Archiv der Kategorie: Länder

Endlich wieder Ostfront!

„No war“ – Kein Krieg, eines der ältesten Transparente des Friedensforums Gelsenkirchen.

Nicht unerwartet werden die Teilnehmenden der diesjährigen Ostermärsche mit den alten Argumenten aus der Zeit des Kalten Krieges wahlweise als naiv oder „fünfte Kolonne Moskaus“ beschimpft. Wäre ich bösartig, würde ich annehmen, dass sich die Politikerinnen und Politiker, die gerade Waffenlieferungen und militärische Aufrüstung das Wort reden, froh sind, dass es endlich wieder eine Ostfront gibt, und dass dieses mal nicht wir bis zum letzten deutschen Soldaten in Stalingrad, sondern nur die USA ihren Stellvertreterkrieg bis zum letzten Ukrainer führen. Ich bin aber nicht bösartig, sondern nur wütend über die aktuelle Situation und trauere um die ukrainischen Flüchtlinge und Toten.

„Frieden schaffen ohne Waffen“ sei zynisch, habe ich gelesen. Wo in aller Welt wurde denn mit Waffen Frieden geschaffen? In Afghanistan, wo sich die westlichen Armeen nach 20 Jahren überstürzt vor den Taliban zurückgezogen und ihre Ortskräfte im Stich gelassen haben? Im Irak, wo sich nach dem Angriffskrieg der USA und ihrer Verbündeten die barbarische Terrorarmee „Islamischer Staat“ gegründet und einen Völkermord an den Jesiden verübt hat? In Libyen, in Syrien, im Jemen, in Georgien, in Mali, auf Zypern, in Vietnam, in Korea … Überall auf der Welt gibt es Brandherde, Kriege, die mit Waffen geführt und nicht beendet werden. Denn Waffen beenden keinen Krieg, mit Waffen werden Kriege geführt. Es braucht Politik, Diplomatie und die Anerkennung gegenseitiger Interessen, um zu einem Frieden zwischen Staaten und Kriegsparteien zu kommen.

Behauptet wird auch, die Friedensbewegung oder der Ostermarsch habe den völkerrechtswidrigen Angriff Russlands auf die Ukraine nicht verurteilt. Natürlich wird dieser Angriff verurteilt, genauso wie alle anderen völkerrechtswidrigen Kriege. Allerdings bleiben die Menschen, die sich für den Frieden engagieren, nicht bei der Verurteilung stehen, sondern interessieren sich für die Hintergründe, die zu dieser Entwicklung geführt haben. Es gibt viele Stimmen, die ganz klar sagen, dass die Ausdehnung der NATO auf das Gebiet des früheren Warschauer Paktes und der früheren Sowjetunion und die fehlende Schaffung einer gemeinsamen europäischen Sicherheitsarchitektur unter Einschluss von Russland die Voraussetzungen für die jetzige Situation geschaffen haben. Die Abschätzigkeit, mit der Russland von Seiten der USA als Regionalmacht behandelt worden ist, war ebensowenig hilfreich.

Bereits 1997 äußerten mehr als 40 ehemalige Senatoren, Regierungsmitglieder, Botschafter, Abrüstungs- und Militärexperten gegenüber dem damaligen US-Präsidenten Clinton ihre Bedenken bezüglich der Osterweiterung der NATO. Der Historiker und Diplomat George F. Kennan beurteilte sie 1997 als verhängnisvollen Fehler, weil sie erwarten lasse, „dass die nationalistischen, antiwestlichen und militaristischen Tendenzen in der Meinung Russlands entzündet werden; dass sie einen schädlichen Einfluss auf die Entwicklung der Demokratie in Russland haben, dass sie die Atmosphäre des Kalten Krieges in den Beziehungen zwischen Osten und Westen wiederherstellen und die russische Außenpolitik in Richtungen zwingen, die uns entschieden missfallen werden.“ 1999 schrieb der konservative US-Politiker Pat Buchanan: „Indem wir die NATO in den Vorgarten Russlands verschieben, treten wir die Konfrontation des 21. Jahrhunderts los. …. Wenn der wachsende Unmut in Russland dazu führt, dass Jelzin durch einen antiamerikanischen Nationalisten ersetzt wird, dann liegt die volle Schuld bei einer hochmütigen US-Elite, die ihr Bestes getan hat, um Russland zu demütigen.“ Man kann über die Wortwahl („Vorgarten“) streiten, die eine Sicht auf die Welt wiedergibt, die ich nicht teile, aber die Gefahr der dann durchgeführten Politik hat er klar benannt.

Die in den 1990er Jahren befürchtete Situation ist eingetreten. Wir haben es inzwischen mit einem autoritär regierten Russland zu tun, das seine selbst definierte Interessensphäre mit militärischen Mitteln vor einer befürchteten weiteren Ausdehnung der NATO schützt. Der Frieden, der 1990 in Sicht gewesen ist, ist in weiter Ferne gerückt.

„sofort aufhören“ – Nur scheinbar ein neues Transparent des Friedensforums Gelsenkirchen.

Quelle für die Zitate zur NATO-Osterweiterung: https://de.wikipedia.org/wiki/NATO-Osterweiterung

Wieder Ostermarsch in Gelsenkirchen!

Ostermarsch Rhein-Ruhr in Gelsenkirchen, hier ein Archivbild aus dem letzten Jahr.

Am Ostersonntag findet traditionell der Empfang des aus Essen kommenden Ostermarsches im Stadtgarten Gelsenkirchen statt. Der völkerrechtswidrige Angriff Russlands auf die Ukraine zeigt, wie zerbrechlich der Frieden ist, den wir glauben, seit dem Ende der Ost-West-Auseinandersetzung vor dreißig Jahren genossen zu haben. Dies gilt nicht einmal in Europa, denn auch hier tobte bereits in den 1990er Jahren der Bürgerkrieg im sich auflösenden Jugoslawien.

Das Friedensforum Gelsenkirchen ruft mit den Forderungen „Nein zum Krieg, Keine Waffenexporte, Nein zur Aufrüstung, verhandeln statt töten“ zur Teilnahme auf. Das Friedensforum verurteilt den völkerrechtswidrigen Krieg gegen die Ukraine durch die russische Regierung, hält jedoch daran fest, dass nur Verhandlungen den Krieg beenden kann. „Kriege können nur durch politische Entscheidungen und nicht durch militärische Interventionen beendet werden. In Anbetracht der Hungersnot in Afghanistan, Jemen und anderne Ländern ist es ein Wahnsinn weiter aufzurüsten und Milliarden der Rüstungsindustrie zukommen zu lassen. Der Ostermarsch wird auch in diesem Jahr für Frieden in der Ukraine und anderswo auf die Straße gehen.“

Darum ruft das Friedensforum zur Teilnahme am Ostermarsch in Gelsenkirchen am Sonntag, 17. April 2022 auf. Der Empfang des aus Essen kommenden Fahrradkorsos ist für 11.40 Uhr geplant. In Gelsenkirchen wird bereits vorher das Friedensforum präsent sein und Kaffee und Kuchen anbieten. Als Redner ist der Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Gelsenkirchen und Wattenscheid, Heiner Montanus vorgesehen, daran schließt sich ein kleines Kulturprogramm an.

Leider kann aufgrund von Umbaumaßnahmen der Musikpavillion nebst Platz nicht genutzt werden, stattdessen wird das Friedensforum am Antifaschistischen Mahnmal zu finden sein. Es sucht noch Unterstützung für den Aufbau ab 9.00 Uhr und ab 10.00 Uhr für die Ausgabe von Kaffee und Kuchen. Auch Kaffee- und Kuchenspenden sind wie immer erwünscht.

Friedensdemo ohne Friedensforum

Infostand des Friedensforum Gelsenkirchen im August 2021 zur Bundestagswahl vor der Altstadtkirche.

Leider waren die Veranstalter der Friedensdemonstration „Solidarität mit der Ukraine“, SJD-Die Falken und die Jugendorganisationen von SPD, CDU, FDP und Bündnis 90/Die Grünen nicht bereit, das Friedensforum Gelsenkirchen ebenfalls sprechen zu lassen. Das Friedensforum engagiert sich seit zwei Jahrzehnten parteipolitisch unabhängig in Gelsenkirchen für den Frieden und organisiert unter anderem jedes Jahr den Empfang des Ostermarsches am Ostersonntag in Gelsenkirchen. Daher dokumentieren wir hier die Rede, die Hildegard Maier nicht halten durfte.

Vorgesehene Rede für die Kundgebung am 01.03.22 gegen den Krieg in der Ukraine
Als erstes möchte ich mein Entsetzen über diesen Angriffskrieg von Präsident Putin gegen die Ukraine zum Ausdruck bringen. Niemals habe ich das persönlich für möglich gehalten. Meine Gedanken sind bei der Bevölkerung und auch bei den Überlegungen, wie man den Menschen in dieser Situation helfen kann. Sie sind zu Hunderttausenden auf der Flucht, suchen Schutz in U-Bahnschächten und Kellern vor den russischen Bomben.
Oberste Priorität muss es heute sein, den Krieg zu beenden, die russischen Truppen in ihre Stützpunkte zurückzuholen und einen echten Friedensprozess einzuleiten. Die sofortige Einstellung der Kampfhandlungen und ein dauerhafter Frieden müssen das Ziel sein.
Wenn wir vom Gelsenkirchener Friedensforum gefragt werden auf welcher Seite wir stehen, als Pazifisten und Antimilitaristen stehen wir auf der Seite der notleidenden Bevölkerung, der Protestierenden in Russland und den russischen Männern, die vor dem Krieg desertieren.
Nicht vergessen sollte man, dass bereits seit 8 Jahren Bürgerkrieg In der Ukraine ist. Die Ukraine ist nicht der Anfang. Schon vorher war Krieg in Afghanistan, Syrien, Irak, Libyen, Aserbaidschan. Überall waren nicht die Interessen und Bedürfnisse der Menschen wichtig, sondern die von Groß -und Mittelmächten. Nirgends ging es um Menschenrechte und Demokratie, sondern um Märkte, Rohstoffe und Handelswege.
Von unserer Regierung müssen wir fordern, keine Waffen an die Ukraine zu liefern.
Waffenlieferungen haben immer dazu geführt, dass Kriege aggressiver und unbegrenzt lange geführt werden können. Die Folgen sind bekannt: Viele Tote, vor allem Zivilisten, zerstörte Infrastruktur, kein Wasser, keine Energie, Versorgungswege zerstört. Die Folgen sind Hunger, keine Daseinsmöglichkeit, geschweige denn Medizin. Darum fordern wir ein Waffenexportverbot für Kriegsgebiete. Kriege werden nie durch Militär beendet, sondern nur durch politische Entscheidungen.
Es ist richtig, die EU-Grenzen dauerhaft zu öffnen für Menschen auf der Flucht. Und es wäre richtig, bei der Gelegenheit auch die Menschen aus dem Grenzgebiet zwischen Polen und Belarus zu retten, die ebenfalls auf der Flucht sind vor einem Krieg.
Über das Druckmittel Sanktion ist viel gesagt. Es ist erforderlich und legitim, es gegen die Superreichen aus und in Russland auszusprechen. Ein Rauswurf aus dem internationalen Zahlungssystem SWIFT kann aber auch zur Folge haben, z. B. wie im Iran, dass eine Versorgung mit Medikamenten für die Bevölkerung nicht möglich ist.

Am letzten Sonntag erfahren wir mal eben so nebenbei in einer Bundestagsdebatte von unserem Bundeskanzler Olaf Scholz, dass eine Erhöhung des Rüstungsetats von über 2 % des BIP angestrebt werden soll. Außerdem ist vorgesehen, in diesem Jahr ein Sondervermögen von 100 Mrd. Euro für die Aufrüstung anzulegen, also eine Erhöhung von 46,9.Mrd. auf 100 Mrd. Euro. Das bedeutet für die Rüstungskonzerne volle Auftragsbücher und erhebliche Gewinne. Schon jetzt sind millionenschwere Forschungsaufträge in Arbeit, an denen auch Deutschland beteiligt ist,
Z. B. Future Combat Air System. Es ist ein hochtechnisiertes Verbundsystem, einschließlich ein Kampflugzeug mit bewaffneter (atomar)Drohnenbegleitung, Die Anschaffung beläuft sich auf einen dreistelligen Milliardenbetrag.
Wir müssen davon ausgehen, dass erhebliche Kürzungen im Sozialbereich zu erwarten sind. Es fehlt jetzt schon Geld im Sozialhaushalt für Schulen, Krankenhäuser. kommunale Infrastruktur, Straßen-Brückenbau- ÖPPNV usw.
Aufrüstung macht den Frieden nicht sicherer, sondern Kriege möglich. Dieser Krieg kann zu einem Flächenbrand werden, wenn weiter verbal und real aufgerüstet wird. Lasst uns gegen den Krieg, für eine Politik der gemeinsamen Sicherheit auf die Straße gehen.
Wir rufen Euch auf am Ostermarsch Rhein/ Ruhr von 16.4.-18.4. teilzunehmen.
Unsere Forderungen:
Umgehend Waffenstillstand zwischen Russland und der Ukraine
Sofortiger Stopp aller Kriegshandlungen
Keine Waffenlieferungen
Keine weitere Aufrüstungsrunde
Stopp der Nato – Osterweiterung
Solidarität mit der Friedensbewegung in der Ukraine und Russland
Solidarität mit allen Geflüchteten

Hildegard Maier vom Friedensforum Gelsenkirchen am antifaschistischen Mahnmal im Stadtgarten zwischen Ostermarsch und 8. Mai 2021.

Hinweis: Den Halbsatz „vermutlich aus wahltaktischen Gründen“ in der Einleitung nach Kritik entfernt.

Für Frieden braucht es mehr als Militär!

Die Entstehung der Friedenstaube. Archivfoto der Friedensdemonstration 2014 in Gelsenkirchen zur Ukraine (Foto: Andreas Jordan).

Nach Meinung unserer Bundesregierung sind wir am Donnerstag in einer „anderen Welt“ aufgewacht. Nun, die Eskalation war nach dem russischen Truppenaufmarsch absehbar und wenig überraschend, mich überrascht vielmehr die Überraschung der Regierenden. Mich überrascht auch wenig die Reaktion der ganz großen Koalition aus Ampel-Regierung und CDU/CSU. Mich überrascht wenig, dass dort mehr Aufrüstung, mehr NATO und mehr „Sicherheitsarchitektur“ verlangt wird. Das ist keine andere, keine neue Welt, sondern die Welt, die wir schon kennen und eine Fortsetzung der Politik, die wir kennen.

Keine Entschuldigung des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine ist die Tatsache, dass auch USA und NATO-Mitglieder völkerrechtswidrige Kriege führen! Aber aus den Ergebnissen der Kriege in Afghanistan, Irak oder Libyen könnte der Westen gelernt haben, dass Militär alleine keinen Frieden sichert, sondern nur Zerstörung bringt. Für Frieden braucht es mehr als Militär! Gemeinsame Sicherheit für alle! Traurig ist in meinen Augen, dass wieder einmal SPD und Bündnisgrüne in einer deutschen Regierung sitzen, die aufs Militär setzt. So sieht sie also aus, die „wertebasierte Außenpolitik“.

Natürlich wird auch wieder geflunkert und gelogen, wenn behauptet wird, dass es in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg keinen Krieg gab. Ist denn der fürchterliche Bürgerkrieg im sich auflösenden Jugoslawien schon vergessen? Die frühzeitige Anerkennung der jugoslawischen Teilstaaten mit den bekannten Folgen? Der Krieg der NATO gegen Rest-Jugoslawien, die zur Abtrennung des Kosovo von Serbien führte schon vergessen? Nun ist es also die Ukraine und das Leben ihrer Bürgerinnen und Bürger, die im geopolitischen Spiel zwischen dem Westen und Russland zerstört werden. In Europa sprechen wieder einmal die Waffen.

Um nicht missverstanden zu werden: Russland muss seinen Krieg sofort beenden und alle Truppen aus der Ukraine abziehen. Solange das nicht geschieht, hat die Ukraine das Recht, sich zu verteidigen und jedes Land der Welt hat das Recht, die Ukraine dabei zu unterstützen, auch militärisch. Eine Lösung kann jedoch militärisch nicht gefunden werden.

Lebensgeschichten hinter Stolpersteinen

Oberhausen, Stolpersteine für Familie Fruchtzweig, Rothebuschstraße 112.

Seit zwei Jahrzehnten beruflich in verschiedenen Städten des Ruhrgebietes unterwegs, bin ich jüngst in Oberhausen auf die Stolpersteine der Familie Fruchtzweig gestoßen. Auch in Oberhausen liegen inzwischen über 200 Stolpersteine des Kölner Aktionskünstler Gunter Demnig, die damit ein Teil des größten dezentralen Denkmals an die Opfer der Nazi-Barbarei sind. Stolpersteine werden in der Regel am letzten frei gewählten Wohnort in den Gehweg eingelassen und erinnern dort namentlich an die meist unter barbarischen Umständen ermordeten Menschen. Dank dem Engagement vieler Stolperstein-Paten konnte in Oberhausen seit 2008 jedes Jahr eine Verlegung stattfinden.

Ein Zeitungsbericht machte mich auf die insgesamt fünf Stolpersteine für die Mitglieder der Familie Fruchtzweig im Pflaster der Rothebuschstraße 112 aufmerksam. Direkt vor einem Friseursalon ruhen diese fünf kleinen Erinnerungsorte an Jakob, Franziska, Maria, Benno und Gustav Fruchtzweig im Gehweg und erinnern an die Geschichte von fünf Menschen, von denen zwei den Faschismus überlebt haben.

Jakob Fruchtzweig wurde am 14. Januar 1896 in Sosnowice, einem Teil Polens der zur Zeit seiner Geburt zum Russischen Zarenreich gehörte, geboren. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges 1918/20 entstand Polen neu als unabhängiger Staat. Jakob kam 1920 über Magdeburg nach Oberhausen. Er arbeitete hier als Bergmann und heiratete 1921 die 3 Jahre jüngere und gebürtige Osterfelderin Franziska Cwiertnia, obwohl deren Familie gegen die Hochzeit mit dem polnischen Juden war. Sie bekamen zwei Kinder, am 2. Mai 1922 wurde die Tochter Maria und am 29. Oktober 1929 der Sohn Benno geboren. 1925 zog die Familie von der unteren Rothebuschstraße zur Hausnummer 38 (heute Nummer 112). Sein Geschäft für Kurz- und Wollwaren befand sich dort, wo heute der Friseursalon besteht.

Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 begannen die Nazis zügig ihre Politik umzusetzen. Bereits der Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April 1933 traf das kleine Geschäft der Familie schwer, im Juli 1933 wurde das Gewerbe abgemeldet und die Familie zog 1934 nach Bottrop in eine vermeintlich sicherere jüdische Umgebung. Jakob arbeitete erneut als Händler, seine Tochter Maria als Putzhilfe.

Am 28. Oktober 1938 wurde die gesamte vierköpfige Familie wie 17.000 andere polnische Juden im gesamten Deutschen Reich in einer Nacht- und Nebelaktion über die Grenze nach Polen abgeschoben. Hintergrund der sogenannten „Polenaktion“ war eine geplante Änderung des polnischen Passgesetzes, mit der Polen die außerhalb Polens lebenden Juden ausbürgern wollte. Der polnische Historiker Jerzy Tomaszewski beschreibt in seinem Buch „Auftakt zur Vernichtung“ (Osnabrück 2002), dass die ganze Aktion unter katastrophalen Bedingungen durchgeführt wurde. Manche wurden mitten in der Nacht von Gestapo, SA oder SS aus ihren Wohnungen gescheucht und im Nachthemd mitgenommen, anderen wurde es erlaubt, ein wenig Handgepäck und Lebensmittel mitzunehmen.

Die Verhafteten wurden auf Polizeiposten oder in Gefängnissen, Turnhallen, Synagogen, Kasernen oder anderen Gebäuden untergebracht und nach Stunden zur Abfahrt der Sonderzüge zum Bahnhof gebracht. An Bargeld durfte aufgrund der Devisenbestimmungen pro Person maximal 10 Reichsmark mitgenommen werden. Die Transporte mit der Reichsbahn trafen auf kleine Grenzübergänge, die dem Ansturm nicht gewachsen waren. Die meisten, etwa 9000, wurden über den Grenzübergang Bentschen/Zbazyn abgeschoben, wo die überforderten polnischen Behörden sie zunächst in Eisenbahnwaggons festgehalten und in ehemaligen Kasernen und Ställen untergebracht haben.

Während viele andere von den polnischen Behörden in Zbazyn festgehalten wurden, konnte Jakobs Familie in seinen Geburtsort ziehen. Bereits ein Jahr später entfesselte Nazi-Deutschland mit dem Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg. In Sosnowice, dem Ort in dem Jakobs Familie geflüchtet war, wurde die jüdische Bevölkerung wie überall im Deutsch besetzten Polen in ein Ghetto gesperrt, in das zudem die jüdische Bevölkerung von kleineren umliegenden Ortschaften deportiert wurde. Die meisten Ghetto-Bewohner wurden in Auschwitz ermordet, ein Aufstand des Ghettos blieb erfolglos.

Jakob wurde 1943 in das Männerlager Klettendorf bei Breslau in Schlesien deportiert, die Kinder an einen uns nicht bekannten Ort gebracht. Wie bei vielen anderen auch verliert sich jede weitere Spur meist in den Kaminen der Vernichtungslager oder den verscharrten Leichenbergen. Wir können davon ausgehen, das sie ermordet worden sind. Franziska konnte als Nichtjüdin im April 1944 nach Oberhausen zurückkehren, später zog sie nach Bottrop. Sie hatte vergeblich versucht, etwas über das Schicksal ihrer Familie herauszufinden und starb 1959 im Osterfelder Marienhospital.

Oberhausen, Friseursalon in der Rothebuschstraße 112 mit den Stolpersteinen für Familie Fruchtzweig.

Auf derselben Adresse wohnte Gustav Fruchtzweig, vermutlich ein Bruder Jakobs, am 2. März 1901 ebenfalls in Sosnowice geboren. Er war Altwaren- und Schrotthändler. Er floh bereits 1933 über die Niederlande und Belgien mit Hilfe einer jüdischen Hilfsorganisation nach Frankreich. Nach der Niederlage und Besetzung Frankreichs durch Nazi-Deutschland wurde er 1942 in Toulouse verhaftet und 1943 in ein Arbeitslager nach Lille gebracht. 1944 gelang ihm die Flucht und er fand Unterschlupf bei einer französischen Familie auf dem Land. Nach dem Krieg zog er nach Paris. Hier starb er 1978.

Die Verlegung der Stolpersteine war am 26. Februar 2021 erfolgt. Am 22. August 2021 fand in Sankt Marien eine Gedenkveranstaltung statt. Weitere Informationen auf den Webseiten der Katholischen Pfarrei St. Pankratius Oberhausen-Osterfeld und der Gedenkhalle Oberhausen.

Gedenken an die Reichspogromnacht unter Pandemiebedingungen

Das Aktionsbündnis ruft dazu auf, Stolpersteine zu putzen.

Wie schon der Ostermarsch und der 1. Mai steht auch die traditionelle Veranstaltung anlässlich der Reichspogromnacht an diesem 9. November unter den Kontaktbeschränkungen, verursacht durch die Corona-Pandemie.

Die Demokratische Initiative (DI) hat ihre öffentliche Gedenkkundgebung abgesagt. Sie wurde stattdessen – nur mit einer eingeschränkten Teilnehmerzahl – vorgezogen und aufgezeichnet. Diese soll bis zum ursprünglich geplanten Termin 18.30 Uhr auf gelsenkirchen.de zu sehen seien. EIne filmische Zusammenfassung soll auf den Social-Media-Kanälen der Stadt veröffentlicht werden.

Das Gelsenkirchener Aktionsbündnis gegen Rassismus und Ausgrenzung (s. Bild) hat dazu aufgerufen, am 8. und 9.11. Stolpersteine zu putzen. Wie auch die DI ruft das Bündnis dazu auf, als Symbol des Erinnerns und Gedenkens ein Licht ins Fenster zu stellen. Im Rahmen des Aktionsbündnisses hat die VVN-BdA Gelsenkirchen – dank technischer Unterstützung aus der Partei DIE LINKE – eine Stolperstein-Geschichte aufgezeichnet, die auf der Facebook-Seite des Aktionsbündnisses angesehen werden kann. (Der Filmbeitrag kann auch angesehen ist, wenn man nicht Mitglied bei Facebook ist, eventuelle Anmeldehinweise einfach wegklicken). Einen kleinen Überblick über das Kunstprojekt Stolpersteine gibt die VVN-BdA ebenfalls auf ihrer Gelsenkirchener Webseite.

Die einzige öffentliche Kundgebung führt AUF Gelsenkirchen ab 17.30 Uhr durch. Unter dem Motto „Gib Antikommunismus, Rassismus, Faschismus und Antisemitismus keine Chance“ startet AUF Gelsenkirchen auf dem Heinrich-König-Platz und macht Station auf dem Rosa-Böhmer-Platz, dem Fritz-Rahkob-Platz und endet auf dem Platz der alten Synagoge. Es gelten Maskenpflicht und Abstandsregel.

Widerstand und Verfolgung in Amsterdam 1940-1945

Anne-Frank-Haus, Prinsengracht 263.

Die siebte Gedenkstättenfahrt der DGB-Jugend MEO (Mühlheim, Essen, Oberhausen) und der VVN-BdA Essen führte uns in unser Nachbarland, die Niederlande. Kannte ich als Erinnerungsort in Amsterdam bislang nur das Anne-Frank-Haus, lernte ich am Wochenende vom 04. bis 06.10.2019 noch die Hollandsche Schouwburg und das Verzetsmuseum Amsterdam, zu Deutsch Widerstandsmuseum Amsterdam, kennen. Arthur Graaf, Vorsitzender des niederländischen Pendants zur VVN-BdA führte uns an zwei Tagen durch das gegenwärtige Amsterdam.

Die Niederlande hatten gehofft, wie im Ersten Weltkrieg während des Krieges zwischen Deutschland auf der einen Seite sowie Frankreich und Großbritannien auf der anderen Seite neutral bleiben zu können. Doch anders als im Ersten Weltkrieg musste Deutschland aufgrund des Hitler-Stalin-Paktes keinen Zweifrontenkrieg führen. So konnte die Deutsche Wehrmacht den Krieg im Westen rasch für sich entscheiden. Die Zerstörung Rotterdams durch die Deutsche Luftwaffe, nach der Bombardierung Warschaus 1939 der zweite Terrorangriff gegen die Zivilbevölkerung einer Großstadt, forcierte die schnelle Kapitulation der Niederlande. Königin und Regierung flohen nach Großbritannien und lieferten Land und Leute schutzlos aus. Innerhalb kurzer Zeit beherrschte das unbesiegbar scheinende Nazi-Deutschland einen europäischen Kontinentalblock, der vom Nordkap bis Sizilien, von der Bretagne bis zur sowjetischen Grenze reichte.

Denkmal für Anne Frank an der Ecke Prinsengracht/Westermarkt.

Die Niederlande gehörten in den Vorstellungen der Nazis zu ihrem „großgermanischen Reich“. Nach einer Anfangs „freundlichen“ Besatzungspolitik begannen die neuen Machthaber unter dem „Reichskommissar“ Seyss-Inquart basierend auf ihrer pseudowissenschaftlichen „Rassenlehre“ einen Teil der niederländischen Bevölkerung als „jüdisch“ zu definieren. Als Grundlage diente die Religion der Eltern- und Großelterngeneration. Der Definition folgten Ausgrenzung, Deportation und Völkermord in den Konzentrations- und Vernichtungslagern im deutsch besetzten Osten.

Arthur Graaf, Vorsitzender des niederländischen Pendants zur VVN-BdA, zeigte uns verschiedene Orte während der Stadtführung.

Opfer dieser rassenideologischen Politik wurden auch zuvor aus Deutschland geflüchtete Juden, wie die Familie Frank. Sie waren bereits 1933/34 vor den Nazis aus Deutschland geflohen und versteckten sich ab dem 6. Juli 1942 im durch Annes Tagebuch weltberühmt gewordenen Hinterhaus in der Prinsengracht 263. Sie wurden verraten und am 4. August 1944 verhaftet und deportiert. Anne und ihre Schwester Margot starben elendig Ende Februar/Anfang März im Konzentrationslager Bergen-Belsen; von den acht Untergetauchten überlebte nur Annes Vater, Otto Frank. Er entdeckte nach der Rückkehr nach Amsterdam Annes Tagebuch, in denen Anne die Ereignisse im Hinterhaus festgehalten hatte und ließ es veröffentlichen.

Eingangsbereich ins Anne-Frank-Haus 2019.

Das Anne-Frank-Haus in der Prinsengracht 263 ist heute ein Ort, der die Erinnerung an die Ereignisse wachhält. Leider ist der Zugang in der Gegenwart deutlich erschwert. Einzelpersonen benötigen ein Ticket, das zuvor zu bestimmten Zeiten im Internet gebucht werden muss. Die maximale Teilnehmerzahl bei Besuchergruppen beträgt 35, sodass aus unserer Gruppe nicht alle an der Gruppenführung teilnehmen konnten. Da ich das Anne-Frank-Haus bereits vor Jahrzehnten insgesamt zweimal besucht hatte, verzichtete ich auf einen erneuten Besuch. Die Räumlichkeiten des Hinterhauses, in dem sich die Untergetauchten tagsüber ruhig verhalten mussten, sind mir noch in Erinnerung, wie die in Annes Zimmer an der Wand befindlichen Fotos von Filmstars von denen die Jugendliche schwärmte.

Hollandsche Schouwburg, das frühere Theater ist heute eine Gedenkstätte.

Für mich neu war die Hollandsche Schouwburg in der Plantage Middenlaan 24. Ursprünglich handelte es sich um ein Theater für die breite Bevölkerung, während der Deutschen Besetzung wurde es für kurze Zeit zu einem Jüdischen Theater und schließlich für rund 18 Monate zu einem Sammelplatz für die zur Deportation bestimmte jüdische Bevölkerung. Diese mussten wenige Tage bis Wochen hier unter unmöglichen Bedingungen ausharren. Heute handelt es sich um eine Gedenkstätte für die über 100.000 ermordeten Juden der Niederlande, in denen an die Namen der ermordeten Familien erinnert wird.

Umgestalteter Innenbereich der Gedenkstätte Hollandsche Schouwburg.

Nur die Vorderfront des Gebäudes wurde erhalten, der Innenraum wurde komplett umgestaltet. (Ein ähnliches Sammellager war in Gelsenkirchen die Ausstellungshalle auf dem Wildenbruchplatz, anders als in Amsterdam erinnert heute am Tatort in Gelsenkirchen außer einem Stolperstein für Helene Lewek nichts mehr an die Ereignisse.)

Unsere Besuchergruppe am Denkmal zur Erinnerung an den Februarstreik 1941.

Bemerkenswert in der Geschichte des Widerstandes ist der Februarstreik 1941, der einzige Streik einer Bevölkerung im besetzten Europa, der sich gegen die beginnende Verhaftung und Deportation des jüdischen Bevölkerungsteils richtete. Arthur Graaf, Sohn eines der Streikenden und Vorsitzender des niederländischen Pendants zur VVN-BdA, schilderte am Denkmal zur Erinnerung an den Februarstreik die Hintergründe und den Ablauf. DGB-Jugend MEO und VVN-BdA Essen legten einen Kranz nieder und gedachten mit einer Schweigeminute der mutigen Arbeiter.

Blick in die Ausstellung des Widerstandsmuseum Amsterdam.

Mit dem Besuch des Verzetsmuseum Amsterdam (Widerstandsmuseum Amsterdam) schlossen wir unsere Gedenkstättenfahrt nach Amsterdam ab. Das von Widerstandskämpfern eingerichtete Museum zeigt in seiner Ausstellung die Gesellschaft der Niederlande ab den 1930er Jahren, in der Anpassung, Kollaboration und Widerstand stattfand und wie sich die Niederlande in der Zeit entwickelte. In einem einführenden Film wurden die verschiedenen Handlungsmöglichkeiten an konkreten Beispielen historischer Persönlichkeiten gezeigt, die sich auch in der Ausstellung wiederfinden. In der Ausstellung dargestellt sind beispielsweise die stark voneinander getrennten Gesellschaftsgruppen (Sozialisten, Liberale, Katholiken, Reformierte), die sich später im Widerstand zusammenfanden.

„Ein jüdischer Antifaschist in den Reihen der Résistance“

Alice und Juri am 17.05.2019 im Subversiv Gelsenkirchen.

Rund 3000 Deutsche kämpften in der französischen Résistance, eine Tatsache, die in Deutschland und selbst in Frankreich bis heute weitgehend unbekannt ist. Im Subversiv im Gelsenkirchener Stadtsüden waren gestern die Tochter und der Enkel von Peter Gingold zu Gast und berichteten aus dem bewegten Leben ihrer Familie. Vor einem bunt gemischten Publikum, die das Subversiv teilweise zum ersten Mal kennen lernte, ließen Alice und Juri die Vergangenheit lebendig werden.

Kein Ton war aus dem Publikum zu vernehmen, während Alice aus ihrer Familiengeschichte erzählte. Ergänzt wurden ihre Erzählungen mit Passagen aus der Autobiografie Peter Gingolds, die Alice Sohn Juri vorlas. Zudem wurden kleine Filmszenen eingespielt, in denen unter anderem auch Peter selbst zu Wort kam. In Deutschland aufgewachsen, floh die Familie 1933 vor den Nazis nach Frankreich. In Paris engagierte sich Peter wie zuvor in Deutschland in einer Gruppe junger deutscher Antifaschistinnen und Antifaschisten. Hier lernte er seine spätere Frau Etti Stein-Haller kennen. Alice wurde Anfang Juni 1940 geboren, als die Deutsche Wehrmacht bereits kurz vor der französischen Hauptstadt stand. Nach der Besetzung Frankreichs durch Nazi-Deutschland schloß sich Peter der Résistance an und lebte im Untergrund. Als 1942 die Deportationen jüdischer Menschen begannen, brachten Etti und ihre Familie Alice und andere Kinder unter falschen Namen bei einer Bauersfamilie unter. Ende 1942 wurde Peter von der Gestapo verhaftet, doch gelang ihm die Flucht. Der Titel seiner Autobiografie „Paris – Boulevard St. Martin No. 11“ nennt die Adresse, bei der ihm die unglaubliche Flucht aus den Fängen der Gestapo gelang.

Nach 1945 kehrte das Ehepaar in das zerstörte Frankfurt am Main zurück. Peter engagierte sich in der KPD, die 1956 verboten wurde. Ebenfalls 1956 entdeckte ein Beamter, dass sie nach ihrer Rückkehr aus der Emigration zu Unrecht deutsche Pässe erhalten hatten, die Eltern waren polnische Juden gewesen. So wurde die Familie staatenlos. Erst nach vielen Protesten erhielten sie die deutsche Staatsbürgerschaft zurück. Nicht zuletzt aufgrund dieser Erfahrung engagierte sich Peter als Zeitzeuge. Auch Alice Schwester Silvia musste erfahren, dass ein politisches Engagement im demokratischen Staat nicht unbedingt zum Vorteil gereicht, sie erhielt Berufsverbot und durfte erst später als Lehrerin nur im Angestelltenverhältnis arbeiten. Bis heute wird sie vom Verfassungsschutz beobachtet, weil sie auf Veranstaltungen beispielsweise der VVN-BdA aus der Autobiografie ihres Vaters liest.

Welche Bedeutung Geschichte für die Gegenwart hat, machten Alice und Juri deutlich, als es um die Erfahrungen als Flüchtling in Frankreich ging, um die Situation der Flüchtlinge in der Gegenwart zu verstehen. So hat sich ihr Vater gegen die weitgehende Abschaffung des Asylrechts im Grundgesetz eingesetzt. Den Abschluss bildete ein Ausschnitt einer Rede von Peter in der Gesamtschule Ingelheim, in der er die Schüler aufforderte, sich heute zu engagieren, und nicht zu warten, bis es so schwer geworden ist wie zu seiner Zeit. Ein besseres Schlusswort konnte es nicht geben.

Bei der Veranstaltung handelte es sich um eine Kooperation der Schalker Faninitiative e.V., des Freiraumprojektes Subversiv und der Gelsenkirchener VVN-BdA im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Aktionswochen für ein friedliches, demokratisches und weltoffenes Europa“ des Gelsenkirchener Aktionsbündnisses gegen Rassismus und Ausgrenzung. Unter dem Namen „Kinder des Widerstandes“ haben sich Kinder und Enkel von Verfolgten des Naziregimes zusammengefunden und führen die Arbeit ihrer Eltern oder Großeltern in einer besonderen Art der Zeitzeugenarbeit fort.

Besuch des niederländischen Befreiungsmuseums Groesbeek

„Nationaal Bevrijdingsmuseum 1944-1945“ Groesbeek. Blick in die Ausstellung.

Aus niederländischer Sicht thematisiert das „Nationaal Bevrijdingsmuseum 1944-1945“ im nahe der deutschen Grenze gelegenen Groesbeek die Zeit der Besetzung durch Nazi-Deutschland und die Befreiung in den Jahren 1944/45 durch alliierte Truppen. Neben der Dauerausstellung beherbergt das Museum derzeit eine Sonderausstellung zum kommunistischen Widerstand. Organisiert von der VVN-BdA Düsseldorf besuchten wir mit etwas über 20 Personen am Sonntag, 7. Oktober 2018 das Museum. Es wird in hohem Maße durch ehrenamtliche Helfer betreut. Zwei von ihnen führten uns durch die Ausstellung und teilten dabei auch sehr persönliche Ansichten mit.

Das Museum zeigt in vielfältigen Ausstellungsstücken und medialen Darstellungen anschaulich die Geschichte der Vorkriegszeit mit der niederländischen Sicht auf Nazi-Deutschland, die Zeit der Besetzung der Niederlande und schließlich der Befreiung in den Jahren 1944/45 mit ihren Auswirkungen auf die Bevölkerung. Die Ausstellung ist um hohe Anschaulichkeit bemüht und will durch die Beschäftigung mit der Geschichte die aktuelle Bedeutung von Demokratie, Freiheit und Menschenrechten zeigen. Die Beschriftung ist dreisprachig, niederländisch, englisch und deutsch. Die Farbe rot kennzeichnet den Ausstellungsteil zur Besatzungszeit, die Farbe blau den Teil der Ausstellung, der die Zeit der Befreiung in den Jahren 1944/45 zeigt.

„Nationaal Bevrijdingsmuseum 1944-1945“ Groesbeek. Anschauliche Darstellung des Kriegsverlaufs.

Erstmalig erfuhr ich hier von der militärischen Operation „Market Garden“. Mittels einer groß angelegten Luftlandeoperation kombiniert mit einem Vorrücken der Landstreitkräfte versuchten die westlichen Allierten, die nach der Landung in der Normandie im Juni 1944 bereits weit nach Westen vorgedrungen waren, ab dem 17. September 1944 die Brücken über die Wasserstraßen im Südosten der Niederlande einzunehmen. Rund um Groesbeek und Nimwegen landeten dabei etwa 8.000 amerikanische Fallschirmjäger. Doch war die Aktion nur teilweise erfolgreich, erst mit der großen Rheinlandoffensive im Februar 1945 gelang im weiteren Verlauf des Krieges die Befreiung der Niederlande.

„Nationaal Bevrijdingsmuseum 1944-1945“ Groesbeek. Sonderausstellung zum kommunistischen Widerstand.

Neben der Dauerausstellung besuchten wir auch die aktuelle Sonderausstellung, die sich mit dem kommunistischen Widerstand gegen die deutsche Besetzung beschäftigte. Die Kommunistische Partei der Niederlande (CPN), die heute im politischen Leben unseres Nachbarlandes keine Rolle mehr spielt, unterstützte bereits in den 1930er Jahren den Widerstand in Deutschland und wandelte sich mit der Besetzung durch Nazi-Deutschland in eine Widerstandsorganisaion. Die Ausstellung stellt anschaulich die Geschichte des Widerstands und der Zeit nach 1945 dar. Nach einem kurzen Aufschwung verlor die CPN angesichts des Antikommunismus im Kalten Krieg und durch die Parteinahme für die Unabhängigkeit der Kolonie Niederländisch-Indien an Bedeutung.

„Nationaal Bevrijdingsmuseum 1944-1945“ Groesbeek. Sonderausstellung zum kommunistischen Widerstand mit dem Beispiel der Hannie Schaft.

Die Sonderausstellung ist noch bis zum 28. Oktober 2018 zu sehen.