Archiv für den Monat Oktober 2012

Herman-Neudorf-Ausstellung beeindruckend in der Gesamtschule Horst eröffnet

In der Gesamtschule Horst wurde heute um 16 Uhr in einer sehr beeindruckenden Weise die Ausstellung für den Holocaust-Überlebenden Herman Neudorf eröffnet. Der einzige Überlebende seiner Familie, an einem trüben Herbsttag im Oktober 1938 als 13jähriger aus dem Turnunterricht verhaftet und wie zahlreiche andere Juden polnischer Abstammung nach Polen abgeschoben, lebt heute 87jährig in den USA und wohnte von dort aus per Skype der Eröffnung gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Anna vom heimischen Sofa aus bei.

Natürlich waren mehrere Klassen Schülerinnen und Schüler mit dabei, Lehrer sowie verschiedene Gäste, und selbstverständlich auch die Ausstellungsmacher des Gelsenzentrums, Heike und Andreas Jordan. Unter den Fotografen war mit Sicherheit auch jemand von der Presse anwesend, so dass ich mich ganz auf die Veranstaltung konzentrierte und keine Fotos machte. Auch der Bezirksbürgermeister Gill zeigte sich als begeisterter Fotograf.

Zunächst begrüßte der Schulleiter der Gesamtschule Horst die Anwesenden, bat insbesondere die Schülerinnen und Schüler um Ruhe und begrüßte Herman Neudorf im fernen Florida. Wir erfuhren, dass wir uns im selben Gebäude befanden, in denen Herman Neudorf bis 1938 unterrichtet wurde, damals war hier natürlich noch keine Gesamtschule, sondern ein Realgymnasium untergebracht.

Zum Programm gehörte ein jiddisches und sehr getragenes Musikstück, dass sich Herman Neudorf gewünscht hatte. Es folgten von Schülerinnen und Schülern der Oberstufe aufgeführte Theaterszenen mit 4 Stationen aus Hermans Leben. Hier zeigten die Schülerinnen und Schüler ihre Sichtweise auf die Verhaftung im Unterricht, der Ankunft im Polizeigefängnis, der Abschiebung im Zug und dem Aufenthalt in Polen. Damit überhaupt alle etwas sehen konnten, mussten sich die vorderen Schülerreihen auf den Boden setzen oder knien, so voll war es.

Nach einer kurzen Textdarbietung zeigte eine weitere Schülergruppe typische Reaktionen auf verlegte Stolpersteine, sowie einem Aufruf, warum es wichtig ist, sich der Vergangenheit zu stellen. Herman Neudorf bedankte sich noch einmal für die Veranstaltung und dankte vor allem Andreas und Heike Jordan für ihr Engagement. Schließlich sprach Andreas Jordan abschließend und eröffnete die Ausstellung.

Zu diesem Zweck hatten sich einige Schülerinnen und Schüler der Unterstufe als „Ausstellungsguides“ vorbereitet und konnten den interessierten Gästen zu einzelnen Tafeln der Ausstellung einen kurzen Überblick geben, mithin einen Anstoß, selbst weiter zu lesen und zu schauen.

Alles in allem eine sehr schöne, sehr würdige Ausstellungseröffnung.

Die Ausstellung selbst ist sehr sehenswert. Sie beginnt mit einer Tafel über „Jüdisches Leben in Horst“ und folgt der Chronologie der Ereignisse, stellt zunächst mit einer Tafel „Die Familie Neudorf“ vor und folgt den wechselhaften Ereignissen in Herman Neudorfs Leben, die der „Verhaftung aus dem Unterricht heraus“ folgten. Herman Neudorf konnte wie durch ein Wunder nach Kriegsbeginn nach Gelsenkirchen zurückkehren, nur um 1942 erneut deportiert zu werden, dieses Mal nach Riga. Es folgte unter anderem ein Aufenthalt im Konzentrationslager Buchenwald, der ihn zeitweilig in das Außenlager Bochumer Verein in unserer Nachbarstadt führte. Er überlebte den Todesmarsch aus dem KZ Buchenwald nur knapp und wurde am 14. April 1945 von amerikanischen Truppen befreit. Hier endet die Ausstellung nicht, sondern zeigt seine weitere Lebensgeschichte, die Rückkehr nach Gelsenkirchen, die „Suche nach Tätern“ und schließlich die Auswanderung nach Übersee. Die Ausstellung endet mit der Darstellung seines neuen Lebens nach 1945. Das letzte Foto zeigt die drei verlegten Stolpersteine auf der Markenstraße 19 für die ermordeten Eltern und den überlebenden Herman Neudorf.

Die Ausstellung ist bis zum 9. November in der Gesamtschule Horst zu sehen.

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Stolperstein und Ausstellung für Herman Neudorf

Nach der Verlegung von 18 weiteren Stolpersteinen und einer sehr schönen Abschlussveranstaltung zur Stolpersteinverlegung im Kaminzimmer von Schloss Horst am 8. Oktober 2012 wird der Verein Gelsenzentrum vom 26. Oktober bis zum 9. November 2012 in der Gesamtschule Horst eine Ausstellung über das Schicksal des Holocaust-Überlebenden Herman Neudorf zeigen.

Bei der Verlegung am 8. Oktober in der Markenstraße 19 in Gelsenkirchen wurde zum ersten Mal ein Stolperstein für jemanden verlegt, der den Holocaust überlebt hat. Der heute 87jährige, in den USA lebende Herman Neudorf, geriet 1938 in die Verfolgungs- und Mordmaschine der Nazis, er überlebte als einziger seiner Familie. Mit der Verlegung eines Stolpersteins für ihn, wurde die Familie im Gedenken vor dem Haus in der Markenstraße 19 wieder vereint.

In der sich an die Stolpersteinverlegung anschließenden Matinee im Kaminzimmer von Schloss Horst beeindruckten nicht zuletzt die Opernsängerin Michaela Sehrbrock, die eine Auswahl von Gedichten und Liedern der tschechisch-jüdischen Schriftstellerin Ilse Weber über das KZ Theresienstadt vortrug, und am Klavier von Marion Steingötter begleitet wurde. (Schön auch, dass nicht nur ProNRW im Schloss Horst tagt!)

Für den 26. Oktober 2012 hat Gelsenzentrum nun eine Ausstellung vorbereitet, die das Verfolgungsschicksal und das Überleben von Herman Neudorf zeigen. Lehrer und Schüler der Gesamtschule Horst bereiten ein vielfältiges Programm mit Theaterszenen, einer Kunstinstallation und weiteren Präsentationen sowie Führungen durch die Ausstellung vor. Die Eröffnung beginnt um 16 Uhr. Zu sehen ist die Ausstellung bis zum 9. November 2012, dann findet wieder um 16 Uhr eine Finissage statt. Der Titel der Ausstellung ist Programm: „Vergeben muss man, aber Vergessen ist unmöglich …“

Wir wissen nur wenig über Charlotte Krämer

Knut Maßmann anlässlich der Stolpersteinverlegung am 8. Oktober 2012

Charlotte Krämer wurde am 12. Januar 1933 in Gelsenkirchen geboren. Sie ist ein Kind polnisch-jüdischer Eltern. Ihr Vater, Selig Uscher Krämer und ihre Mutter Perla Krämer, stammen aus Otynia in Südpolen. Dort war ihr großer Bruder Max Krämer am 3. März 1926 geboren worden. Im Jahre 1930 kam die Familie von Rotterdam nach Gelsenkirchen.

Wir können nur vermuten, was die 5jährige Charlotte empfunden hat, als ihr Vater kurz vor seinem 44. Geburtstag verhaftet wurde. Ihr Vater wurde wie rund 17.000 andere Juden polnischer Abstammung zwischen dem 27. und dem 29. Oktober 1938 in einer Nacht-und-Nebel-Aktion verhaftet und nach Polen abgeschoben.

In einigen Orten Deutschlands wurden ganze Familien ohne Rücksicht auf das Alter und den Gesundheitszustand ausgewiesen, in anderen Orten wurden nur die Männer verhaftet. Manche wurden mitten in der Nacht von Gestapo, SA oder SS aus ihren Wohnungen gescheucht und im Nachthemd mitgenommen, anderen wurde es erlaubt, ein wenig Handgepäck und Lebensmittel mitzunehmen. An Bargeld war pro Person maximal 10 Reichsmark erlaubt. Die Verhafteten wurden auf Polizeiposten oder in Gefängnissen, Turnhallen, Synagogen, Kasernen oder anderen Gebäuden untergebracht und erst nach Stunden zum Bahnhof gebracht. In der Mehrzahl handelte es sich bei ihnen um kleine Leute. Händler, Handwerker, Freiberufler, Arbeiter.

Wir können nur ahnen, was die 5jährige Charlotte empfunden hat, als sie und die anderen Familienmitglieder – die 38jährige Mutter Perla Krämer und der 12jährige Max Krämer – aus der vertrauten Wohnung in der Von-der-Recke-Straße 10 – vor der wir hier stehen – in das sogenannte „Judenhaus“ in der damaligen Hindenburgstraße 38, und heutigen Husemannstraße, umziehen mussten.

Wir können auch nicht wissen, wie viel die kleine Charlotte von den genauen Umständen der Abschiebung erfahren oder verstanden hat. Aber sie wird die Ängste und Sorgen und Unsicherheit der Erwachsenen, ihrer Mutter, gespürt haben.

Die Abschiebung über die polnische Grenze erfolgte unter katastrophalen Bedingungen. Die Transporte trafen auf kleine Grenzübergänge, die dem Ansturm nicht gewachsen waren. Einzelne Gruppen wurden unter Zurücklassung ihrer Gepäckstücke und ohne Passformalitäten über die grüne Grenze gejagt. Die größte Anzahl, etwa 9000 Menschen, wurde über den Grenzübergang Bentschen nach Polen abgeschoben, wo die überforderten polnischen Behörden sie zunächst in Eisenbahnwaggons festgehalten und in ehemaligen Kasernen und Ställen untergebracht haben. Zeitzeugen berichteten von unsäglichen Zuständen.

Wir wissen nicht, wie viel die kleine Charlotte zwei Wochen später in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 von der Reichspogromnacht mitbekommen hat, als jüdische Geschäfte und Wohnungen gestürmt und geplündert wurden, als Juden misshandelt, verhaftet und in Konzentrationslager gebracht wurden.

In diplomatischen Verhandlungen mit Polen setzte Nazi-Deutschland seine Position durch. Die Abgeschobenen durften noch einmal an ihren früheren Wohnort zurückkehren, um mit ihren Familien, persönlichen Gegenständen, evtl. der Wohnungs- oder Werkstatteinrichtung nach Polen auszureisen. Die Kosten mussten die Betroffenen selbst tragen.

Wir können nur vermuten, was die inzwischen 6jährige Charlotte empfunden hat, als sie ihren Vater nach fast 6 Monaten am 13. April 1939 wiedersah. Auch Charlottes Vater durfte zurückkehren, um seine bürgerliche Existenz in Deutschland aufzulösen. Die ganze Familie Krämer wurde dann im Mai 1939 in den Einwohnermeldeunterlagen der Stadt Gelsenkirchen mit dem Vermerk „nach Polen abgemeldet“ ausgetragen.

Keine 4 Monate später – am 1. September 1939 – entfesselte Nazi-Deutschland den Zweiten Weltkrieg und die Wehrmacht überrollte Polen. Die Spuren der in Polen gebliebenen Juden verlieren sich zumeist in einem der unzähligen von den Deutschen eingerichteten Ghettos. Doch die Schicksale anderer Abgeschobener bleiben bis heute ungewiss.

Dies betrifft auch die Familie Krämer. Die Spur der sechsjährigen Charlotte und ihrer Familie verliert sich im Mai des Jahres 1939.

Das ist alles, was wir wissen!