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Redebeitrag zum Antikriegstag 2015 an Stolpersteinen der Familie Krämer

Stolpersteinverlegung für die Familie Krämer am 8. Oktober 2012

Stolpersteinverlegung für die Familie Krämer am 8. Oktober 2012

Seit dem 8. Oktober 2012 erinnern hier in der Von-der-Recke-Straße 10 vier Stolpersteine an die Familie Krämer, die weder in Polen noch in Deutschland eine Heimat finden durften. Darüber möchte ich euch kurz berichten.

Von der Reichspogromnacht 1938 haben alle schon gehört, die sogenannte „Polenaktion“ zwei Wochen vorher ist jedoch durch die nachfolgenden Ereignisse in Vergessenheit geraten.

Zwischen dem 27. und dem 29. Oktober 1938 wurden rund 17.000 Juden polnischer Staatsangehörigkeit in einer Nacht-und-Nebel-Aktion im gesamten Deutschen Reich verhaftet und nach Polen abgeschoben. Auslöser war eine Änderung des polnischen Passgesetzes, mit dem Polen die im Ausland lebenden jüdischen Staatsbürger auszubürgern beabsichtigte.

In Gelsenkirchen betraf die Aktion rund 80 jüdische Menschen jeden Alters, darunter auch die Familie Krämer. Zur Familie gehören der 43jährige Familienvater, Selig Uscher Krämer, seine 38jährige Frau Perla Krämer sowie die beiden Kinder, der 12jährige Max und die 5jährige Charlotte.

Vater Krämer und seine Frau stammten aus Otynia in Galizien in Südpolen. Ihr Sohn Max war noch dort am 3. März 1926 geboren worden. 1930 kamen sie aus Rotterdam nach Gelsenkirchen, wo am 12. Januar 1933 Tochter Charlotte geboren wurde.
Vater Krämer wurde am 28. Oktober 1938 nach Zbazyn in Polen abgeschoben, während Frau und Kinder in das sogenannte „Judenhaus“ an der damaligen Hindenburgstraße 38 (heute Husemannstraße) übersiedeln mussten.

Der polnische Historiker Jerzy Tomaszewski beschreibt in seinem Buch „Auftakt zur Vernichtung“ (Osnabrück 2002), dass in einigen Orten ganze Familien ohne Rücksicht auf das Alter und den Gesundheitszustand der Familienangehörigen ausgewiesen wurden, während in anderen Orten nur die Männer verhaftet wurden. Manche wurden mitten in der Nacht von Gestapo, SA oder SS aus ihren Wohnungen gescheucht und im Nachthemd mitgenommen, anderen wurde es erlaubt, ein wenig Handgepäck und Lebensmittel mitzunehmen.

An Bargeld durfte aufgrund der Devisenbestimmungen pro Person maximal 10 Reichsmark mitgenommen werden. Die Verhafteten wurden auf Polizeiposten oder in Gefängnissen, Turnhallen, Synagogen, Kasernen oder anderen Gebäuden untergebracht und nach Stunden zur Abfahrt der Sonderzüge zum Bahnhof gebracht.

In der Mehrzahl handelte es sich bei den Ausgewiesenen um kleine Leute, Händler, Handwerker, Freiberufler, Arbeiter, die schon länger im Deutschen Reich lebten und deren Verbindung zum polnischen Staat oft nur formeller Art war.

Die Abschiebung über die polnische Grenze erfolgte unter denselben katastrophalen Bedingungen wie die gesamte Aktion. Die Transporte mit der Reichsbahn trafen auf kleine Grenzübergänge, die dem Ansturm nicht gewachsen waren. Daneben wurden Gruppen von Juden unter Zurücklassung ihrer wenigen Gepäckstücke und unter Umgehung aller Passformalitäten über die grüne Grenze gejagt.

Die größte Anzahl Menschen, etwa 9000, wurde über den Grenzübergang Bentschen/Zbazyn nach Polen abgeschoben, wo die überforderten polnischen Behörden sie zunächst in Eisenbahnwaggons festgehalten und in ehemaligen Kasernen und Ställen untergebracht haben.

Zeitzeugen berichten von chaotischen Zuständen. Einem Teil der Ausgewiesenen ist es gelungen, sich mit Freunden oder Verwandten in Verbindung zu setzen und nach Zentralpolen weiter zu reisen, die meisten, etwa 7000, mussten jedoch auf Beschluss der polnischen Regierung bleiben und wurden in Zbazyn interniert.

Zwischen dem Dritten Reich und Polen begannen diplomatische Verhandlungen über das Schicksal der Ausgewiesenen und der noch in Deutschland befindlichen Familienmitglieder. Die deutsche Seite setzte ihre Position durch, nach der die Ausgewiesenen noch einmal an ihren früheren Wohnort zurückkehren konnten, um mit ihren Familien, persönlichen Gegenständen, evtl. der Wohnungs- oder Werkstatteinrichtung nach Polen auszureisen. Die Kosten mussten die Betroffenen selbst tragen.

Zu ihnen gehörte auch Vater Krämer, der am 13. April 1939 vorübergehend nach Gelsenkirchen zurückkehrte. Die ganze Familie wurde dann im Mai 1939 im Einwohnermeldeamt „nach Polen abgemeldet“.

Keine 4 Monate später, am 1. September 1939, entfesselte Nazi-Deutschland mit seinem Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg. Die Spuren der ausgewiesenen Juden verlieren sich zumeist in einem der unzähligen Ghettos. Zu vielen Opfern der „Polenaktion“ lassen sich jedoch bis heute keine genauen Aussagen treffen, ihre Schicksale bleiben auch nach heutigem Kenntnisstand ungewiss.

Dies betrifft auch die Familie Krämer. Ihre Spur verliert sich im Mai 1939, als sie Gelsenkirchen verlassen mussten.

Wir wissen nur wenig über Charlotte Krämer

Knut Maßmann anlässlich der Stolpersteinverlegung am 8. Oktober 2012

Charlotte Krämer wurde am 12. Januar 1933 in Gelsenkirchen geboren. Sie ist ein Kind polnisch-jüdischer Eltern. Ihr Vater, Selig Uscher Krämer und ihre Mutter Perla Krämer, stammen aus Otynia in Südpolen. Dort war ihr großer Bruder Max Krämer am 3. März 1926 geboren worden. Im Jahre 1930 kam die Familie von Rotterdam nach Gelsenkirchen.

Wir können nur vermuten, was die 5jährige Charlotte empfunden hat, als ihr Vater kurz vor seinem 44. Geburtstag verhaftet wurde. Ihr Vater wurde wie rund 17.000 andere Juden polnischer Abstammung zwischen dem 27. und dem 29. Oktober 1938 in einer Nacht-und-Nebel-Aktion verhaftet und nach Polen abgeschoben.

In einigen Orten Deutschlands wurden ganze Familien ohne Rücksicht auf das Alter und den Gesundheitszustand ausgewiesen, in anderen Orten wurden nur die Männer verhaftet. Manche wurden mitten in der Nacht von Gestapo, SA oder SS aus ihren Wohnungen gescheucht und im Nachthemd mitgenommen, anderen wurde es erlaubt, ein wenig Handgepäck und Lebensmittel mitzunehmen. An Bargeld war pro Person maximal 10 Reichsmark erlaubt. Die Verhafteten wurden auf Polizeiposten oder in Gefängnissen, Turnhallen, Synagogen, Kasernen oder anderen Gebäuden untergebracht und erst nach Stunden zum Bahnhof gebracht. In der Mehrzahl handelte es sich bei ihnen um kleine Leute. Händler, Handwerker, Freiberufler, Arbeiter.

Wir können nur ahnen, was die 5jährige Charlotte empfunden hat, als sie und die anderen Familienmitglieder – die 38jährige Mutter Perla Krämer und der 12jährige Max Krämer – aus der vertrauten Wohnung in der Von-der-Recke-Straße 10 – vor der wir hier stehen – in das sogenannte „Judenhaus“ in der damaligen Hindenburgstraße 38, und heutigen Husemannstraße, umziehen mussten.

Wir können auch nicht wissen, wie viel die kleine Charlotte von den genauen Umständen der Abschiebung erfahren oder verstanden hat. Aber sie wird die Ängste und Sorgen und Unsicherheit der Erwachsenen, ihrer Mutter, gespürt haben.

Die Abschiebung über die polnische Grenze erfolgte unter katastrophalen Bedingungen. Die Transporte trafen auf kleine Grenzübergänge, die dem Ansturm nicht gewachsen waren. Einzelne Gruppen wurden unter Zurücklassung ihrer Gepäckstücke und ohne Passformalitäten über die grüne Grenze gejagt. Die größte Anzahl, etwa 9000 Menschen, wurde über den Grenzübergang Bentschen nach Polen abgeschoben, wo die überforderten polnischen Behörden sie zunächst in Eisenbahnwaggons festgehalten und in ehemaligen Kasernen und Ställen untergebracht haben. Zeitzeugen berichteten von unsäglichen Zuständen.

Wir wissen nicht, wie viel die kleine Charlotte zwei Wochen später in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 von der Reichspogromnacht mitbekommen hat, als jüdische Geschäfte und Wohnungen gestürmt und geplündert wurden, als Juden misshandelt, verhaftet und in Konzentrationslager gebracht wurden.

In diplomatischen Verhandlungen mit Polen setzte Nazi-Deutschland seine Position durch. Die Abgeschobenen durften noch einmal an ihren früheren Wohnort zurückkehren, um mit ihren Familien, persönlichen Gegenständen, evtl. der Wohnungs- oder Werkstatteinrichtung nach Polen auszureisen. Die Kosten mussten die Betroffenen selbst tragen.

Wir können nur vermuten, was die inzwischen 6jährige Charlotte empfunden hat, als sie ihren Vater nach fast 6 Monaten am 13. April 1939 wiedersah. Auch Charlottes Vater durfte zurückkehren, um seine bürgerliche Existenz in Deutschland aufzulösen. Die ganze Familie Krämer wurde dann im Mai 1939 in den Einwohnermeldeunterlagen der Stadt Gelsenkirchen mit dem Vermerk „nach Polen abgemeldet“ ausgetragen.

Keine 4 Monate später – am 1. September 1939 – entfesselte Nazi-Deutschland den Zweiten Weltkrieg und die Wehrmacht überrollte Polen. Die Spuren der in Polen gebliebenen Juden verlieren sich zumeist in einem der unzähligen von den Deutschen eingerichteten Ghettos. Doch die Schicksale anderer Abgeschobener bleiben bis heute ungewiss.

Dies betrifft auch die Familie Krämer. Die Spur der sechsjährigen Charlotte und ihrer Familie verliert sich im Mai des Jahres 1939.

Das ist alles, was wir wissen!