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Antisemitismus und Deutschrap in der Schauburg Buer

Grenzwertige und grenzüberschreitende Texte im deutschen Rap sind spätestens durch die ECHO-Verleihung an Kollegah und Farid Bang aufgrund ihres menschenverachtenden Inhalts in der öffentlichen Diskussion angekommen. Sexistisch und homophob – und nun auch antisemitisch? In der Schauburg in Gelsenkirchen-Buer zeigt die DGB-Jugend Emscher-Lippe am Donnerstag, dem 29. November 2018 ab 18 Uhr den Film „Die dunkle Seite des deutschen Rap – Ist deutscher Hip-Hop antisemitisch?“. Der Film lief zuletzt am 19. April 2018 in der Reihe „Die Story“ im Ersten um 23.30 Uhr zu nachtschlafender Zeit.

Die sehenswerte WDR-Dokumentation der Filmemacherin Viola Funk reist mit uns in 45 Minuten in die deutsche Rap-Szene. Sie interviewt Rapper, Veranstalter und Jugendliche. Am Beispiel des Musik-Videos „Apokalypse“ von Kollegah zeigt uns der Film deutlich eine antisemitische Fantasy-Erzählung, an deren Ende Buddhisten, Muslime und Christen friedlich zusammenleben. Natürlich berufen sich die Künstler auf ihre Kunstfreiheit, nennen es Ironie oder Tabubruch; wahr ist aber, dass wir nicht nur in ihren Texten, sondern auch in dem einen oder anderen Interview antisemitische Klischees vernehmen können. Mit teils aberwitzigen Erläuterungen wird der Vorwurf des Antisemitismus von sich gewiesen. Es geht folglich nicht um einzelne Textzeilen, wie die, die den ECHO-Skandal befeuert hat, sondern um die Botschaft, die einzelne Rapper in Text, Bild und Haltung verbreiten.

Thema des Films ist ebenfalls die Wirkung auf die jugendlichen Mediennutzer. Mehrfach wird eine Gruppe migrantischer Jugendlicher von der Filmemacherin vorgeführt, sowie die Ergebnisse einer Schulklasse angerissen, die sich mit dem oben genannten Musik-Video beschäftigt. Dieser Teil bleibt für mich unbefriedigend. Deutlich wird jedoch, das der deutsche Rap nicht durchgängig antisemitisch ist, aber die „dunkle Seite“ besitzt, die die Filmemacherin im Titel nennt.

Der Filmvorführung in der Schauburg Buer schließt sich eine Diskussionsrunde im Kinosaal mit der Filmemacherin Viola Funk, der Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen, Judith Neuwald-Tasbach sowie dem Politikwissenschaftler Jakob Baier an. Schade nur, dass keine Rapperin oder ein Rapper mit auf dem Podium sitzt.

Beginn ist 18 Uhr im Schauburg Filmpalast, Horster Straße 6, 45897 Gelsenkirchen. Der Eintritt ist frei. Wer wie ich verhindert ist, findet den Film auch in der Mediathek der ARD. Ein lesenswerter Beitrag findet sich auch in der FAZ.

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Moderner Antisemitismus (II) – Reflexhafte Relativierung der Shoah

Bild 175-04413 AuschwitzEs hat gar nicht lange gedauert, bis der erste Kommentator, natürlich unter einem Pseudonym, meinen Beitrag zur Veranstaltung über modernen Antisemitismus kommentierte. Da hier ein treffendes Beispiel für einen typischen und sehr einfachen Versuch, die Shoah zu relativieren, vorliegt, zitiere ich den „Kommentar“ zunächst vollständig, anstatt ihn sofort in den virtuellen Papierkorb zu schieben. Weiter unten gehe ich dann auf die Argumentation ein.

Hier zunächst der unter dem Pseudonym „alphachamber“ geschriebene „Kommentar“ (Zitat in kursiver Schrift):
“Wenn man die deutsche Geschichte kennt, so sollte man annehmen, dass nichts so unmodern wäre, wie der Antisemitismus…” Und wenn man nicht nur die Deutsche Geschichte kennt, weiss man, dass
1.) der Antisemitismus keinen Deutschen Ursprung hat und
2.) dass er aelter ist als das Heilige Roemische Reich Deutscher Nation.
3.) Nur sind die Deutschen die absoluten Demuts und Entschuldigungs-Weltmeister.

Typisch für Holocaust-Leugner, Geschichts-Revisionisten und Relativisten ist, dass Fakten verdreht oder geleugnet werden bzw. so getan wird, als würden bestimmte Fakten geleugnet werden.

So wird hier unter 1. so getan, als hätte ich in meinem Beitrag behauptet, der Antisemitismus sei deutschen Ursprungs. Davon steht nichts in meinem Beitrag. In vielen Ländern gab und gibt es Antisemitismus. Das ist unbestritten.

Im 2. Punkt wird behauptet, der Antisemitismus sei älter als das „Heilige Römische Reich Deutscher Nation“. Dies stimmt so nicht. Eine religiös begründete Judenfeindschaft gab es in Europa über Jahrhunderte. Dieser Judenfeindschaft konnte man entkommen, indem man sich taufen ließ und Christ wurde. Antisemitismus ist jedoch keine religiös begründete Judenfeindschaft, sondern sie ist in der europäischen Neuzeit entstanden und pseudowissenschaftlich rassistisch begründet. Den Höhepunkt bildete Nazi-Deutschland mit seiner Einteilung in Voll-, Halb- und Vierteljuden – unabhängig von der Religionszugehörigkeit.

Zu Punkt 3 erübrigt sich fast jede Erwiderung. Die Shoah lässt sich gar nicht „Ent-schuldigen“. Eberhard Jäckel hatte die Einzigartigkeit der Shoah anlässlich der Debatte um das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin treffend zusammengefasst: „Es war neuartig und insofern, als es geschah, einzigartig, daß noch nie zuvor ein Staat beschlossen hatte, eine Gruppe von Menschen, die er als Juden kennzeichnete, einschließlich der Alten, der Frauen, der Kinder und Säuglinge ohne jegliche Prüfung des einzelnen Falles möglichst restlos zu töten, und diesen Beschluß mit staatlichen Maßnahmen und Machtmitteln in die Tat umsetzte, indem er die Angehörigen dieser Gruppe nicht nur tötete, wo immer er sie ergreifen konnte, sondern in vielen Fällen, zumeist über große Entfernungen und überwiegend aus anderen Ländern, in eigens zum Zweck der Tötung geschaffene Einrichtungen verbrachte.“

Supplement

Wie nicht anders zu erwarten, setzte der anonyme Kommentator seine Kommentare fort. So wurde ich als „Scheinheilig“ und „Selbstherrlich“ beschimpft, wurde ein nicht nachprüfbares Zitat einer Jüdin als scheinbar besonders glaubwürdige Argumentationshilfe verwendet sowie an keiner Stelle von mir bestrittene Verbrechen angeführt, um diese mit den etwa 6 Millionen Ermordeten der Shoah aufzurechnen. Als ob die Shoah dann weniger schlimm sei. Im 4. Kommentar kam der anonyme Kommentator dann endlich auf den Punkt und beschrieb seine Obsession in einem sehr klaren Satz: „Mir geht es darum, dass es meist immer nur um Juden geht.“ Tja, wenn man einen Beitrag zu einer Veranstaltung über Antisemitismus liest, dann muss man damit rechnen, dass es in diesem Beitrag um Juden geht.

Moderner Antisemitismus?

Gelsenkirchen erinnert sichIm Rahmen der städtischen Veranstaltungsreihe „Gelsenkirchen erinnert sich“ über die Zeit vor 80 Jahren fand heute Abend tief im Gelsenkirchener Süden eine Veranstaltung zum Thema „Moderner Antisemitismus“ statt. Wenn man die deutsche Geschichte kennt, so sollte man annehmen, dass nichts so unmodern wäre, wie der Antisemitismus, doch tatsächlich wird schon seit Jahren das Wort „Jude“ auf Schulhöfen wie von Fußballfans wieder als Schimpfwort verwendet.

24 interessierte Zuhörerinnen und Zuhörer hatten sich um 19 Uhr im Spunk in Gelsenkirchen-Ückendorf versammelt und den Vortragsraum bis auf den letzten Platz gefüllt. Paul M. Erzkamp (SJD Die Falken) referierte kurz einige Stationen der religiös geprägten Judenfeindschaft im Verlauf der europäischen Geschichte, die sich in der Neuzeit zu einem rassistisch motivierten Antisemitismus steigerte. Zur Geschichte des Antisemitismus gehört auch, dass zu ihren Vertretern selbst Demokraten und Linke gehörten. Gab es für Juden im Mittelalter noch die Möglichkeit, indem sie sich taufen ließen der Verfolgung zu entkommen, so blieb ihnen diese Möglichkeit der Assimilation durch die Mehrheitsgesellschaft nach dem angeblich wissenschaftlichen Weltbild der Rassisten verwehrt. Der historische Antisemitismus gipfelte in der Shoah, dem millionenfachen Mord an den europäischen Juden durch Nazi-Deutschland.

Der moderne Antisemitismus steht daher vor dem Problem, den Massenmord an den europäischen Juden leugnen oder relativieren zu müssen. Andererseits bedient er sich noch immer vieler alter antisemitischer Stereotypen. Rechte benutzen diese noch immer gerne für eine verkürzte Kapitalismuskritik, die zwischen guten Kapitalisten („schaffendes Kapital“) und bösen Kapitalisten („Spekulanten“, Finanzkapital) unterscheidet. Ebenfalls verwenden Antisemiten eine Gleichsetzung des Staates Israel mit den in der Shoah ermordeten Juden oder auch mit allen heute weltweit lebenden Juden.

An den Vortrag schloss sich nach einer kurzen Raucherpause noch eine interessante und nachdenkliche Diskussion an. Unwidersprochen blieb das Argument, dass man den modernen Antisemitismus nicht aus der Geschichte des Antisemitismus erklären kann, sondern nur aus der aktuellen, gesellschaftlichen Situation. Doch auch den modernen Antisemitismus gibt es unter anderem nur deshalb, weil es den historischen Antisemitismus gegeben hat. Oder hätte man den modernen Antisemitismus neu erfinden können? Da ich das nicht beantworten kann, habe ich die Überschrift mit einem Fragezeichen ergänzt.