Archiv für den Monat Oktober 2017

„Im traurigen Monat November war’s“

Ein Blick in den Wagen von Gunter Demnig mit den für die Verlegungen vorbereiteten Stolpersteinen. Foto aus dem Jahre 2016 in Gelsenkirchen.

Im traurigen Monat November war’s,
Die Tage wurden trüber,
Der Wind riß von den Bäumen das Laub,
Da reist ich nach Deutschland hinüber,
(Heinrich Heine: Deutschland. Ein Wintermärchen, 1844)

In diesem November stehen zwei Gedenkveranstaltungen in Gelsenkirchen auf dem Programm, die – wenn wir es positiv sehen wollen – die Vielfalt des Gedenkens an die Opfer der Verbrechen der Nazis zeigen. Wie in jedem Jahr ruft die DI, die „Demokratische Initiative gegen Diskriminierung und Gewalt, für Menschenrechte und Demokratie – Gelsenkirchen“ zum Gedenken an die Pogrome in der sogenannten „Reichskristallnacht“ vom 9./10. November 1938 auf. Und später im November, am Freitag, dem 24. November 2017, kommt zum inzwischen zehnten Mal der Kölner Aktionskünstler Gunter Demnig nach Gelsenkirchen, um weitere Stolpersteine zur Erinnerung an die Opfer der Nazis zu verlegen.

Die inzwischen selbstverständlich gewordene Gedenkveranstaltung der DI findet in jedem Jahr an einem anderen Ort statt. In diesem Jahr ist ein Schweigezug in Gelsenkirchen-Erle ab 18.30 Uhr vom Elisabeth-Krankenhaus zur Dokumentationsstätte „Gelsenkirchen im Nationalsozialismus“ geplant. Dort wird um 19.00 Uhr eine Kundgebung stattfinden, bei der Alexander Welp (Consol-Theater) „Zitate aus den Ermittlungen zum Gelsenkirchener Synagogenbrand von 1938“ vortragen wird. Frank Baranowski, Oberbürgermeister und Schirmherr der DI wird die jährliche Gedenkrede halten.

Die Dokumentationsstätte „Gelsenkirchen im Nationalsozialismus“ befindet sich in einem Gebäude, in dem Ortsgruppen der NSDAP und Einheiten der Erler SA untergebracht gewesen sind. In einem Schulungsraum im Obergeschoss ist auf einer Wand das Parteiprogramm der NSDAP abgebildet, das nach seiner Wiederentdeckung 1989 unter Denkmalschutz gestellt worden ist. Der Rat der Stadt Gelsenkirchen beschloss damals die Einrichtung des Dokumentationszentrums sowie die Gründung des Instituts für Stadtgeschichte. Eine erste Dauerausstellung ist am 8. Mai 1994 eröffnet worden, eine neue Dauerausstellung am 8. Mai 2015. Die neue Dauerausstellung thematisiert die von den Nazis propagierte „Volksgemeinschaft“ und fragt nach den Bedingungen und konkreten Mechanismen vor Ort, mit denen die Nazis einen sozialen Konsens herzustellen suchten. Daneben vergisst die Ausstellung nicht Verfolgung und Widerstand und die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit nach 1945.

Die Dokumentationsstätte „Gelsenkirchen im Nationalsozialismus“ auf der Cranger Straße 323 in Gelsenkirchen-Erle. Das Gebäude wurde 1907 ursprünglich als Polizeidienststelle errichtet.

Ein ganz anderes Erinnerungsmodell, welches nicht auf rationale Beschäftigung, sondern auf persönliche Betroffenheit setzt, verfolgt der Kölner Bildhauer und Aktionskünstler Gunter Demnig. Mit kleinen, in das Straßenpflaster eingesetzten Steinen erinnert er – in der Regel am letzten frei gewählten Wohnort – an verfolgte und ermordete Opfer der Nazis. Dabei unterscheidet er nicht zwischen Juden, politisch Verfolgten, Homosexuellen, Zeugen Jehovas, Sinti oder Behinderte. Ein Stolperstein kann für jedes Opfer verlegt werden und erinnert immer genau an eine Person. Neben der Beschriftung „Hier wohnte“ finden sich weitere knappe Angaben, wie Name, Lebensdaten und Verfolgungsgrund. Dort, wo die verfolgten und ermordeten Menschen ihren Lebensmittelpunkt hatten, wird auf ihr Verfolgungsschicksal hingewiesen.

Weit über 60.000 Stolpersteine hat Demnig seit 1992 in Europa verlegt. Das „größte dezentrale Mahnmal“ ist dabei nicht unstrittig. Zur wiederholten Kritik gehört die Ansicht, hier werde das Andenken mit Füßen getreten. Eine völlig entgegengesetzte Erfahrung machte ich in unserer Nachbarstadt Duisburg. In der Innenstadt wurde ich plötzlich von unten geblendet, als sich die Sonne in der Messingoberfläche eines Stolpersteins spiegelte. Ich stoppte und verbeugte mich, um die Inschrift zu lesen. Auch eine beliebte Kritik, hier würden öffentliche Gelder verschwendet, trifft nicht zu. Die Verlegung der Stolpersteine wird durch private Spenden und die Übernahme von „Patenschaften“ finanziert. Organisator in Gelsenkirchen ist Andreas Jordan mit der Arbeitsgruppe Stolpersteine von Gelsenzentrum e.V. In Gelsenkirchen sind es seit der ersten Verlegung im Jahre 2009 161 Stolpersteine, die in allen Stadtteilen an ganz unterschiedliche Menschen, die aus ganz unterschiedlichen Gründen verfolgt wurden, erinnern.

Gunter Demnig, der am heutigen 27. Oktober 2017 seinen 70. Geburtstag feiert, wird am 24. November 2017 an sieben Orten in Gelsenkirchen insgesamt 25 weitere Stolpersteine verlegen. Beginnen wird er um 9.00 Uhr für die Familie Günsberg auf der Poststraße 20, dann folgen Stolpersteine um 9.30 Uhr für die Familie Block auf der Schalker Straße 75, um 10.15 Uhr für Elisabeth Makowiak auf der Florastraße 76 und um 10.45 Uhr für die Familie Nussbaum auf der Hildegardstraße 21. Um 11.30 Uhr wird Demnig vor dem Grillo-Gymnasium einen Stolperstein für den ehemaligen Schüler Fritz Gompertz mit der Inschrift „Hier lernte“ verlegen. Daran schließt sich um 12.00 Uhr die Verlegung für die Familie Cohn auf der Wittekindstraße 21 an. Ihren Abschluss findet die diesjährige Aktion um 12.45 Uhr mit den ersten Stolpersteinen auf der Bahnhofstraße, für die Familie Gompertz an der Ecke Bahnhofstraße 22/Klosterstraße.

Gunter Demnig vor dem Haupteingang des Grillo-Gymnasiums in der Hauptstraße 60. Foto aus dem Jahr 2016.

Meine Beschreibung Gunter Demnigs als Bildhauer und Aktionskünstler macht auch die Bedeutung der Stolpersteine als Gesamtkunstwerk deutlich. Es geht nicht nur darum, dass Steine im Pflaster vorhanden sind. Seine Bedeutung erhält das Projekt durch die zelebrierte Verlegung selbst und durch die wiederkehrende Verlegung weiterer Stolpersteine. Darüber hinaus lassen sie sich für Formen entdeckenden Lernens ebenso nutzen wie für ganz profan scheinende Aktivitäten wie „Putzaktionen“. Letztere erwecken durchaus eine ganz besondere öffentliche Aufmerksamkeit.

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„Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch!“

Blick durch den Polizeikordon in die Veranstaltung der AfD am 12. Mai 2017.

Ihr aber lernet, wie man sieht statt stiert
Und handelt, statt zu reden noch und noch.
So was hätt einmal fast die Welt regiert!
Die Völker wurden seiner Herr, jedoch
Daß keiner uns zu früh da triumphiert –
Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch!
(Bertolt Brecht: Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui. Epilog)

17 % der Wähler in Gelsenkirchen markierten zur diesjährigen Bundestagswahl ihr Revier und machten unsere Stadt zur AfD-Hochburg im Westen der Republik. Dabei ist der Erfolg rechter Parteien in Gelsenkirchen keine Neuigkeit.

Bereits zur Kommunalwahl 1989 holten „Die Republikaner“ 7,4 % in unserer Stadt. In den Wahlen zwischen 1994 und 2004 sanken sie auf zwischen 3,1 und 4,0 % ab. Die Parteien wechselten, Inhalte, Wähler und Protagonisten blieben. Zur Kommunalwahl 2009 übernahm Pro NRW mit 4,3 % das rechte Wählerpotential. Kevin G. Hauer war 2007 von den Republikanern zu Pro NRW gewechselt und behielt mit wechselndem Parteibuch seinen Sitzplatz im Rat der Stadt. Seit der letzten Kommunalwahl sitzen auch noch drei Vertreter der AfD darin. Neben personellen Konituitäten wie im Falle Hauers gehört auch das Zerstreiten innerhalb der Fraktion zu Kontinuitäten rechter Parteien. Die drei AfD-Mitglieder im Rat bilden derzeit einen zerstrittenen Haufen aus einer zweiköpfigen Ratsgruppe und einen Einzelmandatsträger.

Die jüngste Aktivität des Einzelmandatsträgers Herrn Preuß bestand in einer Anfrage nach einer Statistik zur Erteilung von Arbeitsgenehmigungen für Ausländer in Gelsenkirchen seit 2012. So kann man die Verwaltung einer Stadt natürlich auch beschäftigen.

Zur Kontinuität der rechten Parteien gehört ebenfalls, dass man sich nach außen eine demokratische Fassade gibt. Ein Beispiel gibt ein Bericht in der „Die Zeit“ aus dem Jahre 1993. Der damalige Landesvorsitzende der Republikaner, Uwe Goller, gibt sich und seiner Partei in einem Interview eine gemäßigte Haltung, während Zitate interner Schriften eine andere Sprache sprechen. Ein ähnliches Muster kennen wir aus der gegenwärtigen AfD angesichts der öffentlich gewordenen Kommunikation von AfD-Anhängern in internen Gruppen sozialer Medien.

„Das wird man doch wohl noch sagen dürfen …“

Deutlich verändert hat sich allerdings das öffentliche Klima. Im Umfeld von AfD, PEGIDA & Co sind heute Dinge öffentlich sagbar geworden, die vor 1990 nur am Stammtisch in bierseliger Laune möglich gewesen sind. Im Ergebnis führte auch das zu den Wahlerfolgen der AfD – nicht nur in Gelsenkirchen. Die These, dass viele die AfD aus Enttäuschung über die anderen Parteien oder weil sie von der herrschenden Politik abgehängt sind gewählt hätten, teile ich nicht. Es mag diese Fälle geben, aber wer die AfD wählt, teilt mindestens einen Teil ihrer Überzeugungen. Auch die Annahme, die AfD sei ein Problem des Ostens unserer Republik, wie es beispielsweise die Ruhrbarone mit ihrer Überschrift „Gelsenkirchen: Der Osten im Westen“ suggerieren, ist so nicht haltbar. Zwar erzielte sie dort die höheren Prozentwerte und überholte in Sachsen die CDU, doch wenn man sich die Wähler in absoluten Zahlen ansieht, dann stehen 3,9 Millionen Wähler im Westen nur 1,9 Millionen Wähler im Osten gegenüber.

Mit den Wahlerfolgen rechter Parteien und der Verschiebung des öffentlichen Diskurses nach Rechts ging und gehen auch vermehrt tätliche Angriffe einher. 2010 wurde das Fritz-Erler-Haus, ein Jugendheim der für ihre antifaschistische Arbeit bekannten sozialdemokratischen Jugendorganisation „Die Falken“ in Gelsenkirchen-Hassel sowie umliegende Fahrzeuge mit Hakenkreuzen beschmiert. Diese Aktion reihte sich in ähnlichen Aktionen gegen andere Falken-Häuser ein. 2015 wurde die bekannte Antifaschistin Heike Jordan erst von einem Neo-Nazi tätlich bedroht, dann das Haus in Gelsenkirchen-Horst, in dem sie und ihr Mann leben, gleich zweimal in kurzem Abstand mit Hakenkreuzen und anderen Schmierereien beschmutzt.

Gegenwärtig wird Monika Gärtner-Engel (MLPD, AUF Gelsenkirchen) massiv bedroht. Man muss die politischen Vorstellungen, die zudem in Gelsenkirchen mit dem Wahlbündnis AUF Gelsenkirchen nur ein geringes Wählerpotential erreichen, nicht gutheißen, aber ein Aufruf zum Mord überschreitet alle Grenzen der politischen Auseinandersetzung! Solidaritätsbekundungen gab es in allen Fällen. Die Hauswand in Gelsenkirchen-Horst wurde 2015 beide Male aus den Reihen des Bündnis gegen Krieg und Faschismus kurztfristig gesäubert, die Schmierereien übermalt. Gegen die Morddrohungen gegen Monika Gärtner-Engel gab es Solidaritätsadressen von Bündnis 90/Die Grünen, Die Linke sowie der DKP. Nach jüngsten Informationen wird die Montagsdemonstration ebenfalls bedroht.

Was tun gegen Rechts?

Die Analyse der Rechtsentwicklung wäre nicht komplett ohne eine Antwort auf die Frage, was sich dagegen unternehmen lässt. Vielleicht hilft ein kleiner Blick in das beschauliche Münster. Dort erzielte die AfD zur Bundestagswahl nur 4,9 %. Es handelt sich bundesweit um den einzigen Wahlkreis, in dem die Partei die Fünfprozenthürde nicht überschritt. Wie kommt das? Britta Baas, verantwortliche Redakteurin, schreibt dazu in der jüngsten Ausgabe von „Publik-Forum“, einer des Linksextremismus unverdächtigen Zeitschrift kritischer Christen: „Vier Monate vor der Wahl begann in Münster eine organisierte Zivilgesellschaft, unterstützt von demokratischen Parteien, sich gegen den organisierten Rechtspopulismus aufzulehnen. Als die AfD im Februar ihren Neujahrsempfang gab, protestierten über 8000 Menschen auf dem Prinzipalmarkt gegen die Partei. Ihr Slogan: ‚Ihr seid nicht wir!'“

In Gelsenkirchen jedoch gestaltet sich die Zusammenarbeit gegen Rechts schwierig. So ist es auch kein Zufall, dass es zum Beispiel angesichts des geplanten Aufmarsches der „Die Rechte“ am 1. Mai 2015 in Gelsenkirchen kein gemeinsames Bündnis „Gelsenkirchen stellt sich quer“ wie in benachbarten Städten gab. Stattdessen organisierten örtliche Organisationen in Gelsenkirchen-Rotthausen auf dem Ernst-Käsemann-Platz ein Freundschafts- und Kulturfest. Ein Bündnis aus Jugendorganisationen bildete das Bündnis „G-E-blockt“ mit dem Ziel, Sitzblockaden durchzuführen. Das seit 2011 bestehende Antikriegstagsbündnis benannte sich zum „Bündnis gegen Krieg und Faschismus“ um und demonstrierte direkt an der Stadtgrenze Essen-Gelsenkirchen.

Überaus träge erweist sich – verglichen mit Münster – die „Demokratische Initiative gegen Diskriminierung und Gewalt, für Menschenrechte und Demokratie – Gelsenkirchen“. Sie besteht seit 1992 und hat derzeit 23 Mitglieder, alles Organisationen und Institutionen aus dem demokratischen Spektrum, darunter neben der Stadt Gelsenkirchen Parteien, Wohlfahrtsverbände sowie weitere Organisationen und Institutionen. Der Oberbürgermeister ist Schirmherr der Initiative. Sie organisiert jährlich die Gedenkveranstaltung zur Pogromnacht vom 9. November 1938. Weitere, bemerkenswerte, eigene Aktivitäten in den letzten Jahren sind mir nicht bekannt. Leider.

Gedenkstättenfahrt nach Hamburg

Gedenkstätte Neuengamme mit Blick auf den Eingangsbereich. Im Vordergrund die Grundrisse der nicht erhaltenen Baracken.

Der Besuch in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme in Hamburg zeigte mir deutlicher als jeder Gedenkstättenbesuch zuvor die Ausbeutung der KZ-Häftlinge durch die Wirtschaft. Das KZ Neuengamme ist gezielt errichtet worden, um billige Arbeitskräfte für die geplanten NS-Großbauten zur Verfügung zu haben.

Am 14./15. Oktober 2017 fuhr eine Gruppe junger und alter Menschen gemeinsam nach Hamburg, um sich über das KZ Neuengamme zu informieren. Organisiert wurde die Fahrt von der DGB-Jugend MEO (Mülheim Essen Oberhausen) und der VVN-BdA Essen (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten). Zum Programm gehörten neben dem Besuch der Gedenkstätte auch eine alternative Hafenrundfahrt zum Thema.

Waren die ersten Konzentrationslager in Nazi-Deutschland seit 1933 zur Inhaftierung und Folterung politischer Gegner der Nazis eingerichtet worden, kamen im Laufe der Jahre weitere Verfolgtengruppen hinzu: Juden, Sinti, Homosexuelle, Zeugen Jehovas sowie sogenannte „Kriminelle“ und „Asoziale“. Ab 1936/37 wurde die Ausbeutung der Arbeitskraft der Häftlinge zu einem wirtschaftlichen Faktor für den Betrieb der KZs. Hierzu wurde die „Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH“ mit Mitgliedern der SS-Führung als Gesellschafter gegründet.

Teilansicht des ehemaligen Klinkerwerks des SS-Unternehmens „Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH“ im KZ Neuengamme.

Anlass für die Gründung des Konzentrationslagers Neuengamme war die Ziegelproduktion für die geplanten Nazi-Großbauten in Hamburg. Dazu zählten ein 250 Meter hohes „Gauhochhaus“, ein „Kraft-durch-Freude-Hotel“ und eine Hochbrücke über die Elbe als „Tor zur Welt“. Das Konzentrationslager wurde 1938 zunächst als Außenlager des KZ Sachsenhausen in einer stillgelegten Ziegelei gegründet und 1940 zum „selbständigen“ Konzentrationslager mit zahlreichen Außenlagern in Norddeutschland während des Krieges.

Das Konzentrationslager und die Hansestadt waren eng miteinander verbunden. So gewährte beispielsweise die Stadt Hamburg dem SS-Unternehmen Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH ein Darlehen in Höhe von einer Million Reichsmark für den Bau eines großen und modernen Klinkerwerks. Im Gegenzug versprach die SS „erstklassige Klinkerware preiswert herzustellen“.

Die Dauerausstellung in der Gedenkstätte zeigt anschaulich die Herkunftsländer der KZ-Häftlinge.

Die ersten KZ-Häftlinge stammten aus Deutschland, während des Krieges kamen Männer und Frauen aus den besetzten Gebieten Europas hinzu und bildeten nach kurzer Zeit die Mehrheit. Mehr als die Hälfte von Ihnen kam aus Osteuropa, aber auch aus den Niederlanden, Belgien, Frankreich und Dänemark wurden Tausende Menschen in das KZ und seinen mehr als 85 Außenlagern verschleppt. Zwischen 1938 und 1945 waren über 100.000 Menschen im System des Konzentrationslagers Neuengamme eingesperrt, etwa die Hälfte von ihnen wurde durch die mörderischen Arbeits- und „Lebensbedingungen“ ermordet.

Vernichtung durch Arbeit

Zehn bis zwölf Stunden Schwerstarbeit mussten die KZ-Häftlinge täglich in den unterschiedlichen Arbeitskommandos leisten. Neben dem Aufbau des Klinkerwerks gehörte die Arbeit in den Tongruben, die Schiffbarmachung der Dove Elbe und das Anlegen eines Stichkanals zu den furchtbarsten Einsätzen. Aufgrund der ungenügenden Ernährung und Bekleidung sowie der Arbeit im Freien bei jedem Wetter betrug die durchschnittliche Überlebensdauer in den Tongruben 90 Tage. Im weiteren Verlauf des Krieges kamen Arbeiten in der Rüstungsproduktion und in der Trümmerbeseitigung, vor allem in den Außenlagern, hinzu.

In der Ausstellung sind neben den von der SS hergestellten Propagandafotos auch Zeichnungen mit realistischeren Darstellungen zu finden.

Die KZ-Häftlinge schliefen in dreistöckigen Holzgestellen dichtgedrängt auf Strohsäcken, die sanitären „Einrichtungen“ waren unzureichend und für die geschwächten KZ-Häftlinge nur sehr begrenzt zu nutzen. Morgens gab es einen dünnen „Kaffee“, mittags eine dünne Suppe und abends die Brotration für den folgenden Tag. Als Kleidung waren nur die gestreifte Häftlingskleidung, die nicht wärmte, und Holzschuhe erlaubt.

Sterben gehörte im KZ zum Alltag, KZ-Häftlinge starben an Hunger, Entkräftung, den mörderischen Arbeitsbedingungen und an gezielten Mordaktionen der SS-Männer. Zum Kriegsende 1945 gelang es der SS zunächst, die Spuren ihrer Verbrechen in Neuengamme zu verwischen und das Lager zu räumen. Tausende Häftlinge starben hilflos in Lagern wie Sandbostel oder Bergen-Belsen, 9000 starben bei einem britischen Luftangriff auf die schwimmenden KZs in der Lübecker Bucht, die für Truppentransporter gehalten wurden. Am 2. Mai 1945 erreichten britische Truppen das geräumte KZ Neuengamme.

Vom Knast zur Gedenkstätte

Die Lagergebäude des ehemaligen Konzentrationslagers wurde nach 1945 zunächst zur Unterbringung von „Displaced Persons“ verwendet, also für alle Menschen, die als Zwangsarbeiter oder aus anderen Gründen aus vielen Ländern Europas nach Deutschland verschleppt worden waren und deren Heimkehr organisiert werden musste. Daran schloss sich die Nutzung als Internierungslager für die Verbrecher der SS, NSDAP und Wehrmacht an. Eine ähnliche Nutzung fand im ehemaligen Konzentrationslager Dachau statt, das Lager wurde zuerst für die Inhaftierung und Verurteilung von SS-Angehörigen genutzt und später für die Unterbringung von Flüchtlingen und Vertriebenen aus dem Sudetenland.

Innerhalb der Gedenkstätte Neuengamme finden sich bauliche Reste des früheren Gefängnisses.

1948 wurde das Lagergelände Neuengamme der Stadt Hamburg übergeben, die einen Teil der Gebäude abriss und mit der „Vollzugsanstalt Vierlande“ ein Gefängnis einrichtete, dem in den 1960er Jahren eine Jugendstrafanstalt folgte. Diese Nutzung hier wie an anderen Orten des Nazi-Terrors zeigt, dass diese Orte oft in einer „Kontinuität der Ausgrenzung“ (Thomas Lutz 1995) standen und stehen.

Auf Drängen der Überlebenden wurde 1953 eine erste, schlichte Gedenksäule, ohne Inschrift errichtet. Während in Dachau 1965 die erste Gedenkstätte der Bundesrepublik Deutschland eröffnet wurde, die mit einer Ausstellung den historischen Ort erklärte, wurde in Hamburg-Neuengamme 1965 das internationale Mahnmal mit einer 27 Meter hohen Stele aus grauen Quadersteinen, einer Gedenkmauer vor der 18 Steinplatten mit Namen der Völker und Nationen liegen und der Bronzeskulptur „Sterbender Häftling“ der französischen Bildhauerin Francoise Salmon, Überlebende des KZ Auschwitz, errichtet. Eine Ausstellung, die den Ort erklärt, wurde erst 1981 (!) mit dem „Dokumentenhaus“ eröffnet. 1995 folgte eine neue Dauerausstellung auf größerer Fläche. Erst 2005/06 wurde nach Schließung und Verlegung beider Gefängnisse fast der gesamte Bereich des ehemaligen Konzentrationslagers zur Gedenkstätte.

Teil der 1965 eröffneten Gedenkstätte mit dem internationalen Mahnmal.

KZ Gedenkstätte Neuengamme

Sie ist eine der größten Gedenkstätten Deutschlands und umfasst 17 erhaltene Gebäude und eine Vielzahl von Angeboten zur Information über das historische Geschehen. Die nicht mehr erhaltenen Baracken sind als Grundrisse gekennzeichnet, das Außengelände an vielen Stellen dokumentiert. Neben der Hauptausstellung in einer ehemaligen Häftlingsunterkunft gibt es vier weitere Dauerausstellungen, unter anderem zur Lager-SS, zur Zwangsarbeit im Klinkerwerk aber auch zum Widerspruch von Gefängnis und Gedenkstätte.

Blick in die Hauptausstellung, die in einer ehemaligen Häftlingsunterkunft untergebracht ist. Sie trägt den Titel „Zeitspuren: Das Konzentrationslager Neuengamme 1938-1945 und seine Nachgeschichte“.

Während der etwa dreistündigen Führung erhielt unsere Gruppe einen Eindruck vom Leben, Arbeiten und Sterben unter den unerträglichen Bedingungen des Konzentrationslagers sowie von den Einsätzen für verschiedene Betriebe in den Außenlagern, die vom Einsatz billiger Häftlinge profitierten. Unsere Führung gelangte zum 1965 errichteten internationalen Mahnmal und zum 1981 eröffneten Dokumentenhaus. Es wurde 1995 zum „Haus des Gedenkens“ umgestaltet und erinnert mit den 23.395 bekannten Namen der Toten an alle im Konzentrationslager durch die tödlichen Bedingungen oder Aktionen der SS-Männer ermordeten KZ-Häftlinge. Da es der SS gegen Kriegsende gelang, die Unterlagen zu vernichten, sind nicht alle Namen bekannt. Der Ort wird von Nachkommen der Überlebenden angenommen, von ihnen werden Fotos der gemordeten und Blumen zum Gedenken hinterlassen.

Bronzefigur „Sterbender Häftling“ aus dem Jahre 1965 der französischen Bildhauerin Francoise Salmon, Überlebende des KZ Auschwitz.

DGB-Jugend und VVN-BdA legten vor der Stele des internationalen Mahnmals gemeinsam ein Gesteck nieder und gedachten der Ermordeten.

Faschismus, Widerstand und Verfolgung im Hamburger Hafen

Die Alternative Hafenrundfahrt am folgenden Tag schilderte den Einsatz der Häftlinge im Hafen und an der Elbe und zeigte erhaltene und nicht erhaltene Orte ihres Leidens. Zugleich erfuhren wir von Widerstand und Solidarität der Hafenarbeiter, die beispielsweise die Unterstützung der Faschisten im Spanischen Bürgerkrieg durch Nazi-Deutschland verbreiteten, indem sie Informationen über die Lieferung von Militärgütern aus Hamburg weitergaben.

Erschütternd war der Bericht über ein „Außenlager“ in einem Speichergebäude für osteuropäische junge Frauen, die als Zwangsarbeiterinnen unter unvorstellbaren Bedingungen in einem Gebäude untergebracht waren, dass für die Lagerung von Gütern gedacht ist. Während der Bombenangriffe, denen sie im Gegensatz zur deutschen Bevölkerung, die wenigstens Luftschutzbunker aufsuchen durfte, schutzlos ausgeliefert waren, drängten sie sich in die untersten Etagen des Speichers, wo es durch das steigende Wasser des Flusses nass und kalt war.

KZ-Außenlager in einem Speicher, einem Lagergebäude im Hamburger Hafen. Hier waren junge Osteuropäerinnen im Alter von 15 Jahren unter unvorstellbaren Bedingungen untergebracht.

Gedenkstätte Bullenhuser Damm

Während des Vorbereitungstreffens für diese Fahrt hatte der gebürtige Hamburger, Ulrich Sander, Bundessprecher der VVN-BdA, im Essener DGB-Haus über ein Beispiel für den Jugendwiderstand in Hamburg berichtet und von eigenen Erfahrungen erzählt. Er wurde als Kind in der Schule am Bullenhuser Damm eingeschult. Im gleichen Gebäude hatten am 20. April 1945 SS-Männer 20 jüdische Kinder und weitere Erwachsene ermordet, um die Spuren der an ihnen verübten Verbrechen zu verwischen und unliebsame Zeugen zu beseitigen. Die Kinder waren zuvor wie Laborratten für medizinische Experimente missbraucht worden.

Heute besteht dort neben der Janusz-Korczak-Schule die Gedenkstätte Bullenhuser Damm. Seit 1980 erinnert die Gedenkstätte an die ermordeten Kinder und Erwachsenen, seit 2011 erzählt eine über den Schulhof zugängliche Ausstellung im Gebäude die Geschichte des Ortes, der Opfer, der Tat, der Strafverfolgung, der Spurensuche und der Erinnerung. Die Taträume sind bewusst leer gelassen.

Gedenkstätte Bullenhuser Damm und zugleich Janusz-Korczak-Schule. Hier wurden 1945 20 jüdische Kinder von SS-Männern ermordet.

Auf dem Rückweg von Hamburg nach Essen hielten wir dort. Die jugendlichen Teilnehmer unserer Fahrt erinnerten im Rosengarten hinter dem Schulgebäude an die Opfer und legten Blumen nieder.

Aus der Geschichte lernen

Gedenkstättenfahrten wie diese sind anstrengend, führen sie doch zu den Schattenseiten der Geschichte, die viele verleugnen wollen. Natürlich trifft die heutige Generation keine Schuld an den Verbrechen, doch angesichts einer zunehmenden Rechtsentwicklung in anderen europäischen Ländern und auch in Deutschland ist es wichtig, aus der Geschichte zu lernen, dass und warum sie sich nicht wiederholen darf.

In einer Zeit, in der im Umfeld von AfD, Pegida & Co. in übelster Weise rassistische Vorurteile über geflüchtete Menschen verbreitet werden und in einer Zeit in der Politiker die Einrichtung von Lagern befürworten (die sie natürlich mit besser klingenden Begriffen bezeichnen) sowie Flüchtlinge nach ihrer Nützlichkeit sortieren wollen heißt es wachsam zu sein gegenüber den Anfängen einer Politik, die zu aus der Geschichte bekannten Ergebnissen führen kann.

Die Trennlinie verläuft nicht zwischen Nationen und Völkern, sondern zwischen Faschisten und Antifaschisten.

Gedenkort im Rosengarten der Gedenkstätte Bullenhuser Damm hinter dem Schulgebäude.

„Das zweite Trauma“ über ein ungesühntes Massaker – in der Flora aufgeführt

„Das zweite Trauma“ ist ein Dokumentarfilm von Jürgen Weber über eines der vielen Massaker, die deutsche Soldaten, mal in Wehrmachts-Uniform, mal als Waffen-SS, während des Zweiten Weltkrieges verübten. In Sant’Anna di Stazzema, einem kleinen Dorf in den Bergen der nördlichen Toskana, wurden am 12. August 1944 rund 560 Zivilisten, überwiegend Frauen und Kinder, von Einheiten der Waffen-SS auf zum Teil unvorstellbar grausame Weise ermordet. Das Kriegsverbrechen wurde auch nach 1945 sowohl in Italien wie in Deutschland lange Zeit „beschwiegen“.

Die für Gelsenkirchener Verhältnisse gut besuchte Filmvorführung fand am 17.10.2017 in der Flora statt. Über dreißig Besucher aus verschiedenen Altersgruppen besuchten die von Gelsenzentrum e.V. organisierte, gemeinsam mit der VVN-BdA durchgeführte und von der Rosa-Luxemburg-Stiftung geförderte Veranstaltung. Im 2016 uraufgeführten Film erzählen Überlebende wie Enrico Pieri und Enio Mancini, die als Kinder den Leichenbergen ihrer Eltern, Freunden und Verwandten entstiegen waren, ihre bedrückenden Erlebnisse. Eingebettet sind die Erinnerungen, denen der Film einen breiten Raum gibt, in Aufnahmen der romantischen Berglandschaft, historischen Aufnahmen und Aufnahmen der Gedenkstätte. Der Film thematisiert auch die fehlende juristische Aufarbeitung, die erst spät ab 2002 in Italien begann und in Deutschland nicht stattfand. Keiner der Mörder wurde in Deutschland angeklagt, vor Gericht gestellt und verurteilt. 2015 wurde das letzte Verfahren in Deutschland eingestellt.

Jürgen Weber, Journalist und Regisseur aus Konstanz am Bodensee und ebenfalls Mitglied der VVN-BdA, stand im Anschluss an den Film noch für Fragen aus dem Publikum bereit. Das Publikum beteiligte sich mit zahlreichen Fragen, Anmerkungen und Wortbeiträgen. Auf die Frage, warum er diesen Film gemacht habe, erzählte er von seiner langjährigen Beschäftigung mit den italienischen Partisanen. Den Anstoss gab die Begegnung mit den Überlebenden des Massaker und – letztendlich – der Besuch des Bundespräsidenten Gauck, der 2013 behauptet hatte, der Rechtsstaat habe keine geeigneten Mittel um Gerechtigkeit herzustellen. Der Film nimmt diese Aussage zu Beginn auf und gibt eine völlig andere Antwort auf diese Frage als Gauck.

In seinen einleitenden Worten stellte Knut Maßmann für die VVN-BdA die Veranstaltung in den aktuellen Kontext der Äußerungen des AfD-Politikers Gauland, der ein Recht darauf einforderte, wie andere Nationen auch stolz auf die Leistungen deutscher Soldaten in beiden Weltkriegen zu sein. Diese Veranstaltung ist auch eine Antwort darauf.

„Das zweite Trauma“ wurde 2017 in seiner italienischen Fassung „Il secondo trauma“ in Sant’Anna di Stazzema aufgeführt. Beide Sprachfassungen sind auch als Kinofassungen für Programmkinos und Kommunale Kinos erhältlich, der Kinoverleih wird von Querwege betrieben. Seit kurzem gibt es auch eine didaktische Fassung für den Einsatz in Schulen.

Jugendwiderstand in Hamburg

Veröffentlichung von Ulrich Sander zum Jugendwiderstand in Hamburg.

Zur Vorbereitung der diesjährigen Gedenkstättenfahrt der DGB-Jugend MEO (Mülheim-Essen-Oberhausen) und der VVN-BdA Essen luden die Veranstalter Ulrich Sander, Bundessprecher der VVN-BdA, ein. Der gebürtige Hamburger, der sich lange mit dem Jugendwiderstand gegen das Naziregime beschäftigt hatte, erzählte über die Gruppe um Helmuth Hübener, der 17jährig vom sogenannten „Volksgerichtshof“ zum Tode verurteilt und am 27. Oktober 1942 zur Abschreckung für andere hingerichtet wurde.

Ulrich Sander zog seine Zuhörer in den Bann, indem er nicht einfach nur ein Thema referierte, sondern die Geschichte Helmuth Hübeners verbunden mit eigenen Erfahrungen aus Hamburg erzählte. Unterstützt wurde er mit Bildern und Dokumenten aus einer früheren Veröffentlichung.

Helmuth Hübener stammt aus einem religiösen Elternhaus und hörte heimlich und in Nazi-Deutschland verboten deutschsprachige Sendungen der BBC ab. Gemeinsam mit Freunden fasste er die Informationen zu Flugblättern zusammen, die sie – mangels Vervielfältigungsmöglichkeit – mehrfach mit einer Schreibmaschine abschrieben und heimlich verteilten. Bei dem Versuch, die Gruppe zu erweitern, wurde Hübener verraten, „wegen … Vorbereitung zum Hochverrat und landesverräterischer Fein(d)begünstigung“ zum Tode verurteilt und am 27. Oktober 1942 hingerichtet.

Bereits im vergangenen Jahr hatten die Kooperationspartner eine gemeinsame Fahrt nach Buchenwald organisiert. In diesem Jahr wird die Fahrt am 14./15. Oktober nach Hamburg gehen. Vorgesehen sind eine Führung durch die KZ-Gedenkstätte Neuengamme sowie eine alternative Hafenrundfahrt zu den Einsatzorten der KZ-Zwangsarbeiter.

Sollten Schulen nicht nach Vorbildern genannt werden? (II)

Eingang zum Eduard-Spranger-Berufskolleg in Gelsenkirchen-Buer auf der Goldbergstraße.

Endlich gibt es eine Debatte über den Namensgeber des Eduard-Spranger-Berufskollegs in Gelsenkirchen! Allerdings zeigt die Äußerung des Schulleiters, Manfred Abstiens, im städtischen Bildungsausschuss, dass noch viel Aufklärungsbedarf besteht. Der Erziehungswissenschaftler Benjamin Ortmeyer betitelte seine Habilitationsschrift nicht ohne Grund mit „Mythos und Pathos statt Logos und Ethos“. In mehreren anderen Städten Deutschlands befinden sich nach Eduard Spranger benannte Schulen im Prozess der Umbenennung.

Vorweg möchte ich an dieser Stelle eines deutlich machen: Es geht nicht um die pädagogische Arbeit des Berufskollegs und Wirtschaftsgymnasiums in Gelsenkirchen-Buer, sondern um den Namensgeber. Die öffentliche Benennung von Straßen, Plätzen und Institutionen ehrt die Namensgeber und macht sie auch zum Vorbild. Daher lautet m.E. die Frage, ob Eduard Spranger in der Gegenwart ein Vorbild für Schüler sein kann. Warum ich diese Frage verneine, stelle ich in der Folge dar.

Beginnen wir mit der Diskussion im Bildungsausschuss. Auf Antrag von Bündnis 90/Die Grünen ist dieses Thema in der letzten Sitzung behandelt und der Schulleiter, Manfred Abstiens, eingeladen worden. Anlass war ein Bericht in der lokalen WAZ über Kritik am Namensgeber Eduard Spranger. Für Schulleiter Abstiens, berichtet die WAZ (Online 03.10.2017), sei Eduard Spranger „einer der größten Pädagogen, die die Welt hervorgebracht hat.“ Viel mehr gibt der Bericht zur Position des Schulverantwortlichen leider nicht her. Interessant ist in jedem Fall die Nachfrage des Schulleiters nach dem Interesse von Stadt und Politik. Die WAZ zitiert: „Wenn die Entscheidung aber bei der Schule selbst beziehungsweise der Schulkonferenz liegt, am Ende des Aufarbeitungsprozesses, dann muss die Stadt auch garantieren, dass dieser Beschluss dauerhaft gilt“. Das klingt nach einer Ewigkeitsgarantie, ohne dass sichergestellt ist, wie der innerschulische „Aufarbeitungsprozess“ ablaufen soll. Beobachter sehen die Rolle Abstiens dabei kritisch. In den Gelsenkirchener Geschichten schreibt ein Besucher unter anderem: „An seinen Worten hätten – so mein Eindruck – auch die Herren Alexander Gauland (…) ihre helle Freude haben können.“ Diese Einschätzung lässt tief blicken. Ich bin mir nicht sicher, ob unter diesen Umständen ein ergebnisoffener Prozess in der Schulgemeinde möglich ist.

Über Eduard Spranger habe ich bereits in meinem früheren Beitrag geschrieben. Kurz zusammengefasst: Eduard Spranger (1882-1963) ist ein deutschnationaler Pädagoge, der im Kaiserreich sozialisiert wurde, in der Weimarer Republik, der er ablehnend gegenüberstand, Bedeutung für Forschung und Lehre gewann und nach 1945 seine Karriere unbeirrt fortsetzte, als sei nichts gewesen. Die Zeit von 1933 bis 1945 wurde von ihm wie von vielen anderen Wissenschaftlern auch bis zur Unkenntlichkeit verzerrt, verklärt und beschönigt. Als Wissenschaftler zählt Eduard Spranger zur Richtung der „Geisteswissenschaftlichen Pädagogik“, bei der es sich in der Weimarer Republik und in der frühen Bundesrepublik um die bedeutendste Richtung der Pädagogik in Forschung und Lehre handelte.

Zur weithin unbekannten Seite des bedeutenden Pädagogen gehören seine Veröffentlichungen während der Nazi-Zeit, in denen er die Politik des nationalsozialistischen Staates unterstützte. Benjamin Ortmeyer, pädagogischer Mitarbeiter im Fachbereich Erziehungswissenschaft der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, hat sich mit der Studie „Mythos und Pathos statt Logos und Ethos“ über Eduard Spranger und drei weiteren Vertretern der Pädagogik 2008 habilitiert. Die 600 Seiten starke Studie macht deutlich, dass Spranger nicht nur NS-Jargon verwendet hat, sondern trotz Einwände im Detail die Politik Nazi-Deutschlands unterstützt hat.

„Mythos und Pathos statt Logos und Ethos“ von Benjamin Ortmeyer thematisiert nicht nur die NS-Vergangenheit bedeutender Pädagogen, sondern auch deren unwürdige „Vergangenheitsbewältigung“ nach 1945.

Eduard Spranger hatte unbestritten eine wichtige Rolle in der Pädagogik seiner Zeit und war als Wissenschaftler in seiner Zeit wirkmächtig. Doch worauf beruht die Einschätzung von Abstiens, Spranger sei „einer der größten Pädagogen, die die Welt hervorgebracht hat.“ Handelt es sich dabei nicht eher um eine national-bornierte Ansicht, bei der Spranger pathetisch überhöht wird? An dieser Stelle möchte ich niemanden mit der Aufzählung einer Reihe bedeutender Pädagogen langweilen, die vermutlich außerhalb der pädagogischen Zunft wenig bekannt sein dürften, zumal zugleich die Frage mitdiskutiert werden müsste, ob und warum sie das Attribut „groß“ verdienen. Vielmehr haben viele Pädagogen in der Geschichte schrittweise dazu beigetragen, wichtige Fragen wissenschaftlich zu thematisieren und praktisch zu erproben. Doch wenn wir schon über „größte Pädagogen, die die Welt hervorgebracht hat“ diskutieren, können wir Deutschland, Mitteleuropa und den europäischen Kontinent verlassen und einmal einen kurzen Blick auf einen bedeutenden Pädagogen Südamerikas werfen.

Paulo Freire (1921-1997), in Brasilien geboren, gläubiger Katholik, Rechtsanwalt, Professor für Geschichte und Philosophie, UNESCO-Experte für Bildungsfragen in Chile, Sonderberater für Bildungsfragen beim Ökumenischen Rat in Genf. Freire ist bekannt für seine – damals neuartigen – Programme zur Alphabetisierung Erwachsener in den „Favelas“, den Slums und trostlosen Landarbeitersiedlungen Brasiliens. Er gilt als bedeutendster Volkspädagoge der Gegenwart und lehnt die von ihm so bezeichnete „Bankierserziehung“ ab, nach der der Lehrer „Einlagen“ in die Köpfe der Schüler macht. Sein pädagogische Praxis ist vom Prinzip her als Dialog auf gleicher Augenhöhe zwischen Lehrer und Schüler angelegt. Sie zielt mit dem Prinzip der Bewusstmachung (conscientizacao) auf die Selbstbefreiung der Armen in den nachkolonialen Gesellschaften Südamerikas an und in der Lebenssituation des Einzelnen. Lehren bedeutet für ihn Problematisieren, nicht Programmieren mit fremdem Wissen und Beschreiben fremder Wirklichkeit, Lernen ist dann ein Erkenntnisvorgang, der das Leben des einzelnen verändert. Nach einem Militärputsch in Brasilien 1964 musste Freire das Land verlassen und konnte erst 1980 wieder nach Brasilien zurückkehren.

Ich möchte nicht Paulo Freire als Namensgeber für das Berufskolleg und Wirtschaftsgymnasium in Gelsenkirchen-Buer vorschlagen, sondern wollte mit der kurzen Darstellung über ihn deutlich machen, dass es sehr viele andere bedeutende Pädagogen auf der Welt gibt. Zudem haben wir es bei Freire – anders als bei Spranger – mit einem Pädagogen zu tun, der sich der Militärdiktatur nicht unterworfen oder gar mitgemacht hat. Zudem können wir nach allem was wir wissen davon ausgehen, dass Spranger nicht gegen seine Überzeugung in Nazi-Deutschland geblieben ist und mitgemacht hat, sondern seinen Überzeugungen treu geblieben ist und auch in Nazi-Deutschland treu bleiben konnte.

Medienberichten zufolge befinden sich drei nach Eduard Spranger benannte Schulen, in Mannheim, in Frankfurt-Sossenheim und in Landau in der Pfalz, im Prozess der Umbenennung. In Gelsenkirchen gab es 2012 (!) eine Anfrage durch den gemeinnützigen Verein Gelsenzentrum an das Berufskolleg zu dieser Frage, die unbeantwortet blieb. Erst der Artikel in der lokalen WAZ im Juli diesen Jahres und die darauf folgende Sitzung des Bildungsausschusses in der letzten Woche haben die Diskussion in Gang gebracht. Inzwischen befindet sich ein Eintrag, unter der Überschrift „Eduard Spranger – ein guter Name für ein Berufskolleg?“ auch auf der Homepage des Berufskollegs. Schon sprachlich sticht dieser Beitrag durch seine Verschleierung historischer Tatsachen hervor, der nicht in der Lage ist, die Nazi-Zeit beim Namen zu nennen. So heißt es unter anderem dort: „Doch seine kontrovers diskutierte Rolle in der Zeit in der er lebte, bietet Anlass zur Debatte, ob unsere Schule auch weiterhin nach Eduard Spranger benannt sein sollte.“ Das ist kein gutes Signal für den dort ebenfalls angekündigten „ sorgfältige(n) und demokratische(n) Prozess“. Der Beschluss des Bildungsausschusses, den Rat der Stadt in die Entscheidung einzubinden und ein richtungsweisendes Signal zu geben, erscheint daher mehr als sinnvoll.

Zum Abschluss möchte ich noch auf die Frage eingehen, welches denn ein guter Name für das Berufskolleg und Wirtschaftsgymnasium in Gelsenkirchen-Buer sein könnte. Ein Vorschlag liegt der Öffentlichkeit bereits vor. Der umtriebige und seiner Partei vermutlich unbequeme Sozialdemokrat Klaus Brandt hat mit Maria Kraneburg (1880-1936) den Namen der ersten Leiterin des Mädchenlyzeums Buer als Namenspatin vorgeschlagen. Anders als Spranger geriet sie 1933 in Konflikt mit dem Nazi-Gesetz „„zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“. Es gäbe hier die Möglichkeit, nicht nur ein Opfer der Nazis zu ehren, sondern auch eine Frau, die nach Aussage des ehemaligen Oberbürgermeisters Zimmermann das Mädchenlyzeum Buer „aus kleinsten Anfängen unter Ihrer vortrefflichen Leitung zu einer der blühendsten Schulen Preußens entwickelt hat“. Sicher keine der „größten Pädagogen der Welt“, aber eine, die in unserer Stadt erfolgreich für eine pädagogische Einrichtung gearbeitet hat. Sie ist auf dem alten Friedhof in Buer beigesetzt und wie viele Opfer der Nazis in Vergessenheit geraten. Es gibt noch nicht einmal eine Erinnerungsortetafel, die an sie erinnert.

Supplement
Eine Rezension zu Ortmeyers „Mythos und Pathos statt Logos und Ethos“ findet sich hier.