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Eindrücke aus Weimar und Buchenwald

Gedenkstätte Buchenwald - Torgebäude zum ehemaligen Häftlingslager auf dem Ettersberg. Die Uhr zeigt den Zeitpunkt der Selbstbefreiung des Konzentrationslagers an.

Gedenkstätte Buchenwald – Torgebäude zum ehemaligen Häftlingslager auf dem Ettersberg. Die Uhr zeigt die Uhrzeit der Selbstbefreiung des Konzentrationslagers an.

Zwei Tage dauerte eine Gedenkstättenfahrt der DGB-Jugend Mühlheim-Essen-Oberhausen und der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten Essen ins ehemalige Konzentrationslager Buchenwald. Anlass für mich, erneut nach Weimar und Buchenwald zu fahren, war die Baumpflanzung für den KZ-Überlebenden und beeindruckenden Essener Zeitzeugen Theo Gaudig, die ich gerne miterleben wollte. Zugleich bot mir die Fahrt die Möglichkeit, Erinnerungen an meine beiden früheren Besuche vor mehr als 15 Jahren wieder aufzufrischen.

Wer die Thüringische Stadt Weimar besucht, kommt an Goethe und Schiller nicht vorbei. Goethes Wohnhaus, das Schillerhaus, Straßennamen, Hinweisschilder, Gedenktafeln und das Denkmal auf dem Theaterplatz vor dem Deutschen Nationaltheater erinnern an die Zeit der Weimarer bzw. Deutschen Klassik. Als Leitideen der Weimarer Klassik nennt mein altes Meyers Taschenlexikon aus dem Jahre 1985 „Harmonie und Humanität“. Nach dem Tagungsort der Nationalversammlung wurde auch die 1919 gegründete erste deutsche Republik „Weimarer Republik“ benannt. Ganz im Gegensatz zu diesen Traditionen steht die Nazi-Barbarei.

Goethe- und Schiller-Denkmal vor dem Deutschen Nationaltheater Weimar, Theaterplatz 2.

Goethe- und Schiller-Denkmal vor dem Deutschen Nationaltheater Weimar, Theaterplatz 2.

Um Spuren der Nazi-Zeit zu finden, muss man nicht erst auf den Ettersberg steigen und das ehemalige Konzentrationslager besuchen. Um ein Beispiel zu nennen: am heutigen Weimarplatz befindet sich das „Gauforum“, ein gigantisches Gebäudeensemble in faschistischer Ästhetik, welches die zentrale Gau-Verwaltung der NSDAP aufnahm. In den bestehenden und denkmalgeschützten Gebäuden ist heute das Thüringer Landesverwaltungsamt untergebracht, in der ehemaligen zum Gebäudeensemble gehörenden „Halle der Volksgemeinschaft“ befindet sich das Einkaufszentrum „Weimarer Atrium“. Eine wirklich interessante Nachnutzung!

Auf dem Ettersberg befinden sich nach wie vor die baulichen Überreste des einstigen Konzentrationslagers Buchenwald. Das zu den größten nationalsozialistischen Konzentrationslager gehörende KZ bestand von 1937 bis 1945. Weit über 250.000 Häftlinge befanden sich im System dieses Lagers einschließlich seiner Außenlager, zu denen auch ein Außenlager in Gelsenkirchen gehörte. Im Gegensatz zu den Vernichtungslagern im Osten, in denen der industrielle Massenmord stattfand, galt hier das Nazi-Prinzip der „Vernichtung durch Arbeit“. Berühmt ist das Konzentrationslager Buchenwald durch dessen Selbstbefreiung von der SS, die den Häftlingen angesichts der heranrückenden US-Armee gelang.

Gedenkstätte Buchenwald - Lagertor mit der Inschrift "Jedem das Seine". Die Schrift war bei geschlossenem Tor für die Häftlinge zu lesen und zeigt den Zynismus der Nazi-Barbarei.

Gedenkstätte Buchenwald – Lagertor mit der Inschrift „Jedem das Seine“. Die Schrift war bei geschlossenem Tor für die Häftlinge zu lesen und zeigt den Zynismus der Nazi-Barbarei.

Nach der mehrstündigen Busfahrt begann eine Führung durch das Häftlingslager mit Elke Pudszuhn, Tochter des ehemaligen Häftlings Hans Raßmann, die mit persönlichen Eindrücken eine Einführung in das Lagergeschehen gab. Unterbrochen wurde diese Führung durch die Baumpflanzung des Lebenshilfewerks Weimar/Apolda e.V. Im Rahmen des Projektes „1000 Buchen“ wurden in der Nähe des ehemaligen Gustloff-Werks an der Kreuzung Kromsdorfer-/Andersenstraße insgesamt sechs Bäume gepflanzt, und zwar für die Frauen von Buchenwald, Lise London aus Frankreich, Danuta Brzosko-Medryk aus Polen sowie für Theo Gaudig aus Essen, Kurt Juius Goldstein aus Berlin und Josef Safferling aus Strümpfelbrunn/Odenwald. In Reden wurde an diejenigen erinnert, für die diese Bäume gepflanzt wurden. Der Abend bot einen angenehmen Ausklang. Überlebende und Nachkommen trafen sich im Hotel Leonardo und feierten bei roten Liedern und roten Wein. Das Köstritzer Schwarzbier schmeckte auch.

Ein Baum für Theo Gaudig - Viele Essener haben Theo Gaudig in Schulen und Veranstaltungen kennen gelernt, wo er unermüdlich als Zeitzeuge und Mahner über seinen Widerstand, seine Haft, über den Faschismus sprach.

Ein Baum für Theo Gaudig – Viele Essener haben Theo Gaudig in Schulen und Veranstaltungen kennen gelernt, wo er unermüdlich als Zeitzeuge und Mahner über seinen Widerstand, seine Haft, über den Faschismus sprach.

Beim (7.) Treffen der Nachkommen anderntags stand das Thema der „vergessenen Frauen von Buchenwald“ im Vordergrund. Dr. Irmgard Seidel, die schon zur Baumpflanzung für die Frauen von Buchenwald gesprochen hatte, berichtete in ihrer Gedenkrede noch ausführlicher über ihre Forschung und die unterschiedlichen Frauengruppen in den Außenlagern von Buchenwald. Da das Konzentrationslager auf dem Ettersberg ein reines Männerlager war, gehörten die Frauen in den Außenlagern zu den lange vergessenen Verfolgten. Daran an schloss sich die Fortsetzung der Führung durch das Häftlingslager. Am Rande konnten wir die offizielle Gedenkfeier verfolgen. Kaum Zeit blieb leider für die neueröffnete Ausstellung der Gedenkstätte in der Effektenkammer.

Befreiungsfeier am Glockenturm, der Teil der großen Mahnmalsanlage ist.

Befreiungsfeier am Glockenturm, der Teil der großen Mahnmalsanlage ist.

Um 15.15 Uhr begann die Befreiungsfeier des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora und Kommandos am Glockenturm, dem weithin sichtbaren Teil der großen Mahnmalsanlage am Hang (die nicht zu verwechseln ist mit der Gedenkstätte auf dem Gelände des ehemaligen Häftlingslagers).

Figurengruppe von Fritz Cremer für das Buchenwald-Denkmal. Im Hintergrund der Glockenturm.

Figurengruppe von Fritz Cremer für das Buchenwald-Denkmal. Im Hintergrund der Glockenturm.

Zur Erinnerung an Theo Gaudig (1904-2003)

Selbstportrait Theo Gaudigs an der Drehbank, Januar 1928 als Titelbild der "Arbeiter Illustrierten Zeitung" (AIZ), hier für die Buchveröffentlichung 1997 wiederverwendet.

Selbstportrait Theo Gaudigs an der Drehbank, Januar 1928 als Titelbild der „Arbeiter Illustrierte Zeitung“ (AIZ), hier für die Buchveröffentlichung 1997 wiederverwendet.

Aus Anlass des 71. Jahrestages der Selbstbefreiung des Konzentrationslagers Buchenwald in Thüringen organisieren die DGB-Jugend Mülheim-Essen-Oberhausen und die VVN-BdA Essen am 16./17. April eine Fahrt nach Buchenwald und Weimar. Im Rahmen des Besuchsprogramms wird zum Gedenken an den antifaschistischen Widerstandskämpfer, KZ-Häftling und tausenden Essenern als Zeitzeuge bekannten Theo Gaudig in der Nähe der Gedenkstätte Buchenwald ein Baum gepflanzt.

Theo Gaudig, am 20. Mai 1904 in eine Essener Arbeiterfamilie hinein geboren, lernte nach einer Lehre als Dreher die Unsicherheiten eines Arbeiters in den 1920er Jahren am eigenen Leib kennen. Er erlebte Zeiten von Beschäftigung und Arbeitslosigkeit, engagierte sich gegen die französische Ruhrbesetzung, im Jugendverband der KPD sowie als Arbeiterfotograf. Mit einem Selbstportrait an der Drehbank schaffte er es auf die Titelseite der „Arbeiter Illustrierte Zeitung“ (AIZ).

1928 ging er nach Rumänien, um die dort verbotenen Kommunisten zu unterstützen und wurde zu 15 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Er überlebte ein Erdbeben, welches das rumänische Gefängnis zerstörte und wurde 1942 nach der Verbüßung der Strafe von den Nazis in das KZ Buchenwald gebracht. Nach der Befreiung des Lagers nach Essen zurückgekehrt, erfährt er, dass die Nazis seinen Vater Otto Gaudig noch am 13. April 1945 in der Wenzelnberg-Schlucht ermordet hatten. Endlich kann er – mit 15jähriger Verspätung – seine langjährige Freundin Maria Burger heiraten.

Anfang der 1970er Jahre lernt der Essener Historiker Ernst Schmidt („Lichter in der Finsternis“) Theo Gaudig kennen. Gaudig engagiert sich beim Aufbau eines Archivs der Essener Arbeiterbewegung und der Ausstellung „Widerstand und Verfolgung in Essen 1933-1945“ in der Alten Synagoge Essen sowie als Zeitzeuge, der Schülerinnen und Schüler seine erlebte Geschichte nahebringt und Tausende durch die Ausstellung führt. Noch 1998 erlebte ich ihn als hochbetagten Zeitzeuge in einem Seminar der Universität-Gesamthochschule Essen. Theo Gaudig starb nach einem langen Leben im Jahre 2003.

Foto aus der Ausstellung "Widerstand und Verfolgung in Essen 1933-1945" der 1980er Jahre in der Alten Synagoge Essen

Foto aus der inzwischen verschwundenen Ausstellung „Widerstand und Verfolgung in Essen 1933-1945“ der 1980er Jahre in der Alten Synagoge Essen (Quelle: Stadtbildstelle)

Zur Vorbereitung der Fahrt laden die DGB-Jugend und die VVN-BdA alle Interessierten zu einer gemeinsamen Informationsveranstaltung am 15. März 2016 um 17 Uhr in das Essener Gewerkschaftshaus in der Teichstr. 4 in 45127 Essen ein. Ein Film und eine Lesung vermitteln ein Bild Theo Gaudigs. Die DGB-Jugend legt großen Wert darauf, dass viele Jüngere an der Veranstaltung und der Fahrt teilnehmen. Jan Mrosek, DGB-Jugendbildungsreferent dazu: „Gerade in der heutigen Zeit, wo Fremdenfeindlichkeit und Rassismus wieder stärker werden, ist es umso wichtiger die Geschichte von früher zu erzählen und für junge Menschen greifbar zu machen. Wir müssen als Jugend sprachfähig sein, um heute gegen Hass und Ausgrenzung anzukämpfen.“ Wer Interesse hat mitzufahren, meldet sich bei der DGB-Jugend Essen unter der Telefonnummer 0201-632470.

Quelle der biografischen Angaben zu Theo Gaudig: Das 20. Jahrhundert der Gaudigs. Chronik einer Arbeiterfamilie im Ruhrgebiet. Nach Erzählungen von Theo Gaudig, Heinz Lippe, Irene Schischke und Ernst Schmidt zusammengestellt von Ludger Fittkau, Essen 1997.

Eindrücke von den KZ-Gedenkstätten Buchenwald und Sachsenhausen

KZ-Gedenkstätte Buchenwald 1998

KZ-Gedenkstätte Buchenwald 1998

In diesem Jahr jährt sich mit dem 70. Jahrestag der Befreiung Europas vom Faschismus am 8./9. Mai 1945 auch die Befreiung der Konzentrationslager der Nazis. Zu den großen Konzentrationslagern auf deutschem Boden gehörten das KZ Buchenwald bei Weimar in Thüringen und das KZ Sachsenhausen in Oranienburg nördlich von Berlin.

Im Gegensatz zu der gelegentlich geäußerten Meinung, kann man KZs in Deutschland heute – glücklicherweise – nicht mehr besuchen, sondern nur KZ-Gedenkstätten, die am authentischen Ort errichtet wurden. Sie stellen die Geschichte des jeweiligen Lagers dar und vermitteln einen Eindruck der Geschichte. Außerdem handelt es sich um Erinnerungsorte der Überlebenden und ihrer Nachkommen. Wer heute ein KZ besuchen möchte, müsste dazu nach Nordkorea oder Guantanamo reisen.

In vielen KZ-Gedenkstätten gab es anlässlich des runden Jubiläums Veranstaltungen, zu denen die immer weniger werdenden Überlebenden eingeladen wurden. Dies ist kein Bericht über diese Befreiungsfeiern, vielmehr erinnere ich mich an meine Besuche in der Gedenkstätte Buchenwald in den Jahren 1998 und 2000 sowie an meinen Besuch in der Gedenkstätte Sachsenhausen im Jahre 2000.

KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen 2000

KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen 2000

KZ-Gedenkstätte Buchenwald
Mein erster Besuch der Gedenkstätte fand 1998 im Rahmen eines Seminars der Universität-Gesamthochschule Essen mit einer mehrtägigen Exkursion in die Stadt Weimar und einer Fahrt auf den Ettersberg zur Gedenkstätte an einem Tag statt. Zur Vorbereitung hatten wir unter anderem mit Theo Gaudig einen Überlebenden des KZ aus Essen in unser Seminar eingeladen, der von seiner Lagerhaft erzählte. Der Kontrast zwischen Goethe und Schiller in Weimar und der Nazi-Barbarei in Buchenwald war überdeutlich. Bereits bei der Ankunft verstörte mich eine Zufälligkeit. In Weimar waren mir historische Gebäude in einem bestimmten Gelbton aufgefallen, und eine der stehen gebliebenen SS-Kasernen erstrahlte in ebendiesem Gelbton. Die SS-Kasernen beherbergen heute das Besucherzentrum und eine Jugendbildungsstätte. Die KZ-Gedenkstätte selbst ist das ehemalige Häftlingslager, das man durch das Lagertor mit der berüchtigten Beschriftung „Jedem das Seine“ erreicht. Das Lagergelände selbst wird von den Überlebenden als Friedhof betrachtet.

KZ-Gedenkstätte Buchenwald 1998, Besuchergruppe auf dem ehemaligen Appellplatz im ehemaligen Häftlingslager

KZ-Gedenkstätte Buchenwald 1998, Besuchergruppe auf dem ehemaligen Appellplatz im ehemaligen Häftlingslager

Das Konzentrationslager wurde 1937 von den Häftlingen, die aus anderen KZs hierhin verlegt wurden, mitten im Wald durch Rodung errichtet. Die Gedenkstätte wurde am 14. September 1958 als „Nationale Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald“ der DDR eingeweiht. Vom Lager selbst war nicht viel übrig geblieben. Der nördliche Teil hinter dem Haupteingang ist ein großer Schotterplatz, der die Verwüstung symbolisiert, die das KZ bei den Menschen anrichtet. Den südlichen Teil ließ man zuwachsen. Die Umrisse einiger Blocks wurden auf dem Boden markiert. Erhalten blieben neben dem Torgebäude und den dazugehörigen Arrestzellen unter anderem eine Lagerbaracke, die Effektenkammer, die Desinfektion und das Krematorium.

In der ehemaligen Effektenkammer, dem größten Steingebäude, befindet sich eine Dauerausstellung zur Geschichte des Lagers 1937-1945. In der ehemaligen Desinfektion sind Kunstausstellungen zu sehen. Neben der Dauerausstellung mit Kunstwerken, die Häftlinge heimlich während der Lagerzeit oder kurz nach der Befreiung anfertigten, fand sich 1998 die Ausstellung eines polnischen Künstlers und ehemaligen Häftlings in der ehemaligen Desinfektion. In Montagen hatte er Aufnahmen von KZ-Häftlingen mit pornografischen Darstellungen verbunden, die das Obszöne der Nazi-KZs zeigten, mich aber einfach nur sprachlos machten. Das Krematorium wurde erhalten, weil der KPD-Vorsitzende Ernst Thälmann, der nie in Buchenwald eingesperrt war, hierhin gebracht, von der SS erschossen und sein Leichnam hier verbrannt wurde. Darauf weist eine übergroße Gedenktafel hin. Nach dem Ende der DDR wurde im Rahmen einer Neukonzeption der „Gedenkstätte Buchenwald“ die Erinnerungstafel an Ernst Thälmann belassen, allerdings der historische Sachverhalt durch eine wesentlich kleinere Erläuterungstafel ergänzt.

Unser Besuch fand im November des Jahres statt, und als ich auf dem ehemaligen Appellplatz der Häftlinge stand und nach Weimar* hinunter blickte, fragte ich mich, was man von Weimar aus gesehen haben mochte. Die beleuchteten Wachtürme mit Sicherheit. Außerdem fror ich trotz meiner warmen Kleidung und fragte mich, wie sich die Häftlinge gefühlt haben mochten.

KZ-Gedenkstätte Buchenwald 1998, Gedenktafel von Horst Hoheisel und Andreas Knitz zur Erinnerung an den nach der Befreiung errichteten Obelisken aus Holz

KZ-Gedenkstätte Buchenwald 1998, Gedenktafel von Horst Hoheisel und Andreas Knitz zur Erinnerung an den nach der Befreiung errichteten Obelisken aus Holz

Das KZ Buchenwald ist das einzige Lager, dem am 11. April 1945 dank der herannahenden US-Armee und der Vorbereitungen des internationalen Lagerkomitees die Selbstbefreiung gelang. Am 19. April 1945 errichteten die Überlebenden einen Obelisken aus Holz zur Erinnerung an die Geschehnisse. An dieses Denkmal aus vergänglichem Material erinnert seit 1995 eine Gedenktafel von Horst Hoheisel und Andreas Knitz. Die Metallplatte enthält die Namen der Nationen, die in Buchenwald vertreten waren und wird das ganze Jahr über auf 37°C erwärmt. Weitere Gedenksteine und Denkmale auf dem Lagergelände erinnern an verschiedene Gruppen und Einzelereignisse.

KZ-Gedenkstätte Buchenwald 2000 - Mahnmalsanlage, Besuchergruppe

KZ-Gedenkstätte Buchenwald 2000 – Mahnmalsanlage, Besuchergruppe

Mahnmalsanlage
Bei unserem zweiten Besuch, ebenfalls mit einem Seminar der Universität Essen, im Jahre 2000 blieben wir ganz auf dem Ettersberg und wohnten in der Jugendbildungsstätte in einer der ehemaligen SS-Kasernen. Zwar befinden sich diese außerhalb des ehemaligen Häftlingslagers, trotzdem war es ein merkwürdiges Gefühl, morgens aufzuwachen, aus dem Fenster zu schauen und rechts den Stacheldrahtzaun zum ehemaligen Lager und links den ehemaligen Appellplatz der SS, der heute ein Parkplatz ist, zu sehen. Allerdings blieb uns dadurch mehr Zeit für die Frage nach der pädagogischen Arbeit der Gedenkstätte und der Erkundung uns interessierender Fragen im Archiv. So recherchierte beispielsweise eine Kommilitonin über den Zeitzeugen des 1998er Seminars Theo Gaudig und verfolgte seinen Weg durchs KZ anhand vorhandener Akten.

KZ-Gedenkstätte Buchenwald 1998, Besuchergruppe vor einem Modell des Lagers

KZ-Gedenkstätte Buchenwald 1998, Besuchergruppe vor einem Modell des Lagers

Andererseits war es ein merkwürdiges Gefühl, sich nach einer Führung durchs Krematorium und der Genickschussanlage zum Mittagessen zu begeben. Fast unglaublich auch die Erzählungen des pädagogischen Mitarbeiters der Gedenkstätte, der beispielsweise von sonntäglichen Kurzzeitbesuchern berichtete, die Probleme hatten, ihren „Buggy“ durch das Krematorium zu schieben. Die Einführung in die Geschichte des Konzentrationslagers erfolgte wie 1998 anhand eines Modells, von dem die Gedenkstätte mehrere besitzt, um gleichzeitig mit mehreren Besuchergruppen zu arbeiten.

KZ-Gedenkstätte Buchenwald 2000 - Mahnmalsanlage, "Straße der Nationen"

KZ-Gedenkstätte Buchenwald 2000 – Mahnmalsanlage, „Straße der Nationen“

Unweit der Gedenkstätte wurde 1954 bis 1958 unter Einbeziehung von drei Massengräbern eine monumentale Denkmalsanlage angelegt, die wir ebenfalls besuchten. Ihr liegt das Motiv „Durch Sterben und Kämpfen zum Sieg“ zugrunde, das sich auch quasi-religiös als Tod und Wiederauferstehung, als sozialer oder realer Tod im Faschismus und Wiederauferstehung im real-existierenden Sozialismus deuten lässt. Die Architektur wird dem Sozialistischen Realismus zugeordnet und wurde für Massenveranstaltungen gebaut. Eine kleine Gruppe wie wir fühlte sich von dieser monumentalen Architektur einfach nur erschlagen. Einzig die zu Ringgräbern gestalteten Massengräber wirken durch ihre Größe und unsere Vorstellungskraft angesichts der angeeigneten Kenntnisse zur KZ-Geschichte.

KZ-Gedenkstätte Buchenwald 2000 - Mahnmalsanlage, Besuchergruppe vor einem Ringgrab

KZ-Gedenkstätte Buchenwald 2000 – Mahnmalsanlage, Besuchergruppe vor einem Ringgrab

Zunächst stiegen wir eine breite, von Stelen flankierte Treppe hinab und kamen zu einem ersten als Ringgrab gestalteten Massengrab. Wir folgten der „Straße der Nationen“, die gesäumt ist von steinernen Pylonen. Jeder der 18 Pylonen steht für eine der Nationen der KZ-Häftlinge. Auf jedem Pylon befindet sich eine Feuerschale. Die „Straße der Nationen“ führte uns an einem zweiten Ringgrab vorbei und auf ein drittes Ringgrab zu. Von dort führte uns eine Treppe wieder hinauf zum Glockenturm und der Denkmalsgruppe von Fritz Cremer zur Erinnerung an den Widerstand im Lager. Den Glockenturm konnten wir wegen Sanierungsarbeiten nicht besichtigen.

KZ-Gedenkstätte Buchenwald 2000 - Mahnmalsanlage, Denkmal von Fritz Cremer

KZ-Gedenkstätte Buchenwald 2000 – Mahnmalsanlage, Denkmal von Fritz Cremer

Auch die Schwierigkeiten des „doppelten Gedenkens“ angesichts der Nutzung des ehemaligen Konzentrationslagers bis 1950 durch die Sowjetische Militäradministration als „Speziallager Nr. 2“, insbesondere für Täter der NS-Zeit, waren ein Thema des Seminars. Für die Erinnerung an das Speziallager war eine Ausstellung in einem Neubau im Hang unterhalb der KZ-Gedenkstätte eingerichtet worden, sowie ein von der KZ-Gedenkstätte unabhängiger Eingang und ein Zugang zum Gräberfeld im Wald, in dem die Umgekommenen des Speziallagers verscharrt worden waren.

KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen
Im Juli 2000 nutzte ich die Gelegenheit und besuchte während eines Berlin-Besuchs die KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen und verbrachte ein paar Stunden dort. Die in der Stadt Oranienburg nördlich von Berlin gelegene Gedenkstätte ist mit der S-Bahn gut zu erreichen. Mein Versuch, mich einer Führung anzuschließen, scheiterte leider am Gedenkstättenpersonal. So machte ich mich alleine auf den Weg.

KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen 2000, ehemaliger Appellplatz im ehemaligen Häftlingslager

KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen 2000, ehemaliger Appellplatz im ehemaligen Häftlingslager

Das 1936 errichtete KZ konnte sich anders als Buchenwald nicht selbst befreien, vielmehr schickte die SS vor Herannahen der Roten Armee im April 1945 den Großteil der Häftlinge auf sogenannte „Todesmärsche“, bei denen weitere Tausende starben. Am 22. April 1961 wurde die Gedenkstätte als „Nationale Mahn- und Gedenkstätte“ der DDR eröffnet. Der ehemalige Appellplatz wurde durch eine Mauer aus kreuzförmigen Betonelementen abgegrenzt, die die Gebäudeumrisse der Baracken enthält.

KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen 2000, ehemaliges Häftlingslager mit symbolischer Kennzeichnung eines Barackenstandortes

KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen 2000, ehemaliges Häftlingslager mit symbolischer Kennzeichnung eines Barackenstandortes

Im Gegensatz zur Gedenkstätte Buchenwald wurde das Gelände der Gedenkstätte in eine Parklandschaft verwandelt, die zum Spazieren gehen einlädt. Die Standorte der ehemaligen Baracken werden durch Steinquader markiert, die – ich weiß nicht, ob ich es pietätlos finden soll – Jugendliche aus Schulklassen zum Sitzen und Verweilen einluden. Das zentrale Mahnmal, die Plastik „Befreiung“, stammt von René Graetz.

KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen 2000, Plastik "Befreiung" von René Graetz am zentralen Mahnmal

KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen 2000, Plastik „Befreiung“ von René Graetz am zentralen Mahnmal

Die Umgestaltung zur „Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen“ war zum Zeitpunkt meines Besuchs 2000 noch nicht abgeschlossen, auch waren verschiedene Teile der Gedenkstätte baufällig. An mehreren Stellen wurde der Besucher vor dem Betreten gewarnt. Die Sanierungsarbeiten wurden erst zu den Feierlichkeiten anlässlich des 60. Jahrestages der Befreiung 2005 weitgehend abgeschlossen.

KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen 2000

KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen 2000

Die Fotos in Buchenwald 1998 und 2000 stammen von Jörg Hoffmann, Duisburg, der mir dankenswerterweise die Nutzung erlaubte. Bei allen Fotos in diesem Beitrag handelt es sich nicht um Digitalfotos, sondern um Papierabzüge von klassischen Negativstreifen, die ich am 20. Juli dieses Jahres scannte. – Ein Ergebnis meines Besuchs der Gedenkstätte Buchenwald 1998 war die Motivation für meine Diplom-Arbeit „Historisches Lernen in Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus“, mit der ich im Juli 1999 mein Pädagogik-Studium erfolgreich abschloss.

*Anmerkung (dank eines Hinweises von Rolf): Dieser Satz zeigt, wie leicht man sich in seiner Erinnerung täuschen kann. Ich habe zwar damals vom ehemaligen Appellplatz des Lagers ins Tal hinuntergeschaut, aber mit Sicherheit nicht nach Weimar, das in der entgegengesetzten Himmelsrichtung liegt. Dennoch bleibt die Frage, wie viel man in Weimar vom Lager gewusst haben konnte, wenn man wortwörtlich oder auch im übertragenen Sinn nicht die Augen verschloss.

„Nackt unter Wölfen“ wiedergesehen

Nackt unter Wölfen 1962Der 11. April, der 70. Jahrestag der (Selbst-)Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald war der Anlass, mir wieder den Film der DEFA aus dem Jahre 1962, „Nackt unter Wölfen“, anzusehen. Der Film entstand in der damaligen DDR nach dem gleichnamigen Roman von Bruno Apitz aus dem Jahre 1958. Bruno Apitz gehörte selbst zu den überlebenden Häftlingen des KZ.

Roman wie Film handeln von der gefahrvollen Rettung eines kleinen Kindes im Konzentrationslager. Bei einem der vielen Transporte aus Auschwitz wird der Dreijährige, der bereits in Auschwitz vor der SS versteckt worden war, in einem Koffer von einem polnischen Häftling mitgebracht. Die Häftlinge sind ganz entzückt von dem kleinen Jungen. Sie wissen, dass die SS ihn totschlagen wird, wenn sie ihn ausliefern. Der kleine Junge wird zuerst in der Effektenkammer, dann in der Seuchenbaracke und schließlich in einem Schweinekoben versteckt. Damit gerät jedoch zugleich die Untergrundorganisation der Häftlinge in Gefahr. Während die US-Army den Rhein überquert und dem Lager immer näher rückt, suchen die SS-Bewacher „den Judenbengel“ und versuchen gleichzeitig die Untergrundorganisation zu zerschlagen.

Als vor Herannahen der US-amerikanischen Armee das Lager „evakuiert“ werden soll, verweigern sich die Häftlinge und bleiben in ihren Baracken. Während sich der Lagerkommandant absetzt und andere SS-Leute in Zivilkleidung fliehen, gelingt es einigen Häftlingen, mit Hilfe von zuvor versteckten Waffen das Lagertor und einen Wachturm zu erobern. Dank der herannahenden US-Army gelingt es ihnen, das Lager zu befreien. Die Filmszene, in der die befreiten Häftlinge aus ihren Baracken herauskommen und auf den Appellplatz strömen ist auch heute noch unglaublich bewegend.

Reclams Filmführer schreibt dazu: „Der Autor Bruno Apitz war selbst acht Jahre im Konzentrationslager Buchenwald. Das war eine Voraussetzung für realistische Wirklichkeitsnähe, die der Film fast durchgehend erreicht. Gelegentlich stört ein gewisses Pathos, das die Guten allzu gut erscheinen läßt. Der Eindruck des Dokumentarischen verstärkt die Mitwirkung von Schauspielern verschiedener Nationalität, die im Film alle ihre Muttersprache sprechen.“ (1985, S. 364)

Die Geschichte beruht auf wahre Begebenheiten. Bei dem geretteten Jungen (dem „Buchenwaldkind“) handelt es sich um Stefan Jerzy Zweig. Auch die im Kalten Krieg oft als „Mythos“ bezeichnete Selbstbefreiung des Lagers hat stattgefunden, wäre allerdings ohne das Herannahen der US-Army nicht erfolgreich gewesen, was im Film deutlich gezeigt wird.

Das Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar war eines der größten KZ auf deutschem Boden, es bestand von 1937 bis 1945 und unterhielt ein großes System von Außenlagern, darunter auch Außenlager in Gelsenkirchen (Gelsenberg) und in anderen Ruhrgebietsstädten. Das Lagergelände bei Weimar wurde von der sowjetischen Militäradministration bis 1950 als Speziallager Nr. 2 genutzt. 1958 wurde die Nationale Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald eröffnet, die nach der Vereinigung beider deutsche Staaten ab 1991 umgestaltet wurde. In der ehemaligen Effektenkammer befindet sich eine Dauerausstellung zur Geschichte des Konzentrationslagers, in einigen der früheren SS-Kasernen bestehen Seminar- und Übernachtungsmöglichkeiten für Jugendgruppen, die sich mit der Geschichte des Lagers beschäftigen wollen.

Der Roman von Bruno Apitz wurde in 30 Sprachen übersetzt und erreichte eine Gesamtauflage von 2 Millionen. Eine erste Verfilmung entstand 1960 für das DDR-Fernsehen, eine Neuverfilmung 2015.