Sollten Schulen nicht nach Vorbildern genannt werden?

Eingang zum Eduard-Spranger-Berufskolleg in Gelsenkirchen-Buer auf der Goldbergstraße.

Eduard Spranger (1882-1963) ist ein deutschnationaler Pädagoge, der im Kaiserreich sozialisiert wurde, in der Weimarer Republik, der er ablehnend gegenüberstand, Bedeutung für Forschung und Lehre gewann und nach 1945 seine Karriere unbeirrt fortsetzte, als sei nichts gewesen. Die Zeit von 1933 bis 1945 wurde von ihm wie von vielen anderen Wissenschaftlern auch bis zur Unkenntlichkeit verzerrt, verklärt und beschönigt. Als Wissenschaftler zählt Eduard Spranger zur Richtung der „Geisteswissenschaftlichen Pädagogik“, bei der es sich in der Weimarer Republik und in der frühen Bundesrepublik um die bedeutendste Richtung der Pädagogik in Forschung und Lehre handelte. Zur weithin unbekannten Seite des bedeutenden Pädagogen gehören seine Veröffentlichungen während der Nazi-Zeit, in denen er die Politik des nationalsozialistischen Staates unterstützte.

Die ab 1969 herausgegebenen „Gesammelten Schriften“ verzeichnen in elf Bänden thematisch gruppiert die unbelasteten Texte und stützen somit das Bild, das Spranger nach 1945 von sich hergestellt hat. Zwar gab es schon seit Jahrzehnten innerhalb der pädagogischen Zunft eine Debatte über Spranger, doch erst mit dem „Forschungsprojekt ad fontes“ wurden 2006/09 die Veröffentlichungen Sprangers und drei weiterer Pädagogen aus der Zeit von 1933 und 1945 zusammengetragen. 836 Seiten Schriften und Artikel haben die Forscher allein zu Spranger in einem Quellenband veröffentlicht und so die systematische Beschäftigung ermöglicht. Benjamin Ortmeyer, seit 2003 pädagogischer Mitarbeiter im Fachbereich Erziehungswissenschaft der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, hat sich mit einer Studie über Eduard Spranger und drei weiteren Vertretern der Pädagogik 2008 habilitiert. Die 600 Seiten starke Studie macht deutlich, dass Spranger nicht nur NS-Jargon verwendet hat, sondern trotz Einwände im Detail die Politik Nazi-Deutschlands unterstützt hat.

Spranger, der 1933 Mitglied des „Stahlhelms – Bund der Frontsoldaten“ wurde, einer mit der SA vergleichbaren paramilitärischen Organisation der rechtsextremen „Deutsch-Nationalen Volkspartei“ (DNVP), schrieb im Aufsatz „März 1933“ in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift „Die Erziehung“ unter anderem von den „begeisternden Tagen des März“ und beschwor den „positiven Kern der nationalsozialistischen Bewegung“. Im Detail kritisierte er deren „übersteigerten Antisemitismus“. Und so ging es immer weiter. 1937 bezeichnet er „die neue Genetik“ als wichtigste Wissenschaft und zählt Rassenbewusstsein „zum grundsätzlichen Element der politischen Erziehung“, 1938 benennt er als wesentlichstes Verdienst Adolf Hitlers, „die marxistische, sehr stark unter fremdstämmigen Einfluss gelangte Arbeiterschaft wieder national (gemacht) zu (haben) …“ Noch 1943 veröffentlicht er unter Berufung auf Fichte Durchhalteparolen.

Es handelt sich hierbei nicht um wenige, aus dem Zusammenhang gerissenen Zitate, sondern um Beispiele aus zahlreichen Schriften und Vorträgen aus den Jahren 1933 bis 1945. Richtig gruselig werden sie, wenn man sie nicht als theoretische Erörterung eines weltfremden Pädagogik-Professors betrachtet, sondern sich die gleichzeitige Realität des faschistischen Staates vor Augen hält. Wenn Spranger von den „begeisternden Tagen des März“ schreibt, können wir uns ein Deutschland im Ausnahmezustand mit der Aufhebung der Grundrechte und unter dem Terror der SA in „wilden“ Konzentrationslagern und Folterkellern vorstellen. Wenn Spranger „die neue Genetik“ als wichtigste Wissenschaft und Rassenbewusstsein „zum grundsätzlichen Element der politischen Erziehung“ zählt, können wir uns ein Deutschland der antijüdischen Diskriminierung, Verfolgung und ihres Ausschlusses aus der Gesellschaft durch die „Nürnberger Gesetze“ und zahlreicher Verordnungen vorstellen. Und wenn Spranger noch 1943 Durchhalteparolen schreibt, können wir uns ein von Nazi-Deutschland besetztes Europa vorstellen, dass im Osten Millionen Menschen fabrikmäßig mordet und zugleich an allen Fronten die Initiative verliert angesichts der materiellen Übermacht der Alliierten.

„Mythos und Pathos statt Logos und Ethos“ von Benjamin Ortmeyer thematisiert nicht nur die NS-Vergangenheit bedeutender Pädagogen, sondern auch deren unwürdige „Vergangenheitsbewältigung“ nach 1945.

Nach 1945 bezeichnete er wie viele andere Wissenschaftler auch die Veröffentlichungen der Nazi-Zeit verharmlosend als „zwei oder drei Schönheitsflecken“, lobt 1950 die Wehrmacht als „wertvolles Stück allgemeiner Volkserziehung“ und schreibt tatsächlich: „Aber es liegt mir daran, hinzuzufügen, dass es nicht der Nationalsozialismus war, der in die Katastrophe geführt hat, sondern ganz eigentlich der Hitlerismus.“ Offenbar hat er seine Meinung seit 1933 nicht geändert und ist von einem „positiven Kern der nationalsozialistischen Bewegung“ überzeugt, dem er hier den „Hitlerismus“ gegenüberstellt.

Eduard Spranger lehrte bis zu seiner Emeritierung 1950 und darüber hinaus in Tübingen und gilt als bedeutender Pädagoge und Klassiker der Berufspädagogik. Nach ihm sind in Deutschland sehr unterschiedliche Schultypen benannt, darunter zwei Förderschulen, zwei Schulen die Haupt- und Realschulen verbinden, eine Schule die Grund- und Hauptschule verbindet, zwei Gymnasien und drei Berufsschulen. Die meisten liegen in Baden-Württemberg, je eine in Bayern, Rheinland-Pfalz und Hessen, zwei Berufskollegs liegen in Nordrhein-Westfalen, in Hamm und Gelsenkirchen.

Bildschirmfoto der Homepage des Eduard-Spranger-Berufskollegs Gelsenkirchen: über Eduard Spranger selbst sind keine Informationen zu finden.

Aus dem oben Dargestellten sollte deutlich geworden sein, dass und warum Eduard Spranger als Vorbild und Namensgeber in einem demokratischen Deutschland nicht taugt. Medienberichten zufolge befinden sich drei nach Eduard Spranger benannte Schulen, in Mannheim, in Frankfurt-Sossenheim und in Landau in der Pfalz, im Prozess der Umbenennung. In Gelsenkirchen ist derzeit nichts dergleichen bekannt. Schaut man sich die Internetseite des Eduard-Spranger-Berufskollegs aus Gelsenkirchen an, so findet sich dort nichts über Leben und Werk des Namensgebers. Offenkundig spielt der Name im Schulleben keine besondere Rolle. Was sollte dann dagegen sprechen, sich von diesem zu trennen und einen würdigen Namen zu wählen, der für die gegenwärtige gute Arbeit des Berufskollegs und Wirtschaftsgymnasiums steht?

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2 Gedanken zu „Sollten Schulen nicht nach Vorbildern genannt werden?

  1. Pingback: Eduard-Spranger-Berufskolleg Gelsenkirchen: Namensgeber war Antisemit, Nationalist und Militarist | Gelsenblog – Ein Projekt von GELSENZENTRUM

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