Der Stein des Anstoßes

Wer in Gelsenkirchen-Rotthausen aufgewachsen ist, für den ist Dahlbusch ein Begriff, obwohl die Zeche Dahlbusch bereits seit 1966 ihre Tore geschlossen hat. Zur Geschichte der Zeche gehören auch die verschiedenen Grubenunglücke. Vor 60 Jahren, im Mai 1955, wurde hier die berühmte „Dahlbuschbombe“ entwickelt, um verschüttete Bergleute zu retten. Zuvor gab es weitere große Grubenunglücke, eines 1950, und eines während des Zweiten Weltkrieges am 23. August 1943. Damals verloren durch eine Schlagwetter- und Kohlenstaubexplosion 34 Bergleute ihr Leben. Die deutschen Toten und ein italienischer Toter wurden in Einzelgräbern am heutigen Denkmal für das 1943er Grubenunglück auf dem Rotthauser Friedhof bestattet, die 17 sowjetischen und ein polnischer Zwangsarbeiter kamen in ein Sammelgrab. 1947 wurden die toten Zwangsarbeiter an den Ostfriedhof umgebettet.

Denkmal zur Erinnerung an die toten Bergleute des Grubenunglücks vom 23. August 1943 auf dem Friedhof Rotthausen

Denkmal zur Erinnerung an die toten Bergleute des Grubenunglücks vom 23. August 1943 auf dem Friedhof Rotthausen

Das noch heute bestehende Denkmal an das 1943er Grubenunglück wurde im November 1949 errichtet. Beiderseits des Weges der auf das Denkmal zuläuft, liegen die Grabstellen für die deutschen Bergleute und den italienischen Bergmann. Einer der Grabkissensteinen (40 x 60 cm) ist unbeschriftet geblieben, da die Witwe ihren Mann auf dem Ückendorfer Friedhof beerdigen ließ.

Der Gelsenkirchener Klaus Brandt beschäftigt sich seit 2012 mit diesem Denkmal. Er kritisiert, dass die Grabgestaltung die damaligen „Ostarbeiter“ unterschlägt und schlägt vor, auf dem unbeschriftet gebliebenen Grabkissenstein an die Zwangsarbeiter aus der Sowjetunion und Polen zu erinnern.

Grabstellen der toten Bergleute des Grubenunglücks vom 23. August 1943 auf dem Friedhof Rotthausen

Grabstellen der toten Bergleute des Grubenunglücks vom 23. August 1943 auf dem Friedhof Rotthausen

Nachdem er sich mit dem Eigentümer des Denkmals verständigt und einen Kostenvoranschlag von einem Steinmetz eingeholt hat, wandte er sich an Gelsendienste mit seinem Antrag. Er schlug folgenden Text vor: „AUCH ACHTZEHN ZWANGSARBEITER AUS OSTEUROPA WURDEN OPFER DES UNGLÜCKS. ZU NAZIZEITEN ZÄHLTEN SIE NICHT ZU DEN KAMERADEN. SIE GALTEN ALS UNTERMENSCHEN. GELSENKIRCHENER BÜRGER WIDMEN IHNEN DIESEN STEIN ALS ZEICHEN DES GEDENKENS UND DER MITVERANTORTUNG.“

Der unbeschriftet gebliebene Grabkissenstein

Der unbeschriftet gebliebene Grabkissenstein

Mit Datum vom 23. März 2015 erhielt er u.a. zur Antwort: „Wegen der Größe der Grabplatte und der von der Stadt Gelsenkirchen gepflegten Erinnerungskultur, die auf eine sachliche Aufklärung zum Thema Nationalsozialismus setzt, halte ich folgenden Text für angemessen: ‚Auch achtzehn Zwangsarbeiter aus Osteuropa wurden Opfer des Unglücks. Gelsenkirchener Bürger widmen ihnen diesen Stein als Zeichen des Gedenkens und der Mitverantwortung'“.

Klaus Brandt (links im Bild) mit August Bebel und Andreas Jordan während der Antikriegstagsveranstaltung 2014

Klaus Brandt (links im Bild) mit August Bebel und Andreas Jordan während der Antikriegstagsveranstaltung 2014

Damit ist Klaus Brandt allerdings nicht einverstanden und wandte sich zuerst an die Gelsenkirchener VVN-BdA, die seinen Textvorschlag inhaltlich unterstützt, und jetzt mit einem Bürgerantrag nach § 24 der Gemeindeordnung an die Bezirksvertretung Süd, um doch noch den von ihm gewünschten Text auf dem leeren Grabkissenstein zu sehen. Unter anderem argumentiert er, dass eine sachliche Aufklärung nicht zugleich auch einen Mangel an Affekt bedeuten müsse und fragt: „Ist es unsachlich, Nazis Nazis zu nennen? Ist es unwürdig, an dem Ort der die Opfer mit dem P und dem OST aus den ‚von uns gegangenen Kameraden‘ aussondert, an diese Aussonderung mit klaren Worten zu erinnern?“

Supplement

Der Antrag wurde in der Bezirksvertretung Süd abgelehnt.

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