Archiv der Kategorie: Nachbarstädte

„Damit Vergangenheit nicht Zukunft wird!“

Ein altes, aber noch immer aktuelles Transparent der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, hier von jungen Antifaschisten durch die Essener Innenstadt getragen. (Foto: Thorsten Jannoff)

Eine beeindruckende Gedenkveranstaltung, die nicht in der Vergangenheit stehen blieb, sondern auch die Gegenwart in den Blick nahm, fand heute Abend in der Essener Innenstadt statt. Rund 400 Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren dem gemeinsamen Aufruf von vier Institutionen, dem antirassistischen und antifaschistischen Bündnis „Essen stellt sich quer“, der Alten Synagoge Essen, dem Schauspiel Essen (Grillo-Theater) und der VVN-BdA gefolgt. Die Veranstaltung stand unter dem Motto: „80 Jahre Pogromnacht – Nie Wieder! Damit Vergangenheit nicht Zukunft wird!“

Die Veranstaltung begann um 18 Uhr auf dem Edmund-Körner-Platz neben der Alten Synagoge Essen mit Reden von Sonja Neuhaus für „Essen stellt sich quer“ und dem Leiter der Alten Synagoge, Uri Kaufmann. Von hier aus führte die Gedenkdemonstration durch die bereits geschmückte Essener Innenstadt zum Theaterplatz (Grillo-Theater), wo die Abschlusskundgebung stattfand. Hier betonte Christian Tombeil, Intendant des Schauspiel Essen, die Freiheit der Kunst und stellte die „Erklärung der Vielen“ vor.

Die Rednerinnen und Redner schilderten schlaglichtartig die historischen Ereignisse und zeigten gefährliche Parallelen in unserer Gegenwart auf. In mehreren Reden wurde Bezug auf aktuelle Umfrageergebnisse über wachsende rechtsextreme Einstellungen genommen. Der Schwur von Buchenwald wurde ebenso zitiert wie Auszüge aus Bertolt Brechts Rede für den Frieden vorgetragen wurde.

Joshi Stiegle, Schüler des Maria-Wächtler-Gymnasiums, berichtete über Eindrücke von Besuchen an den von den Nazis errichteten Vernichtungsorten im damals Deutsch besetzten Polen und rief dazu auf, die Vergangenheit nicht zu vergessen. Zum Abschluss sprach Rosel Vadehra-Jonas für die VVN-BdA (Redetext weiter unten ergänzt).

Bemerkenswert fand ich, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Gedenkveranstaltung, übrigens eine bunte Mischung von jung und alt, bis zum Schluß blieben und aufmerksam den Rednerinnen und Rednern folgten. Die Kundgebung endete gegen 19.30 Uhr und die Veranstaltung löste sich nur sehr langsam auf. Fast schien es mir, als sollte der Widerstand gegen den aufkommenden Rechtsextremismus gleich beginnen.

Die Alte Synagoge Essen als Kundgebungsort zur Erinnerung an die Reichspogromnacht 1938 – hier am 09. November 2017.

Zum 09. November 2018 – 80 Jahre Reichspogromnacht
von Rosel Vadehra-Jonas (VVN-BdA)

Meine Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freunde,

mit der heutigen Veranstaltung wollen wir erinnern und mahnen.

Wir erinnern an das Judenpogrom in unserem Land im November vor 80 Jahren, an die Ausschreitungen gegen jüdische Mitbürger und jüdische Einrichtungen, Synagogen, Geschäfte und private Wohnungen. Wir wollen an die Opfer erinnern und Ihrer gedenken. Allein im Zusammenhang mit den Ausschreitungen vom 7. – 10, November 1938 wurden in Deutschland nach Schätzungen von Historikern 1.300 – 1.500 jüdische Menschen umgebracht oder in den Tod getrieben und rund 30.000 in Konzentrationslager verschleppt.

Die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 war der vorläufige Höhepunkt einer unfassbaren Entwicklung. Ihre Bilanz waren rund 6 Millionen grausam ermordeter Jüdinnen und Juden und ein Krieg, der mehr als 50 Millionen Menschenleben forderte.

Diese unheilvolle Entwicklung hatte eine Vorgeschichte. Sie begann bereits in den 20-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts mit dem rasanten Anwachsen einer neugegründeten rechtsextremen Partei. Diese Partei, die NSDAP, wurde zunächst nicht erst genommen; am allerwenigsten ihr Führer. Doch sie schaffte es mit Demagogie, mit populistischen Phrasen und Versprechungen, Wähler zu beeindrucken. Dabei scheute sie vor Gewalt nicht zurück. Ich erinnere an die organisierten Aktionen der SA seit den zwanziger Jahren, an die von ihr provozierten Saalschlachten und Straßenkämpfe mit politischen Gegnern. Es war die gleiche SA, mit deren Hilfe 1933 der Boykott jüdischer Geschäfte, Kanzleien und Arztpraxen durchgesetzt wurde und die aktiv an den Ausschreitungen im November 1938 mitwirkte.

Als Sündenböcke für die desolate Lage der Bevölkerung während der Weltwirtschaftskrise wurden damals von der neuen Partei der Marxismus und das internationale Judentum angeprangert und zu Feindbildern gemacht.

Heute haben wir in Deutschland wieder eine neu rechtsextreme Partei, die innerhalb kurzer Zeit in den Bundestag und in alle Landtage einziehen konnte, während die etablierten Parteien das Vertrauen vieler Wähler verlieren.

Mit populistischen Parolen, die teilweise dem Nazijargon entliehen sind, geht sie auf Stimmenfang. Opfer des Naziregimes werden verunglimpft. Das Holocaust-Mahnmal in Berlin wurde als Denkmal der Schande bezeichnet. Erst kürzlich wurde Graf Staufenberg, einer der führenden Persönlichkeiten beim Attentatsversuch auf Hitler, als Feigling beschimpft.

Im Bundestag hat die AfD als stärkste Fraktion der Opposition inzwischen ein Forum, das es ihr ermöglicht, ihre Parolen medienwirksam zu verbreiten. Ich erinnere an Begriffe wie Kopftuchmädchen und messerstechende Männer im Zusammenhang mit der Debatte um Zuwanderung. Gestern im Bundestag hetzt die AfD, aus dem Nationalstaat solle eine Siedlungsgebiet für Einwanderer aus allen Krisengebieten der Welt gemacht werden.

In den letzten Jahren hat sich etwas verändert in unserem Land. Die Parallelen zu den zwanziger Jahren sind erschreckend.

Antisemitische Ausschreitungen gab es im Nachkriegsdeutschland leider immer wieder. Jetzt sind neue Feindbilder dazu gekommen: die Migranten und der Islam. Heute haben Menschen in Deutschland wieder Angst vor Xenophobie, Antisemitismus und Rassenhass.

Heute gibt es wieder martialische Aufmärsche von Rechtsextremisten bei denen der Hitlergruß gezeigt wird. Mit Slogans wie ‚Deutschland den Deutschen. Ausländer raus. ‘ wird Rassenhass geschürt.

Der Brandanschlag von Solingen und die Morde des NSU machen deutlich, dass sich der Hass nicht nur gegen Flüchtlinge, sondern auch gegen Menschen richtet, die vor Jahrzehnten als Arbeitskräfte angeworben wurden, und die seitdem hier arbeiten, Steuern zahlen, in die Sozialversicherung einzahle, ihren Kindern eine qualifizierte Ausbildung ermöglichen, d.h. gegen Menschen, die in unsere Gesellschaft integriert sind – so wie vor 1933 die Juden in Deutschland.

Weitgehend abgeschirmt von der Öffentlichkeit gibt es in einer Reihe von Städten rechte Kampfsportclubs, in denen junge Männer darin trainiert werden, einen Gegner mit körperlicher Gewalt auszuschaltet. Die Regeln sportlicher Fairness bleiben dabei außer Acht. (Vgl. Monitor vom ?.10.2018). Was könnte geschehen, wenn diese Leute Aufzüge von Rechtsextremen begleiten und sie ihre Kräfte an Gegendemonstranten messen würden!

Besorgniserregend ist, dass Menschen, deren Aufgabe es sein sollte, die Demokratie zu schützen, Mitglieder des Verfassungsschutzes oder der Polizei, an rechtsextremen Aufmärschen mitwirken – nicht etwa als Ordnungskräfte oder als verdeckte Ermittler, sondern als Sympathisanten der Veranstalter oder auch als ein aktives Mitglied der AfD. (FAZ vom 21.09.2018)

Der inzwischen in den einstweiligen Ruhestand versetzt Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, hat in diesen Tagen in seiner aufschlussreichen Abschiedsrede vor den Chefs aller europäischen Inlandsgeheimdienste gezeigt, welcher Geist beim Verfassungsschutz vorherrscht. Er sprach von ‚linkradikalen Kräften in der SPD‘, von
‚Falschberichterstattung‘, die Meldungen über eine Hetzjagd auf Ausländer in Chemnitz seien frei erfunden. (Spiegel Online,05.11.18)

Als 1938 die Synagogen brannten hat die Bevölkerung tatenlos zugesehen. Viele haben Beifall geklatscht. Zu Recht fragen sich Nachgeborene: Wie war das möglich? Darauf gibt es eine Antwort: Die Menschen in Deutschland waren entweder überzeugte Nazis oder willfährige Mitläufer. Oder aber sie schwiegen aus Angst vor Verfolgung.

Hitler wurde am 30. Januar zum Reichskanzler ernannt. Bereits nach wenigen Tagen begann der Terror gegen alle, die sich den Nazis widersetzten. Im Februar 1933 gab es die ersten Massenverhaftungen. Eine Anmerkung am Rande: Auch meine Mutter gehörte zu denjenigen, die damals verhaftet wurden. Ohne Begründung, ohne rechtsstaatliches Verfahren, ohne Urteil war sie 4 Wochen lang inhaftiert.

1933 wurden die ersten Konzentrationslager errichtet. Die ersten, die diese Lager füllten, waren die politischen Gegner des Naziregimes; unter ihnen auch ein Bruder meiner Mutter, den man im Alter von 19 Jahren in das KZ Breitenau bei Kassel verschleppte. So wurde die Bevölkerung eingeschüchtert.

1938 war die Opposition in Deutschland ausgeschaltet. Die Gegner des Regimes – soweit sie noch am Leben waren – befanden sich entweder im Zuchthaus, im KZ oder in der Emigration. In Abwandlung eines bekannten Spruchs von Martin Niemöller kann man sagen: Als die Synagogen brannten, war keiner mehr da, der protestiert hätte.

Heute ist unsere Demokratie wieder in Gefahr. Erst vorgestern wurde eine Studie der Universität Leipzig vorgestellt. Sie kam zu dem Ergebnis, dass die Fremdenfeindlichkeit in der Bevölkerung zunimmt und dass rechtsextreme Gruppen verstärkt in der Öffentlichkeit auftreten. (ARD Tagesschau; 07.11.2018, 20.00 Uhr)

Politik, Behörden und Justiz müssen handeln und mit allen verfügbaren Mitteln der bedrohlichen Rechtsentwicklung Einhalt gebieten.

Die NPD wurde vom Verfassungsgericht nicht verboten, weil sie so unbedeutend sei. Dieses Argument kann heute nicht mehr gebracht werden angesichts der Wahlergebnisse der AfD und des Zulaufs von Pegida und ähnlichen Gruppen. Es genügt nicht, von Wutbürgern zu sprechen und Verständnis zu zeigen für die Sorgen der ‚normalen‘ Bürger, die sich rechtsradikalen Aufmärschen anschließen), Auch die Nazis kamen legal an die Macht. Volksverhetzung und das Zeigen von Nazisymbolen oder des Hitlergrußes sind strafbare Handlungen, die geahndet werden müssen.

An dieser Stelle möchte ich ausdrücklich betonen, dass kriminelle Delikte – von wem auch immer sie begangen werden – ohne Wenn und Aber zu bestrafen sind. Sie dürfen aber keineswegs zu einer pauschalen Verurteilung aller Migranten missbraucht werden.

Im Zusammenhang mit der Debatte um Flüchtlinge und Asylrecht sollten wir gerade heute, am Jahrestag der Reichspogromnacht daran erinnern, dass zahllose Deutsche nur deshalb die Zeit des Naziterrors überleben konnten, weil es ihnen gelang, ins Ausland zu fliehen und dort Aufnahme fanden.

Mit unserer heutigen Zusammenkunft wollen wir erinnern und mahnen. Wir wollen unsere Besorgnis über die zunehmende Intoleranz in Deutschland zum Ausdruck bringen. Wir wollen Stellung beziehen gegen Antisemitismus, Xenophobie, Rassismus, Dabei sollten uns die Menschen, die sich einst dem Naziregime entgegenstellten, Vorbild sein.

Rosel Vadehra-Jonas wurde 1940 in Dörnigheim am Main geboren, sie ist Diplom-Volkswirtin und war bis 1977 als Dozentin in der Erwachsenenbildung des DGB tätig. Sie hat zwei Kinder und wohnt in Essen. Ihre Familie wurde von den Nazis verfolgt. Fünf nahe Angehörige wurden inhaftiert, die Mutter u.a. im KZ Ravensbrück, ein Onkel im KZ Breitenau und im KZ Buchenwald, danach kam er „zur Bewährung“ ins Strafbataillon 999. Von 1990 bis 1994 war Rosel Vadehra-Jonas Bundessprecherin der VVN-BdA und von 1997 bis 2007 Vorsitzende der Lagergemeinschaft Ravensbrück/Freundeskreis e.V., wo sie sich auch heute noch engagiert.

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„Unser Nein zum Krieg ist ein Ja zum Leben“

Friedensdemonstration in Essen am 06.10.2018 gegen die NATO-Kriegskonferenz.

Zum vierten Mal rief das Essener Friedensforum zu einer Demonstration gegen die jährliche NATO-Kriegskonferenz in unserer Nachbarstadt auf. Gegen einen für Militärs auch in Europa führbaren Krieg wendet sich ein breites Bündnis und fordert Konfliktlösungen durch Verhandlungen in den Institutionen kollektiver Sicherheit, wie der OSZE und der UNO. Ein „großer Krieg“, der nach Einschätzung der Militärs seinen Ausgangspunkt im Osten Europas haben könnte, würde unseren ganzen Kontinent in ein Inferno stürzen. Abrüsten statt Aufrüsten ist das Gebot der Stunde. „Unser Nein zum Krieg ist ein Ja zum Leben.“ heißt es in der Erklärung der Friedensdemonstration.

Seit 2015 gibt es im Herbst in der Messe Essen Kriegsplanungs-Konferenzen hoher NATO-Militärs, organisiert von der Kalkarer NATO-Einrichtung „Joint Air Power Competence Centre“ (JAPCC). Das JAPCC ist eines von derzeit 24 steuerfinanzierten NATO-Zentren außerhalb der Kommando-Struktur der NATO, um Führungskräfte zu qualifizieren und Strategien für die Kriegsführung im 21. Jahrhundert – auch in Europa – zu entwickeln. Die Konferenzen werden unter anderem von den Atomrüstungskonzernen Lockheed Martin und General Atomics gesponsert. Die für Oktober 2018 geplante Konferenz wird unter dem Titel „Im Nebel des Tages Null – Luft und Weltraum an der Frontlinie“ eingeladen. Die Stunde Null gilt für die Militärs als Beginn des Krieges.

Friedensdemonstration in Essen am 06.10.2018 gegen die NATO-Kriegskonferenz.

Die Demonstration begann am 6. Oktober um zwei vor zwölf mit einer Kundgebung vor dem RWE-Turm in Essen, der Firmenzentrale des Umwelt zerstörenden Energiekonzerns. Noch zwei weitere Demonstrationen für das Leben fanden an diesem Tag statt, an die Grußworte der Essener Friedensdemonstration gerichtet waren. In Bochum fand eine weitere Demonstration der Initiative „Seebrücke“ statt, die sich für die Seenotrettung von geflüchteten Menschen im Mittelmeer einsetzt und im Hambacher Forst veranstalteten die Aktivisten mit mehreren zehntausend Demonstranten die größte Demonstration des Wochenendes und feierten den vorläufigen Stopp der Rodung. Die Friedensdemonstration sprach sich in den Grußworten für ein solidarischen, friedliches und zukunftsverträgliches Zusammenleben aus und eine Gesellschaft, „in der der Schutz des Lebens Priorität vor allem hat.“

Friedensdemonstration in Essen am 06.10.2018 gegen die NATO-Kriegskonferenz.

Die Breite des Bündnisses in Essen zeigte die Rednerliste. Vor dem RWE-Turm sprachen Bernhard Trautvetter (Essener Friedensforum), Arno Klare (SPD) und Alexander Neu (Die Linke), die Musik dazu und gegen RWE spielte der unnachahmliche Klaus, der Geiger. Von dort aus zog der Demonstrationszug mit schätzungsweise 200 Personen zum Kennedyplatz, wo eine weitere Kundgebung mit Jürgen Rose (Darmstädter Signal kritischer Soldaten) und Walter Wandtke (Bündnis 90/Die Grünen) stattfand. War man am RWE-Turm weitgehend unter sich, so befand sich die Kundgebung am Kennedyplatz in der Mitte der Innenstadt, umgeben von Passanten in Cafes und Restaurants.

Friedensdemonstration in Essen am 06.10.2018 gegen die NATO-Kriegskonferenz.

Wirtschaftsführer und Kriegsgewinnler

Buchveröffentlichung des RuhrEcho-Verlags, Bochum.

„Verbrechen der Wirtschaft“ von Günter Gleising zeigt Anteil und Interesse der Ruhrbarone und von führenden Industriellen Deutschlands an der Errichtung der Nazi-Herrschaft, an der Aufrüstungs- und Kriegspolitik und der Ausplünderung der eroberten Gebiete. Das Kriegsende 1945 bedeutete für ihre Geschäfte nur eine kurze Unterbrechung, die bald wieder florierten.

Günter Gleising, Mitglied der VVN-BdA Bochum, stellt deutlich die Interessen der wirtschaftlichen Elite der Weimarer Republik dar, die gegen Republik, Betriebsräte und Gewerkschaften und für die Wiederaufrüstung nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg standen. Ausgehend von der Fragestellung, wie es der NSDAP gelingen konnte, innerhalb weniger Jahre von einer Splittergruppe zur einflussreichsten Kraft Deutschlands zu werden und wie es Nazi-Deutschland innerhalb von sechs Jahren gelingen konnte, halb Europa mit Krieg zu überziehen, zeigt er die Unterstützung, die Hitler und seine Partei durch führende Industrielle genoss.

Begünstigt wurde die Machtstellung der Wirtschaft durch eine beispiellose Konzentration der Schwerindustrie im Ruhrgebiet, die Krupp, Thyssen, Flick und anderen einen außerordentlichen Einfluss gab, während gleichzeitig die katastrophalen Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise auf die kleinen Leute abgewälzt wurde. Das Interesse der Wirtschaftsführer an der Beseitigung aller demokratischen und humanistischen Hemmnisse, die ihrem Gewinnstreben entgegenstanden, traf sich mit Hitlers politischem Programm und Politik.

Gleising belegt anhand zahlreicher Dokumente, wie Hitler und die NSDAP ab 1925 ihre Macht ausbauen und dabei durch führende Industrielle unterstützt wurden, bis ihm am 30. Januar 1933 vom Reichspräsidenten Hindenburg die Kanzlerschaft angetragen wurde. Mit der Machtübertragung an die Nazis begann für die Konzerne wieder das große Geschäft: Rüstungsaufträge, Arisierungen, Ausplünderung eroberter Gebiete und Sklavenarbeit bildeten das Geschäftsmodell, dass Gleising anhand zahlreicher Beispiele aus Bochum und den Nachbarstädten zeigt.

Bei allem Lob für die Veröffentlichung darf eine Kritik an der faktenreichen Darstellung nicht fehlen: gelegentlich hat man als geneigter Leser den Eindruck, von der Vielzahl der Fakten schier erschlagen zu werden ohne die Gelegenheit zu bekommen, beim Lesen innezuhalten. Trotzdem gibt es eine klare Empfehlung für dieses Buch, das sich nahtlos in die Spurensuche und Kennzeichnung der Tatorte der „Verbrechen der Wirtschaft an Rhein und Ruhr 1933-1945“ der VVN-BdA NRW einfügt und weit darüber hinausweist.

Lesenswert ist „Verbrechen der Wirtschaft“ auch nicht nur als historische Darstellung. In seinem Vorwort erinnert Ulrich Sander, Bundessprecher der VVN-BdA daran, dass die Ministerin Andrea Nahles 2016 aus dem Armutsbericht der Bundesregierung einen Satz streichen ließ, der den Einfluss der Reichen auf die Politik zeigt. Trotzdem – eine Binsenweisheit – besteht dieser Einfluss 1933 wie heute. Günter Gleisings „Verbrechen der Wirtschaft“ zeigt am historischen Beispiel, was zuviel Macht auf der Kapitalseite anrichtet. So ist aus dieser Geschichte zu lernen, dass und warum sie sich nicht wiederholen darf.

Gleising, Günter: Verbrechen der Wirtschaft. Der Anteil der Wirtschaft an der Errichtung der Nazidiktatur, der Aufrüstungs- und Kriegspolitik im Ruhrgebiet 1925-1945, RuhrEcho Verlag, Bochum, 2017, 267 Seiten, 18 Euro

Menschenkette gegen Rassismus in Bochum

Menschenkette in Bochum am 18. Juni 2016.

Menschenkette in Bochum am 18. Juni 2016.

Nach Angaben des WDR haben heute Mittag rund 8500* Menschen unter dem Motto „Hand in Hand gegen Rassismus – für Menschenrechte und Vielfalt!“ in Bochum demonstriert. Vom Rathaus über den Hauptbahnhof und zum Kirmesplatz zog sich die Menschenkette durch die Bochumer Innenstadt.

An einigen Stellen, wie zum Beispiel vor dem Hauptbahnhof, standen die Menschen in mehreren Reihen hintereinander. Auch das Wetter war auf der Seite der Antirassisten: Nach dem regnerischen Vormittag kam mittags die Sonne heraus. Vor allem letzteres freute uns Demonstranten.

Innensicht der Menschenkette vor dem Bochumer Hauptbahnhof.

Innensicht der Menschenkette vor dem Bochumer Hauptbahnhof.

Aufgerufen hatte das Bochumer Bündnis für Arbeit und soziale Gerechtigkeit mit einer Vielzahl von Unterstützern, von Amnesty International über Gewerkschaften, Sozialverbände und Parteien bis zum Schauspielhaus Bochum und dem Oberbürgermeister der Stadt Bochum Thomas Eiskirch.

Direkt nach der Sambagruppe folgten Mitglieder der VVN-BdA aus Bochum, Essen und Gelsenkirchen mit dem Transparent aus Essen.

Direkt nach der Sambagruppe folgten Mitglieder der VVN-BdA aus Bochum, Essen und Gelsenkirchen mit dem Transparent aus Essen.

Angeführt von einer bunten Samba-Gruppe, die mit ihren Trommeln einen wundervollen Rythmus erzeugten, wurde die Menschenkette vor dem Hauptbahnhof zu einem Demonstrationszug zum Dr.-Ruer-Platz, wo der Kundgebung ein umfangreiches Kulturprogramm folgte.

Kundgebung und Kulturprogramm auf dem Dr.-Ruer-Platz.

Kundgebung und Kulturprogramm auf dem Dr.-Ruer-Platz.

Die Bochumer Menschenkette ist die Auftaktveranstaltung dieses Wochenendes. Am Sonntag folgen weitere Menschenketten in Hamburg, Berlin, Leipzig und München. Neben diesen großen Städten haben sich weitere Menschenketten in kleineren Städten gebildet. Sie alle wollen anlässlich des Weltflüchtlingstages am 20. Juni ein Zeichen setzen: Gegen Fremdenhass und für Menschlichkeit, Vielfalt und Weltoffenheit.

Menschenkette* Ursprünglich hatte der WDR mehr als 4000 Menschen gemeldet.

Eindrücke vom außerordentlichen Bundeskongress der VVN-BdA

Tagungsort im "Jahrhunderthaus" in Bochum - hier ein Foto von einem Bild im Tagungsraum.

Tagungsort im „Jahrhunderthaus“ in Bochum – hier ein Foto von einem Bild im Tagungsraum.

„Erinnerungsarbeit und Geschichtspolitik“ waren das Thema des außerordentlichen Bundeskongresses der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten in der Nachbarstadt Bochum. Vom 27. bis 29. Mai 2016 tagten rund 120 Delegierten aus der Bundesrepublik im Jahrhunderthaus. Dies war kein Kongress in dem es darum ging, Beschlüsse zu fassen, sondern Diskussion und Erfahrungsaustausch standen im Vordergrund.

Für die Helfer begann der erste Kongresstag bereits gegen Mittag. Foyer und Tagungsraum wollten vorbereitet werden, außerdem galt es, eine Palette Pappkartons in Würfel zu falten. Dank zahlreicher Helfer gelang das alles relativ schnell. Im Foyer und im Tagungsraum wurden verschiedene Infostände aufgebaut, vom Bochumer Ruhrecho-Verlag, über die Kinder des Widerstands und r-mediabase bis zu den Spanienkämpfern. Weitere Infostände folgten im Laufe des Tages.

Blick ins Foyer während des Aufbaus der Infostände.

Blick ins Foyer während des Aufbaus der Infostände.

Die offizielle Anmeldung begann ab 17.30 Uhr, Beginn des Kongresses war 19 Uhr. Nach kurzen Begrüßungsreden und einer inhaltlichen Einleitung durch Ulrich Schneider war das zentrale Thema dieses ersten Abends die Darstellung der Nazi-Vergangenheit im Internet. Am Beispiel des Suchbegriffs „Waffen SS“ zeigten Thomas Willms und Liza Mikosch die Suchergebnisse bei google, insbesondere die Ergebnisse der Bilder- und Videosuche. Eine Schocktherapie.

Der zweite Kongresstag stand im Zeichen der Diskussion und des Austausches. Fünf zentrale Themen wurden im Rahmen des „World-Cafés“ bearbeitet. Dabei handelt es sich um eine Moderations-Methode für Großgruppen, die alle Delegierten dazu animierte, in wechselnden Kleingruppen miteinander zu reden. Die Gruppen wechselten nach jeweils 30 Minuten, ein „Gastgeber“ verblieb jeweils am Gruppentisch um der neuen Gruppe die Ergebnisse zu präsentieren. Eine Gruppe benötigte mehr Zeit für die Diskussion und blieb daher 60 Minuten zusammen.

Blick in den Tagungsraum während des "World-Cafés".

Blick in den Tagungsraum während des „World-Cafés“.

Die Ergebnisse wurden auf Karten und Pinnwände festgehalten und nach dem dritten Durchgang zur Präsentation vorbereitet. So entstanden jeweils umfangreiche Präsentationen zu den folgenden Themen:
* Jugendgerechte Formen der Erinnerungsarbeit
* Gedenkarbeit in der Migrationsgesellschaft
* Eigene Bildungsarbeit
* „offizielle“ versus „alternative“ Geschichtspolitik
* Zeugen der Zeugen

Ergebnispräsentationen zum Thema "offizielle" versus "alternative" Geschichtspolitik.

Ergebnispräsentationen zum Thema „offizielle“ versus „alternative“ Geschichtspolitik.

Am Nachmittag wurden im Rahmen des „Marktes der Möglichkeiten“ verschiedene bereits existierende Projekte im Plenum präsentiert. Sie reichten von Internetpräsentationen über Filmprojekte, Audiorundgänge mittels Smartphone-App und Geocaching bis zu regelmäßigen Sendungen im Lokalradio. Zur Vertiefung wurden die meisten Projekte zusätzlich an Infoständen dargestellt.

Comic als jugendgerechte Vermittlungsform - ein Beispiel im "Markt der Möglichkeiten"

Comic als jugendgerechte Vermittlungsform – ein Beispiel im „Markt der Möglichkeiten“

Der dritte Kongresstag bot den Delegierten die Gelegenheit, sich in regionalen Arbeitsgruppen zusammenzusetzen und Verabredungen zur Weiterarbeit zu treffen. Dies geschah mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Nach kurzen Berichten aus den Arbeitsgruppen folgte die Präsentation des Filmclips zu 70 Jahre VVN-BdA und einer Verabschiedung durch Cornelia Kerth, die sich bei allen Beteiligten bedankte. Der außerordentliche Bundeskongress endete gegen Mittag mit dem Absingen des Moorsoldatenlieds.

Dank zahlreicher Helfer waren auch innerhalb kürzester Zeit alle Infostände wieder abgebaut und die Kartonwürfel wieder auseinander gefaltet.

Supplement
Mehr Fotos gibt es bei r-mediabase zu sehen.

Eindrücke vom (fast) nazifreien Bochum am 1. Mai 2016

Plakat des Bochumer "Bündnis gegen Rechts" gegen den Aufmarsch der NPD am 1. Mai 2016

Plakat des Bochumer „Bündnis gegen Rechts“ gegen den Aufmarsch der NPD am 1. Mai 2016

Unter dem Motto „Zeit für mehr Solidarität“ standen die Kundgebungen des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) an diesem 1. Mai 2016 in ganz Deutschland. Als Gegenentwurf rief die rechtsextreme NPD zu einer Kundgebung gegen angeblichen „Asylmissbrauch“ in Bochum auf. Geschätzt 120 bis180 Nazis folgten diesem Aufruf – doch mehr als 2.400 Gegendemonstranten folgten dem Aufruf des Bochumer „Bündnis gegen Rechts“, das mit Unterstützung von über 50 Organisationen zu einer Gegendemonstration aufgerufen hatte.

Bereits als ich im Bochumer Hauptbahnhof eintraf, konnte ich „1. Mai – nazifrei“ und „Antifaschista“-Rufe ebenfalls angereister Gegendemonstranten hören. Der Platz vor dem Hauptbahnhof war von der Polizei mit Absperrgittern und Mannschaftswagen abgesperrt. Durch die Unterführung gelangte ich in die Innenstadt, wo ich das 628. Maiabendfest entdeckte, das in Bochum traditionell gefeiert wird. Mittendurch verlief der Demonstrationszug des Bochumer Bündnis gegen Rechts, mit dem ich wieder zum Hauptbahnhof gelangte – vor die Absperrgitter der Polizei. Die Gegendemonstranten stammten aus allen Altersgruppen, auch wenn die Jugend mit einem Jugendblock und in den Sprechchören dominierte. Auffällig waren auch unerwartet viele Fahnen von Bündnis 90/Die Grünen.

Die Demonstration gegen die Nazis, die vor lauter Mannschaftswagen so gut wie nicht zu sehen waren, war friedlich, lautstark, bunt und gut gelaunt. Nach der offiziellen Beendigung der Kundgebung zogen die meisten Gegendemonstranten auf verschiedenen Wegen in Richtung Husemannplatz, wo die Nazis eine weitere Kundgebung angemeldet hatte. Auch hier wurde lautstark gegen die NPD-Kundgebung demonstriert. Hinter Mannschaftswagen und einem Polizeikordon versteckt, konnte man sie gelegentlich eine NPD-Fahne schwenken sehen, zu hören war ‪von ihnen nichts. Sprechchöre mit „Nazis raus, raus, raus“, „Es gibt kein Recht auf Nazi-Propaganda“ und „Nationalismus raus aus den Köpfen“ übertönte einfach alles.

Blick in die Gegendemonstration vor dem Bochumer Hauptbahnhof am 1. Mai 2016

Blick in die friedliche Gegendemonstration vor dem Bochumer Hauptbahnhof am 1. Mai 2016

Von mir nicht bemerkt hat es nach Presseberichten Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und Gegendemonstranten gegeben. So habe es Versuche von Gegendemonstranten gegeben, den Bahnhof zu blockieren und Polizeisperren zu durchbrechen. Drei Polizisten seien dabei verletzt worden. Hier muss die Polizei, die die Versammlungsfreiheit der NPD schützt, Versäumnisse der Politik ausbaden. Die NPD gehört endlich verboten.

Supplement
Aus den zuerst drei wurden im Laufe der Berichterstattung vier verletzte Polizisten, ohne dass genau bekannt geworden wäre, welcher Art und wie schwerwiegend die Verletzungen waren. Der Begriff „schwerste Ausschreitungen“ in der WAZ ist für mich als Teilnehmer einer friedlichen, lautstarken, bunten und gut gelaunten Demonstration nicht nachvollziehbar. Journalisten in den Ruhrbaronen schrieben auch eher von einzelnen „Scharmützeln“. Dort heißt es: „Die schweren Ausschreitungen, von denen die Polizei in ihrer Pressemitteilung schrieb, waren nach bundesweiten Maßstäben überschaubar. Die martialische Beschreibung der Geschehnisse ist eher ein Zeichen der Unerfahrenheit bei der Einschätzung von unübersichtlichen  Demonstrationslagen durch die Bochumer Polizei.“

Essen stellt sich gegen PEGIDA quer

Nach Angaben der örtlichen WAZ folgten gestern 500 Demonstranten dem Aufruf von Essen stellt sich quer gegen den Versuch von 80 Rechten, PEGIDA in Essen zu institutionalisieren. Bemerkenswert sind auch die Namensgeber der Plätze, auf denen demonstriert wurde.

Esen stellt sich quer demonstriert am 13.04.2016 gegen die erste PEGIDA-Demonstration

Essen stellt sich quer demonstriert am 13.04.2016 gegen die erste PEGIDA-Demonstration

Ab 18.30 Uhr zogen 500 Demonstranten auf den Hans-Toussaint-Platz, um dort lautstark und bunt gegen die rechten Demonstranten zu protestieren. Hans Touissant, nachdem der Platz benannt ist, war ein Essener CDU-Politiker, der sich unter anderem 1952 für eine Amnestie „aller im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg begangenen Straftaten“ einsetzte.

Essen stellt sich quer demonstriert am 13.04.2016 gegen die erste PEGIDA-Demonstration

Essen stellt sich quer demonstriert am 13.04.2016 gegen die erste PEGIDA-Demonstration

Die Polizei trennte die beiden Kundgebungen durch massiven Polizeieinsatz und die üblichen Absperrgitter. Unter Deutschlandfahnen fanden sich unter dem Motto „Essen gegen Politikwahnsinn“ etwa 80 Personen auf dem Hirschlandplatz ein. Dieser Platz ist nach der jüdischen Familie Hirschland benannt, deren Bank im Nationalsozialismus „arisiert“ worden ist.

Esen stellt sich quer demonstriert am 13.04.2016 gegen die erste PEGIDA-Demonstration

Essen stellt sich quer demonstriert am 13.04.2016 gegen die erste PEGIDA-Demonstration

Eine weitere Demonstration gegen Rechts findet heute in Gelsenkirchen statt. Auf der Wiese im Stadtgarten neben dem Maritim-Hotel laden Falken und andere Jugendorganisationen ab 18.15 Uhr ein, um gegen eine Veranstaltung der AfD zu protestieren.