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Die Verwaltung der Erinnerung in Gelsenkirchen (II)

Wo 1945 im Stadtgarten ermordete Zwangsarbeiter verscharrt wurden, wird jetzt an sie erinnert.

Noch kurz vor der Befreiung vom Faschismus 1945 wurden von den Nazis zahlreiche Morde an Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter sowie an Antifaschistinnen und Antifaschisten verübt. In Gelsenkirchen wird seit kurzem an eines dieser Verbrechen mit einer Erinnerungsortetafel im Stadtgarten erinnert.

Der Katalog zur Dauerausstellung „Gelsenkirchen im Nationalsozialismus“ fasst zusammen, was heute über das Verbrechen bekannt ist. Demnach wurden kurz vor Kriegsende 1945 in Gelsenkirchen Ende März Zwangsarbeiter aus Osteuropa im Stadtgarten ermordet. Die Ermordeten wurde in einem Bombenkrater verscharrt, ihre Identität nie geklärt. Die Mörder vermutete man in den Angehörigen einer Volkssturmeinheit, auch ihre Identität wurde nie zweifelsfrei festgestellt. Weitere Morde wurden von der Gestapo verübt, die am Karfreitag russische Mädchen und Männer aus dem Polizeigefängnis Buer im Westerholter Wald erschoss.

Seit langem wird andernorts an derartige Kriegsendverbrechen würdevoll erinnert. Beispielsweise sind die Massenmorde in der Dortmunder Bittermark (Rombergpark) und der Solinger Wenzelnbergschlucht seit Jahrzehnten erforscht. Jedes Jahr finden hier Gedenkveranstaltungen statt, die die Erinnerung wachhalten und vor einer Wiederholung der Vergangenheit warnen. In diesem Jahr findet zudem erstmals eine Gedenkfahrt statt, die von Köln nach Lüdenscheid führt und an Massenverbrechen der Kölner Gestapo erinnert.

Diese Massenmorde wie auch die Todesmärsche aus den Konzentrationslagern entsprechen dem Nachkriegs- und Überlebenskonzept der Nazis, die ihre Gegner und die Zeugen ihrer Verbrechen nicht am Leben lassen wollten. Auch das Institut für Stadtgeschichte dokumentiert im oben genannten Katalog beispielhaft eine „Mordliste der NSDAP-Ortsgruppe Buer-Middelich“ vom September 1944. – Von diesem Hintergrund findet sich auf der Erinnerungsortetafel leider nichts wieder. Vielmehr wird die Geschichte im ersten Absatz auf der Tafel mehr verklärt als erklärt. Wer sich mit den historischen Ereignissen nicht auskennt, könnte fast den Eindruck gewinnen, Standgerichte und „Ostarbeiter“ hätten unter der einheimischen Bevölkerung Angst und Schrecken verbreitet.

Erinnerungsortetafel im Stadtgarten Gelsenkirchen.

Entschuldigen könnte man diese Tafel allenfalls damit, dass der Text womöglich mit „heißer Nadel“ gestrickt werden musste. Im Januar stellte der wie immer unbequeme Sozialdemokrat Klaus Brandt einen Bürgerantrag, der der VVN-BdA, der Die Linke und Gelsenzentrum e.V. ermöglichen sollte, eine Gedenktafel zur Erinnerung an die Morde aufzustellen. So viel bürgerschaftliches Engagement war der Stadt wohl doch nicht geheuer – und so kam es mal eben schnell zu dieser offiziellen Erinnerungsortetafel.

Literatur
Schmidt, Daniel (Hrsg.): Gelsenkirchen im Nationalsozialismus. Katalog zur Dauerausstellung. Schriftenreihe des Instituts für Stadtgeschichte. Materialien, Band 12. Gelsenkirchen 2017. Seite 223-230

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Die Verwaltung der Erinnerung in Gelsenkirchen

Neben die Frage, wie sich an die Verbrechen der Nazis angemessen erinnern lässt, tritt bisweilen auch die Frage, an welchem Ort wir angemessen erinnern können. In Gelsenkirchen stellte sich darüber hinaus das peinliche Problem, die Frage nach dem richtigen Ort überhaupt thematisieren zu dürfen. So musste ein Bürger die Behandlung seiner Anregung im Kulturausschuss erst mit Hilfe des Verwaltungsgerichts durchsetzen.

Vor einigen Jahren hat der „Zug der Erinnerung“ mit einer mobilen Ausstellung in Eisenbahn-Waggons über die europaweiten Deportationen durch die Deutsche Reichsbahn Aufsehen erregt. Er machte auf vielen Bahnhöfen Deutschlands Station und hielt im Februar 2008 auch in Gelsenkirchen, war zuvor in Bochum und fuhr anschließend nach Duisburg weiter. Der von einer Dampflok gezogene Zug bestand aus mehreren Waggons, in denen die Deportationen im von Nazi-Deutschland besetzten Europa in beispielhaften Einzelbiografien dargestellt wurden.

Die Kosten der deutschlandweiten Fahrten wurden durch private Spenden aus ganz Deutschland aufgebracht, weder die Deutsche Bahn AG als Nachfolgerin der Deutschen Reichsbahn noch die Stadt Gelsenkirchen beteiligten sich finanziell daran. Vielmehr nahm die Bahn AG die üblichen Bahngebühren ein. Immerhin war der „Zug der Erinnerung“ am 17. Februar 2008 in Gelsenkirchen vom Bürgermeister Klaus Hermandung begrüßt worden und hatte Oberbürgermeister Baranowski eine „Schirmherrschaft“ über den Gelsenkirchener Halt übernommen.

Erinnerungsortetafel in einer Ecke am Südausgang des Gelsenkirchener Hauptbahnhofs.

Anstatt den „Zug der Erinnerung“ bzw. seinen Gelsenkirchener Aufenthalt finanziell zu unterstützen, hatte die Stadt Gelsenkirchen zur „nachhaltigen Erinnerung“, wie es in einer Pressemitteilung beschönigend heißt, schnell mal eben am 19. Februar 2008 neben dem Südeingang des Hauptbahnhofs eine Tafel hingestellt, die die Namen der 80 deportierten Gelsenkirchener Kinder und Jugendlichen aufführt. Der korrekte historische Ort wäre der frühere Güterbahnhof gewesen, von dem aus die Deportationen durchgeführt worden waren. Allerdings hätte die Tafel an jenem Ort keine Öffentlichkeit gefunden, daher ist die Wahl des Hauptbahnhofs sicherlich besser.

Damals wie heute stellt sich jedoch die Frage, warum die Tafel nicht direkt im Hauptbahnhof, sondern außerhalb angebracht worden ist.

Die Behandlung dieser Frage gehört selbstverständlich in den städtischen Kulturausschuss. Im August 2016 beantragte der unbequeme Sozialdemokrat Klaus Brandt in einer Bürgeranregung, die Stadtverwaltung solle mit der Deutschen Bahn AG darüber verhandeln, die Erinnerungsortetafel „Deportation jüdischer Kinder und Jugendliche“ oder ein vergleichbares Gedenkzeichen innerhalb des Bahnhofs anzubringen.

Blick in den Gelsenkirchener Hauptbahnhof.

Wie er in einer ausführlichen Rundmail vom 17. November 2017 darlegt, wurde seine Anregung grob missachtet. Zuallererst stellte die Verwaltung stumpf fest, dass der Gelsenkirchener Bahnhof nicht zum Zuständigkeitsbereich der Stadt gehöre und leitete Brandts Anregung an die Deutsche Bahn AG weiter. Brandt wehrte sich mit inhaltlichen Argumenten, es sei ihm nicht um einen Verwaltungsvorgang gegangen, sondern um ein politisches Handeln der Stadt Gelsenkirchen mit ihrem ganzen politischen Gewicht.

Es folgte ein Schriftverkehr zwischen Klaus Brandt und verschiedenen Stellen der Deutschen Bahn AG, die auf ihr zentrales Mahnmal in Berlin, aber auch auf die Kooperationen mit vielen Städten und Gemeinden in Bezug auf die Anbringung von Gedenktafeln verwies. Im Oktober 2016 wandte sich Brandt mit diesem Ergebnis wieder an die Stadt und erneuerte seine Anregung, nicht er als einzelner Bürger, sondern die Stadt solle mit der Bahn verhandeln.

Am 16. Februar 2017 wurde Klaus Brandt durch den Oberbürgermeister abgewatscht. Seine Eingabe würde sich nicht auf eine gemeindliche Angelegenheit beziehen, denn es gäbe keine rechtliche Einflussmöglichkeit der Stadt. Einen Dritten um ein bestimmtes Handeln zu bitten, sei keine gemeindliche Angelegenheit im Sinne des § 24 der Gemeindeordnung NRW.

Klaus Brandt, selbst Jurist, reichte am 23. Februar 2017 eine Klage gegen die Stadt Gelsenkirchen vor dem Verwaltungsgericht ein und beantragte, die Stadt zu verpflichten, seine Bürgeranregung zu behandeln. Die Stadt blieb bei ihrer Haltung, während Brandt Beispiele aufführte, in der die Stadt sehr wohl Dritte zum Handeln aufforderte. So hatte zum Beispiel der Rat der Stadt am 30. März 2017 eine „Resolution zur sofortigen Freilassung des Journalisten Deniz Yücel aus der Untersuchungshaft in der Türkei“ beschlossen. Klaus Brandt findet, dass die Stadt den Gelsenkirchener Opfern der Bahntransporte in die Ghettos und Vernichtungslager nicht weniger Einsatz schulde als den Opfern der Repression in der Türkei.

Während Klaus Brandt inhaltlich argumentiert, pochte die Verwaltung einsilbig und unbelehrbar auf ihren juristischen Standpunkt. So antwortete die Stadt dem Verwaltungsgericht, es sei dem Oberbürgermeister oder dem Rat unbenommen, Appelle an Dritte zu richten, aber das heiße noch lange nicht, dass ein Normalbürger das rechtswirksam anregen könne. Trotz dieser überaus bornierten und von Untertanengeist geprägten vordemokratischen Einstellung – und das in einer sozialdemokratischen Stadt – blieb Klaus Brandt beharrlich bei inhaltlichen und politischen Argumenten.

Erst nachdem das Verwaltungsgericht die Stadt darauf hinwies, dass Klaus Brandt einen Anspruch darauf habe, dass seine Eingabe vorgelegt werde, wurde dessen Anregung dem Ausschuss für Kultur am 22. November 2017 endlich vorgelegt. Im Ratsinformationssystem ist zu erfahren, dass der Ausschuss der Vorlage der Verwaltung mehrheitlich zugestimmt hat – und damit die Anregung von Klaus Brandt abgelehnt hat. In der Verwaltungsvorlage heißt es im letzten Absatz: „Es bleibt für die Entscheidung festzuhalten, dass eine Beschilderung des Bahnhofsgebäudes der Deutschen Bahn AG nicht in die Zuständigkeit und die Entscheidungskompetenz der Stadt Gelsenkirchen fällt. Gleichzeitig ist auch durch die von Demokratischer Initiative und Stadt Gelsenkirchen aufgestellte Erinnerungsorte-Tafel zu Deportationen jüdischer Kinder und Jugendlicher unmittelbar vor dem Südausgang des Bahnhofs gesichert, dass an die Verbrechen an jüdischen Menschen und die Beteiligung der Reichsbahn in öffentlichkeitswirksamer Weise erinnert wird.“

Wie „öffentlichkeitswirksam“ dort erinnert wird, kann man auf dem Foto unten unschwer erkennen. Ein Protokoll der Kulturausschusssitzung, in dem vielleicht mehr über die Diskussion im Ausschuss zu erfahren wäre, liegt im Ratsinformationssystem derzeit nicht vor.

Südausgang des Gelsenkirchener Hauptbahnhofs. Die Erinnerungsortetafel befindet sich „öffentlichkeitswirksam“ links in der Ecke.

„Im traurigen Monat November war’s“

Ein Blick in den Wagen von Gunter Demnig mit den für die Verlegungen vorbereiteten Stolpersteinen. Foto aus dem Jahre 2016 in Gelsenkirchen.

Im traurigen Monat November war’s,
Die Tage wurden trüber,
Der Wind riß von den Bäumen das Laub,
Da reist ich nach Deutschland hinüber,
(Heinrich Heine: Deutschland. Ein Wintermärchen, 1844)

In diesem November stehen zwei Gedenkveranstaltungen in Gelsenkirchen auf dem Programm, die – wenn wir es positiv sehen wollen – die Vielfalt des Gedenkens an die Opfer der Verbrechen der Nazis zeigen. Wie in jedem Jahr ruft die DI, die „Demokratische Initiative gegen Diskriminierung und Gewalt, für Menschenrechte und Demokratie – Gelsenkirchen“ zum Gedenken an die Pogrome in der sogenannten „Reichskristallnacht“ vom 9./10. November 1938 auf. Und später im November, am Freitag, dem 24. November 2017, kommt zum inzwischen zehnten Mal der Kölner Aktionskünstler Gunter Demnig nach Gelsenkirchen, um weitere Stolpersteine zur Erinnerung an die Opfer der Nazis zu verlegen.

Die inzwischen selbstverständlich gewordene Gedenkveranstaltung der DI findet in jedem Jahr an einem anderen Ort statt. In diesem Jahr ist ein Schweigezug in Gelsenkirchen-Erle ab 18.30 Uhr vom Elisabeth-Krankenhaus zur Dokumentationsstätte „Gelsenkirchen im Nationalsozialismus“ geplant. Dort wird um 19.00 Uhr eine Kundgebung stattfinden, bei der Alexander Welp (Consol-Theater) „Zitate aus den Ermittlungen zum Gelsenkirchener Synagogenbrand von 1938“ vortragen wird. Frank Baranowski, Oberbürgermeister und Schirmherr der DI wird die jährliche Gedenkrede halten.

Die Dokumentationsstätte „Gelsenkirchen im Nationalsozialismus“ befindet sich in einem Gebäude, in dem Ortsgruppen der NSDAP und Einheiten der Erler SA untergebracht gewesen sind. In einem Schulungsraum im Obergeschoss ist auf einer Wand das Parteiprogramm der NSDAP abgebildet, das nach seiner Wiederentdeckung 1989 unter Denkmalschutz gestellt worden ist. Der Rat der Stadt Gelsenkirchen beschloss damals die Einrichtung des Dokumentationszentrums sowie die Gründung des Instituts für Stadtgeschichte. Eine erste Dauerausstellung ist am 8. Mai 1994 eröffnet worden, eine neue Dauerausstellung am 8. Mai 2015. Die neue Dauerausstellung thematisiert die von den Nazis propagierte „Volksgemeinschaft“ und fragt nach den Bedingungen und konkreten Mechanismen vor Ort, mit denen die Nazis einen sozialen Konsens herzustellen suchten. Daneben vergisst die Ausstellung nicht Verfolgung und Widerstand und die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit nach 1945.

Die Dokumentationsstätte „Gelsenkirchen im Nationalsozialismus“ auf der Cranger Straße 323 in Gelsenkirchen-Erle. Das Gebäude wurde 1907 ursprünglich als Polizeidienststelle errichtet.

Ein ganz anderes Erinnerungsmodell, welches nicht auf rationale Beschäftigung, sondern auf persönliche Betroffenheit setzt, verfolgt der Kölner Bildhauer und Aktionskünstler Gunter Demnig. Mit kleinen, in das Straßenpflaster eingesetzten Steinen erinnert er – in der Regel am letzten frei gewählten Wohnort – an verfolgte und ermordete Opfer der Nazis. Dabei unterscheidet er nicht zwischen Juden, politisch Verfolgten, Homosexuellen, Zeugen Jehovas, Sinti oder Behinderte. Ein Stolperstein kann für jedes Opfer verlegt werden und erinnert immer genau an eine Person. Neben der Beschriftung „Hier wohnte“ finden sich weitere knappe Angaben, wie Name, Lebensdaten und Verfolgungsgrund. Dort, wo die verfolgten und ermordeten Menschen ihren Lebensmittelpunkt hatten, wird auf ihr Verfolgungsschicksal hingewiesen.

Weit über 60.000 Stolpersteine hat Demnig seit 1992 in Europa verlegt. Das „größte dezentrale Mahnmal“ ist dabei nicht unstrittig. Zur wiederholten Kritik gehört die Ansicht, hier werde das Andenken mit Füßen getreten. Eine völlig entgegengesetzte Erfahrung machte ich in unserer Nachbarstadt Duisburg. In der Innenstadt wurde ich plötzlich von unten geblendet, als sich die Sonne in der Messingoberfläche eines Stolpersteins spiegelte. Ich stoppte und verbeugte mich, um die Inschrift zu lesen. Auch eine beliebte Kritik, hier würden öffentliche Gelder verschwendet, trifft nicht zu. Die Verlegung der Stolpersteine wird durch private Spenden und die Übernahme von „Patenschaften“ finanziert. Organisator in Gelsenkirchen ist Andreas Jordan mit der Arbeitsgruppe Stolpersteine von Gelsenzentrum e.V. In Gelsenkirchen sind es seit der ersten Verlegung im Jahre 2009 161 Stolpersteine, die in allen Stadtteilen an ganz unterschiedliche Menschen, die aus ganz unterschiedlichen Gründen verfolgt wurden, erinnern.

Gunter Demnig, der am heutigen 27. Oktober 2017 seinen 70. Geburtstag feiert, wird am 24. November 2017 an sieben Orten in Gelsenkirchen insgesamt 25 weitere Stolpersteine verlegen. Beginnen wird er um 9.00 Uhr für die Familie Günsberg auf der Poststraße 20, dann folgen Stolpersteine um 9.30 Uhr für die Familie Block auf der Schalker Straße 75, um 10.15 Uhr für Elisabeth Makowiak auf der Florastraße 76 und um 10.45 Uhr für die Familie Nussbaum auf der Hildegardstraße 21. Um 11.30 Uhr wird Demnig vor dem Grillo-Gymnasium einen Stolperstein für den ehemaligen Schüler Fritz Gompertz mit der Inschrift „Hier lernte“ verlegen. Daran schließt sich um 12.00 Uhr die Verlegung für die Familie Cohn auf der Wittekindstraße 21 an. Ihren Abschluss findet die diesjährige Aktion um 12.45 Uhr mit den ersten Stolpersteinen auf der Bahnhofstraße, für die Familie Gompertz an der Ecke Bahnhofstraße 22/Klosterstraße.

Gunter Demnig vor dem Haupteingang des Grillo-Gymnasiums in der Hauptstraße 60. Foto aus dem Jahr 2016.

Meine Beschreibung Gunter Demnigs als Bildhauer und Aktionskünstler macht auch die Bedeutung der Stolpersteine als Gesamtkunstwerk deutlich. Es geht nicht nur darum, dass Steine im Pflaster vorhanden sind. Seine Bedeutung erhält das Projekt durch die zelebrierte Verlegung selbst und durch die wiederkehrende Verlegung weiterer Stolpersteine. Darüber hinaus lassen sie sich für Formen entdeckenden Lernens ebenso nutzen wie für ganz profan scheinende Aktivitäten wie „Putzaktionen“. Letztere erwecken durchaus eine ganz besondere öffentliche Aufmerksamkeit.

Die extreme Rechte – Historische Bezüge und gegenwärtige Entwicklungen

Wissenschaftspark Gelsenkirchen

Wissenschaftspark Gelsenkirchen

In insgesamt vier öffentlichen Veranstaltungen gehen das Institut für Stadtgeschichte (ISG) und die Fachhochschule für öffentliche Verwaltung NRW (FHöV NRW), beide in Gelsenkirchen beheimatet, historischen Bezügen und gegenwärtigen Entwicklungen des Rechtsextremismus nach.

Anlass für die im Wissenschaftspark in Gelsenkirchen-Ückendorf stattfindende Veranstaltungsreihe waren aktuelle Entwicklungen, die durch eine Zunahme an fremdenfeindlichen Übergriffen und Gewalttaten sowie hohe Zustimmungsraten zu rechtspopulistischen Parteien (AfD) und Bewegungen (PEGIDA) gekennzeichnet sind. Hinzu kommt die nicht abgeschlossene Aufarbeitung der rechtsterroristischen Anschlagserie des NSU.

Der erste Vortrag am 11. April widmete sich dem Buch „Mein Kampf“ von Adolf Hitler. Dr. Othmar Plöcking, einer der Herausgeber der vom Institut für Zeitgeschichte in München erarbeiteten kritischen Edition, beschrieb in schönster österreichischer Mundart Entstehung, Verbreitung und Wirkung von Hitlers Schrift in den 1920er bis 1940er Jahren sowie Entstehung und Aufbau der kritischen Edition. Trotz des schönen Wetters war die Veranstaltung gut besucht.

Zum zweiten Vortrag am 18. April war ich leider verhindert. Alexander Häusler vom Forschungsschwerpunkt Rechtsextremismus/Neonazismus (FORENA) der Universität Düsseldorf berichtete über die Entwicklung der „Alternative für Deutschland“, die während der Euro-Krise entstand und im Laufe ihrer Entwicklung mehrere politische Metamorphosen durchlief.

Am heutigen 25. April referierte Dr. Thomas Pfeiffer vom Nordrhein-Westfälischen Innenministerium kenntnisreich über die Funktion rechtsextremer Parolen gegen geflüchtete Menschen als „Türöffner-Thema“ um Menschen außerhalb des rechtsextremen Spektrums zu erreichen. Thema waren – im Sinne des Verfassungsschutzes – eindeutig rechtsextreme Parteien wie die NPD, „Die Rechte“ und „Der III. Weg“. In der sich dem Vortrag anschließenden Diskussion wurde auch Pro NRW als rechtsextrem bezeichnet.

Ihren Abschluss wird die Veranstaltungsreihe am kommenden Montag, dem 2. Mai finden. Nach den historischen Bezügen, den Rechtspopulisten und Rechtsextremisten werden die Mörder des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) thematisiert. Heiko Klare von der „Mobilen Beratung im Regierungsbezirk Münster (mobim). Gegen Rechtsextremismus, für Demokratie“ wird eine Podiumsdiskussion moderieren. Als Podiumsgäste werden die Bundestagsabgeordnete Irene Mihalic (Bündnis 90/Die Grünen, Obfrau im 2. Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages zum NSU-Komplex), Melek Topaloglu (Vorsitzende des Integrationsrates) und Prof. Dr. Thomas Grumke (Politikwissenschaftler der FHöV NRW) erwartet. Die Veranstaltung beginnt wie die vorangegangenen um 19 Uhr im Wissenschaftspark in Gelsenkirchen-Ückendorf.

Vortrag über Wilhelm Tenholt, GESTAPO-Leitstelle Recklinghausen und Gelsenkirchen 1933-1936

Zeichnung eines Gerichtsreporters von Wilhelm Tenholt während des Verfahrens im Gerichtssaal 1949.

Zeichnung eines Gerichtsreporters von Wilhelm Tenholt während des Verfahrens im Gerichtssaal 1949.

Die Recklinghäuser Leitstelle der Geheimen Staatspolizei zählte zu den brutalsten Verhörorten in Westfalen im „Dritten Reich“. Der Kriminalrat Wilhelm Tenholt war nicht nur überzeugter Nazi und Leiter der Dienstelle, er war auch einer der gefürchtetsten Beamten. Die in sogenannte „Schutzhaft“ genommenen politischen Gegner wurden von ihm misshandelt und gefoltert, für einige Häftlinge endeten die Verhörmethoden tödlich. 1949 wurde Tenholt vor dem Bochumer Landgericht wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit verurteilt, allerdings kurz vor dem KPD-Verbot mit dem Hinweis, ob man den gefolterten Kommunisten „alles glauben könne“, typischerweise begnadigt.

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe des Instituts für Stadtgeschichte (ISG) wird der Referent Ortwin Bickhove-Swiderski Stationen des beruflichen Werdegangs Tenholts nachzeichnen und anhand eidesstattlicher Zeugenaussagen dessen Verbrechen deutlich machen. Wilhelm Tenholt war schon ab 1931 illegal Mitglied der NSDAP. Nach der Machtübertragung an die Nazis wurden hunderte von KPD-Mitgliedern im Recklinghäuser Polizeipräsidium brutal gefoltert. Außerdem war Tenholt verantwortlich für die Todessprünge des KPD-Reichstagsabgeordneten Albert Funk sowie des KPD-Funktionärs Vörding aus Coesfeld. Bei seinen Recherchen zu einer Buchveröffentlichung über Albert Funk hat Bickhove-Swiderski bisher unveröffentlichte Dokumente im Bundesarchiv in Berlin ausgewertet; außerdem liegen ihm 180 Aussagen ehemaliger KPD-Mitglieder vor. Diese Akte hat die Zeit des KPD-Verbotes von 1956 im Haus eines Recklinghäuser KPD-Funktionärs eingemauert überdauert.

In einer der Aussagen wird berichtet: „Während die anderen Kriminal-Beamten die Wohnung durchsuchten, wurde ich von T e n h o l d  verhört. Dabei versetzte er mir dauernd Faustschläge ins Gesicht. (…) Im Laufe des Verhörs, forderte T e n h o l d  meine Frau auf, die Brille abzunehmen, wonach er sie dann mehrere Male ins Gesicht schlug. Wir wurden beide, meine Frau und ich, verhaftet. (…) Noch am Vormittag desgleichen Tages, wurde ich zur Vernehmung vorgeführt. Im Vernehmungszimmer wurde ich kurzerhand über einen Tisch gestoßen und mit Knüppeln und Stahlruten geschlagen. Nach etwa 30 Schlägen, wurde ich von Tenhold aufgefordert, auszusagen. Da ich schwieg, begann die Prozedur von Neuem. Dieses wiederholte sich 5 Mal, wobei ich durchschnittlich jedes Mal 50 Schläge erhielt, die auf Rücken, Gesäß und Beine niedersausten. Neben Kommissar Tenhold waren noch 6 andere Männer im Vernehmungszimmer, von denen jedes Mal 4 schlugen . Auch Tenhold selbst beteiligte sich am Schlagen. Während dieser Vernehmung sagte Tenhold zu mir, dass ein Tag vorher einer durch s Fenster gegangen sei und ich ihm nachfolgen könnte. Bei der letzten Prozedur wurde ich ohnmächtig.“

Der Vortrag findet passenderweise in der Dokumentationsstätte „Gelsenkirchen im Nationalsozialismus“, im ehemaligen Polizeigebäude von 1907 in Gelsenkirchen-Erle statt. In der Nazi-Zeit war das Haus unter anderem Sitz der NSDAP-Ortsgruppenleitung Buer-Erle und der Erler SA. Nach dem Fund einer Wandinschrift mit dem Parteiprogramm der NSDAP von 1920 wurde diese unter Denkmalschutz gestellt und am 8. Mai 1994 im Haus eine Dokumentationsstätte mit einer Dauerausstellung über Gelsenkirchen im Nationalsozialismus eröffnet. Hier führt das ISG regelmäßig Veranstaltungen durch, um „mit ausgewiesenen Fachleuten verschiedene Themen aus der Geschichte des Nationalsozialismus und aus der politischen und pädagogischen Auseinandersetzung mit dem ‚Dritten Reich‘ öffentlich zu diskutieren.“

„Wilhelm Tenholt – Chef der Gestapoleitstelle Recklinghausen – Gelsenkirchen von 1933-1936“ von Ortwin Bickhove-Swiderski, Dülmen. Der Vortrag findet am Mittwoch, 24. Februar 2016, ab 19 Uhr in der Dokumentationsstätte „Gelsenkirchen im Nationalsozialismus“, Cranger Straße 323 in 45891 Gelsenkirchen statt. Die Einrichtung ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln (Linien 301, 342, 381, 397,398, Haltestelle „Marktstraße“) gut zu erreichen.

Weitere Veranstaltungen im 1. Halbjahr 2016

Von Juden und Roma – Vergangenheit und Gegenwart

Rosa BöhmerZwei ganz unterschiedliche Veranstaltungen in dieser Woche zeigen, wie wenig unsere Gesellschaft aus der Geschichte gelernt hat und wie viel noch immer vom Engagement einzelner abhängt!

Am 9. November jährte sich wieder einmal die zynisch so bezeichnete „Reichskristallnacht“, im heutigen Sprachgebrauch Reichspogromnacht, in der die Nazis 1938 im gesamten Deutschen Reich jüdische Geschäfte und Wohnungen plünderten und zerstörten, Juden zusammen schlugen und demütigten, sie verhafteten und in Konzentrationslager brachten. Dies war neuer Höhepunkt der Verfolgung und zugleich Auftakt zu ihrer schlussendlichen Ermordung.

Aus diesem Anlass rief die „Demokratische Initiative“ zu einer übrigens gut besuchten Gedenkveranstaltung an diesem 9. November 2012 auf. Nach der Auftaktveranstaltung am Alten Friedhof Mühlenstraße mit Oberbürgermeister Baranowski zog der Schweigemarsch durch die Buersche Innenstadt zum Polizeipräsidium in Buer. Dort thematisierte der Polizeipräsident von Schoenfeldt die, manche nennen es immer noch beschönigend „Verstrickung“, richtiger nennt man es Täterschaft, der „ganz normalen“ Polizeibeamten am Völkermord und ihre historische Aufarbeitung durch das Institut für Stadtgeschichte. Als Redner folgte Alfons Kenkmann, der in Münster die Villa ten Hompel, eine Gedenk- und Bildungsstätte mit aufgebaut hatte, die sich der Ausplünderung der Juden im Dritten Reich durch die Finanzbehörden widmet. Er thematisierte unter anderem die Täterschaft der Polizei- und Finanzbeamten, sowie die der kommunalen Beamtenschaft, und die personellen Kontinuitäten nach 1945 in der entstehenden Bundesrepublik. Deutlich benannte er die doppelte Verhöhnung der wenigen Überlebenden, die nach 1945 ihre Entschädigungsansprüche gegen dieselben Beamten vorbringen mussten, die vorher ihre Ausplünderung und Entrechtung vollzogen haben. In der anschließenden Gesprächsrunde wurde, moderiert durch Stefan Goch, noch die Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit von Schalke 04 (ebenfalls mit Unterstützung durch das Institut für Stadtgeschichte) angesprochen. Die Veranstaltung endete mit dem Absingen des bekannten Liedes „Die Moorsoldaten“. Trotz der Kälte harrten viele Besucher bis zum Schluss aus. Am Ausgang wurde der Veranstaltungskalender für das kommende Jahr verteilt, in dem an die Ereignisse erinnert wird, die vor 80 Jahren im Jahr 1933 mit Hitlers Machtübertragung ihren Anfang nahmen.

Einen Tag zuvor hatte Die Linke zu ihrer – im Vergleich zur oben genannten Veranstaltung – weniger gut besuchten Mitgliederversammlung eingeladen. Neben den ersten Vorbereitungen zum Bundestagswahlkampf hatte man als Referenten Bernd Brack von ProAsyl Flüchtlingsrat Essen eingeladen, aber leider nur wenig mit ihm geworben. Bernd Brack ist seit Jahrzehnten in der Flüchtlingsarbeit unserer Nachbarstadt aktiv und konnte anschaulich und persönlich überzeugend aus eigenen Erfahrungen berichten, wie beschämend die Bundesrepublik Deutschland in der Gegenwart mit Flüchtlingen umgeht. Er erläuterte ebenfalls die, Politiker von CDU und SPD hatten es beschönigend Reform genannt, richtig heißt es Aushöhlung des im Grundgesetz verankerten Rechts auf Asyl. Auch heute noch gilt der Artikel, nach dem politisch Verfolgte in Deutschland Asyl beantragen können. Doch ist die Zahl der Asylbewerber seit der Einführung der „Drittstaatenregelung“ drastisch gesunken, da Deutschland von sicheren Drittstaaten umgeben ist. In der Praxis führt das zu Kettenabschiebungen und zu einer Aushöhlung des Grundrechtes.

Aktueller Anlass für die Einladung Bracks durch Die Linke war die steigende Zahl von Asylbewerbern aus den Balkanstaaten, vorwiegend Roma, die in diesen Ländern massiv diskriminiert werden und faktisch oftmals rechtlos sind. Die Chance, dass ihre Anträge auf Asyl positiv beschieden werden, sind sehr gering, da sie nicht politisch verfolgt, sondern „lediglich“ diskriminiert werden. Für die betroffenen Menschen macht das aber keinen Unterschied.