Antifaschistischer Protest gegen „Die Rechte“

Kundgebungen gegen „Die Rechte“ in Gelsenkirchen auf verschiedenen Plätzen am 7. April 2018 ab 13.30 Uhr. – Update weiter unten!

Foto von der Antirassismus-Demonstration am 15.02.2014 auf dem Schalker Markt. In der Bildmitte mit der VVN-Fahne der unvergessliche Werner Cichowski.

Gegen den Aufmarsch der „Die Rechte“ am 7. April 2018 ab 14 Uhr auf dem Bahnhofsvorplatz in Gelsenkirchen gibt es bislang Anmeldungen für drei Gegenkundgebungen, und zwar durch die Satirepartei „Die PARTEI“, durch SJD -Die Falken und der DGB-Jugend sowie der Die Linke. Die Motti reichen von „Demokratie ohne Haken – Ja UND Nein zu Europa“ („Die Partei“) über „Gelsenkirchen ist bunt“ (Falken/DGB) bis zu „Bunte Vielfalt statt brauner Einfalt“ (Die Linke), der Beginn liegt jeweils bei 13.30 Uhr.

Im Aufruf zu den Gegendemonstrationen heißt es unter anderem: “ (…) Die Partei ‚Die Rechte‘ wurde von dem langjährigen Neo-Nazi Kader Christian Worch 2012 gegründet und gilt als besonders radikal und gewaltbereit. In ihrem politischen Profil vertritt die Partei einen völkischen Nationalismus und zeigt immer wieder einen eindeutig positiven Bezug zum verbrecherischen deutschen Nationalsozialismus. Aggressive Hetze und Gewalt gegen nicht deutsche, asylsuchende Menschen und Andersdenkende sind fester Bestandteil ihres politischen Handelns.“

Ersatzorganisation für verbotene Kameradschaften

Und weiter führt der Aufruf aus: „Im Ruhrgebiet, insbesondere in Dortmund, gilt die Rechte als Ersatzorganisation für die 2012 verbotene Kameradschaft Nationaler Widerstand Dortmund (NWDO). Seit dem Verbot arbeiten dieselben Personen nun als ‚Die Rechte‘ weiter und sind als Rats- bzw. Bezirksvertreter sogar vereinzelt in Stadträte eingezogen und verbreiten dort ihre menschenverachtende Ideologie. Ihre Mitglieder sind auch hier für unzählige Angriffe auf Menschen verantwortlich, die nicht in ihr rassistisches und völkisches Weltbild passen. In Dortmund konnte die Partei und ihr Umfeld in einigen Stadtteilen wie z.B. in Dorstfeld bereits rechte Strukturen festigen. (…)

Als ein Zusammenschluss aus verschiedenen Organisationen und Einzelpersonen rufen wir gemeinsam zu mehreren Gegenkundgebungen am 7. April in der Gelsenkirchener Innenstadt, in direkter Nähe zur Versammlung der Neonazis, auf. Wir wollen gemeinsam an die erfolgreichen Proteste gegen die NPD oder die AfD in den letzten Jahren anknüpfen, bei denen sich viele Bürgerinnen und Bürger dem rassistischen Treiben entschlossen in den Weg gestellt haben und gezeigt haben, dass in Gelsenkirchen kein Platz für Nazis, Rassisten und menschenverachtende Propaganda ist.

Zeigen wir den Nazis, dass wir ein offenes, solidarisches und soziales Gelsenkirchen wollen!
Dass hier kein Platz für nationalistische Beschränktheit ist! Zeigen wir ihnen, dass wir uns gegen jegliche rechte Hetze und Ausgrenzung stellen! (…)“

Erinnerung an die Märzrevolution 1920 und den antifaschistischen Widerstand

1947/48 auf dem Friedhof Horst-Süd von der VVN errichtetes Denkmal für den antifaschistischen Widerstand.

Zur gleichen Zeit erinnert AUF Gelsenkirchen/Kumpel für AUF/MLPD/Rebell/Frauenverband Courage auf dem Friedhof Horst-Süd zwischen 13.00 und 14.00 Uhr am 1947/48 von der VVN errichteten Denkmal für den antifaschistischen Widerstand mit einer Gedenkveranstaltung an die Toten der Roten Ruhrarmee, die in der Folge des Widerstandes gegen den Kapp-Putsch im März 1920 von rechtsradikalen Freikorps ermordet wurden.

Auch wenn es nicht so geplant war, kann auch diese Kundgebung als Demonstration gegen „Die Rechte“ mit ihrem positiven Bezug zum historischen Faschismus angesehen werden.

Update

SJD Die Falken und die DGB-Jugend mobilisieren zum Heinrich-König-Platz.

Nach dem aktuellen Stand wird es an zwei Orten Gegendemonstrationen geben.

Die Kundgebung von SJD Die Falken und der DGB-Jugend wird weiter entfernt auf dem Heinrich-König-Platz stattfinden, die übrigen Gegenproteste wurden näher bei den Rechten an das Ende der Bahnhofstraße vor dem ehemaligen Brauhaus Hibernia/vor dem Bahnhofsvorplatz zusammengelegt. Zu den bisher bekannten Anmeldern („Die PARTEI“ und Die Linke) hat sich noch ein völlig unbekanntes „Anfifaschistisches Bündnis Gelsenkirchen“ gesellt, das vermutlich von Protagonisten von MLPD & Co. gebildet wird.

Außerdem ist auf der Bahnhofstraße auch noch Blumen- und Gartenmarkt. Es wird also mehr bunt als braun in der Stadt sein! Beginn beider Gegenkundgebungen ist 13.30 Uhr, „Die Rechte“ hat sich für 14.00 Uhr auf dem Bahnhofsvorplatz angekündigt und sie werden zwischen Sparkasse und ehemaligem Verwaltungsgericht in Hörweite der näheren Gegenkundgebung stehen. Sie planen aus Duisburg anzureisen und anschließend nach Bochum weiterzureisen und an allen Orten Kundgebungen durchzuführen.

 

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Abrüsten statt Aufrüsten! – Ostermarsch 2018 im Stadtgarten

Auf der Bühne im Stadtgarten vor dem Empfang des Ostermarsches: Norbert Labatzki, Karmelita Gaertig, Leo Kowald.

Der traditionsreiche Empfang des Ostermarsch Rhein Ruhr fand auch 2018 wieder im Stadtgarten Gelsenkirchen statt. Redner in diesem Jahr war Dr. Michael Stiels-Glenn von den Friedensfreunden Dülmen, die Musik dazu spielte Norbert Labatzki, teilweise unterstützt von Leo Kowald.

Der Ostermarsch Rhein Ruhr geht wie in jedem Jahr an drei Tagen für Frieden und Abrüstung von Duisburg nach Dortmund. Der Ostersonntag ist der zweite Tag, an dem die Fahrradetappe von Essen über Gelsenkirchen, Wattenscheid nach Bochum stattfindet. Gelsenkirchen ist dabei ein kleiner Zwischenstopp für die Radfahrer, der eine kleine Pause, Gespräche sowie Kaffee und Kuchen bietet. Zahlreiche Gelsenkirchener waren da um den aus Essen kommenden Fahrradkorso zu begrüßen. Wie in jedem Jahr gab es die Gelegenheit, alte Bekannte wieder zu treffen und neue Gesichter kennen zu lernen.

Blick von der Bühne auf die Gelsenkirchener, bevor der Ostermarsch aus Essen eintraf.

Das Wetter war wie erwartet sehr regnerisch, daher hatte das Friedensforum Gelsenkirchen schon das dritte Mal in Folge den Kaffee- und Kuchenverkauf auf die überdachte Bühne verlagert. Neben den Informationen des Friedensforums gab es wieder Infostände der verschiedenen Parteien (Die Linke, Bündnis 90/Die Grünen, MLPD und DKP) sowie der VVN-BdA. Letztere „schlüpfte“ aufgrund des Regenwetters unter das Zeltdach der Die Linke und wurde dort freundlich aufgenommen. Während die meisten Parteien Flugblätter auslegten und austeilten, verteilten Bündnis 90/Die Grünen passenderweise grüngefärbte Ostereier.

Der Ostermarsch auf dem Weg zum Mahnmal für die Opfer des Faschismus.

Am Mahnmal für die Opfer des Faschismus sprach in diesem Jahr Dr. Michael Stiels-Glenn von den Friedensfreunden Dülmen. Er erinnerte in seiner Rede zunächst an die Antifaschistinnen und Antifaschisten, denen das Mahnmal gewidmet ist, um dann darauf hinzuweisen, dass die Friedensbewegung Träger des Friedensnobelpreises ist. Am 10. Dezember 2017 wurde der Internationalen Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen – ICAN (International Campaign to Abolish Nuclear Weapons) der Friedensnobelpreis verliehen. Er kritisierte die Pläne von Trump, die dazu führen können, dass ein Atomkrieg möglich wird und die unterschiedliche Sichtweise auf die USA und Russland, erinnerte an die Abrüstungspolitik der 1970er Jahre und berichtete von der konkreten Situation vor Ort in Dülmen.

Am Mahnmal spricht Dr. Michael Stiels-Glenn von den Friedensfreunden Dülmen.

Für die musikalische Untermalung sorgte vor und nach der Rede der Gelsenkirchener Klezmer-Musiker Norbert Labatzki, teilweise unterstützt von Leo Kowald. Norbert Labatzki ist in Gelsenkirchen insbesondere für die Spendengala „Straßenfeuer“ bekannt, einer Großveranstaltung mit Musikern, Comedians und Künstlern. Der Reinerlös der Veranstaltung kommt der Aktion „Warm durch die Nacht’ und dem Arzt Mobil zugute.

Gute Musik von Norbert Labatzki, hier mit Leo Kowald.

Von Alternativen, Allianzen und (anderen) Rechten

Blick aus der Gegendemonstration in die Kundgebung der AfD am 12. Mai 2017 in Gelsenkirchen-Buer.

17 % der Stimmen für die sogenannte „Alternative für Deutschland“ (AfD) bei der letzten Bundestagswahl in Gelsenkirchen haben für bundesweite Aufmerksamkeit gesorgt. In Gelsenkirchen, der AfD-Hochburg im Westen der Republik, haben wir es jedoch im Rat der Stadt nicht nur mit einer – inzwischen zerstrittenen – AfD-Ratsfraktion zu tun, sondern auch mit einer ehemaligen Pro-NRW-Fraktion. Ende des vergangenen Jahres hat sich zudem ein Kreisverband Gelsenkirchen/Recklinghausen der Partei „Die Rechte“ gegründet.

Der Erfolg rechter Parteien ist auch in Gelsenkirchen keine Besonderheit. Zur Kommunalwahl 1989 bekamen „Die Republikaner“ 7,4 % der Stimmen in unserer Stadt. Zwar sanken diese zwischen 1994 und 2004 auf zwischen 3,1 und 4,0 %, doch blieb ihnen auch über Parteiwechsel hinweg eine rechte Kernwählerschaft treu. 2007 wechselte Kevin Hauer von den Republikanern zu Pro NRW und zog zur Kommunalwahl 2009 mit 4,3 % der Stimmen erneut in den Rat der Stadt ein.

Seit der Kommunalwahl 2014 sitzen neben den drei Fraktionsmitgliedern von Pro NRW auch drei Mitglieder der AfD im Rat der Stadt, letztere bilden allerdings seit 2015 einen zerstrittenen Haufen aus einer zweiköpfigen Ratsgruppe und einem Einzelmandatsträger, die alle drei dennoch Mitglied der AfD sind. Auch innerhalb der Pro-„Bürgerbewegungen“ (Pro Köln, Pro NRW, Pro Deutschland) gab es offenbar personale Auseinandersetzungen, die 2015 nicht nur in Gelsenkirchen zu einem Wechsel der Mitgliedschaft und Umbenennung der Fraktion Pro NRW in Fraktion Pro Deutschland führte. Mit der Auflösung von Pro Deutschland, die erfolgte, um die AfD nicht durch Konkurrenzkandidaturen bei Wahlen zu schwächen, musste sich die nun namenlose, ehemalige Fraktion Pro NRW erneut umbenennen. Sie nennt sich nun „Allianz für Gelsenkirchen“.

Ende des letzten Jahres hat die Partei „Die Rechte“ einen Kreisverband Gelsenkirchen/Recklinghausen gegründet. Personell und politischer Orientierung nach handelt es sich in Dortmund und Hamm um eine Fortführung verbotener „Kameradschaften“, die sich mit dem „Parteienprivileg“ vor einem neuerlichen Verbot nach dem Vereinsgesetz schützen. Bei einem Versuch am 1. Mai 2015 von Essen-Kray nach Gelsenkirchen-Rotthausen zu marschieren, scheiterten die Rechten am Widerstand der Gegendemonstranten. Am 7. April 2018 wollen sie einen zweiten Versuch einer Kundgebung in Gelsenkirchen auf dem Bahnhofsvorplatz starten, um für eine europaweite Demonstration von Rechtsextremen am 14. April 2018 in Dortmund zu werben. Dagegen regt sich wie schon 2015 Widerstand in unserer Stadt.

Gegenproteste gegen erneuten Aufmarsch der „Die Rechte“ nach Gelsenkirchen!

Faschistische „Die Rechte“ am 1. Mai 2015 auf dem Krayer Markt mit den Scharz-weiß-roten Fahnen des vordemokratischen Deutschland.

Die faschistische Kleinpartei „Die Rechte“ will mal wieder nach Gelsenkirchen kommen.

Zuletzt versuchten sie am 1. Mai 2015 von Essen-Kray nach Gelsenkirchen-Rotthausen zu marschieren, wurden jedoch erfolgreich vor der Stadtgrenze von einem Blockadebündnis junger Antifaschistinnen und Antifaschisten sowie dem aus dem Antikriegstagsbündnis hervorgegangenen „Bündnis gegen Krieg und Faschismus“ blockiert. Parallel hatte die Bürgergesellschaft Rotthausens ein Freundschaftsfest auf dem Ernst-Käsemann-Platz organisiert.

Dieses Mal will „Die Rechte“ am 7. April 2018 um 14 Uhr auf dem Bahnhofsvorplatz auftauchen. Die Partei „Die Rechte“ lässt sich als Nachfolgeorganisation verbotener Kameradschaften verstehen, die das Parteienprivileg nutzt, um nicht erneut nach dem Vereinsgesetz verboten zu werden. Da sie noch unbedeutender als die NPD ist, würde sie – wie diese – nicht vom Bundesverfassungsgericht verboten werden. Da der Rechtsstaat an dieser Stelle nicht mit einem Verbot weiterhelfen will, bleibt es den engagierten Bürgern in Gelsenkirchen überlassen, sich gegen diese offen neonazistische Gruppierung zu wehren.

Update: Bislang gibt es Anmeldungen für drei Gegenkundgebungen gegen den Aufmarsch der „Die Rechte“, und zwar durch die Satirepartei „Die Partei“, durch SJD -Die Falken und der DGB-Jugend sowie der Die Linke. Hier geht es weiter …

Die Friedensbewegung ist Friedensnobelpreisträger – Infostand zum Ostermarsch 2018

Wie in den Jahren zuvor informierte das Friedensforum Gelsenkirchen auch in diesem Jahr am (heutigen) Samstag vor Ostern über den Empfang des Ostermarsches Rhein-Ruhr 2018 am Ostersonntag im Stadtgarten. Nachdem wir in den letzten Jahren immer wieder aufgrund kommerzieller Veranstaltungen auf andere Plätze ausweichen mussten, konnten wir uns dieses Mal endlich wieder am Neumarkt zwischen Bahnhofstraße, Sparkasse und Heinrich-König-Platz in Sichtweite der beiden Kirchen präsentieren.

Wie in jedem Jahr führten wir unterschiedliche und teilweise sehr interessante Gespräche. Einzelne sprachen uns selbst an, viele sprachen wir an und wieder andere gingen vorbei und zeigten keinerlei Interesse. Gesprächsthemen waren nicht nur Frieden und Abrüstung, sondern auch die zunehmende Armut in unserem reichen Land. Die größte Aufmerksamkeit erzeugte Hille, die sich mit einem schwarzen Blazer und einer schwarzrotgoldenen Schärpe als „Bundesregierung“ verkleidet als Standfigur aufstellte. Mit einem Plakat machte sie darauf aufmerksam, dass die Bundesregierung den Militäretat erhöht und bat um Spenden. Eigentlich eine Kunstaktion, die Widerspruch auslösen sollte (und das auch sehr oft tat), gab es dennoch einzelne, die ein paar Centstücke in den Becher werfen wollten. Dieses Verhalten, wie auch das gezeigte Interesse an der „Bundesregierung“, nutzen wir oft als Gesprächsanlass für unsere Themen.

Provokative Kunstaktion weckt Aufmerksamkeit – Infostand zum Ostermarsch Rhein-Ruhr 2018 auf dem Neumarkt.

Auf diese Weise konnten wir mit nur wenigen Leuten über drei Stunden lang über den Ostermarsch informieren. Eine ältere Dame berichtete, dass sie in den 60er Jahren selbst beim Ostermarsch dabei gewesen war, es heute ihre Gelenke aber nicht mehr zuließen. Ich erklärte ihr, dass sie dennoch (wie alle anderen auch) herzlich zum Empfang des Ostermarsches im Stadtgarten Gelsenkirchen eingeladen sei. Am Ostersonntag, dem 1. April 2018, wird ab 11.00 Uhr die Begrüßung des aus Essen kommenden Ostermarsches am Musikpavillon im Stadtgarten mit Informationen, Gesprächen, Kaffee und Kuchen stattfinden. Gegen 11.45 Uhr wird am Mahnmal für alle Opfer des Faschismus Dr. Michael Stiels-Glenn von den (befreundeten) Friedensfreunden Dülmen über den Friedensnobelpreis für die Friedensbewegung und das weltweite Verbot von Atomwaffen sprechen. Nach einem kulturellen Beitrag des Klezmer-Musikers Norbert Labatzki wird der Ostermarsch gegen 12.15 Uhr weiterziehen.

Der Friedensnobelpreis 2017 wurde der „Internationalen Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen“ (ICAN) verliehen, zu der auch die Gründungsorganisationen der internationalen Ostermarschbewegung gehören. Eine weitere Mitgliedsorganisation des Friedensnobelpreisträgers ICAN ist auch „Majors for peace“, dessen Aufruf der Rat der Stadt Gelsenkirchen unterzeichnet hat und deren Mitglied unser Oberbürgermeister Frank Baranowski seit 2005 ist.

Infostand zum Ostermarsch Rhein-Ruhr 2018 auf dem Neumarkt.

Gedenkfahrt zur Erinnerung an fast vergessene Kriegsendverbrechen

Eine Welt ohne Nazismus, Rassismus und Militarismus fordert die VVN-BdA.

Eine Gedenkfahrt von Köln über Lindlar und die Versetalsperre nach Lüdenscheid führte die nordrhein-westfälische VVN-BdA mit Unterstützung örtlicher Aktiver am Samstag, 3. März 2018 durch. Sie erinnert an Kriegsendverbrechen im Frühjahr 1945, als die Nazis noch kurz vor der Befreiung eine fast vergessene Blutspur im Land hinterließen. Die Fahrt diente zugleich der Unterstützung der örtlichen Initiativen, denn viele Einzelheiten sind auch über 70 Jahre nach Kriegsende noch nicht erforscht.

Der Auftakt fand um 10.30 Uhr vor dem Eingang zum Tiefbahnhof Köln-Deutz statt. Eine Gedenktafel und eine Stolperschwelle erinnern an die Deportationszüge von Sinti und Roma, Juden und Häftlingen des Messelagers. Vor rund 40 Antifaschistinnen und Antifaschisten erinnerten Landessprecher Falk Mikosch und Bundessprecher Ulli Sander an diese Verbrechen, an den Jugendwiderstand in Köln wie auch an den Anlass der Gedenkfahrt.

Auftakt der Gedenkfahrt am Bahnhof Köln Messe/Deutz.

Am 3. März 1945, zwei Tage vor der Befreiung Kölns, hat die Gestapo-Leitstelle Köln mindestens 1.000 Gefangene aus den Benelux-Ländern und dem Rheinland durch das Bergische Land in das sogenannte „Arbeitserziehungslager“ Lüdenscheid-Hunswinkel im Versetal (heute unter den Fluten der Versetalsperre) und dem Exekutionsort Hühnersiepen (heute eine Kriegsgräberstätte) getrieben. Es handelte sich um jüdische Häftlinge, (meist russische) Zwangsarbeiter und politische Häftlinge aus den Benelux-Ländern und dem Rheinland. Circa 300 wurden dort hingerichtet, viele kamen auf dem Todesmarsch ums Leben.

Während die Kriegsendverbrechen an anderen Orten wie der Dortmunder Bittermark und der Solinger Wenzelnbergschlucht seit Jahrzehnten erforscht sind und dort jedes Jahr würdige Gedenkveranstaltungen stattfinden, existiert eine solche Tradition in Köln und Lüdenscheid bislang nicht. Den Anstoss sich hiermit zu beschäftigen gaben Matthias Wagner und andere von der Friedensgruppe Lüdenscheid. Auf der Landesdelegiertenkonferenz der VVN-BdA NRW am 18. Februar 2017 hatten wir über den Initiativantrag „Aufklärung über fast vergessene Massenverbrechen in der Kriegsendphase“ diskutiert. Diese Gedenkfahrt ist ein direktes Ergebnis. Damals wie heute fand und finde ich es übrigens „erstaunlich, dass es immer noch so weit zurückliegende Verbrechen der Nazis zu entdecken gibt“.

Lindlar, Kirchplatz der katholischen Gemeinde St. Severin.

Von Köln aus fuhren wir weiter nach Lindlar und erinnerten dort gemeinsam mit „Unser Oberberg ist bunt – nicht braun“ auf dem Kirchplatz der katholischen Gemeinde St. Severin vor einer dort angebrachten Erinnerungstafel an lokale Verbrechen an Zwangsarbeitern. Uli Sander thematisierte hier auch die Verantwortung der Industrie- und Wirtschaftsführer an den Verbrechen. Nach einem kleinen Imbiss und weiteren Informationen über die Ermordung der Zwangsarbeiter, die Lindlar durch Filmaufnahmen der US-Army weltbekannt gemacht hatten, fuhren wir weiter mit dem Bus zur Klammer Brücke an der Versetalsperre.

Matthias Wagner, Friedensgruppe Lüdenscheid, berichtet an der Gedenkstätte in der Nähe der Klamer Brücke.

Die Versetalsperre wurde in den zwanziger Jahren geplant und ist erst nach dem Krieg fertiggestellt worden. Während der Nazi-Zeit ist hier nach Berlin 1940 das zweite sogenannte „Arbeitserziehungslager“ errichtet worden. Wurden hier zunächst deutsche sogenannte „Arbeitsbummelanten“ eingewiesen, änderte sich der Charakter des Lagers durch den Einsatz russischer Zwangsarbeiter zwischen 1942 und 1944 durch eine hohe Anzahl von Todesfällen. Wo sie begraben wurden, ist zum größten Teil unbekannt. Ab Februar 1945 wurde das Lager von der Gestapo Dortmund und Köln überwiegend als Hinrichtungsort genutzt.

Während der Gedenkveranstaltung am Gedenkort für die Toten des Arbeitserziehungs- und Konzentrationslagers Hunswinkel.

In der Nähe der Brücke befindet sich ein Gedenkort für die Toten des Arbeitserziehungs- und Konzentrationslagers Hunswinkel. Das 1997 aufgestellte Mahnmal wurde – mutmaßlich von Metalldieben – 2014 abgesägt und gestohlen. Heute befindet sich am Ort eine ausführliche Erinnerungstafel und eine von der Friedensgruppe der Stadt geschenkte steingefüllte Lore als Denkmal. Matthias Wagner aus Lüdenscheid berichtete hier von seinen Erfahrungen und Recherchen und fuhr anschließend mit uns im Bus mit auf die Staumauer für weitere Erläuterungen. Die Gedenkfahrt endete in Lüdenscheid im „Kleinen Prinz“ bei Kaffee und Kuchen und individuellen Gesprächen. Anschließend brachte uns der Bus von „auf extratour“ wieder zum Bahnhof Köln Messe/Deutz zurück. Insgesamt eine bemerkenswerte Reise an Orte, die und deren Geschichte ich zuvor nicht kannte.

Gedenkort an der Versetalsperre unweit der Klamer Brücke mit Blick auf die Staumauer.

Die Verwaltung der Erinnerung in Gelsenkirchen (II)

Wo 1945 im Stadtgarten ermordete Zwangsarbeiter verscharrt wurden, wird jetzt an sie erinnert.

Noch kurz vor der Befreiung vom Faschismus 1945 wurden von den Nazis zahlreiche Morde an Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter sowie an Antifaschistinnen und Antifaschisten verübt. In Gelsenkirchen wird seit kurzem an eines dieser Verbrechen mit einer Erinnerungsortetafel im Stadtgarten erinnert.

Der Katalog zur Dauerausstellung „Gelsenkirchen im Nationalsozialismus“ fasst zusammen, was heute über das Verbrechen bekannt ist. Demnach wurden kurz vor Kriegsende 1945 in Gelsenkirchen Ende März Zwangsarbeiter aus Osteuropa im Stadtgarten ermordet. Die Ermordeten wurde in einem Bombenkrater verscharrt, ihre Identität nie geklärt. Die Mörder vermutete man in den Angehörigen einer Volkssturmeinheit, auch ihre Identität wurde nie zweifelsfrei festgestellt. Weitere Morde wurden von der Gestapo verübt, die am Karfreitag russische Mädchen und Männer aus dem Polizeigefängnis Buer im Westerholter Wald erschoss.

Seit langem wird andernorts an derartige Kriegsendverbrechen würdevoll erinnert. Beispielsweise sind die Massenmorde in der Dortmunder Bittermark (Rombergpark) und der Solinger Wenzelnbergschlucht seit Jahrzehnten erforscht. Jedes Jahr finden hier Gedenkveranstaltungen statt, die die Erinnerung wachhalten und vor einer Wiederholung der Vergangenheit warnen. In diesem Jahr findet zudem erstmals eine Gedenkfahrt statt, die von Köln nach Lüdenscheid führt und an Massenverbrechen der Kölner Gestapo erinnert.

Diese Massenmorde wie auch die Todesmärsche aus den Konzentrationslagern entsprechen dem Nachkriegs- und Überlebenskonzept der Nazis, die ihre Gegner und die Zeugen ihrer Verbrechen nicht am Leben lassen wollten. Auch das Institut für Stadtgeschichte dokumentiert im oben genannten Katalog beispielhaft eine „Mordliste der NSDAP-Ortsgruppe Buer-Middelich“ vom September 1944. – Von diesem Hintergrund findet sich auf der Erinnerungsortetafel leider nichts wieder. Vielmehr wird die Geschichte im ersten Absatz auf der Tafel mehr verklärt als erklärt. Wer sich mit den historischen Ereignissen nicht auskennt, könnte fast den Eindruck gewinnen, Standgerichte und „Ostarbeiter“ hätten unter der einheimischen Bevölkerung Angst und Schrecken verbreitet.

Erinnerungsortetafel im Stadtgarten Gelsenkirchen.

Entschuldigen könnte man diese Tafel allenfalls damit, dass der Text womöglich mit „heißer Nadel“ gestrickt werden musste. Im Januar stellte der wie immer unbequeme Sozialdemokrat Klaus Brandt einen Bürgerantrag, der der VVN-BdA, der Die Linke und Gelsenzentrum e.V. ermöglichen sollte, eine Gedenktafel zur Erinnerung an die Morde aufzustellen. So viel bürgerschaftliches Engagement war der Stadt wohl doch nicht geheuer – und so kam es mal eben schnell zu dieser offiziellen Erinnerungsortetafel.

Literatur
Schmidt, Daniel (Hrsg.): Gelsenkirchen im Nationalsozialismus. Katalog zur Dauerausstellung. Schriftenreihe des Instituts für Stadtgeschichte. Materialien, Band 12. Gelsenkirchen 2017. Seite 223-230