Schlagwort-Archive: Friedhof

Vom Rotthauser Friedhof zum Fritz-Rahkob-Platz

Die geschmückte Gedenktafel am 24. August 2017.

Wie in jedem Jahr seit der Wiedergründung der VVN-BdA in Gelsenkirchen 2006 durch alte und junge Antifaschistinnen und Antifaschisten hatten wir auch am 24. August 2017 zu einer kleinen Gedenkveranstaltung auf dem Fritz-Rahkob-Platz eingeladen. In diesem Jahr jährte sich zum 30. Mal die Benennung des Platzes. Die Erinnerungstafel war am 30. Januar 1987 vom damaligen Oberbürgermeister Werner Kuhlmann (SPD) und dem ehemaligen Widerstandskämpfer Franz Rogowski (VVN) enthüllt worden. Aus diesem Anlass und weil Fritz Rahkob ein kommunistischer Widerstandskämpfer gewesen ist, hatten wir mit Heinz-Peter Thermann einen Vertreter der DKP um einen Redebeitrag gebeten.

Nach einleitenden Worten durch Lothar Wickermann (VVN-BdA) für den Veranstalter widmete sich Heinz-Peter Thermann dem Werdegang Fritz Rahkobs in einer Zeit, die von der Spaltung der einstmals breiten Sozialdemokratie in SPD und KPD bestimmt war. Die Zustimmung der SPD zu den Kriegskrediten 1914 und die Niederschlagung der Novemberevolution markieren die entscheidenden Stationen. Er kritisierte die mangelhafte Vergangenheitsbewältigung nach 1945 und betonte die Kontinutiät des Antikommunismus vor und nach 1945.

Heinz-Peter Thermann während seiner Rede.

In seiner Rede ging er auch auf die Sozialdemokratin Margarethe Zingler, den Priester Heinrich König und den Juden Leopold Neuwald ein, nach denen vor 30 Jahren weitere Plätze in Erinnerung an Widerstand und Verfolgung benannt worden waren. Nicht zuletzt erwähnte er die Initiative, einen fünften Platz in Erinnerung an die verfolgten Sinti und Roma zu benennen.

Ein Dutzend Besucher erinnerten gemeinsam an Emma und Fritz Rahkob.

Wenn wir an Fritz Rahkob erinnern, gedenken wir immer auch seiner Frau Emma Rahkob. Beide sind auf dem Rotthauser Friedhof bestattet, den wir am Tag zuvor besucht hatten. Zum zweiten Mal hatte Klaus Brandt hier zu einer kleinen Gedenkveranstaltung eingeladen. Er erinnert damit an die lange verdrängten Zwangsarbeiter aus der Ukraine und aus Polen, die bei dem Dahlbusch-Unglück 1943 ebenfalls ums Leben gekommen waren. Die Gestaltung der Gedenkstätte hatte sie jahrzehntelang unterschlagen. Seit 2012 hat Klaus Brandt sich mit dem Thema beschäftigt, das ihm auch aus persönlichen Gründen keine Ruhe ließ.

Die Grabplatte für die achtzehn Zwangsarbeiter mit dem – kastrierten – Text.

Seit Ende letzten Jahres ist nun eine in der ursprünglichen Gestaltung leer gebliebene Grabplatte zur Erinnerung an die umgekommenen achtzehn Zwangsarbeiter beschriftet. Allerdings hatte sowohl die Friedhofsverwaltung als auch die Bezirksvertretung Süd den Satz „Zu Nazizeiten zählten sie nicht zu den Kameraden, sie galten als Untermenschen.“ als vermeintlich unsachlich abgelehnt, dieser durfte nicht mit auf die Grabplatte.

Anschließend besuchten wir noch die Grabstätte des Freidenker-Verbandes, die sich nur wenig entfernt ebenfalls auf dem Rotthauser Friedhof befindet. Hier sind auch Emma und Fritz Rahkob bestattet worden. Allerdings reicht die Beschriftung auf dem Grabstein aus Platzgründen nur bis ins Jahr 1962 zurück. Daher findet sich nur noch der Name von Emma Rahkob, die hier 1972 beigesetzt worden ist, aber nicht (mehr?) der von Fritz Rahkob.

Die Grabstätte des Freidenker-Verbands auf dem Rotthauser Friedhof. Hier sind auch Fritz und Emma Rahkob beigesetzt.

Advertisements

Gedenken an Zwangsarbeiter auf dem Rotthauser Friedhof

Klaus Brandt erinnert auf dem Rotthauser Friedhof an 18 Zwangsarbeiter

Klaus Brandt erinnert auf dem Rotthauser Friedhof an 18 Zwangsarbeiter.

Ein Blumengebinde für die 17 ukrainischen und einen Kranz für den polnischen Zwangsarbeiter legte Klaus Brandt heute auf der Grabstelle mit der unbeschriftet gebliebenen Grabplatte nieder.

Während am Denkmal für das Grubenunglück vom 23. August 1943 der offizielle Kranz der Dahlbusch-Nachfolgegesellschaft lag, erinnerten Klaus Brandt und sieben weitere Besucher, darunter auch zwei Nachkommen der 34 insgesamt verunglückten Bergleute, am Jahrestag des Grubenunglücks namentlich an die bei dem Unglück umgekommenen 18 Zwangsarbeiter.

Klaus Brandt erneuert damit seine Kritik, dass die Gestaltung des Denkmals die Zwangsarbeiter unterschlägt. Symbolisch wurden sie heute dem Vergessen entrissen.

Namentliches Gedenken an die unterschlagenen Zwangsarbeiter auf dem Rotthauser Friedhof.

Namentliches Gedenken an die unterschlagenen Zwangsarbeiter auf dem Rotthauser Friedhof.

„Den Nazis waren sie Untermenschen“

Was wäre Gelsenkirchen ohne seine unermüdlichen Einzelkämpfer? Der Gelsenkirchener Sozialdemokrat Klaus Brandt lädt für Dienstag, dem 23. August 2016 um 18 Uhr auf den Rotthauser Friedhof ein. Am Jahrestag des Grubenunglücks von 1943 auf der Zeche Dahlbusch wird er an der Grabstätte ein Blumengebinde niederlegen, welches auch namentlich an die achtzehn Zwangsarbeiter erinnert, die nicht an dieser Stelle beerdigt wurden.

Denkmal zur Erinnerung an die toten Bergleute des Grubenunglücks vom 23. August 1943 auf dem Friedhof Rotthausen

Denkmal zur Erinnerung an die toten Bergleute des Grubenunglücks vom 23. August 1943 auf dem Friedhof Rotthausen.

Seit 2012 beschäftigt sich der Gelsenkirchener mit der Grabgestaltung und dem Denkmal für die Opfer des 1943er Grubenunglücks. Er kritisiert, dass die Grabgestaltung die damaligen Zwangsarbeiter unterschlägt.

Die Fakten: Am 23. August 1943 verloren durch eine Schlagwetter- und Kohlenstaubexplosion 34 Bergleute ihr Leben. Die deutschen Toten und ein italienischer Toter wurden in Einzelgräbern auf dem Rotthauser Friedhof bestattet, die 17 sowjetischen und ein polnischer Zwangsarbeiter kamen in ein Sammelgrab. 1947 wurden die toten Zwangsarbeiter auf den Ostfriedhof umgebettet. 1949 wurde das Denkmal an den Grabstellen für die deutschen Bergleute und dem italienischen Bergmann auf dem Rotthauser Friedhof errichtet.

2015 schlug Klaus Brandt vor, eine unbeschriftet gebliebene Grabplatte der Erinnerung an die achtzehn Zwangsarbeiter zu widmen, stieß aber mit seinem Formulierungsvorschlag bei Gelsendienste auf Granit. Auch die Bezirksvertretung Süd, an die er sich um Unterstützung wandte, wies sein Anliegen zurück. In der Begründung hieß es u.a.: „Die Würde des Friedhofs und seine Zweckbestimmung als Ort der Trauer und des Gedenken erfordern Sensibilität und politische Neutralität.“ Klaus Brandt ist nach wie vor anderer Ansicht und wird dies am Jahrestag kundtun.

Klaus Brandt (links im Bild) mit August Bebel und Andreas Jordan während der Antikriegstagsveranstaltung 2014

Klaus Brandt (links im Bild) mit August Bebel und Andreas Jordan während der Antikriegstagsveranstaltung 2014.

Kriegerdenkmale und Kriegsvorbereitung in Gelsenkirchen (II)

Kriegerdenkmal von Joseph Enseling aus dem Jahre 1926 auf dem Westfriedhof in Gelsenkirchen-Heßler.

Kriegerdenkmal von Joseph Enseling aus dem Jahre 1926 auf dem Westfriedhof in Gelsenkirchen-Heßler.

Sechs sogenannte „Kriegerdenkmale“ verzeichnet die Denkmalliste der Stadt Gelsenkirchen. Neben fünf mit nationalkitschigem bis faschistischem Hintergrund (vgl. meinen Beitrag hier) gibt es noch ein wenig bekanntes Denkmal auf dem Westfriedhof in Gelsenkirchen-Heßler.

Die trauernde Figur stammt von Joseph Enseling aus dem Jahr 1926 und mit ihr unterscheidet sich das Denkmal durch die Gestaltung deutlich von den anderen fünf „Kriegerdenkmalen“. Zudem befindet sich das Denkmal auf einem Friedhof, umgeben von etwa 400 Gräbern für Gefallene beider Weltkriege. Das Eiserne Kreuz auf der Rückseite des Denkmals zeigt an, dass es sich um einen Soldatenfriedhof handelt.

Grabstätten für Gefallene des Ersten Weltkriegs auf dem Westfriedhof in Gelsenkirchen-Heßler.

Grabstätten für Gefallene des Ersten Weltkriegs auf dem Westfriedhof in Gelsenkirchen-Heßler. Die Kreuze im Hintergrund erinnern an die Gefallenen des Zweiten Weltkrieges.

Die Grabplatten für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges sind nach fast hundert Jahren teilweise stark verwittert und überwachsen. Namen, Ort und Jahreszahlen sind oft kaum noch zu lesen, Jahreszahlen noch zu erfühlen. Allerdings befinden sich die meisten deutschen Soldatengräber des Ersten Weltkrieges nicht in Deutschland, sondern in den Ländern, in denen sie der Krieg führte.

Grabstein für einen im Ersten Weltkrieg Gefallenen auf dem Westfriedhof in Gelsenkirchen-Heßler.

Grabstein für einen im Ersten Weltkrieg Gefallenen auf dem Westfriedhof in Gelsenkirchen-Heßler.

Als Quelle für diesen Beitrag dienten mir ein Artikel im Gelsenkirchen Wiki sowie ein Thread im Forum der Gelsenkirchener Geschichten, der viele Fotos des Westfriedhofs enthält.

Der Stein des Anstoßes

Wer in Gelsenkirchen-Rotthausen aufgewachsen ist, für den ist Dahlbusch ein Begriff, obwohl die Zeche Dahlbusch bereits seit 1966 ihre Tore geschlossen hat. Zur Geschichte der Zeche gehören auch die verschiedenen Grubenunglücke. Vor 60 Jahren, im Mai 1955, wurde hier die berühmte „Dahlbuschbombe“ entwickelt, um verschüttete Bergleute zu retten. Zuvor gab es weitere große Grubenunglücke, eines 1950, und eines während des Zweiten Weltkrieges am 23. August 1943. Damals verloren durch eine Schlagwetter- und Kohlenstaubexplosion 34 Bergleute ihr Leben. Die deutschen Toten und ein italienischer Toter wurden in Einzelgräbern am heutigen Denkmal für das 1943er Grubenunglück auf dem Rotthauser Friedhof bestattet, die 17 sowjetischen und ein polnischer Zwangsarbeiter kamen in ein Sammelgrab. 1947 wurden die toten Zwangsarbeiter an den Ostfriedhof umgebettet.

Denkmal zur Erinnerung an die toten Bergleute des Grubenunglücks vom 23. August 1943 auf dem Friedhof Rotthausen

Denkmal zur Erinnerung an die toten Bergleute des Grubenunglücks vom 23. August 1943 auf dem Friedhof Rotthausen

Das noch heute bestehende Denkmal an das 1943er Grubenunglück wurde im November 1949 errichtet. Beiderseits des Weges der auf das Denkmal zuläuft, liegen die Grabstellen für die deutschen Bergleute und den italienischen Bergmann. Einer der Grabkissensteinen (40 x 60 cm) ist unbeschriftet geblieben, da die Witwe ihren Mann auf dem Ückendorfer Friedhof beerdigen ließ.

Der Gelsenkirchener Klaus Brandt beschäftigt sich seit 2012 mit diesem Denkmal. Er kritisiert, dass die Grabgestaltung die damaligen „Ostarbeiter“ unterschlägt und schlägt vor, auf dem unbeschriftet gebliebenen Grabkissenstein an die Zwangsarbeiter aus der Sowjetunion und Polen zu erinnern.

Grabstellen der toten Bergleute des Grubenunglücks vom 23. August 1943 auf dem Friedhof Rotthausen

Grabstellen der toten Bergleute des Grubenunglücks vom 23. August 1943 auf dem Friedhof Rotthausen

Nachdem er sich mit dem Eigentümer des Denkmals verständigt und einen Kostenvoranschlag von einem Steinmetz eingeholt hat, wandte er sich an Gelsendienste mit seinem Antrag. Er schlug folgenden Text vor: „AUCH ACHTZEHN ZWANGSARBEITER AUS OSTEUROPA WURDEN OPFER DES UNGLÜCKS. ZU NAZIZEITEN ZÄHLTEN SIE NICHT ZU DEN KAMERADEN. SIE GALTEN ALS UNTERMENSCHEN. GELSENKIRCHENER BÜRGER WIDMEN IHNEN DIESEN STEIN ALS ZEICHEN DES GEDENKENS UND DER MITVERANTORTUNG.“

Der unbeschriftet gebliebene Grabkissenstein

Der unbeschriftet gebliebene Grabkissenstein

Mit Datum vom 23. März 2015 erhielt er u.a. zur Antwort: „Wegen der Größe der Grabplatte und der von der Stadt Gelsenkirchen gepflegten Erinnerungskultur, die auf eine sachliche Aufklärung zum Thema Nationalsozialismus setzt, halte ich folgenden Text für angemessen: ‚Auch achtzehn Zwangsarbeiter aus Osteuropa wurden Opfer des Unglücks. Gelsenkirchener Bürger widmen ihnen diesen Stein als Zeichen des Gedenkens und der Mitverantwortung'“.

Klaus Brandt (links im Bild) mit August Bebel und Andreas Jordan während der Antikriegstagsveranstaltung 2014

Klaus Brandt (links im Bild) mit August Bebel und Andreas Jordan während der Antikriegstagsveranstaltung 2014

Damit ist Klaus Brandt allerdings nicht einverstanden und wandte sich zuerst an die Gelsenkirchener VVN-BdA, die seinen Textvorschlag inhaltlich unterstützt, und jetzt mit einem Bürgerantrag nach § 24 der Gemeindeordnung an die Bezirksvertretung Süd, um doch noch den von ihm gewünschten Text auf dem leeren Grabkissenstein zu sehen. Unter anderem argumentiert er, dass eine sachliche Aufklärung nicht zugleich auch einen Mangel an Affekt bedeuten müsse und fragt: „Ist es unsachlich, Nazis Nazis zu nennen? Ist es unwürdig, an dem Ort der die Opfer mit dem P und dem OST aus den ‚von uns gegangenen Kameraden‘ aussondert, an diese Aussonderung mit klaren Worten zu erinnern?“

Supplement

Der Antrag wurde in der Bezirksvertretung Süd abgelehnt.

Eindrücke von Erinnerungsorten des Ersten Weltkrieges in Belgien und Nordfrankreich

Vom 5. bis 9. Mai 2014 führten das DGB-Bildungswerk NRW und das Bildungswerk der Humanistischen Union NRW gemeinsam ein Wochenseminar durch, das sich über die Besichtigung von Museen, Mahnmalen und Friedhöfen in Flandern und Nordostfrankreich mit dem Ersten Weltkrieg beschäftigte. Im folgenden stelle ich, illustriert mit ausgewählten Fotos, einige Eindrücke als Teilnehmer des Seminars dar. Insgesamt war es ein vielseitiges und erfahrungsreiches aber auch sehr anstrengendes Seminar, das ich trotzdem jedem empfehlen kann, der sich mit der Erinnerung an den Ersten Weltkrieg beschäftigen möchte und sehen will, wie unsere Nachbarn damit heute umgehen.

Darstellung im Historial de la Grande Guerre in Péronne/Frankreich

Darstellung im Historial de la Grande Guerre in Péronne/Frankreich

Anders als in Deutschland, wo die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg durch den Zweiten Weltkrieg und insbesondere durch die Zerstörungen, die er hinterlassen hatte, überlagert wird, sind die Ereignisse des Ersten Weltkrieges in Flandern und in Nordostfrankreich in der Erinnerung geblieben. Dies liegt daran, dass sich hier vier Jahre lang deutsche, belgische, britische und französische Truppen aus Schützengräben heraus bekämpften und mit zu ihrer Zeit modernsten Waffen unglaubliche Verwüstungen und Zerstörungen anrichteten. Findet man in deutschen Städten bei Baumaßnahmen Fliegerbomben aus dem Zweiten Weltkrieg, so finden hier Bauern beim Pflügen menschliche Überreste oder nicht explodierte Munition. Bei Arbeiten in einem neuen Gewerbegebiet fanden zuletzt Archäologen Knochen von mehr als 200 Soldaten des „Großen Krieges“.

Nach dem Krieg wieder aufgebaute Tuchhalle mit dem In Flanders Fields Museum in Ypern/Belgien

Nach dem Krieg wieder aufgebaute Tuchhalle mit dem In Flanders Fields Museum in Ypern/Belgien

Unsere Fahrt führte nach einem ersten informativen Zwischenstopp im deutsch-belgisch-niederländischen Grenzgebiet in die belgische Stadt Ypern. Ypern lag während des Krieges an der Frontlinie und wurde weitgehend zerstört. Fotos zeigen einen Grad der Zerstörung, der der Zerstörung deutscher Städte im Zweiten Weltkrieg durch alliiertes Bombardement in nichts nachsteht. Die Stadt Ypern wurde nach dem Krieg wieder aufgebaut. In der rekonstruierten Tuchhalle findet sich das „In Flanders Fields Museum“, so benannt nach dem gleichnamigen Gedicht von John McCrae aus dem Jahre 1915.

Im In Flanders Fields Museum, Ypern/Belgien

Im In Flanders Fields Museum, Ypern/Belgien

Das Museum zeigt in einer Dauerausstellung multimedial aufbereitet die Front, die Kriegszerstörung und die Opfer des Krieges, Soldaten wie Zivilisten. Zu den mörderischsten Waffen zählten Artillerie und Maschinengewehr, sowie im weiteren Kriegsverlauf Gas, erstmals von der kaiserlichen deutschen Armee an der Ypernfront eingesetzt. Zur Inszenierung des Museums gehört auch ein Soundtrack, der während des Ausstellungsbesuchs zu hören ist, und im Laufe der Zeit bei mir eine bedrückende Stimmung, die bereits durch die Ausstellung entstanden war, noch verstärkte. Die Ausstellung war gut besucht, mindestens eine Schulklasse war gleichzeitig mit uns anwesend und bearbeitete ein Arbeitsblatt mit Hilfe der Ausstellung. Die Ausstellung wird in vier Sprachen, darunter auch in Deutsch, präsentiert.

Menentor in Ypern/Belgien

Menentor in Ypern/Belgien

In Ypern steht mit dem Menentor ein monumentales, in klassischem Baustil errichtetes Denkmal. Dort wird jeden Abend um 20 Uhr zum „Last Post“ gerufen, dem letzten Zapfenstreich. Das Menentor erinnert an die gefallenen Soldaten des britischen Empire. Bezeugt der Baustil (und die Inschrift) noch den Glauben an patriotische Ideale (Pro Patria – Pro Regis), nach der die zahlreichen Opfer nicht umsonst gefallen waren, sondern für Vaterland und König, so weist die auf den Wänden eingravierte, überwältigende und erschreckende Menge Namen toter Soldaten auf den sinnlosen Massentod im Krieg hin.

Ein kleiner Bruchteil der an den Wänden aufgeführten Namen auf dem Menentor in Ypern/Belgien

Ein kleiner Bruchteil der an den Wänden aufgeführten Namen auf dem Menentor in Ypern/Belgien

Das sinnlose Sterben beim Kampf um wenige Kilometer Geländegewinn wurde an den folgenden Tagen insbesondere bei den Besuchen zweier Friedhöfe deutlich: Dem deutschen Soldatenfriedhof Langemark und dem britischen Friedhof bei Passendale.

Lijssenthoek Military Cemetery

Lijssenthoek Military Cemetery

Doch zunächst schloss sich ein Besuch des Lijssenthoek Military Cemetery an. Zur Besonderheit dieses Soldatenfriedhofes gehörte die Tatsache, dass es keine unbekannten Soldaten gibt, da der Friedhof zum größten Evakuierungshospital des Ypernbogens gehörte. An den Grabsteinen fällt ihre gleichartige Gestalt auf. Sie enthalten Rang, Namen, Einheit, Todesdatum, Alter, ein Symbol und das Kreuz bei christlichen Toten sowie den Davidstern bei den wenigen jüdischen Toten. Einige Grabsteine erhielten eine persönliche Widmung von Angehörigen, die von religiösen bis zu patriotischen Motiven reichen („Who died when England live“). Zum Friedhof gehört ein Besucherzentrum mit einer Ausstellung und einer Datenbank mit Tagebüchern und Audiofragmenten, eine Fotowand mit Portraitfotos und einem „Kalenderblatt“, auf dem an einer täglich wechselnden Person mit ihrer Geschichte erinnert wird.

Deutscher Soldatenfriedhof Langemark

Deutscher Soldatenfriedhof Langemark

Im Vergleich zum freundlichen und hellen britischen Soldatenfriedhof fällt der Unterschied zum deutschen Soldatenfriedhof in Langemark besonders stark auf. In Langemark, wo dem deutschnationalen Mythos nach Kriegsfreiwillige mit dem Deutschlandlied auf den Lippen in den Tod gezogen seien, wurde eine Festung als Friedhof errichtet. Fast gewinnt man den Eindruck, als müssten noch die Toten vor den Feinden, von denen Deutschland 1914 angeblich umgeben war, beschützt werden. Der Friedhof wirkt dunkel, nicht zuletzt aufgrund der gepflanzten Deutschen Eichen. Ein Teil der Anlage stellt die Frontlinie mit Bunkern dar.

Deutscher Soldatenfriedhof Langemark

Deutscher Soldatenfriedhof Langemark

Die liegenden, dunklen Grabplatten verzeichnen immer mehrere tote Soldaten, darunter häufig Kriegsfreiwillige, aber auch zahllose unbekannte Soldaten. Eine Tafel verweist auf ein Massengrab, in dem 24917 Deutsche Soldaten ruhen, davon blieben 7977 unbekannt. Im Eingangsbereich befindet sich ebenfalls eine Namensliste.

Tyne Cot Cemetery (Passendale)

Tyne Cot Cemetery (Passendale)

Das britische „Gegenstück“ zu Langemark ist Passendale, wo unzählige Soldaten in einem erfolglosen Angriff einen sinnlosen Tod starben. Auf dem Tyne Cot Cemetery sind neben britischen auch australische, neuseeländische und kanadische Soldaten beerdigt. Unter diesen Gräbern gibt es auch zahlreiche Gräber für unbekannte Soldaten. Die Gestaltung des Friedhofs ist hell und freundlich. Die Denkmalsanlage wurde in klassischer Architektur errichtet. An ihren Wänden sind die Namen der Gefallenen zu lesen. Auch hier verweist die Menge der Namen gefallener Soldaten einen individuellen Heldentod ins Reich der patriotischen Mythen.

Denkmal von Käthe Kollwitz auf dem Deutschen Soldatenfriedhof in Vladslo/Belgien

Denkmal von Käthe Kollwitz auf dem Deutschen Soldatenfriedhof in Vladslo/Belgien

Der deutsche Soldatenfriedhof Vladslo mit dem Denkmal von Käthe Kollwitz ist zwar ähnlich gestaltet, wie der in Langemark, durch das Fehlen der Umrandungsmauer (stattdessen finden wir eine Hecke vor) und dem Zwitschern der Vögel wirkt er jedoch gleich viel freundlicher. Auch hier sind Deutsche Eichen gepflanzt worden. Käthe Kollwitz hat sich vom Tod ihres Sohnes Peter zu den zwei hier aufgestellten Skulpturen inspirieren lassen.

Blick aus dem Yserturmmuseum auf Diksmuide/Belgien

Blick aus dem Yserturmmuseum auf Diksmuide/Belgien

Diksmuide und das Yserturmmuseum sind die nächsten Stationen auf unserer Reise. Sie erinnern an die Öffnung der Schleusen in Nieuwpoort durch die Belgier, die den deutschen Vormarsch in dieser Gegend im Schlamm verenden ließ. Vom Yserturm aus hat man einen großartigen Ausblick auf die flämische Landschaft heute. Angebrachte Bilder zeigen den Vergleich zur überschwemmten Landschaft im Oktober/November 1914.

Im Yserturmmuseum wird der Vergleich zur überschwemmten Landschaft 1914 bildlich dargestellt

Im Yserturmmuseum wird der Vergleich zur überschwemmten Landschaft 1914 bildlich dargestellt

Im Yserturmmuseum befindet sich eine Ausstellung über Belgien im Ersten Weltkrieg, die man von oben nach unten auf 22 Etagen erkunden kann. Neben Fotos und erläuternden Texten finden sich auch Animationen und Filme. Auf einer Etage durchläuft man ein nachgebautes Schützengraben-Bunkersystem mit flackerndem Licht und einer gasmaskenröchelnden Tonspur. Wenn man will, kann man auch (ungefährliche) Proben Chlor- und Senfgras riechen. Diese Art der Ausstellung erhöht sicherlich die Abscheu vor dem Krieg.

Historial de la Grande Guerre in Péronne/Frankreich

Historial de la Grande Guerre in Péronne/Frankreich

Zu den bekanntesten Kampfgebieten des Ersten Weltkrieges im Westen gehört mit Sicherheit die „Hölle von Verdun“. Fotos mit den zahllosen Grabkreuzen dort stehen oftmals symbolisch für den massenhaften, sinnlosen Tod an der Westfront. Entlastungsangriffe gegen die deutschen Angriffe auf Verdun führte die französische Armee an der Somme durch. Das Museum im französische Péronne an der damaligen Somme-Frontlinie erinnert schon im Namen an den „Großen Krieg“, wie der Erste Weltkrieg hier oft genannt wird: „Historial de la Grande Guerre“. Es ist in einem Chateau untergebracht und zeigt vergleichend die kulturellen, sozialen und militärischen Hintergründe des Krieges an der Westfront mit originalen Objekten, Kunstwerken und Dokumenten aus Deutschland, Großbritannien und Frankreich.

Im Historial de la Grande Guerre in Péronne/Frankreich

Im Historial de la Grande Guerre in Péronne/Frankreich

An den Wänden befinden sich jeweils drei Regalreihen mit Objekten aus den drei Nationen zu einem Thema, wie Plakate, Bücher, Zeitungen und allerlei „Nippes“. In den Boden eingelassen sind Objekte wie Uniformen, Waffen und andere Ausrüstungsgegenstände. Auch kann man kurze Filme aus der Zeit sehen. Das Museum wirkt sehr anders als das „In Flanders Fields Museum“.

Ausstellungsstücke im Historial de la Grande Guerre in Péronne/Frankreich

Ausstellungsstücke im Historial de la Grande Guerre in Péronne/Frankreich

Es gibt weniger Ausstellungstexte zu lesen und dafür mehr und vor allem originale Objekte zu sehen. Sehenswert sind auch ausgestellte Bilder und Zeichnungen, darunter die Radierungen „Der Krieg“ von Otto Dix.

Rancourt/Frankreich, französischer Soldatenfriedhof

Rancourt/Frankreich, französischer Soldatenfriedhof

Ebenfalls in Frankreich besuchten wir einen französischen Soldatenfriedhof bei Rancourt mit den bekannten, weißen französischen Grabkreuzen. Besuche weiterer Erinnerungsorte wurden leider durch strömenden Regen behindert bzw. vereitelt. Aber eigentlich hatten wir alle längst genug gesehen. Am Rande: wir waren genau am 8. Mai in Frankreich, dem „Victory Day“, an dem die deutsche Kapitulation am Ende des Zweiten Weltkrieges gefeiert wird.

Wegweiser in Diksmuide mit dem Poppy-Symbol

Wegweiser in Diksmuide mit dem Poppy-Symbol

Zu den im Laufe der Woche besuchten sehenswerten Orten, die ich nicht unterschlagen will, gehören das Talbot-Haus in Poperinge/Belgien, wo es um das Leben in der Etappe ging und die Soldaten sich für kurze Zeit von ihrem Dasein in den Schützengräben erholen konnten, sich waschen, essen, sich betrinken und Sex haben und kulturellen Veranstaltungen beiwohnen konnten, sowie die Tommy-Bar in Frankreich, wo ein findiger Geschäftsmann mit Fundstücken der Umgebung einen Schützengraben phantasievoll nachgebaut hat. Neben all den Friedhöfen und Kriegsmuseen besuchten wir auch – leider bei schlechter werdendem Wetter – den Strand von Nieuwpoort. Eine trotzdem gute Abwechslung von all dem Tod und Leid.

Vorgefertigtes Erinnerungskreuz mit Poppy und handschriftlicher Ergänzung, am Menentor, Ypern/Belgien

Vorgefertigtes Erinnerungskreuz mit Poppy und handschriftlicher Ergänzung, am Menentor, Ypern/Belgien

Unser beständiger Begleiter war das Symbol der Mohnblume, im englischen „poppy“. Mohnblumen waren nach dem Bericht einer Gartenzeitung (!) die ersten Blumen, die die Soldaten in der zerstörten Landschaft der Schützengräben zu sehen bekamen. Das oben bereits erwähnte Gedicht „In Flanders Fields“ von John McCrae aus dem Jahre 1915 greift die Mohnblume auf. Dort heißt es: „In Flanders Fields the poppies blow / Between the crosses, row on row …“ (In den Feldern Flanderns blühen die Mohnblumen / Zwischen den Kreuzen, Reihe um Reihe …) Dieses Motiv wird inzwischen massenhaft verbreitet. Man kann es mit einem Holzkreuz und der Aufschrift „In Remembrance“ erwerben und findet dieses Motiv, teilweise mit einer persönlichen Widmung versehen, auf Gräbern und an den Namenslisten der Mahnmale – selbst auf dem Deutschen Soldatenfriedhof Langemark. Das Symbol wird auch auf Wegweisern verwendet, darüber hinaus kann man es auch auf Regenschirmen, Tassen und allerlei anderem Nippes kaufen. Erinnerung ist auch zum Geschäft geworden.

Zwangsarbeiter-Gräber auf dem Ostfriedhof in Hüllen werden gepflegt

Sehr schnell reagierte die Stadt Gelsenkirchen auf eine Anfrage der VVN Gelsenkirchen zum Gräberfeld für ausländische Zwangsarbeiter auf dem Ostfriedhof. 55 sowjetische Kriegsgefangene, 265 sowjetische Zwangsarbeiter, 39 polnische Zwangsarbeiter und 20 Zwangsarbeiter aus Belgien, Frankreich und den Niederlanden sind dort bestattet. Inzwischen wurde das Gräberfeld wieder würdig hergerichtet.

Nach einem Ortstermin am 9. August 2011 hatte die VVN in einem Brief auf den schlechten Erhaltungs- und Pflegezustand des Gräberfeldes hingewiesen. Die Grabkissensteine befanden sich auf einer großen Rasenfläche, die einen wenig gepflegten Eindruck machte. Viele Grabsteine waren mit Moos überwachsen, so dass die Namen und Daten kaum noch lesbar waren. Ein großer Unterschied war im Vergleich zum angrenzenden Gräberfeld für Bombenopfer festzustellen. Diese Gräber waren mit einer Reihe Steinkreuze versehen, mit Efeu bepflanzt und mit Steinplatten eingefasst und machten einen gepflegten Eindruck. Ein kurzer Bericht erschien ebenfalls auf der Homepage der VVN Gelsenkirchen unter der Überschrift „Erinnerung braucht Pflege – Ortstermin auf dem Ostfriedhof in Hüllen“.

Auf ihr Schreiben vom 1. September 2011 erhielt die VVN am 20. September 2011 eine Antwort. Dort heißt es, dass alle „Gräber der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft“ die gleiche Wertschätzung erführen, unabhängig von der Nationalität der Bestatteten. Zuletzt seien die Gräber der Zwangsarbeiter mit Efeustreifen gestaltet gewesen, die man wegen eines Pilzbefalls entfernt habe. Die zunächst angestellte Überlegung, die vorhandenen Grabkissensteine in der Rasenfläche zu belassen, wurde wieder verworfen, nachdem Maulwürfe und Kaninchen die Rasenfläche zerstört habe. Eine Gestaltung mit kleineren Staudenpflanzen sei vorgesehen, man bitte aber um Verständnis, dass die Neugestaltung einige Zeit in Anspruch nehmen werde.

Diese Neugestaltung begann jedoch weitaus schneller als erwartet. Wie man bei einem Besuch auf dem Hüller Ostfriedhof in dieser Woche feststellen konnte, waren die Grabkissensteine bereits von Moos und Schmutz gereinigt, mit Steinen eingefasst und bepflanzt worden. Es ist sehr erfreulich, dass die Stadt Gelsenkirchen und Gelsendienste so schnell reagiert haben.

Auf den Fotos lässt sich der Zustand vom 09.09.2011 mit dem vom 29.10.2011 vergleichen.