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Vor 75 Jahren – Das Massaker von Lidice

Blick auf das Gelände des ehemaligen Dorfes Lidice. Links in der Bildmitte der Ort des Massengrabes der 173 Männer, rechts im Vordergrund ein Teil des Denkmals der 82 ermordeten Kinder von Lidice.

Lidice, ein kleines Dorf in der Nähe von Prag, wurde von den Nazis vor 75 Jahren, am 9./10. Juni 1942 vernichtet. 173 Männer wurden bereits im Ort erschossen, 198 Frauen ins KZ Ravensbrück deportiert, die meisten der 98 Kinder im Vernichtungslager Kulmhof ermordet. Die 93 Häuser wurden niedergebrannt und der Ort bis Ende 1943 dem Erdboden gleichgemacht. Nach dem Willen der Nazis sollte er für immer von der Landkarte ausgelöscht sein, stattdessen hat sich sein Name als Beispiel für faschistischen Terror in aller Welt erhalten.

Entgegen des Münchener Abkommens von 1938, das die Abtretung der deutschsprachigen Sudetendeutschen Gebiete der Tschechoslowakei an Nazi-Deutschland erzwang und der Beteuerung Hitlers, marschierte am 15./16. März 1939, noch vor Beginn des Zweiten Weltkrieges, die Deutsche Wehrmacht in die übrig gebliebene, wehrlose Tschechoslowakei ein. Die Slowakei wurde ein „unabhängiger“ deutscher Satellitenstaat, das tschechische Staatsgebiet als „Reichsprotektorat Böhmen und Mähren“ von Nazi-Deutschland annektiert. Zur Bekämpfung des wachsenden antifaschistischen Widerstands wurde am 28. September 1941 Reinhard Heydrich, Chef der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes, SS-Obergruppenführer und General der Polizei, zum stellvertretenden „Reichsprotektor“ ernannt.

Heydrich, den man im „Protektorat“ nur den Henker nannte und in dessen Amtszeit tausende Widerstandskämpfer verhaftet wurden, starb an den Folgen eines auf ihn am 27. Mai 1942 verübten Attentats. Eine vermeintliche Spur, ein falsch gedeuteter Liebesbrief, führte die Nazi-Behörden nach Lidice, einem kleinen Ort 22 km nordwestlich von Prag. Die Männer des Ortes arbeiteten im Stahlwerk oder den Kohlebergwerken der 7 km entfernten Kreisstadt Kladno. In Berlin wurde in einer „Führerbesprechung“ entschieden, als „Sühnemaßnahme“ 1. alle erwachsenen Männer zu erschießen, 2. alle Frauen lebenslänglich ins Konzentrationslager zu deportieren, 3. „eindeutschungsfähige“ Kinder an SS-Familien zu geben und die übrigen anders zu erziehen, 4. das Dorf niederzubrennen und auszulöschen.

Offizielle Gedenkfeier am Massengrab in der Gedenkstätte Lidice (Foto 13.06.2009).

Das Dorf wurde am 9. Juni 1942 von Gestapo und Ordnungspolizei umstellt. Am 10. Juni 1942 wurden 173 Männer über 15 Jahren im Garten von Horáks Bauernhof erschossen, nachdem Frauen und Kinder bereits frühmorgens mit LKWs nach Kladno in die Sporthalle des Realgymnasiums gebracht worden waren. Die Frauen über 16 Jahren wurden ins Konzentrationslager Ravensbrück deportiert, außer den zur „Eindeutschung“ vorgesehenen wurden 82 Kinder (nach allem was wir heute wissen) in den Gaswagen des Vernichtungslagers Kulmhof ermordet. Lidice wurde komplett niedergebrannt, der Friedhof zerstört, der Teich zugeschüttet, Bäume abgeholzt. Die Geländeplanierung wurde Ende 1943 durch den Reichsarbeitsdienst beendet.

Blick in den Rosengarten, der „Park der Freundschaft und des Friedens“ wurde 2001/02 in einem Projekt mit jugendlichen Handwerkern aus Nordrhein-Westfalen erneuert.

Nach der Niederlage Nazi-Deutschlands kehrten 143 überlebende Frauen aus dem KZ Ravensbrück zurück und erfuhren erst jetzt von ihrem Unglück. An der Stelle ihrer Häuser fanden sie nur eine öde Ebene mit dem Massengrab ihrer Männer und Väter. Nur 17 Kinder, deren Eltern teilweise nicht mehr lebten, wurden nach einer außerordentlichen Suche wiedergefunden. In der Nähe des zerstörten Lidice wurde das neue Lidice aufgebaut, in das die überlebenden Frauen und Kinder einzogen. Das Gelände des zerstörten Ortes wurde zur Mahn- und Gedenkstätte, seit 1955 entstand mit geschenkten Rosenstöcken aus aller Welt der „Park der Freundschaft und des Friedens“.

Denkmal der Bildhauerin Marie Uchytilová für die 82 ermordeten Kinder aus Lidice.

Nach dem Ende des Kommunismus sowjetischer Prägung 1989 geriet Lidice zunächst in Vergessenheit. Mit Unterstützung unter anderem durch den Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds begann ab 2000 die Neugestaltung der Památník Lidice mit dem Neubau einer Begegnungsstätte und der Neugestaltung der musealen und pädagogischen Bereiche. So wurde unter anderem 2001/02 in einem Kooperationsprojekt „Rosen für Lidice“ mit nordrhein-westfälischen Berufsbildungseinrichtungen für benachteiligte Jugendliche, die sonst eher selten die Gelegenheit für internationale Jugendbegegnungen haben, der Rosengarten erneuert und am 15. Juni 2002 anlässlich des 60. Jahrestages der Vernichtung des Ortes vorgestellt.

Den 82 Kindern, 42 Mädchen und 40 Jungen im Alter von 1 bis 16 Jahren, die im Juli 1942 im Vernichtungslager Kulmhof ermordet wurden, schuf die Bildhauerin Marie Uchytilová mit ihrer Figurengruppe ein weltweit einzigartiges Denkmal. Nach ihren Worten sollte es zugleich ein symbolisches Denkmal für 13 Millionen Kinder, Opfer des Zweiten Weltkrieges sein. Sie selbst erlebte die Realisierung des Denkmals nicht mehr, erst 2000 wurden die letzten sieben Kindergestalten in Lidice enthüllt.

Gedenkstein zur Erinnerung an die ermordeten Kinder, auch aus Lidice, im „Waldlager“ des Vernichtungslagers Kulmhof im von Nazi-Deutschland besetzten Polen.

Das Verbrechen in Lidice ist kein Einzelfall, weitere Massaker fanden an vielen Orten Europas statt. Stellvertretend aber nicht abschließend nennen möchte ich Oradour-sur-Glane in Frankreich, wo am 10. Juni 1944 die Waffen-SS wütete, Kalavryta in Griechenland, wo am 13. Dezember 1943 die Deutsche Wehrmacht wütete, Marzabotto in Italien, wo im September/Oktober 1944 ebenfalls die Deutsche Wehrmacht wütete sowie Sant’Anna di Stazzema in Italien, wo am 12. August 1944 die Waffen-SS wütete. Letzteres wird als ungesühntes Massaker Thema einer Veranstaltung in Gelsenkirchen in der flora am 17. Oktober 2017 sein.

Anmerkung: Die Fotos aus Lidice entstanden während eines Besuchs im Juni 2009, das Foto aus Kulmhof während des Besuchs in Lodz und Kulmhof 2016.

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