Denkmal für die ermordeten Juden Europas

Nach meinem kurzen Beitrag zur Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin und meinem ausführlichen Beitrag zu den KZ-Gedenkstätten Buchenwald und Sachsenhausen folgt dieser (dritte) Beitrag der Reihe über ein lange kontrovers diskutiertes Denkmal in der Mitte Berlins: dem „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“, umgangssprachlich „Holocaust-Denkmal“ genannt.

Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin-Mitte im Juli 2008

Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin-Mitte im Juli 2008

Die Idee zu einem Denkmal an die ermordeten Juden reicht zurück in das Jahr 1988 und geht auf die Publizistin Lea Rosh und den Historiker Eberhard Jäckel zurück. Bereits das Ergebnis des ersten Wettbewerbes aus dem Jahr 1994 zeigte überdimensionierte Ausmaße und wurde 1995 vom damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl abgelehnt. Da sich seit der Vereinigung beider deutscher Staaten das Umfeld des geplanten Denkmalstandortes verändert hatte und von einer früheren Randlage der geteilten Stadt in die Mitte Berlins gerückt war, erzeugte das geplante Denkmal inzwischen auch eine größere öffentliche Aufmerksamkeit.

Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin-Mitte im Juli 2008

Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin-Mitte im Juli 2008

Auch ein neuer Entwurf 1997 des New Yorker Architekten Peter Eisenman zeigte einen Hang zur Gigantomanie. Der Entwurf wurde jedoch im weiteren Verlauf der Debatte und Planung verändert, die Zahl und Höhe der geplanten Steelen reduziert und es wurden Bäume eingeplant. In einem Fernsehbeitrag wurden die veränderten Entwürfe mit leichter Ironie als Eisenman II und Eisenman III bezeichnet. Zu den immer wieder vorgetragenen Kritikpunkten zählte die mangelnde Authentizität des Ortes angesichts vorhandener Gedenkstätten, die Einschränkung auf eine einzige Verfolgtengruppe unter Ausschluss anderer Gruppen sowie eine „künstlerische Beliebigkeit“. Auf Betreiben des Kulturstaatsministers Michael Naumann, der das Denkmal 1998 zuerst massiv kritisiert hatte, wurde es um einen unterirdischen „Ort der Information“ ergänzt.

Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin-Mitte im Juli 2008

Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin-Mitte im Juli 2008

Der Historiker Eberhard Jäckel betonte 1997 im Rahmen der Colloqien die Einzigartigkeit des Holocaust bzw. der Shoah, gleichwohl er diese Begriffe meidet, und begründete damit die Widmung des Denkmals „für die ermordeten Juden Europas“: „Es war neuartig und insofern, als es geschah, einzigartig, daß noch nie zuvor ein Staat beschlossen hatte, eine Gruppe von Menschen, die er als Juden kennzeichnete, einschließlich der Alten, der Frauen, der Kinder und Säuglinge ohne jegliche Prüfung des einzelnen Falles möglichst restlos zu töten, und diesen Beschluß mit staatlichen Maßnahmen und Machtmitteln in die Tat umsetzte, indem er die Angehörigen dieser Gruppe nicht nur tötete, wo immer er sie ergreifen konnte, sondern in vielen Fällen, zumeist über große Entfernungen und überwiegend aus anderen Ländern, in eigens zum Zweck der Tötung geschaffene Einrichtungen verbrachte.“ (Jäckel, Eberhard: Leitvortrag. 1. Sitzung, in: Colloquium Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Dokumentation. Hrsg.: Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur, Berlin 1997, S. 18-21, hier S. 19.)

Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin-Mitte im Juli 2008

Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin-Mitte im Juli 2008

Auch ist die Widmung des Denkmals „für die ermordeten Juden Europas“ lange Zeit nicht selbstverständlich gewesen. Nicht ohne Grund schrieb Jürgen Habermas in der ZEIT: „Es kann nicht darum gehen, ‘daß die Juden von uns Deutschen ein Holocaust-Denkmal erhalten’. Dieses muß im Kontext unserer politischen Kultur einen anderen Sinn haben. Mit dem Denkmal bekennen sich die heute lebenden Generationen der Nachkommen der Täter zu einem politischen Selbstverständnis, in das die Tat – das im Nationalsozialismus begangene und geduldete Menschheitsverbrechen – und damit die Erschütterung über das Unsagbare, das den Opfern angetan worden ist, als persistierende Beunruhigung und Mahnung eingebrannt ist.“ (Habermas, Jürgen: Der Zeigefinger. Die Deutschen und ihr Denkmal, in: Die Zeit, Nr.14 v. 31.3.1999.)

Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin-Mitte im Juli 2008

Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin-Mitte im Juli 2008

2003 wurde mit dem Bau des Denkmals begonnen und nach einer Kontroverse um die Beteiligung der Degussa AG, deren Tochtergesellschaft das Zyklon B für die Ermordung der Juden im Nationalsozialismus hergestellt hatte, wurde das Denkmal 2005 feierlich eröffnet. Seit der Eröffnung wird das Denkmal gut besucht und hat seinen Platz in Berlin gefunden. Es wird dabei in einer Weise und teilweise spielerisch erkundet, die man in einer KZ-Gedenkstätte am authentischen Ort kaum aushalten könnte.

Baustelle "Denkmal für die ermordeten Juden Europas" in Berlin im Juli 2000

Baustelle „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ in Berlin im Juli 2000

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