Schlagwort-Archive: Bergleute

Vom Rotthauser Friedhof zum Fritz-Rahkob-Platz

Die geschmückte Gedenktafel am 24. August 2017.

Wie in jedem Jahr seit der Wiedergründung der VVN-BdA in Gelsenkirchen 2006 durch alte und junge Antifaschistinnen und Antifaschisten hatten wir auch am 24. August 2017 zu einer kleinen Gedenkveranstaltung auf dem Fritz-Rahkob-Platz eingeladen. In diesem Jahr jährte sich zum 30. Mal die Benennung des Platzes. Die Erinnerungstafel war am 30. Januar 1987 vom damaligen Oberbürgermeister Werner Kuhlmann (SPD) und dem ehemaligen Widerstandskämpfer Franz Rogowski (VVN) enthüllt worden. Aus diesem Anlass und weil Fritz Rahkob ein kommunistischer Widerstandskämpfer gewesen ist, hatten wir mit Heinz-Peter Thermann einen Vertreter der DKP um einen Redebeitrag gebeten.

Nach einleitenden Worten durch Lothar Wickermann (VVN-BdA) für den Veranstalter widmete sich Heinz-Peter Thermann dem Werdegang Fritz Rahkobs in einer Zeit, die von der Spaltung der einstmals breiten Sozialdemokratie in SPD und KPD bestimmt war. Die Zustimmung der SPD zu den Kriegskrediten 1914 und die Niederschlagung der Novemberevolution markieren die entscheidenden Stationen. Er kritisierte die mangelhafte Vergangenheitsbewältigung nach 1945 und betonte die Kontinutiät des Antikommunismus vor und nach 1945.

Heinz-Peter Thermann während seiner Rede.

In seiner Rede ging er auch auf die Sozialdemokratin Margarethe Zingler, den Priester Heinrich König und den Juden Leopold Neuwald ein, nach denen vor 30 Jahren weitere Plätze in Erinnerung an Widerstand und Verfolgung benannt worden waren. Nicht zuletzt erwähnte er die Initiative, einen fünften Platz in Erinnerung an die verfolgten Sinti und Roma zu benennen.

Ein Dutzend Besucher erinnerten gemeinsam an Emma und Fritz Rahkob.

Wenn wir an Fritz Rahkob erinnern, gedenken wir immer auch seiner Frau Emma Rahkob. Beide sind auf dem Rotthauser Friedhof bestattet, den wir am Tag zuvor besucht hatten. Zum zweiten Mal hatte Klaus Brandt hier zu einer kleinen Gedenkveranstaltung eingeladen. Er erinnert damit an die lange verdrängten Zwangsarbeiter aus der Ukraine und aus Polen, die bei dem Dahlbusch-Unglück 1943 ebenfalls ums Leben gekommen waren. Die Gestaltung der Gedenkstätte hatte sie jahrzehntelang unterschlagen. Seit 2012 hat Klaus Brandt sich mit dem Thema beschäftigt, das ihm auch aus persönlichen Gründen keine Ruhe ließ.

Die Grabplatte für die achtzehn Zwangsarbeiter mit dem – kastrierten – Text.

Seit Ende letzten Jahres ist nun eine in der ursprünglichen Gestaltung leer gebliebene Grabplatte zur Erinnerung an die umgekommenen achtzehn Zwangsarbeiter beschriftet. Allerdings hatte sowohl die Friedhofsverwaltung als auch die Bezirksvertretung Süd den Satz „Zu Nazizeiten zählten sie nicht zu den Kameraden, sie galten als Untermenschen.“ als vermeintlich unsachlich abgelehnt, dieser durfte nicht mit auf die Grabplatte.

Anschließend besuchten wir noch die Grabstätte des Freidenker-Verbandes, die sich nur wenig entfernt ebenfalls auf dem Rotthauser Friedhof befindet. Hier sind auch Emma und Fritz Rahkob bestattet worden. Allerdings reicht die Beschriftung auf dem Grabstein aus Platzgründen nur bis ins Jahr 1962 zurück. Daher findet sich nur noch der Name von Emma Rahkob, die hier 1972 beigesetzt worden ist, aber nicht (mehr?) der von Fritz Rahkob.

Die Grabstätte des Freidenker-Verbands auf dem Rotthauser Friedhof. Hier sind auch Fritz und Emma Rahkob beigesetzt.

Advertisements

Gedenken an Zwangsarbeiter auf dem Rotthauser Friedhof

Klaus Brandt erinnert auf dem Rotthauser Friedhof an 18 Zwangsarbeiter

Klaus Brandt erinnert auf dem Rotthauser Friedhof an 18 Zwangsarbeiter.

Ein Blumengebinde für die 17 ukrainischen und einen Kranz für den polnischen Zwangsarbeiter legte Klaus Brandt heute auf der Grabstelle mit der unbeschriftet gebliebenen Grabplatte nieder.

Während am Denkmal für das Grubenunglück vom 23. August 1943 der offizielle Kranz der Dahlbusch-Nachfolgegesellschaft lag, erinnerten Klaus Brandt und sieben weitere Besucher, darunter auch zwei Nachkommen der 34 insgesamt verunglückten Bergleute, am Jahrestag des Grubenunglücks namentlich an die bei dem Unglück umgekommenen 18 Zwangsarbeiter.

Klaus Brandt erneuert damit seine Kritik, dass die Gestaltung des Denkmals die Zwangsarbeiter unterschlägt. Symbolisch wurden sie heute dem Vergessen entrissen.

Namentliches Gedenken an die unterschlagenen Zwangsarbeiter auf dem Rotthauser Friedhof.

Namentliches Gedenken an die unterschlagenen Zwangsarbeiter auf dem Rotthauser Friedhof.

„Den Nazis waren sie Untermenschen“

Was wäre Gelsenkirchen ohne seine unermüdlichen Einzelkämpfer? Der Gelsenkirchener Sozialdemokrat Klaus Brandt lädt für Dienstag, dem 23. August 2016 um 18 Uhr auf den Rotthauser Friedhof ein. Am Jahrestag des Grubenunglücks von 1943 auf der Zeche Dahlbusch wird er an der Grabstätte ein Blumengebinde niederlegen, welches auch namentlich an die achtzehn Zwangsarbeiter erinnert, die nicht an dieser Stelle beerdigt wurden.

Denkmal zur Erinnerung an die toten Bergleute des Grubenunglücks vom 23. August 1943 auf dem Friedhof Rotthausen

Denkmal zur Erinnerung an die toten Bergleute des Grubenunglücks vom 23. August 1943 auf dem Friedhof Rotthausen.

Seit 2012 beschäftigt sich der Gelsenkirchener mit der Grabgestaltung und dem Denkmal für die Opfer des 1943er Grubenunglücks. Er kritisiert, dass die Grabgestaltung die damaligen Zwangsarbeiter unterschlägt.

Die Fakten: Am 23. August 1943 verloren durch eine Schlagwetter- und Kohlenstaubexplosion 34 Bergleute ihr Leben. Die deutschen Toten und ein italienischer Toter wurden in Einzelgräbern auf dem Rotthauser Friedhof bestattet, die 17 sowjetischen und ein polnischer Zwangsarbeiter kamen in ein Sammelgrab. 1947 wurden die toten Zwangsarbeiter auf den Ostfriedhof umgebettet. 1949 wurde das Denkmal an den Grabstellen für die deutschen Bergleute und dem italienischen Bergmann auf dem Rotthauser Friedhof errichtet.

2015 schlug Klaus Brandt vor, eine unbeschriftet gebliebene Grabplatte der Erinnerung an die achtzehn Zwangsarbeiter zu widmen, stieß aber mit seinem Formulierungsvorschlag bei Gelsendienste auf Granit. Auch die Bezirksvertretung Süd, an die er sich um Unterstützung wandte, wies sein Anliegen zurück. In der Begründung hieß es u.a.: „Die Würde des Friedhofs und seine Zweckbestimmung als Ort der Trauer und des Gedenken erfordern Sensibilität und politische Neutralität.“ Klaus Brandt ist nach wie vor anderer Ansicht und wird dies am Jahrestag kundtun.

Klaus Brandt (links im Bild) mit August Bebel und Andreas Jordan während der Antikriegstagsveranstaltung 2014

Klaus Brandt (links im Bild) mit August Bebel und Andreas Jordan während der Antikriegstagsveranstaltung 2014.

Der Stein des Anstoßes

Wer in Gelsenkirchen-Rotthausen aufgewachsen ist, für den ist Dahlbusch ein Begriff, obwohl die Zeche Dahlbusch bereits seit 1966 ihre Tore geschlossen hat. Zur Geschichte der Zeche gehören auch die verschiedenen Grubenunglücke. Vor 60 Jahren, im Mai 1955, wurde hier die berühmte „Dahlbuschbombe“ entwickelt, um verschüttete Bergleute zu retten. Zuvor gab es weitere große Grubenunglücke, eines 1950, und eines während des Zweiten Weltkrieges am 23. August 1943. Damals verloren durch eine Schlagwetter- und Kohlenstaubexplosion 34 Bergleute ihr Leben. Die deutschen Toten und ein italienischer Toter wurden in Einzelgräbern am heutigen Denkmal für das 1943er Grubenunglück auf dem Rotthauser Friedhof bestattet, die 17 sowjetischen und ein polnischer Zwangsarbeiter kamen in ein Sammelgrab. 1947 wurden die toten Zwangsarbeiter an den Ostfriedhof umgebettet.

Denkmal zur Erinnerung an die toten Bergleute des Grubenunglücks vom 23. August 1943 auf dem Friedhof Rotthausen

Denkmal zur Erinnerung an die toten Bergleute des Grubenunglücks vom 23. August 1943 auf dem Friedhof Rotthausen

Das noch heute bestehende Denkmal an das 1943er Grubenunglück wurde im November 1949 errichtet. Beiderseits des Weges der auf das Denkmal zuläuft, liegen die Grabstellen für die deutschen Bergleute und den italienischen Bergmann. Einer der Grabkissensteinen (40 x 60 cm) ist unbeschriftet geblieben, da die Witwe ihren Mann auf dem Ückendorfer Friedhof beerdigen ließ.

Der Gelsenkirchener Klaus Brandt beschäftigt sich seit 2012 mit diesem Denkmal. Er kritisiert, dass die Grabgestaltung die damaligen „Ostarbeiter“ unterschlägt und schlägt vor, auf dem unbeschriftet gebliebenen Grabkissenstein an die Zwangsarbeiter aus der Sowjetunion und Polen zu erinnern.

Grabstellen der toten Bergleute des Grubenunglücks vom 23. August 1943 auf dem Friedhof Rotthausen

Grabstellen der toten Bergleute des Grubenunglücks vom 23. August 1943 auf dem Friedhof Rotthausen

Nachdem er sich mit dem Eigentümer des Denkmals verständigt und einen Kostenvoranschlag von einem Steinmetz eingeholt hat, wandte er sich an Gelsendienste mit seinem Antrag. Er schlug folgenden Text vor: „AUCH ACHTZEHN ZWANGSARBEITER AUS OSTEUROPA WURDEN OPFER DES UNGLÜCKS. ZU NAZIZEITEN ZÄHLTEN SIE NICHT ZU DEN KAMERADEN. SIE GALTEN ALS UNTERMENSCHEN. GELSENKIRCHENER BÜRGER WIDMEN IHNEN DIESEN STEIN ALS ZEICHEN DES GEDENKENS UND DER MITVERANTORTUNG.“

Der unbeschriftet gebliebene Grabkissenstein

Der unbeschriftet gebliebene Grabkissenstein

Mit Datum vom 23. März 2015 erhielt er u.a. zur Antwort: „Wegen der Größe der Grabplatte und der von der Stadt Gelsenkirchen gepflegten Erinnerungskultur, die auf eine sachliche Aufklärung zum Thema Nationalsozialismus setzt, halte ich folgenden Text für angemessen: ‚Auch achtzehn Zwangsarbeiter aus Osteuropa wurden Opfer des Unglücks. Gelsenkirchener Bürger widmen ihnen diesen Stein als Zeichen des Gedenkens und der Mitverantwortung'“.

Klaus Brandt (links im Bild) mit August Bebel und Andreas Jordan während der Antikriegstagsveranstaltung 2014

Klaus Brandt (links im Bild) mit August Bebel und Andreas Jordan während der Antikriegstagsveranstaltung 2014

Damit ist Klaus Brandt allerdings nicht einverstanden und wandte sich zuerst an die Gelsenkirchener VVN-BdA, die seinen Textvorschlag inhaltlich unterstützt, und jetzt mit einem Bürgerantrag nach § 24 der Gemeindeordnung an die Bezirksvertretung Süd, um doch noch den von ihm gewünschten Text auf dem leeren Grabkissenstein zu sehen. Unter anderem argumentiert er, dass eine sachliche Aufklärung nicht zugleich auch einen Mangel an Affekt bedeuten müsse und fragt: „Ist es unsachlich, Nazis Nazis zu nennen? Ist es unwürdig, an dem Ort der die Opfer mit dem P und dem OST aus den ‚von uns gegangenen Kameraden‘ aussondert, an diese Aussonderung mit klaren Worten zu erinnern?“

Supplement

Der Antrag wurde in der Bezirksvertretung Süd abgelehnt.