Archiv der Kategorie: Stolpersteine

Stolperstein zum Gedenken an Rosalia Elise Galliner

Stolpersteine für das Ehepaar Dr. Siegfried Galliner und Rosalia Elise Galliner, geborene Stern, in der Munckelstraße 5 in Gelsenkirchen, auf der Straßenseite gegenüber dem Hans-Sachs-Haus.

Stolpersteine für das Ehepaar Dr. Siegfried Galliner und Rosalia Elise Galliner, geborene Stern, in der Munckelstraße 5 in Gelsenkirchen, auf der Straßenseite gegenüber dem Hans-Sachs-Haus.

Wortbeitrag von Knut Maßmann anlässlich der Stolpersteinverlegung.

Rosalia Elise Stern, genannt Rose, wurde am 29. Juli 1884 in Königshütte in Oberschlesien geboren. Sie heiratete den Rabbiner Dr. Siegfried Galliner am 28. Dezember 1914 in Königshütte. Das kinderlos gebliebene Ehepaar lebte in Gelsenkirchen.

Die Ausgrenzung und Verfolgung der Juden dürfte Rosalia Elise Galliner am eigenen Leib miterlebt haben. Zur Ausgrenzungspolitik der Nazis gehörte auch die Verschlechterung der medizinischen Versorgung der jüdischen Bevölkerung. Seit 1938 durften überhaupt nur noch wenige jüdische Ärzte ausschließlich jüdische Patienten behandeln. Jüdische Patienten wurden in kein nichtjüdisches Krankenhaus aufgenommen. Viele Apotheken gaben keine Medikamente an jüdische Kranke ab.

Die an Krebs erkrankte Rosalia Elise Galliner wurde daher nicht in Gelsenkirchen, sondern im Jüdischen Krankenhaus in Köln-Ehrenfeld, Ottostraße 85 aufgenommen. Dort starb sie am späten Abend des 20. Dezember 1938 an den Folgen ihrer Erkrankung.

Die schlechte medizinische Versorgung im Zuge der nazistischen Rassenpolitik hat sicherlich zu diesem frühen Tod beigetragen.

Rosalia Elise Galliner wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Köln-Bocklemünd beigesetzt. Auf dem Grabstein heißt es unter anderem in hebräisch: „… sie suchte ihr Leben lang mit ganzem Herzen für ihren Ehemann das Gute; in angenehmer Weise überwachte sie ihren Haushalt; erwies Gutes und Liebe ihr Leben lang; sittsam in jeder Hinsicht; ehrlich und bescheiden in allen ihren Handlungen; reines Herzens, gestorben in ihrem besten Alter … Möge ihre Seele gebündelt sein im Bündel des ewigen Lebens.“

Gunter Demnig verlegt zum neunten Mal Stolpersteine in Gelsenkirchen

Ein Blick in den Wagen von Gunter Demnig mit den für die Verlegungen vorbereiteten Stolpersteine. Im Vordergrund der Stein für Rosalia Elise Galliner.

Ein Blick in den Wagen von Gunter Demnig mit den für die Verlegungen vorbereiteten Stolpersteine. Im Vordergrund der Stein für Rosalia Elise Galliner.

Bereits zum neunten Mal seit 2009 kam der Aktionskünstler Gunter Demnig auf Einladung von Gelsenzentrum e.V. nach Gelsenkirchen. Den 139 bereits verlegten Stolpersteinen fügte er heute am 6. Oktober 2016 weitere 22 hinzu. Das größte, dezentrale Denkmal der Welt des Kölner Aktionskünstlers und Bildhauers wächst weiter. Weit über 50.000 Stolpersteine hat er in Deutschland und 18 weiteren europäischen Länder seit 1992 zur Erinnerung an die von Nazis verfolgten und ermordeten Menschen verlegt.

Die Stolpersteine erinnern symbolisch am letzten frei gewählten Wohnort an Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen von den Nazis verfolgt, entrechtet, vertrieben, deportiert oder ermordet worden sind. Sie erinnern ohne Unterschied an Juden, politisch Verfolgte, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Sinti und Roma, Behinderte. Man “stolpert” nicht im wörtlichen Sinn über die in das Straßenpflaster eingelassenen Gedenksteine. Wer auf sie beim Gehen aufmerksam wird, muss anhalten und sich vor dem Stein verbeugen, um Namen, Lebensdaten und Verfolgungsgrund zu lesen.

Die Verlegungen des heutigen Tages (Übersicht im Gelsenblog und Ankündigung in der Buerschen WAZ) begannen mit einer deutlichen Verspätung, da Demnig auf seinem Weg von Köln nach Gelsenkirchen in einen Stau geraten war. Doch während wir mit mehreren Interessierten am Verlegort in der Markenstraße mehr als eine halbe Stunde auf den Künstler warten mussten, hatten wir Zeit, uns die Erinnerungen einer Zeitzeugin an die Geschehnisse der Vergangenheit anzuhören. Die Verlegung selbst nahm Demnig nach seinem Eintreffen routiniert vor, während die jeweiligen Stolperstein-Paten aus der Lebensgeschichte der betroffenen Personen berichteten.

Gunter Demnig vor dem Haupteingang des Grillo-Gymnasiums in der Hauptstraße 60.

Gunter Demnig vor dem Haupteingang des Grillo-Gymnasiums in der Hauptstraße 60.

Das größte und zugleich jüngste Publikum hatte der Bildhauer vor dem Grillo-Gymnasium. Hier setzte er umringt von zahlreichen Schülerinnen und Schülern die ersten sechs Stolpersteine für jüdische Schüler, die das damalige Städtische Realgymnasium für Jungen verlassen mussten, in das Straßenpflaster ein. Die Stolpersteine, die an Albert Gompertz, Günter Schönenberg, Hermann Cohn, Ernst Back, Horst Karl Elias und Erich Lilienthal erinnerten, wurden ihnen mit den Worten „Hier lernten“ gewidmet.

Großer Andrang von Schülerinnen und Schüler herrschte zur Stolpersteinverlegung vor dem Grillo-Gymnasium.

Großer Andrang von Schülerinnen und Schüler herrschte zur Stolpersteinverlegung vor dem Grillo-Gymnasium.

Auch an zwei Menschen, die aufgrund ihrer politischen Überzeugung ermordet worden waren, wurde an diesem Tag mit je einem Stolperstein erinnert. In der Liebfrauenstraße 38 wurde an Rudolf Littek, in der Schlangenwallstraße 9 an Johann Eichenauer erinnert. Beide kommunistischen Widerstandskämpfer wurden im Zuge der Zerschlagung der Zielasko-Gruppe verhaftet. Sie wurden vor Gericht zwar „freigesprochen“, aber im faschistischen Staat nicht freigelassen. Beide Männer starben auf den „schwimmenden KZs“ in der Lübecker Bucht.

Eine besondere Bedeutung hat für mich die Verlegung eines Stolpersteins für Rosalia Elise Galliner, geborene Stern, in der Munckelstraße 5 gegenüber dem Hans-Sachs-Haus. Die Ehefrau des jüdischen Rabbiners Dr. Galliner starb am späten Abend des 20. Dezember 1938 an den Folgen ihrer Erkrankung. Aufgrund der „Rassengesetze“ der Nazis durften überhaupt nur noch wenige jüdische Ärzte ausschließlich jüdische Kranke behandeln. Die an Krebs erkrankte Rosalia Galliner wurde daher nicht in einem Gelsenkirchener Krankenhaus, sondern im Jüdischen Krankhaus in Köln-Ehrenfeld aufgenommen. Dort verstarb sie, sicherlich auch an den Folgen der unmenschlichen Politik der Nazis. Ausgrenzung und Verfolgung hat sie am eigenen Leib verspürt.

Die Patenschaft des Stolpersteins für Johann Eichenauer hatte die Gelsenkirchener VVN-BdA übernommen.

Die Patenschaft des Stolpersteins für Johann Eichenauer hatte die Gelsenkirchener VVN-BdA übernommen.

So unterschiedlich die Menschen waren, zu deren Gedenken heute 22 Stolpersteine verlegt worden sind, haben sie doch eines gemeinsam: Sie alle waren Menschen, denen eine verbrecherische Politik das Recht auf ein Leben in Würde, ja ein Leben überhaupt abgesprochen hat. Wehren wir uns, dass es nicht wieder geschieht.

Supplement
Die lokale WAZ berichtete ausführlich unter dem Titel „Ein Name, ein Mensch, ein Leben in Gelsenkirchen“ über die Stolpersteinverlegung und legte einen weiteren Fokus auf den Stolperstein für Josef Wesener, einen wegen Homosexualität verfolgten Mann. Ein weiterer Bericht folgte auf der Internetseite der Arbeitsgruppe Stolpersteine.

Stolperstein verschwunden!

Stolperstein für Erich Lange in der Straße "Am Rundhöfchen" in der Gelsenkirchener Innenstadt - hier geschmückt anlässlich des 80. Jahrestages seiner Ermordung

Stolperstein für Erich Lange in der Straße „Am Rundhöfchen“ in der Gelsenkirchener Innenstadt – hier geschmückt anlässlich des 80. Jahrestages seiner Ermordung.

Auf dem Nachhauseweg bemerkte ich vorgestern, dass der Stolperstein für Erich Lange (Am Rundhöfchen), eines der ersten Opfer der Nazis in Gelsenkirchen, in der Baustelle am Heinrich-König-Platz spurlos verschwunden ist.

Seit dem 1. August 2011 erinnert ein Stolperstein am Ort seiner Ermordung in der Gelsenkirchener Innenstadt. Erich Lange teilt das Schicksal vieler sogenannter „kleiner Leute“, nicht nur in Gelsenkirchen. Wir wissen wenig über ihn, was wir wissen entstammt der Erinnerung seiner Jugendfreundin, der Antifaschistin Rosa Eck. Erich Lange wurde kurz nach seinem 20. Geburtstag, in der Nacht vom 21. auf den 22. März 1933, im Anschluss an einen Fackelzug der NSDAP, die den Wahlsieg bei den Stadtratswahlen feierte, von SS-Männern brutal ermordet. Es waren frühere „Kameraden“ Langes, von denen sich dieser 1932 losgesagt hatte als er in den kommunistischen „Kampfbund gegen den Faschismus“ eingetreten war. Den mutigen Schritt fassten die Nazis als „Verrat an der nationalen Sache“ auf und übten erbarmungslos Rache.

Seine Jugendfreundin berichtete später in ihren Erinnerungen, Freunde, die seine Leiche in der Leichenhalle noch einmal sehen konnten, wären kaum in der Lage gewesen, ihn wieder zu erkennen. Er sei „erschlagen, erschossen und zertreten worden.“ Ein Detail zeigt, dass die Nazis selbst noch auf den Toten herumgetrampelt haben müssen, denn er hatte auf der Wange den Abdruck eines SS-Stiefels.

Das vermeintliche Verschwinden des Stolpersteins klärte Andreas Jordan von der Arbeitsgruppe Stolpersteine inzwischen auf. Der Stolperstein soll in etwa drei Wochen in das erneuerte Pflaster wieder eingesetzt werden.

Antikriegstagskundgebung 2015 besucht Stolpersteine in der Innenstadt

Zum fünften Mal seit 2011 fand eine gemeinsame Kundgebung von friedensbewegten Personen aus verschiedenen Parteien und Organisationen anlässlich des Antikriegstages auf dem Preuteplatz statt. Eingeladen hatte das Bündnis gegen Krieg und Faschismus, welches zuletzt am 1. Mai diesen Jahres erfolgreich gegen den Aufmarsch der faschistischen Partei „Die Rechte“ mobilisiert hatte.

Antikriegstag 2015 - Abschlusskundgebung vor dem Hans-Sachs-Haus

Antikriegstag 2015 – Abschlusskundgebung vor dem Hans-Sachs-Haus

Am 1. September erinnern seit 1957 in Deutschland Gewerkschaften und Friedensbewegung gemeinsam an den Tag, an dem 1939 Nazi-Deutschland mit dem Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg entfesselte. In Gelsenkirchen ist allerdings alles anders, hier veranstaltet nach Jahren der Untätigkeit der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) seit dem vergangenen Jahr eine gesonderte Veranstaltung, die sich auch noch zeitlich mit unserer überschneidet. Bemühungen aus den Reihen des Bündnisses, zumindest die zeitliche Überschneidung zu vermeiden, trugen leider keine Früchte. An eine gemeinsame Veranstaltung ist wohl gar nicht zu denken.

Installation der Gelsenkirchener Linke zeigt am Antikriegstag 2015 das Massengrab Mittelmeer

Installation der Gelsenkirchener Linke zeigt am Antikriegstag 2015 das Massengrab Mittelmeer

Im Mittelpunkt des Antikriegstages standen wie jedes Jahr die existentiellen Fragen von Krieg und Frieden aus den unterschiedlichen Sichtweisen der Bündnispartner. In diesem Jahr lag ein weiterer Schwerpunkt auf die aktuelle Flüchtlingssituation. Schon im Aufruf titelte das Bündnis „Kriege sind eine Hauptursache für Flucht und Vertreibung!“ Das Programm bestand wieder aus Redebeiträgen und kulturellen Beiträgen. Transparente mit plakativen Aussagen umrahmten den Preuteplatz. Die Linke stellte mit einer einfachen Installation das Massengrab im Mittelmeer dar.

Antikriegstag 2015 - Die nordsyrische Stadt Kobanê war ein wichtiges Thema in Redebeiträgen und mit diesem Transparent

Antikriegstag 2015 – Die nordsyrische Stadt Kobanê war ein wichtiges Thema in Redebeiträgen und mit diesem Transparent

Ein wichtiges Thema ist nach wie vor auch in Gelsenkirchen die Situation in Kobanê. In dieser nordsyrischen Stadt an der Südgrenze zur Türkei wurde der sogenannte „Islamischen Staat“ erfolgreich zurückgeschlagen. Im Ergebnis wurden weite Teile der Stadt zerstört und müssen wieder aufgebaut werden. Zu den zentralen Forderungen gehört daher die nach einem humanitären Korridor durch die Türkei in die Region Rojava und nach Kobanê.

Zog der Demonstrationszug 2011 bis 2013 zum Mahnmal für die Opfer des Faschismus in den Stadtgarten und im vergangenen Jahr anlässlich der hundertsten Wiederkehr des Beginns des Ersten Weltkriegs 1914 zu einem Denkmal am Grillo-Gymnasium, ging es dieses Mal durch die Innenstadt zu Stolpersteinen, die an Menschen erinnern, die von den Nazis vertrieben wurden, vor ihnen flüchten mussten oder von ihnen ermordet wurden.

Antikriegstag 2015 - Zwischenkundgebung am Stolperstein für Erich Lange Ecke Am Rundhöfchen/Heinrich-König-Platz

Antikriegstag 2015 – Zwischenkundgebung am Stolperstein für Erich Lange Ecke Am Rundhöfchen/Heinrich-König-Platz

In der Von-der-Recke-Straße 10 erinnerte Knut Maßmann (VVN-BdA) an die Zwangsausweisung der Familie Krämer aus Deutschland und schilderte einige Hintergründe der sogenannten „Polenaktion“. An der Ecke Am Rundhöfchen/Heinrich-König-Platz erinnerte Ulla Möllenberg (VVN-BdA/DKP) an die Ermordung Erich Langes durch seine früheren Kameraden und zog daraus Schlüsse für die Gegenwart. Mitten in der Baustelle an der Ecke Ebertstraße 1/Robert-Koch-Straße erinnerte Heike Jordan (Arbeitskreis Stolpersteine) an die Familie Back, deren Kinder aufgrund der „Kindertransporte“ überleben konnten. Die Abschlusskundgebung fand dieses Jahr vor dem Hans-Sachs-Haus statt.

Antikriegstag 2015 - Zwischenkundgebung in der Baustelle Ecke Ebert-Straße 1/Robert-Koch-Straße

Antikriegstag 2015 – Zwischenkundgebung in der Baustelle Ecke Ebert-Straße 1/Robert-Koch-Straße

Redebeitrag zum Antikriegstag 2015 an Stolpersteinen der Familie Krämer

Stolpersteinverlegung für die Familie Krämer am 8. Oktober 2012

Stolpersteinverlegung für die Familie Krämer am 8. Oktober 2012

Seit dem 8. Oktober 2012 erinnern hier in der Von-der-Recke-Straße 10 vier Stolpersteine an die Familie Krämer, die weder in Polen noch in Deutschland eine Heimat finden durften. Darüber möchte ich euch kurz berichten.

Von der Reichspogromnacht 1938 haben alle schon gehört, die sogenannte „Polenaktion“ zwei Wochen vorher ist jedoch durch die nachfolgenden Ereignisse in Vergessenheit geraten.

Zwischen dem 27. und dem 29. Oktober 1938 wurden rund 17.000 Juden polnischer Staatsangehörigkeit in einer Nacht-und-Nebel-Aktion im gesamten Deutschen Reich verhaftet und nach Polen abgeschoben. Auslöser war eine Änderung des polnischen Passgesetzes, mit dem Polen die im Ausland lebenden jüdischen Staatsbürger auszubürgern beabsichtigte.

In Gelsenkirchen betraf die Aktion rund 80 jüdische Menschen jeden Alters, darunter auch die Familie Krämer. Zur Familie gehören der 43jährige Familienvater, Selig Uscher Krämer, seine 38jährige Frau Perla Krämer sowie die beiden Kinder, der 12jährige Max und die 5jährige Charlotte.

Vater Krämer und seine Frau stammten aus Otynia in Galizien in Südpolen. Ihr Sohn Max war noch dort am 3. März 1926 geboren worden. 1930 kamen sie aus Rotterdam nach Gelsenkirchen, wo am 12. Januar 1933 Tochter Charlotte geboren wurde.
Vater Krämer wurde am 28. Oktober 1938 nach Zbazyn in Polen abgeschoben, während Frau und Kinder in das sogenannte „Judenhaus“ an der damaligen Hindenburgstraße 38 (heute Husemannstraße) übersiedeln mussten.

Der polnische Historiker Jerzy Tomaszewski beschreibt in seinem Buch „Auftakt zur Vernichtung“ (Osnabrück 2002), dass in einigen Orten ganze Familien ohne Rücksicht auf das Alter und den Gesundheitszustand der Familienangehörigen ausgewiesen wurden, während in anderen Orten nur die Männer verhaftet wurden. Manche wurden mitten in der Nacht von Gestapo, SA oder SS aus ihren Wohnungen gescheucht und im Nachthemd mitgenommen, anderen wurde es erlaubt, ein wenig Handgepäck und Lebensmittel mitzunehmen.

An Bargeld durfte aufgrund der Devisenbestimmungen pro Person maximal 10 Reichsmark mitgenommen werden. Die Verhafteten wurden auf Polizeiposten oder in Gefängnissen, Turnhallen, Synagogen, Kasernen oder anderen Gebäuden untergebracht und nach Stunden zur Abfahrt der Sonderzüge zum Bahnhof gebracht.

In der Mehrzahl handelte es sich bei den Ausgewiesenen um kleine Leute, Händler, Handwerker, Freiberufler, Arbeiter, die schon länger im Deutschen Reich lebten und deren Verbindung zum polnischen Staat oft nur formeller Art war.

Die Abschiebung über die polnische Grenze erfolgte unter denselben katastrophalen Bedingungen wie die gesamte Aktion. Die Transporte mit der Reichsbahn trafen auf kleine Grenzübergänge, die dem Ansturm nicht gewachsen waren. Daneben wurden Gruppen von Juden unter Zurücklassung ihrer wenigen Gepäckstücke und unter Umgehung aller Passformalitäten über die grüne Grenze gejagt.

Die größte Anzahl Menschen, etwa 9000, wurde über den Grenzübergang Bentschen/Zbazyn nach Polen abgeschoben, wo die überforderten polnischen Behörden sie zunächst in Eisenbahnwaggons festgehalten und in ehemaligen Kasernen und Ställen untergebracht haben.

Zeitzeugen berichten von chaotischen Zuständen. Einem Teil der Ausgewiesenen ist es gelungen, sich mit Freunden oder Verwandten in Verbindung zu setzen und nach Zentralpolen weiter zu reisen, die meisten, etwa 7000, mussten jedoch auf Beschluss der polnischen Regierung bleiben und wurden in Zbazyn interniert.

Zwischen dem Dritten Reich und Polen begannen diplomatische Verhandlungen über das Schicksal der Ausgewiesenen und der noch in Deutschland befindlichen Familienmitglieder. Die deutsche Seite setzte ihre Position durch, nach der die Ausgewiesenen noch einmal an ihren früheren Wohnort zurückkehren konnten, um mit ihren Familien, persönlichen Gegenständen, evtl. der Wohnungs- oder Werkstatteinrichtung nach Polen auszureisen. Die Kosten mussten die Betroffenen selbst tragen.

Zu ihnen gehörte auch Vater Krämer, der am 13. April 1939 vorübergehend nach Gelsenkirchen zurückkehrte. Die ganze Familie wurde dann im Mai 1939 im Einwohnermeldeamt „nach Polen abgemeldet“.

Keine 4 Monate später, am 1. September 1939, entfesselte Nazi-Deutschland mit seinem Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg. Die Spuren der ausgewiesenen Juden verlieren sich zumeist in einem der unzähligen Ghettos. Zu vielen Opfern der „Polenaktion“ lassen sich jedoch bis heute keine genauen Aussagen treffen, ihre Schicksale bleiben auch nach heutigem Kenntnisstand ungewiss.

Dies betrifft auch die Familie Krämer. Ihre Spur verliert sich im Mai 1939, als sie Gelsenkirchen verlassen mussten.

Bündnis gegen Krieg und Faschismus ruft zum Antikriegstag auf

Ausschnitt aus dem Flugblatt-Entwurf

Ausschnitt aus dem Flugblatt-Entwurf

Liebe Gelsenkirchenerinnen und Gelsenkirchener!

Seit 1957 demonstrieren die Friedensbewegung und viele Gewerkschafter am 1. September und erinnern an den Tag, an dem die faschistische Wehrmacht mit dem Überfall auf Polen den 2. Weltkrieg entfesselte. Er kostete über 50 Millionen Menschen das Leben und führte zu millionenfacher Flucht und Vertreibung. Mehr als 20.000 Menschen aus unserer Stadt bezahlten Verfolgung und Krieg mit ihrem Leben. Manche konnten nur ihr nacktes Leben durch Flucht ins Ausland retten. Die Überlebenden zogen damals die Schlussfolgerung: Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg.

70 Jahre danach sind militärische Aufrüstung und weltweite bewaffnete Einsätze der Bundeswehr fester Bestandteil der Politik unserer Regierung. Fast 3000 Soldatinnen und Soldaten sind in derzeit 12 Missionen rund um den Globus unterwegs. Hinzu kommen Rüstungsexporte und die Überlassung von militärischem Material an „befreundete Länder“, die Entwicklung von Drohnen und die Unterstützung der militärischen Einsätze der NATO-Partner von Stützpunkten auf deutschem Territorium.

Die Erfahrungen mit Kriegen aktuell und in jüngster Vergangenheit zeigen: Sie führen in der Ukraine, in Syrien, im Irak, in Afghanistan zu Zerstörung, Leid und Tod und bewirken das Gegenteil dessen, was Regierungen und Militärs vor jedem Krieg versprachen. Die Kriegsgefahr in Europa und in der Welt steigt sogar.

Die Flüchtlingskrise ist weltweit ein dramatisches Problem der Menschheit. Etwa jeder fünfte Mensch auf der Erde lebt, um überleben zu können, in Migration. Wesentliche Ursachen sind Kriege, faschistisch agierende Terrorbanden, Verfolgung und Diskriminierung. Die meisten Flüchtlinge suchen und finden Aufnahme in ihren unmittelbaren Nachbarländern, die die Hauptlast tragen. Nur die wenigsten Flüchtlinge erreichen Europa und Deutschland. Das Mittelmeer ist zum Massengrab für Flüchtlinge geworden, während sich die Nationalstaaten der EU über Quoten streiten. Diese Flüchtlingspolitik ist eine einzige Anklage an die Regierenden.

Aus der Erfahrung der Nazizeit sichert das Grundgesetz politisch Verfolgten Asyl zu. Flüchtlinge haben in unserem reichen Land eine freundliche Aufnahme und unseren Schutz verdient. Die Hilfsbereitschaft der meisten Bürgerinnen und Bürger ist groß und sie setzen sich zur Wehr gegen die fremdenfeindlichen Angriffe einer kleinen Minderheit. Dies fordern wir auch vom Staat.

Sofortige Beendigung der Kriege insbesondere im Nahen Osten und in Afrika. Wir sind solidarisch mit dem Widerstand der Bevölkerung und den Friedensbewegungen.

Keine Auslandseinsätze der Bundeswehr!
Sofortiger Stopp deutscher Waffenexporte!
Keine Drohnen für die Bundeswehr!
Bundeswehr raus aus den Schulen und Berufsberatungen!

Wir sind für die menschenwürdige Behandlung von Flüchtlingen!

Wir sind gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Faschismus und fordern
das Verbot der NPD und aller faschistischen Organisationen

Das Bündnis gegen Krieg und Faschismus als Teil der weltweiten Friedensbewegung lädt Sie herzlich ein, am Antikriegstag, den 1. September 2015, gemeinsam mit uns zu diskutieren und zu demonstrieren:

17.30 Uhr Information und Kundgebung auf dem Preuteplatz

18.30 Uhr Demonstration durch die Gelsenkirchener Innenstadt mit kurzen Zwischenkundgebungen an Stolpersteinen in der Von-der-Recke-Straße 10 (Familie Krämer), Am Rundhöfchen/Ecke Heinrich-König-Platz (Erich Lange) und Ebertstraße 1/Ecke Robert-Koch-Straße (Familie Back)

19.00 Uhr Abschlusskundgebung am Hans-Sachs-Haus, Ebertstraße

… wo sie gewohnt, gelebt, geglaubt, getanzt, geträumt, gelacht und geweint haben …

Gunter Demnig am 14.08.2015 in Gelsenkirchen

Gunter Demnig am 14.08.2015 in Gelsenkirchen

Das größte dezentrale Denkmal der Welt des Kölner Aktionskünstlers und Bildhauers Gunter Demnig wächst. Weit über 50 000 Stolpersteine hat er in Deutschland und 18 weiteren europäischen Länder in den letzten Jahren zur Erinnerung an die von Nazis verfolgten und ermordeten Menschen verlegt, 20 sind heute in Gelsenkirchen dazugekommen. Jeder einzelne Stolperstein erinnert an ein Leben am letzten frei gewählten Wohn- oder Wirkungsort, „wo sie gewohnt, gelebt, geglaubt, getanzt, geträumt, gelacht und geweint haben“.

Eine ganze Seite widmete die lokale WAZ heute dem Thema. Ausführlich wurde über die Menschen berichtet, für die am heutigen Tag ein Stolperstein verlegt wurde. Allerdings konzentrierte sich die WAZ auf die verfolgten und ermordeten Juden, selbst den Namen des wegen seiner sexuellen Orientierung verfolgten Ernst Papies sparte Karoline Poll aus und wies nur am Rande auf Straße und Uhrzeit hin. Doch das größte dezentrale Denkmal der Welt ist ein Denkmal, das keine Verfolgtengruppe der Nazis ausspart, sondern gleichermaßen an Juden, politisch Verfolgte, Sinti und Roma, Zeugen Jehovas, Behinderte und auch an Homosexuelle erinnert.

Eine ganze Seite widmete die WAZ Gelsenkirchen dem Thema

Eine ganze Seite widmete die WAZ Gelsenkirchen dem Thema

Die Kunstaktion begann heute um 10 Uhr auf der Cranger Straße 398 in Gelsenkirchen-Erle mit der Verlegung eines Stolpersteins für Ernst Papies, den die Nazis wegen seiner sexuellen Orientierung verfolgten und ins KZ sperrten. Er überlebte, aber nur um im Nachkriegsdeutschland erneut aus demselben Grund und mit dem gleichen Nazi-Paragrafen 175 verfolgt zu werden. Entschädigt wurde er nie.

Danach setzte der Künstler die Verlegung in Alt-Gelsenkirchen fort. Es folgten Stolpersteine für die Familie Jeckel im Pflaster der Hauptstraße 63, unweit des Consiliums. Sie waren von der sogenannten „Polenaktion“ betroffen gewesen, einer Ausweisungsaktion gegen polnische Juden, die einen lange vergessenen ersten Höhepunkt der Verfolgung kurz vor der Reichspogromnacht bildet. Über die sogenannte „Polenaktion“ berichtete ich bereits früher in diesem Blog am Beispiel der Familie Krämer Nach Polen abgemeldet.

Stolpersteine für die Familie Jeckel im Pflaster der Hauptstraße 63

Stolpersteine für die Familie Jeckel im Pflaster der Hauptstraße 63

Weiter ging es durch die Gelsenkirchener Innenstadt zur Ringstraße 67, in die Nähe des früheren Marienhospitals an der Kirchstraße. Hier wurden unter lautem Straßenlärm Stolpersteine für die Mitglieder der Familie Alexander verlegt. Natürlich erweckten die Verlegungen Neugier, bei vorbeilaufenden Passanten, aber auch bei Bewohnern des jeweiligen Hauses. Auch die an der Ampel wartenden Autofahrer schauten, neugierig, aber auch fragend zu uns.

Gut besucht war die Verlegung des Stolpersteins für den Rabbiner Dr. Siegfried Galliner am Platz der Alten Synagoge/Georgstraße 2

Gut besucht war die Verlegung des Stolpersteins für den Rabbiner Dr. Siegfried Galliner am Platz der Alten Synagoge/Georgstraße 2 – rechts oben im Bild die ebenfalls angebrachte Erinnerungsortetafel

Die Verlegungen wurden von Heike Jordan begleitet, die jeweils über das Leben und die Verfolgung berichtete. Das Kaddish wurde jeweils von einem freien Kantor gesungen. Gut besucht war die Verlegung des Stolpersteins für den Rabbiner Dr. Siegfried Galliner um 11 Uhr an der Georgstraße 2 an der Synagoge bzw. am Platz der Alten Synagoge. Die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Frau Judith Neuwald-Tasbach, war erwartungsgemäß nicht unter den Anwesenden; ihre Kritik an den Stolpersteinen dürfte bekannt sein. Kurz zuvor war eine städtische Erinnerungsortetafel für Dr. Siegfried Galliner an der Synagoge angebracht worden. Damit koexistieren an dieser Stelle beide Erinnerungsformen – sicherlich keine schlechte Lösung in dieser Frage.

Am früheren WEKA-Kaufhaus wurden die von Vertretern und Kreisverband der Die Linke gestifteten Stolpersteine für die Familie von Werner Goldschmidt in das Pflaster vor der Augustastraße 4 eingelassen. Hier zeigte sich die Routine Gunter Demnigs, der gut zu tun hatte, die vorhandenen Pflastersteine zu lösen, um die Stolpersteine einzulassen. Auf das „widerständige Pflaster“ ging Andreas Jordan in seinen Ausführungen ein, als er auf den Widerstandskämpfer Werner Goldschmidt zu sprechen kam. Hubertus Zdebel (Die Linke MdB) wies darauf hin, dass das Linke-Parteibüro nach Werner Goldschmidt benannt ist (Werner-Goldschmidt-Salon) und Die Linke mit dieser Stolperstein-Patenschaft allen Opfern und Widerstandskämpfern der Nazi-Diktatur gedenken will.

Viel Arbeit hatte Gunter Demnig hier mit dem Lösen des widerständigen Pflasters vor der Augustastraße 4 für die Stolpersteine der Familie Goldschmidt

Viel Arbeit hatte Gunter Demnig hier mit dem Lösen des widerständigen Pflasters vor der Augustastraße 4 für die Stolpersteine der Familie Goldschmidt

Werner Goldschmidt hatte sich bereits in den 1930er Jahren von seiner Religion losgesagt und 1933 einer linken Widerstandsgruppe gegen die Nazis angeschlossen. Er wurde verhaftet und zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt, überlebte das Ghetto Riga und das Konzentrationslager Buchenwald und kehrte zunächst in das zerstörte Gelsenkirchen zurück. Hier heiratete er eine überlebende Jüdin und emigrierte in die USA.

Stolpersteine für die Familie Goldschmidt in der Augustastraße 4

Stolpersteine für die Familie Goldschmidt in der Augustastraße 4

Es folgten Stolpersteine für die Familie Broch im Pflaster der Von-der-Recke-Straße 11. Der Möbelhändler Broch war von der sogenannten „Arisierung“ betroffen, das Möbelhaus an der Bahnhofstraße übernahm der Möbelhändler Albert Heiland, der damit seine Konkurrenz ausschaltete. Die Patenschaft für die Stolpersteine, die an das Ehepaar Hugo und Theresa Broch erinnern, hat eine Enkelin Heilands, Margarete Reißig übernommen.

Die Verlegung für die Familie Höchster in der Feldmarkstraße 119 habe ich, wie auch die Verlegung für Ernst Papies in der Cranger Straße 398, nicht selbst begleitet und kann daher darüber nicht berichten. Mehr und ausführlich wie immer auf http://www.stolpersteine-gelsenkirchen.de/.

Supplement

Die WAZ trennt Gelsenkirchen haarscharf entlang des Kanals. In der Lokalausgabe von Gelsenkirchen-Buer erschien ein Artikel von Wolfgang Laufs über die Verlegung des Stolpersteins zur Erinnerung an den wegen seiner sexuellen Orientierung verfolgten Ernst Papies. Im Stadtspiegel Gelsenkirchen gab es einen reich bebilderten Beitrag von Sven Kaiser zur Stolpersteinverlegung mit 71 Fotos!!! Auch die Ratsfraktion der Gelsenkirchener Linkspartei ließ die Stolpersteinverlegung Revue passieren, insbesondere – aber nicht ausschließlich – in Bezug auf die von ihnen gestifteten Stolpersteine für die Familie Goldschmidt.
In der Jungle World war bereits am 6. August 2015 ein Artikel erschienen, der den Beitrag der Stolpersteine für die lokale Erinnerungsarbeit hervorhob, allerdings – wie so oft – den Fehler machte, von „Shoah“ zu sprechen, und damit zu verdrängen, dass die Stolpersteine ein Denkmal für alle Verfolgten und Widerstandskämpfer sind. Davon abgesehen handelt es sich um einen sehr ausgewogenen Beitrag zur Diskussion, in dessen Zusammenhang ich auf einen früheren Beitrag von mir hinweisen möchte.
Und die Süddeutsche Zeitung bringt einen bemerkenswert persönlichen Beitrag von Sergey Lagodinsky, einem russisch-jüdischen Einwanderer, der in Berlin über Stolpersteine „stolpert“ und sich auf die Suche nach den Lebensgeschichten macht. In diesem Zusammenhang fiel mir auf, dass derselbe Autor schon den Artikel in der Jungle World geschrieben hatte.