Schlagwort-Archive: Gedenkstätte Deutscher Widerstand

Widerstand und Verfolgung, Geschichte und Gegenwart – Eindrücke in Berlin 2018

Berlin 2018: Fernsehturm am Alexanderplatz. Am Alexanderplatz begann die große „unteilbar“-Demonstration, mit 240.000 Demonstranten eine der größten jüngeren Demonstrationen.

Zum (ich musste hier nachschauen) inzwischen fünften Mal fuhren die DGB-Jugend aus Mühlheim, Essen und Oberhausen und die Essener VVN-BdA gemeinsam zu einem Ort des Nazi-Terrors. Das ehemalige KZ Sachsenhausen nördlich von Berlin gelegen war eines der Ziele der Fahrt nach Berlin am vergangenen Wochenende. Auf dem Programm standen noch eine Führung durch die Gedenkstätte Deutscher Widerstand mit einem Gespräch mit Hans Coppi jr. Nicht geplant aber spontan beschlossen war unsere Teilnahme an der überwältigenden Demonstration „#unteilbar“ die sich vom Alexanderplatz zur Siegessäule hinzog.

Bemerkenswert war wie schon bei den früheren Gedenkstättenfahrten das Interesse der Jugendlichen und jungen Erwachsenen, mehrere besuchten zum ersten Mal eine Gedenkstätte.

In der Gedenkstätte Deutscher Widerstand.

Gedenkstätte (und Museum) Sachsenhausen liegt nördlich von Berlin in der Kreisstadt Oranienburg. Die Gedenkstätte erinnert im wesentlichen an das Konzentrationslager Sachsenhausen, welches die Nazis im Juli 1936 von den Häftlingen errichten ließen. In den 68 Baracken und zahllosen Außenlagern wurden im Verlauf des Krieges 200.000 Häftlinge aus 47 Nationen eingepfercht. Zehntausende starben von der SS gewollt durch Hunger, Krankheiten, Misshandlungen und Zwangsarbeit. 1941 wurden 18.000 sowjetische Kriegsgefangene in der Genickschussanlage systematisch im Vier-Minutentakt ermordet.

Eingang zur Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen, früher Eingang in das Konzentrationslager, mit dem zynischen Schriftzug „Arbeit macht frei“.

Neben dem Häftlingslager, welches heute Gedenkstätte und Museum bildet, errichtete die SS hier die zentrale Inspektion der Konzentrationslager, der alle KZs unterstanden. Sachsenhausen war zudem Ausbildungsstätte für die SS-Totenkopfverbände, den Wachmannschaften der KZs. Für die wirtschaftliche Ausbeutung der Häftlinge wurden SS-eigene Betriebe errichtet. Neben dem eigentlichen KZ entstand so ein gigantischer SS-Komplex.

Gerd Hoffmann erläutert den jungen Gewerkschaftern am Modell den Aufbau und die gigantischen Ausmaße des SS-Komplexes.

Durch die Gedenkstätte führten uns in zwei Gruppen die beiden VVN-BdA-Mitglieder Dorit und Gerd Hoffmann aus Frankfurt/Oder. Sie zeigten uns die baulichen Überreste und schilderten den Alltag der Häftlinge und die Brutalität der SS-Männer. In Erinnerung geblieben ist mir die „Schuhprüfstrecke“, auf der Häftlinge bis zur völligen Erschöpfung Schuhmaterial für die Wehrmacht und später auch für die private Firma Salamander erproben mussten.

Blick in die zentrale Dauerausstellung.

In der ehemaligen Häftlingsküche ist die Dauerausstellung zur Geschichte des Lagers untergebracht. Wichtige Stationen sind die Errichtung des KZ 1936, die Masseneinlieferungen deutscher (nach Nazi-Kriterien) jüdischer Männer nach dem Novemberpogrom 1938 in das „Kleine Lager“, die Veränderungen mit Beginn des Zweiten Weltkrieges 1939 und der erste Hungerwinter, der Massenmord an sowjetischen Kriegsgefangenen 1941 und der Ausbau des Systems der Außenlager ab 1942/43, sowie schließlich das Kriegsende mit Todesmärschen zur „Evakuierung“ der Konzentrationslager und Befreiung.

Während der Kranzniederlegung für die im KZ ermordeten Gewerkschafter.

Im Komandanturbereich der SS – vor dem Einganz zum Häftlingslager – befinden sich heute verschiedene Gedenksteine. Am Denkmal für die ermordeten Gewerkschafter legten wir einen Kranz nieder. In seiner kurzen Ansprache verband Jan Mrosek, DGB-Jugendsekretär, die Vergangenheit mit der Gegenwart und erinnerte daran, dass die Nazis uns alle als aktive Gewerkschaftler in das KZ eingesperrt hätten. Einen weiteren Bezug zur Gegenwart stellten Dorit und Gerd Hoffmann her, als sie berichteten, dass in den 1990er Jahren Neonazis versucht hätten, zwei mit Originalteilen rekonstruierten Baracken des „Kleinen Lagers“, durch Brandschatzung zu vernichten. In den Baracken wird an Verfolgung und Ermordung jüdischer Menschen erinnert, was den antisemitischen Neonazis offenbar nicht gefiel.

Gedenkstätte Sachsenhausen 2018.

Verändert hatte sich die Gedenkstätte seit meinem Besuch im Jahr 2000 an zwei auffallenden Stellen. Der „Ringwall“, der die erste Reihe der Baracken symbolisierte und den ehemaligen Appellplatz vom Lager trennte, war bereits damals baufällig gewesen und wurde in der Zwischenzeit abgerissen. Nun öffnet sich für den Besucher die große Fläche des Lagers. Auch die damals von mir so empfundene Parklandschaft hatte sich verändert, da nun die mit Schotter gefüllten Grundrisse der Baracken einen Teil der Rasenfläche einnahmen.

Gedenkort Station Z vor den baulichen Überresten der Gaskammer und der Krematorien.

Im Gegensatz zu 2000 konnten wir die sogenannte „Station Z“ besuchen, die Gaskammer und das Krematorium des Konzentrationslagers. Hier zeigte sich noch einmal der Zynismus der SS, die den Eingang ins Lager mit „Tor A“ bezeichnete, und das von ihnen für alle Häftlinge gewünschte Ende mit „Station Z“, dem letzten Buchstaben des Alphabets.

Spontan nahmen wir nach dem Besuch der Gedenkstätte an der Demonstration „#unteilbar“ für eine offene und freie Gesellschaft teil und stellten einmal mehr eine Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart her.

Am folgenden Tag besuchten wir die Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Ursprünglich als „Gedenkstätte 20. Juli“ gegründet, zeigt sie heute beispielhaft die ganze Breite des Widerstandes gegen den Faschismus. Hans Coppi jr führte uns durch die Ausstellung und stand am Ende für Fragen zur Verfügung.

Hans Coppi jr. erläutert die Ausstellung in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand.

Natürlich interessierte uns im Besonderen sein persönlicher Lebensweg. Hans Coppi jr. wurde im Polizeigefängnis geboren und wuchs bei seinen Großeltern auf, da seine Eltern, Hilde und Hans Coppi, als Widerstandskämpfer der von den Nazis als „Rote Kapelle“ bezeichneten Widerstandsgruppe ermordet worden waren. Hans antwortete auf unsere Fragen und berichtete auch über seinen Lebensweg und wie er dazu kam, sich nach Jahrzehnten mit der Roten Kapelle zu beschäftigen.

Ausstellungsdetail zu Hilde und Hans Coppi, den Eltern von Hans Coppi jr.

Fazit: Besuche von ehemaligen Konzentrationslagern sind und bleiben wichtig. Sie erinnern uns, wohin Faschismus führen kann. Sie motivieren uns, heute besonders wachsam zu sein gegenüber Rassismus, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus. Niemals darf sich Ähnliches wiederholen.

Advertisements

20. Juli 1944 – Nationalkonservativer Widerstand gegen das Hitler-Regime

Am 20. Juli 1953 enthüllte Bronzeskulptur von Richard Scheibe im Innenhof der "Gedenkstätte Deutscher Widerstand" (Foto Juli 2000)

Am 20. Juli 1953 enthüllte Bronzeskulptur von Richard Scheibe im Innenhof der „Gedenkstätte Deutscher Widerstand“ (Foto Juli 2000)

Der 20. Juli 1944 ist das bekannteste Datum des Widerstandes gegen das Hitler-Regime. Für den Historiker Hans Mommsen handelt es sich dabei im Gegensatz zum kommunistischen oder sozialistischen Arbeiterwiderstand um bürgerlichen oder nationalkonservativen Widerstand. Die Männer des 20. Juli kamen überwiegend aus der Oberschicht, waren akademisch gebildet und haben zuvor meist im Dienst des NS-Regimes gestanden. Eine Rückkehr zur demokratischen Verfassung der Weimarer Republik lehnten sie ab, es überwogen konservative und neokonservative Ideale sowie preußische Staatstraditionen. Hinter ihren Reformkonzepten stand auch das Interesse der bürgerlichen Oberschicht, ihren sozialen Status zu sichern. Dennoch ist ihr auch persönlicher Einsatz gegen das NS-Regime zu würdigen, den sie aus einer moralisch begründeten Überzeugung heraus leisteten.

Der Ursprung einer nationalkonservativen oppositionellen Gruppierung lässt sich in das Jahr 1938 zurückverfolgen und beginnt mit dem aus Protest zurückgetretenen Chef des Generalstabs, Generaloberst Ludwig Beck. Handlungsfähige Gestalt gewann der nationalkonservative Widerstand jedoch erst im Angesicht der aussichtslosen militärischen Lage des „Dritten Reiches“ nach der Landung der West-Alliierten in der Normandie 1944 und der faktischen Auflösung der Heeresgruppe Mitte an der Ostfront.

Zentrale Figur des Staatsstreichversuchs wurde Oberst Claus Graf Schenk v. Stauffenberg. Trotz seiner Behinderung durch Kriegsverletzungen (ihm fehlten ein Auge, die rechte Hand und zwei Finger der linken Hand) führte er das Attentat am 20. Juli 1944 selbst aus. Zu Hitlers Lagebesprechung im „Führerhauptquartier“ in der ostpreußischen „Wolfsschanze“ setzte er in einer Pause den Zeitzünder der Bombe in Gang, konnte aber aufgrund einer Störung nur die Hälfte des Sprengstoffs zur Zündung einstellen. Er deponierte die Aktentasche mit der Sprengladung in der Nähe Hitlers und verließ den Raum unter einem Vorwand.

Der Staatsstreich scheiterte letztlich, da der Diktator überlebte. Die Verschwörer wurden im Bendlerblock (Oberkommando des Heeres) in Berlin überwältigt, Beck erschoss sich selbst im Gebäude, während die anderen, darunter Stauffenberg, im Hof erschossen wurden. Weitere Beteiligte wurden in Schauprozessen vor dem Volksgerichtshof unter dem Vorsitz von Roland Freisler gedemütigt und abgeurteilt. Die Vollstreckung der Todesurteile erfolgte in Berlin-Plötzensee. Die Verurteilten wurden dort mit Stahlkabeln an Fleischerhaken aufgehängt. Der Vorgang wurde für Hitler gefilmt.

Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Innenhof in der Stauffenbergstraße mit dem Denkmal im Hintergrund (Foto Juli 2000)

Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Innenhof in der Stauffenbergstraße mit dem Denkmal im Hintergrund (Foto Juli 2000)

Heute befindet sich im ehemaligen Bendlerblock die „Gedenkstätte Deutscher Widerstand“, die Bendlerstraße wurde nach dem gescheiterten Attentäter in Stauffenbergstraße umbenannt. Im Innenhof befindet sich seit 1953 ein Ehrenhof mit einer am 20. Juli 1953 enthüllten Bronzeskulptur eines nackten Mannes mit gebunden Händen von Richard Scheibe. Zum 20. Juli 1969 wurde im Gebäude die „Gedenk- und Bildungsstätte Stauffenbergstraße“ mit einer kleinen ständigen Ausstellung eröffnet, 1989 wurde eine neue Ausstellung, die die ganze Breite des Widerstandes gegen das NS-Regime darstellte, eröffnet. Der neue Name „Gedenkstätte Deutscher Widerstand“ verdeutlicht die neue Konzeption. Die beiden Fotos zu diesem Beitrag entstanden noch mit meiner Kleinbildkamera während meines Besuchs kurz nach dem 20. Juli 2000 in der Gedenkstätte. Ich war damals völlig überrascht über den geschmückten Innenhof, bis mir das Datum in den Sinn kam.

Quellen
Lexikon des deutschen Widerstandes. Hrsg. von Wolfgang Benz und Walter H. Pehle. Frankfurt am Main 2004, 2. Aufl., S. 55 ff., S. 325 ff.

Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus. Bundeszentrale für politische Bildung, Bd. 2, Bonn 1999, S. 179 ff.