Schlagwort-Archive: SS

Gedenkstättenfahrt nach Hamburg

Gedenkstätte Neuengamme mit Blick auf den Eingangsbereich. Im Vordergrund die Grundrisse der nicht erhaltenen Baracken.

Der Besuch in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme in Hamburg zeigte mir deutlicher als jeder Gedenkstättenbesuch zuvor die Ausbeutung der KZ-Häftlinge durch die Wirtschaft. Das KZ Neuengamme ist gezielt errichtet worden, um billige Arbeitskräfte für die geplanten NS-Großbauten zur Verfügung zu haben.

Am 14./15. Oktober 2017 fuhr eine Gruppe junger und alter Menschen gemeinsam nach Hamburg, um sich über das KZ Neuengamme zu informieren. Organisiert wurde die Fahrt von der DGB-Jugend MEO (Mülheim Essen Oberhausen) und der VVN-BdA Essen (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten). Zum Programm gehörten neben dem Besuch der Gedenkstätte auch eine alternative Hafenrundfahrt zum Thema.

Waren die ersten Konzentrationslager in Nazi-Deutschland seit 1933 zur Inhaftierung und Folterung politischer Gegner der Nazis eingerichtet worden, kamen im Laufe der Jahre weitere Verfolgtengruppen hinzu: Juden, Sinti, Homosexuelle, Zeugen Jehovas sowie sogenannte „Kriminelle“ und „Asoziale“. Ab 1936/37 wurde die Ausbeutung der Arbeitskraft der Häftlinge zu einem wirtschaftlichen Faktor für den Betrieb der KZs. Hierzu wurde die „Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH“ mit Mitgliedern der SS-Führung als Gesellschafter gegründet.

Teilansicht des ehemaligen Klinkerwerks des SS-Unternehmens „Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH“ im KZ Neuengamme.

Anlass für die Gründung des Konzentrationslagers Neuengamme war die Ziegelproduktion für die geplanten Nazi-Großbauten in Hamburg. Dazu zählten ein 250 Meter hohes „Gauhochhaus“, ein „Kraft-durch-Freude-Hotel“ und eine Hochbrücke über die Elbe als „Tor zur Welt“. Das Konzentrationslager wurde 1938 zunächst als Außenlager des KZ Sachsenhausen in einer stillgelegten Ziegelei gegründet und 1940 zum „selbständigen“ Konzentrationslager mit zahlreichen Außenlagern in Norddeutschland während des Krieges.

Das Konzentrationslager und die Hansestadt waren eng miteinander verbunden. So gewährte beispielsweise die Stadt Hamburg dem SS-Unternehmen Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH ein Darlehen in Höhe von einer Million Reichsmark für den Bau eines großen und modernen Klinkerwerks. Im Gegenzug versprach die SS „erstklassige Klinkerware preiswert herzustellen“.

Die Dauerausstellung in der Gedenkstätte zeigt anschaulich die Herkunftsländer der KZ-Häftlinge.

Die ersten KZ-Häftlinge stammten aus Deutschland, während des Krieges kamen Männer und Frauen aus den besetzten Gebieten Europas hinzu und bildeten nach kurzer Zeit die Mehrheit. Mehr als die Hälfte von Ihnen kam aus Osteuropa, aber auch aus den Niederlanden, Belgien, Frankreich und Dänemark wurden Tausende Menschen in das KZ und seinen mehr als 85 Außenlagern verschleppt. Zwischen 1938 und 1945 waren über 100.000 Menschen im System des Konzentrationslagers Neuengamme eingesperrt, etwa die Hälfte von ihnen wurde durch die mörderischen Arbeits- und „Lebensbedingungen“ ermordet.

Vernichtung durch Arbeit

Zehn bis zwölf Stunden Schwerstarbeit mussten die KZ-Häftlinge täglich in den unterschiedlichen Arbeitskommandos leisten. Neben dem Aufbau des Klinkerwerks gehörte die Arbeit in den Tongruben, die Schiffbarmachung der Dove Elbe und das Anlegen eines Stichkanals zu den furchtbarsten Einsätzen. Aufgrund der ungenügenden Ernährung und Bekleidung sowie der Arbeit im Freien bei jedem Wetter betrug die durchschnittliche Überlebensdauer in den Tongruben 90 Tage. Im weiteren Verlauf des Krieges kamen Arbeiten in der Rüstungsproduktion und in der Trümmerbeseitigung, vor allem in den Außenlagern, hinzu.

In der Ausstellung sind neben den von der SS hergestellten Propagandafotos auch Zeichnungen mit realistischeren Darstellungen zu finden.

Die KZ-Häftlinge schliefen in dreistöckigen Holzgestellen dichtgedrängt auf Strohsäcken, die sanitären „Einrichtungen“ waren unzureichend und für die geschwächten KZ-Häftlinge nur sehr begrenzt zu nutzen. Morgens gab es einen dünnen „Kaffee“, mittags eine dünne Suppe und abends die Brotration für den folgenden Tag. Als Kleidung waren nur die gestreifte Häftlingskleidung, die nicht wärmte, und Holzschuhe erlaubt.

Sterben gehörte im KZ zum Alltag, KZ-Häftlinge starben an Hunger, Entkräftung, den mörderischen Arbeitsbedingungen und an gezielten Mordaktionen der SS-Männer. Zum Kriegsende 1945 gelang es der SS zunächst, die Spuren ihrer Verbrechen in Neuengamme zu verwischen und das Lager zu räumen. Tausende Häftlinge starben hilflos in Lagern wie Sandbostel oder Bergen-Belsen, 9000 starben bei einem britischen Luftangriff auf die schwimmenden KZs in der Lübecker Bucht, die für Truppentransporter gehalten wurden. Am 2. Mai 1945 erreichten britische Truppen das geräumte KZ Neuengamme.

Vom Knast zur Gedenkstätte

Die Lagergebäude des ehemaligen Konzentrationslagers wurde nach 1945 zunächst zur Unterbringung von „Displaced Persons“ verwendet, also für alle Menschen, die als Zwangsarbeiter oder aus anderen Gründen aus vielen Ländern Europas nach Deutschland verschleppt worden waren und deren Heimkehr organisiert werden musste. Daran schloss sich die Nutzung als Internierungslager für die Verbrecher der SS, NSDAP und Wehrmacht an. Eine ähnliche Nutzung fand im ehemaligen Konzentrationslager Dachau statt, das Lager wurde zuerst für die Inhaftierung und Verurteilung von SS-Angehörigen genutzt und später für die Unterbringung von Flüchtlingen und Vertriebenen aus dem Sudetenland.

Innerhalb der Gedenkstätte Neuengamme finden sich bauliche Reste des früheren Gefängnisses.

1948 wurde das Lagergelände Neuengamme der Stadt Hamburg übergeben, die einen Teil der Gebäude abriss und mit der „Vollzugsanstalt Vierlande“ ein Gefängnis einrichtete, dem in den 1960er Jahren eine Jugendstrafanstalt folgte. Diese Nutzung hier wie an anderen Orten des Nazi-Terrors zeigt, dass diese Orte oft in einer „Kontinuität der Ausgrenzung“ (Thomas Lutz 1995) standen und stehen.

Auf Drängen der Überlebenden wurde 1953 eine erste, schlichte Gedenksäule, ohne Inschrift errichtet. Während in Dachau 1965 die erste Gedenkstätte der Bundesrepublik Deutschland eröffnet wurde, die mit einer Ausstellung den historischen Ort erklärte, wurde in Hamburg-Neuengamme 1965 das internationale Mahnmal mit einer 27 Meter hohen Stele aus grauen Quadersteinen, einer Gedenkmauer vor der 18 Steinplatten mit Namen der Völker und Nationen liegen und der Bronzeskulptur „Sterbender Häftling“ der französischen Bildhauerin Francoise Salmon, Überlebende des KZ Auschwitz, errichtet. Eine Ausstellung, die den Ort erklärt, wurde erst 1981 (!) mit dem „Dokumentenhaus“ eröffnet. 1995 folgte eine neue Dauerausstellung auf größerer Fläche. Erst 2005/06 wurde nach Schließung und Verlegung beider Gefängnisse fast der gesamte Bereich des ehemaligen Konzentrationslagers zur Gedenkstätte.

Teil der 1965 eröffneten Gedenkstätte mit dem internationalen Mahnmal.

KZ Gedenkstätte Neuengamme

Sie ist eine der größten Gedenkstätten Deutschlands und umfasst 17 erhaltene Gebäude und eine Vielzahl von Angeboten zur Information über das historische Geschehen. Die nicht mehr erhaltenen Baracken sind als Grundrisse gekennzeichnet, das Außengelände an vielen Stellen dokumentiert. Neben der Hauptausstellung in einer ehemaligen Häftlingsunterkunft gibt es vier weitere Dauerausstellungen, unter anderem zur Lager-SS, zur Zwangsarbeit im Klinkerwerk aber auch zum Widerspruch von Gefängnis und Gedenkstätte.

Blick in die Hauptausstellung, die in einer ehemaligen Häftlingsunterkunft untergebracht ist. Sie trägt den Titel „Zeitspuren: Das Konzentrationslager Neuengamme 1938-1945 und seine Nachgeschichte“.

Während der etwa dreistündigen Führung erhielt unsere Gruppe einen Eindruck vom Leben, Arbeiten und Sterben unter den unerträglichen Bedingungen des Konzentrationslagers sowie von den Einsätzen für verschiedene Betriebe in den Außenlagern, die vom Einsatz billiger Häftlinge profitierten. Unsere Führung gelangte zum 1965 errichteten internationalen Mahnmal und zum 1981 eröffneten Dokumentenhaus. Es wurde 1995 zum „Haus des Gedenkens“ umgestaltet und erinnert mit den 23.395 bekannten Namen der Toten an alle im Konzentrationslager durch die tödlichen Bedingungen oder Aktionen der SS-Männer ermordeten KZ-Häftlinge. Da es der SS gegen Kriegsende gelang, die Unterlagen zu vernichten, sind nicht alle Namen bekannt. Der Ort wird von Nachkommen der Überlebenden angenommen, von ihnen werden Fotos der gemordeten und Blumen zum Gedenken hinterlassen.

Bronzefigur „Sterbender Häftling“ aus dem Jahre 1965 der französischen Bildhauerin Francoise Salmon, Überlebende des KZ Auschwitz.

DGB-Jugend und VVN-BdA legten vor der Stele des internationalen Mahnmals gemeinsam ein Gesteck nieder und gedachten der Ermordeten.

Faschismus, Widerstand und Verfolgung im Hamburger Hafen

Die Alternative Hafenrundfahrt am folgenden Tag schilderte den Einsatz der Häftlinge im Hafen und an der Elbe und zeigte erhaltene und nicht erhaltene Orte ihres Leidens. Zugleich erfuhren wir von Widerstand und Solidarität der Hafenarbeiter, die beispielsweise die Unterstützung der Faschisten im Spanischen Bürgerkrieg durch Nazi-Deutschland verbreiteten, indem sie Informationen über die Lieferung von Militärgütern aus Hamburg weitergaben.

Erschütternd war der Bericht über ein „Außenlager“ in einem Speichergebäude für osteuropäische junge Frauen, die als Zwangsarbeiterinnen unter unvorstellbaren Bedingungen in einem Gebäude untergebracht waren, dass für die Lagerung von Gütern gedacht ist. Während der Bombenangriffe, denen sie im Gegensatz zur deutschen Bevölkerung, die wenigstens Luftschutzbunker aufsuchen durfte, schutzlos ausgeliefert waren, drängten sie sich in die untersten Etagen des Speichers, wo es durch das steigende Wasser des Flusses nass und kalt war.

KZ-Außenlager in einem Speicher, einem Lagergebäude im Hamburger Hafen. Hier waren junge Osteuropäerinnen im Alter von 15 Jahren unter unvorstellbaren Bedingungen untergebracht.

Gedenkstätte Bullenhuser Damm

Während des Vorbereitungstreffens für diese Fahrt hatte der gebürtige Hamburger, Ulrich Sander, Bundessprecher der VVN-BdA, im Essener DGB-Haus über ein Beispiel für den Jugendwiderstand in Hamburg berichtet und von eigenen Erfahrungen erzählt. Er wurde als Kind in der Schule am Bullenhuser Damm eingeschult. Im gleichen Gebäude hatten am 20. April 1945 SS-Männer 20 jüdische Kinder und weitere Erwachsene ermordet, um die Spuren der an ihnen verübten Verbrechen zu verwischen und unliebsame Zeugen zu beseitigen. Die Kinder waren zuvor wie Laborratten für medizinische Experimente missbraucht worden.

Heute besteht dort neben der Janusz-Korczak-Schule die Gedenkstätte Bullenhuser Damm. Seit 1980 erinnert die Gedenkstätte an die ermordeten Kinder und Erwachsenen, seit 2011 erzählt eine über den Schulhof zugängliche Ausstellung im Gebäude die Geschichte des Ortes, der Opfer, der Tat, der Strafverfolgung, der Spurensuche und der Erinnerung. Die Taträume sind bewusst leer gelassen.

Gedenkstätte Bullenhuser Damm und zugleich Janusz-Korczak-Schule. Hier wurden 1945 20 jüdische Kinder von SS-Männern ermordet.

Auf dem Rückweg von Hamburg nach Essen hielten wir dort. Die jugendlichen Teilnehmer unserer Fahrt erinnerten im Rosengarten hinter dem Schulgebäude an die Opfer und legten Blumen nieder.

Aus der Geschichte lernen

Gedenkstättenfahrten wie diese sind anstrengend, führen sie doch zu den Schattenseiten der Geschichte, die viele verleugnen wollen. Natürlich trifft die heutige Generation keine Schuld an den Verbrechen, doch angesichts einer zunehmenden Rechtsentwicklung in anderen europäischen Ländern und auch in Deutschland ist es wichtig, aus der Geschichte zu lernen, dass und warum sie sich nicht wiederholen darf.

In einer Zeit, in der im Umfeld von AfD, Pegida & Co. in übelster Weise rassistische Vorurteile über geflüchtete Menschen verbreitet werden und in einer Zeit in der Politiker die Einrichtung von Lagern befürworten (die sie natürlich mit besser klingenden Begriffen bezeichnen) sowie Flüchtlinge nach ihrer Nützlichkeit sortieren wollen heißt es wachsam zu sein gegenüber den Anfängen einer Politik, die zu aus der Geschichte bekannten Ergebnissen führen kann.

Die Trennlinie verläuft nicht zwischen Nationen und Völkern, sondern zwischen Faschisten und Antifaschisten.

Gedenkort im Rosengarten der Gedenkstätte Bullenhuser Damm hinter dem Schulgebäude.

Advertisements

Wewelsburg – Ideologie und Terror der SS

Die Wewelsburg an einem trüben Novembertag 2013

Die Wewelsburg an einem trüben Novembertag 2013

Die in Ostwestfalen gelegene Wewelsburg ist nicht nur eine architekturgeschichtliche Besonderheit. Die sehenswerte Dreiecksburg diente Heinrich Himmler für Nazi-Fantasy-Pläne, die 1285 KZ-Häftlinge mit ihrem Leben bezahlten. Heute befindet sich im ehemaligen SS-Wachgebäude eine der wenigen Ausstellungen zur NS-Zeit, die die Täter in den Mittelpunkt stellt. Von hier aus lassen sich auch die erhaltenen Kulträume der SS im Nordturm besuchen. Die Fotos stammen von einem Besuch der Museumsausstellung in der Burg selbst und der zeitgeschichtlichen Ausstellung zur SS im November 2013.

Überraschend klein erschien meiner Begleiterin und mir die Wewelsburg, als wir an einem trüben Novembertag 2013 dort ankamen. Ihre wechselhafte Geschichte wird in einer beeindruckenden Museumsausstellung in der Burg selbst dargestellt, die wir uns zuerst ansahen. Die seit dem 12. Jahrhundert auf vorhandenen Bauwerken errichtete Wewelsburg wurde im 17. Jahrhundert zum Renaissanceschloss umgebaut, nach Zerstörungen im Dreißigjährigen Krieg wiederhergestellt und verfiel während des 19. Jahrhunderts zu einer romantischen Ruine. 1815 schlug ein Blitz in den Nordturm ein und ließ eine ausgebrannte Turmruine zurück.

Modell des Renaissanceschlosses in der Museumsausstellung, wie es zu Beginn des 17. Jahrhunderts ausgesehen hat. Die Zugbrücke war aus Holz und alle drei Ecktürme trugen noch Zinnenkränze. Die Anlage besteht aus einem gleichschenkligen Dreieck.

Modell des Renaissanceschlosses in der Museumsausstellung, wie es zu Beginn des 17. Jahrhunderts ausgesehen hat. Die Zugbrücke war aus Holz und alle drei Ecktürme trugen noch Zinnenkränze. Die Anlage besteht aus einem gleichschenkligen Dreieck.

In der Weimarer Republik wurde das wieder instand gesetzte Gebäude zu einem überregionalen Veranstaltungsort der katholischen Jugendbewegung. 1925 eröffneten Jugendherberge und Heimatmuseum, auch zahlreiche örtliche Veranstaltungen fanden hier statt. 1934 mietete Heinrich Himmler im Namen der NSDAP die Wewelsburg, zunächst um ein Schulungszentrum der SS einzurichten, später sollte sie zu einer Art „Ritterordenszentrale“ der SS werden. Mit dem zunächst erfolgreichen Krieg wurden die Baupläne immer fantastischer und gigantischer. Zu ihrer Umsetzung wurde ein Konzentrationslager eingerichtet. 1945 durch ein Sprengkommando der SS zerstört, dient das Bauwerk heute wieder wie vor 1934 als Jugendherberge und beherbergt das Kreismuseum und Historische Museum des Hochstifts Paderborn.

Gemälde in der Museumsausstellung wie sie in der Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg ausgesehen hat

Gemälde in der Museumsausstellung, wie die Wewelsburg in der Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg ausgesehen hat

Aufgrund der Zerstörungen, Umbauten und Verfallsperioden haben sich nur wenige Zeugnisse der Baugeschichte erhalten. Aus dem 17. Jahrhundert stammen der Verhörraum mit Verlieszellen, im Volksmund auch „Hexenkeller“ genannt. 1759 diente das Verlies als Militärgefängnis, hauptsächlich für Deserteure. Seit 1802 wurde es nicht mehr genutzt bis die Nazis während der Reichspogromnacht 1938 die männlichen Mitglieder der jüdischen Gemeinde Salzkotten hier einpferchten, bevor sie in das KZ Buchenwald gebracht wurden. Diese und weitere erhaltene Gebäudeteile, darunter auch den im Bild unten gezeigten, besuchten wir im Verlauf des Museumsrundgangs.

Museumsraum 7 mit Mittelsäule und Fußboden aus dem 17. Jahrhundert und einer Ausstellung zu Zeiterfahrungen in der vorindustriellen Welt

Museumsraum 7 mit Mittelsäule und Fußboden aus dem 17. Jahrhundert und einer Ausstellung zu Zeiterfahrungen in der vorindustriellen Welt

Himmlers Vorstellung von der Funktion der Wewelsburg innerhalb der SS veränderte sich im Laufe der Zeit. Aus der Reichsführerschule SS des Jahres 1934 wurde ab 1936 die Zentrale des SS-Gruppenführercorps, zu der repräsentative Bauvorhaben sowie die Schaffung von synthetischen Traditionen mit Elementen eines Ritterordens, rassistischen Vorstellungen und vorchristlichen, pseudogermanischen Motiven gehörten. So sollte Wewelsburg beispielsweise Aufbewahrungsort für die SS-Totenkopfringe nach dem Tod ihrer Träger werden. Zur Finanzierung gründete Himmler die „Gesellschaft zur Förderung und Pflege deutscher Kulturdenkmäler“ als eingetragenen Verein, der anders als die SS, die eine nicht rechtsfähige Gliederung der NSDAP war, steuerbegünstigt Spenden sammeln und Kredite aufnehmen konnte. Kredite erhielt der Verein unter anderem von der Dresdner Bank.

Die Wewelsburg mit dem Zugang zum Hauptportal und dem Nordturm rechts.

Die Wewelsburg mit dem Zugang zum Hauptportal und dem Nordturm rechts.

Die auffälligste Veränderung an der Wewelsburg fand bereits 1934 durch die Entfernung des Außenputzes statt, der das Renaissance-Schloss schon vom äußeren her zu einer Burg machte. Ab 1938 begannen die Bauarbeiten an der Ruine des Nordturms mit der bedenkenlosen Vernichtung historischer Bausubstanz und der Schaffung kitschiger „SS-Sakralarchitektur“, wenn man sie so nennen will. KZ-Häftlinge mussten den Fels abtragen, um den Bau der „Gruft“ im Kellergeschoss zu ermöglichen. Im Erdgeschoss entstand der „Obergruppenführersaal“ mit der seit den 1990er Jahren in rechtsextremen und esoterischen Kreisen berüchtigten „Schwarzen Sonne“ im Marmorfußboden.

Innenhof der Wewelsburg mit Blick auf den Nordturm, in dem die "Gruft" und der "Obergruppenführersaal" der SS erhalten sind. Das frühere Kapellenportal führt heute in den "Obergruppenführersaal".

Innenhof der Wewelsburg mit Blick auf den Nordturm, in dem die „Gruft“ und der „Obergruppenführersaal“ der SS erhalten sind. Das frühere Kapellenportal führt heute in den „Obergruppenführersaal“.

Seit 1939 bestand ein Konzentrationslager, als Außenlager des KZ Sachsenhausen, von 1941 bis 1943 als selbständiges Konzentrationslager Niederhagen und anschließend wieder als Außenlager, diese Mal des KZ Buchenwald. Von insgesamt 3.299 KZ-Häftlingen wurden 1.285 durch die unmenschlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen, Brutalität und Sadismus, mangelhafte Ernährung und medizinische Versorgung ermordet. Die meisten von ihnen, 734 Tote, waren sowjetische KZ-Häftlinge. Vor allem im Jahr 1942 wurde das KZ mit 874 Toten zum Todeslager. 1943 wurde das selbständige KZ Niederhagen aufgelöst, es verblieb nur ein „Restkommando“, das am 2. April 1945 durch Einheiten der US-Armee befreit wurde.

Blick aus der Museumsausstellung der Wewelsburg auf das Wachgebäude mit der Ausstellung "Ideologie und Terror der SS"

Blick aus der Museumsausstellung der Wewelsburg auf das Wachgebäude mit der Ausstellung „Ideologie und Terror der SS“

Neben dem am Ortsrand liegenden KZ und den Baumaßnahmen in der Burg griff die SS mit mehreren Gebäuden wie dem „NS-Dorfgemeinschaftshaus“, dem Wach- und Stabsgebäude und weiteren Gebäuden massiv in das Ortsbild ein. Mit der zunehmend maßlosen Bauplanung wurde auch die Umsiedlung der Dorfbewohner vorgesehen und Druck auf sie ausgeübt. Nur drei Bauern gingen auf das Angebot ein – und kehrten 1945 als Vertriebene aus Schlesien wieder zurück.

Die Gebäude des KZ wurden 1943 zunächst von umgesiedelten „Volksdeutschen“ aus Osteuropa bewohnt. 1945 kamen hier erst „Displaced Persons“ und 1946 Vertriebene aus den verlorenen deutsche Ostgebieten unter. Daran an schloss sich ein Streit zwischen dem Land NRW und dem Gemeinderat um eine „Wertsteigerung“ für den Bau der KZ-Gebäude in dem ehemaligen Waldgelände. Die Holzbaracken wurden Mitte der 1950er Jahre abgerissen, die Steinhäuser wurden umgenutzt. Aus dem Torhaus wurde ein Wohnhaus, weitere Gebäude dienen als Feuerwehrgerätehaus, als Teil einer Werkhalle und als Scheune. Der frühere Appellplatz wurde als Rasenfläche gestaltet, erst Ende der 1990er Jahre konnten die Vorbehalte der Bewohner gegen ein Mahnmal durch eine Gruppe junger Wewelsburger aufgebrochen werden, das 2000 auf dem ehemaligen Appellplatz eingeweiht wurde.

Blick in die Dauerausstellung "Ideologie und Terror der SS" im ehemaligen Wachgebäude

Blick in die Dauerausstellung „Ideologie und Terror der SS“ im ehemaligen Wachgebäude

Nach wellenförmigen Auseinandersetzungen mit der NS-Vergangenheit begann Mitte der 1970er der „Paderborner Mahnmalsstreit“, der nach typischen und heftigen öffentlichen Kontroversen zur Entstehung einer untypischen, aber zum Ort passenden Dauerausstellung führte. Die Ausstellung „Wewelsburg 1933-1945, Kult- und Terrorstätte der SS“ aus dem Jahre 1982 thematisierte im ehemaligen SS-Wachgebäude am Burgvorplatz die SS in Wewelsburg und die allgemeine Geschichte der SS. Seit April 2010 ist die neue Ausstellung, „Ideologie und Terror der SS“ eröffnet. Sie bietet neue und moderne Darbietungsmethoden für ihre Inhalte und bezieht weitere bauliche Reste im Untergeschoss des Wachgebäudes sowie die SS-Kulträume im Nordturm in den Rundgang mit ein. Die „Schwarze Sonne“ im „Obergruppenführersaal“ büßt dabei durch eine einfache Methode ihre beherrschende Stellung ein: die Ausstellungsmacher verteilten viele bunte Sitzkissen in die Mitte des Raumes und nahmen ihm so den von der SS zugedachten Charakter. Der positive Nebeneffekt ist, dass sich die Besucher während der Führung durch die Ausstellung hinsetzen können. Wir besuchten die zeitgeschichtliche Ausstellung im Anschluss an die Museumsausstellung im Rahmen einer Besucherführung mit überaus zahlreichen Interessenten. Der Andrang war so groß, dass die Ausstellungsmitarbeiter uns in drei Teilgruppen durch die Ausstellung führten.

Blick in die Gräfte am Nordturm und auf den Weg aus der Ausstellung im Wachgebäude zu den "Kulträumen" der SS

Blick in die Gräfte am Nordturm und auf den Weg aus der Ausstellung im Wachgebäude zu den „Kulträumen“ der SS

Kleiner Exkurs: Gedenkstätten und NS-Täter

Die Erinnerungs- und Gedenkstätte Wewelsburg war lange Zeit die einzige arbeitende Gedenkstätte, die sich vorrangig mit den NS-Tätern beschäftigte. Gedenkstätten, die die NS-Zeit thematisieren, waren und sind zunächst, dies macht auch die Widmung “Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus” deutlich, Orte, an denen der Opfer gedacht wurde. Auf dem Gelände der ehemaligen großen Konzentrationslager waren es in der Regel die Häftlingslager, auf denen die Gedenkstätten errichtet wurde. Dass sie überhaupt eingerichtet wurden, lag nicht zuletzt an der „Lobbyarbeit“ der internationalen Verbände ehemaliger Häftlinge, die würdige Erinnerungsorte an ihre Leiden und die ihrer ermordeten Kameraden forderten. Daher ist es einsichtig, dass sich diese Gedenkstätten vorrangig mit den Opfern beschäftigen. Werden in einer KZ-Gedenkstätte Täter thematisiert, so handelt es sich in der Regel um die diensthabenden SS-Dienstgrade mit ihren jeweiligen Funktionen im KZ, seltener die sogenannten „Schreibtischtäter“, die nicht unmittelbar an den Taten im KZ beteiligt waren.

Baustelle der "Topographie des Terrors" in Berlin (Foto: Juli 2000)

Baustelle der „Topographie des Terrors“ in Berlin (Foto: Juli 2000)

Erst in jüngerer Zeit wurden weitere Gedenkstätten an den Orten der Täter gegründet, die sich mit den NS-Tätern auseinandersetzen: die „Topographie des Terrors“ und die „Gedenkstätte Haus der Wannseekonferenz“ in Berlin sowie die „Villa ten Hompel“ in Münster. Die „Topographie des Terrors” dokumentiert auf dem Prinz-Albrecht-Gelände, das das Reichssicherheitshauptamt beherbergte, Gestapo, SS und Reichssicherheitshauptamt. Das „Haus der Wannseekonferenz” thematisiert am Ort der Wannseekonferenz des Jahres 1942 den Völkermord an den europäischen Juden als arbeitsteiligen Verwaltungsvorgang. Die „Villa ten Hompel“ zeigt am früheren Sitz der Ordnungspolizei in Münster die Verbrechen von Polizei und Verwaltung.

Ergänzte Fassung

Quellen
Brebeck, Wulff E.: Wie Wewelsburg zu einer Gedenkstätte kam, in: Garbe, Detlef (Hg.): Die vergessenen KZs? Gedenkstätten für die Opfer des NS-Terrors in der Bundesrepublik, Bornheim-Merten 1983, S. 153-176
Brebeck, Wulff E.: Die Wewelsburg. Geschichte und Bauwerk im Überblick, Berlin, München 2009
Endzeitkämpfer – Ideologie und Terror der SS. Hrsg. von Wulff E. Brebek … Begleitband zur ständigen Ausstellung „Ideologie und Terror der SS“ in der „Erinnerungs- und Gedenkstätte Wewelsburg 1933-1945“ des Kreismuseums Wewelsburg, Büren-Wewelsburg. Berlin, München 2011