Kriegerdenkmale und Kriegsvorbereitung in Gelsenkirchen (III) – Das Nazi-Schwert vom Schalker Verein

Das Nazi-Schwert vom Schalker Verein an seinem alten Standort – zugewachsen und vergessen hinter den Torhäusern.

In der Stadt Gelsenkirchen wurde ein 1937 errichtetes und lange vergessenes Denkmal, mit dem die Nazis die „gefallenen Arbeitskameraden“ (Inschrift) des Ersten Weltkrieges in den Dienst ihrer faschistischen Kriegspolitik gestellt hatten, 2015 unter Denkmalschutz gestellt und an einen öffentlichen Weg platziert.

Bei dem in den Sitzungsvorlagen der Stadtverwaltung wahlweise als Kriegerdenkmal oder Ehrenmal bezeichneten Nazi-Objekt handelt es sich um eine 6 Meter hohe Stele aus sechs grauen Granitquadern, an der ein 5 Meter hohes gusseisernes, steil aufgerichtetes und lorbeerumkränztes Schwert angebracht ist. Das künstlerisch anspruchslose Schwert wurde vermutlich im Werk selbst hergestellt. Das Schwertmotiv bezieht sich höchstwahrscheinlich auf die im Ersten Weltkrieg in vielen Städten aufgestellten Holzschwerter, in die gegen Spenden für die Unterstützung von Kriegshinterbliebenen Nägel eingeschlagen werden durften. In Gelsenkirchen stand ein solches „Schwert von Gelsenkirchen“ 1915 auf dem Neumarkt.

Die Geschichte

Das Nazi-Denkmal wurde 1937 auf dem Betriebsgelände des Schalker Vereins, einem Unternehmen der Eisen- und Stahlindustrie, im Stadtteil Bulmke-Hüllen errichtet. Es entstand vermutlich als Auftragsarbeit der Werksleitung und wurde nach Entwürfen des Bildhauers Hubert Nietsch, der durch weitere nazi-affine Kunst bekannt ist, gestaltet. Eingeweiht wurde es inmitten eines sogenannten „Ehrenhofes“ mit einer Feier am 1. Mai 1937, den von der internationalen Arbeiterbewegung gestohlenen und von den Nazis zum „Tag der nationalen Arbeit“ umgedeuteten Mai-Feiertag.

Die berüchtigte Inschrift „Sie starben für Deutschland“ weist auf die Intention hin, die ideologische Kriegsvorbereitung für den faschistischen Krieg.

Die beiden Seiten der Stele sind mit „Unseren gefallenen Arbeitskameraden 1914 1918“ und „Sie starben für Deutschland“ beschriftet und zeigen überdeutlich den Zweck des Objektes, nämlich mit der Errichtung von Kriegerdenkmalen an den Ersten Weltkrieg den folgenden Eroberungs- und Vernichtungskrieg, den wir heute als Zweiten Weltkrieg kennen, ideologisch vorzubereiten. Dies wurde von den Nazis auch offen bei den Einweihungsreden ausgesprochen.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurden die Jahreszahlen „1939 1945“ hinzugefügt. Danach geriet das Nazi-Schwert völlig in Vergessenheit und wuchs an einer unbeachteten Stelle hinter den Torhäusern zu. Erst nach dem Verkauf des Schalker Vereins an die Firma Saint-Gobain und aufgrund der Umgestaltung des Werksgeländes geriet es wieder in den öffentlichen Fokus.

Die Inschrift „Den gefallenen Arbeitskameraden 1914 1918“ stellt die Toten des Ersten Weltkriegs in den Dienst der faschistischen Kriegsvorbereitung. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Jahreszahlen 1939 und 1945 ergänzt.

Standortverlagerung an einen öffentlichen Weg

Erstmalig erfuhr die Gelsenkirchener VVN-BdA von dem Nazi-Schwert 2014, als ein Mitglied an einer Führung zu Denkmalen des Ersten Weltkrieges teilnahm. Allerdings konnte das Nazi-Objekt, da es sich auf dem Firmengelände befand, nicht besichtigt werden.

Am 4. März 2015 wurde die Eintragung in die Denkmalliste durch die Bezirksvertretung Gelsenkirchen-Mitte beschlossen. Die Beschlussvorlage enthält eine ausführliche Begründung des Denkmalwerts und nennt historische und kunstgeschichtliche Gründe, die für die „Erhaltung und Nutzung“ des Nazi-Schwerts sprächen.

In derselben Sitzung wurde mit einer weiteren Beschlussvorlage die geplante Verlagerung des Denkmals an einen öffentlichen Fußweg vorgestellt. Als Grund wird angegeben, dass es am jetzigen Standort „einer Vermarktung und Entwicklung eines Gewerbe- und Industrieparks im Wege“ stünde. Die Kosten der Verlagerung in Höhe von rund 30.500 Euro würden sich der Eigentümer, die Firma Saint-Gobain und die Stadt Gelsenkirchen teilen.

Mit der Standortverlagerung werde das Nazi-Schwert zugleich in einen neuen Kontext gestellt. Ohne eine Änderung der Ästhetik, nur mit einer einfallslosen „künstlerischen Ergänzung“ durch eine Stahlplatte, der Inschrift „Die Opfer der Kriege mahnen zum Frieden“ sowie einer den Hintergrund erläuternden Tafel soll es nun „zu Frieden und Völkerverständigung … mahnen“.

Der Skandal

War dieser Vorgang schon unverständlich und unerträglich genug, schaffte die etablierte Stadtgesellschaft noch eine völlig unerwartete Steigerung. Anlass für die folgenden Aktivitäten der Gelsenkirchener VVN-BdA war eine Randbemerkung in einer weiteren Beschlussvorlage der Stadtverwaltung. Ein in Gelsenkirchen als unbequemer linker Sozialdemokrat bekannter Petent regte an, dass Nazi-Schwert zu entsorgen und die eingesparten Kosten sinnvoll zu verwenden. Erwartungsgemäß wurde diese Anregung in der Sitzung des Kulturausschusses am 16. September 2015 von der Mehrheit abgelehnt. Darüber hinaus wurde mit einer bodenlosen Unverschämtheit das Ansinnen, das Nazi-Objekt zu zerstören, mit der Strategie der „Taliban oder religiösen Eiferern“ verglichen. Schließlich wurde mitgeteilt, dass die „Demokratische Initiative“ beschlossen habe, ihre jährliche Veranstaltung am 9. November zur Erinnerung an die Reichspogromnacht 1938 an eben diesem Nazi-Schwert enden zu lassen. Bei dieser „Demokratischen Initiative gegen Diskriminierung und Gewalt, für Menschenrechte und Demokratie“ handelt es sich um einen losen Verbund Gelsenkirchener Parteien und weiterer Organisationen unter der Schirmherrschaft des Oberbürgermeisters.

Am neuen Standort neben einem öffentlichen Weg soll das Nazi-Schwert nun zu Frieden und Völkerverständigung mahnen.

Die VVN-BdA Gelsenkirchen reagierte mit einem Offenen Brief an den Oberbürgermeister und forderte ihn auf, den geplanten Kundgebungsort zu verlegen, da ein Denkmal für die gefallenen Soldaten eines Krieges niemals ein adäquates Denkmal für jüdische Opfer des Krieges sein könne. Ferner forderte sie den Oberbürgermeister auf, sich dafür einzusetzen, dass aus dem Nazi-Schwert durch eine radikale Verfremdung ein antifaschistisches Gesamtkunstwerk werde. Vorgeschlagen wurde ein Aufruf an Gelsenkirchener Künstler und Bürger, „um das wertlose Schandmal durch ganz unterschiedliche Installationen phantasievoll und kreativ einzurahmen und zu kommentieren“.

Die Gelsenkirchener WAZ thematisierte in ihrer Ausgabe am 4. November 2015 und an den folgenden Tagen sowohl das Nazi-Schwert wie auch die Kritik der VVN-BdA.

Die „Demokratische Initiative“ änderte aufgrund der öffentlichen Kritik ihre Route ein wenig. Sie hielt am Nazi-Schwert eine Zwischenkundgebung ab und verlegte die Abschlusskundgebung auf den nahe gelegenen Alten Jüdischen Friedhof. Aus der als Reminiszenz an den Schalker Verein geplanten Stahlplatte war übrigens ein Steinblock mit der Aufschrift „Die Toten mahnen zum Frieden“ geworden.

In der Nacht zum 9. November überwand eine nicht näher bekannte „Aktionsgruppe Kunst und Kampf“ die Absperrungen und verübte einen Farbanschlag auf das Nazi-Objekt. Am 9. November selbst demonstrierten SJD – Die Falken direkt am Nazi-Schwert, während das „Bündnis gegen Krieg und Faschismus“, in dem Mitglieder der VVN-BdA vertreten sind, zu einer unabhängigen Zwischenkundgebung vor dem Haus einer in der Reichspogromnacht verfolgten jüdischen Familie aufgerufen hatte.

Für eine eigene Antwort auf den Offenen Brief war sich der OB zu fein und beauftragte den Leiter des Instituts für Stadtgeschichte mit einer schriftlichen Antwort, der nach einer Antwort seitens der VVN-BdA zu einem Gespräch im Institut für Stadtgeschichte führte. Ergebnis: Für die Stadt Gelsenkirchen handele es sich um einen abgeschlossen Vorgang.

Fazit

Das Nazi-Schwert steht nun am neuen Ort. Flankiert wird es von je zwei neu gepflanzten Bäumen rechts und links. Böse Zungen sagen, es fehle nur ein Gartenzaun und ein paar Gartenzwerge.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf der Seite „Verbrechen der Wirtschaft“.

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