„Engel der Kulturen“ oder Nazi-Schwert Numero 2?

Denkmal für die im Ersten Weltkrieg Gefallenen der Wiehagenschule.

Wieder einmal steht die Stadt Gelsenkirchen vor der denk(mal)würdigen Frage, wie sie mit einem aus der NS-Zeit stammenden Schwert-Denkmal umgehen will. Es handelt sich dieses Mal um ein 1938 an der Fassade der Wiehagenschule in der Neustadt angebrachtes Schwert-Symbol und darunter angebrachten Tafeln mit Namen von 40 im Ersten Weltkrieg gefallenen Schülern. Das Schulgebäude selbst war bereits 1900/1908 errichtet worden. – Dieses Mal gibt es allerdings einen künstlerischen Gegenentwurf zum Nazi-Schwert!

Ganz modern gibt sich die Wiehagenschule, eine städtische Gemeinschaftsgrundschule in der Josefstraße 28 in Gelsenkirchen-Neustadt. Sie ist die erste Schule in Gelsenkirchen, die komplett digital ausgestattet ist. Es gibt ein flächendeckendes WLAN, interaktive Tafeln in den Klassenzimmern und Computerarbeitsplätze für die Lehrer. Doch während in der Medienöffentlichkeit stolz das „Ende der Kreidezeit“ im Klassenraum gefeiert wurde, dürfen sich die sechs- bis neunjährigen Schülerinnen und Schüler in den Pausen ein am Gebäude angebrachtes lorbeerumkränztes Schwert ansehen, das an gefallene Soldaten aus einem mehr als hundert Jahre zurückliegenden imperialistischen Krieg erinnert.

Immerhin unterscheidet es sich von anderen Nazi-Denkmalen in unserer Stadt, denn es fehlt zumindest der Satz „Sie starben für Deutschland“. Erfreulicherweise fehlen auch Bruchstellen, die anzeigen, das hier 1945 ein Hakenkreuz entfernt worden ist. Dennoch gehört es zu jenen Denkmalen, die ab 1933 in Nazi-Deutschland errichtet worden sind, um die Toten des Ersten in den Dienst der Kriegsvorbereitung für den Zweiten Weltkrieg zu stellen. Das Schulgebäude ist in die Denkmalliste der Stadt eingetragen, ob der Denkmalschutz zwischen einem 1900/1908 errichten Gebäude und einem 1938 angebrachten Schwert-Symbol unterscheiden kann, lässt sich sicherlich feststellen.

Die Wiehagenschule, eine städtische Gemeinschaftsgrundschule in der Josefstraße 28 in Gelsenkirchen-Neustadt.

Wie die WAZ am 06.02.2018 berichtete, wurde das Denkmal von Franz Marten entworfen und von einem Nazi-Regierungsrat aus Münster eingeweiht. Anlass des Zeitungsartikels war die Behandlung des Denkmals im Bildungsausschuss am 01.02.2018 auf Antrag von Bündnis 90/Die Grünen. Am Beispiel des Künstlers Franz Marten lassen sich auch die üblichen personellen Kontinuitäten zwischen der NS-Diktatur und der frühen Bundesrepublik aufzeigen. Franz Marten ist zugleich auch der Schöpfer der „Fünf Säulen der Wirtschaft“ von 1949, der bunten Glasfenster im ehemaligen Gelsenkirchener Bahnhofsgebäude, die jetzt im ehemaligen Böker-Haus zu Beginn der Bahnhofstraße zu bewundern sind.

Anlass der Debatte im Bildungsausschuss war das Interesse der Schule, das Projekt „Engel der Kulturen“ im Rahmen einer Umgestaltung des Schulhofes umzusetzen. Bei „Engel der Kulturen“ handelt es sich um eine Kunstaktion, welches die Gemeinsamkeiten der drei abrahamitischen Religionen Judentum, Christentum und Islam künstlerisch ausdrückt, und die seit zehn Jahren im In- und Ausland durchgeführt wird. An einer Schule mit einem hohen Migrantenanteil ist das sicherlich ein sinnvolles Projekt, um Gemeinsamkeiten statt Unterschiede zu betonen.

Für die beiden Künstler, Gregor Merten und Carmen Dietrich, ist es jedoch vollkommen unverständlich, dass „offensichtlich unreflektiert Hunderte Kinder täglich mit dieser überdimensionalen, heroisierenden Darstellung einer barbarischen Waffe konfrontiert werden, die über ihren Köpfen schwebt.“ Gerade weil ihnen als bildende Künstler die Wirkung von Symbolen sehr deutlich ist, fordern sie, dass das Schwert entfernt wird. Sie stellen den Zusammenhang zu den bestialischen Morden des „Islamischen Staats“ her und betonen, dass sie „die Wirkung eines über den Köpfen von Kindern mit überwiegend muslimischem Hintergrund und deren Angehörigen schwebenden Schwertes als absolut problematisch“ ansehen.

Gedenktafel an der Wiehagenschule in Gelsenkirchen-Neustadt.

Ihr Vorschlag lautet, das Schwert zu entfernen und mit einem Teil des Zementputzes „den Engel der Kulturen als Bodenintarsie entstehen zu lassen“. Dieses wäre „ein Zeichen für ein friedliches Zusammenleben aller Kulturen in der Stadt Gelsenkirchen“. An die Toten könne „mit einer Tafel und entsprechendem Text“ weiter gedacht werden. Die Politik scheint jedoch noch nicht soweit zu sein. Wie die WAZ in der gleichen Ausgabe berichtet, sieht Barbara Filthaus (SPD) keinen Handlungsbedarf, da die Schüler das Schwert gar nicht wahrnehmen würden. Der Bündnisgrüne Burkhard Wüllscheidt möchte jedoch am Thema dran bleiben. Das Ratsinformationssystem ist natürlich noch nicht so weit, mehr Informationen als die WAZ zu liefern.

Zurückliegender und inzwischen korrigierter Blogbeitrag.

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