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Erinnern für Gegenwart und Zukunft – Kein Vergeben, kein Vergessen!

Am Sonntag, 27. Januar 2019 jährt sich die Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz zum 74. Mal. In vielen Ländern der Erde wird am 27. Januar an den Massenmord der Nazis erinnert. Er wird bereits seit 1959 in Israel als Gedenktag begangen, in Deutschland ist er seit 1996 Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, die Vereinten Nationen erklärten ihn 2005 zum „Internationalen Holocaust-Gedenktag“. Der Gedenktag erinnert am Jahrestag der Befreiung von Auschwitz an alle durch die Nazis verfolgten und ermordeten Menschen. Doch wer des 27. Januar 1945 gedenkt, muss auch den 30. Januar 1933 mitdenken. Wer die Geschichte nicht wiederholen will, darf nicht nur die Opfer sehen, sondern auch die Täter. Wer die Geschichte nicht wiederholen will, muss wissen, wohin Rassismus und Rechtsextremismus führen. In Gelsenkirchen führt das „Aktionsbündnis 16.09.“ unter dem Motto „Kein Vergeben. Kein Vergessen“ von 12 bis 17 Uhr einen Aktionstag mit vielfältigen Informations- und Aktionsangeboten durch. Zusätzliche Veranstaltungen finden an weiteren Tagen statt.

Der Name des Aktionsbündnisses leitet sich von der ersten gemeinsamen großen Demonstration gegen eine rechte Kundgebung am 16.09.2018 ab. Es verfolgt das Ziel, rechtsextreme und rassistische Aktivitäten in Gelsenkirchen aktiv und offensiv entgegenzutreten und deren Einfluss durch langfristige Aufklärungsarbeit schrittweise zurückzudrängen. Im Bündnis arbeiten Einzelpersonen und verschiedene Gelsenkirchener Initiativen und Organisationen mit.

Das Programm

Von 12.00 bis 16.00 Uhr zeigen Bündnis 90/Die Grünen im Grünen Zentrum an der Ebertstraße 28 die Ausstellung der VVN-BdA „Keine Alternative“ über die rechtsextreme Vernetzung der AfD. Von 13.00 bis 16.30 Uhr bietet das „Subversiv“ an der Bochumer Straße 138 einen Infotresen mit Informationen und Büchern zur lokalen Geschichte. Zugleich können sich die Teilnehmer/-innen der nachfolgenden Aktivitäten an beiden Standorten mit warmen Getränken aufwärmen. SJD Die Falken nehmen Interessierte von 13.00 bis 15.00 Uhr auf einen Antifaschistischen Stadtrundgang mit, auf dem die oft dramatische Vergangenheit vieler Orte der Innenstadt neu entdeckt werden kann. Die VVN-BdA lässt mit Stolperstein-Geschichten die Schicksale zweier polnisch-jüdische Familien Gelsenkirchens lebendig werden (13.30 Uhr Von-der-Recke-Straße 10, 14.30 Uhr Hildegardstraße 21). Antifaschistische Stadtreinigungen finden an drei Orten in Gelsenkirchen statt. Die Schalker Fan-Initiative reinigt ab 12.00 Uhr in Gelsenkirchen-Schalke Stolpersteine (Treffpunkt Grillostraße 57), während Die Linke Alt- und Neustadt ab 15.00 Uhr von rechten Aufklebern und Schmierereien reinigen wird (Treffpunkt Südausgang Hauptbahnhof). Unabhängig vom Bündnis reinigt die Arbeitsgruppe Stolpersteine des Gelsenzentrum e.V. in Gelsenkirchen-Horst Stolpersteine.

Der Tag klingt um 17.00 Uhr mit einer Gedenkfeier mit Konzert in der Neuen Synagoge, Georgstraße 2 aus. Die Jüdische Gemeinde erinnert daran, dass das Datum 27.1. auch für die Erinnerung an die Deportation der Gelsenkirchener Juden am 27. Januar 1942 nach Riga steht.

Weitere Veranstaltungen

In der Neuen Synagoge besteht seit dem 09.01.2019 die Gelegenheit, die Ausstellung „Du Jude. Alltäglicher Antisemitismus in Deutschland“ zu besuchen. Die Öffnungszeiten der Jüdischen Gemeinde sind Montag und Mittwoch von 9.00 – 17.00 Uhr sowie Dienstag und Donnerstag von 12.00 – 17.00 Uhr. Gruppen werden gebeten, sich zuvor anzumelden.

Die Gelsenkirchener VVN-BdA zeigt mit der Unterstützung der Kooperationspartner beginnend mit dem Neujahrsempfang von Bündnis 90/Die Grünen am 26.01. bis zum 08.02.2019 ihre Ausstellung „Keine Alternative“ nacheinander bei Bündnis 90/Die Grünen, bei SJD Die Falken, im DGB-Haus der Jugend und im Werner-Goldschmidt-Salon der Partei Die Linke.

Die Schalker Fan-Initiative lädt am Dienstag den 29. Januar um 19.00 Uhr im „Subversiv“, Bochumer Straße 138 in Gelsenkirchen-Ückendorf alle Interessierten zu einer Vortragsveranstaltung mit Prof. Dr. Stefan Goch zum Thema Ausgrenzung, Diskriminierung und Ermordung der Gelsenkirchener Sinti und Roma im Nationalsozialismus ein.

Das Institut für Stadtgeschichte (ISG) lädt am 30. Januar 2019 zu einem Vortrag „Frauen in Ravensbrück“ ein.

Zu Auschwitz

Der Lagerkomplex Auschwitz bestand aus drei Lagern, dem Stammlager Auschwitz I, dem Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, und dem Industriekomplex Auschwitz-Monowitz. Es handelte sich um den größten Lagerkomplex und bei Auschwitz-Birkenau um das größte Vernichtungslager der Nazis. Von den rund 6 Millionen ermordeten jüdischen Menschen wurden über 1 Million Menschen in Birkenau umgebracht. Die meisten von ihnen wurden direkt nach der Ankunft in Zügen „an der Rampe von Auschwitz“ für den Erstickungstod in den Gaskammern ausgewählt, weitere wurden von der SS durch Krankheit, Unterernährung, willkürliche Misshandlung, in sinnlosen medizinischen Experimenten oder wenig später nach restloser Ausbeutung ihrer Arbeitskraft durch Gas ermordet. Die durchschnittliche Lebensdauer der Häftlinge in Auschwitz betrug drei Monate. Der Name „Auschwitz“ wurde zum Symbol für die industrielle Menschenvernichtung der Nazis. Die Aufschrift „Arbeit macht frei“ über dem Eingangstor des KZ markiert dabei die zynische Menschenverachtung der SS. Als Einheiten der Roten Armee am 27. Januar 1945 das Lager befreien, fanden sie nur mehr 7500 gerade noch lebende Häftlinge vor, die zu schwach für eine Evakuierung gewesen waren. Wer das Morden zuvor überlebt hatte, war in andere Lager „evakuiert“ worden. Durch die Sprengung der Gaskammern hatten die Nazis versucht, die Spuren ihrer Taten zu verwischen. Doch vergeblich, Teile des Lagerkomplexes sind heute als staatliches polnisches Museum und Gedenkstätte öffentlich zugänglich.

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„Auschwitz als Steinbruch“ als Steinbruch

auschwitz-als-steinbruch-von-thomas-willmsFür jemanden, der sich bislang mehr mit der pädagogischen Arbeit in Gedenkstätten an die Nazi-Verbrechen beschäftigt hat, bringt Thomas Willms in seiner Veröffentlichung „Auschwitz als Steinbruch“ eine interessante Sichtweise ein. In der Einleitung „Geschichtsbilder auf dem Markt“ weist er darauf hin, dass „das Geschichtsbild nicht vom Staat bestimmt, sondern auf dem Markt erhandelt“ wird. Die Waren und Dienstleistungen, die auf diesem „Nazi- und Weltkriegsmarkt“ umgesetzt werden, seien allerdings nicht ideologiefrei, sondern aufgeladen mit Versatzstücken, Anschauungen, Interpretationen und Anspielungen.

Das 135 Seiten starke Bändchen versammelt „ohne Anspruch auf Vollständigkeit“ Texte zu verschiedenen Aspekten einer Entwicklung, in der „nachempfundene, nachgespielte, erfundene, interpretierte und entkontextualisierte Texte, Bücher, Bilder und Filmclips in Konkurrenz zu wissenschaftlichen, pädagogischen und politischen Darstellungen treten.“ Dies tut der Autor, nach einer Überblicksdarstellung zur Erinnerungskultur, mit länderspezifischen Schwerpunkten. Es folgen Kapitel, die ein breites Themenfeld mit vielen interessanten Einzelaspekten aus Italien, Deutschland, Frankreich, Polen, Großbritannien und den USA umfassen. Sie reichen von der Entstehung der faschistischen Bewegung im Ersten Weltkrieg in Italien bis zur US-amerikanischen „Terminator“-Filmreihe.

Doch so lesenswert jeder einzelne der Beiträge (auch unabhängig von den anderen Beiträgen) ist, lässt Thomas Willms den geneigten Leser am Ende ratlos mit einem Steinbruch an Artikeln zurück. Obwohl er einleitend schreibt, dass die Texte des Bandes den Leserinnen und Lesern pessimistisch vorkommen könnten, aber nicht so gemeint seien, bleibt genau dieser Eindruck am Ende übrig. Nachdem ich das Buch von vorne bis hinten gelesen habe, fehlt mir am Ende des Bandes ein Kapitel, das zusammenfasst und ermutigend in die Zukunft weist. Bestimmt lässt sich dieses Manko in einer 2. Auflage mit Beispielen aus kulturellen und medialen Aktivitäten der VVN-BdA beheben.

Willms, Thomas: Auschwitz als Steinbruch. Was von den NS-Verbrechen bleibt, Köln : PapyRossa Verlag 2016 (Neue Kleine Bibliothek 236)

Zum 70. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz durch die Rote Armee

Bild 175-04413 AuschwitzWer die Vergangenheit nicht kennt,

ist gezwungen, sie zu wiederholen! Dieser Satz des amerikanischen Philosophen George Santayana (1905), kann ein Schlüssel sein, um sich bedeutenden Gedenktagen zu nähern. So auch dem 27. Januar 2015, dem siebzigsten Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz durch die Rote Armee.

Auf Initiative des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog wird er seit 1996 offiziell als deutscher Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus gefeiert. Die VVN-BdA fordert aber auch, dass dieser 27. Januar kein Feiertag im üblichen Sinn sein darf, vielmehr ein „Nach-Denk-Tag“ im Gedenken an die Vergangenheit, um diese nicht wiederholen zu müssen.

Seit jeher steht Auschwitz als Symbol für die Vernichtung von Menschenleben, Ausdruck unvergleichlicher Barbarei im deutschen Faschismus. Eineinhalb Millionen Menschen – darunter fast 1,3 Millionen Juden, Roma und Sinti, sowjetische Kriegsgefangene und antifaschistische Widerstandskämpfer wurden hier ermordet. Als die Rote Armee Auschwitz befreite, fand sie nur mehr 7500 überlebende Häftlinge vor.

Doch wer des 27. Januar 1945 gedenkt, muss auch den 30. Januar 1933 mitdenken. Wer die Geschichte nicht wiederholen will, darf nicht nur der Opfer sehen, sondern auch die Täter. Wer waren die Schuldigen, was waren die Ursachen des Faschismus in Deutschland und an der Entfesselung des Krieges.

Dies ist weniger ein geschichtliches Problem, denn ein politisches. Gerade heute sehen wir uns verstärkt in einer Situation, in der Deutschland zum Beispiel eine Regierung in der Ukraine unterstützt, die offen auf die Zusammenarbeit mit faschistischen Kräften setzt, die offiziell die Befreiung Deutschlands vom Faschismus durch die Rote Armee als feindlichen Einmarsch darstellen,  wo wir scheinbar keine Lehren aus den beiden Weltkriegen gezogen haben, sondern uns aktiv an einer Kriegsrhetorik gegen Russland beteiligen und ökonomische Maßnahmen durchsetzen, die zur Instabilität Europas beitragen, wo sich im eigenen Land die sozialen Fragen so zuspitzen, dass eine Vielzahl von Bürgern willig den rassistischen und menschenfeindlichen Parolen einer PEGIDA zustimmen., wo es täglich neue Opfer rechter Gewalt gibt.

Die VVN-BdA begreift den 27. Januar als Herausforderung an uns alle für ein politisches Handeln in der Auseinandersetzung mit einem erstarkten Neofaschismus und gegen die aktuelle Gefährdung des friedlichen Miteinanders der Völker.

Daher verpflichtet uns die Geschichte, heute gegen Rassismus, Nationalismus, Antisemitismus und Krieg zu kämpfen und für demokratische Rechte einzutreten.

Dies ist eine Pressemitteilung der  Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten, VVN-BdA Hamm. Dem Text ist weder in Gelsenkirchen noch anderswo etwas hinzuzufügen.

Französischer Widerstand und der Weg nach Auschwitz

briefe_aus_der_deportation_filmIn diesem Jahr jährt sich zum hundertsten Male der Beginn des Ersten Weltkrieges 1914. Angesichts der zu erwartenden medialen „Stahlgewitter“ sollte der Zweite Weltkrieg und damit das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte nicht in Vergessenheit geraten. Der Verein Gelsenzentrum e.V. zeigt aus diesem Grund im Kulturraum „die flora“ den Dokumentarfilm „Briefe aus der Deportation“ (2012) von Pierre Dietz, um die Erinnerung an die millionenfache Verfolgung und Ermordung von Menschen wach zu halten und ihrer zu gedenken.

Unter den Verfolgten waren auch viele, die wegen ihrer politischen Überzeugungen und Werte den Weg in die Lager gingen, viele sind nie wieder zurückgekehrt. Der Film zeichnet den Weg des französischen Arbeiters William Letourneur nach, der 1943 von einem Nachbar denunziert, von der Gestapo in Maromme, einem Vorort von Rouen, verhaftet und über Compiègne nach Buchenwald deportiert wurde. Weitere Stationen waren Konzentrationslager in Lublin und Auschwitz. Während dieser Zeit hielt er über heimliche und offizielle Briefe Kontakt zu seiner Frau, die ihm alles schickte, was sie entbehren konnte. In Auschwitz wurde er stumm. Nur Krankenblätter sind Zeugnisse aus dieser Zeit.

Es handelt sich um einen sehr persönlichen Film über ein Schicksal im von Nazi-Deutschland besetzten Europa. „Briefe aus der Deportation“ zeigt die Situation der politischen Häftlinge in den Konzentrationslagern der Nazis, die durch Arbeit vernichtet wurden. Die Musik komponierte Mimi Poulakis. In den Sprechrollen sind Walter Renneisen, Joachim Pütz, Michael Best und Sissi Hajtmanek (in der Reihenfolge ihres Auftretens). Briefe aus der Deportation ist auch als Buch erschienen.

Der 60-minütige Film wird am Donnerstag, dem 20. Februar 2014 gleich zweimal in der „flora“ (Florastraße 26,  45879 Gelsenkirchen) gezeigt. Eine Schulvorstellung findet um 10.00 Uhr statt, die Abendvorstellung um 19.30 Uhr. Kooperationspartner ist die Gelsenkirchener Kreisvereinigung der VVN-BdA (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten). Der Eintritt ist frei. Anmeldungen für die Schulvorstellung werden vom Veranstalter unter (0209) 999 46 76 entgegengenommen.

Foto: © Contrabasta Filmstudio/Pierre Dietz

„Tod auf Raten“ im Kulturraum „die flora“

Kulturraum die flora zeigt Fritz Bauer Tod auf Raten (klein)Ich hatte nicht mit großer Resonanz auf den Film- und Diskussionsabend zum Film „Fritz Bauer – Tod auf Raten“ in der „flora“ gerechnet, umso überraschter war ich, als neben den üblichen Verdächtigen auch eine ganze Schulklasse der Abendrealschule auftauchte. Der Film dokumentiert Fritz Bauers Leben und verwendet dazu vorhandenes Filmmaterial unter anderem des Hessischen Rundfunks. Für die MTV-Generation war es sicherlich ein Kulturschock, gleich zu Beginn einen älteren Mann mit dicker Hornbrille reden zu hören – und das auf Filmmaterial in schwarzweiß zu sehen.

„Tod auf Raten“ beleuchtet soweit das filmisch möglich ist, das Leben von Fritz Bauer und thematisiert womit er bekannt geworden ist: Den Frankfurter Auschwitz-Prozess 1963 bis 1965, den er als Generalstaatsanwalt gegen die SS-Angehörigen des Konzentrations- und Vernichtungslagers initiierte. Weniger bekannt war, dass er ganz entscheidend 1952 in einem Prozess zur Rehabilitierung der Hitler-Attentäter des 20. Juli 1944 beigetragen hatte. Gänzlich unbekannt war wohl lange Zeit, dass er 1960 dem israelischen Geheimdienst den Tipp über den Aufenthaltsort Adolf Eichmanns in Südamerika gegeben hatte. Die Frage, warum er nicht den Weg eines Auslieferungsantrages gegangen war, um Eichmann vor ein deutsches Gericht zu stellen, wurde im Film auch angeschnitten und beantwortet. Aufgrund der Nazi-Seilschaften in der alten Bundesrepublik befürchtete er, dass Eichmann rechtzeitig gewarnt werden und untertauchen würde. So kam es, dass Eichmann in Jerusalem vor ein israelisches Gericht gestellt und verurteilt worden ist. Bauer selbst wird das Zitat zugeschrieben, wenn er seine Amtsräume verließe, würde er feindliches Ausland betreten.

Fritz Bauer, 1903 in Stuttgart als Kind einer jüdischen Familie geboren, studierte Rechtswissenschaft und trat 1920 in die SPD ein. Nach der „Machtergreifung“ der Nazis 1933 musste er sein Amt als Richter niederlegen und wurde einige Monate im KZ inhaftiert. Er emigrierte 1936 nach Dänemark und floh vor der Mordmaschine der Nazis weiter nach Schweden. Nach der Befreiung Deutschlands durch die Alliierten kehrte er 1949 wieder zurück, wurde Generalstaatsanwalt in Braunschweig und später Hessischer Generalstaatsanwalt in Frankfurt/Main.

Bauer war Mitbegründer der Bürgerrechtsorganisation „Humanistische Union“ und setzte sich für Strafrechts- und Strafvollzugsreformen ein. Auf seine Initiative hin wurde am Landgericht Frankfurt am Main der Artikel 1 des Grundgesetzes „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ angebracht. In seinen großen Prozessen ging es ihm um eine gesellschaftliche Verantwortung der Justiz und dem Wiederaufbau eines demokratischen Staatswesens und zu diesem Zweck um die konsequente Verfolgung nationalsozialistischen Unrechts.

1965 eröffnete er die Voruntersuchung für einen Prozess gegen Täter der „Euthanasie“-Morde. In der Nacht vom 30. Juni auf den 1. Juli 1968 starb Fritz Bauer in seiner Wohnung in Frankfurt am Main unter nicht geklärten Umständen. Er wurde tot in der Badewanne aufgefunden. Der geplante Prozess gegen Täter der „Euthanasie“-Morde wurde nie geführt. Bis heute bleibt sein Name mit dem Frankfurter Auschwitz-Prozess und dessen Wirkung verbunden, die eine öffentliche Beschäftigung mit dem Holocaust ab Mitte der 1960er Jahren vorantrieb.

Doppeltes Gedenken

Eine schöne Gedenkveranstaltung hat das streitbare Ehepaar Heike und Andreas Jordan zum diesjährigen Internationalen Holocaust-Gedenktag am 27. Januar 2012 organisiert. Etwa 50 Personen folgten der Einladung des Gelsenzentrums und beteiligten sich ab 18.30 Uhr am Schweigemarsch vom Bahnhofsvorplatz zum Neumarkt sowie an der dortigen Gedenkveranstaltung.

Anlass für den Gedenktag ist in Gelsenkirchen ein Doppelter. Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee die letzten Überlebenden des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. Aus diesem Anlass wird inzwischen jedes Jahr in vielen Ländern der Erde an den industriellen Massenmord der Nazis erinnert. Zugleich wird hier in Gelsenkirchen an die erste Deportation jüdischer Männer, Frauen und Kinder am 27. Januar 1942 aus Gelsenkirchen in das Ghetto Riga erinnert, welches sich in diesem Jahr zum 70. Mal jährt.

Unter den Teilnehmenden fanden sich Mitglieder der verschiedenen linken Parteien in Gelsenkirchen (Die Linke, DKP, MLPD), Mitglieder der VVN und ein Mitglied von Bündnis 90/Die Grünen. Die Gelsenkirchener Stadtspitze wie auch Vertreter der etablierten Parteien und der Demokratischen Initiative glänzten durch ihre Abwesenheit.

Auf dem Neumarkt erinnerten in ihren Reden Roman Franz vom Landesverband der Sinti und Roma NRW, Dr. Michael Krenzer von den Zeugen Jehovas und Marianne Konze für die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes an die Geschehnisse. Zwischen den Redebeiträgen wurde die Veranstaltung mit Tonkonserven von Bettina Wegner aufgelockert. Weiter sprachen unter anderem Toni Lenz für die MLPD und Bärbel Beuermann für die Die Linke. Beide warnten angesichts der aktuellen Erfahrungen mit NPD-Aufmärschen, Nazi-Überfällen, -Anschlägen und der Zwickauer Terrorzelle vor einem weiteren Erstarken der Neonazis. Andreas Jordan schloss die Veranstaltung mit seinem Wortbeitrag über die Deportation der Gelsenkirchener Juden 1942 nach Riga.

Kalt war es, als wir uns kurz vor 20 Uhr trennten.

„… bei Aushebungen in Warschau …“

Morgen vor 70 Jahren, am 20. Januar 1942, fand in Berlin die Wannseekonferenz statt, auf der hochrangige Nazis die „Endlösung der europäischen Judenfrage“ besprachen. Das Protokoll führte Adolf Eichmann. Hinter der oberflächlich verklausulierten Sprache der Nazis, in der es um „Arbeitseinsatz im Osten“ und „Sonderbehandlung“ geht, kann man unschwer die tatsächlichen Absichten erkennen. Es ging den Nazis um organisatorische Absprachen zur Durchführung eines europaweiten Massenmordes.

Eberhard Jäckel hatte das anlässlich der Debatte um das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin wie folgt treffend zusammengefasst: „Es war neuartig und insofern, als es geschah, einzigartig, daß noch nie zuvor ein Staat beschlossen hatte, eine Gruppe von Menschen, die er als Juden kennzeichnete, einschließlich der Alten, der Frauen, der Kinder und Säuglinge ohne jegliche Prüfung des einzelnen Falles möglichst restlos zu töten, und diesen Beschluß mit staatlichen Maßnahmen und Machtmitteln in die Tat umsetzte, indem er die Angehörigen dieser Gruppe nicht nur tötete, wo immer er sie ergreifen konnte, sondern in vielen Fällen, zumeist über große Entfernungen und überwiegend aus anderen Ländern, in eigens zum Zweck der Tötung geschaffene Einrichtungen verbrachte.“

Aus Gelsenkirchen nahm übrigens der Gauleiter Westfalen-Nord, Alfred Meyer, in seiner Eigenschaft als Staatssekretär im Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete an der Wannseekonferenz teil.

Aus Anlass dieses Datums und als Beginn der „Woche der Erinnerung“ zeigte Gelsenzentrum e.V. heute in der flora den Film „Nacht und Nebel“, eine Produktion des französischen Regisseurs Alain Resnais aus dem Jahre 1955. Der halbstündige Dokumentarfilm zeigt Schwarzweiß-Aufnahmen aus der Nazizeit kombiniert mit Farbaufnahmen, die von den Alliierten nach der Befreiung der Konzentrationslager gemacht wurden. Das grün überwucherte Lagergelände und gesprengte Gaskammern der Gegenwart der 1955er Jahre werden als Kontrast für die Aufnahmen verfolgter, deportierter, erniedrigter und ermordeter Menschen gezeigt. Gleichzeitig zeigt der Film, wie Hartmut Hering in seiner Einleitung darstellte, dass ein Konzentrationslager nichts Unvorstellbares ist, sondern von Menschen gemacht wurde. Im Film heißt es dazu sinngemäß, auch ein KZ benötigt Architekten, Baupläne, Kostenvoranschläge. Nicht zuletzt wirkt „Nacht und Nebel“ durch die Musikbegleitung Hanns Eislers und durch den Text von Paul Celan auf eine Weise, die ich nur schwer in Worte oder Gefühle ausdrücken kann.

Ein Beispiel dazu:
Wer den Film sieht, sieht ihn mit eigenen Augen, vor dem Hintergrund eigenen Wissens und bereits gesehener Bilder und Filme. Tief getroffen hat mich eine Szene, in der über ein Foto die Textzeile „… bei Aushebungen in Warschau …“ gesprochen wurde. Hier wurden mit einer Reihe von Fotodokumenten gezeigt, wie Nazis und Kollaborateure in besetzten Ländern Juden zur Deportation zusammen trieben. Das Foto zur Textzeile „… bei Aushebungen in Warschau …“ dagegen zeigt einen Ausschnitt des weltberühmten Fotos des jüdischen Jungen, der sich ergibt. Das komplette Foto zeigt die letzten Überlebenden des Aufstands des Warschauer Ghettos 1943, wie sie sich ihren SS-Peinigern ergaben. Hier muss man wissen, dass die Juden des Warschauer Ghettos, als sie den Aufstand wagten, wussten, was ihnen (auch sonst) bevorstand. Sie kämpften nicht um ihr Leben, sie kämpften um ihre Würde. Die Nazis konnten diesen Aufstand nur niederschlagen, indem sie Haus für Haus eroberten, ausräucherten, sprengten und niederbrannten. Am Ende konnte SS-General Stroop seinen Vorgesetzten melden, dass der „jüdische Wohnbezirk“ in Warschau nicht mehr existierte, ausgelöscht war. Mit diesem Wissen das Foto zu sehen und die Textzeile „… bei Aushebungen in Warschau …“ zu hören machte mich sprachlos, macht es mir unmöglich angemessene Gefühle zu äußern. Zeigt in diesem kleinen Detail das Ziel der Aushebung gleich mit: Auslöschung!

Die Filmvorführung war gut besucht, neben den zu erwartenden Besuchern hatte eine Geschichtslehrerin eines Gymnasiums ihre Klasse mitgebracht. Nach dem einleitenden Referat von Hartmut Hering und dem Film selbst folgte eine Diskussion über Einsatzmöglichkeiten und Wirkung des Films wie aktuelle Fragen, die der Film prophetisch vorwegnimmt, bevor die Veranstaltung nach zwei Stunden ihr Ende fand.

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Woche der Erinnerung“ von Gelsenzentrum folgen noch zwei weitere Veranstaltungen, auf die ich hinweisen will.

Am Donnerstag, dem 26. Januar 2012 findet wieder um 19 Uhr in der flora die Vorführung eines Videomitschnitts statt. Rolf Abrahamsohn, 86jähriger jüdischer Überlebender, berichtet über seine Deportation aus Gelsenkirchen und seinen Leidensweg durch verschiedene Konzentrationslager.

Am Freitag, dem 27. Januar 2012 findet ab 18.30 Uhr auf dem Bahnhofsvorplatz die Gedenkveranstaltung „Gelsenkirchener Lichter“ anlässlich des Holocaust-Gedenktages statt. Das Datum markiert zugleich die erste Deportation Gelsenkirchener Juden.

Ferner findet am 31. Januar 2012, einen Tag nach dem Jahrestag der sogenannten „Machtergreifung“ der Nazis 1933, in der Volkshochschule Essen um 19 Uhr eine Veranstaltung mit Beate Klarsfeld statt, die mir noch durch die Ohrfeige für den damaligen Bundeskanzler Kiesinger (CDU, vormals NSDAP) bekannt ist und die über den FDP-Politiker Ernst Achenbach (vormals NSDAP und SS) referiert, der sein in den Reihen der Freien Demokraten offenbar wenig bekanntes Vorleben der Nazizeit beschwieg und innerhalb der nordrhein-westfälischen FDP Anfang der 1950er Jahren eine „nationale Sammlung“ alter Nazis anstrebte.