Archiv der Kategorie: Länder

Besuch des niederländischen Befreiungsmuseums Groesbeek

„Nationaal Bevrijdingsmuseum 1944-1945“ Groesbeek. Blick in die Ausstellung.

Aus niederländischer Sicht thematisiert das „Nationaal Bevrijdingsmuseum 1944-1945“ im nahe der deutschen Grenze gelegenen Groesbeek die Zeit der Besetzung durch Nazi-Deutschland und die Befreiung in den Jahren 1944/45 durch alliierte Truppen. Neben der Dauerausstellung beherbergt das Museum derzeit eine Sonderausstellung zum kommunistischen Widerstand. Organisiert von der VVN-BdA Düsseldorf besuchten wir mit etwas über 20 Personen am Sonntag, 7. Oktober 2018 das Museum. Es wird in hohem Maße durch ehrenamtliche Helfer betreut. Zwei von ihnen führten uns durch die Ausstellung und teilten dabei auch sehr persönliche Ansichten mit.

Das Museum zeigt in vielfältigen Ausstellungsstücken und medialen Darstellungen anschaulich die Geschichte der Vorkriegszeit mit der niederländischen Sicht auf Nazi-Deutschland, die Zeit der Besetzung der Niederlande und schließlich der Befreiung in den Jahren 1944/45 mit ihren Auswirkungen auf die Bevölkerung. Die Ausstellung ist um hohe Anschaulichkeit bemüht und will durch die Beschäftigung mit der Geschichte die aktuelle Bedeutung von Demokratie, Freiheit und Menschenrechten zeigen. Die Beschriftung ist dreisprachig, niederländisch, englisch und deutsch. Die Farbe rot kennzeichnet den Ausstellungsteil zur Besatzungszeit, die Farbe blau den Teil der Ausstellung, der die Zeit der Befreiung in den Jahren 1944/45 zeigt.

„Nationaal Bevrijdingsmuseum 1944-1945“ Groesbeek. Anschauliche Darstellung des Kriegsverlaufs.

Erstmalig erfuhr ich hier von der militärischen Operation „Market Garden“. Mittels einer groß angelegten Luftlandeoperation kombiniert mit einem Vorrücken der Landstreitkräfte versuchten die westlichen Allierten, die nach der Landung in der Normandie im Juni 1944 bereits weit nach Westen vorgedrungen waren, ab dem 17. September 1944 die Brücken über die Wasserstraßen im Südosten der Niederlande einzunehmen. Rund um Groesbeek und Nimwegen landeten dabei etwa 8.000 amerikanische Fallschirmjäger. Doch war die Aktion nur teilweise erfolgreich, erst mit der großen Rheinlandoffensive im Februar 1945 gelang im weiteren Verlauf des Krieges die Befreiung der Niederlande.

„Nationaal Bevrijdingsmuseum 1944-1945“ Groesbeek. Sonderausstellung zum kommunistischen Widerstand.

Neben der Dauerausstellung besuchten wir auch die aktuelle Sonderausstellung, die sich mit dem kommunistischen Widerstand gegen die deutsche Besetzung beschäftigte. Die Kommunistische Partei der Niederlande (CPN), die heute im politischen Leben unseres Nachbarlandes keine Rolle mehr spielt, unterstützte bereits in den 1930er Jahren den Widerstand in Deutschland und wandelte sich mit der Besetzung durch Nazi-Deutschland in eine Widerstandsorganisaion. Die Ausstellung stellt anschaulich die Geschichte des Widerstands und der Zeit nach 1945 dar. Nach einem kurzen Aufschwung verlor die CPN angesichts des Antikommunismus im Kalten Krieg und durch die Parteinahme für die Unabhängigkeit der Kolonie Niederländisch-Indien an Bedeutung.

„Nationaal Bevrijdingsmuseum 1944-1945“ Groesbeek. Sonderausstellung zum kommunistischen Widerstand mit dem Beispiel der Hannie Schaft.

Die Sonderausstellung ist noch bis zum 28. Oktober 2018 zu sehen.

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„Polens Rolle rückwärts“ – Vorbild für die AfD?

Wer sich in der Bundesrepublik mit der Entwicklung der sogenannten „Alternative für Deutschland“ von einer europaskeptischen, wirtschaftsliberalen und nationalkonservativen Partei hin zu einer für rechtextreme und faschistische Positionen offenen Partei beschäftigt, schaut auch oft auf die anderen Länder der Europäischen Union mit ähnlichen aber durchaus unterschiedlichen rechtspopulistischen, rechtsextremen oder faschistischen Parteien. Krzysztof Pilawski, polnischer Publizist und Holger Politt, Mitarbeiter der Rosa-Luxemburg-Stiftung, sezieren in ihrem Buch „Polens Rolle rückwärts“ die Situation in unserem östlichen Nachbarland.

In der Betrachtung der Ursachen für den Erfolg der national-konservativen Partei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS) bei den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen 2015 zeigen sich interessante Ähnlichkeiten zur bundesdeutschen Situation wie auch deutliche Unterschiede. Zu den interessanten Ähnlichkeiten gehört eine sozialdemokratische Partei, die sich mit einer neoliberalen Politik von ihren Wählern entfremdet hat und bei den Wahlen abstürzte. Zu den Unterschieden gehört die Stellung der katholischen Kirche, die in Polen einen übergroßen Einfluss besitzt.

Pilawski schildert im Teil „Anatomie des politischen Erfolgs“ die politischen Auseinandersetzungen und skizziert die jüngere Entwicklung Polens, die Transformation der alten Volksrepublik Polen in das heutige EU-Mitglied und die Auswirkungen einer neoliberalen Politik, die alle sozialen Sicherheiten vernichtet und eine gespaltene Gesellschaft produziert hat. Im Ergebnis führte diese Politik und die Vernachlässigung der sozialen Frage durch die Linken zum Erfolg der PiS, die durch Antikommunismus, eine nationalististische Geschichtspolitik und der Demontage demokratischer Grundrechte und Institutionen ihren Erfolg zu verstetigen sucht. Im Zentrum der Geschichtspolitik der PiS steht die Glorifizierung aller polnischen Unabhängigkeitsbestrebungen in Geschichte und Gegenwart.

Dieses Buch sei allen empfohlen, die sich für die politische Entwicklung Polens oder auch Deutschlands interessieren, bietet es doch auch im Hinblick auf letzteres einen fremden Blick auf eine leider erfolgreiche sozial- und geschichtspolitische Strategie einer rechten Partei.

Stolpersteine für die Familie Nussbaum verlegt

Im Gedenken wieder vereint: Stolpersteine für die Familie Nussbaum vor der Hildegardstraße 21.

– Wortbeitrag von Knut Maßmann während der Verlegung –

Die Eheleute David und Malka Nussbaum stammten aus Galizien, dem Teil Polens, der bis zum Ende des Ersten Weltkriegs zu Österreich-Ungarn gehört hatte. David Nussbaum wurde am 25. Mai 1901 in Rozniatow geboren, Malka Nussbaum, geborene Rechtschaffen am 14. Mai 1903 in Pacykow.

Mit der Wiedergründung eines unabhängigen polnischen Staates wurden sie aufgrund ihres Geburtsortes polnische Staatsbürger. Galizien war eine bitterarme Region. Aufgrund von Armut und Diskriminierung hatten zahlreiche Juden das Land in Richtung USA verlassen. Ein kleiner Teil wandte sich nach Deutschland, darunter jene, die nicht genügend Geld für die Reise nach Übersee besaßen.

Wir wissen nicht, was die Eheleute nach Gelsenkirchen führte. Wir wissen, dass sie hier lebten und in unserer Stadt ihre drei Kinder geboren wurden: am 27. November 1928 die älteste Tochter Ruth, am 21. November 1930 der Sohn Siegfried und am 2. Oktober 1937 als jüngstes Kind Mirjam.

Das Haus Hildegardstraße 21 – der letzte frei gewählte Wohnort der Familie Nussbaum..

Vater David Nussbaum und die jüngste Tochter Mirjam wurden im Rahmen der sogenannten „Polenaktion“ 1938 nach Polen ausgewiesen. Dabei wurden innerhalb von 3 Tagen rund 17.000 Juden polnischer Staatsangehörigkeit im gesamten Deutschen Reich verhaftet und nach Polen abgeschoben. Auslöser war eine Änderung des polnischen Passgesetzes, mit dem Polen die im Ausland lebenden jüdischen Staatsbürger auszubürgern beabsichtigte.

In Gelsenkirchen betraf die Aktion rund 80 jüdische Menschen jeden Alters.

Die größte Anzahl wurde über den Grenzübergang Bentschen/Zbazyn nach Polen abgeschoben, wo die überforderten polnischen Behörden sie zunächst in Eisenbahnwaggons festgehalten und in ehemaligen Kasernen und Ställen untergebracht haben. Zeitzeugen berichten von chaotischen Zuständen.

Nach diplomatischen Verhandlungen zwischen Nazi-Deutschland und Polen durften die Ausgewiesenen noch einmal an ihren früheren Wohnort zurückkehren um mit ihren Familien, persönlichen Gegenständen, evtl. der Wohnungs- oder Werkstatteinrichtung nach Polen auszureisen. Die Kosten mussten die Betroffenen selbst tragen.

Die heute nicht mehr vorhandene Wasserstraße mündete etwa hier in die Bismarckstraße. Das Haus mit der Nummer 16 befand sich unweit der Einmündung und wurde vermutlich im Krieg zerstört.

Vermutlich im Zusammenhang damit steht ein Umzug der Familie. Am 17. Juni 1939 zogen sie in die Wassergasse 16 um. Die Straße lag früher zwischen Paulinenstraße und Liboriusstraße und führte von der Kronprinzenstraße (das ist heute die Dresdener Straße) zur Bismarckstraße. Sie war noch bis 1955 in den Adressbüchern verzeichnet und ist heute überbaut.

Warum die Ausreise nach Polen im Fall der Familie Nussbaum nicht geschehen ist, wissen wir nicht. Vermutlich hat der Beginn des Zweiten Weltkriegs mit dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 die Ausreise der Familie verhindert.

Was wir wissen ist, dass David Nussbaum nach einem Erlass vom 9. September 1939 in sogenannter „Schutzhaft“ genommen wurde und ins Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht wurde. Dort verstarb er am 9. Juni 1940, keine 40 Jahre alt, an einer Lungenentzündung.

Florastraße 84, hier wurde 2009 ein Stolperstein für Regine Spanier verlegt, einer der ersten Stolpersteine in Gelsenkirchen.

Am 30. August 1940 müssen Malka Nussbaum und ihre drei Kinder Ruth, Siegfried und Mirjam in ein sogenanntes „Judenhaus“ umziehen, in dem die Nazis vor Deportation und Vernichtung die jüdische Bevölkerung auf engem Raum konzentrierte. Sie ziehen in das Haus der Familie Spanier, Franz-Seldte-Strasse 84 (das ist heute Florastrasse 84) und leben Briefen zufolge in deren Wohnzimmer.

Die Familie Nussbaum findet Erwähnung in einem Brief der Tochter von Regina Spanier. Gertrud Reifeisen schreibt am 20. August 1940 in einem Brief an ihre Tochter Ilse, die mit einem der Kindertransporte nach Schweden reisen konnte und so überlebte: „… Du kennst ja wohl noch die Ruth Nussbaum. Der Mann war ja mit Vati zusammen fort und ist gestorben. Also die Frau mit den 3 Kindern ziehen zu uns in die Wohnung. Das kleinste Mädelchen ist 3 Jahre alt, und ein niedliches Kind. Es ist ja nicht sehr angenehm für Oma, denn die Unruhe wird groß werden, aber es lässt sich nicht ändern.“

Noch in zwei weiteren Briefen findet die Familie Nussbaum Erwähnung. Am 2. September 1940 schreibt Gertrud Reifeisen: „… Ruth und Siegfried sind ja große Kinder und machen wenig Unruhe, aber die kleine Mirjam ist – wie alle kleinen – sehr unruhig. Und außerdem fehlt uns der Raum sehr …“ Am 12. Dezember 1940 schreibt sie über die wohltuende Ruhe, da die kleine Mirjam mit einer harmlosen Nierenerkrankung seit 14 Tagen im Krankenhaus liege.

Waggon der Deutschen Reichsbahn. Hier ein Ausstellungsstück in der Gedenkstätte Radegast, Lodz.

Am 27. Januar 1942 werden Malka Nussbaum und ihre drei Kinder wie weitere rund 360 Juden aus Gelsenkirchen mit dem ersten Sammeltransport in das Ghetto Riga deportiert, nachdem sie zuvor in der Ausstellungshalle am Wildenbruchplatz zusammengepfercht worden waren. Der Zug der Deutschen Reichsbahn (heute Deutsche Bahn AG) fuhr in Gelsenkirchen vom Güterbahnhof ab und erreichte Riga am 1. Februar 1942.

Im Ghetto Riga lebten auf engstem Raum zuerst lettische Juden, nach ihrer Ermordung Juden aus Deutschland. Fast alle wurden im Ghetto, in den angrenzenden Wäldern oder benachbarten Konzentrationslagern von deutscher und lettischer SS ermordet.

Malka Nussbaum und Ihre Tochter Ruth wurden spätestens Anfang November 1943 im Zuge der Auflösung des Ghettos ermordet. Für die beiden jüngsten Kinder, Siegfried und Mirjam, ist als „Todesort“ nicht das Ghetto Riga, sondern „Riga-Jungfernhof, Außenlager Ghetto Riga“ angegeben. Dabei handelt es sich um ein drei bis vier Kilometer von Riga entferntes heruntergekommenes Gut mit Gutshaus, Scheunen, Baracken und Viehställen beim Dorf Jumpravmuiža.

Heute führen wir die Familie im Gedenken wieder zusammen.

Eindrücke aus Danzig und Gdańsk

Touristenattraktion Danzig heute, wie es 1945 wieder aufgebaut worden ist.

Zum dritten Mal nutzte ich die Gelegenheit, mit dem DGB-Bildungswerk NRW e.V. eine polnische Stadt in Geschichte und Gegenwart kennen zu lernen. Nach Bildungsurlauben in Warschau (2015) und Lodz (2016) folgte dieses Mal Gdańsk/Danzig. „Stätten des Naziterrors – Studienseminar in Gdańsk/Danzig“ führte uns vom 27.08. bis 01.09.2017 auch zur KZ-Gedenkstätte Stutthof, zum in Polen umstrittenen „Museum des Zweiten Weltkriegs“ und zur Westerplatte, wo Nazi-Deutschland am 1. September 1939 um 4.45 Uhr den Zweiten Weltkrieg entfesselte. Einige Orte besuchte ich – teilweise erneut – nach dem Ende des Seminars auf eigene Faust.

Gdańsk ist heute eine Stadt mit 460.000 Einwohnern und im Norden Polens im Weichseldelta an der Ostsee gelegen. Die Stadt hat eine komplizierte Geschichte hinter sich. Danzig war im Mittelalter Hansestadt, wurde 1308 für rund 150 Jahre von den Rittern des Deutschen Ordens erobert, gehörte zu den größten Städten der Polnischen Adelsrepublik und wurde mit der zweiten polnischen Teilung 1793 erst ein Teil Preußens und 1871 ein Teil des Deutschen Reichs. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde es trotz mehrheitlich deutschsprachiger Bevölkerung 1920 zur „Freien Stadt“ erklärt und in das polnische Zollgebiet eingeschlossen. 1939 wurde es von Nazi-Deutschland „heim ins Reich“ geholt. 1945 wurde es endgültig an Polen angegliedert. Die deutsche Bevölkerung wurde vertrieben und durch ebenfalls vertriebene Polen aus den verlorenen polnischen Ostgebieten ersetzt. Im August 1980 wurde hier die unabhängige Gewerkschaft „Solidarność“ gegründet, die den Weg zu einem von der Sowjetunion unabhängigen Polen ebnete und zum Fall des „Eisernen Vorhangs“ führte, der Europa bis 1989 teilte.

Meine selbstorganisierte Anreise führte mich mit der polnischen Fluggesellschaft „LOT“ über Warschau nach Gdańsk. Wurde der Warschauer Flughafen nach dem Komponisten Frederic Chopin benannt, so ist der mit der „Solidarność“ verbundene Lech Walesa der Namensgeber für den Flughafen in Gdańsk. Auffallend viele Flüge kamen aus Skandinavien, was die Nähe der Ostseeanrainer zueinander zeigt. Das Seminar begann mit einer Vorstellungsrunde und einer Stadtführung. Letztere erfolgte sehr unterhaltsam auf humorvolle und subjektive Weise und war verbunden mit einem Schnelldurchgang durch zehn Jahrhunderte Danziger Geschichte. Interessant waren auch die Aspekte, die wir zum Wiederaufbau der Rechtsstadt nach 1945 erfuhren. Ohne die Leistungen des Wiederaufbaus zu schmälern, lässt sich die für Touristen attraktive Altstadt als hübsche „Theaterkulisse“ bezeichnen.

Zwei ausgewählte Eindrücke der Westerplatte: eine Freiluftausstellung, die den Ort erklärt (links), und ein Erinnerungsort an die Verteidiger der Westerplatte (rechts).

Verbunden mit einer Hafenrundfahrt besuchten wir anschließend die Westerplatte. Die Westerplatte ist für Polen ein nationales Symbol für den heldenhaften Widerstand im Zweiten Weltkrieg. Die Halbinsel in der Danziger Bucht diente in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen als militärisches Transitlager für Polen. Hier entfesselte Nazi-Deutschland den Zweiten Weltkrieg, als die „Schleswig-Holstein“ am 1. September 1939 um 4.45 Uhr mit dem Beschuss der Westerplatte begann. Die polnische Besatzung verteidigte sich unerwartet lange und kapitulierte erst am 7. September. Heute befindet sich hier unter anderem ein Denkmal, eine Gedenkstätte für die Verteidiger der Westerplatte und eine Ausstellung, die den Ort erklärt. Am 1. September 2017 fand hier um 4.45 Uhr eine jährlich stattfindende Gedenkveranstaltung statt.

Das wiederaufgebaute Gebäude der früheren Polnischen Post des Freistaats Danzig (links) und das Denkmal für die Verteidiger der Polnischen Post (rechts).

Im Westen vor allem durch Günter Grass „Die Blechtrommel“ bekannt geworden ist die Verteidigung der Polnischen Post. Polen hatte durch den Versailler Vertrag am Ende des Ersten Weltkriegs das Recht erhalten, einen eigenen Post-, Telefon- und Telegrafendienst zu verwalten. Mit dem deutschen Angriff auf die Westerplatte wurden auch die in Danzig befindlichen polnischen Einrichtungen besetzt. Der Angriff von Polizei und SS auf das Gebäude der Postdirektion und des Postamtes Nr. 1 stieß dort auf Widerstand. Die Postangestellten ergaben sich erst am späten Nachmittag. Das Postgebäude dient heute gleichermaßen als Postgebäude und als Museum, das eine Ausstellung über die Verteidigung der Polnischen Post wie über die Situation der polnischen Minderheit in der Freien Stadt Danzig beherbergt. Am 1. September war der Eintritt übrigens frei.

Eingangsbereich der KZ-Gedenkstätte Stutthof, links eine Jugendgruppe, rechts unsere Gruppe hinter dem rekonstruierten Lagertor.

Der zweite Tag führte uns hinaus auf die Frische Nehrung. Hier hatten die Nazis bereits am 2. September 1939 das Konzentrationslager Stutthof errichtet, das bis 1942 den lokalen Nazibehörden unterstand. Hier wurden rund 50 Kilometer von Danzig entfernt, umgeben von Kiefernwäldern und eingeschlossen von Ostsee und Haff, 120.000 Menschen inhaftiert. Die Hälfte von ihnen hat das Konzentrationslager nicht überlebt. Die Führung erfolgte durch einen wissenschaftlichen Mitarbeiter der Gedenkstätte, der über deutsche Häftlinge im KZ Stutthof forscht. Wir erfuhren, dass hier überwiegend Polen eingesperrt waren, aber gegen Kriegsende auch einige finnische Seeleute und norwegische Polizisten.

KZ-Gedenkstätte Stutthof: links das alte Lager, rechts das Mahnmal.

Das „Muzeum Stutthof w Sztutowie“ machte einen für mich irritierend aufgeräumten Eindruck. Es gab ein rekonstruiertes Lagertor sowie jeweils eine Reihe Baracken rechts und links, in denen neben originalen Einrichtungsgegenständen auch Ausstellungstafeln zu verschiedenen Themen untergebracht waren. Die Gebäude in der Mitte des Lagers waren nur an den Fundamenten zu erahnen. Eine bemerkenswerte Ausstellung zeigte die Veränderung des KZs in den verschiedenen Jahren. Ein sehr großes Modell zeigte die weitläufige Aufteilung des Lagers in seiner gesamten Ausdehnung. Im hinteren Teil gab es eine mit Stacheldraht zugesperrte Gaskammer und ein Krematorium zu besichtigen, dessen Öfen und Boden original erhalten waren. Des weiteren waren ein Mahnmal und eine Freiluftausstellung über das geheime Schul- und Bildungswesen der Polinnen im KZ Ravensbrück zu sehen.

Am dritten Tag, es war zugleich der sommerlichste Tag der ganzen Woche, besuchten wir zwei Museen hintereinander. Zuerst das in Polen umstrittene „Muzeum II Wojny Swiatowej“ (Museum des Zweiten Weltkriegs), danach das „Europejskie Centrum Solidarnośći“ (Europäisches Solidarność-Zentrum).

Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig.

Das Museum des Zweiten Weltkriegs wird von der derzeitigen, nationalistischen Regierung Polens angefeindet, da es zu wenig die polnische Sicht darstellen würde. Tatsächlich zeigt das Museum sehr viel mehr als eine polnische Sicht des Zweiten Weltkriegs. Es beginnt sehr weit vor 1939, nämlich mit dem Untergang des Vorkriegseuropas im Ersten Weltkriegs 1914 bis 1918. Es thematisiert den Aufstieg des Kommunismus in der Sowjetunion, des Faschismus in Italien und des Nationalsozialismus in Deutschland. Dachte ich zunächst, dass hier nur wieder die Totalitarismustheorie fröhliche Urstände feiert, geht die Ausstellung weiter. Es folgen der Francismus in Spanien und der Imperialismus Japans.

In allen drei Teilen der Ausstellung, Wege zum Krieg, Schrecken des Krieges und der lange Schatten des Krieges, schafft es die Ausstellung, viele, viele unterschiedliche Seiten zu beleuchten. Die militärische Seite des Weltkrieges spielt dabei nur eine kleine Rolle, im Vordergrund steht das Leiden der Zivilbevölkerung durch Bombenkrieg, Blockade, Umsiedlung, Konzentrationslager und Holocaust. Verbunden sind historische Abläufe mit Einzelschicksalen, die auf unterschiedliche Weise in der Ausstellung präsentiert werden. Eine Fülle an Portraitfotos versucht die unbegreifliche Zahl Ermordeter fassbar zu machen.

Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig.

Auch die Architektur ist Bestandteil der Ausstellung. Schräge Wände und dunkle Ecken symbolisieren Enge und Unwegsamkeit. Nach zahlreichen dunklen Räumen tritt man plötzlich in einen hellerleuchteten Raum, der den Atombombenabwurf auf Hiroshima thematisiert. Ich kann mich nicht erinnern, bisher eine derartige, wirklich multiperspektivische Ausstellung zum Zweiten Weltkrieg gesehen zu haben, der alle Kriegsschauplätze umfasst. Es wäre eine Schande, diese Dauerausstellung wieder aufzulösen!

Die Aufteilung Polens zeigt links eine Darstellung im Museum des Warschauer Aufstands (Warschau). Der Unterschied zum Museum des Zweiten Weltkriegs (Danzig) ist rechts deutlich erkennbar: das aufgeteilte Polen liegt in Europa.

Selbstverständlich war ich daran interessiert, als bleibendes Erinnerungsstück an diese Ausstellung einen Ausstellungskatalog zu erwerben. Umso überraschter war ich, als in dem angeschlossenen Museumsshop kein Exemplar, weder auf polnisch noch auf englisch, erhältlich war. Im Buchhandel eines Einkaufszentrums wurde ich schließlich fündig. Auch ein deutliches Signal.

Europäisches Solidarnosc-Zentrum auf dem Gelände der ehemaligen Lenin-Werft.

Das Europäische Solidarność-Zentrum schloss mit seiner Ausstellung „Wege zur Freiheit“ zur Geschichte der Solidarność direkt an das Museum des Zweiten Weltkriegs an. Vor dem Eingang befindet sich das Denkmal für die 1970 während der Streiks erschossenen Arbeiter. Auf dem Gelände der ehemaligen Lenin-Werft gelegen, schildert die Ausstellung die Geschichte der unabhängigen Gewerkschaft und Bürgerbewegung Solidarność. Deutlich wird hier auch der Einfluss der katholischen Kirche in Bezug auf die Solidarność.

Ein Besuch der Brigittenkirche zeigte einmal mehr die Verbindung zwischen der Solidarność und der Katholischen Kirche. Sie war mit Solidarność-Fahnen geschmückt und erinnerte an den 31. August 1980, als ein Abkommen zwischen der damaligen Regierung der Volksrepublik Polen und der unabhängigen Gewerkschaft Solidarność geschlossen worden ist, der die Solidarność bald zu einer Bürgerbewegung machte. Doch der so genannte „Karneval der Solidarność“ endete vorläufig am 13. Dezember 1981 mit der Verhängung des Kriegsrechts und der Internierung ihrer Anführer um Lech Walesa.

Solidarnosc und die Katholische Kirche. Rechts ein Standbild des früheren Papst Johannes Paul II. an der Seite der Brigittenkirche, die mit Solidarnosc-Fahnen geschmückt war.

Am vierten Tag fuhren wir mit dem Zug nach Malbork und besichtigten dort die Marienburg. Sie gehört zu den größten und berühmtesten Burgen des Mittelalters in Europa. Die Marienburg war ein christlicher Wallfahrtsort, Hochmeisterresidenz des Deutschen Ordens (der für 150 Jahre auch Danzig beherrschte), Nebenresidenz der polnischen Könige, preußische Kaserne und zählt heute zu einer Touristenattraktion, die bevorzugt von vielen deutschen Touristen besucht wird. Zu den unerwarteten und bemerkenswertesten Einrichtungen gehört die Fußbodenheizung in verschiedenen Räumen. Seit 1998 wurde die Marienburg von der UNESCO in das Weltkulturerbe aufgenommen.

Zwei ausgewählte Eindrücke der Marienburg, ein beliebtes Ziel für deutsche Touristen.

Die Marienburg ist ein Klassiker der Herrschaftsarchitektur. Sie entstand zwischen 1280 und Mitte des 15. Jahrhunderts auf einem früheren Heiligtum der Pruzzen. Aufgeteilt in Hochschloss, Mittelschloss, Vorburg und umgeben von zwei turmbesetzten Mauerringen war sie einst uneinnehmbar. Von hier aus beherrschten die Ritter des Deutschen Ordens ein Gebiet, dass Pomerellen oder Westpreußen und das spätere Ostpreußen umfasste. Weitere Gebiete beherrschte der Deutsche Orden im Baltikum mit dem heutigen Estland und Lettland.

Der fünfte und letzte Seminartag diente der Auswertung. Wie in allen Studienfahrten seit 2014 waren zu Beginn kleine Arbeitsgruppen mit spezifischen Fragestellungen gebildet worden, die mittels Fotopräsentation und kurzen Berichten ihre Ergebnisse vorstellten. Diese Art der Auswertung bildete zugleich die gesamte Woche und eine ganze Reihe diskutierter Fragen der Teilnehmer ab.

Meine wiederum selbstorganisierte Rückreise am 03.09.2017 führte mit wieder mit der polnischen „LOT“ über Warschau zurück nach Deutschland. Im Flugzeug saß neben mir – welch ein Zufall – eine Polin, die vor Jahrzehnten nach Kanada ausgewandert war, nun in Toronto lebte und für eine kurze Zeit Freunde in Polen und weitere europäische Länder besucht hatte. Wie man sich denken kann, hatten wir sehr viel Gesprächsstoff und der Flug „verging wie im Fluge“.

Zu den Eindrücken zählte natürlich auch das leckere Essen. Im Bild eine schmackhafte Kaschubische Kartoffelsuppe.

Geschichte vor der Haustür: Hildegardstraße 21

400 Meter oder 5 Minuten Fußweg von meiner Wohnung entfernt befindet sich die Hildegardstraße, eine ruhige Wohnstraße. Hier wohnte in Haus Nummer 21 in den 1930er Jahren die Familie Nussbaum. Sie wurde vollständig durch die Vernichtungspolitik der Nazis ausgelöscht.

Die Eheleute David und Malka Nussbaum stammten aus Galizien, dem Teil Polens, der bis zum Ende des Ersten Weltkriegs zu Österreich-Ungarn gehört hatte. David Nussbaum wurde am 25. Mai 1901 in Rozniatow geboren, Malka Nussbaum, geboren Rechtschaffen am 14. Mai 1903 in Pacykow. Mit der Wiedergründung eines unabhängigen polnischen Staates 1918 wurden sie aufgrund ihres Geburtsortes polnische Staatsbürger. Galizien war eine bitterarme Region. Aufgrund von Armut und Diskriminierung verließen zwischen 1881 und 1910 etwa 237.000 Juden das Land in Richtung USA, dem Land ihrer Sehnsüchte. Ein verhältnismäßig kleiner Teil wandte sich nach Deutschland, darunter auch jene, die nicht genügend Geld für die Weiterreise nach Übersee besaßen. (vgl. Tomaszewski, Jerzy: Auftakt zur Vernichtung. Die Vertreibung polnischer Juden aus Deutschland im Jahre 1938. Osnabrück 2002).

Das Haus Hildegardstraße 21 befindet sich heute in einer ruhigen Wohnstraße in Bulmke-Hüllen.

Wir wissen nicht, was die Eheleute nach Gelsenkirchen führte. Wir wissen nur, dass sie hier lebten und in unserer Stadt ihre drei Kinder geboren wurden: am 27. November 1928 die älteste Tochter Ruth, am 21. November 1930 der Sohn Siegfried und am 2. Oktober 1937 als jüngstes Kind Mirjam.

Nach Recherchen der Arbeitsgruppe Stolpersteine wurden Vater David Nussbaum und die jüngste Tochter Mirjam im Rahmen der sogenannten „Polenaktion“ nach Polen ausgewiesen. Im Rahmen dieser „Aktion“ wurden zwischen dem 27. und dem 29. Oktober 1938 rund 17.000 Juden polnischer Staatsangehörigkeit in einer Nacht-und-Nebel-Aktion im gesamten Deutschen Reich verhaftet und nach Polen abgeschoben. Auslöser war eine Änderung des polnischen Passgesetzes, mit dem Polen die im Ausland lebenden jüdischen Staatsbürger auszubürgern beabsichtigte. In Gelsenkirchen betraf die Aktion rund 80 jüdische Menschen jeden Alters. Die größte Anzahl Menschen, etwa 9000, wurde über den Grenzübergang Bentschen/Zbazyn nach Polen abgeschoben, wo die überforderten polnischen Behörden sie zunächst in Eisenbahnwaggons festgehalten und in ehemaligen Kasernen und Ställen untergebracht haben. Zeitzeugen berichten von chaotischen Zuständen.

Nach diplomatischen Verhandlungen zwischen Nazi-Deutschland und Polen durften die Ausgewiesenen noch einmal an ihren früheren Wohnort zurückkehren um mit ihren Familien, persönlichen Gegenständen, evtl. der Wohnungs- oder Werkstatteinrichtung nach Polen auszureisen. Die Kosten mussten die Betroffenen selbst tragen. Vermutlich im Zusammenhang mit der Rückkehr steht ein Umzug der Familie. Mit Datum vom 17. Juni 1939 ist im Melderegister der Stadt Gelsenkirchen eine Ummeldung zur Wassergasse 16 vermerkt. Die Straße lag zwischen Paulinenstraße und Liboriusstraße und führte von der Kronprinzenstraße (heute Dresdener Straße) zur Bismarckstraße. Sie war noch bis 1955 in den Adressbüchern verzeichnet und ist heute überbaut.

Die heute nicht mehr vorhandene Wasserstraße mündete etwa hier in die Bismarckstraße. Das Haus mit der Nummer 16 befand sich unweit der Einmündung und wurde vermutlich im Krieg zerstört.

Warum die Ausreise im Fall der Familie Nussbaum nicht geschehen ist, wissen wir nicht. Möglicherweise hat der Beginn des Zweiten Weltkriegs mit dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 die Ausreise der Familie verhindert. Doch auch eine Ausreise hätte sie nicht vor ihrer Vernichtung geschützt, wie wir aus zahllosen anderen Beispielen wissen.

Was wir wissen ist, dass David Nussbaum nach einem Erlaß vom 9. September 1939 in sogenannter „Schutzhaft“ genommen wurde und ins Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht wurde. Dort verstarb er am 9. Juni 1940, keine 40 Jahre alt, an einer Lungenentzündung, einer Todesursache, die wir aufgrund der heutigen Kenntnis von den Bedingungen in KZs bezweifeln dürfen.

Am 30. August 1940 müssen Malka Nussbaum und die drei Kinder Ruth, Siegfried und Mirjam in ein sogenanntes „Judenhaus“ umziehen, in dem die Nazis vor Deportation und Vernichtung die jüdische Bevölkerung auf engem Raum konzentrierte. Sie ziehen in das Haus der Familie Spanier, Franz-Seldte-Strasse 84 (heute Florastrasse 84) und leben Briefen zufolge in deren Wohnzimmer.

Florastraße 84, hier wurde am 13. Juli 2009 ein Stolperstein für Regine Spanier verlegt, einer der ersten Stolpersteine in Gelsenkirchen.

Die Familie Nussbaum findet Erwähnung in einem Brief der Tochter von Regina Spanier. Gertrud Reifeisen schreibt am 20. August 1940 in einem Brief an ihre Tochter Ilse, die mit einem der Kindertransporte nach Schweden reisen konnte und so überlebte: „… Du kennst ja wohl noch die Ruth Nussbaum. Der Mann war ja mit Vati zusammen fort und ist gestorben. Also die Frau mit den 3 Kindern ziehen zu uns in die Wohnung. Das kleinste Mädelchen ist 3 Jahre alt, und ein niedliches Kind. Es ist ja nicht sehr angenehm für Oma, denn die Unruhe wird groß werden, aber es lässt sich nicht ändern.“

Noch in zwei weiteren Briefen findet die Familie Nussbaum Erwähnung. Am 2. September 1940 schreibt Gertrud Reifeisen: „… Ruth und Siegfried sind ja große Kinder und machen wenig Unruhe, aber die kleine Mirjam ist – wie alle kleinen – sehr unruhig. Und außerdem fehlt uns der Raum sehr …“ Am 12. Dezember 1940 schreibt sie über die wohltuende Ruhe, da die kleine Mirjam mit einer harmlosen Nierenerkrankung seit 14 Tagen im Krankenhaus liege.

Am 27. Januar 1942 werden Malka Nussbaum und ihre drei Kinder wie weitere rund 360 Juden aus Gelsenkirchen mit dem ersten Sammeltransport in das Ghetto Riga deportiert, nachdem sie zuvor in der Ausstellungshalle am Wildenbruchplatz zusammengepfercht worden waren. Der Zug der Deutschen Reichsbahn fuhr in Gelsenkirchen vom Güterbahnhof ab und erreichte Riga am 1. Februar 1942. Im Ghetto Riga lebten auf engstem Raum zuerst lettische Juden, später Juden aus Deutschland. Fast alle wurden im Ghetto, in den angrenzenden Wäldern oder benachbarten Konzentrationslagern von deutscher und lettischer SS ermordet.

Malka Nussbaum und Ihre Kinder Ruth, Siegfried und Mirjam wurden Anfang November 1943 im Zuge der Auflösung des Ghettos ermordet. Ruth, die älteste Tochter, war zu diesem Zeitpunkt fast 15 Jahre alt, Sohn Siegfried fast 13 und Mirjam, das jüngste Kind der Familie, war gerade einmal sechs Jahre alt.

Supplement
Im „Gedenkbuch des Bundesarchivs für die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung in Deutschland (1933-1945)“ ist für die beiden jüngsten Kinder, Siegfried und Mirjam, als „Todesort“ nicht das Ghetto Riga, sondern „Riga-Jungfernhof, Außenlager Ghetto Riga“ angegeben. Dabei handelt es sich um ein drei bis vier Kilometer von Riga entferntes heruntergekommenes Gut mit Gutshaus, Scheunen, Baracken und Viehställen beim Dorf Jumpravmuiža.

Vor 75 Jahren – Das Massaker von Lidice

Blick auf das Gelände des ehemaligen Dorfes Lidice. Links in der Bildmitte der Ort des Massengrabes der 173 Männer, rechts im Vordergrund ein Teil des Denkmals der 82 ermordeten Kinder von Lidice.

Lidice, ein kleines Dorf in der Nähe von Prag, wurde von den Nazis vor 75 Jahren, am 9./10. Juni 1942 vernichtet. 173 Männer wurden bereits im Ort erschossen, 198 Frauen ins KZ Ravensbrück deportiert, die meisten der 98 Kinder im Vernichtungslager Kulmhof ermordet. Die 93 Häuser wurden niedergebrannt und der Ort bis Ende 1943 dem Erdboden gleichgemacht. Nach dem Willen der Nazis sollte er für immer von der Landkarte ausgelöscht sein, stattdessen hat sich sein Name als Beispiel für faschistischen Terror in aller Welt erhalten.

Entgegen des Münchener Abkommens von 1938, das die Abtretung der deutschsprachigen Sudetendeutschen Gebiete der Tschechoslowakei an Nazi-Deutschland erzwang und der Beteuerung Hitlers, marschierte am 15./16. März 1939, noch vor Beginn des Zweiten Weltkrieges, die Deutsche Wehrmacht in die übrig gebliebene, wehrlose Tschechoslowakei ein. Die Slowakei wurde ein „unabhängiger“ deutscher Satellitenstaat, das tschechische Staatsgebiet als „Reichsprotektorat Böhmen und Mähren“ von Nazi-Deutschland annektiert. Zur Bekämpfung des wachsenden antifaschistischen Widerstands wurde am 28. September 1941 Reinhard Heydrich, Chef der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes, SS-Obergruppenführer und General der Polizei, zum stellvertretenden „Reichsprotektor“ ernannt.

Heydrich, den man im „Protektorat“ nur den Henker nannte und in dessen Amtszeit tausende Widerstandskämpfer verhaftet wurden, starb an den Folgen eines auf ihn am 27. Mai 1942 verübten Attentats. Eine vermeintliche Spur, ein falsch gedeuteter Liebesbrief, führte die Nazi-Behörden nach Lidice, einem kleinen Ort 22 km nordwestlich von Prag. Die Männer des Ortes arbeiteten im Stahlwerk oder den Kohlebergwerken der 7 km entfernten Kreisstadt Kladno. In Berlin wurde in einer „Führerbesprechung“ entschieden, als „Sühnemaßnahme“ 1. alle erwachsenen Männer zu erschießen, 2. alle Frauen lebenslänglich ins Konzentrationslager zu deportieren, 3. „eindeutschungsfähige“ Kinder an SS-Familien zu geben und die übrigen anders zu erziehen, 4. das Dorf niederzubrennen und auszulöschen.

Offizielle Gedenkfeier am Massengrab in der Gedenkstätte Lidice (Foto 13.06.2009).

Das Dorf wurde am 9. Juni 1942 von Gestapo und Ordnungspolizei umstellt. Am 10. Juni 1942 wurden 173 Männer über 15 Jahren im Garten von Horáks Bauernhof erschossen, nachdem Frauen und Kinder bereits frühmorgens mit LKWs nach Kladno in die Sporthalle des Realgymnasiums gebracht worden waren. Die Frauen über 16 Jahren wurden ins Konzentrationslager Ravensbrück deportiert, außer den zur „Eindeutschung“ vorgesehenen wurden 82 Kinder (nach allem was wir heute wissen) in den Gaswagen des Vernichtungslagers Kulmhof ermordet. Lidice wurde komplett niedergebrannt, der Friedhof zerstört, der Teich zugeschüttet, Bäume abgeholzt. Die Geländeplanierung wurde Ende 1943 durch den Reichsarbeitsdienst beendet.

Blick in den Rosengarten, der „Park der Freundschaft und des Friedens“ wurde 2001/02 in einem Projekt mit jugendlichen Handwerkern aus Nordrhein-Westfalen erneuert.

Nach der Niederlage Nazi-Deutschlands kehrten 143 überlebende Frauen aus dem KZ Ravensbrück zurück und erfuhren erst jetzt von ihrem Unglück. An der Stelle ihrer Häuser fanden sie nur eine öde Ebene mit dem Massengrab ihrer Männer und Väter. Nur 17 Kinder, deren Eltern teilweise nicht mehr lebten, wurden nach einer außerordentlichen Suche wiedergefunden. In der Nähe des zerstörten Lidice wurde das neue Lidice aufgebaut, in das die überlebenden Frauen und Kinder einzogen. Das Gelände des zerstörten Ortes wurde zur Mahn- und Gedenkstätte, seit 1955 entstand mit geschenkten Rosenstöcken aus aller Welt der „Park der Freundschaft und des Friedens“.

Denkmal der Bildhauerin Marie Uchytilová für die 82 ermordeten Kinder aus Lidice.

Nach dem Ende des Kommunismus sowjetischer Prägung 1989 geriet Lidice zunächst in Vergessenheit. Mit Unterstützung unter anderem durch den Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds begann ab 2000 die Neugestaltung der Památník Lidice mit dem Neubau einer Begegnungsstätte und der Neugestaltung der musealen und pädagogischen Bereiche. So wurde unter anderem 2001/02 in einem Kooperationsprojekt „Rosen für Lidice“ mit nordrhein-westfälischen Berufsbildungseinrichtungen für benachteiligte Jugendliche, die sonst eher selten die Gelegenheit für internationale Jugendbegegnungen haben, der Rosengarten erneuert und am 15. Juni 2002 anlässlich des 60. Jahrestages der Vernichtung des Ortes vorgestellt.

Den 82 Kindern, 42 Mädchen und 40 Jungen im Alter von 1 bis 16 Jahren, die im Juli 1942 im Vernichtungslager Kulmhof ermordet wurden, schuf die Bildhauerin Marie Uchytilová mit ihrer Figurengruppe ein weltweit einzigartiges Denkmal. Nach ihren Worten sollte es zugleich ein symbolisches Denkmal für 13 Millionen Kinder, Opfer des Zweiten Weltkrieges sein. Sie selbst erlebte die Realisierung des Denkmals nicht mehr, erst 2000 wurden die letzten sieben Kindergestalten in Lidice enthüllt.

Gedenkstein zur Erinnerung an die ermordeten Kinder, auch aus Lidice, im „Waldlager“ des Vernichtungslagers Kulmhof im von Nazi-Deutschland besetzten Polen.

Das Verbrechen in Lidice ist kein Einzelfall, weitere Massaker fanden an vielen Orten Europas statt. Stellvertretend aber nicht abschließend nennen möchte ich Oradour-sur-Glane in Frankreich, wo am 10. Juni 1944 die Waffen-SS wütete, Kalavryta in Griechenland, wo am 13. Dezember 1943 die Deutsche Wehrmacht wütete, Marzabotto in Italien, wo im September/Oktober 1944 ebenfalls die Deutsche Wehrmacht wütete sowie Sant’Anna di Stazzema in Italien, wo am 12. August 1944 die Waffen-SS wütete. Letzteres wird als ungesühntes Massaker Thema einer Veranstaltung in Gelsenkirchen in der flora am 17. Oktober 2017 sein.

Anmerkung: Die Fotos aus Lidice entstanden während eines Besuchs im Juni 2009, das Foto aus Kulmhof während des Besuchs in Lodz und Kulmhof 2016.

Geschichte und Gegenwart – Eindrücke aus Lodz und Kulmhof

Zum dritten Mal reiste ich mit dem DGB-Bildungswerk NRW an Erinnerungsorte, zum zweiten Mal ging es nach Polen. Besuchten wir im Rahmen eines Studienseminars 2014 Orte in Belgien und Nordfrankreich, die an die Schrecken des Ersten Weltkrieges im Westen erinnerten, fuhren wir 2015 nach Warschau und Treblinka zu Orten, die an Nazi-Terror und Zweiten Weltkrieges erinnerten. In diesem Jahr standen vom 28.08. bis 02.09.2016 die Stadt Lodz, von den Nazis während der Besetzung in Litzmannstadt umbenannt, und das Vernichtungslager Kulmhof (Chelmno on Ner) auf dem Programm. Zugleich bot der Besuch in Lodz die Erkundung einer ehemals multikulturellen Stadt mit einer an das Ruhrgebiet erinnernden Industriegeschichte, die in einen aus dem Ruhrgebiet bekannten Strukturwandel mündete. Für die Organisation sorgte wie im vergangenen Jahr Hartmut Ziesing Bildungs- und Studienreisen.

Darstellung in der Ausstellung der Gedenkstätte Bahnhof Radegast.

Die Darstellung in der Ausstellung der Gedenkstätte Bahnhof Radegast zeigt die Eroberung und Teilung Polens.

Zur polnischen Geschichte gehört die Erfahrung, zwischen übermächtigen Nachbarn erdrückt zu werden. Hierzu gehören nicht nur die drei polnischen Teilungen im 18. Jahrhundert, die Polen zwischen dem russischen Zarenreich, dem Königreich Preußen und der Habsburgermonarchie Österreich aufteilten und von der Landkarte verschwinden ließen, sondern auch die Aufteilung des nach dem Ersten Weltkriegs neu entstandenen polnischen Staates 1939 zu Beginn des Zweiten Weltkrieges durch Nazi-Deutschland und die Sowjetunion. Eine Karte in der Gedenkstätte Bahnhof Radegast stellt diesen Sachverhalt anschaulich dar. In Bezug auf die Entfesselung des Zweiten Weltkrieges durch Nazi-Deutschland am 1. September 1939 unterscheidet sich die Erinnerung zwischen Deutschland und Polen. Während in Deutschland eher an den von Nazis gefälschten „Überfall Polens auf den Sender Gleiwitz“ erinnert wird, steht in Polen die Verteidigung der Westerplatte bei Danzig im Mittelpunkt.

Hotel Grand auf der Piotrkowska in Lodz.

Hotel Grand auf der Piotrkowska in Lodz, einer einzigartigen Prachtstraße.

Untergebracht waren wir im Hotel Grand, einem seit 1888 bestehendem eleganten Hotel. Erwarteten die Gäste damals „modern ausgestattete, mit Gas beleuchtete Zimmer mit Sanitäranlagen und transportablen Waschbecken“, so besaßen 1913 „einige Appartements“ bereits elektrische Beleuchtung, Telefon sowie „Waschbecken mit warmem und kaltem Wasser“. In der Gegenwart hat das Hotel noch viel von seinem Charme aus der Vorvorkriegszeit erhalten, trotz Dusche und W-LAN. Das Hotel Grand befindet sich auf der Piotrkowska Straße 72, einer 4,2 km langen einzigartigen Prachtstraße mit einem erhaltenen Ensemble originaler Großstadtarchitektur aus dem 19. Jahrhundert. Da Lodz während des Zweiten Weltkrieges, anders als Warschau, nicht zerstört wurde, sind im Stadtgebiet noch die zahlreichen Villen, Paläste und Industriebauten der im 19. Jahrhundert aufstrebenden Textilindustrie zu sehen. Lodz gehörte seit dem Wiener Kongress 1815 zum Russischen Zarenreich („Kongresspolen“) und war eine multikulturelle und multiethnische Stadt, in der Deutsche, Juden, Polen und Russen lebten und arbeiteten.

Der Palast des jüdischen Fabrikanten Israel Poznanski beherbergt heute ein Museum.

Der Palast des jüdischen Fabrikanten Israel Poznanski beherbergt heute ein Museum.

Im Verlauf der Woche besuchten wir Palast und Fabrikimperium des jüdischen Fabrikanten Israel Poznanski, die heute das Museum der Stadt Lodz bzw. mit der Manufaktura ein postindustrielles Einkaufs- und Unterhaltungszentrum beherbergen, sowie Villa, Fabrikgebäude und Arbeiterviertel des deutschen Fabrikanten Karl Scheibler, in denen sich heute ein Museum der Polnischen Kinematographie bzw. moderne Lofts oder Wohnungen befinden. Lodz war in seiner Glanzzeit nach Warschau die zweitgrößte Stadt Polens, heute ist sie auf den dritten Platz nach Warschau und Krakau gerutscht.

Ghetto Litzmannstadt

Der von Nazi-Deutschland 1939 besetzte Teil Polens wurde teilweise direkt an Deutschland angeschlossen, der Rest als „Generalgouvernement“ verwaltet. Lodz gehörte zu dem Gebiet, das dem Deutschen Reich angeschlossen wurde. Die Stadt befand sich im neu gegründeten Gau Wartheland und wurde in Litzmannstadt umbenannt.

Beispiel für eines der erhaltenen Gebäude des ehemaligen Ghettos.

Beispiel für eines der erhaltenen Gebäude des ehemaligen Ghettos.

Wie auch in Warschau und anderen polnischen Städten sperrten die Nazis die jüdische Bevölkerung in eigenen Wohnbezirken ein, auch die polnische wurde von der deutschen Bevölkerung stadträumlich getrennt. Das 1940 errichtete Ghetto Litzmannstadt umfasste dabei den ärmsten Teil der Stadt. Es handelt sich um das am längsten existierende Ghetto „und zugleich die zweitgrößte Konzentrations- und Zwangsarbeitsstätte für die jüdische Bevölkerung auf polnischem Gebiet“. Anders als in Warschau sind noch zahlreiche Gebäude vorhanden, aber nicht auf den ersten Blick erkennbar. Ehemalige Synagogen, die in anderen Teilen der Stadt gesprengt wurden, werden heute in anderer Funktion genutzt. Kirchen, die im Ghetto als Lager genutzt wurden, werden heute wieder als Kirche genutzt. Andere Gebäude werden als Wohngebäude genutzt und an ihnen kann man sehen, dass es sich damals wie heute um den ärmeren Teil der Stadt handelt.

Bodendenkmal erinnert wie ein Stolperstein auf dem Gelände des ehemaligen Ghettos.

Bodendenkmal erinnert wie ein Stolperstein auf dem Gelände des ehemaligen Ghettos.

Zu den umstrittenen Personen gehört der von den Nazis eingesetzte Älteste des Judenrates, Chaim Rumkowski. Er setzte darauf, dass sich die Juden des Ghettos durch ihre Arbeitskraft unentbehrlich machten („Unser einziger Weg ist Arbeit!“), gab allerdings dadurch die nichtarbeitsfähigen Kinder, Alten und Kranken der Vernichtung preis. Ende 1942 arbeiteten etwa 80 % der Ghetto-Bevölkerung in 90 Abteilungen, später 95 % in 96 Abteilungen. Im Ergebnis existierte das Ghetto Litzmannstadt am längsten von allen NS-Ghettos. Rumkowski selbst überlebte nicht.

Bahnhof Radegast

Zug der Deutschen Reichsbahn - Ausstellungsstück der Gedenkstätte Bahnhof Radegast.

Zug der Deutschen Reichsbahn – Ausstellungsstück der Gedenkstätte Bahnhof Radegast.

Die Gedenkstätte Bahnhof Radegast „ist ein im Original erhalten gebliebenes Bahngebäude aus dem Jahre 1941“. Hier wurden Produkte, Lebensmittel und Rohstoffe in das Ghetto und gefertigte Produkte aus dem Ghetto transportiert. Ab Januar 1942 gingen von hier die Transporte in die Vernichtungslager ab. Zur Gedenkstätte gehören eine Dampflok mit Waggons, die an die Deportationen erinnern, eine Ausstellung zum Ghetto Lodz mit einem noch unvollständigen Modell des Ghettos sowie einer weiteren Ausstellung mit Briefen aus dem Ghetto. Neben einer Gedenkwand mit den Namen der Konzentrations- und Vernichtungslager gibt es einen langen Tunnel, der Ereignisse von 1939 bis 1945 und die Deportationslisten zeigt. Träger der Gedenkstätte ist das Museum der Unabhängigkeitstraditionen Lodz.

Gedenkstätte Bahnhof Radegast - Tunnel mit Zeitleiste und Deportationslisten.

Gedenkstätte Bahnhof Radegast – Tunnel mit Zeitleiste und Deportationslisten.

Schmiede der Roma

Im Rahmen des Ghettos wurde 1941/42 ein „Zigeunerlager“ verwaltet, in dem rund 5000 Roma aus dem österreichisch-ungarischen Grenzgebiet zusammengepfercht worden waren. Die Insassen wurden vom Bahnhof Radegast in das Vernichtungslager Kulmhof gebracht und dort ermordet. Eine Ausstellung in der „Schmiede der Roma“, einem unscheinbaren Gebäude des ehemaligen „Zigeunerlagers“ erinnert an den Völkermord an den Roma unter Berücksichtigung der Geschichte des Lagers.

Modell des ehemaligen "Zigeunerlagers" in der Gedenkstätte Bahnhof Radegast.

Modell des ehemaligen „Zigeunerlagers“ in der Gedenkstätte Bahnhof Radegast. Die „Schmiede der Roma“ ist das kleine Gebäude am linken Gebäude.

Vernichtungslager Kulmhof

Kulmhof gehörte zu den Vernichtungslagern, die von den Nazis extra in entlegenen und wenig bevölkerten Gebieten errichtet wurden. Ihr einziger, perverser Zweck war es, Menschen massenhaft zu ermorden. Das Lager wurde in der Zeit von Dezember 1941 bis April 1943 und erneut zur Auflösung des Ghettos Lodz 1944/45 betrieben. Die ersten Opfer stammten aus den Ghettos der umliegenden Städte, später kamen Juden und Roma aus Lodz bzw. weiteren Ländern hinzu. Die Ermordung geschah in LKWs durch Auspuffgase auf dem Weg von einem Gutshaus zu einem etwa 4 km entfernten Wald, wo die Ermordeten in Massengräbern verscharrt wurden. Um die Spuren zu verwischen, wurden die Leichen später wieder ausgegraben und in Krematorien verbrannt. Die Knochen wurden zerkleinert, Asche und Knochenreste erneut vergraben. Auch das Gutshaus wurde gesprengt. Eine ausführliche Beschreibung befindet sich auf deathcamps.org.

Foto aus der Ausstellung der Gedenkstätte Kulmhof, das einen der Gaswagen zeigt, mit deren Auspuffgasen die Ermordung auf dem Weg zum Wald stattfand.

Foto aus der Ausstellung der Gedenkstätte Kulmhof, das einen der Gaswagen zeigt, mit deren Auspuffgasen die Ermordung auf dem Weg zum Wald stattfand.

Heute befindet sich auf dem Gelände um die ausgegrabenen Fundamente des Gutshauses eine Gedenkstätte mit einer Ausstellung. Zu den Besuchern gehören im wesentlichen Gruppen aus Israel oder jüdische Gruppen aus aller Welt, Deutsche Besucher gibt es fast gar nicht. Auf dem Gelände des ehemaligen Waldlagers befinden sich heute verschiedene Denkmale sowie markierte Grabfelder, auf denen die Konzentration von Asche und Knochenreste am größten ist. Eigentlich ist das ganze ehemalige Waldlager ein großer Friedhof.

Gedenkstätte Kulmhof - Waldlager. Im Bild eines von vielen Massengräbern, in denen sich Asche und Knochenreste befinden.

Gedenkstätte Kulmhof – Waldlager. Im Bild eines von vielen Massengräbern, in denen sich Asche und Knochenreste befinden. Den Nazis gelang es nicht, alle Spuren zu beseitigen.

Überleben

Wird an vielen Gedenkorten das Andenken an die Ermordeten gepflegt, so wird im Survivor’s Park an die Überlebenden und im Ehrenhain für die Gerechten unter den Völkern an die Retter erinnert. Im ebenfalls dort gelegenen Marek-Edelmann-Zentrum für Dialog gab es im Rahmen des Seminars eine Begegnung mit dem Zeitzeugen Leon Weintraub, einem betagten Überlebenden des Ghettos Litzmannstadt. Er lebt in Schweden und war anlässlich der Feierlichkeiten des 72. Jahrestages der Liquidierung des Ghettos Litzmannstadt nach Lodz gereist. Er erzählte unter anderem von den Zufälligkeiten, die dazu führten, dass man überlebte. Im KZ Auschwitz, wohin er von Litzmannstadt aus transportiert worden war, sah er vor einem Block eine Gruppe nackter Männer, die mit einer Nummer versehen, auf ihre Einkleidung warteten, um zu einem Arbeitseinsatz nach draußen gebracht zu werden. Kurz entschlossen zog er sich ebenfalls aus und stellte sich hinzu; dass ihm keine Nummer eintätowiert worden war, fiel nicht weiter auf. Später stellte sich heraus, dass alle anderen aus seinem Block ermordet worden sind. Er überlebte.

Ausstellung zu Überlebenden des Holocaust, darunter auch Leon Weintraub, im Marek-Edelmann-Zentrum für Dialog.

Ausstellung zu Überlebenden des Holocaust, darunter auch Leon Weintraub, im Marek-Edelmann-Zentrum für Dialog.

Spurensuche

Spuren ehemaligen jüdischen Lebens lassen sich natürlich zahlreich auf dem Jüdischen Friedhof finden. Das für mich besondere an diesem Friedhof ist, dass hier viele Gräber orthodoxer Juden bewusst dem Verfall preis gegeben sind. Inzwischen gibt es wieder eine kleine jüdische Gemeinde, so dass auf ihm nach langer Zeit auch wieder neue Bestattungen stattfinden. Doch auch in Lodz selbst lässt sich die eine oder andere Spur finden, wie das folgende Foto zeigt.

Im Hinterhof der Piotrkowska 88 findet sich diese Spur. Wer genau hinschaut, kann den Davidstern erkennen.

Im Hinterhof der Piotrkowska 88 findet sich diese Spur. Wer genau hinschaut, kann den Davidstern erkennen.

Das gelobte Land

Im Rahmen des Seminars besuchten wir die Filmhochschule, die mit Namen wie Roman Polanski und Andrzej Wajda verbunden ist. Von letzterem stammt mit „Das gelobte Land“ ein eindrucksvoller Film über das Lodz des 19. Jahrhunderts. Das in Deutschland bekannte Lied „Theo wir fahr’n nach Lodz“, ein Schlager, gesungen von Vicky Leandros (1974), thematisierte die Landflucht des 19. Jahrhunderts. Auf youtube findet sich ein wundervoller Werbefilm, den die Stadt Lodz 2009 produzieren ließ und der den Text aus dem Jahre 1974 aufnimmt.