Mai 1945 durch Soldaten der Roten Armee und der US-Armee, die kurz nacheinander in der kleinen Stadt Lübsz eintrafen. Dort hatte Esther mit einigen Freundinnen aus dem KZ Ravensbrück Unterschlupf gefunden, nachdem sie gemeinsam dem Todesmarsch entflohen waren.“

Anlässlich ihres letzten öffentlichen Auftritts am 3. Mai diesen Jahres, wo sie im Rollstuhl sitzend gleichwohl mit klarer Stimme sprach, wiederholte sie noch einmal ihre Forderung, den 8. Mai in Deutschland zum Feiertag zu machen: „Ich fordere: Der 8. Mai muss ein Feiertag werden! Ein Tag, an dem die Befreiung der Menschheit vom NS-Regime gefeiert werden kann. Das ist überfällig seit sieben Jahrzehnten. Und hilft vielleicht, endlich zu begreifen, dass der 8. Mai 1945 der Tag der Befreiung war, der Niederschlagung des NS-Regimes. Am 8. Mai wäre dann Gelegenheit, über die großen Hoffnungen der Menschheit nachzudenken: Über Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – und Schwesterlichkeit.“ Der vollständige Text der Rede kann hier nachgelesen werden.

Ein letztes Interview aus diesem Jahr von der digitalen Befreiungsfeier des KZ Ravensbrück.

Dieser Textbeitrag beruht im wesentlichen auf dem Nachruf der Bundesvereinigung der VVN-BdA.

Namensänderung in „Berufskolleg Am Goldberg“ jetzt vollständig!

Berufskolleg Am Goldberg in Gelsenkirchen-Buer.

Es ist für mich immer wieder eine kleine Überraschung, wer – unbekannterweise – meinen Blog liest. Als ich im Mai aus einem anderen Anlass das Berufskolleg Am Goldberg besuchte und Fotos mit der Absicht machte, einen freundlichen Artikel über die erfolgte Umbenennung zu schreiben, fiel mir leider auf, dass die Namensänderung doch nicht ganz vollständig gewesen ist.

Dumm gelaufen! Doch irgendjemand hat meinen Beitrag gelesen und offenbar einen Verantwortlichen informiert. Als ich kürzlich – wiederum aus einem anderen Anlass – am Berufskolleg vorbeifuhr, fiel mir sofort die letzte Änderung auf. Nun ist auch an den Gebäude-Schildern das Logo und die Kurzbezeichnung die links oben an den vorherigen Namen erinnerte überklebt.

Mahnwache erinnert an den Beginn des Vernichtungskrieges vor 80 Jahren

Mahnwache auf dem Heinrich-König-Platz am 22. Juni 2021 zur Erinnerung und Mahnung.

Vor 80 Jahren, am 22. Juni 1941 begann mit dem Überfall des faschistischen Deutschlands auf die Sowjetunion ein beispielloser Vernichtungs- und Eroberungskrieg, der alles bis dahin dagewesene in den Schatten stellte. In ganz Deutschland gab es zu diesem Anlass Veranstaltungen von Antifaschist:innen und aus der Friedensbewegung. In Gelsenkirchen riefen das Friedensforum Gelsenkirchen, die VVN-BdA Gelsenkirchen und die örtliche DIE LINKE zu einer Mahnwache auf.

In den Reden, die Hildegard Meier für das Friedensforum, Knut Maßmann für die VVN-BdA, Bettina Peipe für DIE LINKE und Heinz-Peter Thermann für die DKP hielten, wurde an die Vergangenheit erinnert, die gegenwärtige Politik – nicht nur der NATO – kritisiert und eine aktive Friedenspolitik auf Augenhöhe mit Russland und den anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion angemahnt.

Die Gelsenkirchener VVN-BdA zeigte aus diesem Anlass ein traditionelles Transparent.

Spontan sprach Hartmut Hering (DIE LINKE) und erinnerte an den Einsatz der sowjetischen Zwangsarbeiter in Gelsenkirchen und kritisierte das lange Verdrängen der Ereignisse und die späte und beschämend niedrige Entschädigung der vormaligen „Ostarbeiter“:innen.

Das Friedensforum Gelsenkirchen hat sich zudem vorgenommen in den nächsten Tagen Gräber der sowjetischen Zwangsarbeiter:innen auf dem Westfriedhof in Heßler zu schmücken, analog zu unserer Aktion vom 1. November des vergangenen Jahres. Wir empfehlen die Nachahmung auf den anderen Friedhöfen, denn es gibt überall in Gelsenkirchen Gräber für Zwangsarbeiter:innen, die in unserer Stadt – wie überall im deutschen Nazi-Reich – zu Tode geschunden wurden.

Rechtschreibung und Denkmalschutz

Stadtgarten Gelsenkirchen mit Blick auf das zentrale antifaschistische Mahnmal der Stadt.

Wahrscheinlich ist nur mir aufgefallen, dass die Stadt Gelsenkirchen nach Jahrzehnten stillschweigend einen Rechtschreibfehler am zentralen antifaschistischen Mahnmal im Stadtgarten berichtigt hat. Wie der Denkmalschutz dazu steht ist mir nicht bekannt.

Der Anlass dazu war wohl die Reinigungsaktion, nachdem im Sommer 2019 das Mahnmal von rechtsradikalen Dummbeuteln unter anderem mit „Türken raus“, „Hitler kommt zurück“ und einem Hakenkreuz beschmiert worden war. Vermutlich war die Farbe so in die Ränder der Schrifttafeln eingesickert, dass man lieber gleich die kompletten Schrifttafeln, die seit 1950 an die großen deutschen Konzentrationslager erinnern, durch neue ersetzt hat.

Ich weiß natürlich nicht, ob es sich um einen Flüchtigkeitsfehler gehandelt hatte oder die Namen der Konzentrationslager 1950 noch nicht im allgemeinen Bewußtsein waren, wie sie es heute sind. Jedenfalls wurde bis 2019 das KZ Neuengamme fälschlicherweise als „Neuengramme“ bezeichnet. Dieser Zustand hat nun ein Ende.

Links „Neuengramme“ aufgenommen 2017, rechts richtig geschrieben Neuengamme, aufgenommen 2021.

Das Mahnmal für die Opfer der NS-Gewaltherrschaft war auf Initiative der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) und mit Unterstützung der Stadt Gelsenkirchen im Stadtgarten errichtet und am 10. September 1950 feierlich der Öffentlichkeit übergeben worden. Der zweite Sonntag im September war damals der Gedenktag für die Opfer des Faschismus. Mit der Errichtung dieses Mahnmals wurde in der unmittelbaren Nachkriegszeit die Errichtung von Gedenkorten an die faschistische Barbarei abgeschlossen. Es hat heute noch seine Bedeutung als Warnung gegen Krieg und Faschismus und wird jährlich während des Ostermarschs und zum Antikriegstag besucht.

Für den Ostermarsch Rhein-Ruhr 2016 geschmücktes antifaschistisches Mahnmal im Stadtgarten.

Retten wir die (Innen-)Stadt vor der AfD!

Blick in die Demonstration gegen die AfD auf dem Neumarkt.

Das Gelsenkirchener Aktionsbündnis gegen Rassismus und Ausgrenzung kann mit dem Ergebnis des heutigen Tages zufrieden sein. Etwa 60 Teilnehmende fanden sich trotz kurzfristiger Mobilisierung zur Gegenkundgebung auf dem Neumarkt ein und brachten ihre Inhalte inmitten der wiedereröffneten Außengastronomie der Innenstadt zu Geltung. Die AfD, die zeitgleich auf dem Heinrich-König-Platz ihre Kundgebung unter dem Motto „Rettet die Innenstadt“ abhielt, konnte wieder nur ihre üblichen Verdächtigen, etwa 30 Personen einsammeln. Eine besondere Atmosphäre entstand durch die Auftritte von Samba Kowski, die zwischen den Reden lateinamerikanische Rythmen ins Revier brachte.

Die Breite des Bündnisses wurde in der Auswahl der Redner:innen deutlich, nach dem Bündnissprecher Paul Erzkamp sprachen unter anderem Vertreter:innen der VVN-BdA, der Bündnisgrünen, der Jusos, der Falken, der DIE LINKE und von Fridays for Future. Sie alle verbindet trotz unterschiedlicher Schwerpunkte die Gegnerschaft zur Politik der AfD. Daher ist es gut, dass wir in Gelsenkirchen über ein so breites und zugleich aktives Bündnis gegen die AfD und andere rechtsextreme Organisationen verfügen. Und selbst die Kirche war auf unserer Seite, ich bin ziemlich sicher, dass das laute Glockengeläut die AfD in der Durchführung ihrer Kundgebung behindert haben dürfte.

Samba Kowski sorgten für kulturelles Klima zwischen den Reden.

Nach dem Abschluss der Gegendemo konnte man im Umfeld der AfD-Demo noch beobachten, wie eine kleine aber lautstarke Gruppe von Antifaschist:innen mit dem Skandieren von „Nazis raus!“ und „Haut ab!“ die zu Ende gehende AfD-Kundgebung aufmischte und Schlumpfine, die noch ein paar Schlussworte sagen wollte, in Rage brachte. Hat mir gefallen!

Die 30 „üblichen Verdächtigen“ der AfD-Demo auf dem Heinrich-König-Platz.

Mahnwache zum 80. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion

Transparent des Friedensforums Gelsenkirchen.

Pressemitteilung des Friedensforums Gelsenkirchen. Vor 80 Jahren überfiel die Hitlerwehrmacht die Sowjetunion. Der Angriff war lange vorbereitet unter dem harmlosen Namen „Unternehmen Barbarossa“. Mit allen Mitteln barbarischen Terrors gingen Soldaten und Generäle gegen die Zivilbevölkerung vor. Mindestens 27 Millionen Bürger:innen der Sowjetunion, 3 Millionen Kriegsgefangene kamen in diesem Krieg zu Tode. Es wurden 1.700 Städte und 70.000 Dörfer dem Erdboden gleich gemacht.

Deshalb erinnern zum 80. Jahrestag das Friedensforum Gelsenkirchen, die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) Gelsenkirchen und DIE LINKE. Gelsenkirchen mit einer gemeinsamen Mahnwache

am Dienstag, 22.06.2021 um 17.00 Uhr auf dem Heinrich-König-Platz vor der Treppe der Altstadtkirche

an diesen unvorstellbaren Vernichtungskrieg. Da von offizieller Seite kein angemessener und würdiger Gedenkakt stattfindet, wollen die Veranstalter erinnern und laden dazu alle Interessierten ein. Weil wir aus der Geschichte hier und jetzt lernen wollen, mahnen und warnen wir vor den kommenden Kriegen.

Die Veranstalter wollen aber nicht bei der Erinnerung an das Damals stehenbleiben. Sie haben eine Perspektive für die Gegenwart: Sie unterstützen 80 Jahre nach dem Angriff auf die UdSSR die Kampagne der evangelischen Kirche Baden „Sicherheit neu denken“. Frieden geht anders, so das Friedensforum, als durch Waffen und Militär. Frieden braucht Gespräche, Verhandlungen und wieder Abrüstungsverträge, die unsere Zukunft sicher macht.

Rettet die Innenstadt vor der AfD!

Aufruf des Aktionsbündnis gegen Rassismus und Ausgrenzung.

Nicht unerwartet ruft die selbsternannte „Alternative für Deutschland“ erneut zu einer Demonstration in der Gelsenkirchener Innenstadt auf. Schließlich steht die Bundestagswahl an, da möchte man Wählerstimmen einsammeln. In ihrem auf Facebook verbreiteten Aufruf vermengen sie wie üblich berechtigte Probleme mit ihren Vorurteilen und Ressentiments und verleugnen ihre eigene Rolle. Natürlich will die AfD, nachdem die sogenannte „Flüchtlingskrise“ wieder abgeebbt ist, mit neuen Themen punkten, dies sind die Corona-Pandemie und der unzulängliche Umgang unserer Regierungen damit. Als Konstante bleiben jedoch ihre Vorurteile gegenüber Migranten, bleiben Hass und Hetze gegen alles, was sich nicht bedingungslos ihren deutsch-völkischen Normen anpasst.

So liest sich dann auch der Gelsenkirchener Aufruf. Sie kritisieren den „langen Lockdown“ und dessen Folgen ohne zu benennen, wie schleppend die Entscheidungen der Politik im letzten Winter gewesen sind, hätte man doch mit einer schnellen Entscheidung für einen richtigen Lockdown die Zeit deutlich verkürzen können. Und ohne zu sagen, dass die AfD zu Beginn der Pandemie im letzten Jahr die Bundesregierung zuerst wegen ihrer zu laschen (welch ein Wortspiel, liebe CDU) Maßnahmen kritisiert hat, nur um dann innerhalb kürzester Zeit ins Lager der „Leerdenker“ zu wechseln, um hier Wählerstimmen zu generieren und zu vermitteln, dass es mit einer AfD-Regierung keinen Lockdown gegeben hätte. Die Ergebnisse solcher Politik sind in anderen Ländern mit neoliberalen, rechten Regierungschefs zu besichtigen.

Zu pass kommt der AfD dann auch noch die Beschwerde eines Buchhändlers vom Neumarkt, und so klagt die AfD über „Zusammenrottungen migrantischer Jugendlicher, Vermüllung und Lärmbelästigung“. Es ist absolut typisch für die Einstellung der AfD und einfach nur unverschämt, migrantische Jugendliche in eine Aufzählung mit Müll und Lärm einzureihen. Hier wird die Würde des Menschen aus Artikel 1 unseres Grundgesetzes, das die AfD ja angeblich hochhält, massiv verletzt. Aber so ist sie eben, die AfD: außen hui, innen pfui.

Diese Aufzählung erinnert mich zudem an eine Äußerung von Alexander Gauland (AfD), der die stellvertretende SPD-Vorsitzende und Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz, in Anatolien „entsorgen“ möchte. Sprachlich liegen Müll und entsorgen so nahe beieinander, dass wir uns vorstellen können, wie die AfD die Gelsenkirchener (und wahrscheinlich auch alle anderen) Innenstädte „säubern“ möchte. Wer nicht blind ist, kann dabei ihre historischen Vorbilder klar erkennen.

Statt konstruktiv und problemorientiert Lösungen zu suchen, setzt die AfD auf Hass und Hetze und will unter dem Motto „Rettet die Innenstädte“ auf dem Heinrich-König-Platz demonstrieren. Auch das ist unerträglich: eine rechte und in immer größer werdenden Teilen rechtsextreme Partei demonstriert auf dem Platz, der nach dem Vikar Heinrich König benannt ist, den die Nazis, dessen Gedankengut in vielen Äußerungen von AfDlern wiederzuerkennen ist, im KZ Dachau ermordet haben.

Dagegen ruft das Gelsenkirchener Aktionsbündnis gegen Rassismus und Ausgrenzung zu einer Kundgebung unter dem Motto „Keine Stimme dem Hass! – Kundgebung für eine vielfältige und lebendige Innenstadt“ am Samstag, 19.06.2021 ab 10.30 Uhr – ebenfalls auf dem Heinrich-König-Platz auf dem Neumarkt – auf. Paul Erzkamp, Sprecher des Büdnnisses, fasst die Bündnis-Position klar zusammen: „Wir stehen für ein buntes und solidarisches Gelsenkirchen, in dem wir für Probleme miteinander Lösungen suchen und nicht gegeneinander. Den rassistischen Wahlkampf der AfD werden wir stören, durch Kreativität, Demokratie und Solidarität.“

Kleinere Korrekturen aufgrund neuerer Informationen.

Gunter Demnig verlegt wieder Stolpersteine in Gelsenkirchen

Gunter Demnig am 9. Februar 2010 in Gelsenkirchen. Hier verlegte er den Stolperstein für Charles Ganty im Schatten der Zeche Nordstern.

Ich kann gar nicht mehr zählen, zum wievielten Male der Kölner Bildhauer und Aktionskünstler Gunter Demnig nun nach Gelsenkirchen kommt um weitere Stolpersteine zu verlegen. Die letzte mit Demnig geplante Verlegung vom 20. März 2020 musste aufgrund der Corona-Pandemie ausfallen. Ersatzweise hatte der Gelsenkirchener Organisator der Stolperstein-Verlegungen, Andreas Jordan (Gelsenzentrum e.V.) diese Stolpersteine – insgesamt 23 an acht Orten in der ganzen Stadt – am 18. April, am 8. Mai sowie am 25. Juni selbst verlegt.

Damit liegen im Gelsenkirchener Stadtgebiet nun 238 Stolpersteine sowie eine Stolperschwelle, die an Verfolgte und Ermordete aus der Zeit des Faschismus erinnern. Immer wieder muss daran erinnert werden, dass es sich dabei um kein städtisches Projekt handelt, sondern organisiert von Andreas Jordan um reines bürgerschaftliches Engagement. Die Finanzierung der Stolpersteine erfolgt nicht über Steuergelder, sondern durch Spenden. Seit 2009 kommt Gunter Demnig regelmäßig auch nach Gelsenkirchen, um mit eigenen Händen das „größte und dezentrale Denkmal Europas“ zu erweitern.

Der nächste Verlegetermin ist Freitag, der 18. Juni 2020. Hier sieht die Planung wie folgt aus:

11.30 Uhr für Familie Levie im Knappschaftshof 1,
12.15 Uhr für Familie Heymann auf der Karl-Meyer-Straße 29,
13.00 Uhr für Familie Goldblum in der Zeppelinallee 55,
13.45 Uhr für Familie Katzenstein in der Schalker Straße 174,
14.30 Uhr für Elias Finger Im Lörenkamp 2,
15.00 Uhr für Familie Alexander in der Von-Der-Recke-Straße 15 und um
15.30 Uhr für den Vikar Heinrich König an der Ecke Husemannstraße/Ahstraße.
Die Zeiten sind wie immer Näherungswerte und können sich um 20 Minuten vor oder zurück verschieben. Es gelten die dann gültigen Corona-Regeln.

Ergänzt um Ablaufplan und Verlinkung.

Neues aus Schlumpfhausen

Wählt eine Partei, die eure Interessen vertritt – und nicht die AfD.

Ziemlich viel Blau war heute auf dem Heinrich-König-Platz zu sehen. Die Ursache dafür war zwar eine Kundgebung der AfD, doch das meiste Blau stammte von den vielen Mannschaftswagen, die die Polizei rund um den Platz aufgefahren hatte, während die AfD nur ihre eigenen Leute mobilisieren konnte.

Obwohl die AfD drei ihrer Bundestagsabgeordneten aufgefahren hatte, standen nur rund 30 Anhänger relativ verloren herum, umgeben von Absperrungen und über 12 Mannschaftswagen der Polizei. Eine aufgrund der kurzen Mobilisierung ebenso kleine und spontane Gegenkundgebung, angemeldet von Jan Specht (AUF Gelsenkirchen) protestierte mit Pappschildern wie „FCK AFD“ und sammelte einzelne Gegendemonstrant:innen ein.

Doch die meisten Gelsenkirchener:innen interessierten sich weder für die eine noch für die andere Kundgebung, sondern genossen das erste schöne Wochenende seit langem. Gut besucht war die Bahnhofstraße. Hier standen die Leute vor den Geschäften Schlange, um mal wieder wie im normalen Leben einkaufen zu gehen. Auch der eine oder andere Tisch draußen war schon wieder besetzt. Und Alex‘ Reibekuchen schmeckten wie immer lecker! Normal ist eben ohne AfD.

Ergänzt mit Angaben aus der Pressemitteilung von AUF Gelsenkirchen.