Archiv der Kategorie: Straßen, Plätze & Gebäude

Erinnerung an den antifaschistischen Widerstand

Seit 30 Jahren erinnert die Gedenktafel an den antifaschistischen Widerstandskämpfer Fritz Rahkob (Foto vom 25.08.2008).

Seit 30 Jahren erinnert der Fritz-Rahkob-Platz an den am 24. August 1944 von der „Terrorjustiz des Naziregimes“ hingerichteten Widerstandskämpfer. Die Gedenktafel war am 30. Januar 1987 feierlich vom damaligen Oberbürgermeister Werner Kuhlmann (SPD) und dem ehemaligen Widerstandskämpfer Franz Rogowski (VVN) enthüllt worden.

Wie in jedem Jahr lädt die Gelsenkirchener VVN-BdA (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten) zu einer kleinen Gedenkfeier am 24. August 2017 um 18 Uhr auf dem Fritz-Rahkob-Platz ein. An den kommunistischen Widerstandskämpfer wird in diesem Jahr Heinz-Peter Thermann (DKP) erinnern.

Das Auftreten neuer Nazis mit altem Gedankengut – auch in Gelsenkirchen – zeigt, wie notwendig die Erinnerung an die Verbrechen der Vergangenheit ist. Sie hat daher zu Recht einen hohen Stellenwert in unserer Stadt. Aus diesem Grund erinnern seit 30 Jahren vier Plätze in der Innenstadt an Opfer und Gegner des NS-Regimes. Neben dem Fritz-Rahkob-Platz sind dies der Margarethe-Zingler-, Heinrich-König- und Leopold-Neuwald-Platz. Alle vier erinnern stellvertretend an Widerstand und Verfolgung von Sozialdemokraten, Kommunisten, Christen und Juden.

Der damalige Oberbürgermeister Werner Kuhlmann (SPD) und der ehemalige Widerstandskämpfer Franz Rogowski (VVN) enthüllen am 30. Januar 1987 die Tafel (Foto: Manfred Scholz).

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Kriegerdenkmale und Kriegsvorbereitung in Gelsenkirchen (IV) – Gefallene der Wiehagenschule

Die Wiehagenschule, eine städtische Gemeinschaftsgrundschule in der Josefstraße 28 in Gelsenkirchen-Neustadt.

Ganz modern gibt sich die Wiehagenschule, eine städtische Gemeinschaftsgrundschule in der Josefstraße 28 in Gelsenkirchen-Neustadt. Sie ist die erste Schule in Gelsenkirchen, die komplett digital ausgestattet ist. Es gibt ein flächendeckendes WLAN, interaktive Tafeln in den Klassenzimmern und Computerarbeitsplätze für die Lehrer.

Doch während in der Medienöffentlichkeit stolz das „Ende der Kreidezeit“ im Klassenraum gefeiert wird, dürfen sich die sechs- bis neunjährigen Schülerinnen und Schüler in den Pausen ein am Gebäude angebrachtes lorbeerumkränztes Schwert ansehen, dass an gefallene Soldaten aus einem hundert Jahre zurückliegenden Krieg erinnert. Das 1900/1908 errichtete Gebäude muss noch ziemlich neu gewesen sein, als nach dem Ersten Weltkrieg diese Denkmalsgestaltung angebracht wurde, die an die „Gefallenen der Wiehagenschule“ erinnert.

Denkmal für die im Ersten Weltkrieg Gefallenen der Wiehagenschule.

Immerhin müssen wir angesichts anderer öffentlicher Denkmale in Gelsenkirchen schon froh darüber sein, dass es wohl nicht aus der Nazi-Zeit stammt, sondern vorher angebracht worden ist. Es fehlt ein Satz wie „Sie starben für Deutschland“ und Bruchstellen, die anzeigen, dass nach 1945 ein Hakenkreuz entfernt worden ist.

40 Namen sind auf der unter dem Schwert angebrachten Tafel angegeben, ohne dass zu erkennen ist, ob es sich um Lehrer oder Schüler handelt. Selbstverständlich ist das Schulgebäude (und damit wohl auch das Denkmal) in der Denkmalliste der Stadt eingetragen und kann daher nicht mehr verändert werden. Dennoch frage ich mich, ob und welche Rolle die Gedenktafel im Schulleben spielt.

Gedenktafel an der Wiehagenschule in Gelsenkirchen-Neustadt.

Sollten Schulen nicht nach Vorbildern genannt werden?

Eingang zum Eduard-Spranger-Berufskolleg in Gelsenkirchen-Buer auf der Goldbergstraße.

Eduard Spranger (1882-1963) ist ein deutschnationaler Pädagoge, der im Kaiserreich sozialisiert wurde, in der Weimarer Republik, der er ablehnend gegenüberstand, Bedeutung für Forschung und Lehre gewann und nach 1945 seine Karriere unbeirrt fortsetzte, als sei nichts gewesen. Die Zeit von 1933 bis 1945 wurde von ihm wie von vielen anderen Wissenschaftlern auch bis zur Unkenntlichkeit verzerrt, verklärt und beschönigt. Als Wissenschaftler zählt Eduard Spranger zur Richtung der „Geisteswissenschaftlichen Pädagogik“, bei der es sich in der Weimarer Republik und in der frühen Bundesrepublik um die bedeutendste Richtung der Pädagogik in Forschung und Lehre handelte. Zur weithin unbekannten Seite des bedeutenden Pädagogen gehören seine Veröffentlichungen während der Nazi-Zeit, in denen er die Politik des nationalsozialistischen Staates unterstützte.

Die ab 1969 herausgegebenen „Gesammelten Schriften“ verzeichnen in elf Bänden thematisch gruppiert die unbelasteten Texte und stützen somit das Bild, das Spranger nach 1945 von sich hergestellt hat. Zwar gab es schon seit Jahrzehnten innerhalb der pädagogischen Zunft eine Debatte über Spranger, doch erst mit dem „Forschungsprojekt ad fontes“ wurden 2006/09 die Veröffentlichungen Sprangers und drei weiterer Pädagogen aus der Zeit von 1933 und 1945 zusammengetragen. 836 Seiten Schriften und Artikel haben die Forscher allein zu Spranger in einem Quellenband veröffentlicht und so die systematische Beschäftigung ermöglicht. Benjamin Ortmeyer, seit 2003 pädagogischer Mitarbeiter im Fachbereich Erziehungswissenschaft der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, hat sich mit einer Studie über Eduard Spranger und drei weiteren Vertretern der Pädagogik 2008 habilitiert. Die 600 Seiten starke Studie macht deutlich, dass Spranger nicht nur NS-Jargon verwendet hat, sondern trotz Einwände im Detail die Politik Nazi-Deutschlands unterstützt hat.

Spranger, der 1933 Mitglied des „Stahlhelms – Bund der Frontsoldaten“ wurde, einer mit der SA vergleichbaren paramilitärischen Organisation der rechtsextremen „Deutsch-Nationalen Volkspartei“ (DNVP), schrieb im Aufsatz „März 1933“ in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift „Die Erziehung“ unter anderem von den „begeisternden Tagen des März“ und beschwor den „positiven Kern der nationalsozialistischen Bewegung“. Im Detail kritisierte er deren „übersteigerten Antisemitismus“. Und so ging es immer weiter. 1937 bezeichnet er „die neue Genetik“ als wichtigste Wissenschaft und zählt Rassenbewusstsein „zum grundsätzlichen Element der politischen Erziehung“, 1938 benennt er als wesentlichstes Verdienst Adolf Hitlers, „die marxistische, sehr stark unter fremdstämmigen Einfluss gelangte Arbeiterschaft wieder national (gemacht) zu (haben) …“ Noch 1943 veröffentlicht er unter Berufung auf Fichte Durchhalteparolen.

Es handelt sich hierbei nicht um wenige, aus dem Zusammenhang gerissenen Zitate, sondern um Beispiele aus zahlreichen Schriften und Vorträgen aus den Jahren 1933 bis 1945. Richtig gruselig werden sie, wenn man sie nicht als theoretische Erörterung eines weltfremden Pädagogik-Professors betrachtet, sondern sich die gleichzeitige Realität des faschistischen Staates vor Augen hält. Wenn Spranger von den „begeisternden Tagen des März“ schreibt, können wir uns ein Deutschland im Ausnahmezustand mit der Aufhebung der Grundrechte und unter dem Terror der SA in „wilden“ Konzentrationslagern und Folterkellern vorstellen. Wenn Spranger „die neue Genetik“ als wichtigste Wissenschaft und Rassenbewusstsein „zum grundsätzlichen Element der politischen Erziehung“ zählt, können wir uns ein Deutschland der antijüdischen Diskriminierung, Verfolgung und ihres Ausschlusses aus der Gesellschaft durch die „Nürnberger Gesetze“ und zahlreicher Verordnungen vorstellen. Und wenn Spranger noch 1943 Durchhalteparolen schreibt, können wir uns ein von Nazi-Deutschland besetztes Europa vorstellen, dass im Osten Millionen Menschen fabrikmäßig mordet und zugleich an allen Fronten die Initiative verliert angesichts der materiellen Übermacht der Alliierten.

„Mythos und Pathos statt Logos und Ethos“ von Benjamin Ortmeyer thematisiert nicht nur die NS-Vergangenheit bedeutender Pädagogen, sondern auch deren unwürdige „Vergangenheitsbewältigung“ nach 1945.

Nach 1945 bezeichnete er wie viele andere Wissenschaftler auch die Veröffentlichungen der Nazi-Zeit verharmlosend als „zwei oder drei Schönheitsflecken“, lobt 1950 die Wehrmacht als „wertvolles Stück allgemeiner Volkserziehung“ und schreibt tatsächlich: „Aber es liegt mir daran, hinzuzufügen, dass es nicht der Nationalsozialismus war, der in die Katastrophe geführt hat, sondern ganz eigentlich der Hitlerismus.“ Offenbar hat er seine Meinung seit 1933 nicht geändert und ist von einem „positiven Kern der nationalsozialistischen Bewegung“ überzeugt, dem er hier den „Hitlerismus“ gegenüberstellt.

Eduard Spranger lehrte bis zu seiner Emeritierung 1950 und darüber hinaus in Tübingen und gilt als bedeutender Pädagoge und Klassiker der Berufspädagogik. Nach ihm sind in Deutschland sehr unterschiedliche Schultypen benannt, darunter zwei Förderschulen, zwei Schulen die Haupt- und Realschulen verbinden, eine Schule die Grund- und Hauptschule verbindet, zwei Gymnasien und drei Berufsschulen. Die meisten liegen in Baden-Württemberg, je eine in Bayern, Rheinland-Pfalz und Hessen, zwei Berufskollegs liegen in Nordrhein-Westfalen, in Hamm und Gelsenkirchen.

Bildschirmfoto der Homepage des Eduard-Spranger-Berufskollegs Gelsenkirchen: über Eduard Spranger selbst sind keine Informationen zu finden.

Aus dem oben Dargestellten sollte deutlich geworden sein, dass und warum Eduard Spranger als Vorbild und Namensgeber in einem demokratischen Deutschland nicht taugt. Medienberichten zufolge befinden sich drei nach Eduard Spranger benannte Schulen, in Mannheim, in Frankfurt-Sossenheim und in Landau in der Pfalz, im Prozess der Umbenennung. In Gelsenkirchen ist derzeit nichts dergleichen bekannt. Schaut man sich die Internetseite des Eduard-Spranger-Berufskollegs aus Gelsenkirchen an, so findet sich dort nichts über Leben und Werk des Namensgebers. Offenkundig spielt der Name im Schulleben keine besondere Rolle. Was sollte dann dagegen sprechen, sich von diesem zu trennen und einen würdigen Namen zu wählen, der für die gegenwärtige gute Arbeit des Berufskollegs und Wirtschaftsgymnasiums steht?

Gedenken an Elisabeth Käsemann

Klaus Brandt (links im Bild) mit August Bebel und Andreas Jordan während der Antikriegstagsveranstaltung 2014.

Mit der folgenden Pressemitteilung lädt der unermüdliche Klaus Brandt zu einer kleinen Gedenkveranstaltung an Elisabeth Käsemanns Ermordung durch die argentinische Militärjunta am 24. Mai 1977 auf den nach ihrem Vater benannten Ernst-Käsemann-Platz in Gelsenkirchen-Rotthausen ein.

Am Mittwoch, dem 24. Mai, 18 Uhr, möchte ich auf dem nach Ernst Käsemann benannten Platz in Rotthausen der Ermordung seiner Tochter Elisabeth öffentlich gedenken. Sie war eine der 16 Personen, die am späten Abend des 23. Mai 1977 vom argentinischen Folterzentrum „El Vesubio“ bei Buenos Aires in ein nahe gelegenes Landhaus verfrachtet und in der Nacht von Militärs hinterrücks erschossen wurden. Eine Zeugin, Elena Alfaro, entging diesem Massaker, weil sie schwanger war und die nach Adoptionsmöglichkeiten suchenden Militärs es auf ihr Kind abgesehen hatten. Sie berichtet:

„Am 23. Mai des Nachts begannen sie, uns herauszurufen. Wir waren gefesselt. Von einem Augenblick auf den anderen sagten sie uns, dass sie uns verlegen. Wir waren 17. Es war Nacht. In einem bestimmten Moment öffnet sich die Tür und jemand schreit: ‚08 zurück in die Zelle!‘ 08 war ich. Und ich fing an zu weinen und zu schreien, mir war schon alles egal. Eine Mitgefangene schaffte es, sich aus ihrer Handfessel zu befreien. Und unter einem enormen Risiko kommt sie in meine Zelle, schüttelt mich und sagt: ‚Elena, sei dir darüber klar, dass du die einzige bist, die davon erzählen kann‘. Und diese Worte behielt ich, um zu widerstehen, um zu überleben.“

Elisabeths Schwester, Dr. Eva Teufel: „Von verantwortlichen Stellen fühlte mein Vater sich im Stich gelassen. Elisabeth war ihrem Vater nicht unähnlich. Ihre Überzeugungen wollte sie nicht preisgeben. Mein Vater hat überlebt. Elisabeth bezahlte für das Festhalten an ihren Überzeugungen mit dem Leben.“

Ernst Käsemann: „Und so definiere ich heute die Kirche Jesu Christi als die Widerstandsbewegung des erhöhten Herrn auf dieser Erde gegen seine Gegner. Dazu gehören für mich nicht nur Helmut Kohl, Helmut Schmidt und Hans-Dietrich Genscher, sondern gehören auch die argentinischen Politiker. Sie sind für mich die Repräsentanten der Gegner Jesu Christi auf Erden, denen wir auf Erden zu widerstehen haben.

Baustellen der Verfolgung und des Widerstandes in Gelsenkirchen (III)

Die inzwischen wieder verschwundene Baustelle Margarethe-Zingler-Platz 2013.

Die inzwischen wieder verschwundene Baustelle Margarethe-Zingler-Platz im Jahre 2013.

Zwischen 1986 und 1988 wurden in Gelsenkirchen insgesamt vier innerstädtische Plätze nach Opfern und Gegnern des NS-Regimes benannt. Margarethe-Zingler-Platz, Fritz-Rahkob-Platz, Heinrich-König-Platz und Leopold-Neuwald-Platz erinnern stellvertretend an Verfolgung und Widerstand von Sozialdemokraten, Kommunisten, Christen und Juden. Zwei der vorhandenen Plätze (Margarethe-Zingler- und Heinrich-König-Platz) waren von Baumaßnahmen betroffen, die anderen zwei Plätze (Fritz-Rahkob- und Leopold-Neuwald-Platz) werden in naher Zukunft umgestaltet werden. Gegen die Art des Umbaus regt sich Protest.

Die VVN-BdA Gelsenkirchen hatte die Umbaupläne 2013 zum Anlass genommen, eine Anregung nach § 24 der nordrhein-westfälischen Gemeindeordnung an den Rat der Stadt Gelsenkirchen einzureichen, damit diese Orte als Plätze der öffentlichen Begegnung und der Erinnerung an Opfer und Gegner des NS-Regimes bewahrt werden. In diesem Zusammenhang regte die VVN-BdA Gelsenkirchen unter anderem auch an, die Plätze so zu gestalten, dass öffentliches Verweilen und Begegnen auf ihnen ermöglicht wird.

Burkhard Wüllscheidt und Mirco Kranefeld markieren 57 Bäume mit jeweils einem Schild in DIN A4-Größe: "Ich soll gefällt werden!" (Foto: Facebook Bündnis 90/Die Grünen Gelsenkirchen).

Burkhard Wüllscheidt und Mirco Kranefeld markieren 57 Bäume mit jeweils einem Schild in DIN A4-Größe: „Ich soll gefällt werden!“ (Foto: Facebook Bündnis 90/Die Grünen Gelsenkirchen).

Die jüngste Planung des im Frühjahr 2017 beginnenden dritten Bauabschnitts Ebertstraße (dies betrifft den Fritz-Rahkob- und den Leopold-Neuwald-Platz) sieht unter anderem die Fällung von 57 Bäumen zwischen Hans-Sachs-Haus und Musiktheater zur Schaffung einer sogenannten „Sichtachse“ vor. Dagegen gibt es Widerstand aus der Partei Bündnis 90/Die Grünen in Gelsenkirchen. Patrick Jedamzik stimmte bereits in der Bezirksvertretung Mitte vergeblich dagegen, am Mittwoch und Donnerstag werden die Pläne noch im Stadtplanungs- und Verkehrsausschuss behandelt. Auch hier sind Gegenstimmen zu erwarten. Um die Öffentlichkeit auf die Pläne aufmerksam zu machen, markierten Burkhard Wüllscheidt und Mirco Kranefeld die 57 Bäume mit jeweils einem Schild in DIN A4-Größe: „Ich soll gefällt werden!“ Mit der Markierung fordern die Grünen dazu auf, die Pläne zu überdenken, die „Sichtachse“ zu verschieben und die Bäume zu erhalten!

Um öffentliches Verweilen und Begegnen auf den Plätzen zu ermöglichen, wie es die VVN-BdA 2013 anregte, ist der Erhalt des vorhandenen Baumbestandes sicherlich die bessere Lösung als die Fällung der Bäume.

Korrigierte Fassung

Erinnerung an Widerstand und Verfolgung in Gelsenkirchen

Fast 30 Jahre alt: Gedenktafel auf dem Fritz-Rahkob-Platz aus dem Jahre 1987 (Foto Juni 2016).

Fast 30 Jahre alt: Gedenktafel auf dem Fritz-Rahkob-Platz aus dem Jahre 1987.

Rede von Knut Maßmann für die VVN-BdA Gelsenkirchen auf dem Fritz-Rahkob-Platz am 24.08.2016

Liebe Anwesende,

insgesamt vier innerstädtische Plätze wurden zwischen 1986 und 1988 nach Opfern und Gegnern des Nazi-Regimes benannt, um dauerhaft an Widerstand und Verfolgung in Gelsenkirchen zu erinnern.

Außer dem Fritz-Rahkob-Platz sind dies noch der Margarethe-Zingler-Platz, der Heinrich-König-Platz und der Leopold-Neuwald-Platz. Diese vier Plätze stehen stellvertretend für den kommunistischen, den sozialdemokratischen und den christlichen Widerstand sowie für die Verfolgung der jüdischen Gelsenkirchener.

Heute stehen wir am 72. Jahrestag seiner Ermordung auf dem Fritz-Rahkob-Platz. Wir wollen an ihn und an seinen Kampf gegen den Faschismus erinnern.

Friederich Rahkob wurde am 25. Juli 1885 in der damals selbständigen Gemeinde Rotthausen geboren. Er erkannte früh, dass in der Industrie des Ruhrgebiets höhere Löhne als in der Landwirtschaft gezahlt wurden. Als Bergmann wurde Fritz Rahkob 1905 in einer Arbeiterbewegung aktiv, die noch nicht in Sozialdemokraten und Kommunisten gespalten war. Nach einer zweijährigen Militärzeit im 1. Weltkrieg, die wegen einer Verwundung 1916 endete, kehrte er in seinen alten Beruf zurück und wurde während der Revolution 1918 Mitglied des Arbeiter- und Soldatenrates in Rotthausen und 1920 Mitglied der KPD, der Kommunistischen Partei Deutschlands.

Seit der Eingemeindung Rotthausens 1924 nahm Fritz Rahkob an den Arbeiterkämpfen in Gelsenkirchen teil, wurde Mitglied im Einheitsverband der Bergarbeiter in der RGO, der KPD-nahen Gewerkschaft. Nach einem schweren Arbeitsunfall musste er die Arbeit im Bergbau aufgeben. Die kommunistische Tageszeitung „Ruhr-Echo“ beschäftigte ihn erst als Kassierer, später im Versand.

Mit Beginn der Machtübernahme der Nazis im Jahre 1933 verbrachte der bekannte Kommunist Fritz Rahkob die Jahre von 1933 bis 1938 wie viele seiner Genossen in sogenannter „Schutzhaft“. Seine Ehefrau Emma Rahkob beteiligte sich während der Haft ihres Mannes aktiv am Widerstand. Dafür wurde sie am 20. November 1934 zu zwei Jahren und sechs Monaten Zuchthaus verurteilt. Nach seiner Entlassung arbeitete Fritz Rahkob auf der Baustelle eines Düsseldorfer Unternehmens und lernte Franz Zielasko kennen.

Franz Zielasko, Bergmann aus Gladbeck, Kämpfer in der „Roten Ruhrarmee“ 1920 gegen Kapp-Putsch und Freikorps, Mitglied erst der USPD (1918) und der SPD (1922) und später der KPD (1926/27), emigrierte 1932 in die Sowjetunion. Er kämpfte 1937 bis 1939 im Spanischen Bürgerkrieg gegen die Franco-Putschisten und wurde im März 1943 von der Sowjetunion mit dem Fallschirm über Polen abgesetzt, um im Ruhrgebiet Kontakt mit Gleichgesinnten aufzunehmen. In der festen Überzeugung, man müsse den Krieg und den Faschismus aktiv bekämpfen, schloss sich Rahkob der Widerstandsgruppe um Franz Zielasko an, der in mehreren Städten Kontakte knüpfte. Die Gruppe wurde verraten, im August 1943 verhaftete die Gestapo 45 Antifaschisten, darunter auch Fritz Rahkob.

Franz Zielasko wurde schon bei den Verhören brutal zu Tode gefoltert. Fritz Rahkob und andere Kameraden wurden wegen „Vorbereitung zum Hochverrat u.a.“ vom sogenannten „Volksgerichtshof“ zum Tode verurteilt. Am 24. August 1944 erfolgte in Stuttgart Rahkobs Hinrichtung durch Enthauptung, mit der zynischen Begründung, die Angeklagten seien es nicht wert, mit einer Kugel erschossen zu werden. Am Tag der Hinrichtung wurde auch seine Frau Emma verhaftet und erfuhr im Gestapo-Gefängnis von der Hinrichtung ihres Mannes. Kurz vor der Deportation in ein Konzentrationslager wurde sie von alliierten Truppen aus dem Münchener Polizeigefängnis befreit.

Rahkobs Kopf bewahrten die Nazis in Spiritus auf. Nach der Einäscherung am 1. Juli 1947 in Reutingen wurde die Urne von alliierte Soldaten nach Gelsenkirchen überführt, wo sie am 14. September 1947 feierlich auf dem Rotthauser Friedhof beigesetzt wurde.

Die Stadt Gelsenkirchen tat sich – wie übrigens die gesamte alte Bundesrepublik Deutschland – lange Zeit äußerst schwer mit der Erinnerung an kommunistische Widerstandskämpfer gegen Nazi-Deutschland. Erst 1987, über 30 Jahre nach dem Ende der Nazi-Herrschaft, und im nächsten Jahr genau 30 Jahre her, benannte der Rat der Stadt Gelsenkirchen diesen Platz nach Fritz Rahkob. Auf der Gedenktafel könnt ihr lesen: „Fritz Rahkob, kommunistischer Widerstandskämpfer, wurde am 24. August 1944 durch die Terrorjustiz des Naziregimes hingerichtet.“

Fritz Rahkob hat die Befreiung vom Faschismus im Jahre 1945 nicht mehr erlebt. Wir können uns heute glücklich schätzen, den Faschismus an der Macht nicht am eigenen Leib erlebt zu haben. Desto wachsamer müssen wir auf das Auftreten alter und neuer Nazis reagieren, in welcher Verkleidung sie auch immer erscheinen.

Lasst mich mit einem Zitat Theodor W. Adornos schließen, der, katholisch getauft, erst von den Nazis mit ihren sogenannten „Rassegesetzen“ zum Halbjuden gemacht wurde: „Ich fürchte mich nicht vor der Rückkehr der Faschisten in der Maske der Faschisten, sondern vor der Rückkehr der Faschisten in der Maske der Demokraten.“

Vielen Dank!

Gedenken auf dem Fritz-Rahkob-Platz

Fast 30 Jahre alt: Gedenktafel auf dem Fritz-Rahkob-Platz aus dem Jahre 1987 (Foto Juni 2016).

Fast 30 Jahre alt: Gedenktafel auf dem Fritz-Rahkob-Platz aus dem Jahre 1987 (Foto Juni 2016).

Am 24. August 2016 erinnert die VVN-BdA Gelsenkirchen ab 18 Uhr an den mutigen Widerstandskämpfer Fritz Rahkob. Fritz Rahkob wurde am 24. August 1944 durch die Terrorjustiz des Naziregimes hingerichtet. Der Fritz-Rahkob-Platz zwischen Hans-Sachs-Haus und Bildungszentrum erinnert seit 1987 an den kommunistischen Widerstandskämpfer.

Insgesamt vier innerstädtische Plätze wurden zwischen 1986 und 1988 nach Opfern und Gegnern des NS-Regimes benannt, neben dem Fritz-Rahkob-Platz sind dies noch der Margarethe-Zingler-Platz, der Heinrich-König-Platz und der Leopold-Neuwald-Platz. Die vier Plätze stehen stellvertretend für den kommunistischen, den sozialdemokratischen und den christlichen Widerstand sowie für die Verfolgung der jüdischen Gelsenkirchener.

Im Rahmen der Gedenkveranstaltung unterstützt die VVN-BdA auch den von Andreas Jordan gestellten Antrag, einen fünften innerstädtischen Platz nach dem am 13. August 1943 im KZ Auschwitz ermordeten Gelsenkirchener Sintikind Rosa Böhmer, in Erinnerung an die Verfolgung und Ermordung der Sinti und Roma, zu benennen.