Stolperstein-Geschichte: Helene Lewek

Stolperstein für Helene Lewek am Neustadtplatz symbolisch niedergelegt.

Wir erinnern an diesem 27. Januar an die erste Deportation Gelsenkirchener Juden in das Ghetto Riga und an Helene Lewek, die sich der Deportation durch Freitod entzog.

Helene Lewek wurde am 29. Juli 1881 in Mikstat (auch Mixstadt) geboren. Der Ort kam während der polnischen Teilungen zu Preußen, gehörte von 1815 bis 1919 zur preußischen Provinz Posen und ab 1871 zum Deutschen Reich. Damit war sie deutsche Staatsbürgerin. Ins Ruhrgebiet kam sie vermutlich wie viele andere Menschen in der Zeit auch, weil es hier Arbeit gab. Sie wohnte im Haus Neustadtplatz 6 (früher Moltkeplatz).

Gunter Demnig hat am 22. Juni 2010 zwei Stolpersteine für sie in Gelsenkirchen verlegt, einen am Wohnort und einen an der Wildenbruchstraße vor der Polizeiwache. Beide Orte zeigen die schrittweise Ausgrenzung der Juden. Das Haus am früheren Moltkeplatz wurde in der Nazi-Zeit zu einem der sogenannten „Judenhäuser“, in die alle Juden aus ihren bisherigen Wohnungen umziehen mussten. Es handelte sich um eine Ghettoisierung. Die Belegung der Häuser wurde immer weiter gesteigert, bis pro Familie nur noch jeweils ein Raum zur Verfügung stand. Die sanitären Anlagen wurden gemeinsam genutzt.

Stolperstein für Helene Lewek am letzten frei gewählten Wohnort Neustadtplatz 6.

Die Ausstellungshalle, an die heute nichts mehr erinnert, wurde 1925 mit einer Kochkunst und Gewerbeausstellung eingeweiht und 1944 aus Luftschutzgründen abgerissen. Im Januar 1942 wurde sie für wenige Tage zu einem Sammellager für die erste große Deportation Gelsenkirchener Juden. In der Wildenbruchstraße erinnert der Stolperstein daran, dass sich Helene Lewek im Alter von 60 Jahren der Deportation durch Flucht in den Tod entzog. Zugleich erinnert dieser Stolperstein symbolisch an die Geschichte des Ortes.

Die in der Ausstellungshalle „gesammelten“ 355 Menschen mussten am 27. Januar 1942 zu Fuß zum Güterbahnhof laufen und wurden in das Ghetto Riga (Lettland) deportiert, die wenigsten von ihnen überlebten das Ghetto Riga, das KZ Kaiserwald und weitere Lager.
Sie kamen in ein Ghetto, das lettische SS-Leute zuvor „freigemacht“ haben, indem sie die lettischen Juden in den nahen Wäldern von Rumbula erschossen. Ein Zeitzeuge berichtete: „Es lagen noch Essensreste auf dem Tisch, und die Öfen waren noch warm … Später habe ich dann erfahren, dass kurze Zeit vor Eintreffen unseres Transports lettische Juden erschossen wurden.“

Stolperstein Wildenbruchstraße 13 vor der Polizeiwache.

Die Chronik der Stadt Gelsenkirchen verzeichnet für den 27. Januar 1942: „In den städtischen Ausstellungshallen ist ein Judensammeltransport zusammengestellt worden. Es handelt sich um 506 Juden aus dem Präsidialbezirk Recklinghausen, die heute nach den Ostgebieten evakuiert werden. Unter ihnen befinden sich 350 Personen aus Gelsenkirchen. Vorerst verbleiben in unserer Stadt noch 132 meist alte und kränkliche Juden“. Ein zweiter Transport ging am 31. März 1942 nach Warschau, ein dritter am 27. Juli 1942 nach Theresienstadt. Insgesamt haben von 615 deportierten Juden aus Gelsenkirchen nur 105 überlebt. Eine städtische Erinnerungsortetafel fehlt am Ort des ehemaligen Sammellagers bis heute.

Quelle und weitere Informationen. Ein ausführlicher Beitrag über Stolpersteine und Erinnerungsarbeit erscheint ebenfalls am heutigen Tag auf der Webseite der Gelsenkirchener VVN-BdA.

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