Archiv der Kategorie: Stolpersteine

Zum zehnten Mal wird Gunter Demnig in Gelsenkirchen Stolpersteine verlegen

Bildmontage mit einem Foto von der Stolpersteinverlegung für Charles Ganty am 09.02.2010.

Die Stolpersteine erinnern symbolisch am letzten frei gewählten Wohnort an Menschen, die von den Nazis verfolgt, entrechtet, vertrieben, deportiert oder ermordet worden sind. Sie erinnern ohne Unterschied an Juden, politisch Verfolgte, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Sinti und Roma, Behinderte. Wo die Menschen einst ihren Lebensmittelpunkt hatten, wird die Gegenwart mit der Vergangenheit konfrontiert.

Fast 61.000 Stolpersteine hat der Kölner Aktionskünstler und Bildhauer Gunter Demnig seit 1992 in 1100 Orten in Deutschland und 20 weiteren europäischen Ländern verlegt (Stand vom April 2017). In Gelsenkirchen sind es derzeit 161 Stolpersteine, die an von den Nazis verfolgte oder ermordete Menschen erinnern. Die Kosten der Verlegung werden übrigens nicht durch öffentliche Mittel getragen, sondern durch private Spenden und die Übernahme von Patenschaften.

Am Freitag, dem 24. November 2017 kommt Demnig zum inzwischen zehnten Mal seit 2009 in unsere Stadt, um an 7 Orten weitere 25 Stolpersteine zu verlegen. Erstmals werden Stolpersteine auf der Bahnhofstraße verlegt werden, nämlich an der Bahnhostraße 22/Ecke Klosterstraße für die Familie Gompertz, die hier ein bekanntes Pelzhaus betrieben hatte, bis es nach der Reichspogromnacht „arisiert“ wurde.

Neben dem letzten frei gewählten Wohnort sind auch andere, besondere Lebensmittelpunkte möglich: So erinnert seit 2016 ein Stolperstein an Albert Gompertz mit der Inschrift „Hier lernte“ vor dem Grillo-Gymnasium; für Fritz Gompert wird 2017 ebenfalls ein Stolperstein vor dem Grillo-Gymnasium folgen.

Gunter Demnig am 6. Oktober 2016 vor dem Haupteingang des Grillo-Gymnasiums von Schülern umringt.

Und auch wenn ich es oft schon in meinem Blog geschrieben habe, wiederhole ich es wieder: Man “stolpert” nicht im wörtlichen Sinn über die in das Straßenpflaster eingelassenen Gedenksteine. Wer auf sie beim Gehen aufmerksam wird, muss anhalten und sich vor dem Stein verbeugen, um Namen, Lebensdaten und Verfolgungsgrund zu lesen. Wer dann mehr über die Person wissen will, kann sich inzwischen der interaktiven Stadtkarte bedienen, die die Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen angelegt hat, und sich mit ein paar Mausklicks im Internet informieren.

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Geschichte vor der Haustür: Hildegardstraße 21

400 Meter oder 5 Minuten Fußweg von meiner Wohnung entfernt befindet sich die Hildegardstraße, eine ruhige Wohnstraße. Hier wohnte in Haus Nummer 21 in den 1930er Jahren die Familie Nussbaum. Sie wurde vollständig durch die Vernichtungspolitik der Nazis ausgelöscht.

Die Eheleute David und Malka Nussbaum stammten aus Galizien, dem Teil Polens, der bis zum Ende des Ersten Weltkriegs zu Österreich-Ungarn gehört hatte. David Nussbaum wurde am 25. Mai 1901 in Rozniatow geboren, Malka Nussbaum, geboren Rechtschaffen am 14. Mai 1903 in Pacykow. Mit der Wiedergründung eines unabhängigen polnischen Staates 1918 wurden sie aufgrund ihres Geburtsortes polnische Staatsbürger. Galizien war eine bitterarme Region. Aufgrund von Armut und Diskriminierung verließen zwischen 1881 und 1910 etwa 237.000 Juden das Land in Richtung USA, dem Land ihrer Sehnsüchte. Ein verhältnismäßig kleiner Teil wandte sich nach Deutschland, darunter auch jene, die nicht genügend Geld für die Weiterreise nach Übersee besaßen. (vgl. Tomaszewski, Jerzy: Auftakt zur Vernichtung. Die Vertreibung polnischer Juden aus Deutschland im Jahre 1938. Osnabrück 2002).

Das Haus Hildegardstraße 21 befindet sich heute in einer ruhigen Wohnstraße in Bulmke-Hüllen.

Wir wissen nicht, was die Eheleute nach Gelsenkirchen führte. Wir wissen nur, dass sie hier lebten und in unserer Stadt ihre drei Kinder geboren wurden: am 27. November 1928 die älteste Tochter Ruth, am 21. November 1930 der Sohn Siegfried und am 2. Oktober 1937 als jüngstes Kind Mirjam.

Nach Recherchen der Arbeitsgruppe Stolpersteine wurden Vater David Nussbaum und die jüngste Tochter Mirjam im Rahmen der sogenannten „Polenaktion“ nach Polen ausgewiesen. Im Rahmen dieser „Aktion“ wurden zwischen dem 27. und dem 29. Oktober 1938 rund 17.000 Juden polnischer Staatsangehörigkeit in einer Nacht-und-Nebel-Aktion im gesamten Deutschen Reich verhaftet und nach Polen abgeschoben. Auslöser war eine Änderung des polnischen Passgesetzes, mit dem Polen die im Ausland lebenden jüdischen Staatsbürger auszubürgern beabsichtigte. In Gelsenkirchen betraf die Aktion rund 80 jüdische Menschen jeden Alters. Die größte Anzahl Menschen, etwa 9000, wurde über den Grenzübergang Bentschen/Zbazyn nach Polen abgeschoben, wo die überforderten polnischen Behörden sie zunächst in Eisenbahnwaggons festgehalten und in ehemaligen Kasernen und Ställen untergebracht haben. Zeitzeugen berichten von chaotischen Zuständen.

Nach diplomatischen Verhandlungen zwischen Nazi-Deutschland und Polen durften die Ausgewiesenen noch einmal an ihren früheren Wohnort zurückkehren um mit ihren Familien, persönlichen Gegenständen, evtl. der Wohnungs- oder Werkstatteinrichtung nach Polen auszureisen. Die Kosten mussten die Betroffenen selbst tragen. Vermutlich im Zusammenhang mit der Rückkehr steht ein Umzug der Familie. Mit Datum vom 17. Juni 1939 ist im Melderegister der Stadt Gelsenkirchen eine Ummeldung zur Wassergasse 16 vermerkt. Die Straße lag zwischen Paulinenstraße und Liboriusstraße und führte von der Kronprinzenstraße (heute Dresdener Straße) zur Bismarckstraße. Sie war noch bis 1955 in den Adressbüchern verzeichnet und ist heute überbaut.

Die heute nicht mehr vorhandene Wasserstraße mündete etwa hier in die Bismarckstraße. Das Haus mit der Nummer 16 befand sich unweit der Einmündung und wurde vermutlich im Krieg zerstört.

Warum die Ausreise im Fall der Familie Nussbaum nicht geschehen ist, wissen wir nicht. Möglicherweise hat der Beginn des Zweiten Weltkriegs mit dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 die Ausreise der Familie verhindert. Doch auch eine Ausreise hätte sie nicht vor ihrer Vernichtung geschützt, wie wir aus zahllosen anderen Beispielen wissen.

Was wir wissen ist, dass David Nussbaum nach einem Erlaß vom 9. September 1939 in sogenannter „Schutzhaft“ genommen wurde und ins Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht wurde. Dort verstarb er am 9. Juni 1940, keine 40 Jahre alt, an einer Lungenentzündung, einer Todesursache, die wir aufgrund der heutigen Kenntnis von den Bedingungen in KZs bezweifeln dürfen.

Am 30. August 1940 müssen Malka Nussbaum und die drei Kinder Ruth, Siegfried und Mirjam in ein sogenanntes „Judenhaus“ umziehen, in dem die Nazis vor Deportation und Vernichtung die jüdische Bevölkerung auf engem Raum konzentrierte. Sie ziehen in das Haus der Familie Spanier, Franz-Seldte-Strasse 84 (heute Florastrasse 84) und leben Briefen zufolge in deren Wohnzimmer.

Florastraße 84, hier wurde am 13. Juli 2009 ein Stolperstein für Regine Spanier verlegt, einer der ersten Stolpersteine in Gelsenkirchen.

Die Familie Nussbaum findet Erwähnung in einem Brief der Tochter von Regina Spanier. Gertrud Reifeisen schreibt am 20. August 1940 in einem Brief an ihre Tochter Ilse, die mit einem der Kindertransporte nach Schweden reisen konnte und so überlebte: „… Du kennst ja wohl noch die Ruth Nussbaum. Der Mann war ja mit Vati zusammen fort und ist gestorben. Also die Frau mit den 3 Kindern ziehen zu uns in die Wohnung. Das kleinste Mädelchen ist 3 Jahre alt, und ein niedliches Kind. Es ist ja nicht sehr angenehm für Oma, denn die Unruhe wird groß werden, aber es lässt sich nicht ändern.“

Noch in zwei weiteren Briefen findet die Familie Nussbaum Erwähnung. Am 2. September 1940 schreibt Gertrud Reifeisen: „… Ruth und Siegfried sind ja große Kinder und machen wenig Unruhe, aber die kleine Mirjam ist – wie alle kleinen – sehr unruhig. Und außerdem fehlt uns der Raum sehr …“ Am 12. Dezember 1940 schreibt sie über die wohltuende Ruhe, da die kleine Mirjam mit einer harmlosen Nierenerkrankung seit 14 Tagen im Krankenhaus liege.

Am 27. Januar 1942 werden Malka Nussbaum und ihre drei Kinder wie weitere rund 360 Juden aus Gelsenkirchen mit dem ersten Sammeltransport in das Ghetto Riga deportiert, nachdem sie zuvor in der Ausstellungshalle am Wildenbruchplatz zusammengepfercht worden waren. Der Zug der Deutschen Reichsbahn fuhr in Gelsenkirchen vom Güterbahnhof ab und erreichte Riga am 1. Februar 1942. Im Ghetto Riga lebten auf engstem Raum zuerst lettische Juden, später Juden aus Deutschland. Fast alle wurden im Ghetto, in den angrenzenden Wäldern oder benachbarten Konzentrationslagern von deutscher und lettischer SS ermordet.

Malka Nussbaum und Ihre Kinder Ruth, Siegfried und Mirjam wurden Anfang November 1943 im Zuge der Auflösung des Ghettos ermordet. Ruth, die älteste Tochter, war zu diesem Zeitpunkt fast 15 Jahre alt, Sohn Siegfried fast 13 und Mirjam, das jüngste Kind der Familie, war gerade einmal sechs Jahre alt.

Supplement
Im „Gedenkbuch des Bundesarchivs für die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung in Deutschland (1933-1945)“ ist für die beiden jüngsten Kinder, Siegfried und Mirjam, als „Todesort“ nicht das Ghetto Riga, sondern „Riga-Jungfernhof, Außenlager Ghetto Riga“ angegeben. Dabei handelt es sich um ein drei bis vier Kilometer von Riga entferntes heruntergekommenes Gut mit Gutshaus, Scheunen, Baracken und Viehställen beim Dorf Jumpravmuiža.

Stolperstein zum Gedenken an Rosalia Elise Galliner

Stolpersteine für das Ehepaar Dr. Siegfried Galliner und Rosalia Elise Galliner, geborene Stern, in der Munckelstraße 5 in Gelsenkirchen, auf der Straßenseite gegenüber dem Hans-Sachs-Haus.

Stolpersteine für das Ehepaar Dr. Siegfried Galliner und Rosalia Elise Galliner, geborene Stern, in der Munckelstraße 5 in Gelsenkirchen, auf der Straßenseite gegenüber dem Hans-Sachs-Haus.

Wortbeitrag von Knut Maßmann anlässlich der Stolpersteinverlegung.

Rosalia Elise Stern, genannt Rose, wurde am 29. Juli 1884 in Königshütte in Oberschlesien geboren. Sie heiratete den Rabbiner Dr. Siegfried Galliner am 28. Dezember 1914 in Königshütte. Das kinderlos gebliebene Ehepaar lebte in Gelsenkirchen.

Die Ausgrenzung und Verfolgung der Juden dürfte Rosalia Elise Galliner am eigenen Leib miterlebt haben. Zur Ausgrenzungspolitik der Nazis gehörte auch die Verschlechterung der medizinischen Versorgung der jüdischen Bevölkerung. Seit 1938 durften überhaupt nur noch wenige jüdische Ärzte ausschließlich jüdische Patienten behandeln. Jüdische Patienten wurden in kein nichtjüdisches Krankenhaus aufgenommen. Viele Apotheken gaben keine Medikamente an jüdische Kranke ab.

Die an Krebs erkrankte Rosalia Elise Galliner wurde daher nicht in Gelsenkirchen, sondern im Jüdischen Krankenhaus in Köln-Ehrenfeld, Ottostraße 85 aufgenommen. Dort starb sie am späten Abend des 20. Dezember 1938 an den Folgen ihrer Erkrankung.

Die schlechte medizinische Versorgung im Zuge der nazistischen Rassenpolitik hat sicherlich zu diesem frühen Tod beigetragen.

Rosalia Elise Galliner wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Köln-Bocklemünd beigesetzt. Auf dem Grabstein heißt es unter anderem in hebräisch: „… sie suchte ihr Leben lang mit ganzem Herzen für ihren Ehemann das Gute; in angenehmer Weise überwachte sie ihren Haushalt; erwies Gutes und Liebe ihr Leben lang; sittsam in jeder Hinsicht; ehrlich und bescheiden in allen ihren Handlungen; reines Herzens, gestorben in ihrem besten Alter … Möge ihre Seele gebündelt sein im Bündel des ewigen Lebens.“

Gunter Demnig verlegt zum neunten Mal Stolpersteine in Gelsenkirchen

Ein Blick in den Wagen von Gunter Demnig mit den für die Verlegungen vorbereiteten Stolpersteine. Im Vordergrund der Stein für Rosalia Elise Galliner.

Ein Blick in den Wagen von Gunter Demnig mit den für die Verlegungen vorbereiteten Stolpersteine. Im Vordergrund der Stein für Rosalia Elise Galliner.

Bereits zum neunten Mal seit 2009 kam der Aktionskünstler Gunter Demnig auf Einladung von Gelsenzentrum e.V. nach Gelsenkirchen. Den 139 bereits verlegten Stolpersteinen fügte er heute am 6. Oktober 2016 weitere 22 hinzu. Das größte, dezentrale Denkmal der Welt des Kölner Aktionskünstlers und Bildhauers wächst weiter. Weit über 50.000 Stolpersteine hat er in Deutschland und 18 weiteren europäischen Länder seit 1992 zur Erinnerung an die von Nazis verfolgten und ermordeten Menschen verlegt.

Die Stolpersteine erinnern symbolisch am letzten frei gewählten Wohnort an Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen von den Nazis verfolgt, entrechtet, vertrieben, deportiert oder ermordet worden sind. Sie erinnern ohne Unterschied an Juden, politisch Verfolgte, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Sinti und Roma, Behinderte. Man “stolpert” nicht im wörtlichen Sinn über die in das Straßenpflaster eingelassenen Gedenksteine. Wer auf sie beim Gehen aufmerksam wird, muss anhalten und sich vor dem Stein verbeugen, um Namen, Lebensdaten und Verfolgungsgrund zu lesen.

Die Verlegungen des heutigen Tages (Übersicht im Gelsenblog und Ankündigung in der Buerschen WAZ) begannen mit einer deutlichen Verspätung, da Demnig auf seinem Weg von Köln nach Gelsenkirchen in einen Stau geraten war. Doch während wir mit mehreren Interessierten am Verlegort in der Markenstraße mehr als eine halbe Stunde auf den Künstler warten mussten, hatten wir Zeit, uns die Erinnerungen einer Zeitzeugin an die Geschehnisse der Vergangenheit anzuhören. Die Verlegung selbst nahm Demnig nach seinem Eintreffen routiniert vor, während die jeweiligen Stolperstein-Paten aus der Lebensgeschichte der betroffenen Personen berichteten.

Gunter Demnig vor dem Haupteingang des Grillo-Gymnasiums in der Hauptstraße 60.

Gunter Demnig vor dem Haupteingang des Grillo-Gymnasiums in der Hauptstraße 60.

Das größte und zugleich jüngste Publikum hatte der Bildhauer vor dem Grillo-Gymnasium. Hier setzte er umringt von zahlreichen Schülerinnen und Schülern die ersten sechs Stolpersteine für jüdische Schüler, die das damalige Städtische Realgymnasium für Jungen verlassen mussten, in das Straßenpflaster ein. Die Stolpersteine, die an Albert Gompertz, Günter Schönenberg, Hermann Cohn, Ernst Back, Horst Karl Elias und Erich Lilienthal erinnerten, wurden ihnen mit den Worten „Hier lernten“ gewidmet.

Großer Andrang von Schülerinnen und Schüler herrschte zur Stolpersteinverlegung vor dem Grillo-Gymnasium.

Großer Andrang von Schülerinnen und Schüler herrschte zur Stolpersteinverlegung vor dem Grillo-Gymnasium.

Auch an zwei Menschen, die aufgrund ihrer politischen Überzeugung ermordet worden waren, wurde an diesem Tag mit je einem Stolperstein erinnert. In der Liebfrauenstraße 38 wurde an Rudolf Littek, in der Schlangenwallstraße 9 an Johann Eichenauer erinnert. Beide kommunistischen Widerstandskämpfer wurden im Zuge der Zerschlagung der Zielasko-Gruppe verhaftet. Sie wurden vor Gericht zwar „freigesprochen“, aber im faschistischen Staat nicht freigelassen. Beide Männer starben auf den „schwimmenden KZs“ in der Lübecker Bucht.

Eine besondere Bedeutung hat für mich die Verlegung eines Stolpersteins für Rosalia Elise Galliner, geborene Stern, in der Munckelstraße 5 gegenüber dem Hans-Sachs-Haus. Die Ehefrau des jüdischen Rabbiners Dr. Galliner starb am späten Abend des 20. Dezember 1938 an den Folgen ihrer Erkrankung. Aufgrund der „Rassengesetze“ der Nazis durften überhaupt nur noch wenige jüdische Ärzte ausschließlich jüdische Kranke behandeln. Die an Krebs erkrankte Rosalia Galliner wurde daher nicht in einem Gelsenkirchener Krankenhaus, sondern im Jüdischen Krankhaus in Köln-Ehrenfeld aufgenommen. Dort verstarb sie, sicherlich auch an den Folgen der unmenschlichen Politik der Nazis. Ausgrenzung und Verfolgung hat sie am eigenen Leib verspürt.

Die Patenschaft des Stolpersteins für Johann Eichenauer hatte die Gelsenkirchener VVN-BdA übernommen.

Die Patenschaft des Stolpersteins für Johann Eichenauer hatte die Gelsenkirchener VVN-BdA übernommen.

So unterschiedlich die Menschen waren, zu deren Gedenken heute 22 Stolpersteine verlegt worden sind, haben sie doch eines gemeinsam: Sie alle waren Menschen, denen eine verbrecherische Politik das Recht auf ein Leben in Würde, ja ein Leben überhaupt abgesprochen hat. Wehren wir uns, dass es nicht wieder geschieht.

Supplement
Die lokale WAZ berichtete ausführlich unter dem Titel „Ein Name, ein Mensch, ein Leben in Gelsenkirchen“ über die Stolpersteinverlegung und legte einen weiteren Fokus auf den Stolperstein für Josef Wesener, einen wegen Homosexualität verfolgten Mann. Ein weiterer Bericht folgte auf der Internetseite der Arbeitsgruppe Stolpersteine.

Stolperstein verschwunden!

Stolperstein für Erich Lange in der Straße "Am Rundhöfchen" in der Gelsenkirchener Innenstadt - hier geschmückt anlässlich des 80. Jahrestages seiner Ermordung

Stolperstein für Erich Lange in der Straße „Am Rundhöfchen“ in der Gelsenkirchener Innenstadt – hier geschmückt anlässlich des 80. Jahrestages seiner Ermordung.

Auf dem Nachhauseweg bemerkte ich vorgestern, dass der Stolperstein für Erich Lange (Am Rundhöfchen), eines der ersten Opfer der Nazis in Gelsenkirchen, in der Baustelle am Heinrich-König-Platz spurlos verschwunden ist.

Seit dem 1. August 2011 erinnert ein Stolperstein am Ort seiner Ermordung in der Gelsenkirchener Innenstadt. Erich Lange teilt das Schicksal vieler sogenannter „kleiner Leute“, nicht nur in Gelsenkirchen. Wir wissen wenig über ihn, was wir wissen entstammt der Erinnerung seiner Jugendfreundin, der Antifaschistin Rosa Eck. Erich Lange wurde kurz nach seinem 20. Geburtstag, in der Nacht vom 21. auf den 22. März 1933, im Anschluss an einen Fackelzug der NSDAP, die den Wahlsieg bei den Stadtratswahlen feierte, von SS-Männern brutal ermordet. Es waren frühere „Kameraden“ Langes, von denen sich dieser 1932 losgesagt hatte als er in den kommunistischen „Kampfbund gegen den Faschismus“ eingetreten war. Den mutigen Schritt fassten die Nazis als „Verrat an der nationalen Sache“ auf und übten erbarmungslos Rache.

Seine Jugendfreundin berichtete später in ihren Erinnerungen, Freunde, die seine Leiche in der Leichenhalle noch einmal sehen konnten, wären kaum in der Lage gewesen, ihn wieder zu erkennen. Er sei „erschlagen, erschossen und zertreten worden.“ Ein Detail zeigt, dass die Nazis selbst noch auf den Toten herumgetrampelt haben müssen, denn er hatte auf der Wange den Abdruck eines SS-Stiefels.

Das vermeintliche Verschwinden des Stolpersteins klärte Andreas Jordan von der Arbeitsgruppe Stolpersteine inzwischen auf. Der Stolperstein soll in etwa drei Wochen in das erneuerte Pflaster wieder eingesetzt werden.

Antikriegstagskundgebung 2015 besucht Stolpersteine in der Innenstadt

Zum fünften Mal seit 2011 fand eine gemeinsame Kundgebung von friedensbewegten Personen aus verschiedenen Parteien und Organisationen anlässlich des Antikriegstages auf dem Preuteplatz statt. Eingeladen hatte das Bündnis gegen Krieg und Faschismus, welches zuletzt am 1. Mai diesen Jahres erfolgreich gegen den Aufmarsch der faschistischen Partei „Die Rechte“ mobilisiert hatte.

Antikriegstag 2015 - Abschlusskundgebung vor dem Hans-Sachs-Haus

Antikriegstag 2015 – Abschlusskundgebung vor dem Hans-Sachs-Haus

Am 1. September erinnern seit 1957 in Deutschland Gewerkschaften und Friedensbewegung gemeinsam an den Tag, an dem 1939 Nazi-Deutschland mit dem Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg entfesselte. In Gelsenkirchen ist allerdings alles anders, hier veranstaltet nach Jahren der Untätigkeit der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) seit dem vergangenen Jahr eine gesonderte Veranstaltung, die sich auch noch zeitlich mit unserer überschneidet. Bemühungen aus den Reihen des Bündnisses, zumindest die zeitliche Überschneidung zu vermeiden, trugen leider keine Früchte. An eine gemeinsame Veranstaltung ist wohl gar nicht zu denken.

Installation der Gelsenkirchener Linke zeigt am Antikriegstag 2015 das Massengrab Mittelmeer

Installation der Gelsenkirchener Linke zeigt am Antikriegstag 2015 das Massengrab Mittelmeer

Im Mittelpunkt des Antikriegstages standen wie jedes Jahr die existentiellen Fragen von Krieg und Frieden aus den unterschiedlichen Sichtweisen der Bündnispartner. In diesem Jahr lag ein weiterer Schwerpunkt auf die aktuelle Flüchtlingssituation. Schon im Aufruf titelte das Bündnis „Kriege sind eine Hauptursache für Flucht und Vertreibung!“ Das Programm bestand wieder aus Redebeiträgen und kulturellen Beiträgen. Transparente mit plakativen Aussagen umrahmten den Preuteplatz. Die Linke stellte mit einer einfachen Installation das Massengrab im Mittelmeer dar.

Antikriegstag 2015 - Die nordsyrische Stadt Kobanê war ein wichtiges Thema in Redebeiträgen und mit diesem Transparent

Antikriegstag 2015 – Die nordsyrische Stadt Kobanê war ein wichtiges Thema in Redebeiträgen und mit diesem Transparent

Ein wichtiges Thema ist nach wie vor auch in Gelsenkirchen die Situation in Kobanê. In dieser nordsyrischen Stadt an der Südgrenze zur Türkei wurde der sogenannte „Islamischen Staat“ erfolgreich zurückgeschlagen. Im Ergebnis wurden weite Teile der Stadt zerstört und müssen wieder aufgebaut werden. Zu den zentralen Forderungen gehört daher die nach einem humanitären Korridor durch die Türkei in die Region Rojava und nach Kobanê.

Zog der Demonstrationszug 2011 bis 2013 zum Mahnmal für die Opfer des Faschismus in den Stadtgarten und im vergangenen Jahr anlässlich der hundertsten Wiederkehr des Beginns des Ersten Weltkriegs 1914 zu einem Denkmal am Grillo-Gymnasium, ging es dieses Mal durch die Innenstadt zu Stolpersteinen, die an Menschen erinnern, die von den Nazis vertrieben wurden, vor ihnen flüchten mussten oder von ihnen ermordet wurden.

Antikriegstag 2015 - Zwischenkundgebung am Stolperstein für Erich Lange Ecke Am Rundhöfchen/Heinrich-König-Platz

Antikriegstag 2015 – Zwischenkundgebung am Stolperstein für Erich Lange Ecke Am Rundhöfchen/Heinrich-König-Platz

In der Von-der-Recke-Straße 10 erinnerte Knut Maßmann (VVN-BdA) an die Zwangsausweisung der Familie Krämer aus Deutschland und schilderte einige Hintergründe der sogenannten „Polenaktion“. An der Ecke Am Rundhöfchen/Heinrich-König-Platz erinnerte Ulla Möllenberg (VVN-BdA/DKP) an die Ermordung Erich Langes durch seine früheren Kameraden und zog daraus Schlüsse für die Gegenwart. Mitten in der Baustelle an der Ecke Ebertstraße 1/Robert-Koch-Straße erinnerte Heike Jordan (Arbeitskreis Stolpersteine) an die Familie Back, deren Kinder aufgrund der „Kindertransporte“ überleben konnten. Die Abschlusskundgebung fand dieses Jahr vor dem Hans-Sachs-Haus statt.

Antikriegstag 2015 - Zwischenkundgebung in der Baustelle Ecke Ebert-Straße 1/Robert-Koch-Straße

Antikriegstag 2015 – Zwischenkundgebung in der Baustelle Ecke Ebert-Straße 1/Robert-Koch-Straße

Redebeitrag zum Antikriegstag 2015 an Stolpersteinen der Familie Krämer

Stolpersteinverlegung für die Familie Krämer am 8. Oktober 2012

Stolpersteinverlegung für die Familie Krämer am 8. Oktober 2012

Seit dem 8. Oktober 2012 erinnern hier in der Von-der-Recke-Straße 10 vier Stolpersteine an die Familie Krämer, die weder in Polen noch in Deutschland eine Heimat finden durften. Darüber möchte ich euch kurz berichten.

Von der Reichspogromnacht 1938 haben alle schon gehört, die sogenannte „Polenaktion“ zwei Wochen vorher ist jedoch durch die nachfolgenden Ereignisse in Vergessenheit geraten.

Zwischen dem 27. und dem 29. Oktober 1938 wurden rund 17.000 Juden polnischer Staatsangehörigkeit in einer Nacht-und-Nebel-Aktion im gesamten Deutschen Reich verhaftet und nach Polen abgeschoben. Auslöser war eine Änderung des polnischen Passgesetzes, mit dem Polen die im Ausland lebenden jüdischen Staatsbürger auszubürgern beabsichtigte.

In Gelsenkirchen betraf die Aktion rund 80 jüdische Menschen jeden Alters, darunter auch die Familie Krämer. Zur Familie gehören der 43jährige Familienvater, Selig Uscher Krämer, seine 38jährige Frau Perla Krämer sowie die beiden Kinder, der 12jährige Max und die 5jährige Charlotte.

Vater Krämer und seine Frau stammten aus Otynia in Galizien in Südpolen. Ihr Sohn Max war noch dort am 3. März 1926 geboren worden. 1930 kamen sie aus Rotterdam nach Gelsenkirchen, wo am 12. Januar 1933 Tochter Charlotte geboren wurde.
Vater Krämer wurde am 28. Oktober 1938 nach Zbazyn in Polen abgeschoben, während Frau und Kinder in das sogenannte „Judenhaus“ an der damaligen Hindenburgstraße 38 (heute Husemannstraße) übersiedeln mussten.

Der polnische Historiker Jerzy Tomaszewski beschreibt in seinem Buch „Auftakt zur Vernichtung“ (Osnabrück 2002), dass in einigen Orten ganze Familien ohne Rücksicht auf das Alter und den Gesundheitszustand der Familienangehörigen ausgewiesen wurden, während in anderen Orten nur die Männer verhaftet wurden. Manche wurden mitten in der Nacht von Gestapo, SA oder SS aus ihren Wohnungen gescheucht und im Nachthemd mitgenommen, anderen wurde es erlaubt, ein wenig Handgepäck und Lebensmittel mitzunehmen.

An Bargeld durfte aufgrund der Devisenbestimmungen pro Person maximal 10 Reichsmark mitgenommen werden. Die Verhafteten wurden auf Polizeiposten oder in Gefängnissen, Turnhallen, Synagogen, Kasernen oder anderen Gebäuden untergebracht und nach Stunden zur Abfahrt der Sonderzüge zum Bahnhof gebracht.

In der Mehrzahl handelte es sich bei den Ausgewiesenen um kleine Leute, Händler, Handwerker, Freiberufler, Arbeiter, die schon länger im Deutschen Reich lebten und deren Verbindung zum polnischen Staat oft nur formeller Art war.

Die Abschiebung über die polnische Grenze erfolgte unter denselben katastrophalen Bedingungen wie die gesamte Aktion. Die Transporte mit der Reichsbahn trafen auf kleine Grenzübergänge, die dem Ansturm nicht gewachsen waren. Daneben wurden Gruppen von Juden unter Zurücklassung ihrer wenigen Gepäckstücke und unter Umgehung aller Passformalitäten über die grüne Grenze gejagt.

Die größte Anzahl Menschen, etwa 9000, wurde über den Grenzübergang Bentschen/Zbazyn nach Polen abgeschoben, wo die überforderten polnischen Behörden sie zunächst in Eisenbahnwaggons festgehalten und in ehemaligen Kasernen und Ställen untergebracht haben.

Zeitzeugen berichten von chaotischen Zuständen. Einem Teil der Ausgewiesenen ist es gelungen, sich mit Freunden oder Verwandten in Verbindung zu setzen und nach Zentralpolen weiter zu reisen, die meisten, etwa 7000, mussten jedoch auf Beschluss der polnischen Regierung bleiben und wurden in Zbazyn interniert.

Zwischen dem Dritten Reich und Polen begannen diplomatische Verhandlungen über das Schicksal der Ausgewiesenen und der noch in Deutschland befindlichen Familienmitglieder. Die deutsche Seite setzte ihre Position durch, nach der die Ausgewiesenen noch einmal an ihren früheren Wohnort zurückkehren konnten, um mit ihren Familien, persönlichen Gegenständen, evtl. der Wohnungs- oder Werkstatteinrichtung nach Polen auszureisen. Die Kosten mussten die Betroffenen selbst tragen.

Zu ihnen gehörte auch Vater Krämer, der am 13. April 1939 vorübergehend nach Gelsenkirchen zurückkehrte. Die ganze Familie wurde dann im Mai 1939 im Einwohnermeldeamt „nach Polen abgemeldet“.

Keine 4 Monate später, am 1. September 1939, entfesselte Nazi-Deutschland mit seinem Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg. Die Spuren der ausgewiesenen Juden verlieren sich zumeist in einem der unzähligen Ghettos. Zu vielen Opfern der „Polenaktion“ lassen sich jedoch bis heute keine genauen Aussagen treffen, ihre Schicksale bleiben auch nach heutigem Kenntnisstand ungewiss.

Dies betrifft auch die Familie Krämer. Ihre Spur verliert sich im Mai 1939, als sie Gelsenkirchen verlassen mussten.