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Phantasielose Denkmalkultur

Das "Kriegerdenkmal Schalker Verein" (1937) und die "Göttin der Wasserwirtschaft" (1992)

Das „Kriegerdenkmal Schalker Verein“ (1937) und die „Göttin der Wasserwirtschaft“ (1992)

„Ein Mahnmal mit Erklärungsbedarf“ titelte die lokale WAZ am 04.11.2015 zur Auseinandersetzung um das Nazi-Schwert. Wie recht sie hat – und wie eingeschränkt doch diese Frage – nicht nur von der WAZ – angegangen wird. Der Redakteur Jörn Stender schreibt: „Ein schwarzer, polierter Stein mit der Inschrift ‚Die Toten mahnen zum Frieden‘ steht bereits neben dem Denkmal. ‚In der Hoffnung, dass Aufklärung hilft‘ wird es laut Goch noch eine Texttafel geben.“ Texttafel, Inschrift – kommt denn niemand in dieser Stadtverwaltung, niemand in dieser „Demokratischen Initiative“ auf die Idee, dass man häßliche Nazi-Kunst auch künstlerisch kommentieren kann?

Dabei liegt ein möglicher Ansatz mit dem Denkmal anders umzugehen doch so nahe. Jörn Stender schreibt: „Einen Steinwurf entfernt steht, aus Rohren zusammen gedengelt, die bunte ‚Göttin der Wasserwirtschaft‘. Eine Skulptur, nicht schön, aber unumstritten.“ Gegen diese, wie er in seinem heute abgedruckten Leserbrief schreibt „beleidigende Wertung“, wehrt sich der Schöpfer der Göttin, der Künstler Achim Wagner. „Wenn man Ihren Artikel liest, kommt man zu dem Eindruck, dass Herr Nietsch und Herr Franke zwar Nazikunst schufen, ihre Arbeit jedoch nicht zusammengedengelt und im Gegensatz zur Göttin der Wasserwirtschaft auf jeden Fall ‚richtige‘ Kunst waren.“ Und weiter schreibt er, dass an seiner Arbeit nichts zusammengehämmert sei, „sie ist geschweißt, geschraubt, gepflastert, farblich gestaltet und besitzt im Gegensatz zu etwas ‚Zusammengeklopptem‘ die Eigenschaft, Jahrzehnte zu überdauern.“ Auch die „Göttin der Wasserwirtschaft“ ist auf dem Schalker Verein entstanden und sie erinnert an tausende verschwundene Arbeitsplätze. Für ihre Verlagerung gab Saint Gobain allerdings keinen müden Euro aus.

Doch vielleicht sind oder waren bei der Frage der Denkmalsaufstellung zu viele Historiker – und zu wenige Künstler beteiligt? Wie würde es beispielsweise wirken, wenn die „Göttin der Wasserwirtschaft“ aus dem Jahre 1992 dem „Kriegerdenkmal Schalker Verein“ aus dem Jahre 1937 direkt gegenübergestellt worden wäre? Beide sind auf dem Schalker Verein entstanden, beide sind unterschiedlicher, als man es sich nur vorstellen kann. Abstrakte Kunst, von den Nazis als „entartete Kunst“ ausgesondert direkt gegenüber dem platten Schwert aus Gussstahl? Oder welche anderen Ideen könnten Künstler dieser Stadt beitragen, um durch künstlerische Installationen aus dem Denkmal ein „antifaschistisches Gesamtkunstwerk“ (VVN-BdA) zu machen?

Denn die Forderung der Gelsenkirchener Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) an den Oberbürgermeister und Schirmherrn der „Demokratischen Initiative“, Frank Baranowski, besteht nach wie vor: „Daher fordern wir Sie nicht nur erneut auf, die Kundgebung der ‚Demokratischen Initiative‘ am 9. November 2015 an einen anderen Ort zu verlegen, sondern auch, sich dafür einzusetzen, dass aus dem Nazi-Schwert durch eine wirklich radikale Verfremdung ein antifaschistisches Gesamtkunstwerk wird. Hierzu bedarf es einer Aufforderung an die Künstler und Bürger der Stadt, um das wertlose Schandmal durch ganz unterschiedliche Installationen phantasievoll und kreativ einzurahmen und zu kommentieren. Dies mindert nicht den Denkmalwert, schafft aber eine klare Aussage aus der Gegenwart zum Objekt der Nazi-Barbarei.“

Kunst im öffentlichen Raum

Zwei Beispiele für Kunst im öffentlichen Raum in Gelsenkirchen.

Ist das Kunst oder kann das weg?

Eine gute Idee hatte der Zusammenschluss der Kunstmuseen im Ruhrgebiet. Die RuhrKunstMuseen wecken die Aufmerksamkeit auf vorhandene Kunst im öffentlichen Raum in einer einmaligen Aktion. Über mehrere Monate hinweg werden verschiedene Kunstwerke gereinigt, saniert und neu enthüllt. Den Anfang machte die Projektgruppe „Kunst im öffentlichen Raum“ mit der Wandmalerei „ohne Titel“ von Isa Genzken und Gerhard Richter in der Duisburger U-Bahn-Haltestelle König-Heinrich-Platz, die am 20. Juni 2013 neu enthüllt wurde.

Marl 14.07.2013 (01) La Tortuga Wolf Vostell Theater MarlWesentlich aufwendiger geriet die Neuenthüllung von Wolf Vostells „La Tortuga“ im Theater der Stadt Marl. Dieses mir bis dahin völlig unbekannte Kunstwerk wurde jetzt 20 Jahre nach der Realisation erneut enthüllt. Es handelt sich dabei um die weltweit größte Skulptur des Aktionskünstlers Wolf Vostell. Entwickelt für die Ausstellung „Mythos Berlin“ zur 750-Jahr-Feier im Jahre 1987 und aufgestellt auf dem Gelände des ehemaligen Anhalter Bahnhofs, konnte das Objekt dort nicht in der vom Künstler vorgesehenen Form aufgestellt werden und auch nicht dauerhaft bleiben. 1993 erhielt sie ihren jetzigen Platz vor dem Marler Theater, halb in den Boden versenkt und von drei Seiten von einer Betonmauer umgeben. Bei der wie eine Schildkröte hilflos auf dem Rücken liegende Dampflok handelt es sich um eine alte Güterzuglokomotive der DRB-Baureihe 52 mit der die Deutsche Reichsbahn das Material an die Fronten, aber auch Menschen in Konzentrationslager brachte.

Der als Sohn eines Eisenbahnschaffners 1932 in Leverkusen geborene Wolf Vostell gehörte 1962 zu den Mitbegründern der Künstlergruppe „Fluxus“ und setzte sich in seinen Aktionen, Happenings, Bildern, Skulpturen und Installationen kritisch mit Gesellschaft und Politik auseinander. Im Sinne des Künstlers steht „La Tortuga“ zugleich für den Untergang der Menschlichkeit wie für das Ende des Industriezeitalters. Die alte Lok ist Wind und Wetter ausgesetzt, dem Rost und dem Zerfall preisgegeben. Im Rahmen der Sanierung des Kunstwerkes wurde übrigens die akustische Installation wieder hergestellt. Wer sich dem Tender nähert, kann die Stimmen von Zeitzeugen der Deportationen in die Konzentrationslager hören, die gesteuert durch einen Bewegungsmelder abgespielt werden.

Marl 14.07.2013 (03) DRB-Baureihe 52, Baujahr 1944Anlässlich der Neuenthüllung erinnerte Uwe Rüth, der damalige Direktor des Kunstmuseums Marl, an die bewegenden 5 Jahre, die es gegen alle Widerstände gebraucht hatte, um „La Tortuga“ nach Marl zu holen. Der Restaurator Martin Kaufmann des Duisburger Restaurierungsateliers „Die Schmiede“ stellte die seiner fachlichen Meinung nach möglichen Sanierungs- bzw. Restaurierungsmöglichkeiten dar. Doch klar ist, dass sich der Verfall des Kunstwerkes nicht verhindern, sondern nur verlangsamen lässt. Der Verfall ist ein Teil des Kunstwerkes.

Im Theaterfoyer konnte man nach den Reden noch mit belegten Brötchen, Kuchen, Wein oder Sekt eine Diashow und Fernsehbeiträge aus dem Jahre 1993 ansehen. Hier entstand auch ein netter Kontakt zum Hauptsponsor des Kunstwerkes, der ein wenig aus der damaligen Zeit erzählte. Ein schöner Sonntagvormittag!

Public Art Ruhr ProgrammflyerNeu enthüllt werden noch Raimund Kummers „Schwelle“ am 19. September 2013, 18 Uhr, im Emscher Park, Lohwiese 46 in Essen und Richard Serra „Terminal“ am 11. Oktober 2013, 19 Uhr, am Hauptbahnhof Bochum.

Supplement
Die Finanzierung des gesamten Happening-Kunstwerks wurde durch freiwillige Spenden ermöglicht. Dabei spielte der o.g. Hans Bendig die Hauptrolle. Auf die Frage, weshalb ein solche Werk nach Marl gekommen sei, meinte er schmunzelnd, er hätte einen CDU-nahstehenden Kollegen mit Wurzeln in Marl, einmal eins auswischen wollen. Die Lok stammt aus DDR-Reichsbahnbeständenund war zum Verschrotten bestimmt. Sie wurde über Schalks COCOM angekauft für einen Spottpreis angekauft (2000 DM) Daher ist das Aufregen über das langsame Wegrosten fehl am Platze. Ohne diese Aktion wäre sie nicht mehr. Die Umwandlung des Stahls zu Erz ist eine durch die Restauration nur verlangsamte Aktion, die sicher erst in einigen Jahrzehnten ( oder Jahrhunderten) abgeschlosssen sein wird. (ME)

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