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Gedenkstättenfahrt nach München und Dachau

KZ-Gedenkstätte Dachau 2018: geöffnetes Lagertor, inzwischen auch Eingang zur Gedenkstätte.

Zum inzwischen vierten Mal unternahmen die DGB-Jugend MEO (Mülheim Essen Oberhausen) und die VVN-BdA Essen eine gemeinsame Gedenkstättenfahrt zu einem Ort des Nazi-Terrors. Nach Esterwegen (2014), Buchenwald (2016) und Neuengamme (2017), im Norden und Osten Deutschlands gelegen, ging die Fahrt dieses Mal nach Süddeutschland. München, die von den Nazis so bezeichnete „Hauptstadt der Bewegung“ und die KZ-Gedenkstätte Dachau waren das Ziel der dreitägigen Reise vom 11. bis 13. Mai 2018. Auch über 70 Jahre nach dem Ende der Nazi-Herrschaft zeigen sich zahlreiche junge Erwachsene an einer Zeit interessiert, die andere in unserem Land nur allzu gerne vergessen lassen möchten und sich eine „erinnerungspolitische Wende“ wünschen. Wie auch in meinen anderen Beiträgen besteht mein Interesse vorrangig in Geschichte und Gestaltung der Gedenkstätte.

Die Fahrt begann wieder mit einem Vorbereitungstreffen im Jugendkeller des DGB-Hauses in der Essener Teichstraße, bei dem organisatorische und inhaltliche Fragen besprochen wurden. In diesem Jahr las mit Helmut Weinand ein Neffe des inzwischen verstorbenen Robert Weinand aus dessen Erinnerungen, die 1987 unter dem Titel „Stationen eines Lebens“ erschienen waren. Weinand, 1903 in Essen als einer von zehn Kindern in einer „Kruppianer-Familie“ geboren, nahm ab 1936 am Spanischen Bürgerkrieg auf der Seite der Spanischen Republik teil und wurde nach deren Niederlage vom faschistischen Spanien an die Gestapo ausgeliefert.

Nach dem Aufenthalt in vier Gefängnissen war er von 1942 bis 1945 im KZ Dachau eingesperrt. Aus seinen Erinnerungen erfuhren wir unter anderem von dem Prügelritual der SS während der Einlieferung ins KZ, von den sadistischen Strafen im Lager und von der Angst der Eingesperrten, kurz vor Kriegsende 1945 noch von der SS ermordet zu werden.

Dachau war das erste staatliche Konzentrationslager der Nazis und beendete die Phase der sogenannten „wilden KZs“, Folterkeller in denen ab 1933 politische Gegner geprügelt, gedemütigt und gemordet wurden. Es wurde am 22. März 1933 in einer stillgelegten Munitionsfabrik aus dem Ersten Weltkrieg errichtet und dessen Leitung am 11. April der SS übergeben. Dachau wurde zum Modell für alle Konzentrationslager und 1937/38 wesentlich erweitert. Die Führung durch unsere beiden Guides („Führer“ wäre wohl unpassend) begann auf dem Gelände des ursprünglichen Lagers. Von dort gelangten wir zum Eingang des 1937/38 neu errichteten Lagers mit dem Lagertor und der bekannten Inschrift „Arbeit macht frei“.

Blick in das ehemalige SS-Lager, es ist nicht Teil der Gedenkstätte, sondern wird von der Bayerischen Bereitschaftspolizei genutzt.

Neben dem eigentlichen Häftlingslager, das heute im wesentlichen die KZ-Gedenkstätte bildet, lag das Areal der SS, die das Lager bewachte. Seit den 1980er Jahren wird ein Teil des ehemaligen SS-Areals von der bayerischen Bereitschaftspolizei genutzt. Eine in jeder Hinsicht „interessante“ Nachnutzung des Geländes, deren unterschiedliche Formen sich nicht nur in Bayern finden.

Die Gedenkstätte erinnert an die mehr als 200.000 Gefangenen aus über 40 Nationen, die im KZ Dachau und seinen Außenlagern eingesperrt waren, über 40.000 starben an den unmenschlichen Bedingungen und dem Terror der SS, an Hunger, Krankheit, Folter und Mord. Waren es in den ersten Jahren überwiegend politische Gegner der Nazis die in Konzentrationslager eingesperrt wurden, also Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter, kamen im weiteren Verlauf der Nazi-Diktatur weitere Gruppen hinzu, darunter Juden, Homosexuelle, Zeugen Jehovas und mit der Besetzung europäischer Länder durch Nazi-Deutschland auch ausländischer Häftlinge in großer Anzahl. Eine Dachauer Besonderheit war die Konzentration Geistlicher in diesem Lager.

KZ-Gedenkstätte Dachau 2018: Blick in die Hauptausstellung.

Das Gelände, nach der Befreiung am 29. April 1945 zunächst durch die US-Army für die Prozesse gegen die Verbrecher der SS genutzt, war danach – Wohnraum war knapp – ab 1948 zur „Wohnsiedlung Dachau-Ost“ für Flüchtlinge und Vertriebene aus dem Sudetenland geworden, die in den mit Trennwänden umgebauten Baracken unterkamen. Die Errichtung der Gedenkstätte erfolgte erst 1965 auf Druck der Überlebenden aus mehreren europäischen Ländern, die sich 1955 im Comiteé International de Dachau (CID) zusammengeschlossen hatten und ein würdiges Gedenken gefordert hatten. Lediglich der Bereich der Krematorien wurde zu dieser Zeit bereits als Gedenkstätte gepflegt.

KZ-Gedenkstätte Dachau 2018: Blick in den „Schubraum“, in dem heute die entwürdigende Aufnahmeprozedur dokumentiert ist.

Die Gedenkstätte umfasst heute im wesentlichen das ehemalige Häftlingslager. Die Wirtschaftsgebäude sind – aufgrund der Nachnutzung zwischen 1945 und 1965 – unterschiedlich erhalten. Hier ist das Museum, das heißt die neugestaltete Hauptausstellung aus dem Jahre 2003 über die Geschichte des Konzentrationslagers Dachau untergebracht, die die Geschichte des KZs in Verbindung mit der Geschichte der Nazizeit darstellt. Zu den Räumen gehören auch der „Schubraum“, in dem die entwürdigende Aufnahmeprozedur stattfand und das Häftlingsbad. Zu den Ausstellungsstücken gehört der Nachbau eines „Prügelbocks“, auf denen die Häftlinge misshandelt wurden. Hinter den erhaltenen Wirtschaftsgebäuden befindet sich der „Bunker“, ein weiteres Gefängnis im Gefängnis und damit ein weiterer Ort intensiver Quälerei durch die SS-Männer.

KZ-Gedenkstätte Dachau 2018: Blick in den Bunker, rechts und links die Zellentüren.

Vor den Wirtschaftsgebäuden befindet sich das begehbare Internationale Mahnmal. Es wurde von Nandor Glid, einem jugoslawischen Juden, der sich 1944 dem Widerstand angeschlossen hatte, entworfen und 1968 eingeweiht. Es besteht aus mehreren, auf den ersten Blick nicht unbedingt zusammengehörende Teilen. Neben der auffallenden, zentralen Plastik, die KZ-Insassen im Stacheldraht zeigt, gehören eine Mauer, ein Weg, über dessen tiefster Punkt die Plastik steht, die zudem von Betonpfeilern, die an den Lagerzaun erinnern, gesäumt wird, eine Kette mit den verschiedenfarbigen Häftlingswinkel und eine weitere Mauer dazu. Die erste Mauer fordert in mehreren Sprachen dazu auf, dem Vorbild der befreiten Häftlinge zu folgen, die zweite Mauer ermahnt mit einem „Nie wieder“ in verschiedenen Sprachen.

KZ-Gedenkstätte Dachau 2018: Teilansicht des Internationalen Denkmals, die zentrale Plastik zeigt KZ-Insassen im Stacheldraht.

Die originalen Baracken sind nicht erhalten, da sie stark verändert oder baufällig waren. Sie wurden abgerissen und nur die beiden ersten Blöcke rekonstruiert. Heute befindet sich darin eine Ausstellung, die die Aufteilung der Baracken in den verschiedenen Phasen des KZs zeigt, in deren Verlauf immer mehr Menschen im Lager untergebracht wurden. Die weiteren Baracken sind nur als Grundriss und mit der jeweiligen Block-Nummer gekennzeichnet dargestellt. Mauer und Wachtürme wurden wieder instandgesetzt. Für mich bemerkenswert ist die Baumreihe rechts und links der Lagerstraße, die aus der KZ-Zeit stammt und fast einen idyllischen Eindruck hinterlassen könnte – wenn man nicht um die Geschichte des Lagers wüsste.

KZ-Gedenkstätte Dachau 2018: katholische Todesangst-Christi-Kapelle (1960).

Religiöse Erinnerungsorte

Die Lagerstraße führt auf die (katholische) Todesangst-Christi-Kapelle zu, die 1960 im Rahmen des Eucharistischen Weltkongresses eingeweiht wurde. Sie war zugleich auch das erste religiöse Mahnmal, das am Nordende errichtet wurde. Sie wird flankiert von einer jüdischen Gedenkstätte und der evangelischen Versöhnungskirche (beide 1967 eingeweiht). Alle Bauten besitzen eine eigene und bemerkenswerte Architektur, wie auch die Versammlung religiöser Mahnmale auf einem ehemaligen KZ-Gelände einzigartig ist. Verbindet die Todesangst-Christi-Kapelle die Passion Christi mit der Leidenszeit der KZ-Häftlinge, bricht die Architektur der Versöhnungskirche mit der rechtwinkligen Anlage des Konzentrationslagers, erinnert die jüdische Gedenkstätte architektonisch an die Vernichtung der europäischen Juden. Durch den ehemaligen Wachturm auf der Nordseite erreichbar befindet sich seit 1964 ein Sühnekloster der Karmeliterinnen jenseits der Nordmauer. 1995 folgte noch die Einweihung einer russisch-orthodoxen Kapelle. Diese liegt außerhalb des ehemaligen Häftlingslager, vor dem zum damaligen SS-Lager gehörenden Krematorium.

KZ-Gedenkstätte Dachau 2018: Teilansicht der „Baracke X“ (1942/43), dem großen Krematorium.

Neben einem ersten, kleinen Krematorium befindet sich hier die 1942/43 errichtete „Baracke X“, eine Anlage mit vier Verbrennungsöfen und einer funktionsfähigen als „Brausebad“ getarnten Gaskammer. Zu KZ-Zeiten wurde hier die zunehmende Zahl der toten KZ-Häftlinge verbrannt, die Gaskammer jedoch nur für eine Ermordung einer geringen Anzahl von Häftlingen genutzt. Ein Massenmord, wie beispielsweise in den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau, fand hier nicht statt. Seit den 1960er Jahren wurde der Bereich friedhofsähnlich umgestaltet und wirkt heute fast idyllisch mit viel Grün und zwitschernden Vögeln. Die Räume des großen Krematoriums hatten im Jahre 1960, im Jahr der Einweihung der Todesangst-Christi-Kapelle, ein erstes, von den Überlebenden eingerichtetes Museum mit einer Dokumentarausstellung aufgenommen.

KZ-Gedenkstätte Dachau 2018: Zeitzeugengespräch mit Ernst Grube in der evangelischen Versöhnungskirche.

„Erinnerung braucht Wissen!“ (Ernst Grube)

Der Führung durch die Gedenkstätte schloss sich ein Zeitzeugen-Gespräch in der evangelischen Versöhnungskirche an. Der hochbetagte, 85jährige Ernst Grube, Kind einer jüdischen Mutter und einem nichtjüdischen Vater, im Weltbild der Nazis ein sogenannter „Halbjude“, erzählte von seiner Kindheit in München, seiner Unterbringung in einem jüdischen Kinderheim und der Deportation nach Theresienstadt. Er gab sich viel Mühe, den jungen Gewerkschaftern, die um ihn herum saßen, die auch für ihn lange zurückliegende Zeit anschaulich und nachvollziehbar zu schildern. (Es gibt auch einen eigenen Eintrag in der Wikipedia über ihn.)

Am folgenden Tag führte uns Ernst Antoni, Mitglied der Münchener VVN-BdA und Redakteur der „antifa“, der Zeitung der VVN-BdA, durch einen Teil Münchens. Die Stadt hatte von den Nazis den Beinamen „Stadt der Bewegung“ erhalten. Ausgehend vom Königsplatz, den die Nazis als Aufmarschplatz nutzten und an dem in der Gegenwart jedes Jahr an die Bücherverbrennung erinnert wird, führte er uns an ehemalige Bauten der NSDAP vorbei, sowie am NS-Dokumentationszentrum München, am ehemaligen Ort des sogenannten „Braunen Hauses“.

München 2018: Ehemaliger „Führerbau“, nicht zu verwechseln mit dem „Braunen Haus“.

Die Stadtführung blieb nicht in den Jahren 1933 bis 1945 stehen, sondern führte zurück zu den Ursprüngen und zu Unterstützern, zum „Hitler-Putsch“ 1923 und ihrem unrühmlichen Ende in einer Schießerei vor der Feldherrnhalle, und auch zum ehemaligen Standort des Wittelsbacher Palais, einem Hauptquartier der Gestapo und Gestapo-Gefängnis. Heute erinnert nur eine Tafel am modernen Gebäude der Bayern LB sowie ein nahegelegener Platz durch seine Benennung an die Opfer des Nationalsozialismus.

Ernst Antoni und auch unser Zeitzeuge Ernst Grube am Vortag berichteten nicht nur über die Vergangenheit. Beides sind politisch engagierte Menschen, die vor Entwicklungen in der Gegenwart warnen, die den demokratischen Rechtsstaat einschränken. Auch das lässt sich aus der Geschichte der Nazizeit lernen: eine Entwicklung zum Faschismus beginnt nicht erst mit der Machtergreifung, sondern lange vorher.

Auf dem Krematoriumsgelände legten DGB-Jugend und VVN-BdA eine Gedenkminute ein und ein Blumegesteck nieder.

Mit dem antifaschistischen Stadtrundgang endete die dreitägige Fahrt nach München und Dachau. Diese vierte Gedenkstättenfahrt war nicht die letzte. Bereits für die Zeit vom 12. bis 14. Oktober ist eine weitere Fahrt geplant, dieses Mal nach Berlin und Sachsenhausen.

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Gedenkstättenfahrt nach Hamburg

Gedenkstätte Neuengamme mit Blick auf den Eingangsbereich. Im Vordergrund die Grundrisse der nicht erhaltenen Baracken.

Der Besuch in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme in Hamburg zeigte mir deutlicher als jeder Gedenkstättenbesuch zuvor die Ausbeutung der KZ-Häftlinge durch die Wirtschaft. Das KZ Neuengamme ist gezielt errichtet worden, um billige Arbeitskräfte für die geplanten NS-Großbauten zur Verfügung zu haben.

Am 14./15. Oktober 2017 fuhr eine Gruppe junger und alter Menschen gemeinsam nach Hamburg, um sich über das KZ Neuengamme zu informieren. Organisiert wurde die Fahrt von der DGB-Jugend MEO (Mülheim Essen Oberhausen) und der VVN-BdA Essen (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten). Zum Programm gehörten neben dem Besuch der Gedenkstätte auch eine alternative Hafenrundfahrt zum Thema.

Waren die ersten Konzentrationslager in Nazi-Deutschland seit 1933 zur Inhaftierung und Folterung politischer Gegner der Nazis eingerichtet worden, kamen im Laufe der Jahre weitere Verfolgtengruppen hinzu: Juden, Sinti, Homosexuelle, Zeugen Jehovas sowie sogenannte „Kriminelle“ und „Asoziale“. Ab 1936/37 wurde die Ausbeutung der Arbeitskraft der Häftlinge zu einem wirtschaftlichen Faktor für den Betrieb der KZs. Hierzu wurde die „Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH“ mit Mitgliedern der SS-Führung als Gesellschafter gegründet.

Teilansicht des ehemaligen Klinkerwerks des SS-Unternehmens „Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH“ im KZ Neuengamme.

Anlass für die Gründung des Konzentrationslagers Neuengamme war die Ziegelproduktion für die geplanten Nazi-Großbauten in Hamburg. Dazu zählten ein 250 Meter hohes „Gauhochhaus“, ein „Kraft-durch-Freude-Hotel“ und eine Hochbrücke über die Elbe als „Tor zur Welt“. Das Konzentrationslager wurde 1938 zunächst als Außenlager des KZ Sachsenhausen in einer stillgelegten Ziegelei gegründet und 1940 zum „selbständigen“ Konzentrationslager mit zahlreichen Außenlagern in Norddeutschland während des Krieges.

Das Konzentrationslager und die Hansestadt waren eng miteinander verbunden. So gewährte beispielsweise die Stadt Hamburg dem SS-Unternehmen Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH ein Darlehen in Höhe von einer Million Reichsmark für den Bau eines großen und modernen Klinkerwerks. Im Gegenzug versprach die SS „erstklassige Klinkerware preiswert herzustellen“.

Die Dauerausstellung in der Gedenkstätte zeigt anschaulich die Herkunftsländer der KZ-Häftlinge.

Die ersten KZ-Häftlinge stammten aus Deutschland, während des Krieges kamen Männer und Frauen aus den besetzten Gebieten Europas hinzu und bildeten nach kurzer Zeit die Mehrheit. Mehr als die Hälfte von Ihnen kam aus Osteuropa, aber auch aus den Niederlanden, Belgien, Frankreich und Dänemark wurden Tausende Menschen in das KZ und seinen mehr als 85 Außenlagern verschleppt. Zwischen 1938 und 1945 waren über 100.000 Menschen im System des Konzentrationslagers Neuengamme eingesperrt, etwa die Hälfte von ihnen wurde durch die mörderischen Arbeits- und „Lebensbedingungen“ ermordet.

Vernichtung durch Arbeit

Zehn bis zwölf Stunden Schwerstarbeit mussten die KZ-Häftlinge täglich in den unterschiedlichen Arbeitskommandos leisten. Neben dem Aufbau des Klinkerwerks gehörte die Arbeit in den Tongruben, die Schiffbarmachung der Dove Elbe und das Anlegen eines Stichkanals zu den furchtbarsten Einsätzen. Aufgrund der ungenügenden Ernährung und Bekleidung sowie der Arbeit im Freien bei jedem Wetter betrug die durchschnittliche Überlebensdauer in den Tongruben 90 Tage. Im weiteren Verlauf des Krieges kamen Arbeiten in der Rüstungsproduktion und in der Trümmerbeseitigung, vor allem in den Außenlagern, hinzu.

In der Ausstellung sind neben den von der SS hergestellten Propagandafotos auch Zeichnungen mit realistischeren Darstellungen zu finden.

Die KZ-Häftlinge schliefen in dreistöckigen Holzgestellen dichtgedrängt auf Strohsäcken, die sanitären „Einrichtungen“ waren unzureichend und für die geschwächten KZ-Häftlinge nur sehr begrenzt zu nutzen. Morgens gab es einen dünnen „Kaffee“, mittags eine dünne Suppe und abends die Brotration für den folgenden Tag. Als Kleidung waren nur die gestreifte Häftlingskleidung, die nicht wärmte, und Holzschuhe erlaubt.

Sterben gehörte im KZ zum Alltag, KZ-Häftlinge starben an Hunger, Entkräftung, den mörderischen Arbeitsbedingungen und an gezielten Mordaktionen der SS-Männer. Zum Kriegsende 1945 gelang es der SS zunächst, die Spuren ihrer Verbrechen in Neuengamme zu verwischen und das Lager zu räumen. Tausende Häftlinge starben hilflos in Lagern wie Sandbostel oder Bergen-Belsen, 9000 starben bei einem britischen Luftangriff auf die schwimmenden KZs in der Lübecker Bucht, die für Truppentransporter gehalten wurden. Am 2. Mai 1945 erreichten britische Truppen das geräumte KZ Neuengamme.

Vom Knast zur Gedenkstätte

Die Lagergebäude des ehemaligen Konzentrationslagers wurde nach 1945 zunächst zur Unterbringung von „Displaced Persons“ verwendet, also für alle Menschen, die als Zwangsarbeiter oder aus anderen Gründen aus vielen Ländern Europas nach Deutschland verschleppt worden waren und deren Heimkehr organisiert werden musste. Daran schloss sich die Nutzung als Internierungslager für die Verbrecher der SS, NSDAP und Wehrmacht an. Eine ähnliche Nutzung fand im ehemaligen Konzentrationslager Dachau statt, das Lager wurde zuerst für die Inhaftierung und Verurteilung von SS-Angehörigen genutzt und später für die Unterbringung von Flüchtlingen und Vertriebenen aus dem Sudetenland.

Innerhalb der Gedenkstätte Neuengamme finden sich bauliche Reste des früheren Gefängnisses.

1948 wurde das Lagergelände Neuengamme der Stadt Hamburg übergeben, die einen Teil der Gebäude abriss und mit der „Vollzugsanstalt Vierlande“ ein Gefängnis einrichtete, dem in den 1960er Jahren eine Jugendstrafanstalt folgte. Diese Nutzung hier wie an anderen Orten des Nazi-Terrors zeigt, dass diese Orte oft in einer „Kontinuität der Ausgrenzung“ (Thomas Lutz 1995) standen und stehen.

Auf Drängen der Überlebenden wurde 1953 eine erste, schlichte Gedenksäule, ohne Inschrift errichtet. Während in Dachau 1965 die erste Gedenkstätte der Bundesrepublik Deutschland eröffnet wurde, die mit einer Ausstellung den historischen Ort erklärte, wurde in Hamburg-Neuengamme 1965 das internationale Mahnmal mit einer 27 Meter hohen Stele aus grauen Quadersteinen, einer Gedenkmauer vor der 18 Steinplatten mit Namen der Völker und Nationen liegen und der Bronzeskulptur „Sterbender Häftling“ der französischen Bildhauerin Francoise Salmon, Überlebende des KZ Auschwitz, errichtet. Eine Ausstellung, die den Ort erklärt, wurde erst 1981 (!) mit dem „Dokumentenhaus“ eröffnet. 1995 folgte eine neue Dauerausstellung auf größerer Fläche. Erst 2005/06 wurde nach Schließung und Verlegung beider Gefängnisse fast der gesamte Bereich des ehemaligen Konzentrationslagers zur Gedenkstätte.

Teil der 1965 eröffneten Gedenkstätte mit dem internationalen Mahnmal.

KZ Gedenkstätte Neuengamme

Sie ist eine der größten Gedenkstätten Deutschlands und umfasst 17 erhaltene Gebäude und eine Vielzahl von Angeboten zur Information über das historische Geschehen. Die nicht mehr erhaltenen Baracken sind als Grundrisse gekennzeichnet, das Außengelände an vielen Stellen dokumentiert. Neben der Hauptausstellung in einer ehemaligen Häftlingsunterkunft gibt es vier weitere Dauerausstellungen, unter anderem zur Lager-SS, zur Zwangsarbeit im Klinkerwerk aber auch zum Widerspruch von Gefängnis und Gedenkstätte.

Blick in die Hauptausstellung, die in einer ehemaligen Häftlingsunterkunft untergebracht ist. Sie trägt den Titel „Zeitspuren: Das Konzentrationslager Neuengamme 1938-1945 und seine Nachgeschichte“.

Während der etwa dreistündigen Führung erhielt unsere Gruppe einen Eindruck vom Leben, Arbeiten und Sterben unter den unerträglichen Bedingungen des Konzentrationslagers sowie von den Einsätzen für verschiedene Betriebe in den Außenlagern, die vom Einsatz billiger Häftlinge profitierten. Unsere Führung gelangte zum 1965 errichteten internationalen Mahnmal und zum 1981 eröffneten Dokumentenhaus. Es wurde 1995 zum „Haus des Gedenkens“ umgestaltet und erinnert mit den 23.395 bekannten Namen der Toten an alle im Konzentrationslager durch die tödlichen Bedingungen oder Aktionen der SS-Männer ermordeten KZ-Häftlinge. Da es der SS gegen Kriegsende gelang, die Unterlagen zu vernichten, sind nicht alle Namen bekannt. Der Ort wird von Nachkommen der Überlebenden angenommen, von ihnen werden Fotos der gemordeten und Blumen zum Gedenken hinterlassen.

Bronzefigur „Sterbender Häftling“ aus dem Jahre 1965 der französischen Bildhauerin Francoise Salmon, Überlebende des KZ Auschwitz.

DGB-Jugend und VVN-BdA legten vor der Stele des internationalen Mahnmals gemeinsam ein Gesteck nieder und gedachten der Ermordeten.

Faschismus, Widerstand und Verfolgung im Hamburger Hafen

Die Alternative Hafenrundfahrt am folgenden Tag schilderte den Einsatz der Häftlinge im Hafen und an der Elbe und zeigte erhaltene und nicht erhaltene Orte ihres Leidens. Zugleich erfuhren wir von Widerstand und Solidarität der Hafenarbeiter, die beispielsweise die Unterstützung der Faschisten im Spanischen Bürgerkrieg durch Nazi-Deutschland verbreiteten, indem sie Informationen über die Lieferung von Militärgütern aus Hamburg weitergaben.

Erschütternd war der Bericht über ein „Außenlager“ in einem Speichergebäude für osteuropäische junge Frauen, die als Zwangsarbeiterinnen unter unvorstellbaren Bedingungen in einem Gebäude untergebracht waren, dass für die Lagerung von Gütern gedacht ist. Während der Bombenangriffe, denen sie im Gegensatz zur deutschen Bevölkerung, die wenigstens Luftschutzbunker aufsuchen durfte, schutzlos ausgeliefert waren, drängten sie sich in die untersten Etagen des Speichers, wo es durch das steigende Wasser des Flusses nass und kalt war.

KZ-Außenlager in einem Speicher, einem Lagergebäude im Hamburger Hafen. Hier waren junge Osteuropäerinnen im Alter von 15 Jahren unter unvorstellbaren Bedingungen untergebracht.

Gedenkstätte Bullenhuser Damm

Während des Vorbereitungstreffens für diese Fahrt hatte der gebürtige Hamburger, Ulrich Sander, Bundessprecher der VVN-BdA, im Essener DGB-Haus über ein Beispiel für den Jugendwiderstand in Hamburg berichtet und von eigenen Erfahrungen erzählt. Er wurde als Kind in der Schule am Bullenhuser Damm eingeschult. Im gleichen Gebäude hatten am 20. April 1945 SS-Männer 20 jüdische Kinder und weitere Erwachsene ermordet, um die Spuren der an ihnen verübten Verbrechen zu verwischen und unliebsame Zeugen zu beseitigen. Die Kinder waren zuvor wie Laborratten für medizinische Experimente missbraucht worden.

Heute besteht dort neben der Janusz-Korczak-Schule die Gedenkstätte Bullenhuser Damm. Seit 1980 erinnert die Gedenkstätte an die ermordeten Kinder und Erwachsenen, seit 2011 erzählt eine über den Schulhof zugängliche Ausstellung im Gebäude die Geschichte des Ortes, der Opfer, der Tat, der Strafverfolgung, der Spurensuche und der Erinnerung. Die Taträume sind bewusst leer gelassen.

Gedenkstätte Bullenhuser Damm und zugleich Janusz-Korczak-Schule. Hier wurden 1945 20 jüdische Kinder von SS-Männern ermordet.

Auf dem Rückweg von Hamburg nach Essen hielten wir dort. Die jugendlichen Teilnehmer unserer Fahrt erinnerten im Rosengarten hinter dem Schulgebäude an die Opfer und legten Blumen nieder.

Aus der Geschichte lernen

Gedenkstättenfahrten wie diese sind anstrengend, führen sie doch zu den Schattenseiten der Geschichte, die viele verleugnen wollen. Natürlich trifft die heutige Generation keine Schuld an den Verbrechen, doch angesichts einer zunehmenden Rechtsentwicklung in anderen europäischen Ländern und auch in Deutschland ist es wichtig, aus der Geschichte zu lernen, dass und warum sie sich nicht wiederholen darf.

In einer Zeit, in der im Umfeld von AfD, Pegida & Co. in übelster Weise rassistische Vorurteile über geflüchtete Menschen verbreitet werden und in einer Zeit in der Politiker die Einrichtung von Lagern befürworten (die sie natürlich mit besser klingenden Begriffen bezeichnen) sowie Flüchtlinge nach ihrer Nützlichkeit sortieren wollen heißt es wachsam zu sein gegenüber den Anfängen einer Politik, die zu aus der Geschichte bekannten Ergebnissen führen kann.

Die Trennlinie verläuft nicht zwischen Nationen und Völkern, sondern zwischen Faschisten und Antifaschisten.

Gedenkort im Rosengarten der Gedenkstätte Bullenhuser Damm hinter dem Schulgebäude.

Baustellen der Verfolgung und des Widerstandes in Gelsenkirchen (II)

In der U-Bahn-Haltestelle Heinrich-König-Platz wird an den von den Nazis im KZ Dachau ermordeten Vikar erinnert.

In der U-Bahn-Haltestelle Heinrich-König-Platz wird an den von den Nazis im KZ Dachau ermordeten Vikar erinnert.

Zwischen 1986 und 1988 wurden in Gelsenkirchen insgesamt vier innerstädtische Plätze nach Opfern und Gegnern des NS-Regimes benannt. Margarethe-Zingler-Platz, Fritz-Rahkob-Platz, Heinrich-König-Platz und Leopold-Neuwald-Platz erinnern stellvertretend an Verfolgung und Widerstand von Sozialdemokraten, Kommunisten, Christen und Juden. Einen fünften, nach dem Sinti-Kind Rosa Böhmer zu benennenden Platz, fordert Andreas Jordan. Dieser Platz könnte zugleich an alle vergessenen Opfergruppen erinnern.

Zwei der vorhandenen Plätze waren von Baumaßnahmen betroffen, die anderen zwei Plätze werden in naher Zukunft umgestaltet werden. Der Umbau des Heinrich-König-Platzes neigt sich dem Ende entgegen. Anlässlich des Todestages von Heinrich König, der am 24. Juni 1942 im KZ Dachau ermordet wurde, wurde erneut an ihn erinnert.

Das in der U-Bahn-Haltestelle Heinrich-König-Platz am Freitag, 24. Juni 2016 enthüllte Gemälde von Karl-Heinz Rotthoff.

Das in der U-Bahn-Haltestelle Heinrich-König-Platz am Freitag, 24. Juni 2016 enthüllte Gemälde von Karl-Heinz Rotthoff.

Auf der Verteilerebene der U-Bahn-Station wurde am Freitag ein Gemälde von Karl-Heinz Rotthoff enthüllt, das Stationen auf dem Lebensweg des Vikars der St. Augustinus-Propstgemeinde zeigt. Flankiert von einer neuen Erinnerungsortetafel des Instituts für Stadtgeschichte und ergänzt durch eine kleine Ausstellung kann man sich über das Leben des Mannes, der wegen sogenannter „Wehrkraftzersetzung“ denunziert worden ist und im KZ Dachau nach der Demütigung durch medizinische Versuche an einer Bauchfellentzündung starb, informieren.

Eine Ausstellung in der U-Bahn-Haltestelle Heinrich-König-Platz informiert über den Lebensweg Heinrich Königs.

Eine Ausstellung in der U-Bahn-Haltestelle Heinrich-König-Platz informiert über den Lebensweg Heinrich Königs.

Die zu Beginn der Baumaßnahmen vor drei Jahren eingelagerte Stele erhielt einen neuen Standort auf dem Heinrich-König-Platz, der zugleich auffälliger ist als der alte Standort. Die von Werner und Martin Künne gestaltete, 1,2 Tonnen schwere Stele aus Ruhr-Sandstein erinnert auffällig und mit religösen Motiven an den Mann, der von den Nazis im KZ Dachau umgebracht worden ist. Damit stellt sie zugleich auch eine Mahnung für die Gegenwart dar, dass sich unmenschliche Verhältnisse nicht wiederholen dürfen.

Die Stele zur Erinnerung an Heinrich König am neuen Standort auf dem Heinrich-König-Platz.

Die Stele von Werner und Martin Künne zur Erinnerung an Heinrich König am neuen Standort auf dem Heinrich-König-Platz.