Archiv der Kategorie: Essen

„Damit Vergangenheit nicht Zukunft wird!“

Ein altes, aber noch immer aktuelles Transparent der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, hier von jungen Antifaschisten durch die Essener Innenstadt getragen. (Foto: Thorsten Jannoff)

Eine beeindruckende Gedenkveranstaltung, die nicht in der Vergangenheit stehen blieb, sondern auch die Gegenwart in den Blick nahm, fand heute Abend in der Essener Innenstadt statt. Rund 400 Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren dem gemeinsamen Aufruf von vier Institutionen, dem antirassistischen und antifaschistischen Bündnis „Essen stellt sich quer“, der Alten Synagoge Essen, dem Schauspiel Essen (Grillo-Theater) und der VVN-BdA gefolgt. Die Veranstaltung stand unter dem Motto: „80 Jahre Pogromnacht – Nie Wieder! Damit Vergangenheit nicht Zukunft wird!“

Die Veranstaltung begann um 18 Uhr auf dem Edmund-Körner-Platz neben der Alten Synagoge Essen mit Reden von Sonja Neuhaus für „Essen stellt sich quer“ und dem Leiter der Alten Synagoge, Uri Kaufmann. Von hier aus führte die Gedenkdemonstration durch die bereits geschmückte Essener Innenstadt zum Theaterplatz (Grillo-Theater), wo die Abschlusskundgebung stattfand. Hier betonte Christian Tombeil, Intendant des Schauspiel Essen, die Freiheit der Kunst und stellte die „Erklärung der Vielen“ vor.

Die Rednerinnen und Redner schilderten schlaglichtartig die historischen Ereignisse und zeigten gefährliche Parallelen in unserer Gegenwart auf. In mehreren Reden wurde Bezug auf aktuelle Umfrageergebnisse über wachsende rechtsextreme Einstellungen genommen. Der Schwur von Buchenwald wurde ebenso zitiert wie Auszüge aus Bertolt Brechts Rede für den Frieden vorgetragen wurde.

Joshi Stiegle, Schüler des Maria-Wächtler-Gymnasiums, berichtete über Eindrücke von Besuchen an den von den Nazis errichteten Vernichtungsorten im damals Deutsch besetzten Polen und rief dazu auf, die Vergangenheit nicht zu vergessen. Zum Abschluss sprach Rosel Vadehra-Jonas für die VVN-BdA (Redetext weiter unten ergänzt).

Bemerkenswert fand ich, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Gedenkveranstaltung, übrigens eine bunte Mischung von jung und alt, bis zum Schluß blieben und aufmerksam den Rednerinnen und Rednern folgten. Die Kundgebung endete gegen 19.30 Uhr und die Veranstaltung löste sich nur sehr langsam auf. Fast schien es mir, als sollte der Widerstand gegen den aufkommenden Rechtsextremismus gleich beginnen.

Die Alte Synagoge Essen als Kundgebungsort zur Erinnerung an die Reichspogromnacht 1938 – hier am 09. November 2017.

Zum 09. November 2018 – 80 Jahre Reichspogromnacht
von Rosel Vadehra-Jonas (VVN-BdA)

Meine Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freunde,

mit der heutigen Veranstaltung wollen wir erinnern und mahnen.

Wir erinnern an das Judenpogrom in unserem Land im November vor 80 Jahren, an die Ausschreitungen gegen jüdische Mitbürger und jüdische Einrichtungen, Synagogen, Geschäfte und private Wohnungen. Wir wollen an die Opfer erinnern und Ihrer gedenken. Allein im Zusammenhang mit den Ausschreitungen vom 7. – 10, November 1938 wurden in Deutschland nach Schätzungen von Historikern 1.300 – 1.500 jüdische Menschen umgebracht oder in den Tod getrieben und rund 30.000 in Konzentrationslager verschleppt.

Die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 war der vorläufige Höhepunkt einer unfassbaren Entwicklung. Ihre Bilanz waren rund 6 Millionen grausam ermordeter Jüdinnen und Juden und ein Krieg, der mehr als 50 Millionen Menschenleben forderte.

Diese unheilvolle Entwicklung hatte eine Vorgeschichte. Sie begann bereits in den 20-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts mit dem rasanten Anwachsen einer neugegründeten rechtsextremen Partei. Diese Partei, die NSDAP, wurde zunächst nicht erst genommen; am allerwenigsten ihr Führer. Doch sie schaffte es mit Demagogie, mit populistischen Phrasen und Versprechungen, Wähler zu beeindrucken. Dabei scheute sie vor Gewalt nicht zurück. Ich erinnere an die organisierten Aktionen der SA seit den zwanziger Jahren, an die von ihr provozierten Saalschlachten und Straßenkämpfe mit politischen Gegnern. Es war die gleiche SA, mit deren Hilfe 1933 der Boykott jüdischer Geschäfte, Kanzleien und Arztpraxen durchgesetzt wurde und die aktiv an den Ausschreitungen im November 1938 mitwirkte.

Als Sündenböcke für die desolate Lage der Bevölkerung während der Weltwirtschaftskrise wurden damals von der neuen Partei der Marxismus und das internationale Judentum angeprangert und zu Feindbildern gemacht.

Heute haben wir in Deutschland wieder eine neu rechtsextreme Partei, die innerhalb kurzer Zeit in den Bundestag und in alle Landtage einziehen konnte, während die etablierten Parteien das Vertrauen vieler Wähler verlieren.

Mit populistischen Parolen, die teilweise dem Nazijargon entliehen sind, geht sie auf Stimmenfang. Opfer des Naziregimes werden verunglimpft. Das Holocaust-Mahnmal in Berlin wurde als Denkmal der Schande bezeichnet. Erst kürzlich wurde Graf Staufenberg, einer der führenden Persönlichkeiten beim Attentatsversuch auf Hitler, als Feigling beschimpft.

Im Bundestag hat die AfD als stärkste Fraktion der Opposition inzwischen ein Forum, das es ihr ermöglicht, ihre Parolen medienwirksam zu verbreiten. Ich erinnere an Begriffe wie Kopftuchmädchen und messerstechende Männer im Zusammenhang mit der Debatte um Zuwanderung. Gestern im Bundestag hetzt die AfD, aus dem Nationalstaat solle eine Siedlungsgebiet für Einwanderer aus allen Krisengebieten der Welt gemacht werden.

In den letzten Jahren hat sich etwas verändert in unserem Land. Die Parallelen zu den zwanziger Jahren sind erschreckend.

Antisemitische Ausschreitungen gab es im Nachkriegsdeutschland leider immer wieder. Jetzt sind neue Feindbilder dazu gekommen: die Migranten und der Islam. Heute haben Menschen in Deutschland wieder Angst vor Xenophobie, Antisemitismus und Rassenhass.

Heute gibt es wieder martialische Aufmärsche von Rechtsextremisten bei denen der Hitlergruß gezeigt wird. Mit Slogans wie ‚Deutschland den Deutschen. Ausländer raus. ‘ wird Rassenhass geschürt.

Der Brandanschlag von Solingen und die Morde des NSU machen deutlich, dass sich der Hass nicht nur gegen Flüchtlinge, sondern auch gegen Menschen richtet, die vor Jahrzehnten als Arbeitskräfte angeworben wurden, und die seitdem hier arbeiten, Steuern zahlen, in die Sozialversicherung einzahle, ihren Kindern eine qualifizierte Ausbildung ermöglichen, d.h. gegen Menschen, die in unsere Gesellschaft integriert sind – so wie vor 1933 die Juden in Deutschland.

Weitgehend abgeschirmt von der Öffentlichkeit gibt es in einer Reihe von Städten rechte Kampfsportclubs, in denen junge Männer darin trainiert werden, einen Gegner mit körperlicher Gewalt auszuschaltet. Die Regeln sportlicher Fairness bleiben dabei außer Acht. (Vgl. Monitor vom ?.10.2018). Was könnte geschehen, wenn diese Leute Aufzüge von Rechtsextremen begleiten und sie ihre Kräfte an Gegendemonstranten messen würden!

Besorgniserregend ist, dass Menschen, deren Aufgabe es sein sollte, die Demokratie zu schützen, Mitglieder des Verfassungsschutzes oder der Polizei, an rechtsextremen Aufmärschen mitwirken – nicht etwa als Ordnungskräfte oder als verdeckte Ermittler, sondern als Sympathisanten der Veranstalter oder auch als ein aktives Mitglied der AfD. (FAZ vom 21.09.2018)

Der inzwischen in den einstweiligen Ruhestand versetzt Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, hat in diesen Tagen in seiner aufschlussreichen Abschiedsrede vor den Chefs aller europäischen Inlandsgeheimdienste gezeigt, welcher Geist beim Verfassungsschutz vorherrscht. Er sprach von ‚linkradikalen Kräften in der SPD‘, von
‚Falschberichterstattung‘, die Meldungen über eine Hetzjagd auf Ausländer in Chemnitz seien frei erfunden. (Spiegel Online,05.11.18)

Als 1938 die Synagogen brannten hat die Bevölkerung tatenlos zugesehen. Viele haben Beifall geklatscht. Zu Recht fragen sich Nachgeborene: Wie war das möglich? Darauf gibt es eine Antwort: Die Menschen in Deutschland waren entweder überzeugte Nazis oder willfährige Mitläufer. Oder aber sie schwiegen aus Angst vor Verfolgung.

Hitler wurde am 30. Januar zum Reichskanzler ernannt. Bereits nach wenigen Tagen begann der Terror gegen alle, die sich den Nazis widersetzten. Im Februar 1933 gab es die ersten Massenverhaftungen. Eine Anmerkung am Rande: Auch meine Mutter gehörte zu denjenigen, die damals verhaftet wurden. Ohne Begründung, ohne rechtsstaatliches Verfahren, ohne Urteil war sie 4 Wochen lang inhaftiert.

1933 wurden die ersten Konzentrationslager errichtet. Die ersten, die diese Lager füllten, waren die politischen Gegner des Naziregimes; unter ihnen auch ein Bruder meiner Mutter, den man im Alter von 19 Jahren in das KZ Breitenau bei Kassel verschleppte. So wurde die Bevölkerung eingeschüchtert.

1938 war die Opposition in Deutschland ausgeschaltet. Die Gegner des Regimes – soweit sie noch am Leben waren – befanden sich entweder im Zuchthaus, im KZ oder in der Emigration. In Abwandlung eines bekannten Spruchs von Martin Niemöller kann man sagen: Als die Synagogen brannten, war keiner mehr da, der protestiert hätte.

Heute ist unsere Demokratie wieder in Gefahr. Erst vorgestern wurde eine Studie der Universität Leipzig vorgestellt. Sie kam zu dem Ergebnis, dass die Fremdenfeindlichkeit in der Bevölkerung zunimmt und dass rechtsextreme Gruppen verstärkt in der Öffentlichkeit auftreten. (ARD Tagesschau; 07.11.2018, 20.00 Uhr)

Politik, Behörden und Justiz müssen handeln und mit allen verfügbaren Mitteln der bedrohlichen Rechtsentwicklung Einhalt gebieten.

Die NPD wurde vom Verfassungsgericht nicht verboten, weil sie so unbedeutend sei. Dieses Argument kann heute nicht mehr gebracht werden angesichts der Wahlergebnisse der AfD und des Zulaufs von Pegida und ähnlichen Gruppen. Es genügt nicht, von Wutbürgern zu sprechen und Verständnis zu zeigen für die Sorgen der ‚normalen‘ Bürger, die sich rechtsradikalen Aufmärschen anschließen), Auch die Nazis kamen legal an die Macht. Volksverhetzung und das Zeigen von Nazisymbolen oder des Hitlergrußes sind strafbare Handlungen, die geahndet werden müssen.

An dieser Stelle möchte ich ausdrücklich betonen, dass kriminelle Delikte – von wem auch immer sie begangen werden – ohne Wenn und Aber zu bestrafen sind. Sie dürfen aber keineswegs zu einer pauschalen Verurteilung aller Migranten missbraucht werden.

Im Zusammenhang mit der Debatte um Flüchtlinge und Asylrecht sollten wir gerade heute, am Jahrestag der Reichspogromnacht daran erinnern, dass zahllose Deutsche nur deshalb die Zeit des Naziterrors überleben konnten, weil es ihnen gelang, ins Ausland zu fliehen und dort Aufnahme fanden.

Mit unserer heutigen Zusammenkunft wollen wir erinnern und mahnen. Wir wollen unsere Besorgnis über die zunehmende Intoleranz in Deutschland zum Ausdruck bringen. Wir wollen Stellung beziehen gegen Antisemitismus, Xenophobie, Rassismus, Dabei sollten uns die Menschen, die sich einst dem Naziregime entgegenstellten, Vorbild sein.

Rosel Vadehra-Jonas wurde 1940 in Dörnigheim am Main geboren, sie ist Diplom-Volkswirtin und war bis 1977 als Dozentin in der Erwachsenenbildung des DGB tätig. Sie hat zwei Kinder und wohnt in Essen. Ihre Familie wurde von den Nazis verfolgt. Fünf nahe Angehörige wurden inhaftiert, die Mutter u.a. im KZ Ravensbrück, ein Onkel im KZ Breitenau und im KZ Buchenwald, danach kam er „zur Bewährung“ ins Strafbataillon 999. Von 1990 bis 1994 war Rosel Vadehra-Jonas Bundessprecherin der VVN-BdA und von 1997 bis 2007 Vorsitzende der Lagergemeinschaft Ravensbrück/Freundeskreis e.V., wo sie sich auch heute noch engagiert.

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„Unser Nein zum Krieg ist ein Ja zum Leben“

Friedensdemonstration in Essen am 06.10.2018 gegen die NATO-Kriegskonferenz.

Zum vierten Mal rief das Essener Friedensforum zu einer Demonstration gegen die jährliche NATO-Kriegskonferenz in unserer Nachbarstadt auf. Gegen einen für Militärs auch in Europa führbaren Krieg wendet sich ein breites Bündnis und fordert Konfliktlösungen durch Verhandlungen in den Institutionen kollektiver Sicherheit, wie der OSZE und der UNO. Ein „großer Krieg“, der nach Einschätzung der Militärs seinen Ausgangspunkt im Osten Europas haben könnte, würde unseren ganzen Kontinent in ein Inferno stürzen. Abrüsten statt Aufrüsten ist das Gebot der Stunde. „Unser Nein zum Krieg ist ein Ja zum Leben.“ heißt es in der Erklärung der Friedensdemonstration.

Seit 2015 gibt es im Herbst in der Messe Essen Kriegsplanungs-Konferenzen hoher NATO-Militärs, organisiert von der Kalkarer NATO-Einrichtung „Joint Air Power Competence Centre“ (JAPCC). Das JAPCC ist eines von derzeit 24 steuerfinanzierten NATO-Zentren außerhalb der Kommando-Struktur der NATO, um Führungskräfte zu qualifizieren und Strategien für die Kriegsführung im 21. Jahrhundert – auch in Europa – zu entwickeln. Die Konferenzen werden unter anderem von den Atomrüstungskonzernen Lockheed Martin und General Atomics gesponsert. Die für Oktober 2018 geplante Konferenz wird unter dem Titel „Im Nebel des Tages Null – Luft und Weltraum an der Frontlinie“ eingeladen. Die Stunde Null gilt für die Militärs als Beginn des Krieges.

Friedensdemonstration in Essen am 06.10.2018 gegen die NATO-Kriegskonferenz.

Die Demonstration begann am 6. Oktober um zwei vor zwölf mit einer Kundgebung vor dem RWE-Turm in Essen, der Firmenzentrale des Umwelt zerstörenden Energiekonzerns. Noch zwei weitere Demonstrationen für das Leben fanden an diesem Tag statt, an die Grußworte der Essener Friedensdemonstration gerichtet waren. In Bochum fand eine weitere Demonstration der Initiative „Seebrücke“ statt, die sich für die Seenotrettung von geflüchteten Menschen im Mittelmeer einsetzt und im Hambacher Forst veranstalteten die Aktivisten mit mehreren zehntausend Demonstranten die größte Demonstration des Wochenendes und feierten den vorläufigen Stopp der Rodung. Die Friedensdemonstration sprach sich in den Grußworten für ein solidarischen, friedliches und zukunftsverträgliches Zusammenleben aus und eine Gesellschaft, „in der der Schutz des Lebens Priorität vor allem hat.“

Friedensdemonstration in Essen am 06.10.2018 gegen die NATO-Kriegskonferenz.

Die Breite des Bündnisses in Essen zeigte die Rednerliste. Vor dem RWE-Turm sprachen Bernhard Trautvetter (Essener Friedensforum), Arno Klare (SPD) und Alexander Neu (Die Linke), die Musik dazu und gegen RWE spielte der unnachahmliche Klaus, der Geiger. Von dort aus zog der Demonstrationszug mit schätzungsweise 200 Personen zum Kennedyplatz, wo eine weitere Kundgebung mit Jürgen Rose (Darmstädter Signal kritischer Soldaten) und Walter Wandtke (Bündnis 90/Die Grünen) stattfand. War man am RWE-Turm weitgehend unter sich, so befand sich die Kundgebung am Kennedyplatz in der Mitte der Innenstadt, umgeben von Passanten in Cafes und Restaurants.

Friedensdemonstration in Essen am 06.10.2018 gegen die NATO-Kriegskonferenz.

Essen stellt sich gegen PEGIDA quer

Nach Angaben der örtlichen WAZ folgten gestern 500 Demonstranten dem Aufruf von Essen stellt sich quer gegen den Versuch von 80 Rechten, PEGIDA in Essen zu institutionalisieren. Bemerkenswert sind auch die Namensgeber der Plätze, auf denen demonstriert wurde.

Esen stellt sich quer demonstriert am 13.04.2016 gegen die erste PEGIDA-Demonstration

Essen stellt sich quer demonstriert am 13.04.2016 gegen die erste PEGIDA-Demonstration

Ab 18.30 Uhr zogen 500 Demonstranten auf den Hans-Toussaint-Platz, um dort lautstark und bunt gegen die rechten Demonstranten zu protestieren. Hans Touissant, nachdem der Platz benannt ist, war ein Essener CDU-Politiker, der sich unter anderem 1952 für eine Amnestie „aller im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg begangenen Straftaten“ einsetzte.

Essen stellt sich quer demonstriert am 13.04.2016 gegen die erste PEGIDA-Demonstration

Essen stellt sich quer demonstriert am 13.04.2016 gegen die erste PEGIDA-Demonstration

Die Polizei trennte die beiden Kundgebungen durch massiven Polizeieinsatz und die üblichen Absperrgitter. Unter Deutschlandfahnen fanden sich unter dem Motto „Essen gegen Politikwahnsinn“ etwa 80 Personen auf dem Hirschlandplatz ein. Dieser Platz ist nach der jüdischen Familie Hirschland benannt, deren Bank im Nationalsozialismus „arisiert“ worden ist.

Esen stellt sich quer demonstriert am 13.04.2016 gegen die erste PEGIDA-Demonstration

Essen stellt sich quer demonstriert am 13.04.2016 gegen die erste PEGIDA-Demonstration

Eine weitere Demonstration gegen Rechts findet heute in Gelsenkirchen statt. Auf der Wiese im Stadtgarten neben dem Maritim-Hotel laden Falken und andere Jugendorganisationen ab 18.15 Uhr ein, um gegen eine Veranstaltung der AfD zu protestieren.

Zur Erinnerung an Theo Gaudig (1904-2003)

Selbstportrait Theo Gaudigs an der Drehbank, Januar 1928 als Titelbild der "Arbeiter Illustrierten Zeitung" (AIZ), hier für die Buchveröffentlichung 1997 wiederverwendet.

Selbstportrait Theo Gaudigs an der Drehbank, Januar 1928 als Titelbild der „Arbeiter Illustrierte Zeitung“ (AIZ), hier für die Buchveröffentlichung 1997 wiederverwendet.

Aus Anlass des 71. Jahrestages der Selbstbefreiung des Konzentrationslagers Buchenwald in Thüringen organisieren die DGB-Jugend Mülheim-Essen-Oberhausen und die VVN-BdA Essen am 16./17. April eine Fahrt nach Buchenwald und Weimar. Im Rahmen des Besuchsprogramms wird zum Gedenken an den antifaschistischen Widerstandskämpfer, KZ-Häftling und tausenden Essenern als Zeitzeuge bekannten Theo Gaudig in der Nähe der Gedenkstätte Buchenwald ein Baum gepflanzt.

Theo Gaudig, am 20. Mai 1904 in eine Essener Arbeiterfamilie hinein geboren, lernte nach einer Lehre als Dreher die Unsicherheiten eines Arbeiters in den 1920er Jahren am eigenen Leib kennen. Er erlebte Zeiten von Beschäftigung und Arbeitslosigkeit, engagierte sich gegen die französische Ruhrbesetzung, im Jugendverband der KPD sowie als Arbeiterfotograf. Mit einem Selbstportrait an der Drehbank schaffte er es auf die Titelseite der „Arbeiter Illustrierte Zeitung“ (AIZ).

1928 ging er nach Rumänien, um die dort verbotenen Kommunisten zu unterstützen und wurde zu 15 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Er überlebte ein Erdbeben, welches das rumänische Gefängnis zerstörte und wurde 1942 nach der Verbüßung der Strafe von den Nazis in das KZ Buchenwald gebracht. Nach der Befreiung des Lagers nach Essen zurückgekehrt, erfährt er, dass die Nazis seinen Vater Otto Gaudig noch am 13. April 1945 in der Wenzelnberg-Schlucht ermordet hatten. Endlich kann er – mit 15jähriger Verspätung – seine langjährige Freundin Maria Burger heiraten.

Anfang der 1970er Jahre lernt der Essener Historiker Ernst Schmidt („Lichter in der Finsternis“) Theo Gaudig kennen. Gaudig engagiert sich beim Aufbau eines Archivs der Essener Arbeiterbewegung und der Ausstellung „Widerstand und Verfolgung in Essen 1933-1945“ in der Alten Synagoge Essen sowie als Zeitzeuge, der Schülerinnen und Schüler seine erlebte Geschichte nahebringt und Tausende durch die Ausstellung führt. Noch 1998 erlebte ich ihn als hochbetagten Zeitzeuge in einem Seminar der Universität-Gesamthochschule Essen. Theo Gaudig starb nach einem langen Leben im Jahre 2003.

Foto aus der Ausstellung "Widerstand und Verfolgung in Essen 1933-1945" der 1980er Jahre in der Alten Synagoge Essen

Foto aus der inzwischen verschwundenen Ausstellung „Widerstand und Verfolgung in Essen 1933-1945“ der 1980er Jahre in der Alten Synagoge Essen (Quelle: Stadtbildstelle)

Zur Vorbereitung der Fahrt laden die DGB-Jugend und die VVN-BdA alle Interessierten zu einer gemeinsamen Informationsveranstaltung am 15. März 2016 um 17 Uhr in das Essener Gewerkschaftshaus in der Teichstr. 4 in 45127 Essen ein. Ein Film und eine Lesung vermitteln ein Bild Theo Gaudigs. Die DGB-Jugend legt großen Wert darauf, dass viele Jüngere an der Veranstaltung und der Fahrt teilnehmen. Jan Mrosek, DGB-Jugendbildungsreferent dazu: „Gerade in der heutigen Zeit, wo Fremdenfeindlichkeit und Rassismus wieder stärker werden, ist es umso wichtiger die Geschichte von früher zu erzählen und für junge Menschen greifbar zu machen. Wir müssen als Jugend sprachfähig sein, um heute gegen Hass und Ausgrenzung anzukämpfen.“ Wer Interesse hat mitzufahren, meldet sich bei der DGB-Jugend Essen unter der Telefonnummer 0201-632470.

Quelle der biografischen Angaben zu Theo Gaudig: Das 20. Jahrhundert der Gaudigs. Chronik einer Arbeiterfamilie im Ruhrgebiet. Nach Erzählungen von Theo Gaudig, Heinz Lippe, Irene Schischke und Ernst Schmidt zusammengestellt von Ludger Fittkau, Essen 1997.

„Nazis hält man nur dadurch auf, dass man sich ihnen in den Weg stellt, bevor sie so stark wie 1933 geworden sind“

Fotomontage vom 1. Mai 2015 am Krayer Markt

Fotomontage vom 1. Mai 2015 am Krayer Markt

Leserbrief an die Redaktion der WAZ Gelsenkirchen

Sehr geehrte Damen und Herren,

Ihre Berichterstattung über den – schließlich bereits in Essen wieder abgebrochenen – Aufmarsch der Partei „Die Rechte“ am 1. Mai 2015 von Essen-Kray nach Gelsenkirchen-Rotthausen, und insbesondere die ausführliche Berichterstattung über die demokratischen Gegenproteste in beiden Städten hat mich sehr gefreut. Auch die Hinweise auf die Gefahren, die dadurch entstünden, dass die rechtsextremen Demonstranten der „Die Rechte“ unmittelbar, „nur durch eine Bordsteinkante getrennt“ am Ernst-Käsemann-Platz vorbeimarschierten, auf dem ein großes Freundschaftsfest stattfand, fanden Platz in ihrer Zeitung, ebenso wie die Versicherung der Polizei, die jedem Demonstranten Zugang zum Demonstrationsort zusagte.
Leider befindet sich eine deutliche Lücke in Ihrer Berichterstattung. Über die Ereignisse, die dazu führten, dass die Rechtsextremisten mit ihren schwarzweißroten Fahnen des undemokratischen Kaiserreiches Gelsenkirchener Stadtgebiet gar nicht erst erreichten und die Polizei die Demonstranten auf dem Ernst-Käsemann-Platz in Rotthausen nicht vor ihnen schützen musste, wurde im Gelsenkirchener Lokalteil überhaupt nicht berichtet.

Von Ihrer Berichterstattung unbemerkt fanden, organisiert von einem Bündnis junger Antifaschisten, zwei Sitzblockaden statt. Die erste an einer Radfahrerbrücke über dem geplanten Aufmarschgelände der „Die Rechte“. Die zweite, etwa 50 Meter von der Gelsenkirchener Stadtgrenze entfernt, ebenfalls auf der geplanten Strecke der Rechtsextremisten. Diese zweite wurde schließlich von zahlreichen Bürgern der Stadt, die eine Kundgebung in der Nähe durchgeführt hatten, spontan unterstützt. Zunächst von der Polizei eingekesselt, wurde sie schließlich nur nach Essen hin abgesichert. Wie mir berichtet wurde, hatte sich sogar Oberbürgermeister Baranowski auf den Weg zur Stadtgrenze gemacht, kam aber nicht durch. Im Laufe des Abends trafen – wie ich selbst – noch weitere Demonstrationsteilnehmer aus Essen ein, die sich ebenfalls den Rechtsextremisten in den Weg stellten.
Die Polizei hat diese spontane Kundgebung trotz mehrfacher Aufrufe, die Demonstration aufzulösen, nicht geräumt. Die aus Dortmund und anderen Orten stammenden rechtsextremen Demotouristen wurden stattdessen aufgefordert, wieder zum Bahnhof Kray-Nord zurückzumarschieren, da sie ihren geplanten Kundgebungsort nicht mehr bis 22 Uhr würden erreichen können.
Erfreut über diesen Erfolg, zogen wir zum Ernst-Käsemann-Platz und informierten auf dem Weg dorthin die Anwohner, dass wir nicht die Rechten sind, sondern die, die sie aufgehalten haben. Das Freundschaftsfest auf dem Ernst-Käsemann-Platz war zwar schon beendet, doch für eine kurze Zeit belebten wir den Platz erneut.
So wichtig Freundschafts-, Kultur- und Friedensfeste sind, Nazis hält man nur dadurch auf, dass man sich ihnen in den Weg stellt, bevor sie so stark wie 1933 geworden sind. Das sollten alle Demokraten aus unserer Geschichte gelernt haben.

Ich finde es schade, dass Ihre Zeitung darüber nicht mehr berichtet hat und wünsche mir, dass Sie das der Vollständigkeit halber mit der Veröffentlichung dieses Leserbriefes nachholen.

Mit antifaschistischen Grüßen
Knut Maßmann, Sprecher der VVN-BdA (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten) Kreisvereinigung Gelsenkirchen

Eindrücke von den Gegenprotesten zum versuchten Aufmarsch der „Die Rechte“ am 1. Mai 2015 in Essen und Gelsenkirchen

Kundgebung auf dem Krayer Markt 1. Mai 2015

Kundgebung auf dem Krayer Markt 1. Mai 2015

Sie kamen nicht durch! Damit lässt sich der Demonstrationsabend des 1. Mai 2015 zusammenfassen. Nachdem die faschistische „Die Rechte“ ihre ursprünglich angekündigte Aufmarschroute von Essen-Steele über Essen-Kray nach Gelsenkirchen-Rotthausen bereits auf die beiden letztgenannten Stadtteile reduziert hatte, mussten sie ihren Aufmarsch bereits in Essen wieder beenden und zum Bahnhof Kray-Nord, von dem aus sie gestartet waren, zurücklaufen. Sie kamen nur einen Kilometer weit.

Der Tag hatte mit der üblichen 1. Mai-Kundgebung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) begonnen. Als ich gegen 17 Uhr mit dem Fahrrad die Demostrecke über Rotthausen nach Kray fuhr, befanden sich bereits an vielen Stellen Mannschaftswagen und Einsatzkräfte der Polizei. Auf dem Krayer Markt, dem Kundgebungsort der Gegenkundgebung von „Essen stellt sich quer“ und „Kray ist bunt“ sammelten sich langsam die Gegendemonstranten. Der Kundgebungsort war umstellt von Mannschaftswagen, Absperrgittern und zahlreichen Beamten. Hier war der Ort, wo sich Gegendemonstranten und Rechte nah gegenüberstanden, als auf der anderen Seite des Krayer Marktes, getrennt durch die polizeiliche Absperrung, die Rechte mit ihren schwarz-weiß-roten Fahnen des antidemokratischen Deutschlands aufmarschierte.

Kundgebung auf dem Krayer Markt 1. Mai 2015

Kundgebung auf dem Krayer Markt 1. Mai 2015

Obwohl die Polizei im Vorfeld erklärt hatte, dass jeder den Kundgebungsort erreichen konnte, wurden etwa 200 Kundgebungsteilnehmer, die vom Essener Hauptbahnhof mit der S-Bahn nach Kray-Nord fahren wollten, von ebendieser Polizei im Bahnhof eingekesselt. Erst Proteste der Veranstalter und ein eingeschalteter Rechtsanwalt bewirkten, dass sie einen Bus nehmen durften. Unterdessen hatte es entlang der geplanten Demonstrationsstrecke wenigstens zwei Blockaden gegeben, erfolgreich sollte die in unmittelbarer Nähe des Kundgebungsortes des Gelsenkirchener „Bündnis gegen Krieg und Faschismus“ an der Plaßhofsbankstraße, etwa 50 Meter auf Essener Gebiet sein. Die Demonstranten blieben trotz mehrfacher Aufforderung der Polizei stehen und weigerten sich die Straße zu verlassen.

Die Essener Demonstranten zogen unterdessen zum nächsten Kundgebungsort an der Bonifaciusstraße. Mannschaftswagen quer über der Straße versperrten den Zugang zum Demonstrationsweg und zur Kundgebung nach Rotthausen. Die Zusage, dass jeder Kundgebungsteilnehmer den Kundgebungsort erreichen konnte, galt offenbar nichts mehr. Ich konnte an dieser Stelle die Wut von Demonstranten bei anderen Demonstrationen und dass sie sich in Gewalt ausdrückt sehr gut verstehen. Wir blieben friedlich und gelangten auf „Schleichwegen“ zur Demonstration am Stadteingang von Gelsenkirchen. Hier, noch auf Essener Gebiet, verstärkten wir die Demonstration und versperrten weiterhin die Straße. Bei den Demonstranten handelte es sich um einen bunten Altersdurchschnitt, die ein Ziel einte: Gelsenkirchen Nazifrei!

Kundgebung auf dem Krayer Markt 1. Mai 2015 gegen den Aufmarsch der "Die Rechte"

Kundgebung auf dem Krayer Markt 1. Mai 2015 gegen den Aufmarsch der „Die Rechte“

Der Jubel war groß, als endlich die Durchsage kam, dass die faschistische „Die Rechte“ ihren Aufmarsch abbrechen und zum Bahnhof Kray-Nord zurückkehren musste. Sie waren gerade einen Kilometer weit gekommen. Mit einer Spontandemo zogen die erfolgreichen Antifaschisten nach Rotthausen auf den Ernst-Käsemann-Platz. Das von der „Demokratischen Initiative“ unterstützte Fest der Rotthauser Initiativen war hier zwar bereits zuende als wir anlangten, doch wir belebten den Platz erneut.

Und: Nicht der Tanker „Demokratische Initiative“ hat Rotthausen vor den Nazis geschützt, sondern es war ein großes, buntes Bündnis aus AUF, Autonomen, DIDF, DKP, Falken, Grünen, Jusos, Linken, MLPD, Piraten, einem SPD-Ratsherrn, VVN-BdA, und vor allem Bürgerinnen und Bürger aus Essen und Gelsenkirchen, die sich den Nazis in den Weg gestellt haben!

Rechts-Demonstration am 1. Mai 2015 von Essen nach Gelsenkirchen erzeugt Gegenproteste in beiden Städten (IV)

VVN-BdA Nazi-Aufmärsche blockieren ist unser Recht!Der Protest gegen die geplante Demonstration von Essen-Steele nach Gelsenkirchen-Rotthausen der in Dortmund und Hamm in den Stadträten vertretenen rechtsextremistischen Partei “Die Rechte” wächst weiter. Der Polizeipräsident hat die Rechts-Demo leider nicht verboten.

Wie auch die WAZ berichtete, war der geplante Aufmarsch Thema in der Sitzung der Bezirksvertretung Süd. Mit der zu erwarteten Gegenstimme der Vertreterin der rechtspopulistischen Pro NRW unterstützt die Bezirksvertretung mit großer Mehrheit den Aufruf der „Demokratischen Initiative“ für eine Veranstaltung auf dem neuen Rotthauser Markt, dem „Ernst-Käsemann-Platz“.

Die Planung für ein großes Freundschaftsfest in Gelsenkirchen Rotthausen, auch hier berichtete die WAZ, wird getragen von der Emmaus-Kirchengemeinde, dem interkulturellen Stammtisch und weiteren Gruppen und interessierten Bürgern. Unterdessen bereiten auch die beiden anderen Gelsenkirchener Bündnisse, „G-E-blockt“ und das aus dem Antikriegstagsbündnis hervorgegangene „Bündnis gegen Krieg und Faschismus“, weitere Proteste vor.