Gunter Demnig verlegt zum neunten Mal Stolpersteine in Gelsenkirchen

Ein Blick in den Wagen von Gunter Demnig mit den für die Verlegungen vorbereiteten Stolpersteine. Im Vordergrund der Stein für Rosalia Elise Galliner.

Ein Blick in den Wagen von Gunter Demnig mit den für die Verlegungen vorbereiteten Stolpersteine. Im Vordergrund der Stein für Rosalia Elise Galliner.

Bereits zum neunten Mal seit 2009 kam der Aktionskünstler Gunter Demnig auf Einladung von Gelsenzentrum e.V. nach Gelsenkirchen. Den 139 bereits verlegten Stolpersteinen fügte er heute am 6. Oktober 2016 weitere 22 hinzu. Das größte, dezentrale Denkmal der Welt des Kölner Aktionskünstlers und Bildhauers wächst weiter. Weit über 50.000 Stolpersteine hat er in Deutschland und 18 weiteren europäischen Länder seit 1992 zur Erinnerung an die von Nazis verfolgten und ermordeten Menschen verlegt.

Die Stolpersteine erinnern symbolisch am letzten frei gewählten Wohnort an Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen von den Nazis verfolgt, entrechtet, vertrieben, deportiert oder ermordet worden sind. Sie erinnern ohne Unterschied an Juden, politisch Verfolgte, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Sinti und Roma, Behinderte. Man “stolpert” nicht im wörtlichen Sinn über die in das Straßenpflaster eingelassenen Gedenksteine. Wer auf sie beim Gehen aufmerksam wird, muss anhalten und sich vor dem Stein verbeugen, um Namen, Lebensdaten und Verfolgungsgrund zu lesen.

Die Verlegungen des heutigen Tages (Übersicht im Gelsenblog und Ankündigung in der Buerschen WAZ) begannen mit einer deutlichen Verspätung, da Demnig auf seinem Weg von Köln nach Gelsenkirchen in einen Stau geraten war. Doch während wir mit mehreren Interessierten am Verlegort in der Markenstraße mehr als eine halbe Stunde auf den Künstler warten mussten, hatten wir Zeit, uns die Erinnerungen einer Zeitzeugin an die Geschehnisse der Vergangenheit anzuhören. Die Verlegung selbst nahm Demnig nach seinem Eintreffen routiniert vor, während die jeweiligen Stolperstein-Paten aus der Lebensgeschichte der betroffenen Personen berichteten.

Gunter Demnig vor dem Haupteingang des Grillo-Gymnasiums in der Hauptstraße 60.

Gunter Demnig vor dem Haupteingang des Grillo-Gymnasiums in der Hauptstraße 60.

Das größte und zugleich jüngste Publikum hatte der Bildhauer vor dem Grillo-Gymnasium. Hier setzte er umringt von zahlreichen Schülerinnen und Schülern die ersten sechs Stolpersteine für jüdische Schüler, die das damalige Städtische Realgymnasium für Jungen verlassen mussten, in das Straßenpflaster ein. Die Stolpersteine, die an Albert Gompertz, Günter Schönenberg, Hermann Cohn, Ernst Back, Horst Karl Elias und Erich Lilienthal erinnerten, wurden ihnen mit den Worten „Hier lernten“ gewidmet.

Großer Andrang von Schülerinnen und Schüler herrschte zur Stolpersteinverlegung vor dem Grillo-Gymnasium.

Großer Andrang von Schülerinnen und Schüler herrschte zur Stolpersteinverlegung vor dem Grillo-Gymnasium.

Auch an zwei Menschen, die aufgrund ihrer politischen Überzeugung ermordet worden waren, wurde an diesem Tag mit je einem Stolperstein erinnert. In der Liebfrauenstraße 38 wurde an Rudolf Littek, in der Schlangenwallstraße 9 an Johann Eichenauer erinnert. Beide kommunistischen Widerstandskämpfer wurden im Zuge der Zerschlagung der Zielasko-Gruppe verhaftet. Sie wurden vor Gericht zwar „freigesprochen“, aber im faschistischen Staat nicht freigelassen. Beide Männer starben auf den „schwimmenden KZs“ in der Lübecker Bucht.

Eine besondere Bedeutung hat für mich die Verlegung eines Stolpersteins für Rosalia Elise Galliner, geborene Stern, in der Munckelstraße 5 gegenüber dem Hans-Sachs-Haus. Die Ehefrau des jüdischen Rabbiners Dr. Galliner starb am späten Abend des 20. Dezember 1938 an den Folgen ihrer Erkrankung. Aufgrund der „Rassengesetze“ der Nazis durften überhaupt nur noch wenige jüdische Ärzte ausschließlich jüdische Kranke behandeln. Die an Krebs erkrankte Rosalia Galliner wurde daher nicht in einem Gelsenkirchener Krankenhaus, sondern im Jüdischen Krankhaus in Köln-Ehrenfeld aufgenommen. Dort verstarb sie, sicherlich auch an den Folgen der unmenschlichen Politik der Nazis. Ausgrenzung und Verfolgung hat sie am eigenen Leib verspürt.

Die Patenschaft des Stolpersteins für Johann Eichenauer hatte die Gelsenkirchener VVN-BdA übernommen.

Die Patenschaft des Stolpersteins für Johann Eichenauer hatte die Gelsenkirchener VVN-BdA übernommen.

So unterschiedlich die Menschen waren, zu deren Gedenken heute 22 Stolpersteine verlegt worden sind, haben sie doch eines gemeinsam: Sie alle waren Menschen, denen eine verbrecherische Politik das Recht auf ein Leben in Würde, ja ein Leben überhaupt abgesprochen hat. Wehren wir uns, dass es nicht wieder geschieht.

Supplement
Die lokale WAZ berichtete ausführlich unter dem Titel „Ein Name, ein Mensch, ein Leben in Gelsenkirchen“ über die Stolpersteinverlegung und legte einen weiteren Fokus auf den Stolperstein für Josef Wesener, einen wegen Homosexualität verfolgten Mann. Ein weiterer Bericht folgte auf der Internetseite der Arbeitsgruppe Stolpersteine.

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