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Gedenkstättenfahrt nach Hamburg

Gedenkstätte Neuengamme mit Blick auf den Eingangsbereich. Im Vordergrund die Grundrisse der nicht erhaltenen Baracken.

Der Besuch in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme in Hamburg zeigte mir deutlicher als jeder Gedenkstättenbesuch zuvor die Ausbeutung der KZ-Häftlinge durch die Wirtschaft. Das KZ Neuengamme ist gezielt errichtet worden, um billige Arbeitskräfte für die geplanten NS-Großbauten zur Verfügung zu haben.

Am 14./15. Oktober 2017 fuhr eine Gruppe junger und alter Menschen gemeinsam nach Hamburg, um sich über das KZ Neuengamme zu informieren. Organisiert wurde die Fahrt von der DGB-Jugend MEO (Mülheim Essen Oberhausen) und der VVN-BdA Essen (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten). Zum Programm gehörten neben dem Besuch der Gedenkstätte auch eine alternative Hafenrundfahrt zum Thema.

Waren die ersten Konzentrationslager in Nazi-Deutschland seit 1933 zur Inhaftierung und Folterung politischer Gegner der Nazis eingerichtet worden, kamen im Laufe der Jahre weitere Verfolgtengruppen hinzu: Juden, Sinti, Homosexuelle, Zeugen Jehovas sowie sogenannte „Kriminelle“ und „Asoziale“. Ab 1936/37 wurde die Ausbeutung der Arbeitskraft der Häftlinge zu einem wirtschaftlichen Faktor für den Betrieb der KZs. Hierzu wurde die „Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH“ mit Mitgliedern der SS-Führung als Gesellschafter gegründet.

Teilansicht des ehemaligen Klinkerwerks des SS-Unternehmens „Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH“ im KZ Neuengamme.

Anlass für die Gründung des Konzentrationslagers Neuengamme war die Ziegelproduktion für die geplanten Nazi-Großbauten in Hamburg. Dazu zählten ein 250 Meter hohes „Gauhochhaus“, ein „Kraft-durch-Freude-Hotel“ und eine Hochbrücke über die Elbe als „Tor zur Welt“. Das Konzentrationslager wurde 1938 zunächst als Außenlager des KZ Sachsenhausen in einer stillgelegten Ziegelei gegründet und 1940 zum „selbständigen“ Konzentrationslager mit zahlreichen Außenlagern in Norddeutschland während des Krieges.

Das Konzentrationslager und die Hansestadt waren eng miteinander verbunden. So gewährte beispielsweise die Stadt Hamburg dem SS-Unternehmen Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH ein Darlehen in Höhe von einer Million Reichsmark für den Bau eines großen und modernen Klinkerwerks. Im Gegenzug versprach die SS „erstklassige Klinkerware preiswert herzustellen“.

Die Dauerausstellung in der Gedenkstätte zeigt anschaulich die Herkunftsländer der KZ-Häftlinge.

Die ersten KZ-Häftlinge stammten aus Deutschland, während des Krieges kamen Männer und Frauen aus den besetzten Gebieten Europas hinzu und bildeten nach kurzer Zeit die Mehrheit. Mehr als die Hälfte von Ihnen kam aus Osteuropa, aber auch aus den Niederlanden, Belgien, Frankreich und Dänemark wurden Tausende Menschen in das KZ und seinen mehr als 85 Außenlagern verschleppt. Zwischen 1938 und 1945 waren über 100.000 Menschen im System des Konzentrationslagers Neuengamme eingesperrt, etwa die Hälfte von ihnen wurde durch die mörderischen Arbeits- und „Lebensbedingungen“ ermordet.

Vernichtung durch Arbeit

Zehn bis zwölf Stunden Schwerstarbeit mussten die KZ-Häftlinge täglich in den unterschiedlichen Arbeitskommandos leisten. Neben dem Aufbau des Klinkerwerks gehörte die Arbeit in den Tongruben, die Schiffbarmachung der Dove Elbe und das Anlegen eines Stichkanals zu den furchtbarsten Einsätzen. Aufgrund der ungenügenden Ernährung und Bekleidung sowie der Arbeit im Freien bei jedem Wetter betrug die durchschnittliche Überlebensdauer in den Tongruben 90 Tage. Im weiteren Verlauf des Krieges kamen Arbeiten in der Rüstungsproduktion und in der Trümmerbeseitigung, vor allem in den Außenlagern, hinzu.

In der Ausstellung sind neben den von der SS hergestellten Propagandafotos auch Zeichnungen mit realistischeren Darstellungen zu finden.

Die KZ-Häftlinge schliefen in dreistöckigen Holzgestellen dichtgedrängt auf Strohsäcken, die sanitären „Einrichtungen“ waren unzureichend und für die geschwächten KZ-Häftlinge nur sehr begrenzt zu nutzen. Morgens gab es einen dünnen „Kaffee“, mittags eine dünne Suppe und abends die Brotration für den folgenden Tag. Als Kleidung waren nur die gestreifte Häftlingskleidung, die nicht wärmte, und Holzschuhe erlaubt.

Sterben gehörte im KZ zum Alltag, KZ-Häftlinge starben an Hunger, Entkräftung, den mörderischen Arbeitsbedingungen und an gezielten Mordaktionen der SS-Männer. Zum Kriegsende 1945 gelang es der SS zunächst, die Spuren ihrer Verbrechen in Neuengamme zu verwischen und das Lager zu räumen. Tausende Häftlinge starben hilflos in Lagern wie Sandbostel oder Bergen-Belsen, 9000 starben bei einem britischen Luftangriff auf die schwimmenden KZs in der Lübecker Bucht, die für Truppentransporter gehalten wurden. Am 2. Mai 1945 erreichten britische Truppen das geräumte KZ Neuengamme.

Vom Knast zur Gedenkstätte

Die Lagergebäude des ehemaligen Konzentrationslagers wurde nach 1945 zunächst zur Unterbringung von „Displaced Persons“ verwendet, also für alle Menschen, die als Zwangsarbeiter oder aus anderen Gründen aus vielen Ländern Europas nach Deutschland verschleppt worden waren und deren Heimkehr organisiert werden musste. Daran schloss sich die Nutzung als Internierungslager für die Verbrecher der SS, NSDAP und Wehrmacht an. Eine ähnliche Nutzung fand im ehemaligen Konzentrationslager Dachau statt, das Lager wurde zuerst für die Inhaftierung und Verurteilung von SS-Angehörigen genutzt und später für die Unterbringung von Flüchtlingen und Vertriebenen aus dem Sudetenland.

Innerhalb der Gedenkstätte Neuengamme finden sich bauliche Reste des früheren Gefängnisses.

1948 wurde das Lagergelände Neuengamme der Stadt Hamburg übergeben, die einen Teil der Gebäude abriss und mit der „Vollzugsanstalt Vierlande“ ein Gefängnis einrichtete, dem in den 1960er Jahren eine Jugendstrafanstalt folgte. Diese Nutzung hier wie an anderen Orten des Nazi-Terrors zeigt, dass diese Orte oft in einer „Kontinuität der Ausgrenzung“ (Thomas Lutz 1995) standen und stehen.

Auf Drängen der Überlebenden wurde 1953 eine erste, schlichte Gedenksäule, ohne Inschrift errichtet. Während in Dachau 1965 die erste Gedenkstätte der Bundesrepublik Deutschland eröffnet wurde, die mit einer Ausstellung den historischen Ort erklärte, wurde in Hamburg-Neuengamme 1965 das internationale Mahnmal mit einer 27 Meter hohen Stele aus grauen Quadersteinen, einer Gedenkmauer vor der 18 Steinplatten mit Namen der Völker und Nationen liegen und der Bronzeskulptur „Sterbender Häftling“ der französischen Bildhauerin Francoise Salmon, Überlebende des KZ Auschwitz, errichtet. Eine Ausstellung, die den Ort erklärt, wurde erst 1981 (!) mit dem „Dokumentenhaus“ eröffnet. 1995 folgte eine neue Dauerausstellung auf größerer Fläche. Erst 2005/06 wurde nach Schließung und Verlegung beider Gefängnisse fast der gesamte Bereich des ehemaligen Konzentrationslagers zur Gedenkstätte.

Teil der 1965 eröffneten Gedenkstätte mit dem internationalen Mahnmal.

KZ Gedenkstätte Neuengamme

Sie ist eine der größten Gedenkstätten Deutschlands und umfasst 17 erhaltene Gebäude und eine Vielzahl von Angeboten zur Information über das historische Geschehen. Die nicht mehr erhaltenen Baracken sind als Grundrisse gekennzeichnet, das Außengelände an vielen Stellen dokumentiert. Neben der Hauptausstellung in einer ehemaligen Häftlingsunterkunft gibt es vier weitere Dauerausstellungen, unter anderem zur Lager-SS, zur Zwangsarbeit im Klinkerwerk aber auch zum Widerspruch von Gefängnis und Gedenkstätte.

Blick in die Hauptausstellung, die in einer ehemaligen Häftlingsunterkunft untergebracht ist. Sie trägt den Titel „Zeitspuren: Das Konzentrationslager Neuengamme 1938-1945 und seine Nachgeschichte“.

Während der etwa dreistündigen Führung erhielt unsere Gruppe einen Eindruck vom Leben, Arbeiten und Sterben unter den unerträglichen Bedingungen des Konzentrationslagers sowie von den Einsätzen für verschiedene Betriebe in den Außenlagern, die vom Einsatz billiger Häftlinge profitierten. Unsere Führung gelangte zum 1965 errichteten internationalen Mahnmal und zum 1981 eröffneten Dokumentenhaus. Es wurde 1995 zum „Haus des Gedenkens“ umgestaltet und erinnert mit den 23.395 bekannten Namen der Toten an alle im Konzentrationslager durch die tödlichen Bedingungen oder Aktionen der SS-Männer ermordeten KZ-Häftlinge. Da es der SS gegen Kriegsende gelang, die Unterlagen zu vernichten, sind nicht alle Namen bekannt. Der Ort wird von Nachkommen der Überlebenden angenommen, von ihnen werden Fotos der gemordeten und Blumen zum Gedenken hinterlassen.

Bronzefigur „Sterbender Häftling“ aus dem Jahre 1965 der französischen Bildhauerin Francoise Salmon, Überlebende des KZ Auschwitz.

DGB-Jugend und VVN-BdA legten vor der Stele des internationalen Mahnmals gemeinsam ein Gesteck nieder und gedachten der Ermordeten.

Faschismus, Widerstand und Verfolgung im Hamburger Hafen

Die Alternative Hafenrundfahrt am folgenden Tag schilderte den Einsatz der Häftlinge im Hafen und an der Elbe und zeigte erhaltene und nicht erhaltene Orte ihres Leidens. Zugleich erfuhren wir von Widerstand und Solidarität der Hafenarbeiter, die beispielsweise die Unterstützung der Faschisten im Spanischen Bürgerkrieg durch Nazi-Deutschland verbreiteten, indem sie Informationen über die Lieferung von Militärgütern aus Hamburg weitergaben.

Erschütternd war der Bericht über ein „Außenlager“ in einem Speichergebäude für osteuropäische junge Frauen, die als Zwangsarbeiterinnen unter unvorstellbaren Bedingungen in einem Gebäude untergebracht waren, dass für die Lagerung von Gütern gedacht ist. Während der Bombenangriffe, denen sie im Gegensatz zur deutschen Bevölkerung, die wenigstens Luftschutzbunker aufsuchen durfte, schutzlos ausgeliefert waren, drängten sie sich in die untersten Etagen des Speichers, wo es durch das steigende Wasser des Flusses nass und kalt war.

KZ-Außenlager in einem Speicher, einem Lagergebäude im Hamburger Hafen. Hier waren junge Osteuropäerinnen im Alter von 15 Jahren unter unvorstellbaren Bedingungen untergebracht.

Gedenkstätte Bullenhuser Damm

Während des Vorbereitungstreffens für diese Fahrt hatte der gebürtige Hamburger, Ulrich Sander, Bundessprecher der VVN-BdA, im Essener DGB-Haus über ein Beispiel für den Jugendwiderstand in Hamburg berichtet und von eigenen Erfahrungen erzählt. Er wurde als Kind in der Schule am Bullenhuser Damm eingeschult. Im gleichen Gebäude hatten am 20. April 1945 SS-Männer 20 jüdische Kinder und weitere Erwachsene ermordet, um die Spuren der an ihnen verübten Verbrechen zu verwischen und unliebsame Zeugen zu beseitigen. Die Kinder waren zuvor wie Laborratten für medizinische Experimente missbraucht worden.

Heute besteht dort neben der Janusz-Korczak-Schule die Gedenkstätte Bullenhuser Damm. Seit 1980 erinnert die Gedenkstätte an die ermordeten Kinder und Erwachsenen, seit 2011 erzählt eine über den Schulhof zugängliche Ausstellung im Gebäude die Geschichte des Ortes, der Opfer, der Tat, der Strafverfolgung, der Spurensuche und der Erinnerung. Die Taträume sind bewusst leer gelassen.

Gedenkstätte Bullenhuser Damm und zugleich Janusz-Korczak-Schule. Hier wurden 1945 20 jüdische Kinder von SS-Männern ermordet.

Auf dem Rückweg von Hamburg nach Essen hielten wir dort. Die jugendlichen Teilnehmer unserer Fahrt erinnerten im Rosengarten hinter dem Schulgebäude an die Opfer und legten Blumen nieder.

Aus der Geschichte lernen

Gedenkstättenfahrten wie diese sind anstrengend, führen sie doch zu den Schattenseiten der Geschichte, die viele verleugnen wollen. Natürlich trifft die heutige Generation keine Schuld an den Verbrechen, doch angesichts einer zunehmenden Rechtsentwicklung in anderen europäischen Ländern und auch in Deutschland ist es wichtig, aus der Geschichte zu lernen, dass und warum sie sich nicht wiederholen darf.

In einer Zeit, in der im Umfeld von AfD, Pegida & Co. in übelster Weise rassistische Vorurteile über geflüchtete Menschen verbreitet werden und in einer Zeit in der Politiker die Einrichtung von Lagern befürworten (die sie natürlich mit besser klingenden Begriffen bezeichnen) sowie Flüchtlinge nach ihrer Nützlichkeit sortieren wollen heißt es wachsam zu sein gegenüber den Anfängen einer Politik, die zu aus der Geschichte bekannten Ergebnissen führen kann.

Die Trennlinie verläuft nicht zwischen Nationen und Völkern, sondern zwischen Faschisten und Antifaschisten.

Gedenkort im Rosengarten der Gedenkstätte Bullenhuser Damm hinter dem Schulgebäude.

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Jugendwiderstand in Hamburg

Veröffentlichung von Ulrich Sander zum Jugendwiderstand in Hamburg.

Zur Vorbereitung der diesjährigen Gedenkstättenfahrt der DGB-Jugend MEO (Mülheim-Essen-Oberhausen) und der VVN-BdA Essen luden die Veranstalter Ulrich Sander, Bundessprecher der VVN-BdA, ein. Der gebürtige Hamburger, der sich lange mit dem Jugendwiderstand gegen das Naziregime beschäftigt hatte, erzählte über die Gruppe um Helmuth Hübener, der 17jährig vom sogenannten „Volksgerichtshof“ zum Tode verurteilt und am 27. Oktober 1942 zur Abschreckung für andere hingerichtet wurde.

Ulrich Sander zog seine Zuhörer in den Bann, indem er nicht einfach nur ein Thema referierte, sondern die Geschichte Helmuth Hübeners verbunden mit eigenen Erfahrungen aus Hamburg erzählte. Unterstützt wurde er mit Bildern und Dokumenten aus einer früheren Veröffentlichung.

Helmuth Hübener stammt aus einem religiösen Elternhaus und hörte heimlich und in Nazi-Deutschland verboten deutschsprachige Sendungen der BBC ab. Gemeinsam mit Freunden fasste er die Informationen zu Flugblättern zusammen, die sie – mangels Vervielfältigungsmöglichkeit – mehrfach mit einer Schreibmaschine abschrieben und heimlich verteilten. Bei dem Versuch, die Gruppe zu erweitern, wurde Hübener verraten, „wegen … Vorbereitung zum Hochverrat und landesverräterischer Fein(d)begünstigung“ zum Tode verurteilt und am 27. Oktober 1942 hingerichtet.

Bereits im vergangenen Jahr hatten die Kooperationspartner eine gemeinsame Fahrt nach Buchenwald organisiert. In diesem Jahr wird die Fahrt am 14./15. Oktober nach Hamburg gehen. Vorgesehen sind eine Führung durch die KZ-Gedenkstätte Neuengamme sowie eine alternative Hafenrundfahrt zu den Einsatzorten der KZ-Zwangsarbeiter.

Antikriegstage in Gelsenkirchen 2016

DGB-Logo zum Antikriegstag seit 1957. Das Motiv der zerbrochenen Rakete mit der daraus wachsenden Nelke wurde zum klassischen Motiv der gewerkschaftlichen Antikriegsbewegung.

Klassisches DGB-Motiv zum Antikriegstag seit 1957: eine zerbrochene Rakete mit der daraus wachsenden Nelke.

Wie schon in den beiden zurückliegenden Jahren wird es am 1. September 2016 in unserer Stadt zwei Kundgebungen zum Antikriegstag geben. Die DGB-Jugend führt ihre Veranstaltung ab 18 Uhr auf dem Platz der Neuen Synagoge durch, das Bündnis gegen Krieg und Faschismus zieht ab 17 Uhr vom Bahnhofsvorplatz zum Preuteplatz und beabsichtigt sich anschließend der DGB-Kundgebung anzuschließen.

In der örtlichen WAZ ist heute eine kurze Pressemitteilung mit einem sehr banalen Text zu lesen. „Die Liste der Länder mit Krieg und Konflikten ist lang. Dagegen will die DGB-Jugend am Donnerstag, 1. September, ein symbolisches Zeichen des Widerstands setzen.“ Es folgt die Ankündigung von Ort und Zeit (Platz der Neuen Synagoge an der Georgstraße 2 um 18 Uhr). Als Sprecherin ist die Bürgermeisterin Martina Rudowitz (SPD) angekündigt. Welche symbolischen Widerstandsaktionen die DGB-Jugend plant, davon wird man sich wohl erst vor Ort ein Bild machen können. Auf der Homepage des DGB Emscher-Lippe fand ich den Aufruf aus 2015 vor. Damals hießt es unter anderem: „Bis heute sei die Welt für viele Menschen weiterhin kein sicherer Ort. Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges seien weltweit nicht so viele Menschen auf der Flucht gewesen wie heute. Politische, ethnische und religiöse Konflikte, Krieg und Bürgerkrieg, Armut und Ausbeutung zwängen immer mehr Menschen zur Flucht. Angriffe auf Flüchtlinge und ihre Unterkünfte nähmen dramatisch zu.“

Die jüngsten Planungen des Bündnis gegen Krieg und Faschismus sehen ab 17 Uhr eine große Installation zum Massensterben im Mittelmeer auf dem Bahnhofsvorplatz sowie ab etwa 17.30 Uhr eine Inszenierung mit einer kritischen Kommentierung der im Grundgesetz verbürgten aber in der Realität oft nicht eingehaltenen Menschenrechte auf dem Preuteplatz vor. Es handelt sich um ein vollständig anderes Veranstaltungsformat als in den vergangenen fünf Jahren und nimmt die Kritik an den übergroßen Redeanteilen der bisherigen Kundgebungen auf. Ein Flugblatt mit der gemeinsamen Position ist fertiggestellt und wird während beider Kundgebungen verteilt werden. Beim Bündnis gegen Krieg und Faschismus handelt es sich um ein Personenbündnis, an dem Mitglieder verschiedener Parteien und Organisationen (derzeit aus Die Linke, DKP, MLPD/AUF und der VVN-BdA) beteiligt sind.

Supplement
Die WAZ berichtet unter der Überschrift „Nie wieder Krieg und Faschismus“ über die DGB-Kundgebung.

Eindrücke aus Weimar und Buchenwald

Gedenkstätte Buchenwald - Torgebäude zum ehemaligen Häftlingslager auf dem Ettersberg. Die Uhr zeigt den Zeitpunkt der Selbstbefreiung des Konzentrationslagers an.

Gedenkstätte Buchenwald – Torgebäude zum ehemaligen Häftlingslager auf dem Ettersberg. Die Uhr zeigt die Uhrzeit der Selbstbefreiung des Konzentrationslagers an.

Zwei Tage dauerte eine Gedenkstättenfahrt der DGB-Jugend Mühlheim-Essen-Oberhausen und der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten Essen ins ehemalige Konzentrationslager Buchenwald. Anlass für mich, erneut nach Weimar und Buchenwald zu fahren, war die Baumpflanzung für den KZ-Überlebenden und beeindruckenden Essener Zeitzeugen Theo Gaudig, die ich gerne miterleben wollte. Zugleich bot mir die Fahrt die Möglichkeit, Erinnerungen an meine beiden früheren Besuche vor mehr als 15 Jahren wieder aufzufrischen.

Wer die Thüringische Stadt Weimar besucht, kommt an Goethe und Schiller nicht vorbei. Goethes Wohnhaus, das Schillerhaus, Straßennamen, Hinweisschilder, Gedenktafeln und das Denkmal auf dem Theaterplatz vor dem Deutschen Nationaltheater erinnern an die Zeit der Weimarer bzw. Deutschen Klassik. Als Leitideen der Weimarer Klassik nennt mein altes Meyers Taschenlexikon aus dem Jahre 1985 „Harmonie und Humanität“. Nach dem Tagungsort der Nationalversammlung wurde auch die 1919 gegründete erste deutsche Republik „Weimarer Republik“ benannt. Ganz im Gegensatz zu diesen Traditionen steht die Nazi-Barbarei.

Goethe- und Schiller-Denkmal vor dem Deutschen Nationaltheater Weimar, Theaterplatz 2.

Goethe- und Schiller-Denkmal vor dem Deutschen Nationaltheater Weimar, Theaterplatz 2.

Um Spuren der Nazi-Zeit zu finden, muss man nicht erst auf den Ettersberg steigen und das ehemalige Konzentrationslager besuchen. Um ein Beispiel zu nennen: am heutigen Weimarplatz befindet sich das „Gauforum“, ein gigantisches Gebäudeensemble in faschistischer Ästhetik, welches die zentrale Gau-Verwaltung der NSDAP aufnahm. In den bestehenden und denkmalgeschützten Gebäuden ist heute das Thüringer Landesverwaltungsamt untergebracht, in der ehemaligen zum Gebäudeensemble gehörenden „Halle der Volksgemeinschaft“ befindet sich das Einkaufszentrum „Weimarer Atrium“. Eine wirklich interessante Nachnutzung!

Auf dem Ettersberg befinden sich nach wie vor die baulichen Überreste des einstigen Konzentrationslagers Buchenwald. Das zu den größten nationalsozialistischen Konzentrationslager gehörende KZ bestand von 1937 bis 1945. Weit über 250.000 Häftlinge befanden sich im System dieses Lagers einschließlich seiner Außenlager, zu denen auch ein Außenlager in Gelsenkirchen gehörte. Im Gegensatz zu den Vernichtungslagern im Osten, in denen der industrielle Massenmord stattfand, galt hier das Nazi-Prinzip der „Vernichtung durch Arbeit“. Berühmt ist das Konzentrationslager Buchenwald durch dessen Selbstbefreiung von der SS, die den Häftlingen angesichts der heranrückenden US-Armee gelang.

Gedenkstätte Buchenwald - Lagertor mit der Inschrift "Jedem das Seine". Die Schrift war bei geschlossenem Tor für die Häftlinge zu lesen und zeigt den Zynismus der Nazi-Barbarei.

Gedenkstätte Buchenwald – Lagertor mit der Inschrift „Jedem das Seine“. Die Schrift war bei geschlossenem Tor für die Häftlinge zu lesen und zeigt den Zynismus der Nazi-Barbarei.

Nach der mehrstündigen Busfahrt begann eine Führung durch das Häftlingslager mit Elke Pudszuhn, Tochter des ehemaligen Häftlings Hans Raßmann, die mit persönlichen Eindrücken eine Einführung in das Lagergeschehen gab. Unterbrochen wurde diese Führung durch die Baumpflanzung des Lebenshilfewerks Weimar/Apolda e.V. Im Rahmen des Projektes „1000 Buchen“ wurden in der Nähe des ehemaligen Gustloff-Werks an der Kreuzung Kromsdorfer-/Andersenstraße insgesamt sechs Bäume gepflanzt, und zwar für die Frauen von Buchenwald, Lise London aus Frankreich, Danuta Brzosko-Medryk aus Polen sowie für Theo Gaudig aus Essen, Kurt Juius Goldstein aus Berlin und Josef Safferling aus Strümpfelbrunn/Odenwald. In Reden wurde an diejenigen erinnert, für die diese Bäume gepflanzt wurden. Der Abend bot einen angenehmen Ausklang. Überlebende und Nachkommen trafen sich im Hotel Leonardo und feierten bei roten Liedern und roten Wein. Das Köstritzer Schwarzbier schmeckte auch.

Ein Baum für Theo Gaudig - Viele Essener haben Theo Gaudig in Schulen und Veranstaltungen kennen gelernt, wo er unermüdlich als Zeitzeuge und Mahner über seinen Widerstand, seine Haft, über den Faschismus sprach.

Ein Baum für Theo Gaudig – Viele Essener haben Theo Gaudig in Schulen und Veranstaltungen kennen gelernt, wo er unermüdlich als Zeitzeuge und Mahner über seinen Widerstand, seine Haft, über den Faschismus sprach.

Beim (7.) Treffen der Nachkommen anderntags stand das Thema der „vergessenen Frauen von Buchenwald“ im Vordergrund. Dr. Irmgard Seidel, die schon zur Baumpflanzung für die Frauen von Buchenwald gesprochen hatte, berichtete in ihrer Gedenkrede noch ausführlicher über ihre Forschung und die unterschiedlichen Frauengruppen in den Außenlagern von Buchenwald. Da das Konzentrationslager auf dem Ettersberg ein reines Männerlager war, gehörten die Frauen in den Außenlagern zu den lange vergessenen Verfolgten. Daran an schloss sich die Fortsetzung der Führung durch das Häftlingslager. Am Rande konnten wir die offizielle Gedenkfeier verfolgen. Kaum Zeit blieb leider für die neueröffnete Ausstellung der Gedenkstätte in der Effektenkammer.

Befreiungsfeier am Glockenturm, der Teil der großen Mahnmalsanlage ist.

Befreiungsfeier am Glockenturm, der Teil der großen Mahnmalsanlage ist.

Um 15.15 Uhr begann die Befreiungsfeier des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora und Kommandos am Glockenturm, dem weithin sichtbaren Teil der großen Mahnmalsanlage am Hang (die nicht zu verwechseln ist mit der Gedenkstätte auf dem Gelände des ehemaligen Häftlingslagers).

Figurengruppe von Fritz Cremer für das Buchenwald-Denkmal. Im Hintergrund der Glockenturm.

Figurengruppe von Fritz Cremer für das Buchenwald-Denkmal. Im Hintergrund der Glockenturm.

Die AfD und das Maritim-Hotel – ein erster Überblick

Das idyllisch gelegene Maritim-Hotel am Stadtgarten Gelsenkirchen.

Das idyllisch gelegene Maritim-Hotel am Stadtgarten Gelsenkirchen.

Gegen die Veranstaltung der rechten „Alternative für Deutschland“ (AfD), die am 14. April 2016 zu einer Veranstaltung mit dem AfD-Spitzenkandidaten aus Baden-Württemberg, Jörg Meuthen, ins Hotel Maritim einlud, gab es vielfachen Protest in Gelsenkirchen.

Meine Einschätzung der AfD ist klar: Die neoliberale und euroskeptische Partei hat sich mit rassistischen und völkischen Äußerungen führender Mitglieder im rechtsextremen Spektrum verortet. Die Äußerungen der Parteivorsitzenden Petry, man solle an der Grenze auf Menschen schießen, zeigt, dass sie mit Tabubrüchen öffentliche Aufmerksamkeit erregen will. “Grenzen zu und Feuer frei” ist jedoch die falsche Lösung für die falschen Probleme!

Und: Der geleakte Programmentwurf offenbart eine Partei, die den Reichen weiterhin nützt und den Armen weiterhin schadet. Die sich selbst als “Alternative” bezeichnende AfD will die neoliberale Politik der etablierten Parteien fortsetzen und weiter verschärfen. Beispielsweise soll nach dem Programmentwurf die staatliche Arbeitslosenversicherung durch eine freiwillige Privatversicherung ersetzt werden. Kommt neben der Riester-Rente nun auch noch ein Petry-Arbeitslosengeld in einer Agenda 2033?

Aus den Reihen der Falken, der Jusos und der DGB-Jugend wurde zu einer bunten und lautstarken Protestveranstaltung „Trommeln gegen Rechts“ auf der Wiese im Stadtgarten direkt vor dem Maritim-Hotel aufgerufen. Die lokale WAZ berichtete darüber unter der Überschrift „Bündnis plant Proteste gegen Besuch von AfD-Sprecher Meuthen“ und unter „Friedliche Demo vor dem Maritim Hotel in Gelsenkirchen“.

"Trommeln gegen Rechts" am 14. April 2016 vor dem Maritim-Hotel in Gelsenkirchen

„Trommeln gegen Rechts“ am 14. April 2016 vor dem Maritim-Hotel in Gelsenkirchen

Neben zahlreichen telefonischen Beschwerden über die AfD-Veranstaltung wandte sich auch der Linke Bundestagsabgeordnete, Hubertus Zdebel an die Geschäftsführung des Hotels. Er wies die Geschäftsführung auf ihr eigenes Leitbild hin, welches im Gegensatz zu Politikvorstellungen der AfD stünde. Die Antwort auf diesen Brief konnten die Leser der lokalen WAZ unter der Überschrift „Linke-Abgeordneter bittet Maritim, den AfD-Abend abzublasen“ erfahren. Die Geschäftsführung des Hotels blieb bei ihrer Position. Gegen den Vorwurf, die AfD betreibe rassistische Hetze, „erwägt“ die AfD nun rechtliche Schritte. Auch dies nachzulesen unter der Überschrift „AfD prüft strafrechtliches Vorgehen gegen Bundespolitiker der Linken“. Nun, vielleicht wird diese Frage bald richterlich entschieden?

Auseinandersetzungen fanden auch im Internet statt. Bezeichnend sind in jedem Fall die Kommentare der offensichtlichen AfD-Anhänger unter den WAZ-Berichten. Auch auf der Facebook-Seite des Maritim-Hotels fanden im Bewertungsportal heftige Nicht-Diskussionen statt. Derzeit wird das Hotel mit 3,8 Sternen bewertet. Das ist kein guter Wert für ein anständiges Hotel.

„Trommeln gegen Rechts“

Trommeln gegen Rechts 14.04.2016 BildmontageMit Trommeln, Trillerpfeifen und weiteren Percussioninstrumenten brachten Falken, Jusos und DGB-Jugend ihren Protest gegen die AfD-Veranstaltung am heutigen Donnerstag im Hotel Maritim lautstark zum Ausdruck. So laut, dass man es im Stadtgarten und mit Sicherheit auch im Hotel gehört hat.

Zur Erinnerung an Theo Gaudig (1904-2003)

Selbstportrait Theo Gaudigs an der Drehbank, Januar 1928 als Titelbild der "Arbeiter Illustrierten Zeitung" (AIZ), hier für die Buchveröffentlichung 1997 wiederverwendet.

Selbstportrait Theo Gaudigs an der Drehbank, Januar 1928 als Titelbild der „Arbeiter Illustrierte Zeitung“ (AIZ), hier für die Buchveröffentlichung 1997 wiederverwendet.

Aus Anlass des 71. Jahrestages der Selbstbefreiung des Konzentrationslagers Buchenwald in Thüringen organisieren die DGB-Jugend Mülheim-Essen-Oberhausen und die VVN-BdA Essen am 16./17. April eine Fahrt nach Buchenwald und Weimar. Im Rahmen des Besuchsprogramms wird zum Gedenken an den antifaschistischen Widerstandskämpfer, KZ-Häftling und tausenden Essenern als Zeitzeuge bekannten Theo Gaudig in der Nähe der Gedenkstätte Buchenwald ein Baum gepflanzt.

Theo Gaudig, am 20. Mai 1904 in eine Essener Arbeiterfamilie hinein geboren, lernte nach einer Lehre als Dreher die Unsicherheiten eines Arbeiters in den 1920er Jahren am eigenen Leib kennen. Er erlebte Zeiten von Beschäftigung und Arbeitslosigkeit, engagierte sich gegen die französische Ruhrbesetzung, im Jugendverband der KPD sowie als Arbeiterfotograf. Mit einem Selbstportrait an der Drehbank schaffte er es auf die Titelseite der „Arbeiter Illustrierte Zeitung“ (AIZ).

1928 ging er nach Rumänien, um die dort verbotenen Kommunisten zu unterstützen und wurde zu 15 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Er überlebte ein Erdbeben, welches das rumänische Gefängnis zerstörte und wurde 1942 nach der Verbüßung der Strafe von den Nazis in das KZ Buchenwald gebracht. Nach der Befreiung des Lagers nach Essen zurückgekehrt, erfährt er, dass die Nazis seinen Vater Otto Gaudig noch am 13. April 1945 in der Wenzelnberg-Schlucht ermordet hatten. Endlich kann er – mit 15jähriger Verspätung – seine langjährige Freundin Maria Burger heiraten.

Anfang der 1970er Jahre lernt der Essener Historiker Ernst Schmidt („Lichter in der Finsternis“) Theo Gaudig kennen. Gaudig engagiert sich beim Aufbau eines Archivs der Essener Arbeiterbewegung und der Ausstellung „Widerstand und Verfolgung in Essen 1933-1945“ in der Alten Synagoge Essen sowie als Zeitzeuge, der Schülerinnen und Schüler seine erlebte Geschichte nahebringt und Tausende durch die Ausstellung führt. Noch 1998 erlebte ich ihn als hochbetagten Zeitzeuge in einem Seminar der Universität-Gesamthochschule Essen. Theo Gaudig starb nach einem langen Leben im Jahre 2003.

Foto aus der Ausstellung "Widerstand und Verfolgung in Essen 1933-1945" der 1980er Jahre in der Alten Synagoge Essen

Foto aus der inzwischen verschwundenen Ausstellung „Widerstand und Verfolgung in Essen 1933-1945“ der 1980er Jahre in der Alten Synagoge Essen (Quelle: Stadtbildstelle)

Zur Vorbereitung der Fahrt laden die DGB-Jugend und die VVN-BdA alle Interessierten zu einer gemeinsamen Informationsveranstaltung am 15. März 2016 um 17 Uhr in das Essener Gewerkschaftshaus in der Teichstr. 4 in 45127 Essen ein. Ein Film und eine Lesung vermitteln ein Bild Theo Gaudigs. Die DGB-Jugend legt großen Wert darauf, dass viele Jüngere an der Veranstaltung und der Fahrt teilnehmen. Jan Mrosek, DGB-Jugendbildungsreferent dazu: „Gerade in der heutigen Zeit, wo Fremdenfeindlichkeit und Rassismus wieder stärker werden, ist es umso wichtiger die Geschichte von früher zu erzählen und für junge Menschen greifbar zu machen. Wir müssen als Jugend sprachfähig sein, um heute gegen Hass und Ausgrenzung anzukämpfen.“ Wer Interesse hat mitzufahren, meldet sich bei der DGB-Jugend Essen unter der Telefonnummer 0201-632470.

Quelle der biografischen Angaben zu Theo Gaudig: Das 20. Jahrhundert der Gaudigs. Chronik einer Arbeiterfamilie im Ruhrgebiet. Nach Erzählungen von Theo Gaudig, Heinz Lippe, Irene Schischke und Ernst Schmidt zusammengestellt von Ludger Fittkau, Essen 1997.