Wo wir das Bleiben verteidigen (Karl Taefler)

Der Gelsenkirchener Schriftsteller und Lehrer Karl Taefler wurde am 31. Oktober 1932 in Gelsenkirchen geboren und starb ebenda am 21. März 2014 im Alter von fast 82 Jahren. Er machte 1956 Abitur und studierte anschließend Geschichte, Philosophie und Rechtswissenschaft. Danach wurde er Lehrer für Mathematik und Geschichte an der Gerhard-Hauptmann-Realschule in der Grenzstraße. Karl Taefler war Mitglied der VVN-BdA, der DKP und der GEW. Er beteiligte sich aktiv in der Friedensbewegung, im Werkkreis Literatur der Arbeitswelt und war Mitbegründer und langjähriger Vorsitzender der Gruppe Gelsenkirchener Autoren. Die vorliegenden Gedichte sind eine Auswahl aus seiner ersten Buchveröffentlichung „Wo wir das Bleiben verteidigen“, 1987 im Verlag Gelsendruck erschienen. Wie Ulrich Straeter schreibt, ist dieser Titel typisch für sein ganzes Leben.

Überlebenskünstler

Er spielt
die Querflöte
vor dem Kaufhaus

Groschen
fallen
in die Schale

Mehr erfuhren wir nicht

Er setzte sich im Einkaufszentrum
auf eine Bank
trank seine Bierflasche leer
warf sie in das Schaufenster
des Geschäftshauses
lachte und lachte
Menschen drängten sich um ihn
stießen gegeneinander

Liebe 1933

Herbe Oktoberluft
buntfarbiges Laub
schwarze und braune
Uniformen
stumme Gesichter umringen ihn
ein Messer
durchbohrt seine Niere

Friedchen
schreit er
Friedchen
denkt er
der Weg war richtig
den wir gegangen sind

Mein Vater

Mein Vater setzte rote Steine
zu Straßen zusammen
darauf knallten schwarze Stiefel
von Männern in Braunhemden

Meinen Vater steckten die
in den grauen Soldatenrock
stellten ihn drüben im fremden Land
hinter den grünen Wäldern
an die weiße Wand

Kriegsende

Ruinenstadt
kohlschwarze Balken
Mutter
spannt Wäscheleinen

Moos grünt auf Steinen
Löwenzahn
leuchtende Augen

Von unzerstörten
Straßenteilen
hallt der harte Schlag
der Krücken

Hunger
tastet sich wie Schnüffler
von Keller zu Keller

Nachts legen wir
einen Scheit Hoffnung
ins Feuerloch

[ohne Titel]

Wir sitzen alle im gleichen Boot
sagten sie uns
Stimmt
Wir rudern, sie steuern
Jetzt
mit dem Außenbordmotor
werden ihre Unternehmungen
profitabler
Sie werfen uns, den unnötigen Ballast
lächelnd über Bord

Arbeitslos

Von der Brücke
springt sie mit wehenden Kleidern
in den Mond

Leise
zieht er eine Wolke vors Gesicht
bis das Wasser
zur Ruhe kommt

Wo wir das Bleiben verteidigen

Wir genießen den Bohnenkaffee
wie nie in den Jahren zuvor
ein starker langer Genuß
Morgen für Morgen
in den Cafes der Stadt
wo wir sitzen und warten
wo wir das Bleiben verteidigen

Viele Versprechungen
nichts geschieht in der sterbenden Stadt
Fragen fallen auf uns zurück
Abends versickern wir auf Seitenwegen der City
wo wir das Bleiben verteidigen

Und wenn die üblichen Reste der Worte
abgekratzt sind, nur noch nacktes Leben da ist
werden viele von uns sich zunehmend
füllen wie Müllsäcke mit vergilbten Blättern
der besten Jahre, Wacholderflaschen leeren

Der Regen der kranken Kaffeehausstadt
die sich auf dem Sterbebett eine U-Bahn baut
spült letzte Träume aus den Augenwinkeln
Und wir hocken vor den Schranken der Geschichte
wo wir das Bleiben verteidigen

Blanche

Sie reißen ihnen
Stiefel von den Füßen
bevor sie devot ihren Tod melden

Menschen
liegen auf den Straßen von Paris
röcheln
verstummen

Vermummte Gesichter
Kälte Schnee und Januar
siebzehnhundertneunundachtzig
Flugschriften schweben
der dritte Stand steht auf

Dort streiten sie um griffige Worte
hier marschieren sie zur Bastille
dann erstürmen sie das Schloß
Blanche mit schmächtigen Armen
schleppt Pulver und Steine
baut Barrikaden

Keuchend
in eisiger Luft
zieht sie an dem Königskarren
bis er vor dem Fallbeil
zum Stehen kommt

Die Nacht gleitet in den Tag
ich stelle das Buch zurück ins Regal
schwer mache ich mich frei
dusche mit kaltem Wasser

Im Bus sitzt Blanche
mir gegenüber und lächelt
übermüdet fahren wir beide zur Morgenschicht

Abenddämmerung

Wir kennen die Frist nicht
die uns noch bleibt

Gut, knipsen wir das Licht
in den Stuben an
Vielleicht hilft der Schein
den Nachbarn zu finden

Auf der Suche

Auf der Suche nach morgen
überqueren wir Flüsse
biegen sich Brücken
unter der Last
die wir tragen

Auf der Suche nach morgen
dehnt sich der Himmel
gehorchen die Füße uns nicht
werfen wir Ballast ab
behalten wir Träume
die uns gemeinsam sind

Wir geben nicht auf

Wir werden
das Boot
selbst bauen

werden
mit kräftigen Schlägen
in den Tag rudern

Aus: Karl Taefler: Wo wir das Bleiben verteidigen. Gedichte, Gelsenkirchen 1987.

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