Am Jahrestag der Befreiung in Buchenwald

Gedenkstätte Buchenwald 2019: Blick aus dem ehemaligen Häftlingslager zum Torgebäude.

25 ehemalige Häftlinge des KZ Buchenwald aus 19 Ländern, darunter aus Frankreich, Israel, Polen, der Ukraine und Weißrussland, waren zum 74. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers auf den Ettersberg bei Weimar gekommen. Bei authentischem „Buchenwald-Wetter“, es war nasskalt, Nebel und Schneegriesel herrschte im ehemaligen Lager, erinnerten sie gemeinsam mit Nachkommen und weiteren Antifaschistinnen und Antifaschisten an die Ermordeten und Überlebenden des Nazi-Terrors.

Mit der inzwischen sechsten Gedenkstättenfahrt setzten die DGB-Jugend MEO (Mühlheim Essen Oberhausen) und die VVN-BdA Essen die Tradition der gemeinsamen Fahrten zu Orten des Nazi-Terrors fort. Nach Esterwegen (2014), Buchenwald (2016), Neuengamme (2017), Dachau und Sachsenhausen (2018) ging die Fahrt am 13./14. April 2019 erneut in die Gedenkstätte Buchenwald. Die Fahrt, die für Jugendliche bis 27 Jahre kostenfrei ist, war wie auch bei den zurückliegenden Fahrten gut besucht.

Anlass für die gemeinsame Reise war die Baumpflanzung in Weimar zum Gedenken an 520 jüdische Frauen, die in einem Außenlager des KZ Buchenwald in der Essener Humboldstraße für Krupp Zwangsarbeit leisten mussten. Durch die Gedenkstätte führten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit Gerd Hoffmann (den einige schon vom Besuch der Gedenkstätte Sachsenhausen kannten) und Reinhold Loch zwei Mitglieder der VVN-BdA aus Frankfurt/Oder bzw. Essen. Den Abschluss fand das Wochenende mit der Teilnahme an der Befreiungsfeier im 74. Jahr nach der Selbstbefreiung am 11. April 1945.

Wer die Thüringische Stadt Weimar besucht, kommt an Goethe und Schiller nicht vorbei. Goethes Wohnhaus, das Schillerhaus, Straßennamen, Hinweisschilder, Gedenktafeln und das Denkmal auf dem Theaterplatz vor dem Deutschen Nationaltheater erinnern an die Zeit der Weimarer bzw. Deutschen Klassik. Als Leitideen der Weimarer Klassik nennt Meyers Taschenlexikon aus dem Jahre 1985 „Harmonie und Humanität“. Nach dem Tagungsort der Nationalversammlung wurde auch die 1919 gegründete erste deutsche Republik „Weimarer Republik“ benannt. Ganz im Gegensatz zu diesen Traditionen steht die Nazi-Barbarei, die gleichwohl Goethe und Schiller vereinnahmte.

Eines der vielen Ausstellungsstücke in der Dauerausstellung der Gedenkstätte: ein Werbeprospekt für das „Gauforum“.

Spuren aus der Nazi-Zeit findet man auch heute noch in Weimar. So beherrscht den heutigen Weimarplatz das „Gauforum“, ein gigantisches Gebäudeensemble in faschistischer Ästhetik, welches die zentrale Gau-Verwaltung der NSDAP aufnahm. In den bestehenden und denkmalgeschützten Gebäuden ist heute das Thüringer Landesverwaltungsamt untergebracht, in der ehemaligen zum Gebäudeensemble gehörenden „Halle der Volksgemeinschaft“ befindet sich ein Einkaufszentrum.

Auf dem nahen Ettersberg, früher ein Naherholungsgebiet, befinden sich die baulichen Überreste des einstigen Konzentrationslagers Buchenwald. Das zu den größten nationalsozialistischen Konzentrationslagern gehörende KZ bestand von 1937 bis 1945. Weit über 250.000 Häftlinge befanden sich im System dieses Lagers einschließlich seiner Außenlager, zu denen auch Außenlager in Essen, Gelsenkirchen und anderen Ruhrgebietsstädten gehörten. Im Gegensatz zu den Vernichtungsorten im Osten, in denen der industrielle Massenmord stattfand, galt hier das Nazi-Prinzip der „Vernichtung durch Arbeit“. Etwa 56.000 Menschen fanden im KZ Buchenwald und seinen Außenlagern den Tod.

Der Schriftzug „Jedem das Seine“ zeigt den Zynismus der Nazis.

Das berühmte Lagertor mit der Inschrift „Jedem das Seine“ zeigt den Zynismus der Nazis, die einen Satz aus dem alten Rom, der für Gerechtigkeit für Jeden stand, im Sinne ihrer rassistischen und menschenfeindlichen Ideologie umdeuteten. Die Schrift war bei geschlossenem Tor für die Häftlinge zu lesen.

Zugleich ist Buchenwald das einzige Konzentrationslager, das sich selbst befreien konnte. Es war den politischen Häftlingen aus den verschiedenen europäischen Ländern gelungen, eine internationale Widerstandsorganisation zu bilden. In den letzten Apriltagen widersetzten sie sich zunehmend den Anweisungen der SS, organisierten Waffen und planten den Widerstand. Sie wussten, dass die SS sie bei einer sogenannten „Evakuierung“ des Lagers ermorden würde. Angesichts der herannahenden US-Armee gelang ihnen die Übernahme des Lagers und somit die Rettung zahlreicher Leben. Im Lager befanden sich zu diesem Zeitpunkt noch rund 21.000 Häftlinge, darunter 904 Kinder und Jugendliche. Als die US-Army eintraf, fand sie das befreite Lager vor.

Baumpflanzung auf dem Gelände des ehemaligen Gustloff-Werk I in Weimar zum Gedenken an Essener Zwangsarbeiterinnen.

In Weimar wie in Buchenwald waren die Häftlinge in der Rüstungsindustrie eingesetzt worden. In der Nähe des KZs war das Gustloff-Werk II errichtet worden, dass bei einem Luftangriff zerstört wurde. Ebenso erging es dem Gustloff-Werk I in Weimar. Auf dem ehemaligen Werksgelände in Weimar wurden im Rahmen des Projektes „1000 Buchen“ des Lebenshilfewerkes Weimar/Apolda am Samstag, den 13. April 2019 mehrere Bäume zum Gedenken an Opfer der Nazi-Barbarei gepflanzt. Einer von ihnen wurde zum Gedenken an 520 jüdische Frauen, die im Außenlager in der Essener Humboldstraße untergebracht waren und bei Krupp Zwangsarbeit leisten mussten, gepflanzt. Die Patenschaft (d.h. die Finanzierung) übernahm die DGB-Jugend, da sich Krupp trotz verschiedener Anfragen bis zuletzt nicht dazu bereit erklärt hatte.

Denise Bäcker sprach für die DGB-Jugend MEO, erinnerte an die Ausbeutung und Leiden der Häftlingen und sagte unter anderem: „Heute erinnern wir an die 522 weiblichen Häftlinge und pflanzen als DGB-Jugend Region MEO diesen Baum mit der dazugehörigen Gedenktafel. Uns ist es ein großes Anliegen, immer wieder der vielen Opfer der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft zu gedenken und die Erinnerung wach zu halten. Gerade in Zeiten, in denen sich alte und neue Nazis sich wieder verstärkt zu Wort melden, ist es wichtig, das kritische Bewusstsein gegen heutige Alt- und Neunnazis zu Stärken. Nichts ist schlimmer als das Vergessen. Wir wollen immer wieder aufzeigen, dass es nie wieder Faschismus geben darf und es wichtig ist, sich für Frieden, Freiheit und Demokratie einzusetzen.“

 

DGB-Jugend MEO auf der Titelseite der Thüringischen Landeszeitung vom 15.04.2019.

Am darauffolgenden 14. April 2019 besuchten wir den 2016 für Theo Gaudig gepflanzten Baum. Margret Rest von der VVN-BdA Essen erinnerte an seinen Lebensweg, der den 1904 in Essen als Sohn eines Krupp-Arbeiters geborenen über Rumänien in das KZ Buchenwald führte. Nach der Selbstbefreiung des Lagers erfuhr er, dass sein Vater Otto noch am 13. April 1945 in der Wenzelnbergschlucht bei Solingen ermordet worden war. Doch erwartete ihn in Essen auch seine Braut Maria, die 17 Jahre auf ihn gewartet hatte. Theo Gaudig engagierte sich sehr für die Ausstellung „Widerstand und Verfolgung in Essen 1933-1945“ in der 1980 eröffneten Alten Synagoge Essen und war ein unermüdlicher Zeitzeuge und lebensfroher Mensch.

Nach der Selbstbefreiung des 11. April 1945 organisierten die Überlebenden am 19. April 1945, noch tobte der Zweite Weltkrieg in Europa und Asien, eine große Gedenkveranstaltung auf dem Appellplatz des Lagers. Berühmt geworden ist der „Schwur von Buchenwald“, in dem die Überlebenden schworen: „Wir stellen den Kampf erst ein, wenn auch der letzte Schuldige vor den Richtern der Völker steht. Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.“ Bei der diesjährigen Gedenkfeier zum 74. Jahrestag der Befreiung wurde der „Schwur von Buchenwald“ von fünf ehemaligen Gefangenen in fünf verschiedenen Sprachen vorgetragen.

Gedenkstätte Buchenwald 2019: Gedenkfeier bei authentischem „Buchenwald-Wetter“.

Zuvor sprachen Volkhard Knigge, Direktor der Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Alojzy Maciak, Vizepräsident für Polen des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora und Kommandos (IKBD) sowie Dominique Durand, Präsident des IKBD. Den Reden gemeinsam war die Sorge um den zunehmenden Rechtsruck in Europa. Sie riefen die Jugend dazu auf, sich für Demokratie und Menschenrechte einzusetzen.

Neben dem offiziellen Programm gab es die Gelegenheit, die 2016 neu eröffnete Dauerausstellung der Gedenkstätte in der ehemaligen Effektenkammer und die Kunstausstellung in der ehemaligen Desinfektion zu besuchen. Die neue Ausstellung ist nach einer modernen Konzeption gestaltet. Neben erklärenden Texten und Fotos gibt es zahlreiche originale Ausstellungsstücke, Tondokumente und visuelle Darstellungen. In der Kunstausstellung sind Werke von Künstlern, die als Häftlinge im KZ eingesperrt waren, aus der Konzentrationslagerzeit und danach ausgestellt, die mit teilweise sehr einfachen gestalterischen Mitteln das unbeschreibliche Lagerleben zeigen.

Eines der vielen Exponate der Kunstausstellung: Blick vom Kleinen Lager ins große Lager.

Eine weitere gemeinsame Gedenkstättenfahrt von DGB-Jugend MEO und VVN-BdA Essen ist bereits in Planung. Im Oktober wird es für drei Tage nach Amsterdam gehen.

Ergänzte Fassung

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